Archiv für Mai 2009

Bildungsstreik – Streik wofür??

Angesichts der aktuell anlaufenden und sich in den nächsten Wochen verstärkenden Mobilisierung für den Bildunsstreik Mitte Juni möchte ich einfach nur mal kurz auf einen schon etwas älteren Text von meinem lieben Kumpan Dr. Kollossos und mir verweisen, der an Aktualität nichts verloren hat.

Ich denke, es ist absolut erforderlich, in der aktuellen Zeit linksradikaler Großkampagnen sich ein wenig Zeit zu nehmen, einmal durchzuatmen und die kritische Reflexion nicht zu vergessen. Denn wie will man kämpfen, wenn man nicht weiß wofür und gegen was eigentlich? Und natürlich auch – mit welchen Mitteln? Imitation der Mittel der Herrschenden oder radikale Kritik, die sich auch in den gewählten Aktionsformen ausdrückt?

Als kleine Ergänzung noch ein klassisches Beispiel davon, wie noch vor wenigen Jahrzehnten linker Protest artikuliert worden ist:

Ich denke der Kontrast zum heute teilweise anzutreffenden Rekurs auf bildungsbürgerliche Ideale ist offensichtlich.

Eine deutsche Band unserer Tage darf in diesem Kontext allerdings nicht unzitiert bleiben:

„Du musst nie wieder in die Schule gehn […] die Bäume werden doch auch von selber grün“:

Wirtschaft ist tot // Zur Krise

In früheren Zeiten mussten die Menschen große Entbehrungen aufgrund von Seuchen, Naturkatastrophen, Kriegen und anderen unliebsamen Zwischenfällen, denen sie nahezu hilflos ausgesetzt waren, erleiden. Im Zuge des Triumphs des Kapitalismus wurde dem ein Ende gesetzt. Aufgrund der extremen Bedeutung einer gesunden Bevölkerung für gute Ausbeutungsbedingungen wurden neue Hygiene-Standards etabliert und Arzneimittel entwickelt, Techniken zum Schutz vor Naturkatastrophen etc. Die vorhandene Warenmenge und sie dahinter stehende Produktivkraft ist so gewaltig, dass selbst große Kriege, gewaltige Überschwemmungen und Missernten kaum mehr bedrohlich für die Existenz des Systems als Ganzem sind und ihre Folgen innerhalb kürzester Zeit rasch beseitigt werden können – Kriege sind sogar für das System als Ganzes meist recht profitabel und dienen z.B. der Etablierung neuer, effektiverer Produktionsmethoden.1

Dennoch schafft es diese Produktionsweise, plötzlich ganz neue Arten schwerster Krisen in die Welt zu setzen, die den alten an Schwere in nichts nachstehen und diese sogar noch überbieten. Nichts Natürliches, die Gesellschaft von Außen heimsuchendes vernichtet heute angehäuften Wohlstand, verheert Landschaften, durchkreuzt Einzelschicksale oder löscht sie gänzlich aus, sondern es ist die Gesellschaft selbst, die, dem alten Sprichwort gemäß, ihre eigenen Kinder frisst oder doch zumindest verstümmelt.

Den heutigen Wirtschaftskrisen stehen die Exegeten des Kapitals, die Ökonomen, so ratlos gegenüber wie einst die Exegeten von Schafsleber und des Vogelflugs einer Seuche oder Missernte. Hat da jemand den Brunnen vergiftet oder war es die ominöse Gottheit unseres Zeitalters, die Globalisierung mit ihren Bluthunden Gier, Geiz und Habsucht, den neuen Geiseln der Menschheit? Wem muss man nun Opfer darbringen und v.a. – wen opfern.

Die einzige Antwort scheint diejenige der Elektra an Klytämnestra, die ihre Tochter in der Oper von Richard Strauss nach einem passenden Opfertier zur Linderung ihrer Alpträume fragt, zu sein: „Was bluten muss? Dein eigenes Genick, wenn dich der Jäger abgefangen hat! “ Nur leider gibt es keinen Orest, der von außen kommen und die schaurige Bluttat vollführen kann. Wir wissen nicht mehr, wo die Axt des Vaters vergraben ist und müssen uns so weiter mit den Hunden im Hof des herrschaftlichen Palastes begnügen, geschlagen und für wahnsinnig erklärt. Wir lange noch werden wir diese Schmach erdulden müssen? Wann endlich werden wir singen können: „Schweig, und tanze. Alle müssen herbei! hier schliesst euch an! Ich trage die Last des Glückes, und ich tanze vor euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen! “ „Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an.“

Der Kapitalismus lässt sich, wenn man den Begriff „Krise“ nicht nur im Sinne einer temporären Rezession versteht, zugleich durchaus als Krise in Permanenz verstehen. Es ist eben kein System im Gleichgewicht, sondern das Gleichgewicht stellt sich unter Ächzen und Stöhnen niemals her und wenn es kurzzeitig erreicht ist, zerfällt es durch die „Anarchie der Warenproduktion“ gleich wieder. Selbst noch in Phasen höchster Prosperität kommt es zu dauernden Turbulenzen, Verwerfungen und Mangel mitten in der ungeheuren Ansammlung von Waren, als die der kapitalistische Reichtum erscheint. Gleichzeitig wälzt sich die stetig reperaturbedürftig, aber niemals stillstehende Dampflok Kapitalismus unaufhaltsam auf ihr eigenes Ende zu. Ein System, in dem der stoffliche Produktionsprozess nur ein Mittel zum Zweck, Kapital zu akkumulieren, kann auf Dauer nicht funktionieren, denn der Zweck, Kapital zu akkumulieren, hängt von der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ab, die gerade durch die Rationalisierung im Produktionsprozess, die die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten beständig forciert, tendenziell im Verhältnis zu den unbelebten Bestandteilen des Produktionsprozesses (welche dann freilich rein phänomenologisch kaum von den belebten mehr zu scheiden sind) immer mehr verdrängt und unnötig wird.

Ist dies angesichts der nunmehr fast drei Jahrzehnte andauernden strukturellen Krise in den kapitalistischen Kernzonen mit sinkenden Reallöhnen, wachsender Arbeitslosigkeit und härteren Arbeitsbedingungen eine so gewagte Prognose? (Von den theoretischen und empirischen Evidenzen einmal ganz abgesehen, die nur nur durch eine dringend erforderliche und derzeit leider noch viel zu zögerlich stattfindende Neuaneignung der Marxschen Krisen- und Zusammenbruchstheorie befriedigend aufgezeigt werden können.) Wird nicht die beschriebende Tendenz über kurz oder lang auch dem Aufschwung in Fernost ein Ende bereiten? Noch kann sich das Weltsystem einer bemerkenswerten Akzeptanz und Stabilität erfreuen – doch die Medikamte es zu heilen, verschleppen die tödliche Krankheit offensichtlich nur. 2001 gab es schon eine recht schwere Krise, 2008/2009 folgte die nächste und die Staaten verschuldeten sich bis an die Schmerzgrenze – stehen dann 2015 die ersten Staatsbankrotte kapitalistischer Kernländer an?

Wie einst die Ruderer des Odysseus verschließen sich die des kapitalistischen Weltsystemschiffs die Ohren, um das Offensichtliche nicht wahrnehmen zu müssen und weiterhin fortwesen zu können wie gewohnt – doch da sie sich noch dazu auch die Augen verbunden haben, werden sie dennoch früher oder später am Kliff der Sirenen zerschellen. Die Sprache des Mythos erscheint die einzige Sprache, mit der heute über die derzeitige Gesellschaft überhaupt noch rational kommunizierbar ist.
Unter diesen Ruderern sitzen nun auch, ein wenig verschämt und unauffällig in der Ecke, noch einige Linke, sowohl der radikalen auch als der reformistischen Fraktion. Die Leugnung des Offensichtlichen lässt sie ebenso zu fleißigen Auguren werden – sie preisen sich nun schon ein wenig selbstbewusster als die wahren Retter des kranken Weibes an, verschreiben Blutegel und Schröpfköpfe. Ein Narrenschiff steuert den Abgrund an, eine Ruf erschallt über dem Wasser:

Dies klar und deutlich vor Augen erscheint es heute umso obsoleter, darüber zu spekulieren, ob und wie eine nachkapitalistische Gesellschaft funktionieren könnte: eher darüber, ob der Kapitalismus überhaupt funktionsfähig ist, sollte man reden. Der stoffliche Reichtum, die ungeheuren Produktivkräfte der heutigen Zeit sind Indiz genug, dass auch besser ginge.

Es gilt, was bereits die französisischen Revolutionäre wussten: die Guillotine ist der beste Arzt. Oder, um es mit Nietzsche zu sagen: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen.“

  1. vgl. mein Artikel über das Buch „Ökonomie der Zerstörung“ von Adam Tooze. [zurück]

Gott ist nicht totzukriegen

Wir leben in einer bürgerlichen Gesellschaft. Man darf – unter Wahrung der Gesetze – jede Scheißmeinung vertreten, die man will, und – sofern man genügend Geld hat – dafür so viel werben, wie man möchte. Für jede Scheißmeinung? Nein, denn eine Scheißmeinung verdient besonderen Schutz: die Religion.

So war es einer atheistischen Initiative („Säkulare Werbekampagne Deutschland“) nicht möglich, in Deutschland Werbeflächen an Busflächen erwerben zu können, so dass sie sich jetzt einen eigenen Bus mieten mussten, mit dem sie ab Ende Mai durch Deutschland touren werden. Und warum: weil man die religiösen Gefühle der Leute ja nicht verletzen will.1

Die müssen ja sehr empfindlich sein, diese Gefühle, die man wie rohes Ei behandeln soll wie sonst keine. Mit derartigen Zensurmaßnahmen müssen eigentlich nur diejenigen manövrieren, die sich der Objektivität ihrer Ansichten wohl doch nicht ganz so sicher sind.

Auffallend ist zugleich, dass ausgerechnet die Stadtwerke, die ja größtenteils in kommunaler Hand sind, sich gegen eine solche Kampagne sträuben. Und die – wie zahlreiche Photos auf der Buskampagnenseite dokumentieren, bei Werbung für Religionen überhaupt kein Problem haben. Was ist denn mit den Gefühlen von uns armen Atheisten? Darf auf denen etwa jeder herumtrampeln wie er will?

Aber klar: ein wesentliches Paradigma des öffentlichen Diskurses in einer Gesellschaft, in der zwar Freiheit zur, aber nicht von der Religion herrscht, ist halt, dass jeder doch bitte schön ganz pluralistisch glauben darf war er will. Störenfried sind da nur zwei Personen: der Fundamentalist und der Atheist. Der Fundamentalist, weil er behauptet, nur sein Glaube sei der wahre, der Atheist, weil er den Wahrheitsanspruch der Religionen vollständig negiert.

Die aufgeklärte Religion muss sich dabei gänzlich in die vage Subjektivität des Glaubes zurückziehen: auch in der wissenschaftlichen Theologie geht es heute ja nicht mehr darum, Gottes Existenz letztgültig zu beweisen, wie es noch frühere Denker versuchten, sondern diese und andere Glaubensinhalte werden einfach mal vorausgesetzt. Das wäre in keiner anderen Wissenschaft denkbar und dennoch wird etwa an der exzellenzdürstigen Frankfurter Universität, an der es Riesenfachbereiche wie „Neuere Philologien“ und „Sprach- und Kulturwissenschaften“ gibt, der Theologie evangelischer und katholischer Facon zwei separate Fachbereiche zugesprochen.

Wie groß der Einfluss der Kirchen noch immer ist, zeigt sich insbesondere in der deutschen Feiertagsgesetzgebung: fast alle Feiertage sind religiösen Ursprungs. In vielen Bundesländern – wie Bayern – herrscht am Karfreitag gar auch noch ein Tanzverbot.

Der politische Einfluss der Kirchen muss dabei garnicht einmal unbedingt negativ sein: aus der christlichen Moral lassen sich ab und zu ja auch mal ganze gute Sachen ableiten, wie man ja an dem erfolgreiche Engagement katholischer Geistlicher gegen Euthanasie im Nationalsozialismus sehen kann. Doch es leitet sich eben nicht aus vernünftigen, für alle Menschen möglichst plausiblen Argumenten ab, sondern aus Glaubensüberzeugungen: die christliche Moral ist per definitionem keine autonome, sondern eine heteronome Moral, die sich gegenüber vernünftiger Rechtfertigung abschottet. Letztendlich ist es reiner Zufall, ob sie mal gute oder schlechte Auswirkungen hat, es liegt nicht in ihrem Wesen selbst begründet. Wenn ein überzeugter Christ eine Bibelstelle findet, die gegen den Krieg spricht, dann wird er gegen den Krieg sein, wenn er eine Bibelstelle findet, die Homosexualität verdammt, dann zieht er eben dagegen zu Felde. Letztendlich ist das eben auch Auslegungs- und damit Glaubenssache.

Ein kürzliches verlinktes Video auf f*queer zeigt, um was es geht: da beklagen sich Christen, dass eine Legalisierung der Homo-Ehe ihre persönliche Freiheit einschränken würde. Na, auf eine Freiheit, die Leuten, die sich auf irrationale Phantasiegebilde stützen, erlaubt, die Freiheit anderer zu leben, wie sie wollen, aufgrund dieser Phantasiegebilde zu beschränken, pfeife ich aber. Auf die kann sich im Grunde jeder berufen, der das Glück hat, einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft anzugehören. Das gipfelt dann in teilweise sogar von christlichen Theologen unterstützen Forderungen, Muslime auch in westlichen Ländern nach der Scharia abzuurteilen. Wird man irgendwann Scientology die selbe „Freiheit“ zugestehen?2

Kampagnen wie die erwähnte leisten immerhin einen kleinen Beitrag dazu, in der Öffentlichkeit klar zu machen, dass es auch möglich ist, ein Leben jenseits Weihnachtsmann, Allah, Gott, Spaghettimonster und L. Ron Hubbard zu führen, und damit letztendlich auch den Grad von Aufklärung und damit den realer Freiheit – nämlich Freiheit von Ideologien, nicht Freiheit zur Ideologie – in der Gesellschaft zu steigern.

Schön zeigt das dieses Video der Kampagne zur Einführung einer Darwintags (statt Christi Himmelfahrt):

Auch wenn Darwins Theorien sicherlich auch negative Implikationen haben: ihm einen Gedenktag zu widmen erscheint mir sinnvoller, als jedes Jahr einem Ereignis zu gedenken, dass sicherlich niemals stattgefunden hat und an das (laut Kampagnenwebsite) nicht einmal mehr die Mehrheit der Christen selbst glaubt.

  1. Ein Artikel dazu findet sich hier: http://magazine.web.de/de/themen/lifestyle/leben/8096750-Gottlose-Busse-sorgen-fuer-Streit,page=0.html. Allerdings muss betont werden, dass er nicht mehr auf dem neusten Stand ist: mittlerweile haben haben nach Protesten auch die Stadtwerke Essen ihre Zusage zurückgezogen.[zurück]
  2. Über die Machenschafter deutscher Evangelikaler berichtet dieser nette Blog gegen den Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg. [zurück]

Sprachspiele ohne Referenz

Aus der Berichterstattung der überparteilichen „Bild“-Zeitung zum 1. Mai in Berlin:

„Chaoten erklären der Berliner Polizei den 1.-Mai-Krieg“

„Peter, Hartz-IVEmpfänger, Sprecher der „Autonomen“, Mitorganisator der 1. Mai-Demo (18 Uhr) in Kreuzberg“

„„Wir wollen soziale Unruhen und wollen alles dafür tun“, tönte Markus Bernhardt vom „Klassenkämpferischen Block“. “

„Sie werfen kiloschwere Steine, sie schmeißen messerscharfe Flaschen auf andere Menschen. Sie schießen Rauchbomben und prügeln gnadenlos zu. Nur, weil die anderen Menschen Polizisten sind…“

„Wie blöd und asozial sind diese Chaoten, die gestern Abend wieder durch Kreuzberg zogen?“

„Und die Polizei? War erst gar nicht vor Ort! Anweisung von oben!“

„5000 Polizisten sind heute und morgen im Einsatz. 300 Kräfte mehr als 2008, aber deutlich weniger, als die Berliner Polizei es wollte…“

„Die einzigen Beamten, die Anti-Konflikt-Teams (tragen keine Waffen, kein Pfefferspray) begleiteten den Zug vorn und hinten.“

„Verletzte, die zwischen Polizisten und Chaoten geraten waren, lagen minutenlang auf dem Asphalt – kein Retter traute sich ran. Junge Männer mit Migrationshintergrund stießen zu den Chaoten – einfach nur Bock auf Randale.“

„Es reicht, ihr blöden Chaoten!“

„Warum tut keiner was dagegen?“

„Wie sollte man gegen die Chaoten vorgehen? Schreiben Sie uns!“

Es geht eben immer gegen die Volksfeinde, denn „Bild“ weiß das Volk auf seiner Seite (aus der Kommentarspalte):

Es wird Zeit das unsere Herren Politiker mal handeln statt zu schwafeln.
Die Krawallmacher sollte man schon im Vorfeld aus dem Verkehr ziehen. Abschreckende Gerichtsurteile und dann auch ohne Gnade wegsperren.
Leider ist Gefängnis auch zum spaßigen Luxus geworden.
Knast ist doch wie Hotel.
Ich würde die Chaoten jeden Cent den sie den Steuerzahler kosten abarbeiten lassen. Vorher gibt es keine Freiheit.
Diese Idioten bekämpfen den Staat – das kann kein friedliebender Mensch gutheißen!

Ich würde sagen, die Chaoten wissen anscheinend nicht wohin mit ihrer Kraft und dem „angeblichen“ Frust…warum schickt man sie nicht in einen Steinbruch nach Sibirien da können Sie doch Ihren Frust abbauen und tun sog… Ich würde sagen, die Chaoten wissen anscheinend nicht wohin mit ihrer Kraft und dem „angeblichen“ Frust…warum schickt man sie nicht in einen Steinbruch nach Sibirien da können Sie doch Ihren Frust abbauen und tun sogar noch was sinnvolles :-)

Aha.




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