Archiv für August 2009

Lob der Liebe

Aus aktuellem Anlass:

Reich mir den Tranke, Geliebte,
komm, wir segeln aufs Meer
hinaus, denn Verliebte
begehren das doch sehr.

Sieh, wie lieblich blüht der Hagedorn,
die Blüten sich vergreifen,
Dein Prinzgemahl vergeht vor Zorn,
der Baum will uns verpfeifen.

Oh, noch tanzen wir vergnügt im Kreis,
doch ach, es blitzt und kracht;
dann selig, wer das Wort noch weiß
in dieser heil‘gen Nacht.

Wir müssen fliehn, geliebtes Weib,
komm schnell, hinein ins Kästchen;
so fühl ich deinen Marmorleib
an mich gedrückt, mein Kätzchen.

Das Christentum als Fortschritt?

Warum sprechen wir noch von den Philosophen, Kaisern und Generälen, da doch die Märtyrer im Gedächtnis der Menschen die Nachfolger derer wurden, die man Götter nannte. Wahrlich, ihre Tempel sind so vollständig zerstört, dass man sich nicht einmal ihre frühere Stätte vorstellen kann, während das Baumaterial nunmehr den Märtyrerschreinen gewidmet ist. […] Siehe, statt der Feste des Pandios, Diasos und Dionysios und eure anderen Feste werden die öffentlichen Veranstaltungen nun zu Ehren des Petrus, Paulus und Thomas zelebriert! Statt unzüchtige Bräuche zu pflegen, singen wir nun keusche Lobeshymnen.

Theoderet, christlicher Apologet des 5. Jahrhunderts

Der sehr lesenswerte wikipedia-Artikel über den spätantiken Bücherschwund zeigt recht deutlich auf, wie barbarisch der Übergang von der antiken Hoch- zur christlichen Pöbelkultur sich zutrug. „Hexen-“ respektive Wissenschaftler_Innenverfolgung waren schon damals auf der Tagesordnung. Anstatt dem großen Dionysos zu huldigen, verachtete man den Rausch, die Philosophie, das Theater und zog ihnen die bescheidenen Freuden der Sakramente vor.

Recht anschaulich zeigt diese Graphik den Zusammenbruch der Bücherbestände auf, die erst im 19. Jahrhundert wieder den Stand der Antike erreichten. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wo die Menschheit heute stehen würde, hätten sich nicht die Christen, sondern ihre Verfolger durchgesetzt:

Sicher ist ein radikaler gesellschaftlicher Wandel immer mit einem solchen Zusammenbruch verbunden – doch derart ignorant und dümmlich konnten sich wahrscheinlich nur die Anhänger_Innen des Zimmermanns aus Nazareth verhalten. Ich möchte dem Christentum und der christlichen Kultur, wie sie sich im Mittelalter entfaltete, nicht jeglichen Wert absprechen. Aber man muss sich nur vorstellen, was herauskommen würde, wenn heute ein unbedarfter Zimmermann, unterstützt von einem zynischen Lustfeind mit rhetorischem Talent, eine ideologische Lehre begründen würde.1 Einzige moderne Parallele dürfte die Kulturvernichtung ab 1933 in Deutschland sein.

Zugestanden – wenn man das Ganze weniger nietzianisch, sondern historisch-materialistisch betrachtet, kommt man zu einer anderen, nüchterneren Einschätzung der Lage. Das Christentum entwickelte sich ja aus materiellen Gründen und kann sicherlich nicht im simplen Gegensatz zur antiken Welt, der es ja letztendlich selbst entsprang, gesehen werden.
Dennoch möchte ich an dem heutigen Tag zum Gedenken an alle Märtyrer_Innen der christlichen Kulturrevolution aufrufen – ein wesentlich sinnvollerer Akt als die alljährliche Betrauerung der Idioten, denen man in den Kirchen gedenkt. An Hypatia, einer große Wissenschaftlerin, die der Wut des christlichen Mobs zum Opfer fiel, denkt niemand, dafür an ideologische Bilderstürmer wie Petrus und Paulus. Bemerkenswert finde ich zudem, wie wenig etwa im Schulunterricht oder anderen populären Geschichtsdarstellungen über jene Geschehnisse, die doch so einschneidend für die folgenden Jahrtausende waren, berichtet wird. Geschichte wird eben von den Siegern geschrieben – und der Einfluss der Schafe des Messias ist aller Aufklärung zum Trotz ungebrochen. Wie die bürgerliche Gesellschaft die blutigen Male ihrer Entstehung zu verdrängen sucht, so auch die christlich-abendländische Zivilisation als Ganze.

  1. Das zeigt sich u.a. darin, wie simpel das Griechisch der Evangelien im Vergleich zu dem, in dem die griechischen Dichter und Philosophen geschrieben haben, gestrickt ist. [zurück]



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