Archiv für Februar 2009

Worte am Freitag

Derzeit flackert mal wieder der Bürgerkrieg im Nahen Osten auf und in der Linken reiht sich Unsäglichkeit und Unsäglichkeit. Etwa dieser Beitrag, in dem sich als solche definierende Juden selbst zitiert werden, die im Vorgehen Israels einen „Holocaust“ erkennen möchten. Die skandalösen Vorfälle bei Antifademos (sicher nicht nur) in Frankfurt, auf denen Träger_Innen von Israelflaggen aggresiv bedroht und/oder verprügelt wurden. Oder die zahlreichen Demos, bei denen vor allem eins nicht fehlen, darf: das Palituch.

Doch auch für zahlreiche Jugendliche, die sich alternativ fühlen oder einfach nur den gewissen Retrochic suchen, gehört dieses Kleidungsstück zum Standardaccesoire. Auch in zahlreichen Boulevardformaten wird es gelehrt: Hauptsache chic – die Semantik der Kleidung, die man trägt zählt nicht, auch wenn diese stets doch erhalten bleibt.

Gerade so, als wäre es etwa okay und cool, aus Gründen des Styles mit Ku-Klux-Klan-Kostümen rumzulaufen, um ein polemisches Parallelbeispiel zu geben.

Im Sinne einer Politisierung der Mode, die dieser Entpolitisierung entgegenläuft, will ich mich garnicht weiter aufhalten, sondern einfach auf diesen exzellenten kleinen feinen Blog verweisen, auf dem jedeR Interessierte kleine Basisbanalitäten zu dem „chicen“ Wisch nachlesen kann:

Auch wenn es umstritten und auch müßig ist, für welche Seite des Konflikts – sofern es überhaupt nur zwei Seiten gibt – man nun obsolete Solikundgebungen zur Stärkung der eigenen Identität und Verwunderung der Passanten veranstaltet: für eine regressive Nationalbewegung Solidarität zu ergreifen sollte selbst für jemanden, der nicht extrem politisiert ist eigentlich tabu sein, sofern er und/oder sie nicht gerade regressive Nationalbewegungen allgemein gut findet.

In diesem Fall sollte man sich mal ein paar gute Argumente zu Gemüte führen.

Einen kleinen Überblick über die aktuelle Situation des Antisemitismus und Antizionismus bietet dieser Text der Antifa Horgau.

(Ich stimme diesem Text nicht vollständig zu, halte ihn aber zur Verdeutlichung der Relevanz dieses Problems für sehr hilfreich. Zu ergänzen wäre noch, dass gerade auch der Linken – nicht zuletzt global betrachtet – extreme antizionistisch und oft sogar antisemitische Feindbilder pflegt, wenn es um den Nahostkonflikt geht. Ein bedenklicher Zustand, dem man dringend entgegentreten sollte, gerade angesichts einer drohenden neuen Eskalation des Konflikts im Zeichen des jüngsten israelischen Wahlergebnisses.)

Sprachspiele ohne Referenz?

Inspiriert von den Vorbereitungen zu einer wichtigen Prüfung, will ich nun euch Leser_Innen eine kleine Prüfung stellen.

Was ist des Pudels Kern folgender zwei Gedichte?

Schreibt einfach die Lösung an die in „Kontakt“ angegebene Adresse und die besten Antworten werden mit wertvollen Preisen honoriert.

Der Einsendeschluss ist der 1. März, Germanistikstudierende sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Rätsel Nummer eins:

Es liegt in deiner Hand

Gleite, Seidenrind, nah
an die Lende. Hirngeist
der eiligen Steinhand
singt drei Heilende an:
Enge, hier ist dein Land,
Rindengast, heile Neid,
es liegt in deiner Hand.

(von Unica Zürn)

Das war allerdings nur eine leicht Vorübung für die weitaus härtere Nuss:

Hier schliesst das tor: schickt unbereitete fort.
Tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset.
Bild ton und reigen halten sie behütet
Mund nur an mund geht sie als weisung weiter
Von deren fülle keins heut reden darf ..
Beim ersten schwur erfuhrt ihr wo man schweige
Ja deutlichsten verheisser wort für wort
Der welt die ihr geschaut und schauen werdet
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen.

(aus Stefan George: Der Stern des Bundes)

Ich bin mal gespannt, ob es Lösungen geben wird. (-;

Balken und Splitter

Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt

Immer wieder, wenn es um den Islam geht, denkt man heutzutage vor allem an eins: Homophobie und Patriarchat. Im Kontrast dazu erblüht „unser“ freier Westen, der solche Dinge längst überwunden hat und der sich unbedingt anschicken sollte, seine Errungenschaften auf der ganzen Welt zu verbreiten oder sich zumindest vor den Heerscharen homophober Moslems, die in ihn eindringen wollen, hinter sichern Mauern zu verschanzen.

Auch ich war vor der Lektüre des Buches „Die Entführung aus dem Serail“ von Georg Klauda, der vielen eher unter seinem Pseudonym „Lysis“ bekannt sein dürfte, zumindest in Teilen dieser Ansicht. Dabei wird darin – wie der Autor anhand zahlloser Quellen gut begründet dargelegt – die historische Realität nahezu auf den Kopf gestellt: es war der Westen, in dem in einer recht blutigen Entwicklungsgeschichte voller Verfolgungen und Entbehrungen das Konzept „Homosexualität“ entwickelt und von dort aus in die islamische Welt exportiert wurde. Nicht die islamische Welt, in der dieses Konzept bis ins 19. Jahrhundert schlichtweg nicht existierte und auf die Zeit vorher auf diese Gesellschaften garnicht angewendet werden kann, ist es, die man als „konstitutiv homophob“ bezeichnen kann, sondern die abendländische, wie sie sich seit der Neuzeit entwickelte.

Die Ignoranz besteht also sowohl in der Verkennung der Geschichte als auch in dem Anspruch westlicher Wissenschaften, die je eigenen Begriffe als „objektiv“ zu unterstellen und einfach mal auf völlig andere Systeme zu übertragen. Der Begriff der „Homosexualität“, eine Konstrukt des 19. Jahrhunderts, wird so zu einer ahistorischen Kategorie, so als wären die Menschen schon immer nach diesem Schema kategorisiert worden. Dass es in der Vergangenheit auch ganz andere Denk- und Lebensweisen gab, und auch in Zukunft möglich sein könnten, gerät so völlig aus dem Blickfeld. Da ist „Homosexualität“ sicher nur ein Beispiel von vielen.

Um den Unterschied etwas zu pointieren: im Islam (und auch in ähnlicher Form im vorneuzeitlichen Abendland) galt Analverkehr (und zwar unabhängig vom Geschlecht des passiven Parts) als verwerfliches Vergehen und wird nach der Scharia bestraft. Mehr aber auch nicht. Es gibt keinen unterstellten Sozialcharakter des „Analfickers“, der etwa über eine bestimmte psychische Disposition verfügen würde, die ihn zu einer unnormalen Verhaltensweise treibt, die man erforschen und womöglich therapieren könnte. Er ist einfach wie jemand, der bei Rot über die Ampel fährt un dafür einen Strafzettel kassiert. Folgerichtig halt es im islamischen Diskurs als überhaupt nichts Schändliches oder Ungewöhnliches, als Mann Männer zu lieben, sondern im Gegenteil weit verbreitet und akzeptiert. Georg Klauda zitiert etwa zahllose Beispiele von persischen und arabischen Liebesgedichten, in denen die Schönheit und erotische Attraktivität junger Knaben besungen wird.
Und zugleich war es auch so, dass es nichts Ungewöhnliches war, Männer und Frauen zu lieben. Klar – das ist ja nur in einer Gesellschaft „ungewöhnlich“, in der es als allgemein anerkannte Naturtatsache gilt, dass es Menschen gibt die „so herum“ bzw. „anders herum“ sind.

Dies kann man sicher mit den oft zitierten Zuständen im antiken Griechenland parallelisieren. Auch hier macht es gar keinen Sinn zu sagen, die Gesellschaft wäre gegenüber Homosexuellen tolerant oder intolerant gewesen. Es gab keine Homo- und auch keine Heterosexuellen, sondern eine völlig anderes sexuelles Wertesystem, in dem es überhaupt nichts unmännliches an sich hatte, wenn ein mit einer Frau verheirateter Mann ein sexuelles Verhältnis mit einem Knaben hatte. Die päderastische Beziehung wird in Platons Dialogen im Gegenteil oft als Ideal glorifiziert, so etwa insbesondere im „Symposion“1.

Erst in unserem heteronormativen Wertesystem macht die Rede von „Toleranz gegenüber Homosexuellen“ Sinn und impliziert zugleich eine weitreichende repressive Einschränkung möglicher Lebensweisen selbst im Verhältnis zu vormodernen Gesellschaften (zumindest unter diesem Aspekt!!). Denn Heterosexualität gilt als stets präsente Norm und alle anderen Arten der Liebe als Angelegenheit unnormaler, irgendwie immer als verworfen betrachteter Subjekte. Und deshalb ist es auch unsinnig davon zu sprechen, Homosexuelle müssten toleriert werden. Was anstünde wäre eher eine theoretische und praktische Aufweichung dieser Heteronormativität.

Aber das Buch von Georg Klauda enthält noch zahlreiche andere spannende Thesen und Anekdoten, die ich hier unmöglich alle aufzählen kann. Es ist auf jeden Fall weit mehr als ein Buch, das „nur“ den Islam darstellen würde, sondern kann meines Erachtens durchaus als allgemeine Einführung in die an Foucault anschließenden „gay and lesbian studies“ verstanden werden, in deren Tradition sich der Autor explizit stellt. Denn nach gut hermeneutischer Manier wird eben nicht nur der fremde Standpunkt, sondern in einem ausführlichen Kapitel auch die historische Entwicklung des eigenen Standpunkts beleuchtet: wie kam es überhaupt dazu, dass man in Europa anfing, „Homosexuelle“ zu verfolgen, als gesellschaftliche Randgruppe und Objekte der Psychologie zu begreifen und in subkulturelle Ghettos zu verbannen?

Ein Aspekt, den auch Georg Klauda explizit betont, ist auf jeden Fall ein praktisches Gebot staatlicher Biopolitik: nach der Pest und dem 30jährigen Krieg suchte man nach Mitteln und Wegen, wieder mehr Nachwuchs zu erzeugen. Auch wenn das nicht so verstanden werden darf, als hätten die Akteure gewusste, was sie taten – was eine ziemlich absurde Vorstellung wäre – scheint dies bis heute fortzuwirken. Auch dem heutigen Staat geht es halt wesentlich darum, immer genügend Menschlein zur Verfügung zu haben. Und in staatlichen Kampagnen und der Schule wird ja auch Alles nötige getan, um dementsprechende Leitbilder in die Köpfe zu implementieren und es als das normalste und wünschenswerteste von der Welt erscheinen zu lassen, heterosexuellen Sex zu praktizieren und irgendwann eine Familie zu gründen. (mehr…)




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