Archiv für August 2010

Sommerloch // Schönberg

Sommerloch? Nun ja, wenn man mal nen Blick nach draußen wirft, denkt man eher ans Herbstloch. Irgendwie scheint uns das Wetter in diesem Jahr ziemlich verarschen zu wollen. Ich rechne ja mit ner Hitzewelle im November. Andere Blogger wissen sich zu helfen, indem sie obskures homophob-rassistisches trashmaterial aus den Tiefen von youtube auskramen.
Dabei bietet das Sommerloch doch auch die Gelegenheit sich einmal mit angenehmeren Dingen zu befassen – etwa mit klassischer Musik. Da findet sich auch einiges bei youtube. Etwa einen ganz bestimmt authentischen Werbespot für eine populäre Zusammenstellung von Kompositionen aus dem Umfeld der zweiten Wiener Schule:

Es scheint, als wäre Schönbergs Traum doch noch in Erfüllung gegangen:
„Ich aber wünsche nichts sehnlicher (wenn überhaupt) als daß man mich für eine bessere Art von Tschaikowski hält – um Gotteswillen: ein bißchen besser, aber das ist auch alles. Höchstens noch, daß man meine Melodien kennt und nachpfeift.“ (via wikipedia)

Aufgedeckt: Großtheoretiker Michael Heinrich: Doppelidentität?

Seit langem schon quält mich ein schrecklicher Verdacht. Nachdem von verschiedener Seite bereits die bekannte linke Zeitschrift Gegenstandpunkt als Nebenerwerbsquelle eines Berliner Bahnzuliefererbetriebs entlarvt wurde, wird es langsam Zeit, dass auch in Bezug auf Michael Heinrich die Wahrheit ans Licht kommt: er führt ein Doppelleben. Der Name, unter dem er noch bekannt ist: Dieter Nuhr.

Der Bildbeweis:

„Michael Heinrich“:
Ein Photo des marxistischen Theoretikers Michael Heinrich.
Nochmal der sogenannte

„Dieter Nuhr“:
Ein Photo von Dieter Nuhr.
Ein weiteres Photo von Nuhr.

Der Unterschied? Während Person x auf dem einen Bild den ernsthaften, nachdenklichen Wirtschaftsexperten inszeniert, auf dem anderen den flappsigen, gut gelaunten Schelm. Ein wenig Schminke und Haargel machen die Maskerade fast perfekt – doch ein Videovergleich beweist endgültig die Identität der beiden Personen – „Michael Nuhr“ hätte mal besser einen Kursus im Stimmeverstellen besuchen sollen, anstatt Bücher über das Kapital zu schreiben.

„Dieter Nuhr“ erörtert philosophische Fragen:

„Michael Heinrich“ zu einem ähnlichen Thema:

Die Identität verrät sich bis ins Details der Mimik und Gestik hinein.

Diese Enthüllung wirft zahlreiche Fragen politischer wie philosophischer Natur auf. Wer ist Original und Kopie? Nennt sich Michael Dieter oder Dieter Michael? Oder sind beides bloße Pseudonyme? Ist Michael Heinrich in Wahrheit Komiker – wie böse Zungen seit langem behaupten – oder Dieter Nuhr – eher eine Überraschung – in Wahrheit marxistischer Theoretiker? Und: Wieso ist das bisher niemandem aufgefallen? Liegt gar ein krasser Fall von Persönlichkeitsspaltung vor?

Eine Einführungs ins „Kapital“

Nachdem ich kürzlich Michael Heinrichs Kritik der politischen Ökonomie kritisiert habe, möchte ich diesmal eine in völlige Vergessenheit geratene Alternative dazu vorstellen: Das Kapital zum Selbststudium von Erhart Löhnberg (Frankfurt 1975). Das zweibändige Taschenbuch fasst bündig nicht nur alle drei Bände des Kapital zusammen, anstatt sich wie Michael Heinrich weitgehend auf den ersten Band zu beschränken, sondern liefert auch einen Überblick über wichtige nachmarxsche Debatten, wie insbesondere einen sehr umfassenden über die „klassischen“ Debatten zur Marxschen Krisentheorie. Wer etwas näheres über die Marxschen Reproduktionsschemata wissen will, einem der zentralsten Theoreme zum Verständnis der kapitalistischen (Re-)Produktionstotalität, oder wie genau Marx die Grundeigentümer als dritte große Klasse der modernen kapitalistischen Gesellschaft neben Proletariat und Kapitalisten beschreibt – also landlords wie die Ölscheichs –, jedoch keine Zeit findet, das Original zu lesen, ist mit Löhnbergs verdienstvollem und meines Wissens einzigartigem Werk sehr gut beraten.

PS: Hab gerad mal geguckt: ist bei amazon günstig zu erwerben.

Eine Einführung in den Marxismus

Meiner Erfahrung nach findet die Aneignung der Marxschen Kritik in den meisten Fällen recht planlos statt. Am wenigsten über die Lektüre von Primärtexten, sondern vorallem über Sekundärliteratur. Das Primärwerk von Marx und Engels wird mit einer Art künstlichen Aura versehen – es sei einem Verständnis nur bereits Studierten zugänglich, eine vereinzelte Aneignung ohnehin vollkommen sinnlos. An dieser Auratisierung sind verschiedenste Gruppen aus verschiedensten Interessen beteiligt.
Unterschlagen wird dabei, dass die beste „Einführung in den Marxismus“ noch immer von Marx und Engels selbst verfasst wurde. Sie wird kurz Anti-Dühring genannt, trägt den vollen Titel Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft und findet sich in MEW Band 20. Im Rahmen der Kritik an dem heute zu Recht völlig vergessenen „arischem Sozialisten“ (Selbstbezeichnung) werden darin die wichtigsten Kernpunkte der Marxschen Kritik in knapper und bewusst allgemein verständlicher Form – ging es doch schließlich explizit darum, die theoretische Hegemonie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung zu erringen – erläutert. Auch wenn die Schrift bis auf ein Kapitel (über die Geschichte der politischen Ökonomie) von Engels verfasst wurde, kannte Marx den Entwurf.
Irgendwelche speziellen Vorkenntnisse werden im Grunde nicht vorausgesetzt, das Buch liest sich ausgesprochen schnell. Manchmal wirkt es etwas kleinkariert, wenn etwa anhand irgendwelcher Details der preußischen Gesetzgebung der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts weiter nachgewiesen wird, als dass Eugen Dühring – wieder einmal – keine Ahnung von dem hat, über das er schreibt. Insbesondere das von Marx verfasste Kapitel krankt sehr an dieser Vernarrtheit in Detailfragen. Doch letztendlich bleibt es doch unterhaltsam, wenn Marx und Engels in ihrer ironisch-polemischen Art Stück für Stück auf allen Wissensgebieten den selbsternannten „Reformator der Wissenschaft“ auseinandernehmen.
Gleichzeitig steht der Anti-Dühring in keinem guten Ruf. In seinem populären Bändchen Kritik der politischen Ökonomie (Stuttgart 2005) verbreitet Michael Heinrich etwa:

Indem nun Engels Eugen Dühring nicht nur kritisierte, sondern ihm auf verschiedenen Gebieten auch die „richtigen“ Positionen eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ entgegensetzen wollte, legte er die Grundlage für einen weltanschaulichen „Marxismus“, der von der sozialdemokratischen Propaganda dankbar aufgenommen und immer mehr verflacht wurde. (S. 23)

Kennzeichend für diesen „Weltanschauungsmarxismus“ sei: „Ein äußerst simpel gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichlichkeiten wurden zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert.“ (ebd.) Ein „ökonomistisches“ und „deterministisches“ Weltbild werde propagiert.
Unterschlagen wird hier, dass die Schrift zusammen mit Marx verfasst wurde, dass Engels über weite Strecken nichts anderes tut, als Marx‘ Schriften zusammenzufassen. So wie den frühen vom „reifen“ Marx spaltet Heinrich nocheinmal den „wissenschaftlichen“ Marx vom „weltanschaulichen“ Engels. Der „reife“ Marx ist eigentlich nur der Marx des Kapital, alle Sachen, die Michael Heinrich an Marx nicht passen, werden entweder Engels oder dem „frühen“ Marx zugeschrieben. Er hat recht darin, dass im Kapital die Marxsche Kritik tatsächlich in ihrer höchsten Reflexionsstufe entfaltet ist und jeder, der die gegenwärtige Gesellschaft wirklich verstehen will, das Kapital lesen sollte. Doch die Verkürzung des „wissenschaftlichen“ Marx auf diese drei Bände klammert aus, dass sich nahezu alle Elemente, die ihm am Anti-Dühring nicht passen, im Kapital genau so zu finden sind. Dabei schreibt Marx selbst in seinem Vorwort zu Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, einer Schrift, die auf einem Auszug aus dem Anti-Dühring basiert:

Wir bringen in der vorliegenden Broschüre die treffendsten Auszüge aus dem theoretischen Teil des Buchs, die gewissermaßen eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus bilden. (MEW 19, S. 185; Herv. im Orig.)

Eine seriöse Einführung in eine Theorie sollte zumindest die Theorie ersteinmal so darstellen, wie sie konzipiert wurde – und nicht so, wie man sie gern hätte. Zumal es unklar ist, wieso es gerade das schlimme am Anti-Dühring sein soll, dass er einer „falschen“ eine „richtige“ Anschauung entgegenstellen würde. Theoretische Kritik kann größtenteils garnicht anders funktionieren und nicht anders funktioniert auch Michael Heinrichs Kritik am Anti-Dühring, nicht anders verfährt Marx mit den von ihm kritisierten bürgerlichen Ökonomen. Gerade darin, dass der Anti-Dühring zugleich ein Pro-Marx liegt die bleibende Relevanz dieser Schrift begründet.

Die Kritik von Michael Heinrich ist trotzdem in vielen Punkten berechtigt. Doch mit seiner auf wenige Phrasen reduzierte Kritik leistet er nichts anderes, als den Anti-Dühring aus dem Kanon interessierter Leser zu verbannen. Eine ihres Names würdige Einführung hätte eher die Verdienste und Vorzüge dieser Schrift hervorheben sollen. Tendenziell wird der Kanon so – neben einem Berg von Sekundärliteratur – ohnehin auf das Kapital reduziert. Doch wer nur das Kapital gelesen hat, lernt Marx – trotz der darin enthaltenen Verweise auf die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft – im Grunde nur als Ökonomiekritiker kennen. Die Staats- und Ideologiekritik sowie die (anti-)philosophischen Grundlegungen der Marxschen Methode bleiben auf der Strecke. Der Vorzug des Anti-Dühring ist eben, dass die Marxsche Kritik im Bezug auf (nahezu) alle relevanten Bereiche angewandt wird: von der Philosophie ausgehend zur Naturwissenschaft, Mathematik Moral, Geschichte, Ökonomie und Politik.1 Für Michael Heinrich scheint gerade dieser Anspruch, eine Theorie zu gründen, die sich auf die Totalität der menschlichen Lebenszusammenhänge wie der Natur bezieht, „weltanschaulich“ zu sein. Marx und Engels charakterisieren sich mit diesem zu ihrer Zeit noch nicht so negativ wie heute konnotierten Begriff ganz offen selbst – er passt zum expliziten Programm ihres umgestüpten Hegelianismus: es geht um das Begreifen der Totalität, doch nicht „von oben“ durch ein idealistisches, den Gegenständen aufgepropftes System, sondern „von unten“ durch arbeitsteilige, gewissenhafte Detailforschung. Die „Gesetze der Dialektik“ sind nichts anderes als der „Überbau“ des „wissenschaftlichen Sozialismus“, die höchste Verallgemeinerung der im Einzelnen gefunden Gesetzmäßigkeiten. Dieses Projekt ist also weitaus weniger dogmatisch, als Michael Heinrich es suggeriert (obwohl er witzigerweise mit genau einer solchen Bemerkung zu Marx‘ Dialektikbegriff aus dem Anti-Dühring in Fußnote 5 zitiert, im ganzen Abschnitt über Dialektik eigentlich nur den Anti-Dühring referiert).
Diese Marx-Zerstückelung verengt letztendlich das Verständnis des Kapital. Denn dieses steht eben nicht für sich, sondern steht nach Marx‘ und Engels‘ eigenen Aussagen eben im Kontext einer gesamten „Weltanschauung“, einer umfassenden Theorie der Totalität. Insbesondere die philosophischen Grundlagen des Marxschen Materialismus geraten so in Vergessenheit: als Lückenbüßer tritt eine „anti-metaphysische“ Phraseologie, von der Heinrichs Marx- und Engels-Kritik ein geeignetes Exempel ist, an. Dabei macht die Stoßrichtung auf die Totalität gerade den subversiven, antiakademischen Stachel der Marxschen Kritik aus.

Die Pointe ist, dass gerade im Anti-Dühring zentrale Elemente dessen, was man sinnvollerweise in der heutigen Zeit als „Weltanschauungsmarxismus“ bezeichnen könnte, messerscharf kritisiert werden. So wird beispielsweise als Grundwiderspruch des Kapitalismus der zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung genannt. Der Klassenkampf ist nur ein Ausdruck dieses Grundwiderspruchs, nicht der eigentliche Kern der kapitalistischen Misere. „Klassenherrschaft“ ist zugleich nichts, was aus einer moralischen Position überzeitlicher Ideale (Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit etc.) heraus kritisiert werden würde – sie hatte in der Vergangenheit ihre historische Berechtigung, obsolet wird sie erst durch die im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte. Auch die Staatskritik wird in eindeutiger Schärfe ausgesprochen, die sich bereits wie eine Warnung vor dem Staatssozialismus aller coleur liest:

Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. (S. 260)

Auch die Kritik an Dührings Geschichtsverständnis, das alles Übel aus „der Gewalt“, also politischen Herrschaftsverhältnissen ableitet, anstatt notwendige ökonomische Basis jedweder Herrschaft zu begreifen (banal: wer Waffen haben will, muss sie ersteinmal besitzen; wer Sklaven/Leibeigene/Proletarier/Frauen/… ausbeuten will, muss ihnen erstmal zu fressen geben können; Klassenverhältnisse sind vielmehr durchaus in einem gewissen Zeitraum zum Vorteil beider Seiten wirkende Austausch- denn Unterjochungsverhältnisse, sobald der – historisch stets relative – Vorteil aus ökonomischen Gründen verschwindet, werden die jeweiligen Klassenverhältnisse umgestürzt oder alle an ihnen beteiligten Klassen gehen unter), liest sich wie eine vorweggenommene Kritik an der gegenwärtig wieder so beliebten „Staatskritik“, wie sie prominent der Gegenstandpunkt vertritt, nach der der gesamte Kapitalismus nichts anderes als eine auf Gewalt basierende Einrichtung des bösen Staates sei.

Als Fazit bleibt nur noch festzuhalten: Finger weg von Decker, Heinrich und Co., lest das Original!

PS 1: Das heißt nicht, dass ich nicht einige Kritik am Anti-Dühring habe. Genauso, wie einige Aussagen Engels‘ zur Naturwissenschaft heute überholt sind, wurden viele der Aussagen über die Entwicklung des Kapitalismus einstweilig von der Geschichte widerlegt. Zu kurz kommt in der Tat der „subjektive Faktor“, die Ideologie und Psychologie, die als bloßer „Reflex“ objektiver Verhältnisse, nicht als relativ autonome Sphäre verstanden wird. Dies drückt sich schlagend darin aus, dass Marx und Engels kaum Kritik an Dührings Rassismus und Antisemitismus hatten – für sie war es undenkbar, dass in Deutschland nicht der „wissenschaftliche Sozialismus“, sondern der Antisemitismus die Massen ergreift.
So heißt es zu Dührings Antisemitismus:

[S]elbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph, der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen« beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:

»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.« (S.204)

Der Antisemitismus wird nicht als höchst modernes „Kokain des Volkes“, sondern als mittelalterliches Überbleibsel gedeutet, dem ohnehin nurmehr reaktionäre Großgrundbesitzer anhängen würden. Kritisiert wird nur die „Übertreibung“, nicht das „Gerücht über die Juden“ an sich. Die Gefahr eines „arischen National-Sozialismus“ konnten und wollten Marx und Engels nicht sehen – sie entsprach in der Tat nicht ihrem deterministisch, fortschrittsgläubigen Weltbild. Aufs Subjekt zielende Denker wie Nietzsche, der in der Genealogie der Moral den Antisemitimus gerade ins Zentrum seiner Dühring-Kritik rückt, ihm vorausahnend nicht nur einen Seitenblick widmet – was auch Dührings Werk und seiner Nachwirkung sicherlicher gerechter wird – , waren hier klüger. Eine materialistische Kritik hieran ist ohne Zweifel eine Notwendigkeit für jeden aktuellen Versuch, irgendwie an Marx und Engels anzuknüpfen.
Doch gegenüber einer kontraproduktiven Pseudokritik wie der von Heinrich beziehe ich lieber eine affirmative Position zu einem der „Handbücher jedes klassenbewussten Arbeiters“ (Lenin, zit. nach MEW 20, S. XII).

PS 2: Verwiesen sei an dieser Stelle zudem auf eine höchst bündige und klare Darstellung des ersten Bandes des Kapital, die Engels Ende der 60er Jahre für eine deutsche Zeitschrift verfasste: http://antifahorgau.blogsport.de/2008/07/19/das-kapital/

  1. Ausgespart bleibt – wie im gesamten Marxschen Werk – freilich die Psychologie. Vgl. hierzu meine Kritik in PS 1.[zurück]

Falsche Selbstkritik

Beim vormittäglichen, semesterferienadäquaten Herumwuseln im Internet bin ich über mehrere Ecken – ich weiß garnicht mehr genau welche – auf einen recht gehaltvollen Artikel zur Kritik am Mythos 1968 aus dem Jahr 2008 gestoßen: Selbstverklärung bis zum Autismus. Ich lese und finde eigentlich alles ganz richtig und bedenkenswert. Doch dann das Fazit: „Was man aus – nicht: von – »1968« lernen kann, ist dies: eine radikale Selbstkritik der Intellektuellen.“ „Radikale Selbstkritik der Intellektuellen“– dafür bin ich erstmal zu haben, solange sie nicht in einen selbsthassenden Kultus des „einfachen Mannes“ mündet. Doch wie sieht diese „radikale Selbstkritik“ aus? „»Die Praxis freizuschaufeln vom Gerümpel der Theorie, die Besatzungsmacht, als die sie sich gegenüber der Praxis aufspielt, zu vertreiben (…), ist die vornehmste (…) Aufgabe für die theoretische Reflexion«, hat es Ilse Bindseil auf den Punkt gebracht. Übrigens eine Achtundsechzigerin.“
Bereits die Metapher „Besatzungsmacht“ stößt sauer auf – zu sehr erinnert sie an die – in den 70ern auch sehr handgreiflich geführten – deutschen Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus. Verbunden mit der impliziten Gleichsetung Deutschland/unterdrückte Völker aller Länder=Praxis=das Unmittelbare/Gute vs. USrael/kulturlose Ausbeuter=Theorie=das Vermittelte/Böse ergeben sich für den sprachkritisch geschulten Kopf nur allzu gut bekannte Denkmuster: die unmittelbare Praxis soll endlich von dem schmarotzerhaften Dasein der dekadenten Intellektuellen erlöst werden. Die so befreite gesunde Praxis kann sich dann endlich vom unreflektierten Ressentiment leiten lassen, muss sich nicht mehr vom besserwisserischen Geschwätz der ohnehin neurotischen Theoretiker bevormunden lassen. So, als wären „die Arbeiter“ weniger konsumistisch oder neurotisch als „die Intellektuellen“.
Ein Beispiel, wie das Ende eines Textes seinen gesamten vorhergehenden Inhalt ins Krude rücken kann. Eine Selbstkritik der Intellektuellen sollte zuallererst auch an falscher intellektueller Selbstkritik geübt werden. Stets eingedenk, wer es in der Geschichte stets war, der „intellektuell“ als Schimpfwort gebrauchte und von „zersetzender Intelligenz“ sprach.




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