Wo ist das Ich geblieben? // Reflexionen auf Descartes Vol. II

So jetzt kommt der kritische Teil meines Essays. *Freu und händereib*

Der adäquateste Weg, Descartes in Zweifel zu ziehen scheint mir die Anwendung seiner eigenen Methode auf seine Theorie zu sein. Denn dass man, um die Erkenntnistheorie adäquat zu fundieren, eines unbezweifelbaren Ausgangspunktes bedarf, lässt sich wohl nur schwerlich bestreiten. Dass jedoch Descartes’ Theorie es wirklich vermag, jenen unbezweifelbaren Ausgangspunkt zu liefern, hingegen schon. Man muss also Descartes’ Zweifel gegen ihn selbst wenden, wobei ich mich im Folgenden nur auf diejenigen Elemente Descartes’ Theorie beziehen werde, die ich zuvor als besonders plausibel dargestellt habe.
Der erste Einwand ist ein möglicher „Zweifel am Zweifel“. Descartes zweifelt an der Wahrheit der Sinneswahrnehmung, der Wahrheit logischer Beweise und der Wahrheit des Gefühls, entweder wach zu sein oder zu träumen. Er begründet dies jeweils mit der Möglichkeit, dass man sich in allen diesen Punkten irren könnte. Doch genauso gut könnte man sagen: kann es nicht sein, dass man sich irrt, wenn man an all diesen Dingen zweifelt? Die Argumente, die Descartes für den Zweifel anführt, könnten ja auch in Zweifel gezogen werden. Die Sinneswahrnehmung lügt vielleicht manchmal, aber kann nicht auch der Eindruck falsch sein, dass die Sinneswahrnehmung manchmal lügt? Woher wissen wir das?
Dies kann man natürlich immer weiter spinnen, ohne auf ein Ergebnis zu kommen, da ja auch der Zweifel am Zweifel bezweifelt werden kann und dieses Zweifeln selbst wiederum auch usw. usf.
Fakt ist also: wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob der Zweifel berechtigt ist oder nicht. Man könnte genauso gut sagen: „Ich halte an allem, was ich weiß, erst einmal fest, solange mir dessen Unrichtigkeit nicht mit völliger Sicherheit bewiesen werden kann.“

Davon bleibt freilich eins unberührt: das zweifelnde (oder auch nicht zweifelnde) Subjekt, das „Ich“ als Fundament des Wissens. Wie oben angeführt, kann man an dieser Instanz anscheinend nicht zweifeln, da der Zweifel ein Subjekt voraussetzt.
Doch ich denke, so einfach ist das nicht. Was Descartes bei seinem Zweifel vergisst, ist nämlich der Zweifel an der Wahrheit der Sprache als Medium der Erkenntnis. Es gibt viele, auch geläufige, Ausdrücke der Sprache, die sich offensichtlich auf gar nichts Wirkliches beziehen, innerhalb der Strukturen der Sprache jedoch „wahr“ sind bzw. wahr zu sein scheinen. In der gesamten Literatur wird z.B. permanent über viele Dinge gesprochen, die es nicht gibt – sei es eine Person namens „Romeo“, ein Land namens „Schlaraffenland“ oder ein Ereignis wie „Werthers Freitod“. Was heißt überhaupt der sprachliche Ausdruck „es gibt etwas“? Und auf was bezieht sich der Ausdruck „ich“ in „ich denke“?
Vielleicht ist der Ausdruck „ich denke, also bin ich“ genauso referenzlos wie der Ausdruck „Ülük denkt, also ist Ülük“ – ein bloßes Sprachspiel ohne Verankerung in der Realität, das seine Scheinevidenz nur aus der Gewohnheit zieht, das Wort „ich“ zu denken und mit Bedeutung zu belegen. Bewiesen werden kann vielleicht eine Instanz, die denkt – „Es gibt etwas, das denkt, also gibt es etwas“ – aber diese Instanz könnte genauso gut etwas sein, das „ich denke“ denkt, ohne selbst „Ich“ zu sein. Und es muss auch nicht zwingend eine so konsistente Einheit sein, wie es sich Descartes das vorstellt – vielleicht auch einfach nur eine gebündelte Pluralität von Gedanken, ähnlich dem in der Literatur dargestellten „stream of consciousness“ – also nicht etwas, was denkt, sondern bloße Gedanken, die sich kontingent aufeinander beziehen oder auch nicht und so etwas wie den Gedanken von einem „Ich“ konstituieren.1
Dieser Zweifel an der Referenz der Sprache würde also kein zweifelndes „Ich“ im Sinne Descartes voraussetzen. So anti-intuitiv das sein mag, so plausibel scheint es zu sein. Descartes müsste zumindest zugestehen, dass sein eigener erkenntnistheoretischer Fixpunkt, das „Ich“, in Zweifel gezogen werden kann und deshalb nach seinem eigenen Wahrheitskriterium, dass nur die Vorstellungen wahr sind, die wir „klar und deutlich begreifen“ (S. 552), einen solchen Fixpunkt nicht hergeben kann.
Dann kann man natürlich weiterfragen: wenn wir uns selbst unseres eigenen „Ichs“ nicht sicher sein können, was ist dann noch sicher? Auf was bezieht sich unsere Sprache dann generell noch?

Die einzige mögliche Lösung für dieses Dilemma des permanenten Zweifels, scheint mir zu sein, sich von Descartes’ Suche nach sicherer Erkenntnis zu lösen und Erkenntnis bis zu einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit zu akzeptieren, auch wenn nicht einmal die Grundlage unserer Art zu denken – das Aufstellen von Zeichensystemen, die beanspruchen, mehr als nur selbst-referentiell zu sein – sicher ist.
Freilich erscheint mir auch der von mir oben angeführte Anti-Zweifel („Ich halte an allem, was ich weiß, erst einmal fest, solange mir dessen Unrichtigkeit nicht mit völliger Sicherheit bewiesen werden kann.“), als „philosophische Grundhaltung“ unangebracht zu sein, da er ja impliziert, dass eine Art „spontanes Alltagsbewusstsein“ erst einmal zutrifft, ohne das selbst positiv begründen zu können.
Die beste Alternative dazu wären wohl andere Arten philosophischer Methode, die nicht mehr in metaphysischer Tradition nach einer universellen Letztbegründung, sei es von Erkenntnis oder auch von ethischen Normen, suchen, sondern sich mit weniger zufrieden geben, ohne die Argumente der Skeptiker einfach zu ignorieren.

  1. Vgl. Bertrand Russel: Philosophie des Abendlandes. München 2004, S. 576. [zurück]
  2. Zitat aus der Descartes-Passage im Seminar-Reader. [zurück]

4 Antworten auf “Wo ist das Ich geblieben? // Reflexionen auf Descartes Vol. II”


  1. Gravatar Icon 1 schorsch 29. Januar 2009 um 22:43 Uhr

    Hallo,

    ein paar richtige Gedanken, allerdings leuchtet mir nicht ein, warum du die Evidenz des Denkens, welches auf einen Fixpunkt hinweist, durch den Hinweis auf den „stream of consciousness“ aufgelöst werden sollte. Keineswegs muss es das Ich sein, was da denkt – in eine ähnliche Richtung zielt Husserl mit seiner Kritik an Descartes. Man könnte Descartes ja auch verteidigen, indem man seine Überlegung eines Selbsterkennens der denkenden Substanz nicht mehr an ein Ich bindet, aber immerhin als eine Erkenntnis beschreibt, die aus sich selbst heraus nicht mehr bezweifelbar ist. Solch „apodiktische Evidenz (Husserl) liegt in der Selbsterkenntnis der Gedanken oder des Zweifels ja vor, wird von Descartes allerdings, da stimme ich dir zu, vorschnell an das Ich gekoppelt.

    Viele Grüße,

    Schorsch

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 29. Januar 2009 um 23:33 Uhr

    Hm, ich habe mich mit Husserl bisher nicht beschäftigt, also kann ich nichts Fundiertes dazu sagen.

    Zum “stream of consciousness”: in der modernen Literatur (Paradebeispiel: James Joyce, Ullyses, wobei ich das ehrlich gesagt auch noch nicht gelesen habe) gibt es ja richtig krasse Passagen, in denen zumindest versucht wird, das konkrete Denken, wie es wirklich in all einer Ungeordnetheit vor sich geht, literarisch abzubilden. Dann gibt es halt keine grammatikalisch korrekten Sätze mehr und auch eher keine stringenten Gedankenstränge, sondern chaotische Gedankenbündel.

    Und das ergibt ja zumindest ein ganz anderes Bild vom Denken, als es die rationalistische Philosophie entwirft, also keine festgefügte Einheit, die denkt, sondern vielleicht sogar eine Pluralität von Einheiten, die denken und sich im sg. „Subjekt“ verknoten, so dass ein Surrogat von Einheit entsteht.

    Also so habe ich das gemeint.

    Und weitergedacht könnte der Gedanke „ich denke, also bin ich“ gewissermaßen auch nur Teil eines solchen “stream of consciousness” sein. Also kein Beweis für die reale Existenz eines solchen Dinges, sondern nur der Beweis dafür, dass dieser Ausdruck innerhalb der Sprache plausibel klingt und von einer bestimmten Struktur innerhalb unserer selbst permanent hervorgebracht wird.

    Wie eine Maschine, die beständig: „ich denke, also bin ich, also denke ich, also bin ich, also denke ich, also bin ich…“ wiederholt, wobei dann der Kern des Gedankens – nämlich die Existenz eines freien, immateriellen, selbstbestimmten Ichs – natürlich ausgehöhlt wäre.

    Klingt das plausibel oder eher wirr?

    Ich versuche halt Sprachkritik (u.a. von Novalis inspiriert) und (zugegebenermaßen deterministische, was ich selbst nicht so toll finde, da ich den Determinismus eigtl nicht haben will) Rationalismuskritik zusammenzudenken.

    Ist das ohne performativen Selbstwiderspruch überhaupt möglich?

  3. Gravatar Icon 3 Dr. Kollossos 30. Januar 2009 um 13:47 Uhr

    Vielleicht sollte man die aussage „Ich denke, also bin ich“ vor dem Hintergrung der Subjektbildung lesen, wie von adorno und horkheimer in der Dialektik der aufklärung beschrieben. Das Selbst, welches als Einheit, erst hervorgebracht werden muss durch Entsagung, Disziplin (bespielhaft hierzu odysseus). Erst durch die Konstitution des Subjekts, lässt sich das Ich als Fixpunkt denken.

  4. Gravatar Icon 4 Thiel Schweiger 08. Februar 2009 um 3:29 Uhr

    Ja, dieser Aspekt ist ohne Zweifel auch wichtig!

    Im neuzeitlichen Subjektivismus wird dieses stets prekäre „Ich“ halt in nahezu allen Bereichen der Philosophie zum absoluten Fixpunkt vergötzt, nicht nur in der theoretischen, sondern auch in der praktischen Philosophie. Und das geht eben mit der Entwicklung des Kapitalismus Hand-in-Hand, in der das Individuum auch real einen nie dagewesenen Stellenwert einnahm. Vorher war Gott das „ens entissimum“, jetzt ist es das Ich.
    Auch Foucault zeigt ja auf, wie konstitutiv diese Entwicklung für die moderne „Disziplinargesellschaft“ ist. Jeder wird halt dazu trainiert, Sachverwalter seiner selbst zu sein.

    Eine sprachphilosophie Dekonstruktion dieses Denkens unterschlägt diesen Aspekt vielleicht in der Tat. Und natürlich muss man erstmal an diesen Individualismus anknüpfen, um ihn zu überwinden.

    Aber rein philosophisch finde ich es im Moment extrem spannend, ob es vielleicht in der Theorie doch möglich wäre, sich vom Ich zu lösen und dadurch kreative Impulse zu gewinnen. Die Menschen halt nicht mehr als autonome Subjekte, die sie nicht sind, zu denken, sondern als Spinnen, die sich beständig in ihren eigenen diskursiven Netzen verheddern.

    Ethisch führt halt die Vergötzung des Ichs letztendlich zu nicht minder fragwürdige Konsequenzen als eine wie auch immer geartete Abkehr vom Ich, sofern keine Vermittlung von Individuum und Allgemeinem gelingt. Kann man das überhaupt denken, eine Ethik ohne autonome Individuen? Eine spannende Frage.

    Interessant wäre in diesem Zusammenhang wohl eine nähere Beschäftigung mit Schopenhauer, der ja genau das lehrt: die Individuen mit all ihren Bestrebungen sind nur Ausdruck eines großen Gesamtwillens, der das Primäre darstellt, die Individuen nur das Sekundäre. Aber weil sie das nicht erkennen und so tun, als wären sie das Primäre, leiden sie.

    Oder dieses schöne Bild in „Alice im Spiegelland“: Alice und die ganze obskure Welt, in der sie sich befindet, sind in Wahrheit nur die Träume des schlafenden schwarzen Königs.

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