Archiv für Januar 2010

Irische Verhältnisse

Im Zeitalter des objektiven Verfalls des religiösen Wortes zur bloßen kulturindustriellen Floskel weiß sich diese anscheinend nur mehr auf die Kraft der nackten gewaltbewährten Sanktion zu stützen. (Dies um zu demonstrieren, dass ich gerade mal wieder etwas von Adorno lese.) So in Irland, wo ein neues Gesetz jedwede „Blasphemie“ mit einer saftigen Geldstrafe von 25.000 € belegt. Auf no218fundis.wordpress.com heißt es dazu:

Seit dem 1.Januar dieses Jahres kann in Irland jede_r die_der „Material veröffentlicht, das stark beleidigend ist gegenüber Glaubenssätzen, die von jeder Religion heilig gehalten werden“, mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro belegt werden.

Allerdings scheint mir der englische Wortlaut, wenn mich meine Sprachkenntnisse nicht trügen, verfehlt zu sein. Auf der irischen Seite der Gegner dieses neuen Gesetzes heißt es:

From today, 1 January 2010, the new Irish blasphemy law becomes operational, and we begin our campaign to have it repealed. Blasphemy is now a crime punishable by a €25,000 fine. The new law defines blasphemy as publishing or uttering matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby intentionally causing outrage among a substantial number of adherents of that religion, with some defences permitted.

Es geht also anscheinend nicht um religiöse Inhalte, die jede Religion heiligt (welche sollen das auch sein, die Religionen unterscheiden sich schließlich erheblich voneinander), sondern um religiöse Inhalte jedweder Religion. An sich wäre es damit auch eine „Lästerung“ des antiken Götterglaubens verboten. Man müsste glatt eine Website starten, in der der griechische Polytheismus „gelästert“ wird, und diese dann anzeigen, um die Lächerlichkeit dieses Gesetzes bloßzustellen.

Über die Hintergründe dieses Gesetzes, die wohl insbesondere in der spezifik des irischen katholischen Nationalismus zu suchen sind, informiert auch ein lesenswerter taz-Artikel. Dabei wird zum Schluss auch auf Reaktionen auf dieses Gesetz verwiesen, die eindeutig aufzeigen, in welchem globalen Kontext diese neuen Maßnahmen zu verorten sind:

Applaus gab es lediglich von der Organisation der Islamischen Konferenz, der 57 Länder angehören. Sie versucht, in Anlehnung an das irische Gesetz Gotteslästerung international von den Vereinten Nationen unter Strafe stellen zu lassen. „Es ist beschämend, dass Irland für Staaten wie Pakistan in dieser Hinsicht nun als Vorbild gilt“, sagt Nugent.

Auf die Spitze getrieben wird diese Auffassung von Religionsfreiheit von Gläubigen in den USA:


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Mit dieser Tendenz ist also nicht nur eine erhebliche Gefahr für die Meinungsfreiheit, sondern für die Freiheit der gesamten Gesellschaft verbunden.

Ein Wort für den Atheismus

Für Lesefaule ein kurzes abstract des folgenden Textes:

Grundgedanke ist, dass man, um sich der Frage nach der Existenz Gottes zu nähern, genau angucken muss, wie „wir“, als Angehörige eines bestimmten Denksystems, in Bezug auf weniger ominöse Gegenstände über deren Existenz diskutieren. Entweder man kann über die Existenz Gottes streiten wie über die jedes anderen Gegenstands auch, oder seine Existenz kann innerhalb unserer Denksystems, also insbesondere unserer normalen Sprech- und Denkweise über „Existenz“, nicht sinnvoll behauptet werden. Entscheidendes Fazit meiner Erörtertung von 5 „Schubladen“ der Existenz, in die Gott potentiell gehören könnte, ist, dass weder die Religion als Annahme der Existenz Gottes noch der Agnostizismus, der sich gegenüber dieser Frage indifferent verhält, rationale Positionen sind. Beide gehen von einem falschen Verständnis des Seins-Begriffs aus – die Nicht-Existenz Gottes wäre logisch eindeutig widerlegbar, gäbe es einen klaren Gottesbegriff. Da es diesen nicht gibt, macht es keinen Sinn, seine Existenz anzunehmen.

Die wohl umstrittenste Frage, die sich auf dem Gebiet der Ontologie, der Wissenschaft vom Sein, stellt, ist die nach der Existenz Gottes. Um diese Frage überhaupt klären zu können, wird es nötig sein, zunächst einmal zu klären, was denn unter „Existenz“ zu verstehen ist. Leider kranken derartige Debatten meistens genau an diesem Punkt: man diskutiert letztendlich über etwas völlig Unklares: „Existenz“, „Sein“ – die klarsten Begriffe und die unklarsten überhaupt. Vielleicht liegt ein guter Teil der Verwirrung, die in derartigen Existenzfragen („Gibt es x?“) daran, dass wir den Begriff „Sein“ auf so schillernde Art gebrauchen – und zwar meist in Kontexten, in denen die Frage nach dem „Sein“ der Dinge, von denen wir sagen „Das verhält sich so und so“ bereits impliziert ist und nicht ernsthaft hinterfragt wird. Das „Sein“ verwenden wir zumeist als im Grunde verzichtbares Kopula – als Substantiv wird es im Grunde nie gebraucht. Dennoch denke ich nicht, dass man mit derartigen sprachtheoretischen Erwägungen die Problematik des Seins einfach vom Tisch wischen kann – denn es gibt ja Kontexte, in denen es einen lebendigen Zweifel an der Existenz gewisser Dinge gibt. Wir müssen uns nur davor hüten, die Unklarheit des Begriffs „Sein“ dahingehend zu missbrauchen, dass wir ihn mystisch aufladen, so, als stecke dahinter ein großes Geheimnis, das es zu klären gäbe. Letztendlich denke ich, ist die Verwirrung um diesen Begriff behebbar.

Bevor ich mich also der Frage nach der Existenz Gottes zuwende werde ich mich mit dem Begriff des Seins und zwar auf eine Art und Weise, die möglichst nah an unserer gewöhnlichen Sprechweise in Debatten, in denen es um die Existenz von Dingen geht, befassen. Und ich werde zugleich aufzuzeigen versuchen, mit welchen Argumenten derartige Debatten zu entscheiden sind und mit welchen nicht. Daraus wird recht schnell hervorgehen, dass viele Argumente, sowohl von Atheisten, als auch von Agnostikern und Religiösen haltlos sind. Sie ähneln einer Diskussion von Blinden darüber, ob ein Gegenstand rot ist oder nicht. Zugleich muss jedoch auch ich eine wichtige Einschränkungen machen: es wird mir kaum gelingen, alle Probleme, die mit dem „Sein“ verbunden sind, ein für allemal zu lösen. Ich will ein wenig Klarheit verschaffen, sonst nichts – und das stets unter der Prämisse meiner Fragestellung.
Diese Einschränkung betonend, möchte ich fünf Weisen der Existenz und damit fünf Kontexte unterscheiden, in denen über die Existenz oder Nicht-Existenz von Dingen sinnvoll debattiert werden kann. Es gibt zunächst Dinge, die nicht in der Welt, sondern nur in unserem Geist existieren. Also irreal existierende Dinge. Was genau dazu gehört, ist fraglich, aber es ist eine Unterscheidung, die sich uns unmittelbar aufdrängt: den Weihnachtsmann gibt es aller Wahrscheinlichkeit nicht wirklich, aber es ist durchaus plausibel zu sagen, dass er in der Vorstellung, als kulturelles Phänomen existiert. Diese Ebene des Seins ist letztendlich von allem bevölkert, das wir denken können: es macht ja keinen Sinn zu sagen, ein x existiert weder in unserem Bewusstsein noch in der Realität, und gleichzeitig von diesem x zu sprechen. Wenn es nur darum ginge, ob Gott in dieser Weise existiert oder nicht, wäre dieser Streit sinnlos: natürlich existiert Gott als Vorstellung, sicherlich sogar als wirkmächtige. Aber ein Gläubiger, der sich mit dieser Existenzweise Gottes zufrieden gäbe, spräche ihm nicht mehr Existenz zu als einem Einhorn oder dem Schlaraffenland – er würde sich damit, sofern er seinem Glauben mehr als bloß subjektive Gültigkeit zumessen würde, in ein argumentatives Abseits begeben. Man würde ihm antworten: „Ja, Gott gibt es, na und?“
Wenden wir uns also dem interessanten Bereich zu, der Dinge, bei denen es wirklich zum Streit kommen kann: den real existierenden. Man könnte nun einwenden, dass es vielleicht gar keine Wirklichkeit gibt, sondern nur Fiktion und dieser ganze Streit damit ohnehin hinfällig. Doch dies widerspricht unserer intuitiven Trennung von scheinbar und real existierendem und wirft auch andere ontologische Probleme auf, die hier nicht näher erörtert werden können.2 Zudem wird auch dieser Skeptiker zumindest zugestehen müssen, dass es anscheinend Dinge gibt, deren Existenz sich allein aus dem Begriff zeigen lässt und andere, bei denen dies nicht der Fall ist. Es gibt Dinge, die es mit Notwendigkeit geben muss und andere, deren Existenz oder Nicht-Existenz eine empirische Frage ist. Zahlreiche Philosophen haben versucht, „Gott“ in genau diese Kategorie von Dingen einzuordnen – sie wurden im Lauf der Philosophiegeschichte letztendlich alle widerlegt. Weder die Annahme eines „unbewegten Bewegers“ als Bedingung aller Bewegung, noch eines intelligenten Schöpfers als Grundlage einer (vermeintlichen) Vollkommenheit der Welt noch die eines vollkommenen Wesens, dessen Existenz bereits im Prädikat „vollkommen“ enthalten wäre, haben sich letztendlich als notwendig erwiesen. Wir können uns eine Welt ohne Gott denken. Interessant wäre nun die Frage, ob sich die Nicht-Existenz Gottes notwendig beweisen lässt. Bei anderen Dingen ist dieser Beweis leicht zu führen: ist der Begriff der „Zahl“ z.B. erst einmal gegeben, ist es undenkbar, dass es eine rote Zahl geben kann („Zahl“ hier im Sinne einer mathematischen, nicht einer empirischen Entität). Auch die Existenz eines verheirateten Junggesellen ist undenkbar. Zumindest scheint die Existenz eines Wesens, das gleichzeitig gut, allmächtig und allwissend ist in unserer Welt zu Widersprüchen zu führen – dieses Argument ist ja hinlänglich bekannt. Die Religiösen weichen dem auf verschiedene Weisen aus, die man im einzelnen diskutieren müsste. Am naheliegendsten scheint zu sein, einfach den Begriff „Gott“ anders zu definieren – vielleicht als undefinierbar. Gott wäre dann ein Ding, was sich unserer Erfahrung, selbst unserem Denken entzieht. Gott würde dann einer weiteren Kategorie von Dingen angehören: Dinge, die es wirklich gibt, die wir aber weder wahrnehmen noch hinreichend im Denken erfassen können. Diese Kategorie ist wohl eine der kompliziertesten und umstrittensten in der Philosophie. Was ist davon zu halten, wenn jemand sagt: „Ich weiß, dass es ein Ding gibt, ich nenne es Gott, dass wir niemals erfassen können.“ Wie kann er von einem solchen Ding wissen? Er wird vielleicht sagen: durch die Bibel, in der Gott sich offenbart. Aber dies ist freilich kein Argument, dass mich jemals dazu zwingen könnte, die Existenz eines solchen Dinges anzuerkennen: dass irgendjemand mal behauptet hat, es gäbe dieses Ding.
Egal ob es Sinn macht, real existierende Dinge anzunehmen, die sich unserer Wahrnehmung auf ewig entziehen: Gottes Existenz lässt sich so zumindest nicht zeigen, nur wenn man zeigt, dass die Annahme eines unerkennbaren, aber real existierenden Dinges notwendig ist – aber dann wäre die Existenz dieses Dinges gerade nicht unerkennbar, höchstens seine Prädikate außer dem Prädikat, real zu existieren. Kann man die notwendige Existenz eines Dinges beweisen, ohne auf dessen Prädikate einzugehen? Klarerweise nicht, denn bei allen Dingen dieser Kategorie folgt ja eben die Existenz aus dem Begriff, also aus den Prädikaten. Man kann vielleicht versuchen zu zeigen, dass es ein Ding geben muss, dass wir niemals in Gänze erkennen können und dessen einzige sonstige Eigenschaft eben diese Unerkennbarkeit ist und dieses dann „Gott“ nennen. „Gott“ wäre dann so etwas wie das Kantsche „Ding an sich“. Der Glaube bestünde dann nichts weiter als in dem Glauben an diesen Bereich des Unerkennbaren. Ob es diesen Bereich gibt ist strittig und auch, ob dies überhaupt ein sinnvoller Begriff ist – was wäre dann noch der Inhalt dieses Glaubens? Was impliziert er? Womöglich ist er nichts weiter als ein Einfallstor für jedweden Irrationalismus, denn wenn es einen Bereich des Seins gibt, den wir nie wahrnehmen können: wer weiß, was es dort draußen noch alles gibt? So könnte man letztendlich die Existenz jedes beliebigen Dinges „beweisen“: es gehört eben einer Art Geisterwelt an, die wir nie vollständig erschließen können. In derartigen Sphären kommen wir einer rationalen Klärung dieser Frage sicherlich nicht näher. Es mag sein, dass es diese Geisterwelt real gibt: ihre Annahme in dieser Form führt in Absurditäten – sie führt die für unseren Sprachgebrauch und unsere spontane Denkweise bestimmende Trennung von scheinbar und real existierendem ad absurdum. Vielleicht gibt es in dieser Sphäre sogar Dinge, die es gemäß unserem Verstand garnicht geben kann – also etwa rote Zahlen und verheiratete Junggesellen. Auch die Differenz von notwendig und zufällig Existierendem wäre damit aufgehoben und somit gerät der Anhänger des Dinges an sich selbst in Erklärungsnöte, da wir ja davon ausgegangen sind, dass er die Existenz derartiger Dinge logisch zeigen könne.
Kehren wir also zu zwei weiteren Kategorien zurück, die ich einführen möchte: Dinge, deren Existenz unmittelbar sinnlich evident ist und Dinge, deren Existenz sich aus den sinnlichen Dingen ableiten lässt. Letzteres wären etwa wissenschaftlich postulierte Dinge wie das Freudsche Über-Ich oder die Schwerkraft – also herausragende Fälle von in ihrer Realität umstrittenen Entitäten, da es sich womöglich nur um theoretische Konstrukte handelt, die nur scheinbar existieren. Der typische Beweis für die Existenz sinnlich unmittelbar evidenter Dinge ist, darauf zu zeigen. Die Nicht-Existenz eines Dinges lässt sich so natürlich nie mit Notwendigkeit zeigen, selbst wenn man – was unserer Intuition entspricht – diese Art der Beweisführung anerkennen würde. Es spricht ja nie gegen die Existenz eines Dinges, dass man darauf nicht unmittelbar sinnlich referieren kann. „Gott“ gehört freilich nicht zu den Dingen unserer unmittelbare Wahrnehmung, sonst gäbe es nicht derart ausgeprägte Zweifel an seiner Existenz. An der Existenz der unmittelbar sinnlich erfahrbaren Dinge kann man zwar sicherlich jederzeit zweifeln, aber dieser Zweifel ist nur in sehr speziellen Situationen sinnvoll, etwa, wenn man sich fragt, ob man gerade halluziniert oder nicht – oder wenn man philosophisch zweifelt. Wenn überhaupt zu dieser Art von Dingen gehörig, dann gehört „Gott“ zu den Dingen, die sich vermittelt aus der sinnlichen Wahrnehmung ergeben. Die oben erwähnten Gottesbeweise wären zum Teil Versuche, den Existenzbeweis auf diese Art zu führen (daraus wird bereits ersichtlich, dass es nicht immer klar ist, welche Dinge mit Notwendigkeit existieren und welche als notwendige Ableitungen aus sinnlichen Wahrnehmungen). Ich behaupte z.B., aus der Perfektion der Natur auf einen intelligenten Schöpfer schließen zu können. Es gibt hier eine empirische Prämisse – die Perfektion der Natur – und eine logische – dass eine derartige Perfektion nur von einem Schöpfer, den man „Gott“ nennen kann, verursacht sein kann. Beide Prämissen sind augenscheinlich sehr zweifelhaft. Erkennt man die empirische an – was man zweifellos nicht muss (was bedeutet überhaupt „Perfektion“?) –, so ist völlig unklar, warum es keine natürliche, kontigente Perfektion geben kann. Ein mir bekannter weiterer Versuch dieser Art ist die Argumentation mit der Wahrheit der Bibel. Es wird z.B. darauf verwiesen, dass sämtliche Zukunftsprognosen der Bibel wahr seien. Doch auch daraus folgt nicht die Existenz Gottes: denn nur weil ein Teil der biblischen Aussagen wahr ist, heißt das nicht, dass alle wahr sind – etwa der Teil, der direkt auf die Existenz Gottes verweist.
Eine Möglichkeit, dennoch an Gottes Existenz festzuhalten, wäre nun der Verweis auf Analogien zu einer Klasse von unmittelbar sinnlichen Dingen, die ich als „potentiell unmittelbar sinnlich wahrnehmbare Dinge“ bezeichnen will, also Dinge, zu deren unmittelbarer Wahrnehmung entweder ein besonderer Sinn vorhanden sein muss, den einige Menschen haben, andere nicht, oder Dinge, die potentiell, jedoch nicht aktuell wahrgenommen werden können, und deren Existenz anzunehmen daher in manchen Situationen unplausibel wirken kann. Alle diese Fälle bereiten Philosophen viel Kopfzerbrechen und führen auch im Alltag oft zu Schwierigkeiten. Wie will ich anderen beweisen, dass ich eine bestimmte Sinneswahrnehmung habe? In vielen Fällen geht man selbstverständlich davon aus, dass die Sinneswahrnehmung des anderen nicht lügt. Dies sind Fälle, in denen die Behauptung des anderen, die auf ihr aufruht, plausibel erscheint. Es gibt dann keinen Grund, ihnen zu misstrauen. Erscheint diese Wahrnehmung unplausibel, gilt sie auch nicht mehr als Evidenz und muss mit anderen Argumenten – je nachdem, was die Gründe für diese Unplausibilität waren – gestützt werden. Die Wahrnehmung Gottes, die oft behauptet wird, ist nun zweifellos ein solcher Fall. Verfügen die Religiösen nun über einen besonderen Sinn, der sich von den Ungläubigen unterscheidet und ist ihre Lage also mit Sehenden vergleichbar, die von Geburt an Blinden beweisen müssen, dass es Farben gibt? Oder sind sie wie Entdecker, die eine Erfahrung gemacht haben, die prinzipiell jeder machen könnte, scheitern aber an der Ignoranz der Daheimgebliebenen (wie etwa in Platons Höhlengleichnis)? Beide Optionen haben unter den Religiösen ihre Anhänger. Betrachten wir beide Fälle genauer.
Wie kann ein Sehender von Geburt an Blinden die Existenz von Farben beweisen? Im strengen Sinne nicht – er kann nur darauf hoffen, dass die Blinden ihn nicht für verrückt halten. Dies kann er tun, da der Blinde ja merkt, dass die Menschen um ihn sinnvoll über Farben sprechen und damit eine Vielzahl sinnvoller Tätigkeiten verbinden. Daraus folgt zwar nicht notwendig, dass sie nicht einer Täuschung erliegen oder dass der Blinde deshalb die Existenz von Farben zwingend anerkennen müsste, aber es wäre plausibler für ihn, dem Urteil der Menschen um ihn zu folgen und die Sehenden täten Recht daran, ihm Irrationalismus vorzuwerfen, wenn er ihre Wahrnehmung nicht anerkennt. Im Fall Gottes gibt es einen derartigen Gebrauch, den man auch als nicht-religiöser Mensch anerkennen muss. Doch es entsteht der Eindruck, dass dieser keinesfalls so präzise und einsichtig ist wie das Gespräch über Farben. Die Gotteserfahrung scheint auch unter religiösen Menschen sehr unterschiedlich zu sein – so unterschiedlich, dass man bisweilen den Eindruck hat, sie würden gar nicht von demselben Ding sprechen. Diesen Vorbehalt müsste ein Religiöser ausräumen, bevor er verlangen kann, ihn wie einen Sehenden zu behandeln. Gleichzeitig kann ein Sehender einem Blinden ja auch durch seine Handlungen beweisen, dass jener einen real existierenden Teil der Welt nicht wahrnehmen kann. Es ist sehr fraglich, ob es dazu im Bereich der Religion ein Pendant gibt, dass sich nicht auch mit psychologischen oder soziologischen Theorien erklären ließe. Ein Blinder würde sich wohl damit schwer tun, mit ideologiekritischen Argumenten die Farbwahrnehmung als kollektive Verblendung zu erklären – Feuerbach, Nietzsche, Marx, Freud und Co. haben dies für die Gotteswahrnehmung mit schwer von der Hand zu weisenden Argumenten getan. Entschieden kann der Streit auf dieser Ebene jedoch nicht werden: zwingend lässt sich weder die eine noch die andere Position beweisen.
Ein Entdecker nun muss diejenigen, die an der Entdeckung nicht teil hatten, durch Fakten überzeugen, die diese akzeptieren können. Dazu gibt es mannigfaltige Möglichkeiten. Doch solange er die anderen nicht dazu bringen kann, seine Entdeckung mit ihm unmittelbar zu teilen, kann auch ihm kein zwingender Beleg gelingen: ein Zweifel drängt sich immer auf.
Der Entdecker muss also im besten Fall den anderen erklären, wie sie selbst die gemachte Entdeckung nachprüfen können – wie sie sie selbst erleben können. Wiederum im besten Fall gelingt dies: jemand, der selbst nach China gereist ist, wird wohl nicht mehr bezweifeln, dass es tatsächlich China gibt (obwohl er, bevor er dort war, gute Gründen für diesen Zweifel hatte).
Bei der Religion gelingt dies anscheinend nicht so ganz und solange es keine Methode gibt, die es Nichtreligiösen erlaubt, die Gotteswahrnehmung selbst zu prüfen, gibt es keinen guten Grund, sie als objektiv anzuerkennen.

Ich denke, meine Ausführungen lassen nun folgenden Schluss zu: alle Versuche, Gottes Existenz mit metaphysischer Notwendigkeit zu zeigen, können als gescheitert betrachtet werden. Sie zu widerlegen ist nur möglich, sofern es einen klaren Begriff Gottes gibt. Dieser scheint so nicht zu existieren oder Gott wird bewusst als unbestimmbares Ding bestimmt. Ersteres ließe nahe legen, dass wir es mit einem Ding zu tun haben, auf dessen Annahme wir genauso verzichten können wie auf die jedes anderen völlig unklaren Begriffs. Letzteres führt wie gezeigt zu im besten Fall unplausiblen, im schlechtesten Fall absurden Konsequenzen.
Alle Begriffe Gottes, die nicht in sich paradox sind, führen ebenso wenig zu notwendigen Existenzbeweisen. Die Existenz Gottes bleibt so zumindest möglich, man muss sich die dargelegten Kriterien für die Existenz empirischer Dinge anschauen. Diese zeigen, dass alle Versuche, Gottes Existenz auf Grundlage der Wahrnehmung zu beweisen, großen Schwierigkeiten begegnen.
Bei all dem bleibt fraglich, was denn nun eigentlich gezeigt wird, da der Begriff Gottes eben so unklar ist. Setzt etwa jemand Gott als allmächtiges, allwissendes und allgütiges Wesen, dann muss die sinnliche Wahrnehmung dieses Wesens, die er vermeintlich hatte, an irgendeiner Stelle falsch sein (im Sinne von: er hat sie nicht korrekt interpretiert, eine Sinneswahrnehmung kann nicht „falsch“ sein wie eine Aussage) – oder die „Güte“ dieses Wesens zeigt sich auf sehr seltsame Art. Wenn man aber Gott anders definiert, beweist man vielleicht die Existenz irgendeiner metaphysischen Entität – doch damit die Existenz des Wesens, dass die abrahamitischen Religionen Gott nennen? Hierzu müssten ganz andere Register aufgezogen werden. Ich behaupte, dass sich die Existenz des christlichen Gottes nicht nur nicht beweisen lässt, sondern vielmehr zahlreiche Paradoxien erzeugt.1
Ich denke als Fazit lässt sich ziehen, dass der Streit zwischen Religiösen, Agnostikern und Atheisten wohl letztendlich nie mit Argumenten entscheidbar ist, dass es aber derzeit rationaler ist, nicht von der Existenz Gottes auszugehen als es zu tun. Der Agnostiker kann zwar nicht widerlegt werden, müsste aber (ebenso wie der Religiöse) genau erklären, was er eigentlich unter Gott versteht.3 Der Atheist kann sich immerhin auf das Ockhamsche Messer berufen: wieso eine Entität annehmen, deren Existenz nicht notwendig angenommen werden muss?

  1. Eben durch die Unstimmigkeit der 3 Attribute, aber auch die offenkundigen immanenten Paradoxien in der Bibel als von Gott offenbartem Wort bzw. deren Widerspruch zu allgemeinhin anerkannten rational begründeten wie empirischen Fakten (z.B. ethischer Intuition und naturwissenschaftlichen sowie historischen Erkenntnissen). Natürlich weiß sich die aufgeklärte Religion auch hier zu helfen – durch den Rückfall ins Irrationale. Oder, indem gewisse Stellen der Bibel als durch menschliche Verfehlung verfälschtes geoffenbartes Wort gekennzeichnet werden – was freilich auf interpretatorische Willkür hinausläuft. [zurück]
  2. Damit meine ich insbesondere die Frage, woher die Dinge unserer Vorstellung denn ihre Existenz beziehen sollen, wenn ihre Existenz nur von einem gewissermaßen in der Luft schwebenden Subjekt abhängt.[zurück]
  3. Eine Möglichtkeit, den Agnostizismus ohne eine eigene Gottesdefinition zu definieren, wäre zu sagen: „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen ob das, was die Religiösen ‚Gott‘ nennen, existiert oder nicht.“ Diese Art des Agnostizismus käme freilich dem von mir favorisierten Atheismus recht nahe. Dieser Agnostizismus muss jedoch im Grunde alles als „vielleicht real existierend“ anerkennen, von dem irgendjemand behauptet, es existiere – denn wie gezeigt wurde, lassen sich derartige Streitigkeiten nie mit absoluter Sicherheit entscheiden. Dies läuft letztendlich auf einen Irrationalismus heraus, den ich für einen Sturz ins Bodenlose, in den Kaninchenbau der Beliebigkeit, erachte. Was soll denn alles noch eventuell existieren? Und wie will man dann noch Ideologiekritik leisten?
    Natürlich ist die Voraussetzung jeder Diskussion, die Ansichten des anderen als „eventuell zutreffend“ anzuerkennen. Aber da dies eben die Voraussetzung ist, muss man daraus keine Haltung machen. [zurück]

2010 – Die Plackerei hat ein Ende!

Unverhofft kommt oft: auf der Seite bizinformation.org kann man binnen Sekunden eine fundierte Analyse des Werts beliebiger websites herausfinden. Der Wert dieses Blogs: sagenhafte 1,68 Mio. €. Eigentlich dachte ich ja, dass die goldenen Zeiten, in denen man im Internet noch ohne große Informatikkenntnisse viel Geld verdienen konnte, vorbei wären. Doch bizinformation.org hat mich eines besseren belehrt: die „Anarchie der Warenproduktion“ (Marx) erlaubt es eben doch noch immer auch dem ahnungslosen Dilettanten vom mittellosen Rentier zum Millionär aufzusteigen.
Doch ich will nicht unbescheiden sein: ich als Admin dieses Blogs biete hiermit diese Seite für schlappe 1 Million Öcken zum Verkauf an. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: etwas, das eigentlich 1,68 Mio. wert ist, und sicherlich enormes Steigerungspotentiale besitzt (man weiß ja: echte Qualitätsprodukte steigen im Wert – wie Briefmarken) für 1 Mio! Das sind … ähm … GANZ VIEL Rendite GARANTIERT! Bezahlung entweder in Bar mit einem Aktenkoffer an einem zu vereinbarenden Treffpunkt in Frankfurt oder in Gold (letzteres bevorzugt; der Aktenkoffer sollte aus schwarzem Echtleder sein. Kein Imitat!!!) Ich muss wirklich verrückt sein. Und Sie, wenn Sie nicht sofort zuschlagen und mir eine Mail schreiben, um nähere Konditionen zu vereinbaren!1

Zwielichtige Spinner, die einen Finanzier für durchgedrehte Projekte brauchen, oder Künstler auf der Suche nach einem großzügigen Mäzen melden sich bitte in 2 Wochen bei meinem Sekretariat. Ach ja – und eine Sekretärin (ich will schließlich auch mal eine haben – Reiche müssen nicht politisch korrekt sein) suche ich auch.

Machts gut ihr Trottel, viel Spaß beim Weiterbloggen!

  1. Pro Mail berechne ich eine Bearbeitungsgebühr von 25 € inklusive Mehrwertsteuer. [zurück]



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