Marx spektakulär

Ich bin anscheinend mehr im Trend, als ich zu träumen gewagt hätte. Zumindest, was meine theoretischen Vorlieben betrifft. Während Zeitungen wie der Spiegel Marx regelmäßige Leitartikel widmen, ist der gute alte Rauschebart nun das Leitthema eines ganzen Heftes der Zeit Geschichte1.

Für einen recht erträglichen Preis von 5,50 € stellt das Heft eine recht nette Abendunterhaltung dar für alle Marxisten und solche, die es werden wollen. Das Heft stellt zumindest den Versuch dar, einen mediengerechten Umgang mit Marx zu finden, ohne allzu niveaulos zu werden. Von einigen sachlichen Schnitzern wie der Verlegung des Fetischskapitels vom 1. in den 3. Band des Kapital in einer Quellenangabe abgesehen, konnte ein gewisser Grad an Korrektheit auch tatsächlich erreicht werden. Neben Zeit-Redakteuren schrieben an der Ausgabe auch Marx-Experten wie u.a. Robert Kurz und Iring Fetscher mit. Kurzens Artikel über die Kritik der politischen Ökonomie ist der lesenswerteste des Heftes.

Nett sind dabei die zahlreichen biographischen Anekdoten zu Karl, Friedrich und seiner Familie. So wurden z.B. ihre Einträge in das Poesiealbum von Marxens Tochter Jenny abgedruckt, die die Form eines kleinen Steckbriefs haben. Da erhält man auch eher erschreckende Einblicke ins Marxens private Empfindungswelt. So schreibt er:

„Lieblingstugend beim Mann: Kraft
Lieblingstugend bei der Frau: Schwäche“

Als Lieblingsheldin wird dieser Wertung gemäß Gretchen aus Goethes Faust genannt. Entsprechend sexistisch sind auch die anderen Einträge ausgelegt. Friedrich Engels scheint diese Art der Selbstauskunft immerhin mit etwas Humor zu nehmen, wenn er als Lieblingstugend bei einer Frau „Keine Sachen zu verlegen“ angibt. Als Lieblingshelden gibt er an „Keiner“, als Lieblingsheldin „Zu viele, um eine zu nennen.“ Seine Maxime: „Keine zu haben“, sein Motto: „Take it easy“.

Eher kurios wirkt das innersozialdemokratische Streitgespräch zwischen dem Urgesteinpromarxisten Elmar Altvater und dem Chefökonom der deutschen Bank, Norbert Walter. Die Kritik des letzteren an Marxens Kapital nimmt sich folgendermaßen aus: „Es war die schrecklichste Lektüre meines Lebens. Das Buch ist in vielen Teilen schlicht unverständlich und in sehr schwachem Deutsch geschrieben.“ Liegt es immer am Text selbst, wenn dieser unverständlich wirkt? Altvater argumentiert dagegen: „Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Marx selbst hat das Kapital als Gesamtkunstwerk bezeichnet, und das ist nicht ganz falsch, es gibt Passagen, die an große Weltliteratur erinnern.“

Walters Statement zur „Heuschreckenkritik“: „Wir können uns nicht auf der einen Seite zu Recht über die Gier der Manager erregen und gleichzeitig die Millionen Versicherungsbetrüger und andere Leute, die durch ihr Verhalten hohe Kosten für die Allgemeinheit verursachen, ignorieren. Moralische Grundsätze müssen für alle gelten, sonst sind sie nicht durchzusetzen. Ich halte es für unvertretbar, dass wir eine Rechtsschutzversicherung und eine Krankenversicherung ohne Selbstbehalt haben. Es gibt eine verbreitete Mentalität, auf Kosten anderer zu leben, dem müssen wir Einhalt gebieten.“ Zur Erklärung: „Selbstbehalt“ bezeichnet im Versicherungswesen die Eigenbeteiligung des Versicherten im Versicherungsfall. Gibt es in der Krankenkasse freilich schon, aber einem gutverdienenden Mann wie Walter fallen solche Peanuts wahrscheinlich garnicht auf – wichtig ist, dass alle gleich behandelt werden.

Altvater als Promarxist ist natürlich anderer Meinung: „Man muss aber auch sehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Individualismus honoriert. Die Werbung, die Erziehung, alles läuft auf den Individualismus hinaus, der sich dann in Egoismus übersteigert. Am Ende kommt dann der Versicherungsbetrüger heraus, den ich genauso verachte wie Sie.“ Da erübrigt sich wohl jedes weitere Kommentar.

Von der Marxschen Staatskritik, dargelegt etwa bereits in der Schrift Zur Judenfrage, ist in diesem Interview – den Ansichten Altvaters entsprechend – garnicht, im gesamten Heft nur marginal die Rede. Im Großen und Ganzen ging es eigentlich nur um die Marxsche Ökonomiekritik – was natürlich angesichts der Tatsache, dass Marx ja gerade auf die universale Verschränkung von Produktionsart und „Restgesellschaft“, so dass man diese im Grund überhaupt nicht getrennt, sondern nur im Zusammenhang betrachten kann, hinwies, eine erhebliche Verkürzung, wenn nicht Verfälschung darstellt.

Auch die Kritik am DDR-Marxismus kommt ohne eine gewisse Komik nicht aus:

„In der DDR war Marx unbekömmlich. Frei und willentlich lasen ihn nur wenige. Aber jeder wurde angesäuselt vom Marxismus als realsozialistischer Rechtfertigungslehre, einem Dogmengebräu verschnitten mir Marx-Spirituosen: Basis und Überbau. Mehrwert, Entfremdung, doppelt freie Lohnarbeiter. Produktionsmittel und Produktivkräfte, Fetischcharakter der Ware. Dialektik, Negation der Negation. Abfolge der Gesellschaftsordnungen. Geschichte ist Klassenkampf. Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte – halt, war das nicht schon Lenin?“

Dazu kann ich nur sagen: ja, was da aufgezählt wird sind tatsächlich zentrale Elemente der Marxschen Kritik – wenn diese in der DDR richtig gelehrt worden wären, wären die Menschen dort sicherlich früher bereit gewesen, das Regime zu stürzen und hätten auch nicht die „Marktwirtschaft“ bei sich eingeführt.

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2 Antworten auf “Marx spektakulär”


  1. Gravatar Icon 1 K 27. Oktober 2009 um 18:45 Uhr

    Finde ich immer wieder erstaunlich, wie solche verblödeten Ideologen sowas wie „Chefökonom der Deutschen Bank“ werden können. Ist es in solchen Jobs nicht nötig, möglichst nüchtern die Dinge einzuschätzen?

  1. 1 Sensationelles Fußball-Tor « Der Big Blog ! Pingback am 22. Dezember 2009 um 14:09 Uhr

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