Archiv für Juni 2009

Hans-Werner und Sahra

Amüsantes und gleichzeitig lesenswertes hält die aktuelle Ausgabe der Zeit bereit. Denn niemand geringeres als die Rosa-Luxemburg-Imitatorin Sahra Wagenknecht und die Gründervaterbartfratze Hans-Werner Sinn liefern sich hier einen Stellvertreter-Klassenkampf. Überraschend dabei: Wider erwarten ist es Hans-Werner, der Marx als erster aus der Schublade zieht, zwar anfangs noch um dessen „Unterkonsumtionsthese“ als unzutreffend zur Erklärung der Finanzkrise zu charakterisieren. Dafür jedoch später der Krisentheoretikerin Rosa Wagenknecht, die den „uralte[n] Zielkonflikt [anprangert]: Kapitalistische Unternehmen wollen so billig wie möglich produzieren und so viel wie möglich verkaufen“, entgegenzuhalten, dass „Lohnzurückhaltung den Konsum temporär [verringert], [dafür] höhere Investition [anregt] und dadurch mehr Wachstum“, eine Formel, die er mit den Worten enden lässt: „Das ist Marx.“ Den Nachweis hierfür bringt unser verkannter Marxologo Hans-Werner selbstredend auch. Nachdem ihm Sahra Luxemburg widerspricht, dass dies doch Say sei, kontert Sinn: „ Das ist das Marxsche Wachstumsmodell. Im zweiten Band des Kapitals zeigt er: Je kleiner die Lohnquote ist, desto höher ist das wirtschaftliche Wachstum.“ Und ganz entzückt fügt er noch hinzu: „Mit Zahlenbeispielen!“ Dass soviel Sachverstand in Sachen Marx die Kommunistische Plattform in Gestalt Sahra Wagenknechts nichts entgegenhalten kann, verwundert natürlich nicht. Da bleibt ihr nur der Ausweg über revisionistische Ausflüchte: „Marx analysiert den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann und die Investitionsdynamik weitgehend selbsttragend war. Seit dem zweiten Weltkrieg lebt die Wirtschaft von der Konsumnachfrage.“ Deswegen fordert die Keyensianistische Plattform: „Mindestlöhne, deutlich steigende Tariflöhne und starke Gewerkschaften.“ Doch trotzdem soll eins klar sein, laut Rosa Wagenknecht: „Ich bin sehr für eine Gesellschaft, in der man durch eigene Arbeit reich wird.“ Was aber gar nicht geht, dass heute die reich sind, „die von ihrem Vermögen leben.“ Eine fast schon tautologische Mehrwerttheorie, später noch in die Formel gepresst: „Da nutzt jemand sein Vermögen, um von der Arbeit anderer zu leben.“ In Anbetracht solcher Verhältnisse kann Sahra nur noch rhetorisch fragen: „Ist das nicht auch Diebstahl?“ und fordern: „Man sollte eine Millionärssteuer einführen.“ Für Hans-Werner förmlich eine Sünde wider dem Fortschritt, nichts weiter als „der Weg in den Untergang“. Denn schließlich ist die Menschheitsgeschichte ein teleologischer Werdegang, alles führt zur Marktwirtschaft: „Die Geschichte ist davon geprägt, dass man die Spielregeln der Märkte schrittweise verbessert hat.“ Was vor dieser Periode war, weiß Geschichtsphilosoph Hans-Werner selbstredend auch: „Bevor es die Märkte gab, herrschten Anarchie, Raub und Krieg.“ Erst mit der „Friedensordnung“ Marktwirtschaft ändert sich dies, „denn sie bedeutet, dass man nicht mehr reich werden kann, indem man jemandem etwas wegnimmt, sondern indem man fleißig ist.“ Den Beweis für seine Theorie bleibt Hans-Werner natürlich nicht schuldig: „Nehmen Sie die Wikinger. Die plünderten, um reich zu werden, Ihre Nachfahren, die Dänen sind stattdessen fleißig, weil sie heute in einer Marktwirtschaft leben, in der man durch Fleiß und Sparsamkeit reich werden kann.“ Gegen diese Geschichtsphilosophie kann die Hegels einpacken. Vielleicht ist somit auch Hans-Werner Sinn, der nichts Geringeres als den leibhaftigen Weltgeist vorstellt. Das würde auch seinen Gründervaterbart erklären.

Der Einfluss des Unbewussten

Von vielen, gerade auch Marxisten, speziell aus dem GSP-Spektrum, wird bestritten, dass es so etwas wie das Unbewusste gäbe, wie es Freud postulierte. Mir ist in den letzten Wochen eine mich selbst sehr verblüffende Begebenheit passiert, die ich kurz vorstellen werde, die als Argument für die Existenz eines Unbewussten, von der ich überzeugt bin, dienen könnte.

Alle paar Wochenenden fahre ich zu einer regelmäßig stattfindenden Veranstaltung (welche, spielt hier keine Rolle) in Höchst. Ich fahre mit der S-Bahn zum Höchster Bahnhof. Das witzige ist nun: immer, wenn ich mit den anderen Teilnehmer_Innen über den Höchster Bahnhof spreche, sage ich stattdessen permanent „Hauptbahnhof“. Bisher gab es keinen einzigen Fall, in dem ich diesen Versprecher nicht gemacht habe, wenn ich vom Höchster Bahnhof sprach, und mir ist es meistens selbst nicht einmal aufgefallen, dass ich ihn gemacht habe. Erst die Verblüffung der anderen zeigt mir an, dass ich mich versprochen habe – die wundern sich natürlich, dass ich in einer halben Stunde mal eben schnell zum Hauptbahnhof gefahren bin, um mir eine Semmel zu holen.
Hinzu kommt noch, dass ich mir – erst heute etwa – ständig fest vornehme, dieses Mal den Versprecher nicht zu machen – doch schon erwischt er mich wieder. Soweit ich darauf überhaupt zugreifen kann, denke ich sogar, wenn ich mir etwa vornehme, zum Höchster Bahnhof zu gehen, „Hauptbahnhof“, um ihn zu bezeichnen. Offensichtlich hat mein Bewusstsein, habe ich, also keinen richtigen Zugriff auf diesen wiederholt begangenen Fehler.

Dieser Versprecher ermöglicht nun keine Rückschlüsse auf irgendwelchen in meinem Großhirn schlimmernden verborgenen perversen Wünsche – sonst hätte ich ihn hier wohl kaum berichtet – scheint mir aber doch ein konkreter Fall von einer unbewussten Steuerung meines „Outputs“ in Denken und Sprechen zu sein. Denn ICH weiß ja, dass es sich nicht um den Hauptbahnhof, sondern den Höchster Bahnhof handelt – etwas anderes in mir offensichtlich nicht und durchkreuzt mein Bedürfnis nach Wahrheit und verständlicher Kommunikation.
Womöglich kommt die Verwechslung daher, dass der „Hauptbahnhof“ – sowohl jetzt in Frankfurt als auch früher – in meinem Leben stets ziemlich wichtig (gewesen) ist. Vielleicht liegt es auch einfach an der Ähnlichkeit der Wörter. Oder ich wünsche mir unbewusst, die Veranstaltung zu verlassen. Auf jeden Fall will ich anders, als ICH will. Eine sehr seltsame Begebenheit.

Ich bin der Ansicht, dass es schlagendere Beispiele für die Existenz des Unbewussten gibt, z.B. automatisierte Handlungen, die mit der gerade gegebenen Situation garnichts zu tun haben, plötzlich auftretende „seltsame“ Empfindungen, „komische“ Assoziationen oder das gesamte Phänomen der Träume – aber dies ist meines Erachtens ein netter, authentischer Fall, an dem es mal richtig schön manifest wird.

Damit die Solidarität nicht nur theoretisch bleibt

Diesen Samstag (20.6.) findet in Frankfurt um 12 Uhr eine von verschiedenen iranischen Exilorganisationen veranstaltete Demo mit einer Kundgebung vor dem iranischen Konsulat statt. Startpunkt ist das HR 3-Gebäude (Betramstr. 8). Sicherlich wird dadurch die Bewegung im Iran nicht direkt unterstützt, aber der Protest wird doch in die Öffentlichkeit getragen und evtl. für das Regime unerwünschte Bilder prdouziert. Dabei ist aus Sicht der Veranstalter wichtig, dass es nicht so aussieht, als würden „nur“ irgendwelche Exil-Iraner was gegen das Regime haben, sondern dass sich auch Nicht-Exil-Iraner zur Demonstration einfinden, um ihre Sympathie für die möglicherweise im Entstehen befindliche revolutionäre Bewegung im Iran kundzutun.

In anderen Städten, in denen sich iranische Konsulate bzw. eben die Botschaft des Iran befinden, wird es am Wochenende sicherlich ähnliche Veranstaltungen geben, von denen mir aber nichts bekannt ist.

Wer sich für die Frage interessiert, inwiefern man „als Kommunist“ solidarisch mit einer „immanenten“ Bewegung verhalten sollte, wird auf Lysis‘ Blog eine ausführliche Debatte vorfinden. Dabei ist mein Eindruck, dass es eben tatsächlich in diesem Land erst einmal darum geht, bürgerlich-demokratische Verhältnisse zu etablieren, womöglich sogar mit sozialistischen Elementen in der Wirtschaftspolitik, dass die Zeit für einen kommunistischen Umsturz dort, der ohnehin ziemlich desparat wäre (wie sollte er auf die gesamte Welt übergreifen?), einfach noch nicht reif ist. Aus der Beobachterperspektive, ist es leicht, die Proteste als unzureichend abzutun, doch aus der Perspektive der dort real Involvierten ist es erst einmal wichtig, sich aus den Ketten der Theokratie zu befreien. Um überhaupt erst einmal die Möglichkeit weiterer Emanzipation, die eben auf dem Boden der Theokratie nahezu unmöglich ist, zu schaffen.

Wie sich die Dinge entwickeln, wird wohl insbesondere vom Verhalten der Weltmächte abhängen – werden sie die inneren Proteste von außen real unterstützen oder es bei Sonntagspresseerklärungen belassen? Entscheidend wird dabei sicherlich sein, dass eines der zentralen Ziele ist, „Ruhe und Ordnung“ gerade in wichtigen Rohstoffimporteuren wie dem Iran aufrechtzuerhalten. Aber es mag auch sein, dass man sich von einem demokratischen Iran einen besseren Kooperationspartner verspricht. Aus der Perspektive der Protestierenden dort ist es zu wünschen, dass sich letzteres Kalkül durchsetzt.

Eine recht umfassende Linkliste zum Thema haben die NeocommunistInnen zusammengestellt.

Es rettet uns kein höh‘res Wesen

Rise like Lions after slumber
in unvaquishable number
shake your chains to earth like dew
which in sleep had fallen on you
ye‘ are many, they are few

-Paul Foot

Zehntausende Menschen demonstrieren auf den Strassen und Plätzen Teherans, Polizei und Bassidj-Milizen gehen brutal gegen die Demonstrierenden vor und es sollen auch schon erste Schüsse gefallen sein. Vieles spricht dafür dass sich der Mullahfaschismus im Tienamen-Jubiläumsjahr für die „chinesische Lösung“ rüstet. Es dürfte wohl außer Zweifel stehen, was Insider im iranischen Innenministerium schon ausgeplaudert haben: Der Erdrutschsieg ging zu Gunsten Mussawis und nicht Ahjamadinedschads. Fraglich ist nur für was jene Menchen die mit dem Konterfei Mussawis in der Hand „Wahlbetrug“ skandieren wirklich stehen. Ist es nur der Wahlbetrug am „Reformer“, nur das ihnen genommene Recht auf „Umma mit menschlichen Antlitz“ das die Menschen auf die Straße treibt, oder ist ein emanzipatorisches Potenzial vorhanden das zu verwirklichen wäre?
Als am zehnten November 1965 von einem Komitee der KP Chinas mit Artikeln in Wandzeitungen die „Große Proletarische Kulturrevolution“ gestartet wurde, war diese als Instrumentalisierung der Massen konzipiert welche den radikalen Flügel der KP unter Mao Zedong den Sieg über die Rechten bringen sollte. Die Funktionäre hätten sich niemals träumen lassen in welchen Maße sie zunehmend die Kontrolle über die aufgeputschten Massen verlieren sollten. Die Roten Garden wurden zum Selbstläufer die China an den Rand des Zusammenbruchs führen sollten. Die Geschichte autoritärer Systeme lehrt dass es darauf ankommt in welche Rolle der Protest in jenen Gesellschaften schlüpft. Lässt sich Protest instrumentalisieren, oder verwirklicht er sein emanzipatorisches Potenzial?
Vieles hängt nun wahrscheinlich von der Politik des „ideellen Gesamtbandenführers“ Chamenei ab. Wie wird er mit dem Kampf konkurrierender Flügel des Mullahsystems umgehen? Seine Präferenzen für die „Hardliner“ sind sicherlich ungebrochen, und im Moment scheint es wohl die schiere Gewalt zu sein die diese Politik stützt. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit dass Ahmadinedschad doch noch geschasst wird, und die demonstrierenden Massen für den Reformfaschismus instrumentalisiert werden. Auch wenn im Moment jenes Szenario unwahrscheinlich scheint, vor allem deswegen weil der militärische Komplex und insbesondere die aufs äusserste ideologiesierten Bassidj-Milizen (denen man je nach Schätzungen mehrere Millionen militärisch ausgebildeter Mitglieder zurechnet) für die „Hardliner“ Gewehr bei Fuß stehen, ist jenes Szenario zumindest eine Möglichkeit.
Hier liegt es an den Menschen, denen eigentlich schon die Despotie des „Reformers“ Rafsanjani bewiesen haben sollte, dass die elementaren Bedürfnisse der Menschen sich niemals mit denen der antimodernistischen Märtyrermentalität des Regimes decken lassen, ob ihr Protest die Transmissionsriemen der Umma sprengt, Emanzipation stattfindet und wie Salvador Allende einst, kurz vor seinem Tode im Kampf gegen die Faschisten, sagte
“ Sich eher früher als später die großen Alleen öffnen auf denen der freie Mensch schreitet um eine neue Gesellschaft aufzubauen.“

Unabhängig davon sollte unsere Solidarität den Genossinen und Genossen und und allen fortschrittlichen Menschen im Iran gelten.
Venceremos!
Die Geschichte ist auf unserer Seite.

Kreative Ideen im Jubeljahr

Dieses Jahr werden wir ja nicht nur mit dem Superwahljahr erfreut, sondern es ist auch ein Superjubiläumsjahr. Egal ob Europarat, Grundgesetz oder NATO: wer noch etwas von westlichen Werten hält, hat heuer Grund zum Feiern.

Dabei muss man nicht gleich an pompöse Sektempfänge in chicer Abendgarderobe denken. Auch, wenn man dort nicht auf der Gästeliste steht oder von der Security höflich gebeten würde, doch woanders Schnorren zu gehen, kann man für wenig Geld im Kleinen mit kreativen Ideen seinen Patriotismus demonstrieren.

Wie wäre es beispielsweise mit einem „Frühstücksbrot Schwarz-Rot-Gold“?

Es sieht zwar zugegebenermaßen nicht sehr appetitlich aus, schmeckt dafür aber umso besser. So sind wir Deutschen eben: harte Schale, weicher Kern. Deutschland ist eben nicht „derniere ecrie“ (oder so ähnlich) – dafür aber „der letzte Schrei“: die inneren Werte zählen, nicht das Äußere. Oder wollte man etwa die Qualität der deutschen Politik wirklich nach dem Aussehen ihrer Hauptakteure bewerten?

Ein gesunder Stolz auf die Verfassung ist dabei mit einer antikapitalistischen Grundhaltung sehr gut vereinbar. So sagt etwa die bekannte Kommunistin Sahra Wagenknecht über unser Grundgesetz: „Man kann im Rahmen des Grundgesetzes wunderbar den Kapitalismus überwinden – und mehr als das wollen wir auch nicht.“

Wir sollten also endlich unsere Hemmungen überwinden und uns der Feierlaune anschließen. Der Muselmann muss natürlich draußen bleiben, denn: „Ich frage mich, wie jemand, dem der Koran, diese Stiftungsurkunde einer archaischen Hirtenkultur, heilig ist, auf dem Boden des Grundgesetzes stehen kann […] das eine schließt das andere aus.“ (Ralph Giordano) Und ihr möchtet doch nicht mit Terroristen unter einer Decke stecken, oder?




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