Archiv für Dezember 2008

Gegen Tierrechtler!

„Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“ (Friedrich Nietzsche)

Eigentlich fragt man sich ja, wie denn Notwendigkeit bestehen kann, ein solches Thema überhaupt zu behandeln, ist es doch jedem Menschen selbst überlassen, wie er sich ernährt, ob er gern Fleisch isst, weil es ihm schmeckt oder doch lieber darauf verzichtet. Sowieso, was haben Tierrechtler mit Leuten zu tun, denen es um menschliche Verhältnisse geht?
Die Notwendigkeit besteht, und zwar deswegen, weil diese Tierrechtler, die selbstverständlich „vegan leben“, sich also ohne Fleisch und sonstige Tierprodukte ernähren, und sich auf die Flagge geschrieben haben, die „Tierwelt zu befreien“, sich ernsthaft anmaßen, politisch irgendetwas Sinnvolles beizutragen und auch „links“ sein wollen. Können sie ruhig sein, angesichts dieser Linken, möchte man fast sagen, aber das Problem liegt tiefer – das Nebenher bzw. die Zusammenarbeit zwischen Tierrechtlern und Linken ist falsch und zu vermeiden, wird letztere hier im Text zumindest ansatzweise als fortschrittlich und communistisch gedacht.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Jedem sei selbst überlassen, wie er sich ernähren will. Hier wird nicht jeder Veganer oder Vegetarier angegriffen, im Gegenteil, gerade diese private Entscheidung soll als freie gewahrt werden, ob sie nun aus ethischen oder sonstigen Gründen herrührt. Es geht vielmehr um Leute, die in totalistischer Manier allen anderen vorschreiben wollen, was sie zu essen haben und was nicht, und das noch als „politischen Beitrag“ ausgeben wollen, durch den sich dann irgendwas verbessern soll – also um eine Ideologie, die wohl sehr treffend als „veganistisch“ bezeichnet werden kann.
Hauptsächliches ideologisches Versatzstück des „Bewegungsveganers“ ist der Antispeziesismus. Dieser leugnet begrifflich den wesentlichen Unterschied zwischen Tier und Mensch und fordert die Gleichbehandlung aller Lebewesen, unabhängig von ihrer Art. Die Konsequenzen sind Veganismus und Tierbefreiung als ethische Notwendigkeit – Tierethik; aber auch die Einklagung von politischen (Grund-)Rechten, die ja sonst nur Personen zukommen. Aus diesem Grund geht es hier um die „Befreiung“ der Tiere vom Menschen, der die Tiere quält, ihrer „Freiheiten“ und ihrer Natur beraubt, für die auch „direkte Aktionen“ (PETA) in Form von Entwendungen von Haustieren, Käfigbefreiungen und sogar Anschläge gegen Tierversuchslabors und ähnliche Einrichtungen durchgeführt werden. Abgesehen davon, dass eine solche Weltsicht wissenschaftlich vage ist und philosophisch den Menschen aus dem Zentrum rückt wie nichts zuvor, ist spätestens hier zu fragen, was denn den Tierrechtler mit menschlicher Befreiung in irgendeiner Weise zusammenbringt, und zu antworten: nichts. Ihm geht es um das Tier, nicht um den Menschen und dessen Leben, Gesellschaft und Zukunft.

Der Mensch als Gattung konnte sich überhaupt nur ausbilden, indem er sich schrittweise die Natur unterwarf und dazu gehörten auch die Tiere. Die Zivilisation beginnt erst, nachdem sich der Mensch Pflanzen und Tiere domestiziert – sprich: unterworfen – hat. Mit Ackerbau und Viehzucht setzt erstmals die Sesshaftigkeit ein, menschliche Gesellschaft wird zur bestimmenden Kraft in erster Loslösung von der Naturgewalt. Da das Tier hier Mittel ist und sein muss, es ohne die Unterwerfung des Tieres und der Natur historisch-anthropologisch gar keinen Menschen geben kann, der Mensch also auch reflektiert (begrifflich) immer in Abgrenzung zum Tier gedacht werden muss, wischt der Antispeziesist durch die Leugnung dieser Sachverhalte den Menschen weg. Mythos, Religion und Philosophie konnten gar nicht anders als den Menschen als höchste Art zu setzten, ging es ihnen doch stets um die Anpreisung/ Apotheose, die Erlösung bzw. das gute Leben – des Menschen. Kurz: Keinem Tierrechtler geht es um die Menschheit oder ihre konstitutiven Individuen, es geht um die „Lebewesen“, höchstens indirekt zieht der Mensch hier irgendwie seinen Nutzen daraus. Die Tierethik ist bis ins Detail abstrakt-ethisch, puritanisch und idealistisch, deswegen auch in ihrer Wendung auf die Gesellschaft notwendig utopistisch: die Gesellschaft wird nicht als ganze vegan. Und gerade weil Tierbefreier in ihrem militanten Fanatismus auch und real gegen menschliche Individuen auftreten, wird diese voluntaristisch-utopistische Totalitärideologie zur gewalttätigen Verzweiflungstat. Verzweiflung ist sie aber auch theoretisch. In der Abkehr vom Menschen und seinen ihm innewohnenden Potenzen, seinen Möglichkeiten als Mensch, liegt die Hinwendung zum „unschuldigen Opfer“: zum Tier. Den Mensch als „den Fehler der Schöpfung“ denken, so wie man es manchmal hört, heißt veganistisch denken.

Ganz allgemein ist in der Szene eine verstärkte Natursehnsucht zu beobachten: Man trägt „selbstgemachte Kleidung“, steht auf Naturheilkunde, lehnt Musik ab, die nicht mit „echten“ Instrumenten gemacht ist und trägt seine Haare im Stil indianischer Volkstämme. Diese Sehnsucht ist Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber der (vor allem modernen) menschlichen Gesellschaft, ihrer technischen Errungenschaften und ihrer pluralistischen Ungebundenheit an solche naturalistischen Normen und Gebote, wie sie sich eben aus der Tierrechtsideologie ableiten. Es sind Ressentiments, die regressiv motiviert sind, das Künstliche soll dem „Eigentlichen“, Naturhaft-Ursprünglichen weichen. Deswegen sind auch ideologiegeschichtliche Überschneidungen zwischen Veganismus und völkischer, antisemitischer und vor allem deutscher Ideologie nicht aus der Luft gegriffen (Jens Friebe: „Vegetarier X war Faschist“ in Jungle World 45/08)), sondern berechtigt und durchaus pessimistisch zu sehen. Das Tier ist Symbol, quasi Totem und „Role-Model menschlicher Wünsche und Sehnsüchte“ (Jan Gerber, Jungle World 39/08) nach einem vorzivilisatorischen, vermeintlich harmonischen Gesellschaftszustand. Vor allem findet eine Idealisierung statt, die sich den Menschen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft in diese anachronistischen Naturverhältnisse hineinprojiziert und ein „Leben im Einklang mit der Natur“ deklariert. Die Unvollkommenheiten der kapitalistischen Gesellschaft können aber – im diametralen Gegensatz zu solchen Verklärungen – nur durch eine Humanisierung der Natur, eine weitere, noch zu vollendende Unterwerfung – nämlich die der „zweiten Natur“ – aufgehoben werden. Letztere meint die quasi-natürlichen, aber gesellschaftlichen Verhältnisse, die eben noch nicht vom Menschen bewusst unterworfen wurden: die kapitalistische Konkurrenz und die fetischistisch-naturhafte Herrschaft der Ware.

Ohne Zweifel werden Tiere meistens nicht-artgerecht gehalten und unnötig gequält, was auch und vor allem mit dem ungehemmten Fleischkonsum der Weltbevölkerung zusammenhängt. Und zweifellos sind solche Dinge abzuschaffen, mitabzuschaffen, aber der Schwerpunkt liegt anderswo, nämlich beim Menschen und seinen Verhältnissen. Diesen gilt es nicht nur primär, sondern überhaupt zu befreien, und zwar, weil die widersprüchliche (und begrifflich nur widersprüchlich als in der Art des homo sapiens) Herrschaft des Menschen über den Menschen durch den materiellen und kulturellen Fortschritt aufzuheben möglich und notwendig geworden ist. Hier gilt es aber auch nicht, das Tier einfach pseudo-materialistisch mit einzuschließen, wie es etwa Jens Friebe macht, der behauptet, „Vegetarismus ist, wie Klassenkampf, seinem Wesen nach modern. Nur durch die Produktivkraft der Maschinen gibt es den Reichtum, der für alle Menschen ein Leben ohne Mangel bedeuten könnte, und für die Tiere die Entlassung aus der Nahrungskette, an deren Ende der Mensch sitzt.“ (Jungle World 45/08). Erstens macht die vermeintliche Modernität einer Erscheinung (Vegetarianismus entstand in Indien vor über zweitausend Jahren) diese nicht per se begrüßenswert oder richtig, zweitens ist das Tier historisch und real Teil dieser Produktivkraft, die dem Menschen überhaupt Klassenkampf und Reichtum ermöglicht hat. Das Tier war quasi die geschichtlich erste Maschine des Menschen, später dann vor allem in Kombination mit unbelebten Naturgegenständen. Es war zudem (Arbeits-)Gegenstand der gesellschaftlichen Produktion und konstitutiv auch Zweck derselben. Selbstverständlich reicht das nicht als Grund Tiere für immer so wie bis jetzt zu nutzen und Fleisch zu essen, aber wenn diese oder andere, grundsätzlich durchaus positive Alternativen wie eingeschränkter Fleischkonsum oder artgerechte Haltungsbedingungen jemals erwägt werden, so werden sie vom Menschen erwägt, und zwar vernünftig und vor allem zu seinem Nutzen. Dafür müsste er aber zuerst ganz andere Fragen behandeln und sich seiner Bedürfnisse bewusst werden. Es wäre alles andere als Anwendung des autoritär-veganischen Dogmas.

Da man als politisch dezidiert fortschrittliches Individuum oder Gruppe mit diesen Leuten nicht das Geringste am Hut haben sollte, gilt es, diese theoretisch anzugreifen. Die politischen Emanzipationsvorstellungen von Vegan-Tierrechtlern bewegen sich ungefähr auf dem Niveau von „Pro-Hanf-Aktivisten“, die, ähnlich seriös, Massenkiffen als „Heilung“ der Gesellschaft propagieren. Jeder linke NoGlobal Idiot, der McDonalds boykottiert, ist politisch fortschrittlicher als irgendwelche Veganer, die ihre Lebensenergie und ihr Hauptinteresse der „Befreiung von Tieren“ widmen, weil ersterer, und sei es auch noch so falsch und verkürzt, Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen im Zentrum seiner Kritik hat. Da können Tierrechtler im zweiten oder dritten Anlauf dann noch so gern auf die Menschheit zurückkommen, die dann nebenbei auch noch befreit werden sollte. Was sich dahinter verbirgt, kann man nur ahnen. Diffus Anarcho-kommunistische Waldhüttenkommunen? Am ehesten.

Wie amüsant-idiotisch so manche Protagonistin der Tierrechtsbewegung bisweilen argumentiert, zeigt „Alexander von Eich“ im Gespräch mit Silke Ruthenberg, erste Vorsitzende von „Animal Peace“: http://www.myspass.de/de/ulmentv/voneich/index.html?id=5337

Aus aktuellem Anlass Teil 2

So kritikabel die Personifikation gesellschaftlicher Verhältnisse auch ist, bleibt sie in Teilen doch eine adäquate Reaktion in anbetracht charakterlicher Eigenarten so mancher Eliten. Vielleicht mäßig gutes Beispiel hierfür, doch bester Anlass, angesichts seiner 90jährigen Anwesenheit, ist „der Deutschen liebster Kanzler“ Helmut Schmidt. Dem „Geist der Administration“ (Horkheimer) einen Körper geben, gelang wohl nur wenigen besser als unserem „ersten Mann im Staat“. Dass sein Geburtstag dabei in das Jahr fällt, in welchem der Ruf nach technokratischem Geschick Konjunktur feiert, zeigt uns wieder mal, der Weltgeist hat doch Sinn für Humor.

Aus aktuellem Anlass

„Umtausch nicht gestattet. – Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen. Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.

Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre – und das ist Lüge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt –, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“
(aus Adornos Minima Moralia)

Das Ganze ist das doofe?!

Diesen Beitrag kann man gewissermaßen als kleine Ergänzung zu dem zur Bildungsdebatte lesen. Er führt an einem konkreten Beispiel aus, wie (neo-)kulturkonservative, popularisierte Kritik an einem vermeintlichen „Bildungsverfall“ aussehen kann.

Generation Doof: Wie blöd sind wir eigentlich?

Für den Kauf und die Lektüre mancher Bücher muss man sich durchaus entschuldigen. Der Bestseller „Generation Doof“ von Stefan Bonner und Anne Weiss, der es seit März 2008 auf 8 Auflagen schaffte, gehört mit Sicherheit dazu.
Meine Entschuldigung ist der Umstand, dass ich ein gezielt nicht anstrengendes Buch für eine längere Zugfahrt suchte und der Klappentext ganz witzig wirkte. In Sachen nicht anstrengender Unterhaltung bin ich von dem Buch auch nicht enttäuscht worden. Doch dies ist ein Maßstab, dem die Autoren mit Sicherheit das Prädikat „doof“ verleihen würden, genauso wie hemmungslosem Fernsehkonsum, mangelhafter Allgemeinbildung, unrealistischen Berufswünschen, ungeschickten Lügen im Bewerbungsgespräch, Faulenzerei in Schule, Job und Uni und Kinderlosigkeit. Denn darum geht es in dem Buch: die Dummheit der derzeitigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen (genauer gesagt: aller 15- bis 45-jährigen!) zu beschreiben – und diese als zentrales Beschreibungsmerkmal dieser ganzen Generation herauszustellen1.
Bei diesem Vorhaben, geschrieben in einem „manierierte Schreibstil“ („spassprediger.de“ auf amazon), wie man ihn aus diversen hippen Feuilletons kennt (viele um Originalität und Flapsigkeit bemühte Wortspiele – mindestens drei pro Satz) kennt, fallen in der Tat diverse erheiternde Anekdoten an. Etwa die vom jungen Mann, der (angeblich) bei einer Prüfung der IHK auf die Frage „Was ist die Hälfte von 333?“ „150 Rest 1“ antwortete und „Christentum, katholisch und evangelisch“ als „drei Weltreligionen“ klassifizierte. Oder der Verweis auf Charlotte Roches geplante Fernsehsendung „Wahrheit oder Pflicht“, bei der Prominente obszönes Flaschendrehen spielen sollten und von der es eine Pilotfolge auf youtube zu sehen gibt (u.a. mit dabei: eine ausführliche Selbstauskunft Roger Willemsens über sein einziges anales Sexabenteuer und ein Kleidertausch zwischen ihm und Ferris MC. In der Tat recht unterhaltsam, wenn man gerade mal Lust an ein wenig gemächlicher Obszönität hat.). Aber um solche Geschichtchen mitzubekommen, muss man sich nun wirklich kein Buch kaufen, sondern sich einfach mal ein paar Stündchen im www umschauen.

Das große – man möchte fast sagen: erkenntnistheoretische – Problem, das die Autoren gleich zu Beginn aufwerfen, ist die Aussage, dass sie sich selbst zur Generation Doof zählen, also nicht von einer höheren, elitären Warte aus über „die Dummen da unten“ schreiben, sondern darüber, wie „wir“ sind. Diese Vorwegnahme wirkt sympathisch, wirft aber in dem Buch kaum problematisierte und erst recht nicht geklärte Fragen auf, wie jemand, der selbst zugibt, doof zu sein, ein einigermaßen intelligentes Buch über die „Generation Doof“ schreiben kann?2 Entweder, der Inhalt eines solchen Buches ist selbst doof und daher Mist, oder die Autoren halten sich selbst in Wahrheit gar nicht für so doof und wollen sich nur bei potentiellen Lesern anbiedern. Der stellenweise doch wieder sehr „von oben herab“ urteilende Tonfall des Buches lässt letzteres vermuten – was zumindest ein zwielichtiges Licht auf die Autoren des Buches wirft. Träfe jedoch ersteres zu, wäre das umso schlimmer (zumindest nach dem wohl intelligenten Maßstab, ein Buch mit einigermaßen sachlichem Anspruch als „schlecht“ zu bezeichnen, dessen Inhalt „doof“ ist). Im Folgenden werde ich dieser Frage nachgehen und am Ende vielleicht ein einigermaßen kluges Ergebnis präsentieren. Oder bin ich etwa selbst in Wahrheit doof? Am besten, wir wechseln an dieser Stelle flugs das Thema… (mehr…)

Die eindimensionale Stadt

Da will man sich einmal als guter Neubürger beweisen und sich den Lokalteil der Stadt, in der man vor kurzem heimisch geworden ist, zu Gemüte führen, und schon überkommt einen derselbe Ekel, der einen angesichts der lokalen Geschehnisse in der alten Wohnstadt überfiel:

Gerade in der Kommunalpolitik spiegelt sich meines Erachtens noch deutlicher als in der Landes- und Bundespolitik der technokratisch-rationale Charakter moderner Menschenverwaltung. Gibt es auf höherer Ebene wenigstens noch den Anschein wesentlicher Differenzen zwischen den einzelnen Organisationsparadigmen, verlieren diese auf unterer Ebene fast alle Substanz. Hier geht es fast ausschließlich um Sachfragen, was zugleich den Anschein erzeugt, Lokalpolitik sei im Wesentlichen eine unpolitische Angelegenheit, bei der es um reinen Pragmatismus ginge. In der Parteienwerbung wird zwar immer wieder auf vermeintliche Unterschiede verwiesen, um – ähnlich einem Markenprodukt – die eigene Identität zu festigen und eine klare Trennlinie zu ziehen, in der Praxis erweist diese sich jedoch als weitgehend illusionär. Gerade deshalb blühen derzeit in vielen Städten auch „Pro xy“-Listen, die Bürgernähe jenseits ideologischer Grabenkämpfe auf der Basis eines hemdsärmeligen gesunden Bürgersinns als common sense suggerieren. Ich denke, bis es eine Partei names „Pro Deutschland“ gibt, die auf höherer Ebene ähnliches verlangt, ist es nur eine Frage der Zeit, sofern die etablierten Parteien diesem Leitbild des „ehrlichen Maklers“ oder „Politingenieurs“ nicht ohnehin schon zu entsprechen versuchen.

Der Politingenieur beansprucht, nichts weiter als das nötige tun zu wollen, um den gewohnten Gang der Dinge zu garantieren, auf dass der Bürger ruhig schlafen kann. Dieses Leitbild der bürgerlichen Menschenverwaltung ist nicht neu, sondern wird ziemlich gut in all seiner Widerwärtigkeit in einem Wahlwerbespot der CDU aus den 50er Jahren zum Ausdruck gebracht:


Auch die SPD unterscheidet sich davon nicht wesentlich, sondern gibt den Ball im Grunde nur zurück: nicht sie sei die sachlichere, nüchterne Ingeniersfraktion, sondern die SPD selbst.


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In diesem Leitbild ist – wie evident sein sollte – bereits der Kern zur Liquidation der Demokratie und der Autonomie der Einzelnen enthalten: wenn es ohnehin nur auf eine effiziente Planung jenseits von nur hinderlichen Parteizwisten ankommt, wäre es der Effektivität eigentlich nur förderlich, freie Wahlen gleich ganz abzuschaffen und die Regierung an Experten zu übertragen. Der Einzelne braucht sich dann um nichts mehr zu sorgen, die Geschäfte ungehemmt ihren Gang gehen.

Die Regionalverwaltung ist also eine rationale Instanz, deren Inhalt die Entwicklung mehrheitsfähiger Methoden zur Erfüllung gegebener Zwecke ist – Wohlstand, Sicherheit, Ruhe und Ordnung. Das zeigt den Illusionscharakter demokratischer Wahlen: gewählt werden keine Zwecke-setzer, sondern Über-Mittel-entscheider. Diese evidente Rationalität schafft auch ein weitaus höheres Idenitifikationspotential als die gesamte Nation. Auf der Ebene der Stadt scheint es klar, was gemacht werden muss und was man selbst davon hat. Ein gutes Verkehrssystem, wenig Kriminalität, kulturelle Veranstaltungen … Ganz unmittelbar klar scheint der Nutzen, den die Menschenverwaltung für einen selbst hätte.
Und auch Übel können rational mit Anforderungen höherer Ebenen legitimiert werden. Auch wenn man also mit einigen Entwicklungen in der Stadt unzufrieden ist, ist es angesichts ihrer alltäglichen Gegenwart schwer, eine grundlegende Distanz zu ihr aufzubauen – leicht hingegen, sich mit der eigenen Scholle zu identifizieren. Der Lokalpatriotismus – eine der widerlichsten und borniersten, weil scheinbar selbstverständlichen Erscheinungsformen bürgerlicher Idenitifikationskultur – hat gerade angesichts der erlebten Unübersichtlichkeit der mittelbaren Verhältnisse Hochkonjunktur. Bundespolitik ist schwierig – Lokalpolitik ein Tummelplatz reiner Tatsachen, die man nicht leugnen kann, will man ernstgenommen werden. Bei der Unipolitik ist es vielleicht sogar noch krasser.

Kommen wir nun endlich zurück zur „Frankfurt Rundschau“ vom 28.11. 2008. Die grüne Idenitifaktionsbeauftragte der Stadt, Nargess Eskandari-Grünberg, freut sich, dass sich ausländische Mitbürger mit der Stadt identifizieren – sogar mehr als mit dem Land! – und die Idenitifikation gut voranschreitet. Für sie ist Integration „ein zentraler Standortfaktor“. „Wir müssen politisch daran arbeiten, dass verstärkt ein Gefühl der Zugehörigkeit und die Identifikation mit unserer städtischen Gemeinschaft wächst.“ „Identifikation mit dieser Stadt muss heißen: Frankfurt für alle, alle für Frankfurt.“ Anscheinend funktioniert die Lokalpolitik noch nicht rational genug, es ist also Propagandaarbeit nötig, damit sich auch Ausländer hier heimisch fühlen können. Krempeln wir die Ärmel hoch und bilden wir Denk-Panzer, um neue, kreative Konzepte auf dem Weg zur nach mathematischen Prinzipien durchordneten Stadt zu entwickeln. „Führende Köpfe“ wie der Architekt Albert Speer – nomen est omen?! –, die sich über das Jahr 2030 Gedanken machen z.B.

Allerlei Grübelei über effektive Lenkung von Menschen und Dingen wird in Zukunft nicht nur im „House of Finance“ im neuen Campus Westend, sondern auch im „House of Logistic & Mobility“ einen Ort haben. Anglizismus sollen in diesem Fall wohl an den ultrapragmatischen Zeitgeist angepasste Objektivität suggerieren. Passenderweise soll dieses „House“ in Flughafennähe platziert werden. „Fraport-Chef Wilhelm Bender freute sich: ‚Wir werden der erste internationale Flughafen der Welt mit angeschlossenem Universitäts-Campus sein.‘“ Wieso sollte ich mich nicht auch freuen, dass sich jetzt nicht mehr irgendwelche Hans-Wurste, sondern vernünftige Menschen Gedanken darüber machen, wie ich jeden Morgen am besten zur Uni komme? Meine Uni selbst freut sich schließlich auch:

„Auch die vier beteiligten Hochschulen sind Feuer und Flamme. Statt sich, wie bislang, als Konkurrenten zu sehen, wollen sie jeder ihre Stärken einbringen. Manche werden sogar einen Teil ihrer Professoren in das ‚House‘ auslagern. Dort besteht die Möglichkeit, sich auch praktisch mit den Bedürfnissen der Wirtschaft auseinander zu setzen.“

„Auch der Chef des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), Volker Sparmann [wieder ein sprechender Name!], hofft, dass seine Branche endlich zu Fachleuten kommt, die nicht nur alleine etwas von Technik verstehen. Das Wissen von Ingenieuren sei zu einseitig, um zukunftsträchtig Öffentlichen Nahverkehr planen zu können: ‚Wir brauchen einen Mobilitätslehrstuhl, damit wir wissen, was der [!] Mensch will und wie er sein Verhalten ändert.‘ […] Die Region werde von dem ‚House‘ profitieren. Denn hier würde das ausprobiert, was später in aller Welt verkauft werden soll – als ‚Made in Hessen‘.“

Super, vielleicht stellen die auch promovierte Philosophen ein, die sich über Verkehrsanthropologie Gedanken machen! Man sollte ja wirklich stolz sein, dass man Teil eines Laboratoriums der Zukunft sein darf – einer goldenen Zukunft freier Waren- und Menschenströme im Dienste der allgemeinen Wohlfahrt! Eine Stadt, in der es keine Türken, keine Russen und keine Deutschen, sondern nur noch Frankfurter gibt!

Nein, ich denke, dass keines von beiden besonders erstrebenswert ist – es sind effektive Herrschaftsmittel, weiter nichts. Das Ideal des Bürgers – ein dystopischer Alptraum – die eindimensionale Stadt.

Die „polis“ ist in der bürgerlichen Gesellschaft nicht die Keimzelle der Demokratie, sondern das Gegenteil.

  1. Quelle hierfür: http://antifahorgau.blogsport.de/2008/08/10/ein-blick-zurueck/[zurück]

Weihnachtliches Spenden

Alle Jahre wieder gelingt es der Kulturindustrie eines ihrer Lieblingsthemen aus dem Ärmel zu schütteln: das weihnachtliche Spenden für die kleinen „Negerlein“ aus Afrika. Dabei tummelt sich nicht nur die fleischgewordene Reaktion in Gestalt Johannes B. Kerners auf sämtlichen „Charity Galas“, darüberhinaus kommen an solchen Veranstaltungen mindestens zwei regressive Momente zum tragen. Zum einen die mediale Darstellung des schwarzen Spendenobjekts: lachende, kulleräugige, in Schlammpfützen spielende Kinder, die früher oder später von A, B oder C Promis auf den Arm genommen werden, eingefangen in Zeitlupenaufnahmen und unterlegt mit schnulziger Musik. Instrumentarium solcher Darstellunsweisen ist dabei jene rassistische Schablone, die den „Neger“ in die Rolle presst, die zur Weihnachtszeit ihm bestens zugeschnitten ist: die des Opfers. Opfer sein heißt in diesem Kontext möglichst nah dem Teddybärstatus zu kommen, der Auslöser jenes Reizes ist, den das Publikum zu einem einstimmigen „süß“-Raunen zwingt. Selbstredent eignen sich dafür bestens Kinder!
Zum anderen das in warenformähnliche Gestalt gegossene gute Gewissen, dessen Gebrauchswert darin besteht, all denjenigen Nutzen zu spendet, die sich schlecht dabei fühlen den Kartoffelstandart überwindet zu haben, bestens auf die Formel „uns geht es doch nicht so schlecht“ gebracht. Hintergrund dieses Einstellungsmusters ist die reaktionäre Haltung den spärlichen Reichtum, gemessen an den gesellschaftlichen Möglichkeiten, immer in Relation zum absoluten Elend zu stellen und so zum Ergebnis zu kommen, dass jegliche Kritik doch undankbares Gejammer sei. Damit verkehrt sich das Bewusstmachen gesellschaftlich produzierten Elends in der Peripherie zur Affirmation des bestehenden Elends in den Metropolen.




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