Hans-Werner und Sahra

Amüsantes und gleichzeitig lesenswertes hält die aktuelle Ausgabe der Zeit bereit. Denn niemand geringeres als die Rosa-Luxemburg-Imitatorin Sahra Wagenknecht und die Gründervaterbartfratze Hans-Werner Sinn liefern sich hier einen Stellvertreter-Klassenkampf. Überraschend dabei: Wider erwarten ist es Hans-Werner, der Marx als erster aus der Schublade zieht, zwar anfangs noch um dessen „Unterkonsumtionsthese“ als unzutreffend zur Erklärung der Finanzkrise zu charakterisieren. Dafür jedoch später der Krisentheoretikerin Rosa Wagenknecht, die den „uralte[n] Zielkonflikt [anprangert]: Kapitalistische Unternehmen wollen so billig wie möglich produzieren und so viel wie möglich verkaufen“, entgegenzuhalten, dass „Lohnzurückhaltung den Konsum temporär [verringert], [dafür] höhere Investition [anregt] und dadurch mehr Wachstum“, eine Formel, die er mit den Worten enden lässt: „Das ist Marx.“ Den Nachweis hierfür bringt unser verkannter Marxologo Hans-Werner selbstredend auch. Nachdem ihm Sahra Luxemburg widerspricht, dass dies doch Say sei, kontert Sinn: „ Das ist das Marxsche Wachstumsmodell. Im zweiten Band des Kapitals zeigt er: Je kleiner die Lohnquote ist, desto höher ist das wirtschaftliche Wachstum.“ Und ganz entzückt fügt er noch hinzu: „Mit Zahlenbeispielen!“ Dass soviel Sachverstand in Sachen Marx die Kommunistische Plattform in Gestalt Sahra Wagenknechts nichts entgegenhalten kann, verwundert natürlich nicht. Da bleibt ihr nur der Ausweg über revisionistische Ausflüchte: „Marx analysiert den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann und die Investitionsdynamik weitgehend selbsttragend war. Seit dem zweiten Weltkrieg lebt die Wirtschaft von der Konsumnachfrage.“ Deswegen fordert die Keyensianistische Plattform: „Mindestlöhne, deutlich steigende Tariflöhne und starke Gewerkschaften.“ Doch trotzdem soll eins klar sein, laut Rosa Wagenknecht: „Ich bin sehr für eine Gesellschaft, in der man durch eigene Arbeit reich wird.“ Was aber gar nicht geht, dass heute die reich sind, „die von ihrem Vermögen leben.“ Eine fast schon tautologische Mehrwerttheorie, später noch in die Formel gepresst: „Da nutzt jemand sein Vermögen, um von der Arbeit anderer zu leben.“ In Anbetracht solcher Verhältnisse kann Sahra nur noch rhetorisch fragen: „Ist das nicht auch Diebstahl?“ und fordern: „Man sollte eine Millionärssteuer einführen.“ Für Hans-Werner förmlich eine Sünde wider dem Fortschritt, nichts weiter als „der Weg in den Untergang“. Denn schließlich ist die Menschheitsgeschichte ein teleologischer Werdegang, alles führt zur Marktwirtschaft: „Die Geschichte ist davon geprägt, dass man die Spielregeln der Märkte schrittweise verbessert hat.“ Was vor dieser Periode war, weiß Geschichtsphilosoph Hans-Werner selbstredend auch: „Bevor es die Märkte gab, herrschten Anarchie, Raub und Krieg.“ Erst mit der „Friedensordnung“ Marktwirtschaft ändert sich dies, „denn sie bedeutet, dass man nicht mehr reich werden kann, indem man jemandem etwas wegnimmt, sondern indem man fleißig ist.“ Den Beweis für seine Theorie bleibt Hans-Werner natürlich nicht schuldig: „Nehmen Sie die Wikinger. Die plünderten, um reich zu werden, Ihre Nachfahren, die Dänen sind stattdessen fleißig, weil sie heute in einer Marktwirtschaft leben, in der man durch Fleiß und Sparsamkeit reich werden kann.“ Gegen diese Geschichtsphilosophie kann die Hegels einpacken. Vielleicht ist somit auch Hans-Werner Sinn, der nichts Geringeres als den leibhaftigen Weltgeist vorstellt. Das würde auch seinen Gründervaterbart erklären.


0 Antworten auf “Hans-Werner und Sahra”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


+ acht = vierzehn



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: