„Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“ (Friedrich Nietzsche)
Eigentlich fragt man sich ja, wie denn Notwendigkeit bestehen kann, ein solches Thema überhaupt zu behandeln, ist es doch jedem Menschen selbst überlassen, wie er sich ernährt, ob er gern Fleisch isst, weil es ihm schmeckt oder doch lieber darauf verzichtet. Sowieso, was haben Tierrechtler mit Leuten zu tun, denen es um menschliche Verhältnisse geht?
Die Notwendigkeit besteht, und zwar deswegen, weil diese Tierrechtler, die selbstverständlich „vegan leben“, sich also ohne Fleisch und sonstige Tierprodukte ernähren, und sich auf die Flagge geschrieben haben, die „Tierwelt zu befreien“, sich ernsthaft anmaßen, politisch irgendetwas Sinnvolles beizutragen und auch „links“ sein wollen. Können sie ruhig sein, angesichts dieser Linken, möchte man fast sagen, aber das Problem liegt tiefer – das Nebenher bzw. die Zusammenarbeit zwischen Tierrechtlern und Linken ist falsch und zu vermeiden, wird letztere hier im Text zumindest ansatzweise als fortschrittlich und communistisch gedacht.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Jedem sei selbst überlassen, wie er sich ernähren will. Hier wird nicht jeder Veganer oder Vegetarier angegriffen, im Gegenteil, gerade diese private Entscheidung soll als freie gewahrt werden, ob sie nun aus ethischen oder sonstigen Gründen herrührt. Es geht vielmehr um Leute, die in totalistischer Manier allen anderen vorschreiben wollen, was sie zu essen haben und was nicht, und das noch als „politischen Beitrag“ ausgeben wollen, durch den sich dann irgendwas verbessern soll – also um eine Ideologie, die wohl sehr treffend als „veganistisch“ bezeichnet werden kann.
Hauptsächliches ideologisches Versatzstück des „Bewegungsveganers“ ist der Antispeziesismus. Dieser leugnet begrifflich den wesentlichen Unterschied zwischen Tier und Mensch und fordert die Gleichbehandlung aller Lebewesen, unabhängig von ihrer Art. Die Konsequenzen sind Veganismus und Tierbefreiung als ethische Notwendigkeit – Tierethik; aber auch die Einklagung von politischen (Grund-)Rechten, die ja sonst nur Personen zukommen. Aus diesem Grund geht es hier um die „Befreiung“ der Tiere vom Menschen, der die Tiere quält, ihrer „Freiheiten“ und ihrer Natur beraubt, für die auch „direkte Aktionen“ (PETA) in Form von Entwendungen von Haustieren, Käfigbefreiungen und sogar Anschläge gegen Tierversuchslabors und ähnliche Einrichtungen durchgeführt werden. Abgesehen davon, dass eine solche Weltsicht wissenschaftlich vage ist und philosophisch den Menschen aus dem Zentrum rückt wie nichts zuvor, ist spätestens hier zu fragen, was denn den Tierrechtler mit menschlicher Befreiung in irgendeiner Weise zusammenbringt, und zu antworten: nichts. Ihm geht es um das Tier, nicht um den Menschen und dessen Leben, Gesellschaft und Zukunft.
Der Mensch als Gattung konnte sich überhaupt nur ausbilden, indem er sich schrittweise die Natur unterwarf und dazu gehörten auch die Tiere. Die Zivilisation beginnt erst, nachdem sich der Mensch Pflanzen und Tiere domestiziert – sprich: unterworfen – hat. Mit Ackerbau und Viehzucht setzt erstmals die Sesshaftigkeit ein, menschliche Gesellschaft wird zur bestimmenden Kraft in erster Loslösung von der Naturgewalt. Da das Tier hier Mittel ist und sein muss, es ohne die Unterwerfung des Tieres und der Natur historisch-anthropologisch gar keinen Menschen geben kann, der Mensch also auch reflektiert (begrifflich) immer in Abgrenzung zum Tier gedacht werden muss, wischt der Antispeziesist durch die Leugnung dieser Sachverhalte den Menschen weg. Mythos, Religion und Philosophie konnten gar nicht anders als den Menschen als höchste Art zu setzten, ging es ihnen doch stets um die Anpreisung/ Apotheose, die Erlösung bzw. das gute Leben – des Menschen. Kurz: Keinem Tierrechtler geht es um die Menschheit oder ihre konstitutiven Individuen, es geht um die „Lebewesen“, höchstens indirekt zieht der Mensch hier irgendwie seinen Nutzen daraus. Die Tierethik ist bis ins Detail abstrakt-ethisch, puritanisch und idealistisch, deswegen auch in ihrer Wendung auf die Gesellschaft notwendig utopistisch: die Gesellschaft wird nicht als ganze vegan. Und gerade weil Tierbefreier in ihrem militanten Fanatismus auch und real gegen menschliche Individuen auftreten, wird diese voluntaristisch-utopistische Totalitärideologie zur gewalttätigen Verzweiflungstat. Verzweiflung ist sie aber auch theoretisch. In der Abkehr vom Menschen und seinen ihm innewohnenden Potenzen, seinen Möglichkeiten als Mensch, liegt die Hinwendung zum „unschuldigen Opfer“: zum Tier. Den Mensch als „den Fehler der Schöpfung“ denken, so wie man es manchmal hört, heißt veganistisch denken.
Ganz allgemein ist in der Szene eine verstärkte Natursehnsucht zu beobachten: Man trägt „selbstgemachte Kleidung“, steht auf Naturheilkunde, lehnt Musik ab, die nicht mit „echten“ Instrumenten gemacht ist und trägt seine Haare im Stil indianischer Volkstämme. Diese Sehnsucht ist Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber der (vor allem modernen) menschlichen Gesellschaft, ihrer technischen Errungenschaften und ihrer pluralistischen Ungebundenheit an solche naturalistischen Normen und Gebote, wie sie sich eben aus der Tierrechtsideologie ableiten. Es sind Ressentiments, die regressiv motiviert sind, das Künstliche soll dem „Eigentlichen“, Naturhaft-Ursprünglichen weichen. Deswegen sind auch ideologiegeschichtliche Überschneidungen zwischen Veganismus und völkischer, antisemitischer und vor allem deutscher Ideologie nicht aus der Luft gegriffen (Jens Friebe: „Vegetarier X war Faschist“ in Jungle World 45/08)), sondern berechtigt und durchaus pessimistisch zu sehen. Das Tier ist Symbol, quasi Totem und „Role-Model menschlicher Wünsche und Sehnsüchte“ (Jan Gerber, Jungle World 39/08) nach einem vorzivilisatorischen, vermeintlich harmonischen Gesellschaftszustand. Vor allem findet eine Idealisierung statt, die sich den Menschen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft in diese anachronistischen Naturverhältnisse hineinprojiziert und ein „Leben im Einklang mit der Natur“ deklariert. Die Unvollkommenheiten der kapitalistischen Gesellschaft können aber – im diametralen Gegensatz zu solchen Verklärungen – nur durch eine Humanisierung der Natur, eine weitere, noch zu vollendende Unterwerfung – nämlich die der „zweiten Natur“ – aufgehoben werden. Letztere meint die quasi-natürlichen, aber gesellschaftlichen Verhältnisse, die eben noch nicht vom Menschen bewusst unterworfen wurden: die kapitalistische Konkurrenz und die fetischistisch-naturhafte Herrschaft der Ware.
Ohne Zweifel werden Tiere meistens nicht-artgerecht gehalten und unnötig gequält, was auch und vor allem mit dem ungehemmten Fleischkonsum der Weltbevölkerung zusammenhängt. Und zweifellos sind solche Dinge abzuschaffen, mitabzuschaffen, aber der Schwerpunkt liegt anderswo, nämlich beim Menschen und seinen Verhältnissen. Diesen gilt es nicht nur primär, sondern überhaupt zu befreien, und zwar, weil die widersprüchliche (und begrifflich nur widersprüchlich als in der Art des homo sapiens) Herrschaft des Menschen über den Menschen durch den materiellen und kulturellen Fortschritt aufzuheben möglich und notwendig geworden ist. Hier gilt es aber auch nicht, das Tier einfach pseudo-materialistisch mit einzuschließen, wie es etwa Jens Friebe macht, der behauptet, „Vegetarismus ist, wie Klassenkampf, seinem Wesen nach modern. Nur durch die Produktivkraft der Maschinen gibt es den Reichtum, der für alle Menschen ein Leben ohne Mangel bedeuten könnte, und für die Tiere die Entlassung aus der Nahrungskette, an deren Ende der Mensch sitzt.“ (Jungle World 45/08). Erstens macht die vermeintliche Modernität einer Erscheinung (Vegetarianismus entstand in Indien vor über zweitausend Jahren) diese nicht per se begrüßenswert oder richtig, zweitens ist das Tier historisch und real Teil dieser Produktivkraft, die dem Menschen überhaupt Klassenkampf und Reichtum ermöglicht hat. Das Tier war quasi die geschichtlich erste Maschine des Menschen, später dann vor allem in Kombination mit unbelebten Naturgegenständen. Es war zudem (Arbeits-)Gegenstand der gesellschaftlichen Produktion und konstitutiv auch Zweck derselben. Selbstverständlich reicht das nicht als Grund Tiere für immer so wie bis jetzt zu nutzen und Fleisch zu essen, aber wenn diese oder andere, grundsätzlich durchaus positive Alternativen wie eingeschränkter Fleischkonsum oder artgerechte Haltungsbedingungen jemals erwägt werden, so werden sie vom Menschen erwägt, und zwar vernünftig und vor allem zu seinem Nutzen. Dafür müsste er aber zuerst ganz andere Fragen behandeln und sich seiner Bedürfnisse bewusst werden. Es wäre alles andere als Anwendung des autoritär-veganischen Dogmas.
Da man als politisch dezidiert fortschrittliches Individuum oder Gruppe mit diesen Leuten nicht das Geringste am Hut haben sollte, gilt es, diese theoretisch anzugreifen. Die politischen Emanzipationsvorstellungen von Vegan-Tierrechtlern bewegen sich ungefähr auf dem Niveau von „Pro-Hanf-Aktivisten“, die, ähnlich seriös, Massenkiffen als „Heilung“ der Gesellschaft propagieren. Jeder linke NoGlobal Idiot, der McDonalds boykottiert, ist politisch fortschrittlicher als irgendwelche Veganer, die ihre Lebensenergie und ihr Hauptinteresse der „Befreiung von Tieren“ widmen, weil ersterer, und sei es auch noch so falsch und verkürzt, Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen im Zentrum seiner Kritik hat. Da können Tierrechtler im zweiten oder dritten Anlauf dann noch so gern auf die Menschheit zurückkommen, die dann nebenbei auch noch befreit werden sollte. Was sich dahinter verbirgt, kann man nur ahnen. Diffus Anarcho-kommunistische Waldhüttenkommunen? Am ehesten.
Wie amüsant-idiotisch so manche Protagonistin der Tierrechtsbewegung bisweilen argumentiert, zeigt „Alexander von Eich“ im Gespräch mit Silke Ruthenberg, erste Vorsitzende von „Animal Peace“: http://www.myspass.de/de/ulmentv/voneich/index.html?id=5337


