Von der Philosophie des Rausches zum Rausch der Philosophie

In Nietzsches Nachlass der 80er Jahre finden sich einige interesssante Gedanken zum Thema „Rausch“. Bereits in seiner ersten publizierten Schrift, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, stellte Nietzsche der durch Apoll symbolisierten Macht des Traums, die dem Dionysos zugeordnete Macht des Rausches gegenüber, die beide als Haupttriebkräfte nicht nur der Kunst, sondern der menschlichen Existenz im Allgemeinen gedacht werden. Während der Rausch destruktiv, entindividualisierend, wirkt, steht der Traum für die Individuation und die Konstruktion neuer Bilderwelten. Beide zusammen formen die Tragödie wie das Wagnersche „Musikdrama“, in dem sich gleichsam aus den tosenden Wellen der Musik als Schaumkrone die Traumgestalten des Schauspiels ergeben.

In seiner späten Phase beschreibt er den Rausch so:

Das Rauschgefühl, tatsächlich einem Mehr an Kraft entsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben und Formen; – die „Verschönerung“ ist eine Folge der erhöhten Kraft. Verschönerung, als Ausdruck eines siegreichen Willens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären [=senkrechten; TS] Schwergewichts. Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das Wahrnehmen solcher Vereinfachung das Kraftgefühl… Spitze der Entwicklung: der große Stil.5
[…]
Der Lustzustand, den man Rausch nennt, ist exakt ein hohes Machtgefühl… Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst wahrnehmbar; die Ausdehnung des Blickes über größere Mengen und Weiten; die Verfeinerung des Organs für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten; die Divination [=“Weissagung“; TS], die Kraft des Verstehens auf die leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“ Sinnlichkeit-; die Stärke als Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Tod … Alle diesen Höhen-Momente des Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt, als Suggestion, für den andern: – dergestalt sind schließlich Zustände ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung […]. Die Grausamkeit in der Tragödie und das Mitleid (-ebenfalls normal koordiniert …). Frühling, Tanz, Musik: – alles Wettbewerb der Geschlechter, – und auch noch jene Faustische „Unendlichkeit im Busen“.

Auf die Kunst, die der Sublimation dieses Gefühls dient, bezogen, folgt daraus: „Die Künstler sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen sein.“1

Seltsamerweise wird der Rausch, der Triumph des Unbewussten, also nicht als etwas, das die Dinge verschleiert, sondern im Gegenteil als etwas, das die Dinge deutlicher darstellt, vorgestellt und jede würdige Erkenntnis scheint konstitutiv mit einem Rauschgefühl verbunden zu sein. Die Philosophie des Rausches ist daher notwendig selbst rauschhaft, drückt sich in einer rauschhaften Sprache, die schon durch sich selbst heraus vom Inhalt überzeugt, aus.
Dementsprechend heißt es an anderer Stelle:

Lust ist ein Gefühl von Macht: wenn man die Affekte ausschließt, so schließt man die die Zustände aus, die am höchsten das Gefühl der Macht, folglich Lust geben. Die höchste Vernünftigkeit ist ein kalter, klarer Zustand, der fern davon ist, jenes Gefühl von Glück zu geben, das der Rausch jeder Art mit sich bringt …
Die antiken Philosophen bekämpfen alles, was berauscht, – was die absolute Kälte und Neutralität des Bewußtseins beeinträchtigt … Sie waren konsequent, auf Grund ihrer falschen Voraussetzung: daß Bewußtsein der hohe, der oberste Zustand sei, die Voraussetzung der Vollkommenheit, – während das Gegenteil wahr ist – – –
Soweit gewollt wird, soweit gewußt wird, gibt es keine Vollkommenheit im Tun irgendwelcher Art. Die antiken Philosophen waren die größten Stümper der Praxis, weil sie sich theoretisch verurteilten, zur Stümperei

2

Offensichtlich verfehlt die rationalistische Philosophie, wie die der Antike, sowohl ihr theoretisches als auch ihr praktisches Ziel: weder Glück noch Wahrheit vermag sie, aufgrund des Ausschlusses des Rauschs, zu erreichen. Vollkommenheit ist nicht im Maß, in der Vernunft, sondern in ihrem genauen Gegenteil zu suchen. Diesem Verdikt fiele wohl auch eine gewisse Form des Marxismus zum Opfer. Der biedere Marxismus, dem es letztendlich um das Wohlergehen der Massen geht, und der schillernde Antirationalismus Nietzsches sind Todfeinde – dennoch scheint dieses Duell nicht mit Begriffen der Wahrheit, sondern nur durch ethische Wahl entscheidbar zu sein, die im Kern völlig beliebig ist. Oder schlägt hier die omnipotente Dialektik letztendlich doch durch und treibt die Gegensätze der Vermittlung entgegen?

Zumindest scheint der Rausch Betäubung und Luzidität gleichermaßen zu bedeuten:

Die Arten der Selbstbetäubung. – Im Innersten: nicht wissen, wohinaus? Leere. Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des Zugrundegehens der Edelsten, Rausch als Blinde Schwärmerei für einzelne Menschen oder Zeiten (als Haß usw.). – Versuch, besinnunglos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen zu machen für die vielen kleinen Genüsse, z.B. auch als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige Genuß der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selbst willen“ („le fait“), das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an sich selber; irgendwelche beständige Arbeit, irgendein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander aller Mittel, Krankeit durch allgemeine Unmäßigkeit (die Ausschweifung tötet das Vergnügen).
1. Willensschwäche als Resultat.
2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast gefühlt.

3

Rausch und Wissenschaft sind also gleichermaßen Techniken der Selbstbetäubung, darin kaum zu unterscheiden. Letztendlich erscheint es gleichgültig, wie man sich nun betäubt und aus ästhetischer Perspektive ist der Rausch der Wissenschaft wohl weit überlegen:

Der Künstler liebt allmählich die Mittel um ihrer selbst willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen gibt; die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie, die Nuance des Tons: das Distinkte, wo sonst, im Normalen, alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; – die Wirkung der Kunstwerke ist die Erregung des kunstschaffenden Zustands, des Rausches.

4

Will man nun Konsequenzen daraus ziehen oder es gar auf den Punkt bringen? Dies ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfrüht, aber muss wohl früher oder später unternommen werden, will man etwas Substantizielles über den Menschen aussagen und einen destruktiven Beitrag zur Herrschaft von Pflicht, Tugend, Nutzen und „Wahrheit“ leisten. Auch ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein bisschen klar, wie man Nietzsche nun betrachten muss: als letztendlich scharfsinnigen, die Aufklärung vollendenden Hyperrationalisten, der letztendlich erst zum Antirationalismus umschlug, oder von vorneherein als anti- bzw. sogar ir-rationalen Ästhetizisten. Oder ist das überhaupt ein Gegensatz?

Bei passender Musik kann man sich das Ganze vielleicht noch mal durch den Kopf pulsieren lassen:

Die Daten nochmal zum Mitschreiben:

Break Affinity // Drum‘N'Bass, Jungle, Breakcore, Hardcore, Hip Hop // 2 Floors // IVI – Kettenhofweg 130 FfM// 11. 7. ’09 // Einlass 22 Uhr // Eintritt 4 €

ALL SCHOOLS ALL STYLES
ALL NATIONS ALL TRIBES

  1. Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Dritter Band. Darmstadt 1997, S. 755 f. Alle Hervorhebungen sind, auch im Folgenden, stets dem Original gemäß.[zurück]
  2. Ebenda, S. 744. [zurück]
  3. Ebenda, S. 911. [zurück]
  4. Ebenda, S. 784. [zurück]
  5. Anscheinend hatte Nietzsche hier insbesondere Architektur vor Augen. Dass einen der Anblick gotischer Kathedralen oder antiker Tempel in irgendeinem Sinne berauscht, ist sicherlich ein verbreitetes Gefühl. [zurück]

4 Antworten auf “Von der Philosophie des Rausches zum Rausch der Philosophie”


  1. Gravatar Icon 1 QWLSONIQUE 03. Juli 2009 um 2:10 Uhr

    daz hiphop- the2ndfloor-izin-the2ndfloor -bdown..

  1. 1 Abtreibungen, Nietzsche, Iran und die MG « meta.blogsport Pingback am 02. Juli 2009 um 0:41 Uhr
  2. 2 Rettet die Irrelevanz! « La vache qui rit. Pingback am 24. Februar 2012 um 12:00 Uhr
  3. 3 Rettet die Irrelevanz! | We ♥ IvI Pingback am 13. März 2012 um 16:24 Uhr

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