Archiv für September 2009

SM und Gesellschaft

Auf dem mädchenblog zeichnet sich derzeit eine ganz ähnliche Debatte ab, wie sie hier vor einigen Wochen zur Pädophilie geführt wurde. Auslöser ist diesmal ein Artikel, in dem sich eine bekennende „masochistische“ Frau kritisch zu der Problematisierung von SM im feministischen Kontext, insbesondere in der PorNo-Kampange der Zeitschrift Emma, äußert. Wie damals schlagen die Wellen hoch, die 100-Kommentarmarke wird wohl alsbald geknackt sein. Offenbar taugen Positionierungen zu Perversionen und Sexualität leicht dazu, die Gemüter zu erregen. Wohl zum einen, weil die „Perversen“ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten, zum anderen, weil „Sexualität“ wohl generell ein heißes, aufgeladenes Thema ist, mit dem sich wohl jede_r irgendwie beschäftigt und das von zahlreichen Normierungen durchzogen ist. Man kann über Sex nicht so sprechen wie übers Hütchenspiel. Ich will es dennoch wagen, noch einmal in einer solchen Diskussion eine -womöglich – kontroverse Position zu beziehen.

Pädophilie erregt Anstoß dadurch, dass sie die gesetzte Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen im besonders sensiblen sexuellen Bereich überschreitet und unter Verdacht steht, Macht- und Gewaltverhältnisse in diesen Bereich einzuführen, aus dem sie eigentlich fernbleiben sollten. Bei SM ist dieser Verdacht offensichtlich berechtigt. Hier werden ganz offen Macht- und auch Gewaltverhältnisse erotisiert. Dies zieht natürlich – trotz oberflächlicher Toleranz – weitere Verdächtigungen nach sich, gerade von linker Seite. „Das private ist politisch.“ Kann es denn dann sein, dass Verhältnisse, die politisch höchst kritikabel sind, im privaten Bereich ganz unproblematisch hingenommen werden dürfen? Und wie verhält sich SM zur allgemeinen gesellschaftlichen Macht? Ist dieses Verhältnis rein äußerlich, oder ist es so, dass SMer_innen im Privaten das reproduzieren, dem sie gesellschaftlich ausgesetzt sind?

Die linken Kritiker_innen von SM gehen ganz klar davon aus, dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert. Die Liste derer, die derartige Positionen vertreten, ist lang. Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der/die BloggerIn von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem/ihrem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.1 Vielleicht werden in der nächsten Zeit noch weitere Ausführungen diesbezüglich folgen.

Worauf Mirabella im mädchenblog zu Recht hinwies, ist die Parallele von Ausgrenzung von Homosexuellen und SMer_innen. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass man beides unterschiedslos gleichsetzen kann, möchte jedoch eingangs auf die generelle Problematik von Argumentationen gegen spezifische sexuelle Randgruppen hinweisen. Adorno hat im Aphorismus Nr. 24 der Minima Moralia aufgezeigt, wie leicht sich Homosexualität und „Sadomasochismus“ gewissermaßen in einem Aufwasch „erledigen“ lassen. Er behandelt darin einen bestimmten Typ Männlichkeit, den er insbesondere in den Filmhelden seiner Zeit personifiziert sieht. Nicht nur, dass diese Männer latent „sadomasochistisch“ seien, nein, sie sind auch latent homosexuell. Sie verkörpern den Verfall wahren Männlichkeit, sind letztendlich ein Produkt des Totalitarismus: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen. Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ Homosexuelle seien irgendwie schon potientielle eliminatorische Antisemiten.

Derartiges würden sich die heutigen Verfechter_innen des Freudomarxismus nicht mehr trauen. Dennoch nähern sie sich der Adornoschen Position offensichtlich an: wie er zehren sie vom allgemeingesellschaftlichen Vorurteil, an das sie weitgehend bruchlos anschließen, wie er spüren sie latenten Charakterdispositionen nach, die sich in bestimmten sexuellen Verhaltensweisen offenbaren und zu problematisieren seien.Wie, dem berühmten Wort Foucaults zu Folge, „der“ Homosexuelle zu einer Spezies wurde, ist es auch „der“ Pädophile oder „der“ Sadomasochist. Letzterer gehört überdies einer besonders gefährlichen Spezies an: die Macht hat sich besonders tief in seine Psyche eingeschrieben und wenn er nicht daran gehindert wird, seine dunklen Begierden zu verwirklichen, wird er sich unweigerlich am nächsten Faschismus ergötzen.

Im Schwarzbuch Kapitalismus schließt Kurz offenkundiger noch als Adorno an das allgemeine Ressentiment an:

Dieser Drang zur Selbstunterwerfung unter die auf absurde Weise selbsterzeugte blinde „Gesetzmäßigkeit“, die den Einzelnen dann als eine ins Riesenhafte aufgeblasene fremde Macht gegenübertritt, hat unter dem gesteigerten Eindruck der industriellen Großschlacht einen sexuellen Beigeschmack. Auf eine in seinem eigenen Verständnis höchst „unmännliche“ Art bietet sich der kapitalistische Männlichkeitswahn dem „Titanen“ des historischen Prozesses als Objekt dar. Ein tief verborgenes und verdrängtes homosexuelles Element wird hier sichtbar, das gerade deswegen so fürchterlich wirkt, weil es nie gelebt werden durfte und, ins Bewußtsein gehoben, Übelkeit und hysterische Abwehr hervorrufen würde.
Noch deutlicher ist der sadomasochistische Beiklang, der sogar näher an der zugelassenen sexuellen Empfindung liegt, weil er eine gewisse Konformität mit dem Notwendigkeits-Ethos aufweist [sic!]; bekanntlich [!] gehört auch heute noch ein überproportional großer Anteil der kantigen kapitalistischen Macher zu jenen Männlichkeitsdarstellern, die zur Lust nur noch unter der Peitsche einer Domina gelangen können. Weniger ein Selbstbestrafungsritual wird hier sichtbar als vielmehr eine Unterwerfungslust, der gesellschaftlich die Selbstpreisgabe auf dem Altar der „höheren Mächte“ entspricht – um dann seinerseits umso lustvoller das Menschenmaterial malträtieren zu können. Der moderne Politiker- und Manager-Sadomasochismus [so so] könnte eine Art Tempelprostitution sein des kapitalistischen Molochs genannt werden; und es war der Erste Weltkrieg, in dem die Funktionsmänner aller Klassen von der Weltmaschine wie nie zuvor „hergenommen“ wurden, der die Sprache des gesellschaftlichen Sadomasochismus offenlegte: In den „Stahlgewittern“ des industrialisierten Krieges dankte auch endgültig das moderne Subjekt der Aufklärung ab, um bedingungslos vor dem Götzen seiner eigenen Hervorbringung zu kapitulieren. (S. 400)

In einem wunderlichen rhetorischen Parforce-Ritt schafft es Kurz – wohlgemerkt in einem Kapitel über den 1. Weltkrieg! – Perversion, autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus und allgemeinen Fetisch der Produktionsverhältnisse zusammenzubrauen. Billigste Stereotype aus der Bild gepaart mit sich als radikalst gerierenden Gesellschaftskritik. Nicht nur, dass die kapitalistische Gesellschaft irrational, wahnhaft, unfrei, totalitär ist – nein, sie auch noch pervers.

Es ist schon eine recht steile Behauptung, dass ein Großteil der Bevölkerung verkappte SMer_innen wären. Zugleich müsste sich die behauptete Verbindung von SM und allgemeiner Unterdrückung recht signifikant bei der Betrachtung der SM-Subkultur abzeichnen. Der durchschnittliche SMer etwa NPD wählen – Linke gibt es in diesen Reihen ohnehin nicht, zumindest keine aufrichtigen –, eine heterosexuelle Sadistin in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn sie einen Mann leiden sieht, ein Masochist sich daran ergötzen, wenn er auf der Straße von irgendwem brutal zusammengeschlagen wird. Die Wächter in den Konzentrationslagern haben bekanntlich alle eine Dauerlatte gehabt und die Nazifrauen wurden bei dem Gedanken an die ermordeten Juden dauerfeucht …

Es mag unfair wirken, die theoretische Gegenposition derart lächerlich zu machen – doch in meinen Augen stellt sie sich das Verhältnis von SM und Gesellschaft genau so vor. Auch die MG hat in der Broschüre Kritik der „Kritischen Theorie“ dazu recht treffend geäußert:

So, wie die ‚Triebstruktur‘ der Massen charakterisiert ist, ist allerdings nicht mehr einzusehen, weshalb deren widersprüchliche ‚Kräfte‘ sich ausgerechnet auf die von einer modernen kapitalistischen Staatsgewalt vorgeschriebenen Mittel ihrer ‚Befriedigung‘ richten sollen. Warum sollten es sich die Sado-Masos nicht einfacher machen und eine Gesellschaft einrichten, in der bl0ß noch ‚gebuckelt‘ und ‚getreten‘ wird. Die ganze Geldwirtschaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staatsapparat mit Polizei und Militär sind für das pure Gewaltausüben und -einstecken doch viel zu umständlich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und werden von ihrem nackten Sado-Masochismus bloß abgelenkt. (S. 36)

Problematischer und womöglich als Beweis dienlicher wird es, wenn z.B. faschistische Symbole im SM-Kontext verwendet werden. Das kritisierte das erwähnte BIFF in dem Artikel Orgasmen in der „Papageienschaukel“. Doch auch diese Argumentation überzeugt nicht. Im SM-Kontext ist es z.B. gebräuchlich, in einer heterosexuellen, weiblich dominierten Beziehung die dominate Partnerin mit „Herrin“ anzusprechen, den devoten Mann mit „Sklaven“ anzusprechen. Will man daraus ernsthaft folgern, diese Leute würden sich „in Wahrheit“ nach einer Wiedereinführung der Sklavenhaltergesellschaft sehnen?

BIFF schreibt im zitierten Artikel: „Was es über Sadomasochismus aus antifaschistischer Sicht zu sagen gibt, haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gesagt.“ Sie verweisen auf den zweiten Exkurs der Dialektik der Aufklärung, in dem sich die beiden mit dem Werk de Sades auseinandersetzen, dem (unfreiwilligen) Namensgeber des „Sadismus“. Doch offensichtlich geht es in diesem Kapitel eher um eine allgemeine Vernunftkritik als um eine fundierte Kritik dessen, was wir heute unter „SM“ verstehen. De Sades Phantasien haben schließlich recht wenig damit zu tun, was SM eigentlich heißt: einverständliche Lust, nicht irgendwelche einseitigen Vergewaltigungsorgien.

Man vergleiche nur mal die Gefühlskälte, mit denen Nazis in einem Technokratenjargon von ihren Schandtaten berichten mit den strahlenden Augen oder vielleicht auch dem nervös umherschweifenden Blick, mit dem ein SMer von seinen erotischen Erlebnissen berichten würde.

***

Kommen wir nun zu „Theorie als Praxis“ (kurz: TaP) (mein Vorgeplänkel fiel doch länger aus als erwartet). Diese/r BefürworterIn des „lesbischen Feminismus“ (gehört da die SM-Aktivistin Gayle Rubin nicht dazu?) weiß, wie auch die vorher genannten, einige interessante „Fakten“ über SM zu berichten:

„Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die „zeitweilig ungleich verteilte“ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“

Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird. Natürlich gibt es diese Gefahr – „No risk no fun“ kann man da eigentlich nur sagen.

Rhetorisch fragt er zur Trennung von SM und äußerer Macht:

„Und weshalb werden dann beim ‚Spielen‘ die ‚äußeren‘ Machtverhältnisse haargenau nachgespielt?“

Selbst in SM-Inszenierungen, die sich explizit auf äußere Machtverhältnisse beziehen, etwa Schüler-Lehrer oder „Folterungen“, unterscheidet sich die Inszenierung in Inhalt und Form von ihrem Vorbild erheblich. Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.

Empirisch untersucht er/sie den SM-Kontaktanzeigenteil einer Berliner Lokalzeitung, um zu widerlegen, dass sich SM so sehr von gewöhnlicher Sexualität unterscheiden würde. Er/sie bestreitet anhand dieses Materials, dass es zahlreiche dominante Frauen und devote Männer geben würde und dass es in Praktiken oft um etwas anderes geht als den genitalen Orgasmus (wie SM-positive Theorien tatsächlich behaupten). Doch aus dieser Analyse doch sehr begrenzten und nicht-repräsentativen Datenmenge folgt eigentlich nur, dass anscheinend eher Männer als Frauen Kontaktanzeigen in dieser Lokalzeitung aufgeben, und eben Männer mit bestimmten Vorlieben. Das lässt eben nicht den Rückschluss zu, es gäbe devote Männer nur vereinzelt und in SM würde es im Allgemeinen letztendlich doch um den genitalen Orgasmus gehen. „Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ fordert TaP, Mao zitierend, ein. Das kann man eigentlich nur zurückgeben. Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.

Seine/ihre restliche Argumentation läuft darauf hinaus, dass es ideologisch wäre, von „Freiwilligkeit“ zu sprechen – auch wenn die Menschen Gewalt- und Machtverhältnissen zustimmen, liegt das eben an ihrer gesellschaftlichen Determination und kann nicht als Gradmesser ethischer Legitimität gelten. SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. Das erscheint mir ein höchst fragwürdiges Konstrukt zu sein. An was will man denn sonst bemessen, ob eine Praxis korrekt oder nicht ist, als an der Zustimmung der Individuen? SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.

Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist. Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient. Und wenn der Zweck Lust heißt und die Gewalt ausschließlich dem Lustgewinn dient, ist daran nichts Verwerfliches zu entdecken.

Zudem beinhaltet seine/ihre Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt. Man hat den Anschein, als würde die Gesellschaft nur einen Teil der Bevölkerung in sexueller Hinsicht determinieren, einen anderen Teil jedoch nicht bzw. weniger – nämlich denjenigen, der ganz normalen genitalen Sex praktiziert. Ausgeklammert bleiben dabei die Freiheitsspielräume, die die Individuen zweifellos besitzen. Nicht alles Subjektive löst sich restlos im Objektiven auf.

Ich betrachte SM nicht als etwas, was unmittelbar auf die allgemeinen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr als autopoietisches, schöpferisches Projekt der SM-Subkultur selbst, das zumindest partiell autonom von den äußeren Machtverhältnissen ist. Man kann dies an einer Analogie verdeutlichen: Das Brettspiel Monopoly ist sicherlich ein Spiel, das den Kapitalismus nachahmt. Ein solches Spiel kann auch nur in einer kapitalistischen Gesellschaft entstehen und würde in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft wohl auch nicht verstanden werden. Manchmal ärgert sich auch jemand, wenn er beim Monopoly-Spiel verliert. Ist das ein Grund, Monopoly schlecht zu finden? Manche mögen das Spiel, manche nicht. Genauso verhält es sich mit SM. Monopoly bildet den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad authentisch ab, doch unterscheidet sich in Inhalt und Form erheblich von diesem – schon allein dadurch, dass die Menschen im Kapitalismus dort hineingeboren werden und somit gezwungen sind, sich seinen Gesetzen zu unterwerfen, die Menschen, die gerne Monopoly spielen dies jedoch in der Regel freiwillig tun.

Sicherlich ist es einerseits verharmlosend, andererseits verniedlichend, SM als bloßes Spiel zu bezeichnen. Es ist halt, wie viele andere Spiele auch, Spiel und Ernst zugleich. Problematisch ist daran per se nichts.

***

Der Foucault-Bezug von TaP wird noch seltsamer, wenn man betrachtet, wie sich Foucault zu SM geäußert hat:

Ich denke nicht, dass diese Bewegung sexueller Praktiken [gemeint ist die SM-Subkultur; TS] irgendetwas mit der Auf- und Entdeckung von tief in unserem unbewussten Unbewussten vergrabenen sadomasochistischen Strebungen zu tun hat. Ich denke, dass SM viel mehr ist als das; es ist die wirkliche Erschaffung neuer Möglichkeiten von Lust, die man sich zuvor nie hatte vorstellen können. Die Vorstellung, dass SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, dass ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, dass das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, dass wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich Desexualisierung der Lust nenne. Die Vorstellung, dass die physische Lust stets aus der sexuellen Lust herrührt, und die Vorstellung, dass die sexuelle Lust Grundlage aller möglichen Lüste ist, dies, denke ich, ist etwas, das falsch ist. Die SM-Praktiken zeigen uns, dass wir Lust ausgehend von äußerst seltsamen Objekten hervorbringen können, indem wir bestimmte eigentümliche Partien unseres Körpers in sehr ungewöhnlichen Situationen usw. gebrauchen.

Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt 2005, S. 304. (Aus einem Interview)

SM ist für Foucault nicht affirmativ, sondern das Gegenteil. Es ist ein kreatives Unternehmen, dass auf subversive Weise die Körper gegen die Herrschaft des „König Sex“ mobilisiert. Diese Sichtweise erscheint mir der Realität wesentlich angemessener, als die gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds. Selbst der hegemoniale Diskurs über SM ist im Vergleich zu diesem noch als fortschrittlich zu bezeichnen.

„Das private ist politisch“ – das sicherlich. Die Alternative kann nicht sein, in Bezug auf SM entweder links oder liberal zu denken. Aber es kommt sehr darauf an, wie es politisiert wird.
Im Gegenteil scheint mir in freudomarxistischen Kontexten der Sex allzu oft entpolitisiert zu werden und in SM-Kontexten die politische Kommunikation über „Sexuelles“ viel intensiver zu sein (aus offensichtlichen Gründen).

PS: Interessierten lasse ich gerne meine Hausarbeit Die Desexualisierung der Lüste – SM mit Foucault gedacht, per Mail zukommen, in der ich diesen Zusammenhang ausführlicher erläutere.

  1. TaP definiert sich selbst geschlechtlich uneindeutig. (Vgl. sein/ihr Kommentar)[zurück]

Denk ich an Israel in der Nacht…

Seit dem neuen Text der Antifa F und anderer Gruppen aus dem „Ums Ganze“-Dunstkreis1 gibt es in Frankfurt mal wieder eine Debatte um Deutschland, Antisemitismus und die Rolle Israels. Kritik übten sowohl die sinistra, als auch die Gruppe neocommunistinnen.

„Ums Ganze“ treibt damit den Inhalt der Broschüre „Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit“ zur Konsequenz: letztendlich wird, wie die beiden verlinkten Texte aufzeigen, die Shoa für abgehakt erklärt, die Fahne ihrer Opfer zu einem lächerlichen Staatssymbol unter vielen erklärt. Schwarz-Weiß-Rot und Blau-Weiß mit Stern: eigentlich kein allzu großer Unterschied. Die polemische Kritik an dieser Nivellierung, die nicht nur von mangelhafter theoretischer Einsicht, sondern auch von einer gewissen emotionalen Abhärtung gegenüber dem Grauen der Geschichte zeugt, halte ich für absolut berechtigt. Mit der Abgrenzung von „antideutschen Dichtern“ wird dies letztendlich offen ausgesprochen.

Meine Meinung – gegen Deutschland helfen Gedichte:

Früher Mittag

Still grünt die Linde im eröffneten Sommer,
weit aus den Städten gerückt, flirrt
der mattglänzende Tagmond. Schon ist Mittag,
schon regt sich im Brunnen der Strahl,
schon hebt sich unter den Scherben
des Märchenvogels geschundener Flügel,
und die vom Steinwurf entstellte Hand
sinkt ins erwachende Korn.

Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht sein enthaupteter Engel ein Grab für den Haß
und reicht die Schlüssel des Herzens.

Eine Hand voll Schmerz verliert sich über den Hügel.

Sieben Jahre später
fällt es dir wieder ein,
am Brunnen vor dem Tore,
blick nicht zu tief hinein,
die Augen gehen dir über.

Sieben Jahre später,
in einem Totenhaus,
trinken die Henker von gestern
den goldenen Becher aus.
Die Augen täten dir sinken.

Schon ist Mittag, in der Asche
krümmt sich das Eisen, auf den Dorn
ist die Fahne gehißt, und auf den Felsen
uralten Traums bleibt fortan
der Adler geschmiedet.

Nur die Hoffnung kauert erblindet im Licht.
Lös ihr die Fessel, führ sie
die Halde herab, leg ihr
die Hand auf das Aug, daß sie
kein Schatten versengt!

Wo Deutschlands Erde den Himmel schwärzt,
sucht die Wolke nach Worten und füllt den Krater mit Schweigen,
eh sie der Sommer im schütteren Regen vernimmt.

Das Unsägliche geht, leise gesagt, übers Land:
schon ist Mittag.

Ingeborg Bachmann

  1. http://www.no-racism.mobi/?p=443 [zurück]

Zum Wahltag

Diesen Mann hätte ich eigentlich wählen müssen. Eigentlich ist er soetwas wie ein zweiter Marx: war er nicht auch ein Anwalt der Arbeitenden, der Tüchtigen eben, gegen die verruchte Ausbeuterklasse? Wollte er nicht auch „klare Verhältnisse“ schaffen?

Spaß bei Seite – der Mann weiß zumindest, wie man psychologisch geschickte Propaganda macht: man muss den Leuten vermitteln, dass sie einem guten Kollektiv angehören, sollten sie sich hinter ihn stellen. Wer ihn nicht wählt, ist eben nicht tüchtig oder hat zumindest kein „Klassenbewusstsein“. In diesem Sinne ist Hans-Joachim Otto auf jeden Fall selbst tüchtig: ein tüchtiger Propagandist.

***

Es ist schon wahr, was die kritische Theorie gegen den Existenzialismus einwandte, dass es die Verhältnisse sind, die die Menschen permanent zu einer Wahl zwingen, ihnen die Pistole auf die Brust setzen. Am Wahltag steht man vor der unangenehmen Entscheidung, eine Wahl zu verweigern, und damit den Lauf der Geschehnisse womöglich schlimmer zu machen, als er ohnehin schon ist, oder sich durch seine bloße Beteiligung ein lächerliches Spektakel zu legitimieren, von der Unzulänglichkeit der Alternativen einmal ganz abgesehen. Letztendlich bestätigt die Wahl den Kantschen Skeptizismus: es ist letztendlich irrational, auf einen bestimmten Nutzen seiner Entscheidung zu spekulieren, da das Ergebnis der Entscheidung von ihr selbst völlig losgelöst ist. Wähle ich eine Partei, weil sie etwa ein höheres Kindergeld fordert, steht es völlig in den Sternen, ob sich diese Forderung auch in Realpolitik umsetzt. Es hängt von viel zu vielen Faktoren ab, die ich selbst überhaupt nicht einschätzen kann. Die Geschichte zeigt, dass es noch dazu sinnlos ist, auf die Vernunft der Wählenden zu hoffen, die einen Lügner doch nicht erneut aufstellen: das wäre ja auch schon gar keine Vernunft mehr, da man ja nicht weiß, ob der Lügner in den nächsten vier Jahren nicht doch seine Versprechen endlich einlösen wird. Womöglich haben ihn, wie er selbst beteuert, nur externe Faktoren daran gehindert, das zu tun, was er eigentlich tun wollte. Andererseits tritt ja stets eine Alternative auf, die von sich behauptet, ehrlicher zu sein als ihre Konkurrenten – und wieso sollte man dieser Alternative, die vorher ja nicht zur Wahl stand, nicht glauben schenken? Nach dieser abgeschmackten Logik bewegt sich das System fort und fort … Es finden sich ja auch immer wieder Leute bereit, trotz obsoleter Wahrscheinlichkeit eines Gewinns Lotto zu spielen. Wenn man sonst keine Chancen hat, klammert man sich eben auch an die geringste.

Anscheinend braucht ein System wie das unserer einerseits ein Kontrollinstrument, um eine „Korruption“ der Macht (in seinem Sinne) zu verhindern, andererseits verträgt es aber keinen wirklichen Einfluss der Menschen auf die Entscheidungen der Macht. Die Frage wäre, ob eine kapitalistische Ordnung mit einer perfektionierten Demokratie aufrechtzuerhalten wäre. Dies wirkt reichlich unglaubwürdig, zumal der Kapitalismus eine demokratische Kontrolle der Produktion und Verteilung ja schon einmal ausschließt (ein Kapitalismus mit vollständigem Eigentum der Produzierenden an den Betrieben wäre vielleicht als theoretische Fiktion denkbar, würde aber wohl bald wegen „Ineffizienz“ zusammenbrechen – welcher Arbeiter würde schon freiwillig die Schließung seines Werkes oder Massenentlassungen fordern?).

Marginalia zur Kritik der Psychoanalyse

Habe ich vor einiger Zeit die Annahme eines Unbewussten noch verteidigt, will ich nun hier einmal ein paar kritische Bemerkungen über die Psychoanalyse fallen lassen, die womöglich eine Serie von Artikeln einleiten wird, die um dieses Thema kreist. Es ist zwar schon oft geschehen, aber angesichts des nach wie vorigen Fortwesens freudomarxistischer Denkmuster in der Linken kann man es nicht oft genug wiederholen.

Zuersteinmal erweckt bei mir die Lektüre psychoanalytischer Texte immer den Eindruck des Willkürlichen. Es wird auf Freudsche Schlagworte zurückgegriffen, die undiskutiert als Fakten hingenommen werden, die Beweisführung läuft meistens über die Schilderung reiner Einzelfälle. Oft wird auch mit irgendwelchen kulturellen Phänomenen argumentiert. Doch es scheint so, als würde sich die Psychoanalyse in einem permanenten „hermeneutischen Zirkel“ bewegen: Einzelfälle und kulturelle Phänomene werden mit Rückgriff auf vermeintlich bewiesene psychoanalytische Hypothesen interpretiert, um dieselben dann zu rechtfertigen. Wissenschaft sollte eigentlich anders funktionieren …

Bereits die Grundprämissen der P.A. sind alles andere als einleuchtend. Dass es irgendetwas wie „unbewusste mentale Phänomene“ gibt, dürfte nicht zu bestreiten sein. Doch das Unbewusste der P.A. bedeutet ja mehr als das: ein in unserem Inneren wesendes „zweites Subjekt“, genauer: Es und Über-Ich, die, einer zu entschlüsselnden Systematik folgend, unser bewusstes Denken und Verhalten determinieren. Diese Systematik liegt insbesondere im Sexuellen, dass die P.A. zur „Ursache von allem und jedem“ (Foucault) erklärt. Jemand hat einen Schuhfetisch? Klar – das muss etwas damit zu tun haben, dass er das kindheitliche Trauma verarbeiten muss, das in der Entdeckung bestünde, dass Frauen keinen Penis haben ergo kastratriert worden sind. Jemand hat Angst, sein Augenlicht zu verlieren? Auch das ist nichts Anderes als eine Widerspiegelung der tief sitzenden Kastrationsangst.

„Das Sexuelle“ ist dabei die transhistorische Grundtatsache, auf die Freud seine ganze Theorie aufbaute. Es zu sehr einzuschränken wie es zu sehr zu enthemmen bringt Pathologien für die Einzelnen wie für die gesamte Gesellschaft mit sich. Das sei der aufklärerische Verdienst Freuds – er hätte ein neues Zeitalter der sexuellen Liberalisierung eingeleitet. Wir müssen unseren Sex befreien, dann werden wir uns auch von unseren Neurosen, Aggressionen etc. befreien! Dies ist das zentrale Diktum, dem auch der gesamte Freudomarxismus anhängt.

„Perversion“ ist dabei ebenso kein historischer, sondern ein transhistorischer Begriff. „Perversion“ ist alles, was bloß „Partialtrieb“ ist, also eine Lust, die nicht vom genitalen Orgasmus, dem höchsten Ideal einer allumfassenden Sexualität (der Fetisch ist letztendlich nur ein Ersatz für diesen, eine krankhafte Fixierung!). Egal, in welcher Gesellschaft – ihnen ist immer mit besonderer Vorsicht zu begegnen, lassen sie doch immer auf nicht hinreichend bewältigte frühkindliche Komplexe schließen. Die „Perversion“ ist dabei der Schlüssel, um die Identität einer Person zu entziffern – und wir sind am Zug, unsere Sexualität zu entdecken, um herauszufinden, wer wir sind. Das endet dann in Büchern wie Sex und Handschrift (Marie Bernhard, 1994), in der individuelle Abweichungen im Schriftbild auf „Perversionen“ zurückgeführt werden. Die Astrologie ist redlich dagegen!

Womöglich ist es, polemisch gesprochen, eher so, dass die P.A. und ihre Adepten auf den Sex fixiert sind als der „Perverse“ auf seinen „Partialtrieb“/sein Fetischobjekt. Man muss sie vielleicht eher als Kulmination einer jahrhundertelangen Tendenz zu einer „Sexualisierung der Gesellschaft“ betrachten als als qualitativ neues Emanzipationsprojekt. Letztendlich geht es doch nur um eine Anreizung zu Verhaltens- und Denkweisen: zur Selbstbeobachtung und Disziplinierung, zum Aufsuchen des Analytikers als säkularisierten Beichtvater, zur sorgsamen Erziehung der Kinder, zur väterlichen Nachsicht mit den „infantilen“ Perversen, zu einer besseren Bio-Politik, die eher auf sanfte Normierung als auf harsche Repression setzt. Oberstes Ziel: Gesundheit der Individuen wie des gesamten Volkskörpers. Kein radikales Konkurrenzprojekt zur biologistischen Psychiatrie, sondern eher ihr liberaler Zwillingsbruder (böser und guter Bulle).
Es ist eher davon auszugehen, dass die P.A. und ihre massenhafte Rezeption in der Bevölkerung den Sex erst so wichtig gemacht hat als dass sie irgendetwas neues aufgedeckt hätte.

Das Konzept der „Entfesselung der Bedürfnisse“ – natürlich primär als sexuelle Bedürfnisse gedacht – stammt letztendlich genau aus diesem Diskurs. Es wird so getan, als gäbe es natürliche Bedürfnisse – und das natürlichste von allen: den Sex (Schlafen, Trinken, Atmen und Ficken) –, die von der Herrschaft unterdrückt würden und die es zu befreien gälte. Mehr hat diese Art der Gesellschaftskritik nicht zu bieten, als da zu radikalisieren, was mindestens seit den 60ern ja schon hegemonialer Diskurs ist: das Schlafzimmer als letzte Bastion der westlichen Freiheit, Lebensfreude und Selbstverwirklichung. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von der „kargen Herrschaft des Sex“. Vielleicht ist die Herrschaft, gerade seit Freud, gewiefter als einfach nur „Nein“ zu sagen. Was hat sie denn auch für ein Interesse, ihn zu unterdrücken? Offensichtlich macht sie ihn nutzbar für sich: als Anreiz zur Selbstkontrolle, zu tolerablen, ungefährlichen Verhaltens- und Denkweisen und als Mittel, den Volkskörper vor „Degeneration“ zu schützen (man will ja nicht wie der feudale Adel in Inzucht enden, ge?).

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Freilich ist es sehr bedenklich, die P.A. zu kritisieren – eigentlich unmöglich. Denn mein polemischer Tonfall verrät womöglich diverse Verdrängungen, als deren Projektionsfläche mir die P.A. dient. Gefährlich, gefährlich.

Marx spektakulär

Ich bin anscheinend mehr im Trend, als ich zu träumen gewagt hätte. Zumindest, was meine theoretischen Vorlieben betrifft. Während Zeitungen wie der Spiegel Marx regelmäßige Leitartikel widmen, ist der gute alte Rauschebart nun das Leitthema eines ganzen Heftes der Zeit Geschichte1.

Für einen recht erträglichen Preis von 5,50 € stellt das Heft eine recht nette Abendunterhaltung dar für alle Marxisten und solche, die es werden wollen. Das Heft stellt zumindest den Versuch dar, einen mediengerechten Umgang mit Marx zu finden, ohne allzu niveaulos zu werden. Von einigen sachlichen Schnitzern wie der Verlegung des Fetischskapitels vom 1. in den 3. Band des Kapital in einer Quellenangabe abgesehen, konnte ein gewisser Grad an Korrektheit auch tatsächlich erreicht werden. Neben Zeit-Redakteuren schrieben an der Ausgabe auch Marx-Experten wie u.a. Robert Kurz und Iring Fetscher mit. Kurzens Artikel über die Kritik der politischen Ökonomie ist der lesenswerteste des Heftes.

Nett sind dabei die zahlreichen biographischen Anekdoten zu Karl, Friedrich und seiner Familie. So wurden z.B. ihre Einträge in das Poesiealbum von Marxens Tochter Jenny abgedruckt, die die Form eines kleinen Steckbriefs haben. Da erhält man auch eher erschreckende Einblicke ins Marxens private Empfindungswelt. So schreibt er:

„Lieblingstugend beim Mann: Kraft
Lieblingstugend bei der Frau: Schwäche“

Als Lieblingsheldin wird dieser Wertung gemäß Gretchen aus Goethes Faust genannt. Entsprechend sexistisch sind auch die anderen Einträge ausgelegt. Friedrich Engels scheint diese Art der Selbstauskunft immerhin mit etwas Humor zu nehmen, wenn er als Lieblingstugend bei einer Frau „Keine Sachen zu verlegen“ angibt. Als Lieblingshelden gibt er an „Keiner“, als Lieblingsheldin „Zu viele, um eine zu nennen.“ Seine Maxime: „Keine zu haben“, sein Motto: „Take it easy“.

Eher kurios wirkt das innersozialdemokratische Streitgespräch zwischen dem Urgesteinpromarxisten Elmar Altvater und dem Chefökonom der deutschen Bank, Norbert Walter. Die Kritik des letzteren an Marxens Kapital nimmt sich folgendermaßen aus: „Es war die schrecklichste Lektüre meines Lebens. Das Buch ist in vielen Teilen schlicht unverständlich und in sehr schwachem Deutsch geschrieben.“ Liegt es immer am Text selbst, wenn dieser unverständlich wirkt? Altvater argumentiert dagegen: „Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Marx selbst hat das Kapital als Gesamtkunstwerk bezeichnet, und das ist nicht ganz falsch, es gibt Passagen, die an große Weltliteratur erinnern.“

Walters Statement zur „Heuschreckenkritik“: „Wir können uns nicht auf der einen Seite zu Recht über die Gier der Manager erregen und gleichzeitig die Millionen Versicherungsbetrüger und andere Leute, die durch ihr Verhalten hohe Kosten für die Allgemeinheit verursachen, ignorieren. Moralische Grundsätze müssen für alle gelten, sonst sind sie nicht durchzusetzen. Ich halte es für unvertretbar, dass wir eine Rechtsschutzversicherung und eine Krankenversicherung ohne Selbstbehalt haben. Es gibt eine verbreitete Mentalität, auf Kosten anderer zu leben, dem müssen wir Einhalt gebieten.“ Zur Erklärung: „Selbstbehalt“ bezeichnet im Versicherungswesen die Eigenbeteiligung des Versicherten im Versicherungsfall. Gibt es in der Krankenkasse freilich schon, aber einem gutverdienenden Mann wie Walter fallen solche Peanuts wahrscheinlich garnicht auf – wichtig ist, dass alle gleich behandelt werden.

Altvater als Promarxist ist natürlich anderer Meinung: „Man muss aber auch sehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Individualismus honoriert. Die Werbung, die Erziehung, alles läuft auf den Individualismus hinaus, der sich dann in Egoismus übersteigert. Am Ende kommt dann der Versicherungsbetrüger heraus, den ich genauso verachte wie Sie.“ Da erübrigt sich wohl jedes weitere Kommentar.

Von der Marxschen Staatskritik, dargelegt etwa bereits in der Schrift Zur Judenfrage, ist in diesem Interview – den Ansichten Altvaters entsprechend – garnicht, im gesamten Heft nur marginal die Rede. Im Großen und Ganzen ging es eigentlich nur um die Marxsche Ökonomiekritik – was natürlich angesichts der Tatsache, dass Marx ja gerade auf die universale Verschränkung von Produktionsart und „Restgesellschaft“, so dass man diese im Grund überhaupt nicht getrennt, sondern nur im Zusammenhang betrachten kann, hinwies, eine erhebliche Verkürzung, wenn nicht Verfälschung darstellt.

Auch die Kritik am DDR-Marxismus kommt ohne eine gewisse Komik nicht aus:

„In der DDR war Marx unbekömmlich. Frei und willentlich lasen ihn nur wenige. Aber jeder wurde angesäuselt vom Marxismus als realsozialistischer Rechtfertigungslehre, einem Dogmengebräu verschnitten mir Marx-Spirituosen: Basis und Überbau. Mehrwert, Entfremdung, doppelt freie Lohnarbeiter. Produktionsmittel und Produktivkräfte, Fetischcharakter der Ware. Dialektik, Negation der Negation. Abfolge der Gesellschaftsordnungen. Geschichte ist Klassenkampf. Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte – halt, war das nicht schon Lenin?“

Dazu kann ich nur sagen: ja, was da aufgezählt wird sind tatsächlich zentrale Elemente der Marxschen Kritik – wenn diese in der DDR richtig gelehrt worden wären, wären die Menschen dort sicherlich früher bereit gewesen, das Regime zu stürzen und hätten auch nicht die „Marktwirtschaft“ bei sich eingeführt.

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Über Österreich

„Österreicher werden ja häufig als Schluchtenscheißer bezeichnet.“ „Ja, wir Deutschen haben ja auch den Rhein zum reinscheißen.“

Dialog aus Calau.

Eigentlich fehlt mir jegliche Legitimation über Österreich zu schreiben. Ich kenne dieses Land nur von der Durchreise, vom Hörensagen und aus Büchern. Ich hatte einmal ein romantisches Trauma an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Obersdorf.1 Aber auf dem Blog „Wider die Totalverblödung“ habe ich ein Video gefunden, dass einfach zu geil ist. Es hätte auch genauso gut in Berlin gedreht werden können und gibt einen passenden Eindruck vom Stand des derzeitigen Alltagsbewusstseins:

Der passende Song dazu:

Auch die politische Prominenz ist bei österreichischen Szenepartys am Start:

Österreich – Heimat der Emanzipation.

In Wahrheit gibt es jedoch nur einen Österreicher, der mein Blut zum Kochen bringt:

Und ja – natürlich plädiere ich dafür, nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich abzuschaffen. Ungarn muss zur Isar reichen!

  1. Nein, nicht Romeo und Julia. Eher – landesgemäß – Komödienstadl. [zurück]



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