Archiv für Januar 2009

Wo ist das Ich geblieben? // Reflexionen auf Descartes Vol. II

So jetzt kommt der kritische Teil meines Essays. *Freu und händereib*

Der adäquateste Weg, Descartes in Zweifel zu ziehen scheint mir die Anwendung seiner eigenen Methode auf seine Theorie zu sein. Denn dass man, um die Erkenntnistheorie adäquat zu fundieren, eines unbezweifelbaren Ausgangspunktes bedarf, lässt sich wohl nur schwerlich bestreiten. Dass jedoch Descartes’ Theorie es wirklich vermag, jenen unbezweifelbaren Ausgangspunkt zu liefern, hingegen schon. Man muss also Descartes’ Zweifel gegen ihn selbst wenden, wobei ich mich im Folgenden nur auf diejenigen Elemente Descartes’ Theorie beziehen werde, die ich zuvor als besonders plausibel dargestellt habe.
Der erste Einwand ist ein möglicher „Zweifel am Zweifel“. Descartes zweifelt an der Wahrheit der Sinneswahrnehmung, der Wahrheit logischer Beweise und der Wahrheit des Gefühls, entweder wach zu sein oder zu träumen. Er begründet dies jeweils mit der Möglichkeit, dass man sich in allen diesen Punkten irren könnte. Doch genauso gut könnte man sagen: kann es nicht sein, dass man sich irrt, wenn man an all diesen Dingen zweifelt? Die Argumente, die Descartes für den Zweifel anführt, könnten ja auch in Zweifel gezogen werden. Die Sinneswahrnehmung lügt vielleicht manchmal, aber kann nicht auch der Eindruck falsch sein, dass die Sinneswahrnehmung manchmal lügt? Woher wissen wir das?
Dies kann man natürlich immer weiter spinnen, ohne auf ein Ergebnis zu kommen, da ja auch der Zweifel am Zweifel bezweifelt werden kann und dieses Zweifeln selbst wiederum auch usw. usf.
Fakt ist also: wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob der Zweifel berechtigt ist oder nicht. Man könnte genauso gut sagen: „Ich halte an allem, was ich weiß, erst einmal fest, solange mir dessen Unrichtigkeit nicht mit völliger Sicherheit bewiesen werden kann.“

Davon bleibt freilich eins unberührt: das zweifelnde (oder auch nicht zweifelnde) Subjekt, das „Ich“ als Fundament des Wissens. Wie oben angeführt, kann man an dieser Instanz anscheinend nicht zweifeln, da der Zweifel ein Subjekt voraussetzt.
Doch ich denke, so einfach ist das nicht. Was Descartes bei seinem Zweifel vergisst, ist nämlich der Zweifel an der Wahrheit der Sprache als Medium der Erkenntnis. Es gibt viele, auch geläufige, Ausdrücke der Sprache, die sich offensichtlich auf gar nichts Wirkliches beziehen, innerhalb der Strukturen der Sprache jedoch „wahr“ sind bzw. wahr zu sein scheinen. In der gesamten Literatur wird z.B. permanent über viele Dinge gesprochen, die es nicht gibt – sei es eine Person namens „Romeo“, ein Land namens „Schlaraffenland“ oder ein Ereignis wie „Werthers Freitod“. Was heißt überhaupt der sprachliche Ausdruck „es gibt etwas“? Und auf was bezieht sich der Ausdruck „ich“ in „ich denke“?
Vielleicht ist der Ausdruck „ich denke, also bin ich“ genauso referenzlos wie der Ausdruck „Ülük denkt, also ist Ülük“ – ein bloßes Sprachspiel ohne Verankerung in der Realität, das seine Scheinevidenz nur aus der Gewohnheit zieht, das Wort „ich“ zu denken und mit Bedeutung zu belegen. Bewiesen werden kann vielleicht eine Instanz, die denkt – „Es gibt etwas, das denkt, also gibt es etwas“ – aber diese Instanz könnte genauso gut etwas sein, das „ich denke“ denkt, ohne selbst „Ich“ zu sein. Und es muss auch nicht zwingend eine so konsistente Einheit sein, wie es sich Descartes das vorstellt – vielleicht auch einfach nur eine gebündelte Pluralität von Gedanken, ähnlich dem in der Literatur dargestellten „stream of consciousness“ – also nicht etwas, was denkt, sondern bloße Gedanken, die sich kontingent aufeinander beziehen oder auch nicht und so etwas wie den Gedanken von einem „Ich“ konstituieren.1
Dieser Zweifel an der Referenz der Sprache würde also kein zweifelndes „Ich“ im Sinne Descartes voraussetzen. So anti-intuitiv das sein mag, so plausibel scheint es zu sein. Descartes müsste zumindest zugestehen, dass sein eigener erkenntnistheoretischer Fixpunkt, das „Ich“, in Zweifel gezogen werden kann und deshalb nach seinem eigenen Wahrheitskriterium, dass nur die Vorstellungen wahr sind, die wir „klar und deutlich begreifen“ (S. 552), einen solchen Fixpunkt nicht hergeben kann.
Dann kann man natürlich weiterfragen: wenn wir uns selbst unseres eigenen „Ichs“ nicht sicher sein können, was ist dann noch sicher? Auf was bezieht sich unsere Sprache dann generell noch?

Die einzige mögliche Lösung für dieses Dilemma des permanenten Zweifels, scheint mir zu sein, sich von Descartes’ Suche nach sicherer Erkenntnis zu lösen und Erkenntnis bis zu einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit zu akzeptieren, auch wenn nicht einmal die Grundlage unserer Art zu denken – das Aufstellen von Zeichensystemen, die beanspruchen, mehr als nur selbst-referentiell zu sein – sicher ist.
Freilich erscheint mir auch der von mir oben angeführte Anti-Zweifel („Ich halte an allem, was ich weiß, erst einmal fest, solange mir dessen Unrichtigkeit nicht mit völliger Sicherheit bewiesen werden kann.“), als „philosophische Grundhaltung“ unangebracht zu sein, da er ja impliziert, dass eine Art „spontanes Alltagsbewusstsein“ erst einmal zutrifft, ohne das selbst positiv begründen zu können.
Die beste Alternative dazu wären wohl andere Arten philosophischer Methode, die nicht mehr in metaphysischer Tradition nach einer universellen Letztbegründung, sei es von Erkenntnis oder auch von ethischen Normen, suchen, sondern sich mit weniger zufrieden geben, ohne die Argumente der Skeptiker einfach zu ignorieren.

  1. Vgl. Bertrand Russel: Philosophie des Abendlandes. München 2004, S. 576. [zurück]
  2. Zitat aus der Descartes-Passage im Seminar-Reader. [zurück]

Wo ist das Ich geblieben? // Reflexionen auf Descartes Vol. I

Ausnahmsweise habe ich glaube ich mal für die Uni einen Text geschrieben, der auch von allgemeinem Interesse sein dürfte. Es geht um Descartes und letztendlich darum, ob es möglich ist, wenn man Descartes methodischem Zweifel konsequent folgt, überhaupt irgendetwas zu aufrecht zu erhalten.

Viel Spaß beim Lesen des ersten Teils und lasst euch nicht verwirren!

***

Das zentrale Projekt der Philosophie der Neuzeit bestand darin, dem Wissen ein sicheres Fundament zu geben, wie man es in der antiken und mittelalterlichen Philosophie nicht vorzufinden glaubte. Der erste, der dieses Projekt in Angriff nahm, war René Descartes. Die entscheidende Textpassage, in der er gewissermaßen die Essenz seiner Theorie darlegt, ist dabei der 4. Abschnitt des berühmten „Discours de la Méthode“. Anhand der darin dargelegten Argumente werde ich im Folgenden versuchen abzuwägen, ob man davon sprechen kann, dass Descartes seinem Ziel gerecht wurde.
Am Ende wird sich daraus eine Kritik an Descartes’ grundsätzlicher Methode ergeben und der Versuch, eine mögliche Alternative zu benennen.

Was zunächst an Descartes’ Vorgehensweise besticht, ist meines Erachtens ihre intuitive Evidenz. Die Ausgangsprämissen, die er setzt, scheinen allesamt wohlbegründet zu sein.
Denn wenn man danach sucht, welche von unseren Grundüberzeugungen wirklich fundiert sind, dann muss man in der Tat erst einmal alles verwerfen, was irgendwie mit Gründen in Zweifel gezogen werden könnte. Wenn man auch Überzeugungen akzeptiert, an denen sich zweifeln lässt, erreicht man vielleicht nützliches, aber nicht unbedingt wahres Wissen. Und man kann sogar noch weitergehen: sollten sich die begründeten Zweifel als wahr herausstellen, dann erweist sich das Wissen, das sie ignoriert, nicht nur als falsch, sondern auch als unnütz.
Grundsätzlich gilt: die Wissenschaft ist, auch wenn ihr primäres Erkenntnisinteresse die Produktion nützlicher, nicht unbedingt wahrer, Erkenntnisse sein sollte, darauf angewiesen, dass ihre Erkenntnisse möglichst sicher sind. Ansonsten ist das Gebäude der Wissenschaft – um sich der biblischen Metapher zu bedienen – auf Sand gebaut und kann jederzeit zusammenstürzen.
Auch der nächste Schritt Descartes’, das „Ich“ als einzige Substanz zu etablieren, deren Existenz sicher angenommen werden kann, wirkt sehr einleuchtend. Denn selbst, wenn mein Zweifel sich selbst auf dieses „Ich“ erstrecken sollte, impliziert er ja selbst bereits, dass es ein existierendes Subjekt des Zweifelns geben muss – er wäre sonst ja gar nicht möglich. Die Annahme eines wirklich existierenden Subjekts des Denkens scheint also in der Tat ein guter Ausgangspunkt aller weiteren philosophisch-wissenschaftlichen Überlegungen zu sein.
Selbst wenn man also den Gottesbeweis Descartes’ nicht teilen mag, scheint Descartes’ Methode und sein berühmtes „cogito ergo sum“ ein sicheres Fundament der Wissenschaft im allgemeinen und vor allem der Erkenntnistheorie im speziellen bilden zu können. An die Stelle „Gottes“ könnte man ja vielleicht eine andere Kategorie setzen, die ähnliches wie dieser leistet – wie auch immer diese aussehen mag.

Fortsetung folgt…

Vom Elend des homo sapientissimus

Nicht nur der performativen Möglichkeiten der Garderobe weißt entsprechend enge Grenzen auf, die den ganzen Geschlechterkarneval von vornherein fragwürdig erscheinen lassen. Auch die sexuelle Verfasstheit der Gesamtverhältnisse verunmöglichen es an der Geschlechterfront einen relevanten Sieg zu erringen. Denn die Emanzipation der sexuellen Bedürfnisse bleibt unter den queeren Garderobe, genauso unangetastet wie das vorherrschende zweigeschlechtliche Bild von „der Frau“ und dem“Mann“ Lernt mensch die einzelnen ProtagonistInnen der queeren Szene erst einmal kennen, wird dies offensichtlich. Dass deren sexuelle Progressivität an keinem Punkt wirklich etwas der des aufgeklärt-urbanen Normalbürgers voraushat, belegt die verkrampfte Atmosphäre in den üblichen Treffs. Hier rächt sich die theoretische Verdrängung der „Körper von Gewicht“, praktisch-psychisch als verklemmtes Puritanertum. Denn die linksradikale Szene weist vor allem im Bereich der sexuellen Libertät die üblichen Mittelklassen-Defizite auf, die auch in der queeren Variante nicht angetastet, sondern eher verstärkt werden. Wird die diskursfixierte Mischpoke nicht durch (fortschrittliche) sexuell radikalisierende Elemente aus der Unterschicht angereichert und durch deren klasseneigene Unbekümmertheit den gender-normativen Umgangsformen gegenüber erst erträglich gemacht, verwandelt sich der Aufenthalt im Szenetreff, mehr oder weniger, zur Tortur. Hinter der queeren Fassade verbirgt sich, allzu oft, die Lebensangst und Lustabwehr des „gehüteten Töchterchens” beiderlei Geschlechts und eben nicht das radikale Begehren der polysexuell-perversen Persönlichkeit, als die es sich in unilinken Kreisen stilisiert. Diese nur mit etwas Pop und Style kaschierte Einstellung, die sich aus einer biedermeierischen Vorstellungswelt speist, diese Abwehr des Körpers (wie beim Apostel Paulus) als einem Tempel der nicht entweiht werden darf und in seiner Nacktheit nur dem handverlesenen Partner aus der eigenen Kaste vorbehalten bleibt, ist in vielen studentischen Köpfen virulent. So kann es einem sozialen Selbstmord gleichkommen, sich auch nur in den zaghaftesten Regungen um Beischlaf mit einem Menschen aus genannten Kreisen zu bemühen, ohne das strengstens vorgeschriebene „ungeschriebene“ Ritual beachtet zu haben, das nonverbal zu verstehen gibt: Sexualität sei Sexismus und Über Körper spricht mensch nicht, jedenfalls nicht über sein eigenes, konkretes „Gewicht“. Die meisten der Beteiligten wissen um dieses Gesetz, und so ist die beidseitige Passivität und der folgende einsame Frust in den Betten vorprogrammiert. Den eigenen und andere Körper zu begreifen als polymorphes Medium oder Werkzeug, um die normativen herrschenden Trennungen gegenseitig zu dem Zweck aufzuheben, um temporär optimale Lust zu erleben, das haben die kulturell avancierteren unter den „Normalos“ längst besser realisiert (selbstverständlich nur erst spontan, ohne die Verhältnisse theoretisch zu reflektieren) als das Gros der studentisch geprägten linken Szene, die lediglich eine aufgesetzt wirkende Queerness raushängen lässt.

Quelle: http://neocommunistinnen.blogsport.de/flyer/flugblatt-zur-queeren-praxis/

Das abstrakte Denken verhilft mir daher in der Weise zur Unsterblichkeit, daß es mich als ein einzelnes existierendes Individuum totschlägt und mich dann unsterblich macht, und es hilft daher ebenso wie der Doktor bei Holberg, der mit seiner Medizin dem Patienten das Leben nahm – aber auch das Fieber verjagte. Wenn man daher einen abstrakten Denker betrachtet, der sich selbst nicht klarmachen und eingestehen will, welches Verhältnis sein abstraktes Denken dazu hat, daß er ein Existierender ist, so macht er, selbst wenn er noch so hervorragend wäre, einen komischen Eindruck, weil er im Begriff steht aufzuhören, ein Mensch zu sein. Während ein wirklicher Mensch aus Unendlichkeit und Endlichkeit zusammengesetzt, gerade darin seine Wirklichkeit hat, diese zusammenzuhalten, unendliche interessiert am Existierenden, ist solch ein abstrakter Denker ein Doppelwesen: ein phantastisches Wesen, das im reinen Sein der Abstraktion lebt, und ein bisweilen traurige Professorengestalt, die jenes abstrakte Wesen wegstellt, wie man einen Stock wegstellt. Wenn man den Lebenslauf eines solchen Denkers liest (denn seine Schriften sind vielleicht ausgezeichnet), dann schaudert’s einem zuweilen bei dem Gedanken, was es heißt, ein Mensch zu sein. Wenn eine Spitzenklöpplerin noch so herrliche Spitzen hervorbrächte – es ist doch traurig, an dieses verkrüppelte, bedauernswerte Wesen zu denken, und so ist auch der Anblick eines Denkers komisch, der trotz aller Bravour persönlich wie ein Kleinigkeitskrämer existiert, der sich persönlich wohl verheiratete, aber kaum mit der Macht der Liebe bekannt und von ihr bewegt war, dessen Ehe daher wohl ebenso unpersönlich war wie sein Denken, dessen persönliches Leben ohne Leidenschaft und ohne leidenschaftliche Kämpfe war und der philiströs nur darum besorgt war, welche Universität die beste Lebensstellung biete.
Ein solches Mißverhältnis, sollte man meinen, sei eine Unmöglichkeit im Verhältnis zum Denken; man sollte meinen, das gehöre nur dem Elend der äußeren Welt an, wo der Mensch Sklavenarbeit für den anderen verrichtet, so daß man die Klöppelspitzen nicht ohne Tränen bewundern kann, wenn man an die Klöpplerin denkt. Man sollte meinen, daß ein Denker das reichste menschliche Leben führe – so war es (jedenfalls) in Griechenland.

Aus: Sören Kierkegaard: Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Brocken; Zweiter Teil, Zweiter Abschnitt, Kapitel 3, § 1.

Tja, da hat man wieder einmal etwas zum ergebnislosen Reflektieren …

Der gute Deutsche

Blood hath been shed ere now, i‘th‘olden time,
Ere humane statute purg‘d the gentle weal;
Ay, and since too, murthers hath been perform‘d
Too terrible for the ear, the time has been,
That, when the brains were out, the man would die,
And there an end; but now, they rise again,
With twenty mortal murthers on their crowns,
And push us from our stools. This is more strange
Than such a murther is.

Macbeth III/4

Das Jahr 2009 gebiert einen schaurigen Reigen deutschtümelnder Großereignisse, die einen so sehr man will nicht kaltlassen können. Der Tatsache geschuldet das sich zwischen Herrman dem Cherusker und „Deutschland einig Vaterland“ ja noch jenes „dunkle Kapitel“ befand, gilt die Aufmerksamkeit der Bürgerpresse wieder einmal den „Männern des zwanzigsten Juli.“
Als diese 1944 bemerkten dass wenn sie jetzt nicht handelten sie zweifelos entweder am Galgen oder im Gulag ihr Ende finden würden, war bereits halb Europa dem Erdboden gleich. Solange die Strahlkraft der Wahnidee des tausendjährigen Reiches noch nicht an der Realität zerbrach, solange hielten jene „Helden“ den Eid den sie geschworen hatten. Was dass im Klartext heisst zeigt jeder flüchtige Blick ins Geschichtsbuch:

- „Reichskriminalpolizeichef Arthur Nebe […] [ließ] als Einsatzgruppenleiter Zehntausende osteuropäische Juden ermorden […]“.

- „Generalquartiermeister Eduard Wagner […] [forderte] als Verantwortlicher für das Kriegsgefangenenwesen den Hungertod Hunderttausender gefangener Rotarmisten
[…] damit der Vormarsch der Wehrmacht nicht behindert werde.“

- „Und selbst Henning von Tresckow, der in Gelöbnis- und sonstigen Feieransprachen meistzitierte widerständische Offizier, hat als Beauftragter für die »Partisanenbekämpfung« und als Chef des Stabes der 2. Armee (ab November 1943) Verbrechen angeordnet.“ (jW, 21.01.2009)

All dies, mal ganz davon abgesehen das die Attentäter nach dem Umsturz eine Militärdiktatur errichten wollten hält die Bürgerprsse nicht von Urteilen wie jenem ab:

„[…] [D]ie Männer des 20. Juli [wurden] nach ´45 […] als Verräter […] [und] in jüngster Zeit als Antidemokraten verunglimpft […].“ (Focus Online)

Anders handeln kann sie auch kaum stellt doch jener Kult eines der zentrale Momente der neuen deutschen Erinnerungskultur dar.
Ende der 90′er Jahre wurde durch die rotgrüne Politik und auch wesentlich davor schon, während des sogennanten Historikerstreits, ein Wandel von der Relativierung und Verdrängung hin zur offenen Auseinandersetzung mit der Shoah propagiert. Was an sich ein zu begrüssender Wandel schien, zeigte bald sein wahres Gesicht, als im Vorfeld des Kosovo Konflikts die politische Diskussionskultur der BRD in einer geifernden Propagandawelle ersoff und Serbien in einem hasserfüllten Furor, wie es Peter Handke einmal sagte „schlachtreif geschrieben wurde“. Die Crux jener Tage war jedoch dass dies alles in einer nie dagewesenen Flut von Nazivergleichen gipfelte, begleitet von einer „Wir dürfen nicht wegsehen-Rethorik.“ Wie der paranoid Schizophrene die Abbilder seines Wahns sahen Bonner Politiker in jeder kosovarischen Stadt ein KZ stehen.
Jener vulkanartige Ausbruch von 50 Jahren sublimierter Vergangenheit, liess TAZ- Reporter Massengräber finden (die nicht existierten), Josef Fischer KZ`s aufspüren (dito) und Rudolf Scharping mit einer fast sexuell anmutenden Fasziantion über das Fussballspielen mit Albanerköpfen (oder Grillen von Föten) schwadronieren.
Die Mär vom Antifaschismus des deutschen Soldaten, als letzter Ruckzugspunkt jener schon überwundenen von der „guten“ Reichsmacht, war das Paradigma jenes nationalen Selbstvertstännisses das Bomben auf Belgrad fallen ließ. Oder wie Hermann L. Gremliza einmal sagte:

„Weil Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde und nicht […] von einer rotgrünen muss die Rotgrüne überall auf der Welt Auschwitze suchen und befreien, die zufällig immer an Orten zu finden sind wo etwas zu holen ist.“

Ironie des Bloggens…

Die Ironie der Bloggens macht auch vor gar nichts halt… Der stumpfsinnige Automatismus, mit dem „Google-Anzeigen“ per „keywords“ geschaltet werden, veranschaulicht doch irgendwie die gesellschaftliche Nebensächlichkeit und Irrelevanz des Inhalts des Beitrags, dem sie unterstehen. Von der Ironie zum Zynismus steigert es sich, wenn unter einer Kritik des Veganismus für vegane Kost geworben wird, vom Zynismus zum blanken Hohn aber erst, wenn unter einer Kritik der linken Ultraszene Werbung für „Thor Steinar“ und andere rechtsradikale Hooliganmarken steht. Pfui Teufel!

Der linke Fußballfan

Innerhalb der Linken, namentlich der aktions-antifaschistisch Motivierten, scheint es meines Erachtens, einen nicht geringfügig großen Anteil von Fußball-Anhängern zu geben. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Fangemeinde um den Fußball-Verein „St. Pauli“. Kennzeichnend für die linken Ultras scheint mir dabei das ständige Verweisen auf den eigenen antifaschistischen Hintergrund zu sein. Einem Ritual gleich, kommt diese Subkultur nicht aus, ihre Fankultur politisch aufladen zu müssen, dabei aber nicht über formelhafte Bekenntnisse hinauszukommen, die sich darin erschöpfen das Stadion mit antifaschistischen Emblemen zu zieren. Gerade dieses Missverhältnis, bestehend aus plakativem Reichtum und theoretischer Armut, scheint bezeichnend und aufschlussreich zu sein. Zeigt es nicht, dass hinter dem Bedürfnisse politisch Farbe zu bekennen, es hauptsächlich nur um die Färbung geht? Der Antifa-button als Label der Abgrenzung, dessen Sinn sich darin erschöpft, das Bedürfnis nach Zughörigkeit innerhalb einer fragwürdigen Subkultur zu legitimieren. Immer wieder mit der Erfahrung konfrontiert, dass der eigenen Szene überproportional viele Nazis angehören, wird das sich notwendige Aufdrängen der Frage nach dem „Warum“ mit noch lauterem Bekenntnisgeschrei verdrängt, obwohl doch diese Überproportionalität selbsterklärend ist, angesichts der Uniformität der Fanmassen, deren Entfaltungsmöglichkeiten sich für den Einzelnen darin erschöpfen, die nächst größere Fahne zu schwenken. Von der Verherrlichung des Kampfes, dem bornierten Lokalpatriotismus und der entsprechenden Ästhetik ganz zu schweigen. Wer daraus nicht die einzig nötige Konsequenz zieht, nämlich den Bruch, dessen stupides „Nazi raus“ Grölen reduziert sich auf die Versöhnung der – nicht mal selbstverständlichen, in Anbetracht des Umfelds – begrüßenswerten Überzeugung, mit Nazis nichts zu Schaffen haben wollen, mit einem Milieu, welches geraden jenen Tür und Tor öffnet.

Krasses Frankfurt // Krasse Hybris

Über diesen Text von Lea bin ich auf weitere gestoßen, die sich mit einigen extrem Vorfällen innerhalb der Frankfurter Antifa-Szene und speziell innerhalb dem aktuell von Räumung bedrohtem JUZ-Bockenheim beschäftigen.

Da wird jemand wiederholt verprügelt, weil er vor mehreren Jahren eine Frau als „bitch“ beschimpft hat, jemand gewaltsam des Hauses verwiesen, weil er sich mit einem Emblem der traditionellen kommunistischen Bewegung schmückte und in einem unsäglichen Kommentar heißt es dann dazu auch noch: „ist es ncht taktisch ungeschickt den text jetzt zu veröffentlichen ? prekäre lage des hauses und so?“

Auch wenn ich persönlich innnerhalb der Linken niemals derart krasse Vorkommnisse erlebt habe, spiegeln diese Berichte doch in aller Deutlichkeit wider, dass es nichts bornierteres gibt, als eine Versammlung sich als besser als der Rest der Menschheit dünkenden Idioten, die sich aufgrund dieser kollektiven Halluzination auch noch das Recht auf Selbstjustiz herauszunehmen glauben. Gerade so, als wäre es so ungewöhnlich, als in einer sexistische strukturierten Gesellschaft sozialisierter Mann, über Frauen sexistische Gedanken zu haben und diese in einer emotional angespannten Situation auch zu äußern. Natürlich heißt das nicht, dass sexistische Beleidigungen okay wären, doch wer diesen basalen Sachverhalt nicht anerkennt und moralinsaure Verurteilungen aus einem Strafverfolgerstandpunkt heraus zum Aufpumpen seines eigenen Selbstwertgefühls braucht, und sich dann auch noch als Teil einer wie auch immer gearteten emanzipatorischen Avantgarde imaginiert, der ist einfach nur lächerlich und wäre am Stammtisch besser aufgehoben als in der Antifa1.
Auf jeden Fall haben solche Leute den Sinn von Theorieaneignung nicht verstanden, der doch gerade darin besteht, nicht nur repressive Erkenntnisse über andere, sondern gerade auch über sich selbst und seine Determination durch die Gesellschaft zu produzieren2. Und um mich in keinen performativen Selbstwiderspruch zu verwickeln: natürlich kann ich es nachvollziehen, sich so zu verhalten und verhalte mich selbst oft genug genauso. Aber ich weiß wenigstens, dass ich mich oft furchtbar dämlich und „antiemanzipatorisch“ verhalte.

Es gibt ein sehr schönes Zitat aus „Nathan der Weise“ von Lessing, das in dem Drama aus dem Munde eines christlichen Kreuzritters kommt:

Der Aberglaub‘ in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Mein repressiver Vorschlag wäre es, alle Frankfurter „Anti“(?!)faschisten diesen Spruch auswendig lernen zu lassen, bis sie ihn im Schlaf herunterbeten können. Leider fehlen mir die Mittel, dies umzusetzen und ich bin dazu wohl nicht autoritär verfasst genug.

Das ist natürlich kein spezielles Problem der Linken, der Frankfurter Linken oder des JUZ Bockenheim, sondern ein allgemeines Problem in einer Gesellschaft, in der die Individuen permanent zur Bestätigung ihrer Individualität und ihres „Wertes“ angespornt werden. Und es sind natürlich nicht nur solche Extremfälle, die kritikabel sind, sondern die allgemeine Neigung, sich selbst unreflektiert als moralische Autorität zu setzen und dies im Notfall als Rechtfertigung für nach der eigenen Moral eigentlich verworfene Gewalt zu verwenden. Das eint dann auch alle politischen Lager von ganz rechts über ganz mittig und ganz unpolitisch bis ganz links miteinander. Es ist einfach ein sicheres Anzeichen von Spießertum.

  1. Oder – angesichts der empirischen Verfasstheit dieses Labels – besser gesagt: in einer Antifa, die diesen Namen verdiente. [zurück]
  2. Gibt da ja auch so nen Spruch von den alten Griechen, der mit an der Wiege westlicher Vernunfttradition steht und gerade in einem positivistischen Wissenschaftsverständnis ziemlich unter den Tisch fällt: Gnothi seauton. – Erkenne dich selbst.[zurück]

Demo in Frankfurt

Auf dem sympathischen Paulsplatz in Frankfurt wird am 14. Januar angesichts der bevorstehenden Wahlen um 18 Uhr eine fette Demo unter dem Motto „Alles muss man selber machen: sozialen Fortschritt erkämpfen“ stattfinden. Der Ankündigungstext und weiter Infos finden sich auf dem Internetauftritt der VeranstalterInnen.

Sollte man hingehen? Man sollte natürlich skeptisch sein und hinterfragen, ob das Konzept „Demo“ nicht ein wenig altbacken ist. In der heutigen Zeit erreicht man durch ein schickes Youtube-Video wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit als durch eine 500-Personen-Demo, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der relevanten Medien liegt. Außerdem droht es zu einem Ritual zu erstarren, dass viel zu bekannt ist, um noch eine wirklich subversive Sprengkraft zu entfalten.

Ich würde also ganz polemisch sagen, dass Demos eher dazu dienen, die eigene Ohnmacht durch Pseudopraxis zu übertünchen und ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl unter den TeilnernehmerInnen zu erzeugen, als wirklich irgendwen zu erreichen. Die politischen Forderungen einer Demo werden von ein paar Passanten wahrgenommen, doch die komplexen Argumente dafür nicht. Diese werden durch eine real nicht vorhandene Macht suggerierende Menschenmasse ersetzt – ihr Machtanspruch wird schon durch die evidente Übermacht der wohl anwesenden Polizisten ersetzt –, die eine demokratische Legitimation beansprucht, die sie offensichtlich nicht besitzt.

Einziges Argument für diese Demo ist vielleicht das doch originelle Motto, dass für Irritationen beim abendlichen Einkaufsbummel sorgen könnte. Oder setzt vielleicht doch der Nivellierungseffekt ein? „Ah, da demonstrieren schon wieder irgendwer. Kannst du lesen für was?“ „Ach, ist doch egal. Son linkes Zeug halt. Komm, wir müssen uns beeilen, die Tram kommt.“

Zumindest die doch sehr dezidiert staatskritische Intention von Demo und Aufruf unterstütze ich jedoch. Kritik am Repräsentationsprinzip – das kann es garnicht oft genug geben.

Furcht vor Männern // Parasiten

Empfangen wird man bei http://www.myspace.com/androphobia_comic paradoxerweise von Fanfarenklägen, die mich persönlich an Wagneropern erinnert haben. Hat sich die Künstlerin hier einen Spaß erlaubt?
Doch die triumphierende Geste des Einstiegs lässt mehr erhoffen.

Dieses „mehr“ erreicht man, wenn man einfach auf das Titelbild der Comicsammlung klickt. „Androphobia“ – „Furcht vor Männern“ – lautet der Titel. Wer die „Kurzgeschichten“ – so bezeichnet die Künstlerin – wie ich finde sinnvollerweise – ihre Werke – liest, wird schnell merken, in welchem Zusammenhang er zu ihnen steht. „Phobos“ – worin sich Gefühl der Ohnmacht, des Ekels, der Angst vermischen. Das Männliche, das Weibliche. Die Angst vor dem Männlichen, seine Macht, die auf der Gegenseite liegende Position der Ohnmacht. Und dann noch der Ekel vor dem, was weder-noch ist – Objekte der Macht, die zerstört und gebändigt werden müssen, damit (maskuline) Subjektivität sein kann. Eine Spektralanalyse der Zivilisation.

Alles wirkt dabei sehr symbolisch aufgeladen, ohne dass sich eine eindeutige, eindimensionale Bedeutung für die Symbole (Aal, alter Mann, Käfer, …) benennen lassen könnte. Die fast monochrome, zugleich flächenarme Konzeption der Zeichnungen, die so recht karg wirken, tut ihr Übriges. Ein ich möchte sagen für moderne Kunst sehr typisches Gefühl des Unbehagens, des Verlorenseins, des Mangels an Begriffen wird so erzeugt. Mit einem Wort – die Kurzgeschichten erreichen eine fast kafkaeske Qualität.

Nicht nur die Anwendung, sondern auch die Wahl der Farben verstärkt diese eigentümliche Wirkung. Im Titelbild grelle, disharmonische Kombinationen, ansonsten dezente, auf eine gewisse Art tatsächlich „eklige“, weil ungewohnte und bis zum Vergehen blasse Farbtöne. Grün-Ocker und Blasslila, wie man es nur selten sieht. Fremdkörper, die sich wie Schimmelpilze, wie die widerwärtigen und zugleich liebenswerten Geschöpfe der Comics (der Aal, der Käfer), in die ansonsten doch eher von grellen, eindeutigen Designerfarben bestimmten myspace-Welt eingenistet haben. Parasiten, die dort eigentlich nicht sein dürften und von deren Möglichkeiten zehren. Gut, dass es sie gibt.




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