Archiv für Dezember 2010

Hoffnungsvolles aus Gaza

Ein sowohl Israel- als auch Hamas- und UN-kritisches Manifest von einer palästinensischen Jugendorganisation. Englisches Original, deutsche Übersetzung (leider mit einer teilweise seltsamen Interpunktion), englische Website von Sharek.

Der regressive Teil…

…meines Bedürfnisbündels.
Die Nazis wollen mittels Gehorsam und Treue in den Tod.
Der Deutsche will nichts mehr als Untertan unter Untertanen sein.
Die Arbeiterklasse läuft geschlossenen Auges in den Untergang.
Ich wäre gerne ein Bulle um mit Vollgas vor die Wand zu rennen.

La vache qui rit offiziell als Staatsfeind anerkannt

Wer einmal einen Einblick daran erhalten will, was uns hier im Westen noch bevorstehen könnte, dem sei ein Blick auf die chinesische Regierungsplattform baidu.com empfohlen, die – obwohl Privatunternehmen – als zensierter google- und wikipedia-Ersatz fungiert.
Interessant ist etwa, dass dieses Blog für baidu offensichtlich nicht existiert. Weder Suchanfragen wie „La vache blogsport“ oder „Thiel Schweiger blogsport“ führten hierher, obwohl blogs wie der mädchenblog oder rhizom von baidu durchaus gefunden werden. Was uns im Gegensatz zu diesen bloggern genau zu chinesischen Staatsfeinden werden lässt, wissen wir nicht, vielleicht unsere Verlinkung der ARTE-Doku Für eine andere Welt. Die nicht gesperrten Seiten könnten ja mal ausprobieren, ob sie es auch schaffen, auf die „rote Liste“ zu kommen.
Wir tragen dieses Label jedenfalls nicht ohne einen gewissen Stolz, auch wenn wir es bedauern, dass des Deutschen mächtige Chinesen wohl nur auf Umwegen unsere Texte lesen können.

Weitere kuriose Beobachtungen:

Der größte Teil der irgendwie „pornographischen“ Seiten, die ich ausgetestet habe, wurden gefunden. Hier ist die Zensur nicht so stark, teilweise werden auch „hardcore“-Pornos sogar direkt mit baidu verlinkt. Nicht angezeigt werden witzigerweise die wikipediaeinträge über China – zumindest nicht in manchen Sprachen. Auf Seite 1 erschien beim Suchbegriff „Volksrepublik China wikipedia“ etwa nicht die deutsche, sondern die allemanische Wikipedia. Aber die Zensur scheint sehr lückenhaft zu sein: so erschien bei „wikipedia china“ zwar nicht der aktuelle wikipedia-Eintrag, jedoch eine pdf-Kopie einer älteren Version des Eintrags, in der jedoch einige wohl nicht opportune Informationen dennoch enthalten waren. Wahrscheinlich gibt es aber nochmal Unterschiede zwischen chinesischen und nicht-chinesischen Usern.
Es stimmt übrigens, dass – wie auf der deutschen wikipedia nachzulesen ist, eine temporäre Sperre in Kraft trifft, wenn man den Suchbegriff „Falun Gong“ eingibt. Im übrigen sind auch die wikipedia-Einträge zu Baidu selbst gesperrt.
Die Baidu-wikipedia „Baike“ scheint recht umfassend zu informieren, allerdings sind viele Artikel auffallend kurz. Siehe etwa der Artikel zu Karl Marx Aus offensichtlichen Gründen scheinen die chinesischen Machthaber zu befürchten, dass ein allzu großes Wissen über Karl Marx Ruhe und Ordnung auch in einem Land, das von einer „kommunistischen“ Partei regiert wird, gefährden könnte – gerade weil sich diese ja noch immer irgendwie positiv auf auf Marx beziehen muss. Man vergleiche etwa den Umfang des Artikels zu Chinas zweitem großen Oberguru Konfuzius (vgl. etwa den lächerlichen Konfuzius-Friedenspreis). Inhaltlich – soweit der Inhalt sich mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms rekonstruieren lässt – scheint der Inhalt des Artikels erwartungsgemäß kurios zu sein. Es scheint etwa eine längere Passage über Marxens Tabakkonsum zu geben, in dem dieser einerseits kritisiert, andererseits mit den Umständen der Zeit rechtfertigt wird. Es folgen einige Zitate von Marx, die auch gut als Kalendersprüche taugen (etwa: „Sincere friendship is a very sensible life priceless.“[Dieser „weise“ Spruch wird anscheinend sogar mehrmals in unterschiedlichen Varianten zitiert – Marx erscheint fast als jemand, dessen wesentlicher Verdienst in Bonmots zum Thema Freundschaft besteht.] „All things are difficult, every true science.“) Quellenangaben scheinen hier wie in der gesamten Talmiwikipedia nicht nötig zu sein.
Ein Eintrag zu Judith Butler fehlt. Gleichzeitig scheint sich der Bereich gewisser „Perversionen“(vgl. BDSM, Homosexualität) der Zensur bzw. Manipulation jedoch bis zu einem gewissen Grad zu entziehen. Es gibt auch einen – freilich nur extrem kurzen – Artikel zu queer. Möglicherweise fühlen sich die Machthaber dadurch nicht allzu sehr bedroht oder es gibt zu diesen Themen in der chinesischen Kultur einfach ein anderes Verständnis.

Ein Argument für wikileaks // Affären in Deutschlands düstren Hainen

Vorstellungsrepräsentanzen hat jüngst auf einen guten Grund aufmerksam gemacht, wikileaks doch zu supporten. So erfahren wir schließlich auch über interne Einschätzungen der US-Diplomaten über Deutschland wie diese:

Despite all the attention surrounding the World Cup, EADS‘ woes and health care reform, Bavarians and many Germans have been transfixed by a two-year-old brown bear named „Bruno“ that wandered across international borders into Bavaria, a government minister’s agenda, a hunter’s crosshairs, and the hearts of millions. Following Bruno’s government-sanctioned shooting, questions remain over the political fallout and the future of wild bears in the German Alps. The incident also offers a snippet of insight into German attitudes toward the environment.
[…]
The bear, dubbed „Bruno“ by the media, began his journey in Italy, where he was released as part of a program to reintroduce brown bears from Slovenia in the Alps. After wandering across the border from Austria, he was first sighted in Bavaria on May 20. As the first wild bear seen in Germany since 1835, Bruno was initially extended a warm public welcome by Bavarian Environment Minister Werner Schnappauf — after all, Bruno could prove a boon for Bavaria’s image just as visitors from around the world arrived for the World Cup.
[…]
However, as Bavarian Interior Minister Beckstein has often emphasized, foreigners are only welcome in Bavaria provided they are willing to adapt to German culture and traditions. Bruno quickly wore out his welcome by raiding stables, killing sheep, chickens, and a child’s pet rabbit. The Bavarian government declared Bruno „Ursus non Grata“ and ordered that he be shot or captured. Vexed by Bruno’s unchecked roaming across Bavaria — he was even seen sitting on the steps of a police station eating a guinea pig — Minister-President Edmund Stoiber took to referring to him as „the Problem Bear.“
[…]
Bruno has been the media’s June flavor of the month. While the attention lavished on Bruno has taken nearly everyone by surprise, we expect the criticism leveled at Schnappauf and Stoiber to be relatively fleeting — radical animal rights advocates who make death threats aren‘t generally considered the CSU’s base anyway. Perhaps the greatest insight from the whole Bruno affair might be that despite the veneer of „greenness“ extolled by German society, modern Germany in fact coexists uneasily with untamed nature. The contrast between the massive hunt for the first wild bear seen in Bavaria in over 170 years and the recent story of a clawless housecat treeing a bear in New Jersey couldn‘t be much more stark. True wilderness, even in mountainous Bavaria, hasn‘t really existed in Germany for generations — nature is good, as long as it is controlled, channeled, and subdued. If the saga of Bavaria’s „Problem Bear“ is any indicator, the strategy of reintroducing wild bears to the Alps, at least the German Alps, may be doomed to failure — that is, unless the bears are willing to cooperate by not being too wild.

Bayerns „urige“ Wälder sind eben nichts als ein etwas ungepflegter Vorgarten – unerbetenes Inventar wird ungern gesehen. Freilich muss auch erwähnt werden, dass Bruno in einem Anflug nationaler Gefühlsduselei auch einiges an Sympathien entgegengebracht wurde:

The „Bruno“ saga has received a disproportional share of press play, including in the international media. The Munich tabloid „TZ,“ which has devoted no less than eleven cover pages to Bruno since May 21, published an obituary threatening revenge at the voting booth for Bruno’s death, and called on people to send protest letters and e-mails to Minister-President Stoiber and Minister Schnappauf. Germany’s major tabloid „Bild“ even suggested a state funeral for Bruno might be appropriate. „Spiegel Online’s“ daily updated „“Bruno Watch“ included an obituary entitled „A Problem Bear or Bavaria’s Problem?“ and compared Bruno’s death with that of Elvis, Marilyn Monroe, Jimi Hendrix, John Lennon, and Princess Diana. Mirroring the sentiment of the general public, the piece concluded: „For indeed Bruno was murdered, shot down in the prime of his young life, executed n cold blood. We should reflect now on whether we feel happy with what we have done. We share a collective guilt for Bruno’s demise, our inability to co-exist with nature has yet again prompted us to reach for the trigger. Bruno is dead and we are all the poorer for it: May his ursine soul rest in peace.“

Aber auch dies scheint „typisch deutsch“ zu sein: erst erschießen sie, dann vereinnahmen sie einen, des sich plötzlich regenden schlechten Gewissens eingedenk, als Nationalhelden. Noch dazu, wenn es um ein armes, unschuldiges Tier geht, als gäbe es keine anderen Opfer deutscher Fremdenangst, um die sich TZ, Spiegel und Co. einen Dreck scheren. Tierfreundlichkeit und Menschenfeindlichkeit sind keinesfalls Gegensätze, sondern lassen sich sehr gut vereinbaren.
Dies gibt mit Adorno Anlass auch die andere Seite der Dialektik zu bedenken (MM 28):

Paysage. – Der Mangel der amerikanischen Landschaft ist nicht sowohl, wie die romantische Illusion es möchte, die Absenz historischer Erinnerungen, als daß in ihr die Hand keine Spur hinterlassen hat. Das bezieht sich nicht bloß auf das Fehlen von Äckern, die ungerodeten und oft buschwerkhaft niedrigen Wälder, sondern vor allem auf die Straßen. Diese sind allemal unvermittelt in die Landschaft gesprengt, und je glatter und breiter sie gelungen sind, um so beziehungsloser und gewalttätiger steht ihre schimmernde Bahn gegen die allzu wild verwachsene Umgebung. Sie tragen keinen Ausdruck. Wie sie keine Geh- und Räderspuren kennen, keine weichen Fußwege an ihrem Rande entlang als Übergang zur Vegetation, keine Seitenpfade ins Tal hinunter, so entraten sie des Milden, Sänftigenden, Uneckigen von Dingen, an denen Hände oder deren unmittelbare Werkzeuge das ihre getan haben. Es ist, als wäre niemand der Landschaft übers Haar gefahren. Sie ist ungetröstet und trostlos. Dem entspricht die Weise ihrer Wahrnehmung. Denn was das eilende Auge bloß im Auto gesehen hat, kann es nicht behalten, und es versinkt so spurlos, wie ihm selber die Spuren abgehen.

Das lässt sich mit dem von Vorstellungsrepräsentanzen herangezogenen Marcuse-Zitat eigentlich recht gut verbinden. „Deutsch“ scheint nicht so sehr die Erschießung Brunos als solche zu sein, sondern ein spezifisch projektives Verhältnis zur Natur, das einerseits irrationale Angst, die in Panik umschlägt, andererseits sentimentalen Katzenjammer nach der Panikreaktion (wobei die Panikreaktion freilich in aller kühlen Rationalität vor sich geht) in sich schließt.

Für den freien Markt!

Apologeten wie Milton Friedman haben es dem Kapitalismus dem Staatssozialismus gegenüber nicht zu Unrecht als Vorzug zugerechnet, dass der Markt politisch neutral sei: auch ein kommunistischer Arbeiter kann eine Anstellung finden, auch ein anarchistischer Künstler ein Bankkonto eröffnen. Doch wie immer bei diesen „Vorzügen“ des freien Marktes – die ohnehin stets nur relativ gemeint sein können (es wäre schlimmeres denkbar) – gilt auch dieses Versprechen nur im Prinzip. Dies ist natürlich keine brandneue Erkenntnis, lässt jedoch die jüngsten Vorfälle rund um wikileaks in einem anderen Licht erscheinen. Der Skandal an dem Handeln von amazon und paypal (oder auch twitter2) besteht ja gerade darin, sich aller liberaler Ideologie zum Trotz de facto als verlängerter Arm der Exekutive verhalten zu haben. Die Diskretion, die noch für jeden Steuerhinterzieher oder Händler von illegaler Pornographie gilt, hat in politisch wirklich brisanten Fällen plötzlich keine Gültigkeit mehr.1 Anstatt gegenüber den anmaßenden Forderungen der Regierung auf die selbstverständliche Neutralität eines Unternehmens gegenüber den politischen Aktivitäten oder Gesinnungen seiner Kunden zu beharren, wird ohne jede konkrete juristische Klärung des Falls vorauseilender Gehorsam geleistet.
O-ton des paypal-Vizepräsidenten:

State Dept told us these were illegal activities. It was straightforward. We first comply with regulations around the world making sure that we protect our brand. And as a result our policy group had to make the decision of suspending their account. It’s honestly, just pretty straightforward from our perspective and there’s not much more to it than that.

Quelle

Seit wann darf in einer bürgerlichen Demokratie eine Regierung entscheiden, was illegal und was nicht ist? Es bleibt zu hoffen, dass es der Reputation der Firma wesentlich mehr schadet, wenn sie sich selbst als Schoßhündchen der US-Regierung bar jedes rationalen Unternehmergeists entlarvt. Wer will schon bei einer Firma Kunde sein, bei der man ständig befürchten muss, dass einem aus dubiosen Gründen sein Konto gesperrt wird? Und: müsste eine Regierung, die sich derart offensichtlich faschistischer Wirtschaftssteuerungsmethoden, die man nicht anders als Erpressung beschreiben kann, bedient nicht sofort zum Rücktritt gezwungen werden? Wo sind die tapferen und die freien, wenn man sie einmal braucht?

Was im Augenblick vor sich geht, ähnelt den schlimmsten Befürchtungen naiver Liberaler: wer sich politisch inopportun verhält, verliert seinen Job, seine Wohnung, wird unter Vorwänden strafrechtlich verfolgt, entrechtet. Gerade demgegenüber ist es angebracht und erfolgsversprechend nichts weiter als bürgerliche Mindeststandards, banale Grundvoraussetzungen geliegenden Handels und Wandels, einzufordern und de facto-Staatsunternehmen wie paypal und amazon zu boykottieren. Waren die „Terroristen“, gegen die der demokratische Rechtsstaat zur Not auch mal faschistisch agieren darf, bisher ominöse „Islamisten“, zeigt sich jetzt immer deutlicher, dass dieselben einmal etablierten Methoden sich auch gegen innerwestliche „Systemgefährder“ umstandslos eingesetzt werden.
Zu hoffen bleibt, dass sich wikileaks nicht unterkriegen lässt und sich nicht alle Unternehmen, die irgendwie mit wikileaks in Verbindung stehen, dem Druck der Regierungen beugen. Denn: wer sich angesichts von Enthüllungen so verhält wie diese, der hat mit Sicherheit „was zu verbergen“.

Ergänzend:

Presseerklärung der Wau Holland Stiftung zur Sperrung ihres paypal-Accounts.

Interview mit Thomas Hoeren in der „Zeit“ über juristische Aspekte der Geschehnisse.

Nützliches:

Direktlink zur Auflösung des Kontos bei paypal (ist normalerweise extrem schwer zu finden)

  1. Vgl. hierzu auch gamestar.de: „Auch andere Anbieter im Zahlungsverkehr wie VISA, Mastercard und sogar die Schweizer Postfinance blockieren jegliche Geldtransfers zu Wikileaks oder dessen Gründer Julian Assange, ohne dass irgendein Urteil vorliegt, das einen Rechtsverstoß der Organisation oder Assange erkennt. Spenden über VISA oder Mastercard an den Ku Klux Klan, der von den Spendern verlangt »reinrassig weiß« zu sein und keinerlei Kontakte zu Nicht-Weißen zu pflegen, sind laut The Guardian aber weiterhin problemlos möglich.“ [zurück]
  2. Hierbei scheint es sich jedoch um eine reine Vermutung zu handeln. Vgl. twitters Gegendarstellung [zurück]



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