Archiv für Februar 2010

Klassiker der Gegenaufklärung – heute: Sören Kierkegaard

Der abscheuliche Satz T.S. Eliots [nicht zu verwechseln mit T(hiel) S(chweiger); TS] gegen den Sozialismus, dieser ziele auf eine so vollkommene Ordnung der Dinge, daß es der Liebe nicht mehr bedürfe, ist orthodoxer Kierkegaard. […] Der vulgäre Tiefsinn von heutzutage, man dürfe an das Böse, das mit der Erbsünde in die Welt gekommen sei, seines erhabenen Stammbaums wegen nicht rühren, ist in Kierkegaard vorgebildet. […] Seine Attraktionskraft erklärt sich dadurch, daß er mit den Mitteln der Aufklärung, eben in ihrer höchsten Hegelschen Gestalt, Aufklärung verunglimpfte. […] Ohne es sich träumen zu lassen, hat er daran mitgewirkt, dem ausgespitzten Obskurantismus der totalitären Zeiten das intellektuelle gute Gewissen zu schaffen. Sein Denken empfahl sich als eines, das virtuell Denken durchstreicht.

(T.W. Adorno: Kierkegaard: Konstruktion des Ästhetischen. Frankfurt 2003, S. 246)

Was der gute alte Teddy 1963 schrieb, hat nach wie vor Gültigkeit. Im Zeitalter des sich entfesselnden Hochkapitalismus bei gleichzeitigem Verfall der Religion zur bloßen Ideologie unter vielen versuchte Kierkegaard verzweifelt, diesem Verfall durch eine neue, „existenzielle“ Begründung des Glaubens Einhalt zu gebieten. Dies war nur möglich, durch einen Rückfall in radikale Gegenaufklärung, die den vollständig mystifizierten Glauben als blankes Gebot postuliert und somit gegen Kritik hermetisch abriegelt. Bei aller Sympathie für Kierkegaards Widerstand gegen den Weltlauf wie die rationalistischen Systeme der Aufklärung, schuf er doch nur ein System, dass noch repressiver ist. Der Denker der radikalen Innerlichkeit, Vollender des Protestantismus, kann Emanzipation nur mehr als radikalen Rückzug ins eigene Selbst denken – jede Hoffnung auf irdische Erlösung ist a priori suspendiert.
Demgegenüber ist nur vernichtende Kritik angebracht, die die Widersinnigkeit der Kierkegaardschen Begriffe schonungslos aufdeckt. Es sind bloße salbungsvolle Worthülsen, denen kein gewisser Inhalt innewohnt. Man kann kaum sagen, dass Kierkegaards Thesen „falsch“ wären – sie sind schlichtweg sinnlos.

Im universitären Rahmen habe ich dies, in Anschluss an Adorno, so gut es mir möglich ist versucht. Als Material diente mir Die Krankheit zum Tode, eine der systematisch wichtigsten Arbeiten Kierkegaards, in der er wie sonst kaum den Anspruch erhebt, rational einsichtig den Begriff der „Verzweiflung“, damit zugleich den des „Glaubens“ (als Aufhebung der Verzweiflung), aus dem des „Selbst“ zu deduzieren. Dieser Versuch sei angesichts der andauernden Kierkegaard-Begeisterung gewisser agnostizistischer Kreise an dieser Stelle veröffentlicht. Es bleibt dabei, dass Emanzipation nur mit, nicht gegen die Aufklärung zu verwirklichen ist, dass sich gesellschaftliche Freiheit unmittelbar auf selbstreflexive Vernunft stützt, dass nicht eine Freiheit zur, sondern nur eine Freiheit von der Religion das Ziel tätiger Vernunft sein kann.

Zum Text „Die Axiome der Krankheit zum Tode – Versuch einer Kritik“

PS1: Passend zum Themenkomplex organisierst die Antideutsche Koalition Rhein-Main am 23.2. eine Diskussionsveranstaltung zu den aktuellen Ereignissen im Iran unter dem Motto „Down with islamic fascism“. Zur Ankündigung

  1. (Un)passende Schleichwerbung. [zurück]

Der Sound!

Dieses geniale Cover des Elektro-Evergreens des Poppioniers Gershon Kinsley bringt einfach auf den Punkt, um was es geht. Es bedarf keines weiteren Kommentars, das doch nur eine klägliche sprachliche Annäherung an etwas, das seiner Natur nach alles Sagbare übersteigt, wäre.1 Wie kann jemand aus so einem winzigen Thema soviel herausholen? Der Sound der Post-Epoche. Wie ein philosophischer Systementwurf, das die gesamte Wirklichkeit aus einem einzigen, absolut selbstevidenten Axiom ableitete, wie ein 3000-seitiger Roman, der, ohne langweilig zu werden, auf einem einzigen Kernmotiv, auf einem einzigen Satz basierte. Wie ein Gemälde, aus Varianten ein und desselben Farbtons gemalt. Und das ohne so etwas Borniertes wie einen „aussagekräftigen“, „gehaltvollen“ Songtext. Realmetaphysik, ein Meisterwerk!

  1. Sich aufdrängender Einwand: „Die Musik tut das ja per definition, wieso es also hinschreiben?“ „Dieses Stück tut es eben in besonderem Maße.“ „Wie bestimmst du dieses besondere Maß?“ „Das kann ich dir nicht sagen, ich tue es einfach.“ „Aha, interessant.“ [zurück]



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: