Archiv für März 2010

„Der Gangsterboss des Existenzialismus“ – Veranstaltungsreihe zum 30. Todestag Jean-Paul Sartres

Warum Tod und nicht Geburt? Was man zuallererst festhalten muss, ist der absurde Charakter des Todes. In diesem Sinn muß jeder Versuch, ihn als einen Schlussakkord am Ende einer Melodie zu betrachten, strikt zurückgewiesen werden. Der Mafia rechneten ihn die Situationisten zu – gar in leitender Position. Am 15. April 1980 verreckte er mit 74 Jahren auf dem Buckel. Zehntausende geleiten ihn zum Montparnasse. Eine Demonstration der Dummheit, die sich in der Passivität des Spektakels wohlig zu Hause weiß – es gibt ja die Intellektuellen, die für uns denken, die Helden, die für uns kämpfen – eine Absicherung gegen die Angst. Hör dir das an! Was für eine Bande von Idioten! Diese Leute sind erst froh, wenn sie zusammen brüllen können. Die scheinen sich alle auf dieselbe Weise zu amüsieren. Die haben in Berlin einen großen Schuppen, da passen zwanzigtausend Mann rein, da versammeln sie sich sonntags, sie singen im Chor und trinken Bier dazu. Gegen Heidegger, gegen die Psychoanalyse, gegen Hegel, gegen Husserl. Und irgendwie auch mit ihnen. Gegen das Nazipack und die Bourgeoise. Ein bürgerlicher Philosoph geblieben? Camus besser als Sartre? Schwanzvergleich. Wo sind die Genossen? Einen Kommunisten erkennt man auf den ersten Blick. Ein Gesicht. Ein einziges hartes, ruhiges Gesicht. Ein Männergesicht. Das Spiel ist zu Ende, verdammt, die Hölle bin nicht ich. Man kennt es und es verliert an Gebrauchswert, je öfter man es hört. Man muss alles neu betrachten. Zu den Sachen selbst.

Um eine kritische Relektüre eines der interessanten Philosophen, kommunistischen wie antifaschistischen Aktivisten und Literaten des 20. Jahrhunderts ist es zu tun. Seine radikale Freiheitskonzeption klingt überholt in Zeiten immer totalerer Integration der Individuen in die Gesellschaft einerseits, biologistischer wie strukturalistischer Dekonstruktion subjektiver Autonomie andererseits. Doch gerade seine Insistenz auf die unhintergehbaren Autonomie des Einzelnen, seine Verantwortung und die permanenten Möglichkeit des Widerstands versprechen etwas, das andere Theorien so nicht bieten.

Solange die Doktrin sich ihrer Anämie nicht bewusst wird, solange sie ihr Wissen auf eine dogmatische Metaphysik (Dialektik der Natur) gründen wird, statt es auf das Verstehen des lebendigen Menschen zu stützen, solange sie unter der Bezeichnung Irrationalismus alle Ideologien abtut, die – wie Marx es getan hat – das Sein vom Wissen trennen und im Rahmen der Anthropologie die Erkenntnis des Menschen auf die menschliche Existenz gründen wollen, solange wird der Existentialismus seine Untersuchungen fortführen.

zur Printfassung des Aufrufs und vollständigem Programm

Die Veranstaltungsreihe wird präsentiert von diesem Blog in Kooperation mit Theorie Praxis Lokal und der Gegenuni im Institut für vergleichende Irrelevanz.
Wir freuen uns auf zahlreiches Erscheinen und anregende Diskussionen.

[Anmerkung: aktuelle Neuigkeiten und Termine findet ihr im Kommentarthread dieses Beitrags.] (mehr…)

Das Volk hat seine Sehnsucht und sein Bedürfnis – Ein Hoch auf den sozialistischen Staat!

Umfragen sollte man nie überbewerten. Diese aber vielleicht schon, hat man es doch schon immer geahnt. Dem Emnid-Institut sei dank, das regressive Bedürfnis der Deutschen kann jetzt empirisch als weitgehend gesichert gelten: 80 Prozent der Ost- und 72 der Westdeutschen würden sich einverstanden erklären, in einem sozialistischen Staat zu wohnen, solange dieser für Arbeitsplätze, Solidarität (lies: Gemeinschaft*) und Sicherheit sorgte. Der „Wert der Freiheit“ werde dagegen weniger geschätzt: 42 Prozent der Westdeutschen, und sage und schreibe nur 28 Prozent der Ostdeutschen ist sie überhaupt noch wichtig, lediglich von diesen wird sie als „politisches Ziel“ genannt.
Diese Zahlen nun alarmierend zu nennen hieße gestehen, es mit Gesellschaftskritik nie ernst genommen zu haben: Zivilisationsmüdigkeit und Sehnsucht nach Arbeit und Ruhe, nach Aufgehen im „solidarischen“ Kollektiv konnte der deutschen Mehrheit stets auch ohne Umfragewerte von der Fratze abgelesen werden. Es ist der totale Staat und die totale Arbeit, die hier herbeigesehnt werden, dazu noch absolute Sicherheit, die als staatliche nie anders zu erreichen ist als durch Überwachungsapparat und (bestenfalls nur) Polizei, mit deren Erfüllung gar der Sozialismus in Kauf genommen würde, und sei er von den meisten noch so negativ konnotiert.
Nun fragt man sich natürlich, wie, wenn Sozialismus und repressiver Gleichheit aller mehrheitlich so offen gegenübergetreten wird, im Herbst vergangenen Jahres eine (bürgerliche) schwarz-gelbe Mehrheit erreicht werden konnte. Warum haben diese „Sozialisten“ nicht links gewählt, warum nahmen sie die polemisch-doofe und natürlich übertrieben-panische Angstmache von der neuen „DDR-Partei“ à la Westerwelle nicht ernst und wählten die „Linke“?
Angesichts dieser Diskrepanz, nämlich der zwischen politischem Bedürfnis und Wahlstimme, scheint es, als sei deren Grund die schlichte Beeinflussung durch Medien und Öffentlichkeit, das einfache Sich-Verlassen auf „Experten“. Dass die Linke nur Märchen erzähle, dass ihre „Arbeitsmarktpolitik“ unrealistisch sei (das eigentlich-emanzipatorische, wenn dem so wäre) und die Partei als ganze unglaubwürdig, muss gefruchtet haben; das gleiche gilt nolens volens für die SPD. (Hier noch die Dummheit der eigenen Parteifunktionäre (Metzger, Walter usf.) dazugerechnet sowie ihre historische Verantwortung für Agenda 2010 usw.) Wie dem auch sei, anscheinend hat man es den linken Parteien nicht zugetraut, die noch immer deutschen Ideale (zur Erinnerung: Arbeit, Volksgemeinschaft, Polizeistaat) auch angemessen zu verwirklichen. Also kam’s zu Schwarz-gelb. Und bei genauerem Hinsehen: Was wollen CDU/CSU und FDP anderes, natürlich noch ergänzt durch den omnipräsenten (v.a. natürlich volkswirtschaftlich gemeinten) Wert der „Freiheit“?
Doch die Diskussion geht fehl. Und wer sich freut, dass der „Sozialismus“ anscheinend doch nicht so verhasst ist und sogar gewünscht würde, erfüllte er nur gewisse Voraussetzungen, ist fehl im Kopf. Denn eins muss begriffen werden: Das „deutsche Wesen“, wie ich es ideologiekritisch verstanden wissen will, kann als bürgerlich-liberales, als faschistisches, als national-sozialistisches oder eben auch nur sozialistisches sich gebärden, solange nur seine inneren, eben wesentlichen Wünsche und Begierden erfüllt werden bzw. die Aussicht besteht, dass diese erfüllt werden könnten. Auf Namen kommt es nicht an, ob es nun „rechts“ heißt oder „liberal“, „konservativ“ oder „links“, dem Bedürfnis kann’s egal sein. Nur der, der diese Gleichgültigkeit nicht erkennt, kann sich, wie es die deutschen Linken am schönsten demonstrieren, immer wieder neu fürs Volk begeistern, jede auch noch so dumpfe Regung desselben als „revolutionäres Gebärden“ sich hindeuten. Die Masse (inklusive Proletariat) will in ihrer Mehrheit nicht dasselbe, eigentlich, tief in sich drin (man müsse es quasi-avantgardistisch nur herauskehren), sie könne es nur nicht artikulieren oder wage es nicht zu artikulieren – im Gegenteil: Sie will das konträr andere der Emanzipation, sie ist der antagonistische Gegenpol zu dieser, der negative Ausweis, an welcher diese sich zu bemessen hätte.
Alle die sich noch positiv aufs Volk beziehen wagen, seien hier angehalten, es für immer zu lassen, zumindest was das deutsche Volk betrifft. Emanzipation wäre, angesichts solch tief verwurzelten, regressiven Strebens, nie mit der Volksmasse, die den Namen redlich sich verdient hat, sondern nur gegen sie, zu erreichen. Wer vom Postnazismus sprach, ohne ihn hinreichend „beweisen“ zu können, sich dem Vorwurf ausgesetzt sah, er argumentiere spekulativ, kann das Ergebnis der Umfrage als argumentativen Gewinn verbuchen.

* Zur Gleichsetzung von „Solidarität“ und „Gemeinschaft“ hier nur so viel: „Solidarität“ ist immer eine bestimmte mit einem Gegenstand bzw., konkreter: mit einer Gruppe oder einer Person. Da diese Solidarität weder die „Arbeiterklasse“ meinen kann, noch die „Menschheit als ganzer“, und da die Umfrage sich explizit auf den „sozialistischen Staat“ bezieht, bleibt nichts anderes als die „Solidarität“ des Staatsvolks (inklusive, und darum mag es den Deutschen wohl hauptsächlich gehen, um die „Solidarität“ zwischen Kapital und Arbeit) ergo die Gemeinschaft aller Staatssubjekte ergo die Volksgemeinschaft.

Wenn mensch den Menschen studiert oder: Ein Kleinod linken Jargons

Neulich, beim nächtlichen Rumhängen in der Freiburger KTS fiel mir ein zusammengetackertes, schlecht aufgemachtes Heftchen in die Hand, dessen Layout so hässlich und der Name so verräterisch war, dass ich es mir einfach durchblättern musste, und siehe da: der erste Eindruck, den der „anschlag – kritische Südhessen Info“ auf mich machte, bekräftigte sich zur Gewissheit: Dieses Blatt ist lesenswert qua seiner linksdummen bzw. anarchistischen Trotteligkeit, die sich hier keine Grenzen setzt. Aus dem Bedürfnis, „irgendwas zu machen“, und sei es zu schreiben, kackt man autonome Müllblattchen aus, z.B. den „anschlag“. In der Ausgabe Nr. 5/Januar 2010 (Titel: „SQUAT THE WORLD“) wird u.a. der „Bildungsstreik“ gelobt (er wird „erwachsen“ wie es heißt) und Sexismus in der linken Szene registriert, alles ganz wie zu erwarten war, und es gäbe kein Wort über dieses eigentlich hinreichend zu ignorierende „Infoheft“ zu verlieren, hätte es sich als Jugendblatt autonomer Pubertierender geoutet. Denn wäre dem so, so wäre es peinlich, einen Artikel wie den folgenden hier zu präsentieren und ihn durch bloßen Abdruck der Lächerlichkeit preiszugeben, einem, dem sogar im „anschlag“ kein anderer das seichte Wasser reichen kann. Doch da ein/e Doshi, der/die ehrenwerte Verfasser/in des Artikels, sich ernst genommen wissen will, soll sein/ihr Text hier zitiert werden. Ein Text, wie er so exemplarisch ist für eine/n Linke/n, der nicht schreiben und nicht denken kann, nichts zu sagen hat und keinen Weg dafür je gefunden hat, es nur bleiben zu lassen. Entstanden ist ein Kleinod linken Jargons, eine Perle der autonomen Befindlichkeit, sinnfrei und unnötig, dafür aber umso lustiger zu lesen.

(Der Text ist entgegen jedem spontan auftretendem Verdacht von mir nicht verändert worden und sollte, wiederum entgegen jedem spontan aufkommendem Bedürfnis, keinesfalls ironisch gelesen werden!)

„Gemeinsam leben

Wer um sich blickt und das Verhalten seiner
Mitmenschen studiert, bemerkt recht
schnell, dass sich ihre Verhaltensweisen zum
Teil grundlegend voneinander unterscheiden.
Und wer sich mit der Frage auseinandersetzt,
was zu diesen Unterschieden führt und um welche
Unterschiede es sich eigentlich genau handelt,
sieht sich einem breiten Spektrum an
Erklärungsversuchen und Meinungen gegenüber,
von Esoterik (z.B. Astrologie) über diverse, von
PsychologInnen verfassten Typologien, bis hin zu
BiologInnen, die das menschliche (und auch tierische)
Verhalten auf neurologischer Basis erklären.
Manches davon mag Humbug sein, einiges
ist bewiesen und vieles beruht auf Spekulationen.
Nun muss sich jede_r an dem reichen Theorien-
Buffet bedienen und sich seine eigene
Meinung darüber bilden, was er/sie glaubt und
was nicht.
Wichtig ist dabei nur, dass mensch nichts
von dem, was mensch liest und hört, unreflektiert
akzeptiert, dass mensch sich dessen bewusst
ist, dass sich jeder Mensch individuell
entwickelt und es darum kontraproduktiv ist, versuchen
zu wollen jeden Menschen in ein vorgefertigtes
Muster pressen zu wollen und dass man
sich Gedanken darüber macht, was das Gelesene
für den eigenen Umgang mit den Mitmenschen
bedeutet.
Blickt mensch in der Vergangenheit zurück,
stellt mensch fest, dass sich schon immer Menschen
mit diesem Themengebiet beschäftigt haben
– und das nicht ohne Grund. Es ist nicht
nur so, dass sich Menschen für die eigene Existenz
interessieren (und dazu gehört neben Fragen
wie „Was ist der Sinn meiner Existenz?“
auch Fragen wie „Warum bin ich, wie bin ich?“),
sondern dass das Wissen um die unterschiedli -
chen Charaktereigenschaften und ihre Bedeutung
das Miteinander auch erleichtern und
verbessern kann. Die meisten von uns (ich behaupte
sogar: wir alle) kennen das Gefühl, von
jemandem einfach nicht verstanden zu werden
bzw. waren aufgrund des Verhaltens einer/s anderen
genervt oder verletzt, weil es uns unvernünftig/
spießig/unsensibel /überemotional
vorkam. Auf diese Weise entstehen Konflikte,
die im schlimmsten Falle eskalieren können, die
aber in jedem Falle nicht unbedingt förderlich
für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben
sind.

Artikel von Doshi

Fortsetzung im nächsten anschlag“

http://anschlag.blogsport.de/images/anschlag5.pdf

Mensch freut sich auf die Fortsetzung!




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