Das Volk hat seine Sehnsucht und sein Bedürfnis – Ein Hoch auf den sozialistischen Staat!

Umfragen sollte man nie überbewerten. Diese aber vielleicht schon, hat man es doch schon immer geahnt. Dem Emnid-Institut sei dank, das regressive Bedürfnis der Deutschen kann jetzt empirisch als weitgehend gesichert gelten: 80 Prozent der Ost- und 72 der Westdeutschen würden sich einverstanden erklären, in einem sozialistischen Staat zu wohnen, solange dieser für Arbeitsplätze, Solidarität (lies: Gemeinschaft*) und Sicherheit sorgte. Der „Wert der Freiheit“ werde dagegen weniger geschätzt: 42 Prozent der Westdeutschen, und sage und schreibe nur 28 Prozent der Ostdeutschen ist sie überhaupt noch wichtig, lediglich von diesen wird sie als „politisches Ziel“ genannt.
Diese Zahlen nun alarmierend zu nennen hieße gestehen, es mit Gesellschaftskritik nie ernst genommen zu haben: Zivilisationsmüdigkeit und Sehnsucht nach Arbeit und Ruhe, nach Aufgehen im „solidarischen“ Kollektiv konnte der deutschen Mehrheit stets auch ohne Umfragewerte von der Fratze abgelesen werden. Es ist der totale Staat und die totale Arbeit, die hier herbeigesehnt werden, dazu noch absolute Sicherheit, die als staatliche nie anders zu erreichen ist als durch Überwachungsapparat und (bestenfalls nur) Polizei, mit deren Erfüllung gar der Sozialismus in Kauf genommen würde, und sei er von den meisten noch so negativ konnotiert.
Nun fragt man sich natürlich, wie, wenn Sozialismus und repressiver Gleichheit aller mehrheitlich so offen gegenübergetreten wird, im Herbst vergangenen Jahres eine (bürgerliche) schwarz-gelbe Mehrheit erreicht werden konnte. Warum haben diese „Sozialisten“ nicht links gewählt, warum nahmen sie die polemisch-doofe und natürlich übertrieben-panische Angstmache von der neuen „DDR-Partei“ à la Westerwelle nicht ernst und wählten die „Linke“?
Angesichts dieser Diskrepanz, nämlich der zwischen politischem Bedürfnis und Wahlstimme, scheint es, als sei deren Grund die schlichte Beeinflussung durch Medien und Öffentlichkeit, das einfache Sich-Verlassen auf „Experten“. Dass die Linke nur Märchen erzähle, dass ihre „Arbeitsmarktpolitik“ unrealistisch sei (das eigentlich-emanzipatorische, wenn dem so wäre) und die Partei als ganze unglaubwürdig, muss gefruchtet haben; das gleiche gilt nolens volens für die SPD. (Hier noch die Dummheit der eigenen Parteifunktionäre (Metzger, Walter usf.) dazugerechnet sowie ihre historische Verantwortung für Agenda 2010 usw.) Wie dem auch sei, anscheinend hat man es den linken Parteien nicht zugetraut, die noch immer deutschen Ideale (zur Erinnerung: Arbeit, Volksgemeinschaft, Polizeistaat) auch angemessen zu verwirklichen. Also kam’s zu Schwarz-gelb. Und bei genauerem Hinsehen: Was wollen CDU/CSU und FDP anderes, natürlich noch ergänzt durch den omnipräsenten (v.a. natürlich volkswirtschaftlich gemeinten) Wert der „Freiheit“?
Doch die Diskussion geht fehl. Und wer sich freut, dass der „Sozialismus“ anscheinend doch nicht so verhasst ist und sogar gewünscht würde, erfüllte er nur gewisse Voraussetzungen, ist fehl im Kopf. Denn eins muss begriffen werden: Das „deutsche Wesen“, wie ich es ideologiekritisch verstanden wissen will, kann als bürgerlich-liberales, als faschistisches, als national-sozialistisches oder eben auch nur sozialistisches sich gebärden, solange nur seine inneren, eben wesentlichen Wünsche und Begierden erfüllt werden bzw. die Aussicht besteht, dass diese erfüllt werden könnten. Auf Namen kommt es nicht an, ob es nun „rechts“ heißt oder „liberal“, „konservativ“ oder „links“, dem Bedürfnis kann’s egal sein. Nur der, der diese Gleichgültigkeit nicht erkennt, kann sich, wie es die deutschen Linken am schönsten demonstrieren, immer wieder neu fürs Volk begeistern, jede auch noch so dumpfe Regung desselben als „revolutionäres Gebärden“ sich hindeuten. Die Masse (inklusive Proletariat) will in ihrer Mehrheit nicht dasselbe, eigentlich, tief in sich drin (man müsse es quasi-avantgardistisch nur herauskehren), sie könne es nur nicht artikulieren oder wage es nicht zu artikulieren – im Gegenteil: Sie will das konträr andere der Emanzipation, sie ist der antagonistische Gegenpol zu dieser, der negative Ausweis, an welcher diese sich zu bemessen hätte.
Alle die sich noch positiv aufs Volk beziehen wagen, seien hier angehalten, es für immer zu lassen, zumindest was das deutsche Volk betrifft. Emanzipation wäre, angesichts solch tief verwurzelten, regressiven Strebens, nie mit der Volksmasse, die den Namen redlich sich verdient hat, sondern nur gegen sie, zu erreichen. Wer vom Postnazismus sprach, ohne ihn hinreichend „beweisen“ zu können, sich dem Vorwurf ausgesetzt sah, er argumentiere spekulativ, kann das Ergebnis der Umfrage als argumentativen Gewinn verbuchen.

* Zur Gleichsetzung von „Solidarität“ und „Gemeinschaft“ hier nur so viel: „Solidarität“ ist immer eine bestimmte mit einem Gegenstand bzw., konkreter: mit einer Gruppe oder einer Person. Da diese Solidarität weder die „Arbeiterklasse“ meinen kann, noch die „Menschheit als ganzer“, und da die Umfrage sich explizit auf den „sozialistischen Staat“ bezieht, bleibt nichts anderes als die „Solidarität“ des Staatsvolks (inklusive, und darum mag es den Deutschen wohl hauptsächlich gehen, um die „Solidarität“ zwischen Kapital und Arbeit) ergo die Gemeinschaft aller Staatssubjekte ergo die Volksgemeinschaft.


3 Antworten auf “Das Volk hat seine Sehnsucht und sein Bedürfnis – Ein Hoch auf den sozialistischen Staat!”


  1. Gravatar Icon 1 wo kann ich 19. März 2010 um 5:15 Uhr

    „natürlich volkswirtschaftlich gemeinten) Wert der „Freiheit“? Doch die Diskussion geht“ – du hast hier nen kleinen fehler :)

  2. Gravatar Icon 2 K 20. März 2010 um 11:54 Uhr
  1. 1 Bahnhofshalle Berlin « K’s Kriegstheater Pingback am 19. März 2010 um 15:54 Uhr

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