Archiv für Januar 2011

Herbert Marcuse – König im Philosophenstaat?

Skandal! Der angeblich antiautoritäre Marxist Herbert Marcuse fällt an einer Stelle in Der eindimensionale Mensch in tiefste ML-Doktrinen zurück und schwafelt etwas von „materiellen Vorbedingungen“ der Freiheit. Konsequenterweise denkt er wenige Zeilen später ernsthaft über das Konzept der „Erziehungsdiktatur“ (!) nach. Dies zeigt, wie sehr der Histomat zur intellektuellen Verwirrung selbst noch in der „Frankfurter Schule“ geführt hat. Dabei weiß doch jedes Kind, dass

a) eine befriedete, herrschaftsfreie Gesellschaft bereits in der Steinzeit zu verwirklichen gewesen wäre.
b) die Steinzeitmenschen nicht wesentlich irrationaler waren als wir.
c) es sowas wie eine „Notwendigkeit in der Geschichte“ einfach nicht gibt – die Revolution könnte jeden Tag passieren.

Die Frankfurter vertreten, da sie diese einfachen Einsichten von großen Forschern wie Hans-Peter Duerr nicht anerkennen, zwar nicht notwendig, aber doch irgendwie mit diesem Faktum zusammenhängend, einen zynischen Pessimismus, der mich zutiefst anekelt. Pfui.

Hier das Marcuse-Zitat in voller Länge:

Das Argument, das sich auf die historische Rückständigkeit beruft – demzufolge unter den herrschenden Bedingungen materieller und geistiger Unreife Befreiung notwendigerweise das Werk von Gewalt und Verwaltung sein muß – bildet nicht nur den Kern des Sowjetmarxismus, sondern ist auch von den Theoretikern der »erzieherischen Diktatur«, von Platon bis Rousseau verfochten worden. Es ist leicht lächerlich zu machen, aber schwer zu widerlegen, weil es das Verdienst hat, ohne viel Heuchelei die (materiellen und geistigen) Bedingungen anzuerkennen, die dazu dienen, wahrhafte und vernünftige Selbstbestimmung zu verhindern.
Außerdem entlarvt das Argument die repressive Freiheitsideologie, wonach menschliche Freiheit in einem Leben von Mühe, Armut und Dummheit aufblühen kann. Allerdings muß die Gesellschaft erst die materiellen Vorbedingungen der Freiheit für alle ihre Glieder schaffen, ehe sie eine freie Gesellschaft sein kann; sie muß zunächst den Reichtum hervorbringen, ehe sie imstande ist, ihn gemäß den sich frei entwickelnden Bedürfnissen des Individuums zu verteilen; sie muß erst ihre Sklaven befähigen zu lernen, zu sehen und zu denken, ehe sie wissen, was vor sich geht und was sie selbst tun können, um es zu ändern. Und in dem Maße, wie die Sklaven vorgeformt sind, als Sklaven zu existieren und mit dieser Rolle zufrieden zu sein, scheint ihre Befreiung notwendigerweise von außen und von oben zu kommen. Sie müssen »gezwungen« werden, »frei zu sein«. Man muß ihnen die Dinge »so vor Augen stellen, wie sie sind«, und »manchmal wie sie … erscheinen sollen«; man muß ihnen den »guten Weg« zeigen, den sie suchen. [Zitat aus Rousseaus Contrat social; TS]
Aber bei all seiner Wahrheit kann das Argument die altehrwürdige Frage nicht beantworten: wer erzieht die Erzieher und was beweist, daß sie im Besitz »des Guten« sind? Die Frage wird nicht durch den Einwand entkräftet, daß sie gleichermaßen für bestimmte demokratische
Regierungsformen gilt, bei denen die schicksalsschweren Entscheidungen über das, was für die Nation gut ist, von gewählten Abgeordneten getroffen (oder vielmehr gutgeheißen) werden – gewählt unter Bedingungen wirksamer und bereitwillig entgegengenommener Indoktrination. Und doch besteht die einzig mögliche Entschuldigung (sie ist schwach genug!) der »Erziehungsdiktatur« darin, daß das schreckliche Risiko, das sie einschließt, nicht schrecklicher als dasjenige sein kann, das die großen liberalen wie autoritären Gesellschaften jetzt eingehen, und daß die Kosten nicht viel höher sein können.

Quelle: Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. München 2005, S. 60 f. bzw. hier, S. 75 f. Hervorhebungen im Original.

In einem Spiegel-Interview von 1967 redet er dann Klartext und spitzt diese fatale Sichtweise noch zu. Zunächst spekuliert er auf die Frage nach dem Ziel der damaligen Studentenbewegung wieder ganz harmlos über „Bedingungen“ einer besseren Gesellschaft:

Ganz allgemein gesprochen, würde ich sagen: eine Gesellschaft ohne Krieg, ohne Grausamkeit, ohne Brutalität, ohne Unterdrückung, ohne Dummheit, ohne Häßlichkeit. Daß eine solche Gesellschaft möglich ist, daran zweifele ich überhaupt nicht, wenn ich mir die heutigen technischen, wissenschaftlichen und psychologischen Bedingungen ansehe.

Dann zieht er, zynisch wie man als hegelianischer Philosoph nur sein kann, die auf der Hand liegende Konsequenz:

Ich glaube, daß die Revolution zu einer Erziehungsdiktatur tendiert, die sich in ihrer Erfüllung aufheben würde.

Später bejaht der die Frage ob er den Menschen „umprogrammieren“ wolle. Tanzen können wird man bei dieser „Revolution“ wohl nicht …

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Zur Information

Meine Antwort auf Ofenschlots Kritik an meiner Position zur Frage nach der Notwendigkeit in der Geschichte – eine Kritik der linken Marx-Destruktion in a nutshell. Eine Polemik gegen Ofenschlot, die zumindest teilweise mit meiner Kritik korrespondiert, findet sich hier (die Beschimpfungen teile ich freilich nicht – ich lese Ofenschlots Blog sehr gern und freue mich immer wieder über interessante und instruktive Beiträge von ihm).

Erklärung zu den Verwicklungen der letzten Tage // Ein Plädoyer für Polemik

Wie die geschätzte Leserschaft dieses Blogs wohl mitbekommen hat, wurde unser Blog kürzlich zum ersten Mal seit Bestehen vorübergehend gesperrt. Anlass war ein polemischer Artikel neos gegen den Blogger rhizom, den man – mit Einverständnis des Attackierten – mittlerweile auf dieser Seite in einer entschärften Version einsehen kann. Stein des Anstoßes war die Erwähnung eines bürgerlichen Namens, für die wir uns im nachhinein entschuldigen. Wir gingen davon aus, dass der Name allgemein bekannt sei und wollten rhizom keineswegs „denunzieren“ o.ä. Der Stil des Artikels ist unseres Erachtens eine legitime Form polemischer Auseinandersetzung, in der keine Grundregel theoretischer Auseinandersetzung verletzt wird.

Polemik war schon immer ein umstrittenes Medium theoretischer Auseinandersetzung, genauso wie der Krieg, dessen Name der Polemik ja auf die Stirn geschrieben steht, ein umstrittenes Medium politischer Konfliktlösung ist. Denn Polemik begnügt sich nicht mit dem bloßen sachlichen Austausch der Argumente, sondern attackiert darüber hinaus den, der für falsch gehaltene Argumente vertritt. Ihre Zeit ist gekommen, wenn die Argumente versagt haben, wenn es keinen gemeinsamen Konsens mehr gibt, auf dem die Begründungen gründen könnten. Sie ist daher ein Dorn im Auge all jener, denen es um die zwanghafte Fortsetzung des reinen Streits der Sache um der Sache selbst willen geht, die die Spaltung, selbst wenn sie unvermeitlich ist, mit allen Mitteln zu vermeiden trachten. Doch die empörte Zurückweisung der Polemik ist ein strategischer Zug wie die Polemik selbst. Man gibt sich die Maske des Überlegenen, Souveränen, der empört über persönliche Attacken die Nase rümpft, selbst wenn er sie selbst im selben Atemzug heftiger durchführt, als es der Herausforderer jemals wagte. Es gibt keinen unschuldigen im Krieg der Argumente. Es gibt nur wie überall Pfaffen und Krieger. Man entscheide selbst, welche Maske mehr Sympathie verdient.

Indem sich die Polemik nicht asketisch mit der bloßen Kritik der Worte begnügt, sondern den theoretischen Feind als Exempel einer ganzen Lebenseinstellung, eines Habitus, einer realgesellschaftlichen Tendenz, Träger eines verborgenen Interesses entlarvt, ist sie per definitionem unverzichtbares Medium der Ideologiekritik. Die empörte Zurückweisung der Polemik zeigt sich so meist als Angst vor der schonungslosen Kritik der Gesellschaft und ihrer Charaktermasken. Ihrer Ansicht nach soll getrennt werden, was real nicht zu trennen ist: einzelne Sätze und theoretischer Gesamtentwurf, Gesinnung und sozialpsychologische Position, Person und öffentliche Repräsentation. Ihr Positivismus ist selbst Ideologie. Sie verhält sich so wie der naive Kleinunternehmer, der sich von seinen gewiefteren Geschäftspartnern übers Ohr hauen lässt, weil er nur auf ihre Worte, nicht auf ihr reales Verhalten achtet – und sich danach über den Betrug empört. Das Gegenteil einer solchen verlogenen Attitüde ist nicht der hemmunglose Küchenpsychologismus, die hämische Denunziation oder die wüste Beschimpfung. Gelungene Polemik ist eine hohe Kunst, die in der stetigen Gratwanderung zwischen dem Willen, den Gegner virtuell zu vernichten, und der wissenschaftlichen Redlichkeit besteht. Auch Übertreibung gehört zu ihren zentralen Techniken. Sie zielt sozusagen mit dem Vergrößerungsglas auf die wunden Punkte des Antipoden, um sie noch deutlicher kenntlich zu machen. Eine Grenze ist zu ziehen, wo es nicht mehr um eine Attacke gegen den Gegner als öffentlich agierender Person geht, sondern persönliche Beleidigung und Schädigung. Ansonsten ist jedes Mittel erlaubt und wer die Arena der öffentlichen Auseinandersetzung betritt, wer noch dazu selbst mit harten Bandagen in die Schlacht zieht, muss damit rechnen, selbst zum Opfer von Polemik zu werden. Das angemessenste Mittel der Verteidigung ist, entweder gelassen oder mit Gegenpolemik zu reagieren, die noch treffender als die des Feindes ist.

Die vorübergehende Sperrung und die Drohung mit rechlichen Schritten gegen uns sind unseres Erachtens zwar an sich legitim, aber in diesem Fall unnötig und haben unsererseits zu Unverständnis und Verärgerung geführt, zumal die Sperrung vor Ablauf des genannten Ultimatums erfolgte und wir daher völlig überrascht waren. Wir gehen jedoch davon aus, dass dies ein einmaliger Vorfall war und blogsport – getreu dem alten Motto „Willst du battle, kriegst du battle“ – weiterhin eine Plattform bleibt, auf der theoretisch-politische Auseiandersetzungen auch weiterhin auch in polemischer Form ausgetragen werden können, ohne Zensurmaßnahmen seitens der Administration befürchten zu müssen.

Das „La vache qui rit“ – team.

Ergänzung: Eine weitere entschärfte Version des Artikel findet ihr auch auf copyriot. Wir werden den Artikel in den nächsten Tagen auch wieder auf diesem Blog zugänglich machen.

Ergänzung 2: So, der Text ist jetzt wieder auf „La vache qui rit“ online. Link.

Ex negativo // Erläuterungen zum Existenzialismus


Eigentlich ist der Existentialismus ziemlich genau das Gegenteil von diesem bescheuerten Kirchenlied. Einerseits bin ich vollständig ein „Kind des Zufalls“, eine Laune der Natur, andererseits ist mein Leben nichts weiter als völlig freie, absurde Entwurf meiner selbst, wie er sich in meinen Handlungen manifestiert. Zwischen diesen beiden Aspekten meiner Existenz gibt es keine Vermittlung, im Grunde besteht sie genau im diesem permanenten Scheitern.
Der Christ macht es sich freilich einfach: wenn ich ein Gedanke Gottes bin, ist mein Leben a priori gerechtfertigt. Es ist weder Zufall noch Entwurf, sondern Schicksal, höhere Fügung. Der Christ möchte an der Freiheit festhalten, doch erstarrt sie zur Freiheit eines Anderen: Gott ist der, der mich gewollt hat. Alle Fragen und Probleme werden damit freilich nur eine Ebene nach oben verschoben, nicht beantwortet. Warum hat Gott mich denn gewollt? Doch diese Frage ist eine verbotene für den Christ. Sie allein zu stellen impliziert schon eine Distanz vom gefügten Geschick, einen Spalt, in den das Nichts einzudringen imstande ist: es ist meine freie Wahl, mich zur göttlichen Fügung zu verhalten. Oder ist meine Annahme des Plans selbst Teil des göttlichen Plans? Wenn ich nur in einem Aspekt meines Lebens kein genialer Gedanke Gottes bin, bin ich es in keinem mehr. Deshalb bin ich es auch, wenn mich angesichts von Erfahrungen der Entfremdung Zweifel angesichts der Genialität Gottes plagen könnten. Die Religion ist eine geschlossene Weltanschauung. Jede poplige Kontingenz muss zwangsläufig als neuer Beweis des Nicht-zu-beweisenden herhalten.

Gottes Plan ist also absurd. Wozu dann noch Gott? Das Christentum erkennt die Absurdität der Welt im Grunde genauso an wie Camus und Co. Nur nimmt sie ihr, indem sie sie abspaltet, jeden Schrecken. Sie betrifft ja nicht mehr mich, sondern den Willen eines anderen. Dieser mag absurd sein, ich kann ihm doch gänzlich vertrauen, weil es ein guter Wille ist – ein guter Wille ist freilich, genau so wie ein böser, bereits kein freier mehr. Er ist ja verdammt dazu, gut zu sein, er kann nur gut sein und darin erschöpft er sich. Auch Gott kann also letztendlich nicht frei sein (er könnte sonst auch das Schlechte wählen), sondern ist selbst nichts als mit sich identisches Schicksal. Wie soll es auch sonst vor sich gehen? Wie soll ein weltloses Wesen aus sich selbst heraus eine Welt schaffen können? Wie soll es diesen Entschluss auch nur Denken können? Verräterisch: „Du bist ein Gedanke Gottes / ein genialer noch dazu.“ Hier hat der Dichter ein gefährliches Schlupfloch für nihilistische Haarspalterei gelassen. Wie sollte ein Gedanke Gottes jemals nicht genial sein?
Das Christentum fällt so in den Mythos, den es doch eigentlich überwinden wollte, zurück. Gott selbst kann nur als dem Schicksal unterworfen verstanden werden. Er ist vielmehr die Utopie eines jeden Christen: eine Wesenheit, die mit ihrem Schicksal identisch und trotzdem „frei“ wäre – eine logische Absurdität. Doch als Wunsch dechiffriert offenbart diese Utopie ex negativo: auch der Christ weiß, dass kein freies Wesen je mit seinem Schicksal identisch sein kann wie eine Teekanne das ist, was sie ist, sonst würde er Gott nicht als Ideal setzen. Dieses Ideal kann zum einen aus einem simplen Beharren auf Aufrichtigkeit kritisiert werden: der Christ kann im Grunde nicht wollen, was er will, weil es unsinnig ist. Zugleich ist sein Zustand einer der Selbstentfremdung, schlimmer noch, der gewollten Selbstentfremdung, die sich zugleich als solche leugnet und diese somit virtuell perpetuiert bis in alle Ewigkeit. Es ist somit ein Feind jedes Versuches, ein aufrichtiges, freies, verantwortungsvolles Leben in Anerkennung der eigenen wie der fremden Freiheit zu führen. Das Christentum ist die institutionalisierte Wahrheitsfeindlichkeit, Unfreiheit und Verantwortungslosigkeit. Da nun die Freiheit das Wesen der menschlichen Existenz ist, ist das Christentum schlussendlich vorallem eins: der Gipfel (vielleicht nicht der äußerste) der Menschenfeindschaft, des menschlichen Selbsthasses, der sich als Liebe zum Menschen verbrämt. Das Christentum liebt den Menschen immerhin insofern, als dass es ihm eine gut verdauliche Ideologie liefert, seine Vorurteile bedient und festigt. Es ist die Liebe eines Vaters, dass seinem Kind jedwede Bildung versagt und im Elternhaus einsperrt, um ihm das Unglück der wirklichen Welt zu ersparen.

Doch es gibt kaum Grund überheblich zu sein: das Lied sagt ja nur in aller Unschuld, was so gut wie jeder gern hätte. Der Christ traut sich nur in einem Akt intellektueller Selbstaufgabe (credo quia absurdum – „Ich glaube, weil es absurd ist“ – so tönte es schon in den Anfangstagen dieser wahnsinnigen Religion), das als real gesetzt anzunehmen, was andere als Traum betrachten. Insofern hat sein Entwurf etwas Ekelerregendes und etwas Bewunderswertes zugleich. Ekel erweckt die im Christentum noch mehr als in allen anderen Religionen offenkundige Leugnung aller Vernunft, die offen verkündete Inkonsistenz. Das Christentum ist die Unaufrichtigkeit in ihrem Wesen verkörpert. Bewundernswert ist gerade diese Dreistigkeit. Doch gerade weil sie eigentlich nur einen winzigen Schritt von der Wahrheit entfernt ist, einen Schritt freilich, von dem sie sich zugleich unendlich entfernt halten muss, um nicht unterzugehen, ist das Christentum seinem Wesen nach so intolerant: jeder Ungläubige muss bekehrt oder ausgerottet werden, denn er ist qua Existenz Leugnung der absurden Wahrheit. Das Christentum hasst vorallem eine Freiheit: die Freiheit, Gott zu leugnen – weil es die gesamte Freiheit hasst und abtöten will, bis nur noch Schicksal und Schicksalsergebenheit bleibt. Der radikale Christ müsste schließlich nichts, was er tut oder denkt, rechtfertigen. Ihm bleibt die Einsicht in die Grundlosigkeit der Begründungen erspart. Warum ziehen wir in den Krieg? „Gott will es.“ So erschallt der Ruf des Wahns seit Jahrtausenden bis heute unter veränderter Maskerade (die Partei will es, der Führer, die Tradition, das Schicksal …).
Auch Schiller spricht es in der Ode an die Freude, an einer der wohl pathetischsten Stellen in Beethovens Vertonung aus: „Brüder – überm Sternenzelt /Muss ein lieber Vater wohnen.“ Was ist das Geheimnis dieses „müssen“? Es „muss doch“ – sonst … ? (mehr…)

Die Kommune des 21. Jahrhunderts

Eigentlich interessiert mich das Dschungelcamp schon seit Jahren nicht mehr und ohne irgendeinen Verzicht üben zu müssen rauscht es einfach an mir vorbei wie geschätzte 90 % dessen, was kulturindustriell so „relevant“ ist. Die Moderatoren sind unlustig, alles ist einfach nur billig und langweilig an diesem Format, selbst nach Kulturindustrie-immanenten Maßstäben. Doch angesicht der Besetzung dieser Staffel spiele ich doch mit dem Gedanken mal reinzuschauen. Morgen (/ eigtl: heute1) abend gehts ja los. Lust, der endgültigen symbolischen Selbstdemontage der deutschen Hippie-Bewegung live and direct beizuwohnen, hat man ja irgendwie schon. (mehr…)

Warum RhizomLysis nicht versuchen sollte das Geschäft der Emanzipation zu besorgen

(Vorsicht: Pathologisierungen, Polemik, Trigger!)

Anders als mit dem Umschlag einer libidinösen Fixierung kann ich mir nicht erklären, warum er permanent notorisch Argumente gegen Israel zusammenkratzen muss. Irgendein Zionist hat ihm wahrscheinlich vor Jahren einmal in die Eier getreten und nun treibt ES ihn von einem denunziatorischen Artikel zum nächsten.

Auf dem theoretischen Niveau eines sozialdemokratischen Kleingärtners wie Volker Pispers, quasselt er in einem gelehrig-universitären BesserwisserWikipediartikelverfasserjargon auf das labile Blogsportpublikum ein und ist sich dabei nur für wenige Peinlichkeiten zu schade. Norman Finkelstein (zuverlässiger Argumente-Lieferant für nationale Sozialisten aller Coleur), die wahren Moslems (nämlich die friedlichen), amnesty International (das gute Gewissen des Borgeois): dienen als humanistische Coloration der eigenen Niedertracht. Satzbausteine aus der Werkstatt der herkömmlichen antiimperialistischen Denunziation wie: „die Kolonialisierung der Palästinenser“ (unausgesprochen: Palästina eine Kolonie, Israel ein Apartheitsstaat), und atheoretischer Unfug wie der Vergleich von Antisemitismus mit vermeintlich grassierender „Islamohobie“ dürfen da natürlich nicht fehlen (man kennt sie ja diese Leute die allerorten das Schimpfwort: „du Moslem“, synonym mit Geiz und Geldgier verwenden!).

Es hat keinen Zweck zu versuchen solchen Leuten mit den Fakten, oder revolutionär/theoretischen Erwägungen argumentativ beizukommen, oder sie gar zu verunsichern. Vom einzigen Land im Nahen Osten in dem zb. Homosexuelle möglichst frei leben können und in dem „Palästinenser“ nicht als entrechtete Luftmenschen in „Flüchtlingslagern“ leben müssen, hat er schon gehört. Von der blutigen Wirkmächtigkeit antisemitischer Wahnideen und ihrem Ursprung in der kapitalistischen Vergesellschaftungweise wahrscheinlich auch.
Es bleibt nur die strategische Stossrichtung der vorgenommenen Medienoperation anhand einer einfachen Rechenaufgabe zu entlarven. Das fällt ziemlich leicht, schaut man sich die Themenauswahl auf seinem Blog an. Auf 21 Seiten geht es 28 mal um Israel und das Ungemach das die Militäroperationen der IDF für die palästinensische Zivilbevölkerung bedeutet. In 27 Blogbeiträgen wird die weit verbreitete „Islamophobie“ in der westlichen Welt bejammert. In 16 geht es gegen die Dummheit respektive religiöse Verblendung der US-Amerikaner und 5 widmen sich in denunziatorischer Absicht „den Antideutschen“. In 43 Beiträgen geht es um andere Themen. Meistens um die Möglichkeit und Unmöglichkeit homosexueller Emanzipation in den herrschenden Verhältnissen (4 davon behandeln die Unterdrückung gelebter Homosexualität im Iran. An diesem Punkt hat die Eigensuggestionskraft zur klaren Frontstellung nicht gereicht).
Wie bei allen dummen Bürgern die den postmodernen Mainstream des „anything goes“ lediglich dazu nutzen um ihre eigene Ideologie (in diesem Falle die Ideologie des in den herrschenden Verhältnissen zu verwirklichenden Humanismus) nicht mehr Ernst nehmen zu müssen, schert sich rhizomlysis – entgegen der eigenen Selbststilisierung – nicht einen Dreck um das menschliche Elend an sich. Über das organisierte Schlachthaus: Staat, über die aktuell massenhaft nur im Islam bis zur Selbstaufgabe reichende religiöse Verblendung, über Hunger und Arbeitsterror, über die weltweite Akkumulation des Leids unter kapitalistischen Vorzeichen überhaupt, verliert er nur selten ein Wort. Seine Themen verengen sich naturwüchsig auf die alten Feindbilder deutschlinker/antirassistisch/postkolonialer Tradition. Neben den USA (die ihre eigene Dummheit in die ganze Welt exportiert), geht es ihm um „die Juden“ (oder ihre Pappkameraden). „DAS“ (moslemische) „VOLK“, tritt immer nur als Opfer auf. Sind die uralten Gefühle erst mit entsprechend zusammengestoppelten Nachrichtenschnipseln in die Sphäre der vermeintlich diskutablen „rationalen Argumente“ erhoben und der Mob in Stimmung – und er ist immer in Stimmung – kann sich der gewünschte Schuldspruch in den Köpfen der Rezipientinnen und Rezipienten selbst verkünden, ohne das Lysis sich mit allzu vielen offensichtlichen inhaltlichen Entgleisungen die Finger schmutzig machen muss:
1. Israel ist ein unrechtmäßiger Terrorstaat. Apartheitsregime, etc.
2. Israel ist die grösste Gefahr für den Weltfrieden.
3. Mit dem Islam ist das alles nicht so schlimm. Die Kritiker sollen sich mal nicht so haben. „Erst mal vor der eigenen Tür kehren“ usw.
4. „Die Antideutschen“ sind ein philosemitischer Haufen der versucht mit besonderer Radikalität den eigenen Schuldkomplex zu bearbeiten.
5. Die USA ist ein Land religiös verblendeter Rednecks, die in ihrem imperialistischen Wahn einen blutigen Kreuzzug um die Welt führen.

Um die ganze Ekelhaftigkeit und tückische Gestalt dieser dekonstruktivistischen CopyandPaste-Variante des alten antiimperialistischen Antizionismus zu entlarven, würde mir nichts anderes übrig bleiben als noch mehr Texte von ihm durchzulesen als ich es leider schon getan habe. Dafür bin ich mir aber zu fein. Da spiel ich lieber mit meinem Computer. Der Lysiskerl bleibt eben – trotz eigenem Buch, vermutlicher Hilfswissenschaftlerstelle an irgendeiner Uni und Blogsportgroßadministratorentum – ein irrelevanter Schmock. Vielleicht fühlt sich ja jemand anderes dazu aufgerufen diese Leistung der Selbstentfremdung zu vollbringen.
Viel Glück dabei.

Anm. des Administrators: Dieser Text wurde in seiner ursprünglichen Form Gegenstand eines kontroversen Streits, der in seiner temporären Löschung und einer vorübergehenden Sperrung dieses Blogs gipfelte. Erklärung des „La vache qui rit“-teams hierzu.

Existentalism revisited // Veranstaltungsreihe zu Aspekten existenzialistischer Theorie


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Endlich ist es soweit, Monate haben wir darauf gewartet: es gibt, veranstaltet von der trans-lab, dem „Praxis der Theorie“-Projekt der neuen Bibliothek im IVI, transLib, eine neue Veranstaltungsreihe zum Existenzialismus: Existentialism revisited. Aus dem Programm: vier Lesekreise und Lektüreworkshops, zwei Vorträge bedeutender feministischer Theoretikerinnen der Gegenwart über Simone de Beauvoir (Andrea Truman, Roswitha Scholz), zwei Vorträge über Sartre und den Marxismus aus unterschiedlichen Perspektiven, Filmvorführungen, ein existenzialistischer Kneipenabend im IVI … Ich zumindest bin schon sehr gespannt und freue mich auf mehrere Monate intensiver Theoriearbeit.

Download des Flyers.

Zur offiziellen Ankündigung auf der transLab-Seite.

Vor einem Jahr haben wir ja bereits eine Reihe unter dem Titel „Der Gangsterboss des Existenzialismus“ zum 30. Todestag Jean-Paul Sartres veranstaltet, aus der sich einige fruchtbare Debatten ergaben und in deren Tradition die jetzige steht. Alle wesentlichen Informationen dazu finden sich auf diesem Blog unter der Kategorie „Existenzialismus“.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Am 16.1. um 18 Uhr geht’s in gemütlicher Runde im transLib-Raum im IVI los beim Anschauen der BBC-Doku Human all too human über Nietzsche, Heidegger und Sartre. „Experten“ werden sich vielleicht ein wenig langweilen, aber man kann ja im Anschluss dann im Ausgleich dazu ein wenig über die gewählte Art der Präsentation fachsimpeln. Am 30.1. startet dann der Lesekreis über den Abschnitt „Die konkreten Beziehungen zu anderen“ aus der „Bibel“ des Existenzialismus – Sartres supergenialem Alle-großen-Fragen-ein-für-allemal-letztgültig-Beantwortungs-Werk Das Sein und das Nichts.

Zu guter letzt habe ich es mir – natürlich in bester Tradition – nicht nehmen lassen, einfach mal in literarischer Form zu versuchen darzulegen, was für mich eigentlich das tolle, geniale, interessante, frappante am Existenzialismus ist und wie meines Erachtens (neo-)existenzialistisches Denken heute aussehen könnte. Eigentlich eignet sich der Existenzialismus wie wohl nur wenige Philosophien der emotionalen Darstellung – weil er einfach konkret ist, er ist die desintegrierte Aufhebung aller Gegensätze, in denen sich die analytischen Hanswurstiaden (Sprachanalyse, Seinsdenke, Struk, Poststruk, Destruk, Neostruk …) bewegen (und wer wissen will was „desintegrierte Aufhebung“ meint – tja, der muss wohl mal bei uns vorbeischauen ;-) ). Denn nur eine Idee, die bereits in sich konkret lässt, lässt sich in sinnlicher Form – also künstlerisch – ausbreiten, ohne dass es gekünstelt wirkt.

Genug der Vorrede, hier meine kleine Einführung in den Existenzialismus:

Situation

Meine Wort plätschern wie von selbst dahin, ab und zu werfe ich einen verstohlenen Blick auf sie, um sicherzugehen, ob sie immer überhaupt zuhört oder – schlimmer noch –, ob ich sie langweile. Ich weiß, dass ich sie mit meinen Worten eigentlich nicht erreichen kann und deshalb ist es im Grunde völlig bedeutungslos, was ich sage. Lächerlich, dass ich meinen Worten überhaupt eine solche Bedeutung beimesse. Ich höre ihr ja auch oft nicht zu, wenn sie was sagt, weil es mich einfach nicht interessiert. In dem Stück, dessen Autor, Publikum, Hauptfigur, Rezensent und Intendant zugleich ich bin, hat sie im Grunde eine stumme Rolle zugewiesen bekommen. Ich weiß garnicht, warum ich das überhaupt noch mache. Sie lächelt und ein heraufziehendes angenehmes Gefühl in der Magengegend erinnert mich wieder daran. Nein, natürlich mag ich sie auch wegen ihrer Intelligenz und wegen der Sätze, die sie sagt. Rede ich mir zumindest ein. Ich will es garnicht so genau wissen. Ich mache eine Bemerkung, die sie offensichtlich sehr komisch findet und freue mich ein wenig darüber. Zumindest etwas. Wenigstens tauge ich dazu, ihr die Zeit mit komischen Bemerkungen zu vertreiben. Ich spüre so etwas wie Sinn in meinem Leben und nehme einen Schluck Bier um zu zeigen, wie sinnvoll mein Leben ist. Hier bin ich: intelligent, gewitzt, jung, verliebt, sitze einfach nur da und trinke ein Bier wie alle anderen auch. Doch im nächsten Moment fühle ich mich schon wieder gänzlich ausgehöhlt und lasse die Protagonistin wider Willen an meiner Seite schöne Haare haben.
Das schlimme ist, dass die anderen im Grunde ja auch im Publikum sitzen und sich an meiner Lächerlichkeit ergötzen können.

Weiter im Text als pdf.

  1. Mehr zu Heidegger auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=1K-0sf7PfXM [zurück]

Der neue sidebar-Button

Pünktlich mit dem allmählichen Ausklingen der Neujahresbeschwerden (bei mir in diesem Jahr unglücklicherweise nicht vom Alkohol verursacht), fiel mir ein, dass ich doch mal was zu dem tollen neuen Gadget auf diesem Blog zu schreiben: dem chicen orange-grünen Button in der sidebar. Wie die Etikettierung „Spendendose“ vermuten lässt, handelt es sich um eine eben solche. Wer seine Begeisterung für dieses tolle Blog also nicht für sich behalten und uns supporten möchte, wage also einen Klick. Es geht uns dabei weniger um das Geld (das wird auf absehbare Zeit ohnehin einfach über flattr weiterverteilt), sondern um ein bisschen Werbung für flattr.com zu machen – und auch als kleiner Test, wie vielen Leuten wir eigentlich einen kleinen Obolus wert sind (so ein kleiner virtueller Schulterklopf tut schon manchmal ganz gut ;-) ).

edit: Netzpolitik.org berichten über ihre Erfahrungen mit flattr und stellen die Idee, die hinter flattr steckt sehr gut da – und auch, dass man via flattr tatsächlich Geld verdienen kann (naja – Seiten wie netzpolitik.org zumindest).

Putschartige Zustände

Bericht über die seltsamen Methoden des (unter Anwendung seltsamer Methoden) neu gewählten FH ASTA in Frankfurt.




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: