Ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte

Ich habe diesen Text zusammen mit Dr. Kollossos geschrieben, nicht nur, um eine kritische Sicht auf die aktuellen Umstrukturierungen zu skizzieren, sondern um die aktuellen Ereignisse aus einem etwas breiteren Blickwinkel zu betrachten, als dies üblicherweise geschieht.
Zudem handelt es sich zugleich um eine „Kritik der Kritik“, wie sie von linker und rechter Seite oft geleistet wird. Sie entpuppt sich in beiden Fällen allzu oft selbst als Teil des Systems und verstrickt sich in dessen immanente Widersprüche.

Zugegebenermaßen sind viele der hier angeführten Thesen sehr grobschlächtig und schablonenhaft. Aber der Sinn von Theorie ist es nunmal, zu abstrahieren – nur so stellt das Denken sicher, möglichst viele Tatsachen zu erfassen und beherrschbar zu machen.
Aber auf jeden Fall wäre viel zustätzliche Erläuterung von Nöten, die wir auf Wunsch auch zu geben bereit sind.

Dr. Kollossos und Thiel Schweiger.

Die üblicherweise mit dem Begriff der „Neoliberalisierung“ bezeichneten Modernisierungsprozesse, machen auch vor dem Segment der Bildung nicht halt. Die größtenteils studentisch-akademische Herkunft linker Aktivisten hat dazu geführt, dass gerade diesem Prozess in diesem Milieu eine besondere Aufmerksamkeit zu teil wird – für den überwiegenden Teil der Bevölkerung ist diese Präferenz wohl nur bedingt nachvollziehbar. Das heißt nicht, dass es weniger richtig wäre, das kapitalistische Ausbildungssystem zu kritisieren als andere Bereiche der kapitalistisch organisierten Menschenbe- und vernutzung. Irgendwo muss man schließlich anfangen, wenn man es nicht gleich bei der Frage nach der Henne und dem Ei tun will. Aber es ist immer vom Vorteil, sich bewusst zu werden, dass auch man selbst eine bestimmte soziale Stellung in diesem Betrieb einnimmt und von dieser wie jeder andere auch beeinflusst wird.

Ebenso wichtig ist es darauf hinzuweisen, dass die Prozesse, die wir gerade beobachten und deren Leidtragende wir sein mögen, letztendlich nur graduelle Verschiebungen innerhalb des vom Kapitalismus bereits seit Jahrhunderten vorgegebenen Gesamtrahmens sind. Allem linken Gerede vom „Neoliberalismus“ zum Trotz leben wir nach wie vor in keiner wesentlich neoliberalen sondern in einer wesentlich kapitalistischen Gesellschaft, in der Bildung schon immer wesentlich kapitalistischen Zwecken unterworfen und damit nie eine besonders lobenswerte Angelegenheit war. Versteht man dies einmal, erscheinen auch die aktuellen Veränderungen im Bereich der Bildungspolitik weniger willkürlich, als sie es auf den ersten Blick sein mögen und können erst in dieser Hinsicht wirklich korrekt verstanden werden – nämlich als die neueste Erscheinungsform eines Systems, das schon immer kritikabel war und es nicht erst seit der PISA-Debatte und der Einführung der Studiengebühren ist.

Ganz abstrakt betrachtet dient das kapitalistische Bildungssystem dazu, die nun mal nicht von Geburt an für das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft tauglichen Menschen fit für deren Anforderungen zu machen. Die konkreten Mittel, mit denen der Staat oder auch andere Instanzen dies zu realisieren versuchen, mögen mit den jeweiligen Anforderungen wechseln – wenn jedoch der Staat einmal wesentlich davon abweichen würde, würde er „untaugliche“ Individuen hervorbringen und könnte in der internationalen Konkurrenz der Staaten nicht langfristig bestehen. Ein Beispiel für den Misserfolg immanenter Veränderungen des Bildungssystems ist das individuelle Scheitern vieler Absolventen von alternativen Reformschulen in der kapitalistischen Lebenswirklichkeit (Stichwort: Summerhill).

Ferner mögen die konkreten Inhalte des Bildungssystems durchaus rational sein. Gut ausgebildete Mediziner, Ingenieure und Architekten beispielsweise wären auch in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft, die nicht in vorindustrielle Zustände zurückfallen will, höchst nützlich. Und auch, dass die Mehrheit der Menschen lesen, schreiben, rechnen und sich mündlich gut artikulieren kann ist sicher in ihrem eigenen Interesse – auch jenseits des Kapitalismus. Doch bei einer Kritik am kapitalistischen Bildungssystems geht es primär um die Formen, in denen sich die Vermittlung dieser Inhalte abspielt, so sehr sich diese Formen wiederum auf die Inhalte auswirken und es im kapitalistischen Bildungswesen auch ganz viele Inhalte gibt, die man in einer befreiten Gesellschaft ganz sicher nicht brauchen würde.

Dass es nun so etwas wie ein zentral organisierter Bildunssystem, das allen Menschlein gleichermaßen zugänglich ist, gibt, ist bereits ein Spezifikum, das erst der Kapitalismus hervorbrachte. In vorkapitalistischen Zeiten war es größtenteils der Familienverband, der die Funktion von bürgerlichen Institutionen wie der Schule erfüllte. Es ging dabei um die Weitergabe praktischen Wissens innerhalb eines abgegrenzten gesellschaftlichen Milieus von dem Vater an den Sohn oder der Mutter an die Tochter. „Bildung“ war ein Privileg der Oberschicht, die es sich in florierenden Zeiten wie in der klassischen Antike sogar leisten konnte, sich im kleinen Kreis über das Wesen des Guten, Wahren und Schönen auszutauschen, während Sklaven für sie die Drecksarbeit erledigten und formell freie Tagelöhner in den Krieg zogen.1

Die bürgerliche Gesellschaft nun zeichnet sich dadurch aus, derartige unmittelbaren Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse schrittweise abzubauen und die Menschen aneinander zumindest abstrakt gleich zu stellen. Die feudalen Leibeigenen wurden von ihren Äckern gejagt, die Mönche und Nonnen aus ihren Klöstern vertrieben und manch blaues Blut vergossen, bis endlich sichergestellt wurde, dass die Menschen nichts anderes mehr als selbstverantwortliche Verkäufer von Arbeitskraft sind. An die Stelle des krähenden Hahns auf dem Misthaufen trat das mechanische Klirren des Weckers und die unbezahlte Arbeit auf dem Feld des Fronherrn wurde durch die kapitalistische Lohnarbeit ersetzt, die die unbezahlte Arbeit in neuer Weise fortführte.
Damit einher ging eine radikale Umstrukturierung der Weise, wie die Individuen in die Gesellschaft integriert wurden. Dabei übernahm der bürgerliche Staat sukzessive die Aufgaben, die feudalen Institutionen wie Kirche und Großfamilie zugekommen waren und von der säkularisierten Kirche und der bürgerlichen Kleinfamilie nur mehr ungenügend erfüllt werden konnten. Vor allem fühlte sich der Fabrikant der Integration seines Personals in die Gesamtgesellschaft weitaus weniger verpflichtet als der Gutsherr oder der Handwerksmeister im Feudalismus – nämlich gar nicht mehr.2 Dies führte im Verlauf der Industrialisierung zu recht großen Problemen, da der einzelne Fabrikant seinen Arbeitern zwar nicht mehr als ihren Lohn schuldet, er andererseits doch auf ein gewisses moralisches und bildungstechnisches Niveau angewiesen ist. Ein Problem war zudem die gravierende Kinderarbeit, die für Staat und Kapital ebenso zum Problem zu werden begann. Also begann der Staat damit, nach und nach das heutige Bildungssystem zu etablieren.

Dieses war zunächst nur für die Elite, den Nachwuchs für die Beamtenschaft, konzipiert gewesen. In Preußen hatte hier der berühmte Freiherr von Humboldt prägenden Einfluss. Bestimmend war hierbei ein Ideal, dass sich in Grundzügen bereits in der Renaissance im 15. Jahrhundert entwickelt hatte: dass des „uomo universale“, des allseitig gebildeten, mündigen Staatsbürgers. Keine Fachidioten sollten den Staat lenken, die einen bloß partikularen Standpunkt zum Ganzen einnehmen, sondern ein Bezirksrichter sollte auch „seinen“ Homer kennen und ein Arzt mit den Grundlagen der Erkenntnistheorie vertraut sein. Zugleich schufen sich die Bürger im hehren Reich der Bildung einen Rückzugsort, der ihnen half, mit den auch für sie widrigen Verhältnissen der bürgerlichen Realität einigermaßen zurechtzukommen. So entstand die gesamte klassische bürgerliche Kultur, auf die heutige Konservative so neidisch zurückblicken. Während Kinderarbeit keine Ausnahme, sondern eine Regel war und in den Kolonien Millionen „Untermenschen“ verreckten, sammelten Freunde der Kunst Abgüsse antiker Plastiken in ihrem Wohnzimmer und schickten ihre Söhne aufs Gymnasium, damit die mit dem „De bello gallico“ und „König Ödipus“ vertraut wurden.

Es ist kein Wunder, dass sich ein derartiger Luxus in der harten Welt, die, wie das Sprichwort zutreffend besagt, vom Geld regiert wird, nicht lange überleben konnte. Denn die Allgemeinheit des bürgerlichen Bildungsideals steht notwendig mit den konkreten Anforderungen der bürgerlichen Realität im Widerspruch. Diese erheischt Effizienz, Anpassung, hochgradige Arbeitsteilung und soziale Ungleichheit – alles Ziele, die denen der klassischen Bildung wesentlich entgegenstehen, obwohl die materielle Grundlage ihrer Entwicklung genau in ihnen bestand. Dieser Widerspruch findet seinen Niederschlag im bildungsbürgerlichen Bewusstsein bis heute. Entweder wird er bewusste bejaht, und die Elite zynisch der dummen Masse entgegengestellt (wie etwa bei Friedrich Nietzsche3), oder illusionär eine Verbreitung der Bildungsgüter in der breiten Bevölkerung gefordert. Letzteres ist innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse eben nicht möglich (man stelle sich nur vor, man ließe alle Bevölkerungsschichten von der zukünftigen KFZ-Mechanikerin bis zum angehenden Theologiestudenten gleichermaßen Altgriechisch lernen!).

Dieser Widerspruch würde sich jedoch nur konsequenten Vertretern des bürgerlichen Bildungsideals stellen, wie sie in der Realität kaum anzutreffen sind (wer konfrontiert sich schon gerne mit Widersprüchen?). Die Maßstäbe der kapitalistischen Arbeitsteilung, die so etwas blödsinniges hervorbringt wie einen Stand von Menschen, deren Beruf nichts weiter als das Denken und Reflektieren über die Dinge des Geistes und der Kultur – eine Tätigkeit, der eigentlich jeder nachgehen könnte, hätte er genügend Muße dazu – werden als so selbstverständlich hingenommen, dass sie nicht mehr prinzipiell, sondern nur noch funktionalistisch durch ihren Nutzen innerhalb desselben Systems begründet werden. Diese positivistische Denkart steht allem entgegen, was die klassische Philosophie gelehrt hat, selbst wo sie einzelne Missstände ihrer Zeit (wie die Unterdrückung von Frauen und Sklaven) punktuell fetischisierte.

Den Inhalten der klassischen Bildung wird ihre subversive Spitze genommen. Sie sollen nach dem Willen ihrer kulturkonservativen Retter nicht gegen sondern mit oder sogar für die Realität existieren. So wird die Autonomie der Bildung zur inhaltsleeren Illusion. Nicht der mündige, aufgeklärte Mensch, der seine Bedürfnisse kennt und notfalls auch gegen die Gesellschaft artikuliert, sondern der „denkende Gehorchende“ vom Schlage Heideggers4 – nach wie vor der Lieblingsphilosoph deutscher Bildungseliten – ist das notwendige Ideal des modernen Kulturkonservativismus. Der gebildete Gymnasiast soll die Kunstgeschichte kennen und notfalls zur philosophischen Verklärung des industriellen Massenmords und Vernichtungskriegs befähigt sein.

Doch wozu für ein antiquiertes Bildungsideal Partei ergreifen, dessen Veralten ja nicht Paradigmenwechseln im Bildungssystem geschuldet ist, sondern primär in allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen wurzelt? Denn die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts hing eben von einer gesellschaftlichen Situation ab, die heute so nicht mehr gegeben ist (z.B. klar getrennten Klassen) und wurde im Laufe des 20. von dem ersetzt, was Adorno und Horkheimer als „Kulturindustrie“ bezeichneten. Der alte Rückzugsraum wurde durch einen neue, effizienter und realitätsgerechter als er, ersetzt. Und wieso sollte der Staat so etwas – aus seiner Sicht – Unsinniges wie eine kritische Sozialwissenschaft fördern, wenn es ihm konsequenterweise entweder um Ideologieproduktion oder um nützliches Statistiken und Verbesserungsvorschläge für seine Menschenverwaltung geht?

Besonders die Sozialdemokratie, der es um die Integration ihrer Wählerschichten ging, zeichnete für die Umstrukturierung des Bildungssystems besondere Verantwortung. So war es die brandtsche Regierung die den Universitätsbetrieb ausbaute und die Gymnasien breiteren Schichten zugänglich machte, was den Erfordernissen einer fordistischen Produktionsweise entsprach, innerhalb der gerade der Ingenieur und die Wissenschaft im Allgemeinen bei zunehmender arbeitsteiliger Spezialisierung an Bedeutung gewann. Es ist diese offene, gar materialistische Sichtweise die die Zäsur einläutete und die liberale Epoche der bürgerlichen Gesellschaft von der verwalteten trennt und im Grunde selbst ein Produktivkraftfortschritt darstellt.
Kennzeichnend für diesen offenen und unverblümten Blick auf die eigene gesellschaftliche Lage ist der Akzent auf streng rational ökonomisches Denken. Maßstab dieser Denke ist immer die effizienteste Ausnutzung sämtlicher Ressourcen zur Verfolgung spezifischer Zwecke, sei es im privatwirtschaftlichen Bereich die direkte Profitmaximierung oder im öffentlichen die bestmögliche Rahmensetzung für dieselbige. Da auch Wissen als Ressource aufgefasst wird, welche das Humankapital veredelt, steht dessen Organisation im Fokus des Interesses. Und gerade diese Organisation soll nun entsprechend veränderter Verhältnisse reformiert werden. Besonders deutlich zeigt sich nun innerhalb der Diskussion der bestmöglichen Ausgestaltung der Wissensvermittlung die offensichtlich gewachsene Bedeutung des ökonomischen Denkens (auch daran erkennbar, dass VWL-Lehrstühle sich auf Bildungsökonomik spezialisieren). So soll gerade entsprechend der Ideologie marktradikaler Apologeten der Wettbewerbscharakter die Lehre erfassen. Die Konkurrenz um Lehrmittel soll die Unis antreiben effizienter zu werden und entsprechend den neuen Anforderungen sich umstrukturieren (leistungsorientiertere Bezahlung der Professoren, Eliteunis).
Doch selbstredend setzt dieses Projekt auch ganz direkt beim Studenten an. Eine Hierarchisierung innerhalb der Ausbildung über das Bachelor- und Mastersystem setzt eine Segmentierung der Studenten durch, so soll ein Teil möglichst früh und geringfügiger ausgebildet dem Arbeitsmarkt ausgesetzt werden, der andere dagegen länger Anteil an der Lehre haben und eventuell selbst eine Karriere in der Forschung einschlagen. Damit dem Studenten noch augenscheinlicher der Investitionscharakter seines Studiums gegenüber tritt, werden ihm noch zusätzlich Kosten aufgelastet. Denn gerade die Studiengebühren zwingen ihn nicht nur schnellstmöglich zu studieren und auch die Wahl des Faches mit ökonomischen Kalkül zu wählen, sondern über die Mitsprache bei der Verwendung der Beiträge selbst als Instanz aufzutreten die die effizientere Umgestaltung der Lehre hinsichtlich der späteren Verwertbarkeit des erworbenen Wissens einfordert.
Selbstredend macht diese Umstrukturierung nicht bei den Unis halt, auch die vorgelagerte Institution, die Schule, wird „fit“ gemacht. Dabei kommt immer wieder die pädagogische Funktion der Schule in die Diskussion, was sich deutlich in der Forderung nach Ganztagsschulen zeigt. So wird zunehmend die Integrationsleistung der Halbtagsschule in Frage gestellt in Anbetracht der Herausforderung eines Zerfalls der Kleinfamilie und der offensichtlichen kulturellen wie materiellen Verelendung breiter Schichten der Bevölkerung. Doch auch die Wissensvermittlung selbst ist über das G8-Modell entrümpelt worden und nun ein stärkerer Akzent auf naturwissenschaftliche Fächer gesetzt. Im neuen, umstrukturierten Gymnasium werden neben den „klassischen“ Grund- und Leistungskursen auch alte Einrichtungen wie die Facharbeit der Vergangenheit angehören und durch von einem Lehrer beaufsichtigte Teamworkshops ersetzt, die etwa in einem Praktikum bei einem Unternehmen in der Region bestehen können. Die Autonomie der Schüler wird so noch mehr untergraben als bisher und insbesondere mit der Facharbeit eine wichtige Erfahrung einigermaßen selbstständigen forschenden Arbeitens verschwinden.

Bei allen diesen Reformen im Bildungswesen wird selbstverständlich niemals der Kern und die Funktion derselbigen tangiert, denn schließlich steht dieser außer Frage. Eigentlicher Zweck der Bildung und des Wissens ist die Steigerung der Produktivität der Arbeitskraft. Reflexion über eine bessere Gesellschaft ist da nur störend oder dient der Bildung eines mündigen Staatsbürgers, dessen Kritik da aufhört, wo sie es wert wird als solche bezeichnet zu werden.

Das Problem der Kritik an der aktuellen Modernisierung des Bildungssystems ist eben, dass die meisten der Maßnahmen vom Standpunkt des Staates aus gesehen hochrational sind und von den Menschen, die sich mit dieser Rationalität identifizieren – also der übergroßen Mehrheit – auch als solche wahrgenommen werden. Das klassische Bildungsideal, auf das sich die Kritik potentiell stützen könnte, spielt im breiten Diskurs nahezu keine Rolle mehr und wird, wenn überhaupt, auf jene bildungskonservative Verfallsform zurückgefahren. Und selbst die Klage darüber ist ein Stereotyp!
Eine andere Variante könnte darin bestehen, schlichtweg auf die Bedürfnisse der im Bildungssystem befindlichen zu verweisen und so vielleicht zu Tage zu fördern, um was es in dieser Gesellschaft alles nicht geht. Und selbst hierbei könnte man sich auf die Alten berufen:

Nehmen wir jetzt wieder unser Thema auf und geben wir, da alles Wissen und Wollen nach einem Gute zielt, an, welches man als das Zielgut der Staatskunst bezeichnen muss, und welches im Gebiete des Handelns das höchste Gut ist. Im Namen stimmen hier wohl die meisten überein: Glückseligkeit nennen es die Menge und die feineren Köpfe, und dabei gilt ihnen gut leben und sich gut gehaben mit glückselig sein als eins. (Aristoteles, Nikomachische Ethik)

  1. Der Ausdruck „formell frei“ wird zwar üblicherweise nur für Arbeiter im Kapitalismus verwendet, trifft aber auf die freien Bürger des antiken Athens, die zugleich abhängig beschäftigt waren, mit Sicherheit auch zu. [zurück]
  2. Eine Ausnahme bilden natürlich Berufe, in denen eine betriebliche Ausbildung stattfindet. Aber diese Ausbildung wird eben von einer allgemeinen Schulbildung untermauert und wiederum staatlich organisiert. Zudem zeigt die andauernde Debatte um die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ja, dass es damit auch nicht soweit her ist. Das ist im übrigen ein gutes Beispiel für das nahezu lemminghafte Verhalten der einzelnen Kapitalisten – aus Kostengründen bilden sie genau den Nachwuchs nicht aus, den sie in 10 Jahren dringend brauchen werden. Der linke Ruf nach dem Staat entpuppt sich da wie so oft nur als Verbesserungsvorschlag, um das Kapital daran zu hindern, sich selbst schaden zuzufügen.[zurück]
  3. Innerhalb Nietzsches Theorien ist sein elitaristischer Ästhetizismus ferner durchaus konsequent, da eine Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft ja in der Tat auch eine Aufhebung der von ihr hervorgebrachten Kultur, die Nietzsche so verehrte, bedeuteten würde. So kommentierte er eine (falsche) Zeitungsmeldung, wonach die Arbeiter der Pariser Commune den Louvre gestürmt hätten, in einem Brief an seine Freundin Cosima Wagner (Frau des Komponisten) mit den Worten: „Die Nachrichten der letzten Tage sind so schrecklich, dass ich gar nicht mehr zu einer auch nur erträglichen Stimmung komme. Was ist man, solchen Erdbeben der Cultur gegenüber, als Gelehrter! Wie atomistisch fühlt man sich! Sein ganzes Leben und seine beste Kraft benutzt man, eine Periode der Cultur besser zu verstehen und besser zu erklären; wie erscheint dieser Beruf, wenn ein einziger unseliger Tag die kostbarsten Dokumente solcher Perioden zu Aschen verbrennt! Es ist der schlimmste Tag meines Lebens.“ Wer sich seine Identität als „Gelehrter“ so zu eigen gemacht hat, dass er darüber jedwede politische Vernunft vergisst, muss zwangsläufig zu derartigen Schlussfolgerungen kommen, von denen es in Nietzsches Werk nur so wimmelt. In „Die Geburt der Tragödie“ spricht er die Verbindung von Hochkultur und Sklaverei offen aus und verteidigt sie zugleich: „Man soll merken: die alexandrinische Kultur [d.i. die „dekadente“ westliche Kultur seit Sokrates und Jesus] braucht einen Sklavenstand, um auf Dauer existieren zu können; aber sie leugnet, in ihrer optimistischen Betrachtung des Daseins, die Notwendigkeit eines solchen Standes und geht deshalb, wenn der Effekt ihrer schönen Verführungs- und Beruhigungsworte von der ‚Würde des Menschen’ oder der ‚Würde der Arbeit’ verbraucht ist, allmählich einer grauenvollen Vernichtung entgegen. Es gibt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sklavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat und sich anschickt, nicht nur für sich, sondern für alle Generationen Rache zu nehmen.“ In gewissem Sinne hat sich dieses Wort erfüllt. [zurück]
  4. Mit diesem Seitenhieb ist selbstverständlich keine Kritik am philosophischen Werk Heideggers gemeint, sondern eher an seinem Verhalten während der NS-Zeit. Inwieweit dieses Verhalten mit seiner Theorie im Widerspruch steht oder im Gegenteil daraus hervorgeht, kann hier nicht behandelt werden. Heidegger war im Übrigen natürlich nicht der einzige Intellektuelle, der die Nazis unterstützte – er dient hier gewissermaßen als „pars pro toto“ (Teil für das Ganze). [zurück]

8 Antworten auf “Ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte”


  1. Gravatar Icon 1 v 29. Mai 2009 um 11:44 Uhr

    Aber ist eure Kritik nicht auch etwas zu kurz gegriffen? Ich mein: Wenn man die bürgerliche Gesellschaft an ihren eigenen Idealen misst, in diesem Falle wie ihr es versucht v.a. am neuhumanistischen Bildungsideal, dann wäre doch die allererste Kritik, dass das Verständnis von Bildung vom Individuationsprinzip abgekoppelt ist, dass ja etwa auch im Aristoteleszitat aufscheint.

    Autonomie, das Apriori im bürgerlichen Bildungsideal, wird von der Ideologie behauptet; gleichzeitig werden in dieser Ideologie aber die heteronomen Anforderungen, an die der Begriff bereits seiner Idee nach gebunden ist, notwendig geleugnet.

    Ohne ein solcherart negatives Festhalten am Bildungsbegriff, geht man letztlich – trotz aller kritischen Kritik – der Geisteskultur als einer selbstbezüglichen, die sich von gesellschaftlicher Praxis abgewendet hat aber das Gegenteil behauptet, auf den Leim.

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 31. Mai 2009 um 3:23 Uhr

    Ja, mittlerweile (u.a. nach der Lektüre des guten kleinen Büchleins von Adorno zu dem Thema), würde ich die Bildung selbst auch nochmal an ihrem Begriff kritisieren. Das kam in diesem Text zu kurz.

    Der reine Begriff der Bildung beinhaltet ja eben schon Heteronomie – Aneigung von irgendwelchen Bildungsinhalten, Formung des Individuums nach bestimmten äußeren Anforderungen. Aber auch dies ist ja nur eine Seite der Dialektik und kann nicht als der Weisheit letzter Schluss angesehen werden …

  3. Gravatar Icon 3 vorstellung 31. Mai 2009 um 12:09 Uhr

    welches büchlein denn?

  4. Gravatar Icon 4 Thiel Schweiger 31. Mai 2009 um 15:33 Uhr

    „theorie der Halbbildung“ meine ich.

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