Ein Packung Eier für 2 Euro, eine Tracht Prügel für ein unbedachtes Wort

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

„Wie du mir so ich dir.“ (alte Volksweisheiten)

Das Äquivalenzprinzip scheint mir – den Analysen Adornos und Nietzsches in diesem Punkt folgend – einer der Generalschlüssel zum Verständnis von Zivilisation im Allgemeinen zu sein. Es durchdringt alle Poren der Gesellschaft bis ins Intimste, je mehr diese auf ökonomisch auf dem gleichen Tausch basieren. Der gerechte Ausgleich wird gesucht, das „rechte Maß“ in Denken, Handeln, Lieben, Kunst, Gesetzgebung etc.

Es ist sicher zu pauschal zu behaupten, dass es ein simples Ableitungsverhältnis zwischen ökonomischen Äquivalenzprinzip und Äquivalenzprinzip in den anderen Sphären gäbe. Aber doch muss ein enger Zusammenhang zwischen beidem zugestanden werden. Denn bereits in den frühesten Gesellschaften muss es immens wichtig gewesen sein, beim Austausch von Waren das Seine zu erhalten, nicht betrogen zu werden, damit sich der Aufwand seiner eigenen Arbeit vollwertig bezahlt machte.
Damit ist untrennbar auch das Prinzip der Subjektivität verbunden: als Subjekt im Sinne eines Herrschenden behauptet sich nur, wer über die ihm eigenen Güter so verfügen kann, dass er sich ihrer nicht entledigen muss, ohne einen Verlust zu machen. Auch Großzügigkeit kann sich nur der leisten, der zuvor rigoros dem Prinzip gehorchte und womöglich sogar an anderer Stelle andere übervorteilte.
Das Subjekt in seiner wesentlichen Konzeption ist stets ein Tauschsubjekt, das seine eigene Herrschaft dem Begriff nach davon abhängig machen muss, einem fremden Prinzip zu gehorchen, dass seinen Bedürfnissen widerspricht. Denn die Befriedigung der Bedürfnisse stößt an die Grenze der eigenen Tauschfähigkeit, und sei auch objektiv noch so viel vom Begehrten vorhanden. Weil jeder das Seine bekommt, kriegt niemand das, was er bedarf.
Grausam trifft es zumal die, die zur Äquivalenz unfähig sind. Als Herren bewehren sich stets die, die zum Tausch fähig sind, die Unterworfenen die, deren Beitrag nicht gilt und die als bestenfalls von Almosen zehrendes Anhängsel mitgeschleift werden. Die Großzügigkeit der Herren wie ihre Willkür bestätigt bloß ihre durch die Fähigkeit zum Tausch gesicherte Herrschaft.
Betrug, gerechter Tausch und Großzügigkeit können nicht isoliert voneinander betrachtet werden, sondern bilden letztendlich eine Einheit.
In der vollendeten Warenproduktion regiert auch das Tauschprinzip vollendet, trotz der immens wachsenden Möglichkeit seiner Negation im Prinzip der Bedürfnisbefriedigung. Wenn man hier von Fortschritt sprechen kann, dann sicher nur insofern, dass die Tauschgerechtigkeit auch die Willkür beschränkt. Doch in der Selbstbezichtigung des Arbeitslosen, der sich schämt, das ihm gegebene Krümmelchen vom Kuchen des gesellschaftlichen Reichtums nicht vergelten zu können, und im Zynismus des Reichen, der seinen Verdienst so rechtfertigt, dass er ihn erst befähige, gegenüber den Verlierern gnädig zu sein, wirkt die Barbarei des Tausches unvermittelt fort.

Beschränkend wirkt zudem die Einsicht in die Beschränktheit der strikten Äquivalenz und ihre komplementäre Ergänzung durch die spezifisch bürgerliche Nutzrationalität, wobei freilich das Äquivalenzgebot im Reich der Zwecke bestehen bleibt und im Verbund mit radikalem Nutzdenken sich genauso gut nochmals potenzieren kann.

Die höchste Form der Barbarei jedoch erreicht das Tauschprinzip in seinem dunklen Zwillingsbruder, mit dem es jedoch notwendig verbunden bleibt – der Rache. Sich nicht als Bedürfnis-, sondern als Tauschsubjekt behaupten zu können heißt immer auch, fähig zu sein, den vermeintlichen oder tatsächlichen Betrug, der einem angetan wurde, durch Sühne wieder auszugleichen. Hier gilt noch mehr, dass Herrschaft Fähigkeit zur Rache, zum „Vergeltungsschlag“ bedeutet. Dabei ist die blinde, emotionale Rache nur graduell von der äquivalenten Rache unterschieden. Der wahre Herr beweist sich im Mord für den Diebstahl.
Das Racheprinzip als Pendant des Tauschprinzips durchkreuzt ebenso wie jenes alle Sphären als Basis für jedwedes Ideologem. Etwa in der Religion die Rache Gottes oder die schlechte Wiedergeburt als ideellen Ausgleich für die in der Realität nicht erfolgte Sühne für den gefühlten Betrug der Herren an den Untergebenen.
Die aufgeklärte Gesellschaft dünkt sich, das Racheprinzip überwunden zu haben. Doch es ist nicht aufzuheben ohne die Aufhebung des Tauschs. Die Universalisierung des Tauschs hat höchstens zur Ächtung der willkürlichen Rache geführt. Doch selbst noch im fortgeschrittensten Strafrecht ist der Gedanke der Sühne für die Tat impliziert. Keine Gefängnisstrafe ist im vollen Maße durch zweckrationale Argumente zu rechtfertigen.

Doch am besten belegt die Fortexistenz der Rache die Bedürfnisstruktur der Tauschenden selbst. Man muss sich dazu nur einige viel gesehene Filme anschauen, wie etwa „Kill Bill“ oder „Cat Woman“. Nach barbarischer als bei Homer stellt sich hier das Rachebedürfnis als einzige Grundmotivation der Heldinnen dar. Der sich spontan einstellende Einwand, „daraus wird doch auch nichts besser“ gilt nicht, bis nicht alle Übeltäter brutal getötet sind.
Es ist evident, woher dies rührt: der mittlerweile rationalisierte Verhaltenskodex der westlichen Kulturen verbietet unmittelbare Racheakte, so dass dieses trotzdem notwendige Bedürfnis, trotz all seiner Schädlichkeit für den Gang der Geschäfte, notwendig umso mehr die Leinwand erobern muss.
Gerade in letzter Zeit lässt sich ein wahres Inferno an kommerziell höchst erfolgreicher Archaik im Kino beobachten, „300“ ist da nur der Gipfel. Der Mythos von der rationalen Gesellschaft demontiert sich selbst. Denn Rationalität ist immer an die Mittel-Zweck-Logik gebunden, deren letzter Inhalt Bedürfnisse sind, die nicht wie das Strafbedürfnis niemandem real nützen, sondern nur schaden.
Wirkliche Rationalität fängt da an, wo der Tausch endet. Etwa – wie Adorno wusste – im Geschenk, das nichts als das Glück des Anderen bezweckt und somit auch nichts von der herablassenden Gnade des Überlegenen hat.
Insofern kann auch eine wirkliche Revolution nichts von Rache an sich haben.

***

Aus aktuellem Anlass sei hier noch kurz auf den jüngsten Amoklauf verwiesen, der zahlreiche Todesopfer forderte und für deutschlandweite Bestürzung sorgte. Doch „unverständlich“ ist diese schreckliche Tat nur für den, der die Dialektik von Tausch und Rache nicht begreift oder begreifen will. In Akten wie denen der Amokläufen zeigt sich eben die dunkle Seite der Zivilisation und der bourgeois schreckt fromm zurück, während er in seinem Hinterstübchen noch selben Geistes mit dem Täter ist.
Doch weder forcierte Sozialpädagogik noch Verbote werden das Problem lösen, das eben in der Materialität der Tauschgesellschaft zu suchen ist, sonst nirgends. Das nahe liegende wäre die Revolution, Reformen bereits eine von jeder Rationalität abgekoppelte Überlegung angesichts der komplexen Verknüpfung von allgegenwärtigem Leistungsdruck, sich als von seinen eigenen Bedürfnissen entfremdetes Tauschsubjekt zu formieren, das stets nach Rache für das Vergeudete sucht.


9 Antworten auf “Ein Packung Eier für 2 Euro, eine Tracht Prügel für ein unbedachtes Wort”


  1. Gravatar Icon 1 Dr. Kollossos 17. März 2009 um 18:42 Uhr

    Ist es aber nicht so, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Äquivalenzprinzip eben gerade gilt und gleichzeitig nicht gilt? Denn schließlich ist es der Tausch, den die beiden Vertragspartner Prolet und Kapitalist vollziehen, wenn ersterer letzterem seine Fähigkeit zur Arbeit bietet gegen Möglichkeit am produzierten Reichtum zu produzieren. Doch gleichzeitig ist es gerade diese Fähigkeit zur Arbeit, die den Arbeiter mehr geben lässt als er bekommt. Anders wäre Akkumulation schließlich nicht denkbar.

    Darüberhinaus setzt das Äquivalenzprinzip immer einen Dritten voraus, den Souverän. Damit der Tausch funktioniert ist nicht nur das Subjekt vonnöten, sondern immer auch das Gewaltmonopol. Denn schließlich ist es der Leviathan der den Wolfsmenschen bändigt.

    Zu guter letzt zwei Verständnisfragen: Wieso bekommt niemand, das was er bedarf, wenn alle das ihrige bekommen?
    Und: Erklär doch bitte den Abschnitt über die Nuzrationalität?

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 18. März 2009 um 6:48 Uhr

    Ja, das mit der gleichzeitigen Äquivalenz und Nicht-äquivalenz stimmt, da gebe ich dir Recht. Aber mir geht es ja nicht darum, ob tatsächlich Äquivalenz oder Betrug vorherrscht, sondern um die simple Feststellung, dass das Äquivalenzprinzip in der bürgerlichen Gesellschaft tragende Ideologie in zahlreichen ihrer Sphären ist. Und erst die Gültigkeit dieses Prinzip ermöglicht es, selbst den Betrug als Abweichung davon zu konstantieren.

    Ich wäre aber darüber hinausvorsichtig damit, zu sagen, in der bürgerl Ges gelte die Äquivalenz nicht. Denn auf der Scheinebene gilt sie ja und das stellt ja auch Marx heraus. Der Arbeiter kriegt den Wert seiner Arbeitskraft im „idealen Durchschnitt“ ersetzt, sonst könnte der Kapitalismus ja auch garnicht auf Dauer funktionieren. Nur, wenn man dahinter blickt, kann man den Betrug wirklich durchschauen und exakt benennen.

    Dieser macht sich mE zugleich als diffuses Unbehagen in den Köpfen der bürgerl Subjekte selbst permanent geltend. Deshalb schreibe ich an verschiedenen Stellen von „gefühltem Betrug“. Sie fühlen sich betrogen, aber wissen nicht, um was, und rächen sich daher auch diffus. Die Antwort wird erst durch die Analyse sichtbar: der Betrug ist ein Betrug an der realen und stets, wenn auch in verzerrter Form, präsenten Möglichkeit eines guten Lebens.

    Das mit dem Souverän ist richtig. Ich denke, auch dies widerspricht meinen Ausführungen nicht. Ich habe ja auch immer wieder selbst auf die Funktion des Staates verwiesen.

    Zu den Verständnisfragen:

    Der Spruch „Jedem das Seine“ heißt ja eben, dass jeder, das bekommen soll, was er verdient, also das Äquivalent der erbrachten Leistung. Dies hat damit, was er bedarf aber überhaupt nichts zu tun.
    Darin sehe ich den Kernunterschied zwischen Tausch- und Bedürfnisprinzip. Eine rationale Gesellschaft sollte nach letzterem organisiert sein, in der Tauschgesellschaft kriegen manche viel mehr, als sie bedürfen, was sie zum sinnlosen Anhäufen von gadgets treibt (das ist keine Konsumkritik, ich meine damit die Superreichen, die ja offensichtlich nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. sie würden es auch selbst zugeben.), die meisten jedoch viel zu wenig.

    Zur Nutzrationalität: es ist ja durchaus so, dass auch gesellschaftsimmanent von Politiker u.a. die Beschränktheit des Tauschprinzips verstanden und dagegen vorgegangen wird. Etwa in der Sozialfürsorge. Ich wollte mit diesem Halbsatz v.a. betonen, dass das Tauschprinzip natürlich nicht das einzige Prinzip ist, dass in der bürgerl Ges wirkt. Sie würde sonst garnicht funktionieren, wenn es nur so wäre.

    Zum zweiten Halbsatz: „Tauschgerechtigkeit“ ist in der bürgerl Ges letztendlich ein Zweck an sich, für den passende Mittel gesucht werden. Etwa durch die gesetzliche Abschaffung von Privilegien oder der Erbschaftssteuer.

  3. Gravatar Icon 3 Thiel Schweiger 18. März 2009 um 6:51 Uhr

    Im Übrigen sei darauf verwiesen, dass dies keineswegs ein isolierter Text ist. Ich habe ein Gefüge von 4 Texten mit dem Grundthema „Grundlagen der bürgerl Ges“ konzipiert, dass ich in Happen hier präsentieren werde. Manches wird dadurch vielleicht deutlicher werden.

  4. Gravatar Icon 4 FKWC 20. März 2009 um 15:18 Uhr

    So a Schmarrn. Erkläre mir, wie die Bibel-Autoren von „Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn“ das Äquivalenzprinzip vor Augen oder im Hinterkopf hatten. Die Gesellschaft, in der die Bibel produziert wurde, beruhte im Gegensatz zur kapitalistischen ja nicht auf verallgemeinerter Warenproduktion. Typisch deutsch: Aus dem Äquivalententausch, der ja nur im Ausnahmefall stattfindet, wird ein „Prinzip“.
    Hättest Du dich mal „immens“ mit der Kritik der politischen Ökonomie beschäftigt, dann wüsstest Du, dass in den primitiven Gemeinwesen nur der Überschuss der Produkte in Ware verwandelt wurde. Die Äquivalenz ist weder dort noch in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft gegeben. In letzterer bewegen sich die Marktpreise um die Produktionspreise.

  5. Gravatar Icon 5 Thiel Schweiger 21. März 2009 um 6:06 Uhr

    Äquivalenz bedeutet ja Gleichwertigkeit. Auf der einen Seite soll dasselbe stehen wie auf der andere Seite, wie in der Mathematik. Das ist im Spruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ natürlich gegeben.

    Warentausch gab es, ohne gewaltige Differenzen leugnen zu wollen, doch in allen Gesellschaften, genauso wie es ja auch schon in sehr frühen Gesellschaften Geld gab. Und das Ziel beim Warentausch ist nunmal die Äquivalenz. Gleichwertiges wird gegen Gleichwertiges getauscht. Dies ist das Ideal der kapitalistischen Gesellschaft. Und Marx zeigt ja gerade auf, dass selbst, wenn dieses Ideal gelten würde, die Gesellschaft immer noch eine der universalen Entfremdung wäre.

    Es ging mir aber auch garnicht darum, zu fragen, ob Äquivalenz faktisch gilt oder nicht. Was für eine seltsame Frage. Mir ging es darum, dass Äquivalenzprinzip an sich zu kritisieren. Es mag permanent unverwirklicht bleiben, doch zugleich streben die bürgerlichen Individuen nach größtmöglicher Verwirklichung, wenn sie „Betrüger“ brandmarken und nach „Gerechtigkeit“ rufen. Und um eine Kritik dieser Ideologie ging es mir im Kern.

  6. Gravatar Icon 6 Satisfaktion 24. März 2009 um 18:27 Uhr

    :-" Begriffslose Prosa aus den sauerstoffarmen Höhen der Akademie!

  7. Gravatar Icon 7 h.lampshade 26. März 2009 um 19:55 Uhr

    Kurze Antwort im proletarischen club.

  1. 1 Gerechtigkeit I « Der proletarische Club Pingback am 26. März 2009 um 19:48 Uhr
  2. 2 Das Ende des Lachens?! « La vache qui rit Pingback am 27. August 2012 um 4:03 Uhr

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