Archiv für November 2009

Eine Frage der Bildung

Ich hab es langsam satt, immer wieder auf dasselbe zu verweisen, aber angesichts der Tatsache, dass nächste Woche der gefühlte 5000. Bildungs“streik“ (sofern er denn sinnvoll als einer bezeichnet werden kann – schließlich sind die Studierenden und Schüler_innen gewissermaßen „Kunden“ des Bildunssystems, ein Streik im traditionellen Sinn wäre eher ein Streik der Dozent_innen und Lehrer_innen) vor der schmucken Eingangstür des IG-Farben-Campus, die leider oft schwer aufgeht, steht, fühle ich mich doch bemüßigt, selber mal wieder etwas dazu zu sagen und auf die lesenswerten Äußerungen anderer zu diesem Thema zu verweisen.

Mein Unbehagen an der Bildungsstreikbewegung sitzt tief. Allzu offensichtlich ist, dass das Ganze im Grunde eine Inszenierung ist: irgendwelche ominösen Zentralstellen beschließen eine Streikwoche, die dann von den lokalen Asten auf Pseudo-Vollversammlungen (die eher Zehntelversammlungen, wenn überhaupt!, sind), abgesegnet wird. Diese Vorgehen ist so demokratisch wie der demokratische Zentralismus alla Lenin. Kein Wunder, und das ist das 2. Problem, dass sich die große Mehrheit der Studierenden überhaupt nicht mit den Streikenden verbunden fühlt. Als ich beim letzten Streik durch die Uni lief, waren geschätzte 4/5 aller Äußerungen zu diesem Thema von den Studierenden selbst negativ: durchaus zu Recht wurde der Streik als putschartiges Unternehmen weniger wahrgenommen, die die Studierenden nur am braven Besuch ihrer Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht hindern. Man fühlt sich unwillkürlich schon wieder an die Strategie des alten Herrn mit Spitzbarts erinnert. Es mag sein, dass es anderswo anders – an der Goethe-Uni zumindest war es so und wird wohl auch diesmal so sein, denn ich sehe nicht, dass sich im Vorfeld irgendetwas geändert hätte.
Ich weiß auch nicht, wie man das besser machen soll. Aber angesichts der objektiven Minderheitenposition der Streikenden ist es kein Wunder, dass niemand ihre Forderungen Ernst nimmt. Vielleicht könnte eine wirkliche Massenbewegung tatsächlich etwas erreichen – doch die kann man nicht simultativ aus dem Boden stampfen. Offensichtlich ist das Unbehagen der meisten Schüler_innen und Studierenden am Bachelor-/Master-System einfach nicht groß genug.
Als Erfolg kann man in Hessen natürlich mit einiger Plausibilität die Abschaffung der Studiengebühren verbuchen, das soll nicht bestritten werden. Anderswo hat das freilich nicht so gut geklappt, in Hessen waren die politischen Rahmenbedingungen dafür gegeben.

Ich glaube, dass die Streikbewegung viel mehr an realpolitischen Zielen erreichen könnte, wenn sie endlich ihre revolutionären Flausen abstreift und noch eindeutiger reinen Reformismus mit allen strategisch-taktischen Verrenkungen, die dazu gehören, praktiziert. Ansätze dazu gibt es ja schon. Man soll endlich aufhören, die Weltrevolution zu fordern und Randale zu machen, damit verschreckt man die Mehrheit der Agitationsobjekte nur. Das meine ich natürlich sarkastisch, aber richtig bleibt es trotzdem. Wäre ja schön, wenn es eine revolutionäre Massenbewegung an den Unis gäbe. Doch trotz Marx-Lektüre-Bewegung und anderen Späßen von SDS&Co. ist das in weiter Ferne. Man sollte nicht resignieren, sondern dies als Ansporn sehen, andere Wege zu bestreiten. Es ist kein Argument, dass diese sagenhaften „anderen Wege“ hier nicht ausgeführt werden: der andere Weg liegt schon in der Entscheidung, es anders zu machen, selbst.
Um nicht missverstanden zu werden: ich wollte gern etwas „Positives“ schreiben und habe natürlich für mich selbst die für mich naheliegenden Konsequenzen aus meiner Kritik gezogen. Doch ich kann es einfach nicht und kann auch mein eigenes Verhalten nicht zum Maßstab für andere machen. Jede/r soll es so machen, wie er/sie es vor sich selbst verantworten kann. Das Bildungssystem als solches halte ich für (mindestens) genauso kritisierenswert wie die Streikenden auch.

An die subjektive Konstitution der Studierenden knüpft nun eine mehrteilige vom ASTA mit herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Otium I“ (für Nicht-Lateiner: „Muße I“) an, die derzeit in geisteswissenschaftlichen Seminaren kursiert. Der bisher einzig vorliegende erste Teil vollzieht eine Wende der gewohnten Kritik, indem er nicht so sehr die objektiven Strukturen im Bildungssystem, sondern vielmehr die subjektive Anpassungsleistung der in ihm befindlichen kritisiert und ruft zu mehr Mut auf, die geforderte Bildung auch im konkreten Uni-Alltag einzufordern und zu „praktizieren“ (sagt man zwar nicht so, aber ich hoffe, man ahnt das Gemeinte). Doch auch dies führt nicht aus dem Dilemma raus: der erhobene Zeigefinger verändert die Leute normalerweise nicht. So richtig es ist, die Subjektivität der Studierenden anzugreifen, kann sie doch nicht getrennt von den objektiven Gegebenbenheiten an der Uni kritisiert werden, sonst begibt man sich in den Himmel (oder: die Hölle) moralischer Abstraktion.

Letztendlich besteht die Ideologie also darin, die tumbe Mehrheit der Studierenden in leninistischer Manier als agitationsbedürftige Manövriermasse im Kampf um dieses oder jenes politische Programm zu betrachten. Doch es ist eben Ideologie: kein banaler Irrtum, sondern ein notwendig verkehrtes Bewusstsein. Wenn man in dieser Gesellschaft ein politisches Programm durchsetzen will, muss man sich anscheinend so verhalten. Gleichzeitig verhält man sich so nicht anders als jede Werbeagentur, jede Partei, jede Sekte. Ein passendes Bild: zwei „Informations“stände vor der Mensa am IG-Farben-Campus, einer von irgendeiner Versicherung, einer vom ASTA für die Bildungsprotestwoche. Geschickter scheinen die in blaue Weihnachtsmannkostüme gehüllte Animateur_innen der Versicherung vorzugehen. Die Studierenden haben anscheinend noch berechtigte Skrupel, zu aufdringlich Propaganda zu betreiben. Alternativ könnte man sich zurückziehen und sich nicht mehr um Politik kümmern und so womöglich dem Elend an der Uni (und anderswo) Vorschub leisten. Alles sehr elendig. Doch man kommt um die Erkenntnis nicht drumherum: vereinzelte Reformen lassen das Gesamtelend unangetastet, führen womöglich gar zu einer effektiveren Ausbeutung in Zukunft. Das beweist die Geschichte und die prinzipielle Logik des Kapitalismus. Für was also „streiken“?

Weitere gute Beiträge zum Thema:

Ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte (Dr. Kollossos und meine Wenigkeit): Versuch einer Analyse der aktuellen Umstrukturierungen im Bildungssystem und der Verweis auf ihre innerkapitalistische Rationalität.


Zerschlagt die Universität!
(leicht ist’s gesagt): Kleine Randnotiz zur Unibesetzung in Salzburg.

Zu was die leninistische Denke, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen, führt, zeigt auch recht gut diese Darstellung der Salzburger Verhältnisse aus feministischer Sicht auf dem mädchenblog.

Aus adornitischer Sicht wiederum schreibt die Antifa Horgau.

Immer wieder Bildungsstreik: ein wie immer lesenswertes Flugblatt der neocommunistinnen. Diesmal sogar in audiovisueller Variante:


(Und nein – es ist in der Tat kein Zufall, dass ich immer wieder die neocoms verlinke – sie sind einfach gut. (-; )




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