Der Einfluss des Unbewussten

Von vielen, gerade auch Marxisten, speziell aus dem GSP-Spektrum, wird bestritten, dass es so etwas wie das Unbewusste gäbe, wie es Freud postulierte. Mir ist in den letzten Wochen eine mich selbst sehr verblüffende Begebenheit passiert, die ich kurz vorstellen werde, die als Argument für die Existenz eines Unbewussten, von der ich überzeugt bin, dienen könnte.

Alle paar Wochenenden fahre ich zu einer regelmäßig stattfindenden Veranstaltung (welche, spielt hier keine Rolle) in Höchst. Ich fahre mit der S-Bahn zum Höchster Bahnhof. Das witzige ist nun: immer, wenn ich mit den anderen Teilnehmer_Innen über den Höchster Bahnhof spreche, sage ich stattdessen permanent „Hauptbahnhof“. Bisher gab es keinen einzigen Fall, in dem ich diesen Versprecher nicht gemacht habe, wenn ich vom Höchster Bahnhof sprach, und mir ist es meistens selbst nicht einmal aufgefallen, dass ich ihn gemacht habe. Erst die Verblüffung der anderen zeigt mir an, dass ich mich versprochen habe – die wundern sich natürlich, dass ich in einer halben Stunde mal eben schnell zum Hauptbahnhof gefahren bin, um mir eine Semmel zu holen.
Hinzu kommt noch, dass ich mir – erst heute etwa – ständig fest vornehme, dieses Mal den Versprecher nicht zu machen – doch schon erwischt er mich wieder. Soweit ich darauf überhaupt zugreifen kann, denke ich sogar, wenn ich mir etwa vornehme, zum Höchster Bahnhof zu gehen, „Hauptbahnhof“, um ihn zu bezeichnen. Offensichtlich hat mein Bewusstsein, habe ich, also keinen richtigen Zugriff auf diesen wiederholt begangenen Fehler.

Dieser Versprecher ermöglicht nun keine Rückschlüsse auf irgendwelchen in meinem Großhirn schlimmernden verborgenen perversen Wünsche – sonst hätte ich ihn hier wohl kaum berichtet – scheint mir aber doch ein konkreter Fall von einer unbewussten Steuerung meines „Outputs“ in Denken und Sprechen zu sein. Denn ICH weiß ja, dass es sich nicht um den Hauptbahnhof, sondern den Höchster Bahnhof handelt – etwas anderes in mir offensichtlich nicht und durchkreuzt mein Bedürfnis nach Wahrheit und verständlicher Kommunikation.
Womöglich kommt die Verwechslung daher, dass der „Hauptbahnhof“ – sowohl jetzt in Frankfurt als auch früher – in meinem Leben stets ziemlich wichtig (gewesen) ist. Vielleicht liegt es auch einfach an der Ähnlichkeit der Wörter. Oder ich wünsche mir unbewusst, die Veranstaltung zu verlassen. Auf jeden Fall will ich anders, als ICH will. Eine sehr seltsame Begebenheit.

Ich bin der Ansicht, dass es schlagendere Beispiele für die Existenz des Unbewussten gibt, z.B. automatisierte Handlungen, die mit der gerade gegebenen Situation garnichts zu tun haben, plötzlich auftretende „seltsame“ Empfindungen, „komische“ Assoziationen oder das gesamte Phänomen der Träume – aber dies ist meines Erachtens ein netter, authentischer Fall, an dem es mal richtig schön manifest wird.


6 Antworten auf “Der Einfluss des Unbewussten”


  1. Gravatar Icon 1 pomfritz 22. Juni 2009 um 0:56 Uhr

    lieber thiel,

    ich finde das garnicht so geheimnisvoll. vielmehr scheint es mir nahe liegend, dass der hoechster bahnhof DEIN hauptbahnhof ist, weil der für dich am bedeutsamsten und am nahe liegendsten ist.

    mir geht es manchmal auch so, dass einige nebengeschichten zu hauptgeschichten werden – und vice versa.

    mit bewussten grüßen
    pomfritz

  2. Gravatar Icon 2 v 22. Juni 2009 um 23:56 Uhr

    „Dieser Versprecher ermöglicht nun keine Rückschlüsse auf irgendwelchen in meinem Großhirn schlimmernden verborgenen perversen Wünsche – sonst hätte ich ihn hier wohl kaum berichtet“
    -jetzt intellektualisieren sie aber wieder herr schweiger. bleiben wir doch lieber bei ihren perversen wünschen am hauptbahnhof ;)

  3. Gravatar Icon 3 Timbor 09. Juli 2009 um 15:21 Uhr

    Der Fehler liegt doch ganz woanders: In Höchst gibt es keine Semmeln.

  4. Gravatar Icon 4 Thiel Schweiger 10. Juli 2009 um 13:16 Uhr

    Stimmt, es war auch um genau zu sein ein belegtes Baguette. ;)

    In solchen Nuancen schlägt halt doch die Herkunft durch.

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