Archiv für Juni 2010

Wir nehmen das Neunereisen…

Aus schlechter Laune bin ich in eine linke Szenekneipe gegangen um mich am Tresen alleine zu betrinken. Ich traf ein paar Leute. Sieben stabile junge Männer. Die örtlichen OberantifaChefManager. Ein paar von ihnen kannte ich und setzte mich zu ihnen an den Tisch. Laute Musik, eine Menge Bier. Der Raum war gut gefühlt mit dem üblichen Szenepublikum. Bei belanglosem Szenesmalltalk verbesserte sich meine Stimmung.
Eine Gruppe von drei Männern betrat die Kneipe. Einer von ihnen trug Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln. Wütendes Getuschel begann. Sollte es wirklich möglich sein das Rechtsradikale unsere Kneipe betreten? Ein schwarzbemützter Antifa stand nach einer viertel Stunde des Spekulierens auf und sprach den Kerl einfach an. „Bist du ein Nazi, oder warum trägst du Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln?“. Die Antwort lautete: „Ja bin ich“. Seine beiden Kollegen hatten die aktionsbereiten Antifas am Tisch längst bemerkt und fingen sofort an abzuwiegeln. Ihr Kumpel sei kein Nazi, einfach nur betrunken und wolle lediglich provozieren. Eine Diskussion begann. Ich blieb am Tisch sitzen und bekam den Inhalt nicht mit. Mit betrunkenen Kneipenbesuchern nachts um drei antifaschistische Mindeststandards zu besprechen, lag mir nicht und Gelegenheiten zu denen sich Leute einfach Nazis herbeireden um jemanden zur Hand zu haben an dem man sich das Mütchen kühlen kann, habe ich gerade in dieser Kneipe schon viel zu oft erlebt. Ich war ein wenig genervt.
Die Stimmung wurde hitziger. Die Leute begannen wild zu gestikulieren. Irgendwann kam einer an unseren Tisch und erzählte etwas von rassistischen Parolen die der Springerstiefelmann geäußert hatte. Das antifaschistische Pflichtbewusstsein der Genossen war geweckt und man wurde sich schnell einig den bewiesenermaßen echten Nazi handgreiflich nach Hause zu begleiten. Der wiederum schien zu erahnen was die Stunde geschlagen hatte und verließ eilig mit seinen beiden Kollegen den Raum. Sofort folgte ihm eine kleine Kolonne von hemdsärmeligen Jungmännern die begannen sich mit Mützen und Tüchern zu vermummen. Ich tat es ihnen gleich und hoffte insgeheim in der zweiten Reihe nichts abzubekommen. Der Feind sah stabil aus mit seinen tätowierten Unterarmen.
Vor der Tür wurde er gestellt und umringt. Ich erwartete den sofortigen Beginn der großspurig angekündigten körperlichen Strafaktion. Nichts dergleichen. Es wurde erneut diskutiert. Ich war betrunken und stand abseits. 15 Minuten lang, bis mir die Sache zu dumm wurde. Ich fragte den Springerstiefelmann nach seinen rassistischen Parolen und erklärte ihm das er besser den Heimweg antreten solle. Seine beiden Freunde zerrten an ihm herum, die fanden die Idee mit dem Heimweg auch gut. Er weigerte sich und teilte mir mit, dass er kein Rassist sein könne, weil: „Ich ficke doch so gerne Negerinnen“. Spätestens jetzt erwartete ich eine Reaktion der Antifas und überlegte mir schon einen Fluchtweg. Es geschah aber Nichts. Wieder wurde diskutiert.
Es war mir so schrecklich unangenehm an dieser Szenerie teil zu haben. Eine Situation die ich immer wieder erlebe: Leute spielen sich groß auf, versuchen in ihrer Szenetracht den Eindruck von besonderer Radikalität zu erwecken, hampeln herum, veranstalten eine Scharade und hoffen insgeheim mit der bloßen Pose um den in betrunkenem Größenwahn angedrohten Schlagabtausch herumzukommen, oder sich hinter den wirklichen Schlägern verstecken zu können um dann am Ende noch auf ein am Boden liegendes Opfer eintreten zu können. Der Gegner tut dasselbe, ich tue das, alle tun das. Wir sind Affenmännchen.

An diesem Abend wusste ich um dieses Elend, habe aber die Situation in meinem besoffenen Kopf falsch eingeschätzt und dem Spingerstiefelmann und „Negerinnen“-Liebhaber für seinen dummen Spruch eins in die Fresse gehauen, obwohl ich eigentlich wusste das der mir körperlich überlegen war. Ich habe einfach gehofft den Doorbreaker machen zu können. Wenn ich als erster zuschlage werden mir die anderen Großmäuler schon folgen. Ich wollte die verfahrene Situation in Gewalt auflösen.
Dieser Plan hat nicht funktioniert. Mit dem ersten Fausthieb rannte die Antifa in alle Himmelsrichtungen und ich stand ein paar Sekunden alleine da, bis ich mich entschloss ebenfalls zu rennen. Wir versteckten uns in einer nahe liegenden Wohnung einer Bekannten vor der eventuell anrückenden Polizei. Dann: Stundenlanges Gesabbel über das Erlebte. Heroisierungen, Verklärungen, Rechtfertigungen. Peinlich für alle Beteiligten. Peinlich für mich das ich es nicht geschafft habe mich von diesem Scheiss fern zu halten, obwohl ich schon lange weiß das die Antifa zu 95% aus gesitteten, rotbackigen Bürgerkindern auf ideologischen Abwegen besteht, die versuchen ihre grundsätzliche klassenbedingte Strassenkampfuntauglichkeit mit einer Extraportion an radikalem Gestus zu kaschieren.

Bürgerkind sein ist gut und nicht schlecht. Gewaltlosigkeit und eine gewaltfreie Sozialisation sind etwas Schönes. Wenn einem das Leben nicht die Verrohung anerzogen hat die es braucht um zuzuschlagen, dann bedeutet dass mehr Lebensqualität die ich jedem wünsche. Angst zu haben ist vernünftig, so wie das Wegrennen oft vernünftig ist. Straßenmilitanz und Gewalt gegen Personen halte ich mindestens für diskussionswürdig, im Gegensatz zu dummen Feigheitsvorwürfen denjenigen gegenüber die ehrlich zu sich selbst sind und sich lieber vom Krawall fernhalten weil sie sich darüber im Klaren sind das ihnen das Bedürfnis danach fehlt. Was ich wirklich hasse ist der Fake. Die Antifa heisst Angriff – Sticker, das „Wir kriegen euch alle“- Gebrüll auf Demos und die wir nehmen das Neunereisen – Sprüche sind in den meisten Fällen ein Witz. Das ständige Rumgefummel an CS Gas-Dosen, Vermummungsmaterial und Teleskopschlagstöcken bleibt peinlich, solange man versucht damit nichtvorhandene Härte zu posen und so die Diskussion über die wirkliche (meist klassenmäßig determinierte-) Bedürfnislage und damit verbundenen realen Handlungsoptionen verhindert.

Warum kann ich diese (zugegebenermaßen stinklangweilige) Kneipengeschichte hier veröffentlichen, ohne Angst vor Repression haben zu müssen? Weil sie verjährt ist. Warum schreibe ich sie gerade jetzt auf? Weil ich gestern Nacht etwas Ähnliches erlebt habe. Vor allem habe ich erlebt dass ich mich über so banale zwischenmenschliche Gesetzmäßigkeiten wie die oben beschriebenen immer noch aufregen kann. Warum? Keine Ahnung! Vielleicht kann man laienpsychologisch diagnostizieren das ich es den anderen Affenmännchen übel nehme das sie ihre Show nicht glaubwürdiger spielen und beim schwächsten Gegenwind vor großschnäutzigen Nazis und Rassistinnen, selbst bei zehnfacher Überlegenheit kapitulieren. Die Antifa ist ein peinlicher Fake, aber der fortwährende unterbewusste Glaube an die Affenmännchenshow wäre wirklich peinlich für mich.

Ps: In meiner unreflektiert schlechten Laune habe ich auch noch ein Lied aus meiner Jugend zu dem Thema. Passt nicht ganz, aber halb. Ist mir halt heute morgen so durch den Kopf gerumpelt:
Ps2: Vielleicht ist die Zunahme der Techno-Drogen-Minimal-Hedonismus-Haltung in Antifakreisen eine Versachlichung der gelebten Szeneverhältnisse. Das Klassensubjekt kommt zu sich!

Verlogene Empörung – kalkulierte Menschenopfer // Die „globale Linke“ (Butler) und Israel

Die Israelfeinde aller Welt jubeln: endlich hat sich Israel wieder eines Vergehens schuldig gemacht, endlich hat wieder Israel wieder einmal kenntlich gemacht, wie brutal, menschenfeindlich – ja: faschistisch – es ist. Die internationale Politik verurteilt die „Maßlosigkeit“ und „Unverhältnismäßigkeit“ des israelischen Vorgehens, die Türkei erklärt sich zum Feind Israels, noch in jeder Provinzstadt finden Protestkundgebungen mit Teilnehmer_innen aller politischen Lager, geeint im Hass auf „USrael“, statt, die blogsport- Post-Antiimp-Szene überschlägt sich mit Wehklagen über das Schicksal der „Friedensflotte“.

Mittlerweile sind die Fakten bekannt. Die Antizionisten haben sich in ihrem Wunsch, Israel zu denunzieren, gnadenlos blamiert. Sie werden in diesem Video ganz gut zusammengefasst:

Dieser Vorfall wirft Fragen auf:

- Hält man den Staat Israel bzw. seine militärische Führung für einen derart irrationalen Akteur, dass er – wohlweislich unter den Augen der Weltöffentlichkeit – einfach so seine Soldat_innen anweist, ein Blutbad unter Zivilisten anzurichten? Welch finstere Motive vermutet man hinter diesem Vorgehen? Welch dunkle politische Agenda vermutet man in den Hinterzimmern der Knesset am Werke? Und v.a.: Wieso spricht man diese „Agenda des Bösen“, die doch stets als Hintergrundprämisse fungiert, so selten explizit aus? Oder handelt es sich schlicht um eine Projektion des eigenen Irrationalismus auf andere?
- Ist es Zufall, dass linke Israelfeinde sich immer wieder mit Hamas-nahen und anderen islamistischen Gruppierungen – diesmal wörtlich – in ein Boot setzen? Oder besteht hier eine tiefergehende Kontinuität?
- Wieso unterstützt man eine Gruppierung, die sich mutwillig in Gefahr bringt? Wieso soll es keine Alternative gewesen sein, die Hilfsgüter in Ashdod zu löschen? Ein Schelm, wer sich unwillkürlich denkt, dass da womöglich jemand den israelischen Zoll umgehen wollte (oder sich dessen zumindest verdächtig macht).
- Wieso war den Israelkritiker_innen schon so schnell klar, dass es sich um ein gezieltes, unprovoziertes Massaker gehandelt haben soll, ohne eindeutige Belege zu haben?

Ich verstehe unter Egoismus das seiner Natur und folglich – denn die Vernunft … ist nichts als bewußte Natur des Menschen – seiner Vernunft gemäße Sich-selbst-Geltendmachen, Sich-selbst-behaupten des Menschen des Menschen gegenüber allen unnatürlichen und unmenschlichen Forderungen, die alle theologische Heuchelei, die religiöse und spekulative Phantastik, die politische Brutalität und Despotie an den Menschen stellen. … Kurz, ich verstehe unter Egoismus jenen Selbsterhaltungstrieb, kraft dessen der Mensch nicht sich, seinen Verstand, seinen Sinn, seinen Leib … aufopfert.

Wer keinen Egoismus will, der will, daß kein Leben sei.

Diese Äußerungen Ludwig Feuerbachs zeigen, wes Geistes Kind die antisemitischen Märtyrer sind: sich selbst behauptende Individuen, ja, ganze in der Not zusammengeschweißte Kollektive (die „Judenheit“), die sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen und echte Solidarität zeigen, sind ihnen verhasst. Das Opfer ist ihnen – ganz „Sklavenmoral“ (Nietzsche) – höchster Wert – die Juden sollen die ewigen Opfer sein. Es sind letztendlich – wie alle Religiösen – Feinde des Lebens an sich. Hier besteht wohl die ideologische Brücke zu den westlichen Antizionisten, die diesen Irrsinn vor dem Hintergrund eines linken oder rechten Antiliberalismus auch noch nachträglich beweihräuchern oder doch zumindest entschuldigen.
Sicherlich betreiben auch die Israelgegner nicht gänzlich irrationale Interessenpolitik. Ihre Strategie, mit findigen Tricks Israel international zu desauvoiren geht immer wieder auf. Doch ihr Märtyrerkult, ihr Schollendenken, ihr völkischer Kollektivismus spricht eine andere Sprache.
Kein Wunder, dass Vor-Denker_innen wie Judith Butler Hamas und Hizbollah bereits aussprechen, was implizit schon lange klar ist: Hizbollah und Hamas sind Teil der globalen Linken.1 Es fehlt nur noch, endlich offen seine Solidarität mit dem iranischen Regime einzugestehen!
Wenn diese jemanden suchen, der ihre „Idee [sic!] des Kommunismus“3 zum Ausdruck bringt, ist dies völlig selbstverständlich niemand geringeres als der französische „Antiphilosoph“/Priester4 Alain Badiou, Coinitiator des jüngsten Kongresses des Rosa-Luxemburg-Stiftung, über den Micha Brumlik in der taz – meiner Lektüreerfahrung nach: absolut zu Recht – festhielt: „Badiou aber ist – wenn diese Adjektive überhaupt steigerungsfähig sind – der totalitärste und menschenfeindlichste Philosoph, der derzeit wirkt.“2

Weitere lesenswerte Artikel zum Thema:

- Die Welt über den Charakter des Friedensflotte (geschrieben VOR dem „Massaker“, also sicherlich keine nachträgliche Rechtfertigung)

- Florian Markl über die Ideologie der „Menschenrechtsaktivisten“

- Guter recherchierter Beitrag mit vielen Zitaten von Lizas Welt

- Honestly Concerned über die völkerrechtliche Beurteilung des Falls.

- Generell sind alle Artikel der letzten Tage von Honestly Concerned zu dem Thema sehr lesenswert. Insbesondere auch dieser über das Verhalten der Hamas.

  1. http://offensiveselbstverteidigung.blogsport.de/2010/04/05/liebe-judith-butler/ [zurück]
  2. Vgl. sein sehr guter Artikel, der sich auch auf den anderen Initiator des Kongresses, Zizek, bezieht: http://www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/neo-leninist-auf-verlorenem-posten/[zurück]
  3. So, als wäre der Kommunismus eine reine „Idee“, erdacht von irgendwelchen großen Denkern, und keine „wirkliche Bewegung“ (Marx)! [zurück]
  4. Gegen diese beiden Attribute hätte er selbst wohl nur wenig einzuwenden. [zurück]



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