Archiv für März 2009

Akustische Zimmerpflanze

Jeder, dessen Arbeitsalltag begleitet wird von den nervtötenden Klängen des Radioprogramms, wird bestätigen, dass nichts quälender ist als der Stumpfsinn des Moderators. Alle seine Aussagen erwecken den dumpfen Eindruck, dass sein Gesicht ein aufgesetztes Grinsen ziert, sobald selbige ausgesprochen werden. Und wenn mal der, zu moderierende, Gegenstand doch ein Mindestmass an Ernsthaftigkeit verlangt, beschleicht dem Hörer erst recht das Gefühl des Aufgesetzten, allein schon durch den abrupten Übergang von Heiter in Ernst, den der starre Plan des Radioprogramms erzwingt. Daneben ist es die plechernde Monotonie, die den Radioalltag kennzeichnet, die sich nicht nur auf Immergleichheit der Musikauswahl beschränkt, sondern auch die (aufgezeichnete) Wiederholung des Gesprochenen erstreckt. Doch trotz dieses objektiven Stumpfsinns, wird sich wohl keine Arztpraxis, keine Werkstatt, kein Großraumbüro finden, dessen Räume nicht mit einem Radio ausgestattet sind, der die Angestellten bei ihrem Schaffen geräuschvoll begleitet. Dabei ist wohl gerade diese Hörerschaft, die dem Radioprogramm seine Struktur gibt. Schließlich scheint jedes Geschwätz, jedes Lied, jeder Telefonstreich die Arbeit leichter von der Hand gehen zu lassen, anstatt die Aufmerksamkeit des Hörers einzufordern, seine Konzentration zu verlangen. Daraus wird selbstredend kein Hehl gemacht, im Gegenteil, bei jeder Gelegenheit betont irgendeine Pseudo-O-ton-Aufnahme, dass irgendwo ein Mittelstandsunternehmen-büro die Arbeitszeit vom jeweiligen Sender begleiten lässt. Ganz bewusst und rational bedient der Radiosender also das Bedürfnis nach Berieselung, der kurzen Ablenkung, des verträumten Aufblickens vom Schreibtisch, das Mitwippen zum simplen Musikrhythmus bei anspruchlosem Sortieren. Letztlich ist Radio eben doch nur eine akustische Zimmerpflanze sozusagen die Verlängerung der Reproduktionssphäre in die Produktion.

Ein Marsch ums Ganze

Manche Dinge müssen einfach getan werden. Und so reihte am Samstag auch ich mich ein in jene Masse, die sich „die Linke“ nennt und „gegen die Krisenfolgen“ auf die Straße ging. Wir da, wir waren laut, weil man uns die Kohle klaut –mir dämmerte sofort, dass ich auf einer von der Polizei geschützten Demo gegen Kleinkriminalität gelandet war.
Eigentlich muss man dazu nicht viel schreiben – das wichtigste verrät bereits das Ergebnis einer Suche bei google news. Gysi sagte in Berlin: „Das System zerstört sich, indem es auf der einen Seite mehr Armut und auf der anderen Seite mehr Reichtum fördert.“ „Jetzt sind die dran, die sich schamlos bereichert haben“, forderte Leni Breymaier, Verdi-Vorsitzende in Baden-Württemberg in Frankfurt. Als Communist hat man bei solchen Veranstaltungen im Grunde nichts verloren als Zersetzungsarbeit.
Meine persönlichen Highlights: der attac-Block, der anscheinend anwesend war, um vor einer Kraken-Plage zu warnen (was wohl die ebenfalls vertretene Greenpeace dazu sagt?) und türkische Stalinisten, die die objektive historische Dialektik auf einem Transparent in bildlicher Form auf den Punkt trafen: Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao. Der Weltgeist zu Fuße.

Immerhin wurde „Oskars“ Rede mit allgemeinen Pfiffen honoriert und blieb so zum Glück nicht nur in einem Sinne „verkürzt“. Doch schließlich blieb die Einheitsfront allen Anfechtungen zum Trotz dennoch erhalten:

Bei so einem hohen Anlass bekommt man natürlich auch von allen Teilen dieser Einheitsfront Spuren ihrer Existenz in die Hand gedrückt. Wieder einmal waren es meine Lieblinge von der Querfront, die mich mit ihrem Plagiat einer großen deutschen WochenZEITung begeisterten. Daraus erfuhr man, wie toll der Kapitalismus doch eigentlich sein könnte, wenn es nur die richtigen wären, die die Macht inne hätten. Eine „neue Marxwirtschaft“ (so der Text einer Anzeige), in der Schurken wie Mehdorn nichts mehr zu melden haben und der gute Euro den bösen Dollar als Weltgeld verdrängt.

Auch die IG-Metall rief auf mit radikalen Forderungen: „Rettet die Unternehmen!“ „Reguliert den Arbeitsmarkt!“ „Schafft Demokratie in der Wirtschaft!“ „Stoppt die Finanzmarkt-Zocker!“ „Schützt die Opfer, bittet die Täter zur Kasse!“ Alles muss man selber machen.

Doch es gibt auch Lichtblicke – es kursierten auch einige Flyer, in denen ernsthafte Kapitalismuskritik geübt wurde, in denen es deutlich benannt wurde: statt Reformen, die bereits den Keim zur nächsten Krise legen, braucht es eine Revolution, die eine Gesellschaft abschafft, in der es überhaupt möglich ist, dass plötzlich wie Naturgewalten wirkende „Krisen“ über die Menschen hereinbrechen und inmitten realen stofflichen Reichtums zu Armut und Elend in allen Lebensbereichen verdammen. „Klassenkampf statt Wahlkampf“, wie die Initiative „Gegen den Notstand der Republik“ schrieb.

An theoretischer Reflexion scheint es zumindest in dieser Hinsicht in gewissen Teilen der „Einheitsfront“ nicht zu mangeln, wenn es auch nicht die relevanten Teile sein mögen. Mindestens genauso drängend ist es jedoch, die theoretische Reflexion auf jene Praxis selbst zu richten, die eine „Einheitsfront“ mit bekennenden Antikommunisten als Notwendigkeit verkauft und es als „Erfolg“ verbucht, in ein paar Metropolen 50.000 Menschlein zu stundenlangen Latschereien durch gut überwachte Hochsicherheitsparcours in der Innenstadt gebracht zu haben. Vergleicht man diese Zahl mit der derer, die diesen Samstag stattdessen lieber zu einem gemütlichen Einkaufsbummel genutzt haben und die Trillerpfeifen der Demo als interessantes Hintergrundrauschen wahrnahmen, relativiert sie sich ziemlich schnell. Allem Verbaloptimismus zum Trotz sieht es für die Emanzipation weiterhin düster aus, zumal in Deutschland.
Dabei ist der Punkt ja: warum sollten die Passanten auch derartiges auf sich nehmen? Sind die meisten Parolen nicht so krude, dass sie nicht selbst der gesunde Menschenverstand jedes Kleinbürgers der Unwahrheit überführen zu vermag, selbst wenn es aus den falschen Gründen getan wird? Denkt man ernsthaft, „Leute“ erreichen zu können, indem man ihnen mit Stalin, Mao und einem zum Transpiheiligen avanciertem Marx kommt, oder ihnen das Rote vom Himmel verspricht? Und was heißt es denn, „Leute“ erreichen zu wollen? Damit übernimmt man einmal mehr das Denken der Mächtigen selbst, gleicht sich real dem an, was man der Behauptung nach zu bekämpfen beansprucht. Denn genau dazu macht der Betrieb die Menschen – zu einer parzellierten Masse statistischen Materials, Konsumenten, Wohlfahrtsempfängern, Wählerinnen und Wählern, Freunden und Freundinnen. Verzweifelt wiederholt man stetig das zum Scheitern verurteilte: den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen – denn diese Waffen sind eben untauglich, sie binden den, der sie trägt, wie der Ring im modernen Mythos und treiben ihn ins Grau der Macht zurück, dem der Held eigentlich zu entrinnen suchte. Leider gibt es keinen Vulkan, der mächtig genug wäre, den Bann auf ewig zu brechen und keine heilige Lande im Westen, in die man segeln könnte: alles muss man selber machen, auch das Schmieden.

Wohl aus berechtigtem Ekel und einem dumpfen Empfinden der eigenen Ohnmacht heraus, greifen dann manche „am Rande der Demonstration“ zu Methoden der Pseudopraxis in Form nicht zielgerichteter, desperater Gewalt, um den Konflikt virtuell zu „lösen“. Auch das ist offensichtlich kein Weg, sondern ein Ausweg ins Nichts. Das Zombitum der restlichen Einheitsfront erhält in der spektakulären Ritualrandale sein würdiges Pendant.

Das Fortwesen dieser so genannten „Praxis“ ist kein Erfolg, sondern im Gegenteil ein permanenter Misserfolg für das revolutionäre Projekt, das auf der „Klasse des Bewusstseins“ gründen möchte. Es muss nicht nur „Klassenkampf statt Wahlkampf“, sondern, wie es die Gruppe „neocommunistinnen“ in ihrem Flugblatt treffend schrieb, „Klassenkrieg statt Bewegungsrummel“ heißen. Wie dieser „Klassenkrieg“ aussehen müsste, bleibt unbestimmt. Es bleibt nur zu resümieren: „Nein, das ist er nicht, der Klassenkrieg“ und weiterzureflektieren. Dem linken Ross Bremse im Arsch sein, damit es sich endlich zum Sprung über die eigenen Hinterbeine aufraffen kann. (mehr…)

Überengagierter Sozialdetektiv

Was es bedeutet, wenn die Mühlen der Verwaltung mal schneller malen, durfte ein Arbeitsloser in Göttingen erfahren. Anstatt der Intention des aktivierenden Sozialstaats Sorge zu tragen und das spärlichen Einkommen von 351 Euro plus Zuschüsse für die Miete als Anreiz wahrzunehmen um endlich wieder erfolgreich seine Arbeitsfähigkeiten zu Markte zu tragen, bevorzugte Klaus F. das Erbetteln von Almosen. Dass ein solches Verhalten selbstredend auf Unverständnis seitens der Behörden stößt, hat Herr F. wohl übersehen als er sich entschied in direkter Nachbarschaft zum Sozialamt zu betteln. Denn ein Sachbearbeiter nahm, entgegen des Rats des neidersächsischen Sozialministeriums mit Augenmaß zu operieren, die Vorschriften wohl ganz genau und opferte seine Mittagspause um die erbettelten Einkünfte zu ermitteln und selbige dann auf ein Monatseinkommen von ganzen 120 Euro hochzurechnen und natürlich auch in Abzug zu stellen. So erhält Klaus F. nun 231 Euro plus Zuschüsse für die Miete. Vielleicht fängt er jetzt an zu arbeiten!

Von einem anderen Planeten

Einer der derzeit bekanntesten Theoretiker im Umfeld des Gegenstandpunkt-Verlags ist der emeritierte Bremer Professor Freerk Huisken. Er veröffentliche insbesondere eine skandalträchtige Analyse des Erfurter Amoklaufs. Ein offensichtlich ahnungloser Spiegel-Online-Reporter, der ansonsten für das Selbstzurichtungsportal jobpilot.de schreibt, führte mit ihm ein herzliches Interview, das nicht nur eine gute Kritik am kapitalistischen Bildungssystem, sondern auch ein Paradebeispiel für einen grottenschlecht vorbereiteten Interviewer bietet:

„Jede Universität ist eine Eliteuniversität“

Deutschland braucht Elitehochschulen, sagt die SPD. Passt ausgezeichnet in das große Reformprogramm der Bundesregierung, sagt Freerk Huisken. Der Bremer Hochschullehrer meint das keineswegs als Lob, sondern warnt im Interview vor „Hochbegabtengefasel“ und vor Anpassung an Industrie-Interessen.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Professor Huisken, Ihre Bremer Universität scheint gerüstet zu sein für den Wettstreit, wer Deutschlands neue Eliteuni werden darf. So darf man Aussagen von Walter Dörhage, Abteilungsleiter Wissenschaft im Bildungsressort der Stadt, interpretieren.

Freerk Huisken:

Jede Universität ist eine Eliteuniversität! Das bezeichnet den uralten Anspruch jeder Universität: Sie hat den Nachwuchs für die nationale Führungselite zu produzieren, die es in einer kapitalistischen Gesellschaft braucht, damit die große Masse der „kleinen Leute“ auch funktioniert. Was zurzeit unter „Eliteuniversität“ kontrovers diskutiert wird, betrifft die Sortierung innerhalb des Personals für die zukünftige Elite. Die „Besten der Besten“ sollen mit forcierter Lernkonkurrenz, die dann auch zwischen den Unis eingerichtet wird, herausfiltert werden. Wer erst darin die einst verpönte Elitebildung entdeckt, der hat den entscheidenden Skandal des Bildungswesens hinter sich gelassen: Dass nämlich die Bürger mehrheitlich per Bildungswesen vom Zugang zu wissenschaftlicher Ausbildung ausgeschlossen werden. Wer erst am Programm zur Bildung von Eliteuniversitäten die Verletzung eines demokratischen Gleichheitsgrundsatzes beklagt, der hat es abgehakt, dass die Masse der Bürger für ihren späteren staatlichen und privatwirtschaftlichen Dienst wenig wissen muss und deswegen auch nur wenig lernen soll.

Die deutschen Hochschulvertreter heben eifrig die Finger, um Ansprüche auf einen elitären Status zu reklamieren. Baden-Württembergs Rektoren erklärten gleich sieben Unis im Land für elitetauglich.

Huisken: Das ist überhaupt nichts Neues, sondern nur die Fortsetzung des nationalen Rankings zwischen den Hochschulen.

Was halten Sie von solchen Eliteeinrichtungen?

Huisken: Meine Kritik an der Universität, ihrem Auftrag, ihrer Lehre und Ausbildung beginnt nicht erst dort, wo auf die stattfindende Konkurrenz zwischen dem akademischen Nachwuchs noch eine weitere draufgesattelt wird. Was mit dieser Zusatzselektion geleistet werden soll, wird außerdem mitgeteilt: Ohne deutsches Harvard, Yale oder MIT wird Deutschland in Sachen nobelpreisverdächtiger Spitzentechnologie, Spitzenmanagement und Spitzenführungskräften gegen die Konkurrenz USA nicht bestehen. Deshalb darf es auch nicht verwundern, wenn in den Eliteunis das „große Geld“ der Abnehmer von „Spitzenkräften und -leistungen“ von Anfang an präsent ist und die Richtung in Lehre und Forschung ganz unmittelbar vorgibt. Offener kann man gar nicht mehr aussprechen, wozu Wissenschaften hier und heute eingesetzt werden sollen: Deutschlands Stärke als Kapitalstandort gilt die ganze Anstrengung der rotgrünen Regierung. Eine zynische Klarstellung darüber, was mit „Wissensgesellschaft“ gemeint ist.

Gibt es in Deutschland eine neue Sehnsucht nach Eliten?

Huisken: Eine Elite hat jede bürgerliche Gesellschaft. Dabei handelt es sich um die mit Geld- und Staatsmacht ausgestattete führende Klasse. Das ist in einer Klassengesellschaft mit ihren Gegensätzen objektiv notwendig. Etwas anderes ist die ideologische Botschaft, die bei dem Begriff „Elite“ mitschwingt: Die will dem Volk die Herrschaftsverhältnisse als Verhältnisse natürlicher Auslese „der Besten“ vorstellig machen. Und die meisten bürgerlich-demokratischen Staaten wie Frankreich oder Großbritannien haben auch kein Problem damit, von ihren Eliten unbefangen zu reden. Das ist, beziehungsweise war, hierzulande etwas anders: Lange Zeit warf man deutschen Eliten vor, mindestens zweimal Deutschland in schwere Kriegs-Niederlagen geführt zu haben. Das ist aber längst vorbei. Jetzt redet gerade Kanzler Schröder ungeniert von „Führung“, die Deutschland braucht, wenn es mit den Weltmächten mithalten will. Und zur „Führung“ berufen sind „die Besten“. Folglich braucht es wieder eine „Führungselite“, die natürlich nicht über eine so genannte „gleichmacherische, nivellierende“ Ausbildung ermittelt werden kann, sondern nur durch Elitebildung.

Ist nicht schon die Erhöhung der Studiengebühren eine Vorstufe zur Elitenbildung?

Huisken: Genau so verhält es sich. Weswegen die kommenden Studiengebühren und sonstigen Verschärfungen der Konkurrenz unter Studierenden und Unis eben weder ein Sachzwang aus Finanznot noch ein „Anschlag auf Deutschlands Zukunft“ sind. Dies beklagen ja streikende Studenten, die sich ihr Deutschland immer noch als volks- und friedensfreundliche Heimat zurechtdenken. Nichts ist der Bildungspolitik selbstverständlicher, als die verschärfte Lernkonkurrenz zu ihrem logischen Ende voranzutreiben. Dazu gehört auch die Auswahl einer Elite. Durch diese Reform wird allerdings das ganze Hochbegabtengefasel widerlegt: Natürlich wird sich derjenige in Atomphysik oder Biogenetik gut auskennen, der 12 Stunden am Tag nur über seinen Bücher sitzen kann, weil er über die Finanzmittel dafür verfügt. Wenigstens wird er sich um einiges besser auskennen als der Kommilitone, der nachts Taxi fahren muss.

Was soll denn Ihrer Meinung nach eine Hochschule bieten – und wie weit ist der aktuelle Standard hierzulande von diesem Ideal entfernt?

Huisken: Dieses Problem mache ich mir nicht, da jeder „aktuelle Standard“ an Kriterien Maß nimmt, die immer von der Funktion der Wissenschaft für Staats- und Geldmacht im Kapitalismus ausgehen. Da interessieren mich die Abweichungen vom „Standard“ nach unten und oben wenig. Ich halte ich nichts von einer Ausbildung, die folgendes Leitmotiv verfolgt: In den Kopf der Studierenden darf nur hinein, was sie in Stand setzt, sich „der Industrie“ für deren Geldvermehrungs-Zwecke als brauchbarer und dauerhaft flexibler Geist anzubieten.

Was für Fähigkeiten und Fertigkeiten muss denn heute jemand mitbringen, der an der Uni einen guten Abschluss machen will?

Huisken: Eine der wichtigsten „Fähigkeiten“ besteht darin, über ein betuchtes Elternhaus zu verfügen, damit er nebenbei nicht jobben muss. Übrigens hängen genau so „Leistungselite“ und „Herkunftselite“ zusammen. Kanzler Schröder sagt zwar zutreffend: Es geht um „Elite durch Leistung, nicht durch Herkunft“, vergisst aber hinzufügen, dass geldige Herkunft eine der besten Bedingungen fürs Bestehen in der Leistungskonkurrenz ist. Eine andere Fähigkeit hat er schon mit Ablegung der Reifeprüfung unter Beweis gestellt, die Anpassungsfähigkeit: 12 oder 13 Jahre hat er bereitwillig jeden Lernstoff, der ihm jeweils vorgesetzt worden ist und auch so, wie er ihm vorgesetzt worden ist, gefressen. Drittens muss er über das nötige Maß Skrupellosigkeit in der Konkurrenz gegen die Mitstudierenden verfügen. Und viertens muss er seinen Opportunismus nützen, um einen „guten Draht“ zu „seinem Professor“ herzustellen. Ehe ich es vergesse: Lesen, schreiben, rechnen können muss er auch.

Ausgerechnet konservative Politiker reagieren empört auf den SPD-Vorschlag. Der bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) sagt: „Wir brauchen keine Eliteinseln.“ Ist das nicht eigenartig?

Huisken: Wenn man sich den Inhalt der Empörung anschaut, dann ist das gar nicht mehr eigenartig. Die CDUCSUFPD sind die letzten, die etwas gegen deutsche Princeton-Unis haben. Deswegen klagt Goppel auch nur einen breiten Unterbau von normalen „Massenunis“ ein, aus denen dann die „Inseln“ herausragen sollen. Als ob die SPD was anderes vorhätte!? Aber man ist ja nicht umsonst Opposition in Berlin.

Wie endet dieser SPD-Wunsch nach Eliteunis? Als kurzzeitiges Medientheater oder mit einem wirklichen Ergebnis?

Nein, das ist kein Medientheater. Dafür reiht sich dieser Vorschlag viel zu gut ein in das ganze Reformprogramm der Regierung, nämlich alle Abteilungen der Gesellschaft – das soziale System nebst Gesundheitswesen ebenso wie das Bildungswesen oder die Bundeswehr – neu unter eine politische Zwecksetzung zu subsumieren, neu zu definieren und entsprechend zu „reformieren“: Wie können sie einen noch besseren Beitrag zur technologischen, ökonomischen, politischen, militärischen Aufrüstung Deutschlands zu einer weltweit zwangsweise respektierten Großmacht leisten? Und damit ist es allen Parteien bitter ernst.

Quelle

Also entweder der Interviewer kann einfach nicht verstehen, was Freerk Huisken in einer doch recht einfachen Ausdrucksweise sagen möchte, er hat einfach ein starres Fragenprogramm abgespult oder er will es einfach nicht kapieren, weil es nicht in seine journalistische Denkschablone reinpasst.
Auf jeden Fall eine schöne Realsatire. Der auf ein bestimmten Meinungsspektrum konditionierte Interviewer kommt offensichtlich garnicht damit klar, auch einmal eine völlig davon abweichende Meinung zu hören, sondern hat mit üblichen „linken“ Botschaften gerechnet. (mehr…)

Das Licht unter den Völkern

„Der Jordan hat zwei Ufer, und beide gehören uns.“
-israelisches Volkslied

Israel hat gewählt. Zwischen jenen Flügeln des Zionismus dessen einer den Palästinensern von Herzen gerne einen „Staat“ aus einem Flickenteppich von Elendsbantustans gewähren will, und jenem dem schon die physische Präsenz dieser Menschen schier unerträglich ist, hat sich Israel für letzteren entschieden.
Bedeuten wird dies dass nun nicht einmal mehr das Lippenbekenntniss zu einem palästinensichen Staat Eingang in die Koalitionsvereinbarungen findet (ungeachtet des Feigenblattes der Arbeiterpartei, die wie heute bekannt wurde, es sich ebenfalls nicht nehmen lässt an die Fleischtöpfe der Macht zu stürmen)und ein Mann Außenminister wird der offen ethnische Säuberungen vertritt (was einiges über den Zustand der israelischen Gesellschaft aussagt, der gute Ben Gurion und ihm treu ergebene Historiker mussten immerhin noch arabische Evakuierungsaufrufe zur Erklärung der Nakba herbeihalluzinieren).
Eines sollte klar sein, Frieden wird mit dieser Regierung nicht möglich sein, unabhängig von der palästinensischen Politik. Jene Männer die von heute an in Israel Politik machen wollen auch keinen Frieden, ihre Wurzeln liegen im revisionstischen Zionismus eines Ze‘ev Jabotinsky, untermauert von biblischen Besitzansprüchen träumte man schon damals von einem Groß-Israel am liebsten bis an die Grenzen des Irak. Mit der Vertreibung der Palästineser aus der Westbank und den Angriff Begins auf dem Libanon wurde diese Politik konsequent weiter geführt.
Auch von der Politik eines Obama muss keine „rechte“ (ein Begriff der sich im Kontext des Zionismus stark relativiert) Regierung Angst haben. Das normale pattern of behaviour jeder US Regierung bei (stets grenzenlos aufgebauschten) „Konflikten“ mit Israel ist die des verhalten-symbolischen Protestes gefolgt von einer Erhöhung der Waffenlieferungen. Als Begin es während der Amtszeit Reagans dan doch einmal zu doll trieb mit dem Siedlungsbau und Reagan daraufhin „protestierte“, folgte ein Brief an den „lieben Ron“ in dem dieser von Begin über „einfache historische Tatsachen“ belehrt wurde. Zweifelos ein aussenpolitischer Affront den sich kaum ein Staat auf der Welt leisten kann. Die Antwort: Erhöhung der Waffenlieferungen auf dass bis dahin höchste Niveau in den zwischenstaatlichen Beziehungen.
Auch das Bloch’sche Prinzip Hoffnung liegt mittlerweile schon schwer im Magen. Die üblichen Aufrufe zum Umdenken klingen abgeschmackt und sind es wohl auch schon.
Nichtsdestotrotz sind Lösungen möglich. Es liegt an den Menschen auf beiden Seiten der Mauer etwas zu ändern.

Avancierte Gesellschaftskritik – Part II

Ähnlich kritische Potentiale scheint mir auch in den Liedern des vielgescholtenen Elektroschlagersängers Alexander Marcus zu liegen. Ich kann mich hier etwa Spiegel-Online nicht anschließen. Wer Uneindeutigkeit als etwas Negatives auffasst, der soll von Kunstkritik besser die Finger lassen und den GSP statt Kafka lassen. Er entpuppt selbst das höchst zweifelhaftes Bedürfnis nach „klaren Verhältnissen“, das er anderen vorhält. Und es ist gerade das Zeichen einer gut gemachten Satire, dass sie im Unklaren lässt, ob sie nun wirklich Satire ist. Sicher kann man Alexander Marcus auch Ernst nehmen – und vielleicht tut er das selbst ja auch. Aber weder Intention des Verfassers noch Lesart der Mehrheit schließen aus, dass andere Lesarten seiner Songs nicht vielleicht sinnvoller sind. Dass Marcus von vielen gerade nicht als radikalkritische Satire gelesen wird, ist vielmehr selbst ein Indiz dafür, wie berechtigt diese ist.

Denn, wie auch der Verfasser des Spiegel-Online-Artikels zutreffend erkennt, vernichtet Alexander Marcus jede Illusionen über elektronische Musik. Diese ist letztendlich von der Struktur her in größten Teilen nicht „progressiver“ oder was der Geier was als jeder dumpfe Schlager. Alexander Marcus erscheint als ein Till Eulenspiegel, der die Popkultur schonungslos ins Lächerliche treibt.

Ich möchte das im Folgenden anhand einiger Beispiele etwas erläutern (man könnte es im Grunde an jedem Alexander-Marcus-Song aufzeigen).

Dieser Song ist eine Collage zahlreicher deutscher Volkslieder und Schlager, von der ersten Strophe des Deutschlandlieds bis „Hoch auf dem gelben Wagen“ und „Brennt die Hütte ab“. Zugleich steht er in Zusammenhang zum „Schwarz-Rot-Geil“-Rummel alla Pocher, Mia und Sportsfreunde Stiller. Die bunte Volksgemeinschaft der Fan- und Fungemeinde, die dem Aufschwung entgegenrollt. Endlich gehts nach vorne!

Marcus entpuppt sie nicht nur in ihrer Kontinuität zum ganz klassischen deutschen Nationalismus, sondern in ihrer ganzen Infantilität und Idiotie. Der Fahrer ist ein vermutlich polnisch sprechender Clown, Osteuropa der Niedriglohnhinterhof der Weltmacht BRD. Marcus im Michael-Jackson-Kostüm der Retter, der die „Wir wollen weiterfahren“ respektive „Wir sind das Volk“ rufenden Unmündigen durch eine schnelle Lösung endlich zum Weiterfahren befähigt. Er lässt salutieren und erhebt den rechten Arm zum Gruß. Eine Weiterfahrt der selbstgewählten Stupidität hinein in den nächsten Aufschwung bei stetig schlechter werdenden Lebensbedingungen – yippieh!

Insbesondere der Schluss bricht das vorherige Rollen des Wagens nocheinmal ironisch: ja, der Wagen ist gerollt – rückwärts, den Helden am Ende selbst noch überfahrend.

Echter Agitprop für den Nationalismus sieht anders aus, etwa so:

Samy deluxe hat offenbar die Wende vom radikallinksliberalen Kritiker zum Reformisten vollzogen und fühlt sich nun bemüßigt, der „neusten deutschen Welle“ einen adäquaten Ausdruck zu geben. Von dem alten deutschen Sparwitz „Hitler war ein Österreicher“, bis zu einem dezenten Hinweis auf den geschichtsrevisionistischen Stauffenbergfilm – da bleibt einem kein neudeutsche Peinlichkeit erspart.

Der Song zeigt immerhin, dass man mit reiner klassisch-antifaschistischer Nationalismuskritik gegen den jetzt ernst gewordenen Partyiotismus nicht mehr ankommt. Er hat die Reflexion auf die deutsche Geschichte zunehmend in sich aufgenommen und definiert sich ja gerade als antifaschistischer Patriotismus. Die marxistische Kritik daran trifft dagegen genau den Kern der Sache: es geht darum, Integrationsarbeit zu leisten, um eine Volksgemeinschaft im Sinne eines erstmal inhaltsleeren „Wohls der Nation“, einer klassenübergreifenden Solidarität, zu konstruieren. Wem das letztendlich nützt, sollte eigentlich klar sein: nicht irgendwelchen Unterschichtsmigranten, sondern dem Erhalt des deutschen Kapitalismus.

Was ist als nächstes von Samy Deluxe zu erwarten? Ein Lied über seinen neu entdeckten Glauben an Gott bei einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela?

Trotz trotteligen Mackerverhaltens am Ende mit seiner anfangs widerstrebenden, aber dann – nach gewaltsamer Bedrängung und einem bizzaren Balzritual in Form eines Paarungstanz – doch willigen Traumfrau triumphierend gen Freiheit mit wehenden blonden Haaren ziehen – besser kann eine Psychogeographie des bürgerlichen Mannes nicht aussehen.

Und auch hier wird wieder der Voluntarismus der Popkultur entzaubert. „Triumph des Willens“, es geht um alles oder nichts, um das Ganze. Jetzt, nach langer, harter Entbehrung, endlich – Weltmeister, Exportnation, klassenlose Klassengesellschaft, raff dich nochmal auf, vom Tellerwäscher zum Millionär.

Ich denke, man kann Alexander Marcus durchaus als nachfolger der „Ärzte“ zu ihren besten Zeiten sehen, auch wenn seine Ironie weniger offensichtlich und so meiner Meinung nach noch stacheliger ist. Er ist einfach Popkultur im Extrakt. Aneinandergehäufte Floskeln, lächerliche Versöhnung, inhaltsleere Bejahung des Lebens an sich.

Avancierte Gesellschaftskritik – Part I

Auch wenn das ganze etwas von einem schlechten Mix aus DAF und Rammstein hat – textlich finde ich es recht brillant.

„Wir alle sind besessen,
wir alle sind verflucht,
wir alle sind gekreuzigt
- und alle sind kaputt
von Reiztechnologie
von Zeitökonomie
von Qualität des Lebens
und Kriegsphilosophie.“

Diese vier Schlagwörter, die ja auch im Video besonders exponiert werden, charakterizieren eigentlich alles, um was es gibt. Besser kann man unsere liebe Drecksgesellschaft nicht beschreiben. Zugleich entsteht durch den slawischen Akzent und die für deutsche Muttersprachler eigenartige Ausdrucksweise ein äußerst expressiver Verfremdungseffekt. Die Wörter wirken wie Fremdwörter, wie Propagandaschlagwörter, ihr Sinn ist einerseits transparent und harmlos, andererseits furchtbar unheimlich und scheinbar symbolisch aufgeladen zugleich. „Zeitökonomie“ ist schließlich ein normaler Begriff modernen Selbstmanagements, „Qualität des Lebens“ das Ziel jeder Psychotherapie. Das Normale wird zum Fremden, der Lauf der kapitalisierten Welt als monotones, erbarmungsloses Hämmern, das niemals abbrechen darf, verdeutlicht. Ein bizzarer Totentanz. Die Aufforderung zum Tanz ähnelt da eher einer Drohung als einer Einladung. Zugleich wie die Infantilisierung der Menschheit durch die ständigen Zitate deutscher Kinderlieder („Brüderchen komm tanz mit mir“) nachvollzogen. Selbst noch die Kinderlieder sind Teil eines nie enden wollenden Alptraums.

In der zweiten Strophe wird – in offensichtlicher Adaption des Klassikers „Tanz den Mussolini“ von DAF – in postmodern-beliebiger Weise die Identität der scheinbar unterschiedlichen Regierungsformen herausgestellt. Auch wenn man inhaltlich die „rote Anarchie“ sicherlich aus der Reihe entfernen wollte, ist doch deutlich: egal, wer die Macht hat, auf Reiztechnologie, Zeitökonomie, Qualität des Lebens und Kriegsphilosophie läuft es letztendlich doch heraus.

Ein Packung Eier für 2 Euro, eine Tracht Prügel für ein unbedachtes Wort

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

„Wie du mir so ich dir.“ (alte Volksweisheiten)

Das Äquivalenzprinzip scheint mir – den Analysen Adornos und Nietzsches in diesem Punkt folgend – einer der Generalschlüssel zum Verständnis von Zivilisation im Allgemeinen zu sein. Es durchdringt alle Poren der Gesellschaft bis ins Intimste, je mehr diese auf ökonomisch auf dem gleichen Tausch basieren. Der gerechte Ausgleich wird gesucht, das „rechte Maß“ in Denken, Handeln, Lieben, Kunst, Gesetzgebung etc.

Es ist sicher zu pauschal zu behaupten, dass es ein simples Ableitungsverhältnis zwischen ökonomischen Äquivalenzprinzip und Äquivalenzprinzip in den anderen Sphären gäbe. Aber doch muss ein enger Zusammenhang zwischen beidem zugestanden werden. Denn bereits in den frühesten Gesellschaften muss es immens wichtig gewesen sein, beim Austausch von Waren das Seine zu erhalten, nicht betrogen zu werden, damit sich der Aufwand seiner eigenen Arbeit vollwertig bezahlt machte.
Damit ist untrennbar auch das Prinzip der Subjektivität verbunden: als Subjekt im Sinne eines Herrschenden behauptet sich nur, wer über die ihm eigenen Güter so verfügen kann, dass er sich ihrer nicht entledigen muss, ohne einen Verlust zu machen. Auch Großzügigkeit kann sich nur der leisten, der zuvor rigoros dem Prinzip gehorchte und womöglich sogar an anderer Stelle andere übervorteilte.
Das Subjekt in seiner wesentlichen Konzeption ist stets ein Tauschsubjekt, das seine eigene Herrschaft dem Begriff nach davon abhängig machen muss, einem fremden Prinzip zu gehorchen, dass seinen Bedürfnissen widerspricht. Denn die Befriedigung der Bedürfnisse stößt an die Grenze der eigenen Tauschfähigkeit, und sei auch objektiv noch so viel vom Begehrten vorhanden. Weil jeder das Seine bekommt, kriegt niemand das, was er bedarf.
Grausam trifft es zumal die, die zur Äquivalenz unfähig sind. Als Herren bewehren sich stets die, die zum Tausch fähig sind, die Unterworfenen die, deren Beitrag nicht gilt und die als bestenfalls von Almosen zehrendes Anhängsel mitgeschleift werden. Die Großzügigkeit der Herren wie ihre Willkür bestätigt bloß ihre durch die Fähigkeit zum Tausch gesicherte Herrschaft.
Betrug, gerechter Tausch und Großzügigkeit können nicht isoliert voneinander betrachtet werden, sondern bilden letztendlich eine Einheit.
In der vollendeten Warenproduktion regiert auch das Tauschprinzip vollendet, trotz der immens wachsenden Möglichkeit seiner Negation im Prinzip der Bedürfnisbefriedigung. Wenn man hier von Fortschritt sprechen kann, dann sicher nur insofern, dass die Tauschgerechtigkeit auch die Willkür beschränkt. Doch in der Selbstbezichtigung des Arbeitslosen, der sich schämt, das ihm gegebene Krümmelchen vom Kuchen des gesellschaftlichen Reichtums nicht vergelten zu können, und im Zynismus des Reichen, der seinen Verdienst so rechtfertigt, dass er ihn erst befähige, gegenüber den Verlierern gnädig zu sein, wirkt die Barbarei des Tausches unvermittelt fort.

Beschränkend wirkt zudem die Einsicht in die Beschränktheit der strikten Äquivalenz und ihre komplementäre Ergänzung durch die spezifisch bürgerliche Nutzrationalität, wobei freilich das Äquivalenzgebot im Reich der Zwecke bestehen bleibt und im Verbund mit radikalem Nutzdenken sich genauso gut nochmals potenzieren kann. (mehr…)

Gesellschaft der Trennungen

Der hier unternommene Versuch, möchte aufzeigen, inwiefern es sich bei der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, um eine Gesellschaft der Trennung(en) handelt. Dabei soll der Begriff der Trennung hier nicht als empirisch-positivistisch verstanden werden, in dem Sinne, als dass es sich hier um eine Abhandlung über das Reichtumsgefälle sowohl auf globaler, wie auf nationaler Ebene handelt, mit den damit verbundenen getrennten Möglichkeit der Partizipation, auch wenn darüber eine Untersuchung interessant wäre. Stattdessen soll gerade hinter diese empirische Ebene getreten werden und das Moment der Trennung als konstitutiv für eine Gesellschaft gesehen wird, in der die Reichtumsproduktion geld- und warenvermittelt stattfindet. Der Begriff der Trennung soll somit als eine Entzweiung einer Einheit verstandene werden, die derselbigen inhärent ist, wobei dieses Auseinanderklaffen zweier Momente mit einem Gegeneinandertreten verbunden ist.
Den Anfang dieser Trennung macht hierbei die „Elementarform“ (Marx, Kapital I) der bürgerlichen Gesellschaft, die Ware. Kennzeichnend für Selbige ist ihre doppelte gesellschaftliche Bestimmtheit, ihre Einteilung in Gebrauchswert und Wert bzw. Tauschwert (die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen, die Marx unternimmt, soll hier nicht dargestellt werden). Dabei ist sowohl der Gebrauchswert als auch der Tauschwert einer Ware einer gesellschaftlichen Entwicklung unterstellt, denn die Nützlichkeit derselben als auch die abstrakte Arbeitszeit, welche ihre Wertgröße ausmacht, unterliegt selbstredend gesellschaftlicher Tendenzen, so zum einen der Produktivität der Arbeit, zum anderen den Präferenzen der Mitglieder der Gesellschaft, als auch der technischen Entwicklung. Mit dieser doppelten Bestimmtheit ist auch die erste Trennung gesetzt, denn Gebrauchswert und Tauschwert, treten mit zunehmender Entwicklung der Warenproduktion auseinander und offenbaren somit den Charakter der Ware als „sinnlich übersinnliches Ding“ (Marx, Kapital I). Das Gegenübertreten beider Momente der Ware wird augenscheinlich offensichtlich, mit entwickelter Arbeitsteilung. So werden die Schritte der Produktion einer Ware als solche perfektioniert, jeder Teilschritt wird bis ins kleinste durchorganisiert. Eine Entwicklung, die gerade deswegen auf totaler Ebene sich durchsetzte, als die Produzenten in Konkurrenz standen. Darin drückt sich auch die Triebfeder der Produktion aus. Bestimmendes Moment ist der Wert, der somit die Entzweiung der Ware als Gegenüberteten beider Bestimmungen zueinander deutlich macht, wobei die Dominanz dem Tauschwert zukommt. Dies drückt sich auch darin aus das potentiell jeder Teilschritt selbst als eigenständige Warenprodukion auftreten kann oder wie Lukacs es nennt: „Die Einheit des Produktes als Ware fällt nicht mehr mit seiner Einheit als Gebrauchswert zusammen. Gleichzeitig ist jedoch dieses Auseinandertreten zweier Momente der Ware als Ursache ökonomischer Krisen zu begreifen. Denn letztlich müssen zur Realisierung des Werts auch Gebrauchswerte produziert werden.
Einem Gebrauchswert einer Ware kommt bei dieser Entwicklung dabei besondere Bedeutung zu, nämlich die Fähigkeit der Ware Arbeitskraft Wert zu schaffen. Es ist folglich auch diese besondere Ware, die den Charakter der bürgerlichen Gesellschaft als Gesellschaft der Trennung verstärkt zum Ausdruck bringt, allein aus dem Grund, als es die Warenform der Arbeitskraft ist, die Warenprodukion als dominantes gesellschaftliches Prinzip notwendig macht und dabei gleichzeitig notwendig zur Entfaltung der Kapitalakkumulation ist. Überhaupt ist Warenförmigkeit der Arbeitskraft nur über Trennung möglich. So beschreibt Marx in der ursprünglichen Akkumulation die gewaltsame Durchsetzung des doppelt freien Arbeiters, der über die gewaltsame Trennung von den Produktionsmitteln zum Verkauf seiner Fähigkeit zur Arbeit gezwungen ist. Eine Entzweiung die notwendig zur Konstitution des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist, die dem Wesen nach nichts anderes darstellt als eine Trennung zwischen Verfügenden der Produktionsmitteln und von Selbigen Verfügten, deren Existenz vom zu Markte Tragen ihrer selbst abhängt. In diesem Zwang zum Verkauf liegt dabei selbst eine weitere Trennung begründet, eine Entzweiung innerhalb des Arbeiters, der „seine Arbeit als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt wird.“ (Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein)
Eine Entzweiung, die mit entwickelter Arbeitsteilung deutlicher wird. Die Fähigkeit zur Arbeit realisiert sich im durchrationalisierten Betrieb im stupiden Schalten und Drücken, eine Handlung die notwendig eine Abspaltung innerhalb des Arbeiters zur Folge haben muss. Mit zunehmender Produktivität und technischer Innovation konnten diese Formen der Arbeit glücklicherweise substituiert werden, was jedoch nur eine Verlagerung der Abspaltung zur Folge hatte. Denn die Objektivation der zu verkaufenden Fähigkeiten obliegt dem Arbeiter weiterhin, letztlich ist die Veredelung derselben ihm zusätzlich aufgebürdet. Schließlich ist die freundliche Stimme der Call-Center-Angestellten nichts weiter die Realisierung der Fähigkeit zur Freundlichkeit, die Selbige hier zur eigenen Reproduktion zum Verkauf anbot. Gleiches gilt für sämtliche Soft-Skill-Kurse.
Zusammen mit Trennung von den Produktionsmitteln begründet diese psychische Abspaltung eine weitere Entzweiung: Die erst mit der bürgerlichen Gesellschaft auftretenden Trennung zwischen Privat und Öffentlich oder, anders ausgedrückt, zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre. Dabei kommt dieser Trennung die Perpetuierung einer älteren, vorbürgerlichen Trennung zu, die der Geschlechtertrennung, welche hier nicht länger ausgeführt werden soll. Auch diese Entzweiung ist mit einem Gegenübertreten verbunden, die bei Entwicklung des Kapitalismus ein Ungleichgewicht der beiden Momente zueinander entfaltet. So ist es die Scheidung zwischen Privat und Öffentlich, die ersterer die Funktion einräumt als Ort der Reproduktion sowohl physisch, wie psychisch zu fungieren. Damit ist dieser gesonderte Bereich zwar notwendig zur Reproduktion des Ganzen, da die Verwertung der Arbeitskraft ohne die Wiederherstellung derselben schlechterdings möglich, doch gleichzeitig vielleicht der letzte Rückzugsraum, die dem Einzelnen die Möglichkeit bietet, „[sich] schwach [zu] zeigen, ohne Stärke zu provozieren.“ (Adorno, Minima Moralia) Mit der Erosion der Familie ist es jedoch dieser Bereich der Intimität, der zunehmende dem Öffentlichen, meist in Form des Staates, ausgesetzt wird. Ein Resultat, das eine Tendenz zur Verselbständigung der Produktionssphäre zur Grundlage hat. Denn es ist die, der kapitalistischen Produktion innewohnende Tendenz zur Zentralisation und Konzentration, die bedingt durch entfesselte Produktivkräfte, einen gesellschaftlichen Apparat erzeugt, die „das Schicksal des Arbeiters […] zum allgemeinen Schicksal der ganzen Gesellschaft“ (Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein) werden lässt. Ein Schicksal, welches darin besteht, in Kontemplation dem „circulus vitiosus“ (Marcuse, Der eindimensionale Mensch) gegenüber zu stehen, das „im Prinzip […] alle, noch die Mächtigsten zu Objekte[n]“ (Adorno, Minima Moralia) macht. Denn selbst der Topmanager, dessen Befugnisse den letzten Winkel des von ihm kontrollieren Betriebes erfasst, ist degradiert zum Angestellten, der mittels vorgefertigter Schablonen und Formeln mögliche Entwicklungen am anonymen Markt prognostizieren muss, dabei, ganz augenscheinlich, den Aktionären Rede und Antwort stehen muss. Somit ist es das „falsche Allgemeine“ (Adorno, Minima Moralia), welches, vermittelt über den Wert, als riesige „Kapitalmaschinerie“ den Menschen gegenübertritt, eine Entgegensetzung, welche selbst von Menschenhand entsprungen ist, dessen Ursprung dabei selbst verschleiert wird. Damit ist es dieser notwendige reale Schein in Gestalt des Kapitalfetischs, welcher eine Abhängigkeit begründet, deren Dialektik darin zum Ausdruck kommt, dass trotz zunehmender Vergesellschaftung der Gesellschaft, eine Atomisierung ihrer Mitglieder besteht, die das Ganze dadurch reproduzieren, insofern sie sich jedes Mal aufs Neue zu Markte tragen müssen. Folglich begründet die bürgerliche Gesellschaft in entwickelterster Gestalt eine Entzweiung, dessen Verhältnis eine Auslieferung des Einzelnen an eine ihm äußerliche, anonyme Gesellschaft darstellt, die eine immanente Versöhnung über eine Identifizierung mit den „ideellen Gesamtkapitalisten“ (Engels), dem Staat zulässt. In aktuellen Debatten zeigt sich dies, in verstärkten Appellen an den Staat, krisen-lösend zu intervenieren, während nur wenige Jahre zuvor, die Identifikation über die beinahe Internalisierung der Standortlogik verlief. Selbstredend bedeutet diese Form der Versöhnung für den Einzelnen, die Abstraktion von seinen realen Bedürfnissen, die einem Verzicht im Wege stehen.
Die vielleicht grundsätzlichste Trennung fußt auf dieser Vorherigen. Denn mit der Entwicklung der „circulus vitiosus“, deren Totalität die Reduktion aller Mitglieder einer Gesellschaft auf eine Funktion im Ganzen darstellt, entfremdet sich die Gattung Mensch von sich selbst, insofern als es ihr zunehmend möglich wäre, ihre selbstbegründete Abhängigkeit aufzuheben. Voraussetzung dafür ist die Aufhebung der Gleichzeitigkeit der Rationalität mit der Irrationalität, die widersprüchlichste Trennung überhaupt. Während nämlich jeder Teilbereich, jeder Betrieb, jede Verwaltungsabteilung zum Gegenstand der rationalen Erfassung wird, findet die gesamtgesellschaftliche Reproduktion außerhalb der bewussten Gestaltung statt. Darüber hinaus sind es dabei noch jene Marktgesetze, welche außerhalb der Planbarkeit walten, deren wissenschaftliche Durchdringung zwar der bürgerlichen Ökonomie obliegen, denen die Rationalität der Teilsysteme verpflichtet ist. Damit verkehrt sich das Subjekt-Objekt-Verhältnis, welches die Menschheit innerhalb ihrer Entwicklung, der Natur gegenüber entfalten konnte. Zwar gelingt es über die wissenschaftliche Durchdringung die anfangs äußerlichen Naturgewalten, denen gegenüber der Mensch ausgeliefert war, anzueignen, umzusetzen und in Mittel zur Reichtumsproduktion zu verwandeln, doch findet diese Aneignung, eingepresst in eine dem Menschen äußerliche Form, statt, die eine Aneignung der Naturgesetze als Mittel zur Kapitalakkumulation setzen, anstatt den Zweck der Produktion in der bewussten Befriedigung der entwickelten, menschlichen Bedürfnisse. Folglich begründet diese Trennung ein Verhältnis, dass die Menschheit als Objekt eines selbstgeschaffenen „automatischen Subjekts“ (Marx) ausliefert. Damit erweist sich die bürgerliche Gesellschaft als größtmögliche Trennung des Menschen von seiner Möglichkeit, bewusster Akteur der Geschichte zu werden und somit das marxsche Zitat, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, lügen zu strafen.

Es herrschte Kapitalismus

Ökonomie der Zerstörung: Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus

Die Betrachtung der Geschichte hat sich auch in unseren sich aufgeklärt dünkenden Zeiten nicht vollständig von der alten Tradition der Mythenerzählung emanzipiert. Dies ist insbesondere beim Nationalsozialismus der Fall. Insbesondere von der Kulturindustrie und der Legitimation des deutschen Staates verpflichtete Historiker werden vorhande Sagen über die Vergangenheit nur reproduziert, anstatt sie auf die historische Wahrheit zurückzuführen.

Eine entfremdete Gesellschaft produziert einen entfremdeten Zugang zur eigenen Geschichte. Sie bedarf des Mythos als notwendig falsches Bewusstsein ihrer selbst.

Das erst im vergangenen Jahr erschienene, fast 900 Seiten starke Buch von Adam Tooze, vertritt dabei explizit dem Anspruch, dem durch eine wissenschaftliche, an Fakten orientierten Darstellung der Vergangenheit entgegenzuwirken. Hier ist natürlich Vorsicht geboten: hinter den so genannten „Fakten“ verschwindet oft, dass auch diese durch Filtrierung des Gegebenen produziert sind. Es gibt keine neutralen, unbefleckten Fakten, wie es Positivismus und Historismus in allen Wissenschaften gern glauben machen, es kann sie garnicht geben. Die Auswahl und Einordnung der Fakten unterliegt immer bestimmten Prämissen, die es zu auf ihre theoretische Berechtigung zu prüfen gilt.1

In diesem Sinne ist auch das Buch von Adam Tooze verworfen. Sein für seinen gesamten Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus konstitutiver Standpunkt ist der des sozialstaatlichen Normalkapitalismus, wie er sich nach dem Krieg in der Bundesrepublik etablierte. Er sieht nicht den Zusammenhang zwischen Normalität und Ausnahmezustand, wie er noch im Ausnahmerecht jedes bürgerlichen Rechtsstaat aufscheint, sondern stellt diesen als historische Alternative zum Nationalsozialismus dar.

Die Deutschen hätten sich seiner Meinung nach auch für eine wohlfahrtsstaatliche Variante der Krisenlösung nach der katastrophalen Krise, wie sie sich in der Politik der bürgerlichen Parteien vor ’33 aufscheinte, etwa der Stresemanns, der bereits die Politik der Orientierung an Amerika unter Adenauer antizipierte, entscheiden können und wären damit – im Nachhinein betrachtet – besser weggekommen. Dabei legt er selbst ausführlich dar, wie gerade die nationalsozialistische Kriegswirtschaft zu einem gewaltigen Rationalisierungsschub führte, indem sie zu einer effizienteren Verwaltung von Arbeitskraft und Rohstoffen zwang.

Es war eben die Kriegswirtschaft, die die Nachkriegsprosperität ermöglichte – insbesondere in Deutschland, aber eigentlich in allen beteiligten Ländern. Auch dagegen ließen sich sicherlich Argumente anführen – wie etwa der sich durchaus auch vor dem Krieg entfaltende Massenwohlstand in den USA – aber gerade für Deutschland trifft es durchaus den Kern der Sache und offenbart den Zynismus, der dem „Wirtschaftswunder“ von Anfang an innewohnte. Die deutsche Wirtschaft brummte erst nach einem gewaltigen, historisch einmaligen Blutopfer, auch wenn man dem Resultat seine Geschichte nicht mehr ansieht. Der Titel „Ökonomie der Zerstörung“ trifft in diesem Sinne bestenfalls die halbe Wahrheit, es sollte vielleicht besser „Ökonomie durch Zerstörung“ heißen – womit freilich über die kapitalistische Gesellschaft im Allgemeinen, nicht nur über die nationalsozialistische im Besonderen wahr gesprochen wäre.

Zugleich negiert die Rede von allgemeiner Zerstörung den fundamentalen Unterschied zwischen Opfern und Tätern. Im letzten Kapitel seines Buches rechnet etwa Tooze deutsche Gefallene, deutsche getöte Zivilisten, ausländische Gefallene und getötete Zivilisten und schließlich Opfer von Euthanasie und Völkermord völlig ununterschieden nebeneinander. Zerstörung brachte der Krieg aber eben letztendlich nicht für die Deutschen (und sicherlich auch die anderen europäischen Völker) – die haben den Wiederaufbau geschafft. Die Juden wurden hingegen endgültig aus Europa getilgt.

Diese Aspekte geraten also in Toozes Buch aus dem Blickfeld. Dennoch werden auch sie angedeutet, wenn er etwa aufzeigt, dass z.B. in Oświęcim nach dem Krieg eine blühende Kunstfaserindustrie auf dem Boden der Bunawerke entstand. Es ist eben durchaus Toozes große Stärke, dass er den Zynismus, der gerade nicht im Wahnsinn, sondern in der Rationalität der nationalsozialistischen Politik nach bürgerlichen Maßstäben liegt, in vielen Punkten deutlich aufzeigt, auch wenn er nicht Kern seiner eigenen Geschichtsdeutung ist. So wird eines mythologischen Betrachtung des Nationalsozialismus selbst in seinen brutalsten Momenten im Sinne des Nationalsozialismus als des fundamental Bösen, gänzlich Anderen auf beklemmende Weise der Boden entzogen. Die Nazis waren eben nicht nur wahnhafte Monstren, sondern zu einem guten Teil gerade im Gegenteil kühl kalkulierende Bürokraten, die noch die Shoa als einmaligen Gipfelpunkt des Grauens, den der Kapitalismus über die Welt brachte, mit zweckrationalen, ökonomischen Erwägungen rechtfertigten. Wie Tooze darlegt, „diente sogar die Vergasung des gesamten polnischen Judentums einem funktionellen Zweck bei dieser [des von Speer instruiertem so genanntem „Rüstungswunder“; TS] radikalisierten Form des Totalen Krieges. “ (S. 767)

Man wog eben ab: wir haben zu wenig zu Fressen, wer ist es wert zu leben, wer nicht? Priorität müssen die Deutschen haben, dann die west- und nordeuropäischen Vasallen, dann die Zwangsarbeiter, am Ende standen die Juden und andere für lebensunwert befundene Gruppen. Ein Plan des Reichsministeriums von Anfang 1941 sah bereits die systematische Aushungerung von 30 Millionen Menschen in den Ostgebieten vor. „Es war der Nahrungsmangel, weswegen die sowjetischen Kriegsgefangenen, die Arbeitssklaven aus den Konzentrationslagern und die Ostarbeiter sogar dann noch in so grauenhafter Zahl umgebracht wurden, als sie bereits dringend für die Kriegsproduktion benötigt worden wären.“ (S. 620)
Sicher gab dieser Umstand nur den Anstoß zur systematischen Menschenvernichtung, es war nicht nicht der eigentliche Grund für die Shoa, der mit Sicherheit in der Sphäre der antisemitischen Ideologie zu suchen ist. Dies betont auch Tooze ausdrücklich, bereits im Vorwort mit dem Marxzitat aus dem „18. Brumaire des Napoleon Bonaparte“: „die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter umittelbar vorgefunden, gegebenen und überlieferten Umständen.“2 Darunter wäre eben auch die nationalsozialistische Ideologie zu fassen: „Natürlich folgte der Holocaust den obersten ideologischen Imperativen des NS-Staates, jedoch immer unter dem Vorbehalt, dass die Umstände keine pragmatischen Kompromisse erforderten.“ (S. 607)

Dennoch zeigt die Historie: in einer staatlich verfassten Welt kann es immer wieder zu ähnlichen Situationen kommen und im Ernstfall wird dann unter Rückgriff auf vorhandene Ideologome (Rassismus, Antisemitismus, Biologismus etc.) einfach mal ein Teil der Bevölkerung ganz zweckrational ausradiert. Letztendlich argumentieren die Befürworter eines harten Asylrechts ja ganz ähnlich – und das nicht in einer ja tatsächlich krisenhaften Kriegssituation, sondern inmitten eines stofflichen Überflusses, von dem Hitler und Co. nur träumen konnten. Wer in das vermeintlich volle Boot will, muss damit rechnen, an der Grenze abgeknallt zu werden. Das ist natürlich nicht mit der Shoa irgendwie vergleichbar, aber es ist dieselbe Logik, die dahintersteckt und die in der kapitalistischen Gesellschaft notwendig falsches, also in gewissem Sinne durchaus richtiges, Bewusstsein ist. Irgendwen muss man halt abschlachten, wenn man davon absieht, die objektive Unsinnigkeit des eigenen Handelns einzusehen und zu kapitulieren, wie es die Band „Tocotronic“ in ihrem bekannten Song gleichen Titels empfiehlt.

Dies macht Tooze – wohl letztendlich gegen seine Intention – mehr als deutlich. (mehr…)




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