Archiv für Februar 2011

Anekdote aus Libyen // Wer auch sonst?

Heute schon wieder eine gute Szene in der Tagesschau. Im Bild: Eine wütende Menge umringt einen Mann, der triumphierend ein von der libyschen Armee erbeutetes MG hochhält. Er ruft laut Übersetzung so etwas wie: „Da seht ihr’s, die USA und Israel haben Gaddafi seine Waffen geliefert!“ Der Sprecher dazu aus dem Off: „Was die Menschen nicht wissen können – diese Waffe wird in Belgien produziert.“

Endlich geschafft!

Hey, heute hat es der allseits bekannte und beliebte Gegenstandpunkt [sic!] tatsächlich in die Tagesschau geschafft: In einem Bericht über gegen Leiharbeit demonstrierende Arbeiter_innen war wenige Sekunden lang ein nicht zu verkennendes Flugblatt der Zeitschrift in den Händen der Demonstrierenden zu sehen. Es geht voran, Genossen!
2020: Dr. Peter Decker, Experte für Wirtschaftswissenschaft und Moralphilosophie zu Gast bei Maischberger zum Thema „Sind unsere Löhne zu niedrig?“

Ich kapier es nicht

Wenn dieser Leserinnenbrief – geschrieben als Antwort auf diesen Artikel im CEEIEH182 – Satire sein soll, dann die beste die ich seit langem gelesen habe. Wunderbar!
Sollte jedoch beides – Artikel und Antwort – ernst gemeint sein: Gute Nacht.

Das Subjekt denken im Zeitalter seines Sturzes // David Sherman: „Sartre and Adorno. The Dialectics of Subjectivity“

Selten, dass ich im Vorfeld einem Buch mit so hohen Erwartungen begegne – und dass diese auch noch erfüllt werden. Vielleicht lag es auch daran, dass ich fast einen Monat lang sehnsüchtig auf den Original US-Import warten musste – jedenfalls kann ich David Shermans Studie Sarte and Adorno. The Dialectics of Subjectivity all jenen, die sich für das bereits im Titel angesprochene Thema interessieren, wärmstens empfehlen. Das Warten und der nicht allzu geringe Preis haben sich vollauf gelohnt.

Wer sich ein bisschen mit Sartre und Adorno auskennt, merkt sofort, wie paradox der Versuch wirken muss, beide Philosophien irgendwie aneinander annähern zu wollen. Während Sartre sich nie zu Adorno geäußert hat, hatte Adorno für Sartre und den Existenzialismus im Allgemeinen nur schärfste Polemik übrig. Demgegenüber versucht Sherman zu zeigen, dass Sartre und Adorno im Grunde ein ganz ähnliches philosophisches Programm verfolgen: einen Begriff des Subjekts zu entwickeln, der dieses nicht einfach als soziohistorisches „Konstrukt“ preisgibt ohne es idealistisch zu überhöhen. Beide gehen vom „identischen Subjekt-Objekt“ des deutschen Idealismus aus, um es von innen heraus aufzusprengen – Sarte vom Standpunkt des Subjekts, der 1. Person, Adorno von dem des Objekts, der 3. Person. Es ist leicht zu ersehen, dass die Wahrheit in der Vermittlung der beiden kontroversen Standpunkte liegen würde. Während Sartre mit seiner phänomenologischen Methode in Gefahr läuft, die Geschichte auszuklammern und den gegenwärtigen Gesellschaftszustand zu ontologisieren, setzt Adornos Versuch, das Subjekt radikal historisch zu denken ohne es preiszugeben genau ein nicht-metaphysisches Subjekt voraus, wie es Sartre in Das Sein und das Nichts konzipiert. Ein Subjekt, das nicht – wie klassischerweise bei Descartes, Kant und auch noch Kierkegaard – als weltjenseitiges, innerliches gedacht wird, sondern immer schon auf die Welt – Dinge und andere Subjekte, den Körper, die gesellschaftliche Situation etc. – bezogen ist – in diesem Bezug jedoch zugleich absolut frei ist. Als normatives Ziel sowohl der „negativen Dialektik“ Sartres als auch der Adornos sieht Sherman dann eine „vermittelnde Subjektivität“ („mediating subjectivity“), die ihrer Vermitteltheit eingedenk zugleich gerade durch diese Reflexion die gesetzten Bedingungen ihrer Existenz zu überschreiten vermag – als Keimzelle radikalen sozialen Widerstands, der ohne als frei gedachte Subjekte nicht zu haben ist.

Wie man als in der gegenwärtigen Theorielandschaft beheimateter Mensch sofort merkt, sind diese Thesen keinesfalls unumstritten, sondern der hegemonialen ideologischen Tendenz sogar strikt entgegengesetzt. Sherman hat sich in seinem Bemühen, Sartre und Adorno zu vermitteln und zugleich zu retten, mit zahlreichen Gegnern und falschen Freunden aus verschiedensten theoretischen Lagern auseinanderzusetzen, die alle eint der Punkt eint, dass das Subjekt und seine Freiheit eine bloße Illusion seien, von der man sich nicht nur in Philosophie und Wissenschaft, sondern (zumindest in manchen Ausprägungen) auch in der Praxis frei zu machen habe. Im Grunde hat Sherman also geschätzte 3/4 der akademischen Welt gegen sich – ob Biologisten, Positivisten, analytische Philosophen, Poststrukturalisten, Dekonstruktivisten oder Habermasianer. Insbesondere mit den drei letzt genannten beschäftigt sich Sherman ausführlich. Er versucht, im Anschluss vorallem an Adornos Heidegger-Kritik, zu zeigen, dass der „linguistic turn“, der „Tod des Subjekts“ oder gar „des Menschen“ keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse in dem Sinne zum Ausdruck bringen, dass es sich um ahistorische Wahrheiten handeln würde, die man erst jetzt plötzlich entdeckt hätte, sondern dass dieses schulübergreifend geteilte Paradigma vielmehr die bereits von Adorno reflektierte Tendenz zur ganz realen Auflösung des Subjekts in der „total verwalteten Welt“ ideologisch artikuliert – und dabei zugleich ontologisiert und affirmiert. Solange freilich – so Sherman – das freie Subjekt überhaupt noch gedacht werden kann, ist die gesellschaftliche Tendenz zu seiner völligen Auflösung in den gesellschaftlichen Strukturen noch nicht gänzlich vollzogen – und gibt es zugleich noch die Hoffnung auf Widerstand, der eine Umkehr bewirken könnte. Genau dies können die antisubjektivistischen Theoretiker kaum mehr denken – bzw. müssen dann doch wieder so etwas wie ein freies Subjekt annehmen (der späte Foucault), auf selbst metaphysische Konzepte zurückgreifen (Derridas „differánce“) oder auf die Wunderwirkungen kantianischer Ethik hoffen (Habermas & Co.).

Shermans Forschungsinteresse ist also keineswegs rein theoretisch, sondern er wird nicht müde zu betonen, dass es ihm darum geht, die theoretische Bedingung des Möglichkeit radikalen Widerstands zu sichern. Dieser Anspruch wirkt freilich etwas seltsam – so, als könnte man den Lauf der verwalteten Welt entschleunigen, bremsen oder gar umkehren, nur, indem man Subjektphilosophie betreibt – als wäre das Subjekt schon dadurch gerettet, dass man es denkt. So heißt es etwa in der Einleitung in einer Kritik an Slavoj Zizek:

Without a commitment to efficacious subjects – a commitment whose very possibility is being progressively undermined by a polity that is ever more constructed in the circuits of contemporary „postmodern“ capitalist globalization processes – there can be no basis for change, and this only plays into the hand of those groups that most profit from the prevailing order if things. (p. 2)

Hier wird ein Theorie-Praxis-Verhältnis impliziert, dass den postmodernen Vorstellungen von Diskursmachtpolitik wiederum auffallend nahe steht. Doch es wäre wohl wiederum zu einseitig, diesen Punkt von Shermans Kritik vollständig von der Hand zu weisen: natürlich macht es für das Selbstverhältnis und damit die Praxis des Einzelnen einen enormen Unterschied, ob er oder sie sich als Kreuzungspunkt von Diskursen, Heideggersches „Da-Sein“, kantianisches Moralsubjekt oder Sartresches „In-der-Welt-Sein“ begreift. Deterministische Theorien lassen sich immer als Entschuldingsideologien für den herrschenden Umständen adäquates Verhalten verwenden – worauf nicht zuletzt Sartre ja nicht müde wird hinzuweisen. Selbst wenn Bücher wie das vorliegende von Sherman oder die Zizeks nur eine relativ kleine unmittelbare Wirkung entfalten dürften, werden in ihnen doch ideologische Kämpfe ausgetragen, die letztendlich doch politisch-praktisch relevant sind. Unter dem Vorbehalt, dass hier die Gefahr eines ziemlich akademistischem Idealismus zu liegen scheint, würde ich also Shermans Kritik an den affirmativen Auswirkungen des „linguistic turn“ durchaus zustimmen, zumal Sherman an Adorno gerade kritisiert, dass dieser als einzigen Ort des realen Widerstands höchst undialektisch die Theorie ausmache:

When Adorno speaks to „resistance“, he is usually speaking only to theoretical resistance, which – even when self-reflectively aware of its own inherent limitations – tends to approach the sort of Kierkegaardian inwardness that he otherwise rejects. And, indeed, as with Kierkegaard, this has serious implications for subjectivity: consciousness tends to draw into itself the mean reality from which it tries to withdraw. Although we can wholeheartedly agree with Adorno when he asserts that „theory and practice … cannot be glued together in a synthesis ([Negative Dialectics], p. 286), then, it is no more the case that theory and practice can be split off from one another, for this presupposes the very separation that he is properly rejecting in Kant’s dualistic subject, and it collapses into an identity theory that is no less virulent. Indeed, in terms of practice, it might well put Adorno only one step behind Kant, who says in „What is Enlightenment?“ that the need for the absolute freedom of critique must be offset by practical obedience. Ultimately, then, just as practically committed resistance must preserve its theoretical wits, lest it falls into apologetics, theory must engage with the most emancipatory form of practice that is available in a coercive world, lest the world move beyond not only the possibility of any emancapatory theory. Practice is required to keep critical theory alive, for in the absence of oppositional practices that might staunch the movement toward the „totally administered society,“ there will no longer be any space for oppositional theories. (p. 259)

Was genau „the most emancipatory form of practice“ in der heutigen Welt sein soll, benennt Sherman freilich nicht. Es wirkt auch etwas seltsam, hier nur von einer „form“ zu sprechen.

Jedenfalls liefert Sherman eine klare Darlegung subjektivitätstheoretischer Fragestellungen „auf der Höhe der Zeit“, wie es so schön heißt, die relativ plausibel macht, dass es sich dabei nicht um rein akademische Fragestellungen, sondern die konkreten Fragestellungen unserer Epoche handelt – wie können wir uns in der heutigen Zeit einen Rest an Autonomie bewahren, ohne in die Innerlichkeit der „schönen Seele“ zu verfallen? Sherman liefert dafür – wie auch? – zwar keine konkreten Handlungsanweisungen, aber einen begrifflichen Rahmen, in dem man darüber überhaupt erst nachdenken kann.

Auszüge des Buches auf google books

Quälende Alltagsfragen

Ich laufe durch den Westflügel meines bescheidenen Gästehauses, in den Händen halte ich einen in sparsamen Worten verfassten Entschuldigungsbrief, den ich in einen Umschlag beklebt mit der blauen Mauritius gesteckt habe. Eine dekadente Geste und ein humorvoller Versuch meine 40 Jahre jüngere Ehefrau zu besänftigen, die mich seit einer Woche aus ihren Schlafgemächern verbannt hat. Ich bin auf dem Weg zur Hauspost. Ich sinniere gerade so vor mich hin, frage mich ob sie meinen kleinen Scherz versteht und mir die S e i t e n s p r ü n g e des letzten Quartals verzeiht… da passiert es: Ich stolpere über die Überreste einer Marmorstatuette, die ich aus purer Lebenslust beim letzten Partygelage mit dem Golfschläger zerknüppelt habe und der Briefumschlag mitsamt der verklebten blauen Mauritius fliegt in hohem Bogen durch das geöffnete Fenster, segelt von einer Windböe getragen über den Parkplatz, direkt in das von Butler Manfred gemäß seinen allherbstlichen Ordnungspflichten gerade entzündete Laubfeuer und verbrennt in Sekunden zu Asche.

Trinken sie nun 10 Bier (0,5 Hansapils aus der Glasflasche) und beantworten sie mir bitte folgende Frage: Was wurde bei diesem bedauerlichen Missgeschick vernichtet. Wert, Tauschwert, Gebrauchswert, Alles oder nichts von alledem.

Gegen die Sudeten helfen nur …

Wie die FR berichtet setzen zahlreiche v.a. deutsche Professor_innen in einer gemeinsamen Erklärung ein ziemlich gut begründetes Signal gegen die Entscheidung des Bundestags, einen Gedenktag für die nach dem 2. Weltkrieg vertrieben Deutschen am 5.8. einzurichten. Das ist wirklich ein neuer Tiefpunkt des deutschen Gedenkmarketings. Ich hole, gemäß der immer noch gültigen Parole, schon mal mein M*****chen aus dem Keller.

„Versuchen wir es mit etwas weniger Dialektik“ // Zur Destruktion der Destruktion

Reminder: Wochenlang tobte auf diesem und anderen Blogs eine recht kontroverse Debatte, die insbesondere über den Begriff der historischen Notwendigkeit und den „historischen Materialismus“ im Allgemeinen kreiste. Sie wurde vorallem dort ausgetragen. Da sich der Ansicht bin, dass sich syn- und diachrone Betrachtung nur analytisch trennen lassen, dass – ich kenne keinen anderen Begriff für die Sache – „geschichtsphilosophische“ Fragestellungen also von zentraler Bedeutung für die allgemeine Gesellschaftskritik sind, werde ich im Folgen in Auseiandersetzung mit Ofenschlots Kritik an meinen Positionen noch einmal einen Beitrag zu dieser Debatte wagen.

***


„Der Weg zur Erkenntnis bleibt äußert beschwerlich und lässt sich nichts über Fragmentarische, Aphoristische abkürzen.“
(Ofenschlot)

Ich habe mich zu Ofenschlots Kritik in der letzten Zeit schon mehrfach geäußert. Da meine bisherigen Statements im Detail etwas missglückt waren und sich Ofenschlot – im Folgenden kurz-zärtlich „Schloti“ genannt – mit einer dreiteiligen „Reihe über Marx als Entwicklungstheoretiker“ erneut umfassend positioniert hat, will ich also erneut in den Ring steigen und die Fehler und Schwächen von Schlotis Konzeption aufzuzeigen versuchen.

Es muss freilich zugleich festgehalten werden, dass ich mich noch immer frage, worin Schlotis „Position“ eigentlich besteht. Der erste Beitrag der Reihe ließ mich endlich einmal eine umfassende geschichtsphilosophische Positionierung erhoffen. Stattdessen bestand sie – wie gehabt – aus „Fundstücken“. Im ersten Teil präsentiert er eigene Ergebnisse seiner „Spurensuche“ in den neuesten Publikationen der MEGA, im zweiten und dritten Teil zieht er aus seinem Zettelkästele zwei – angebliche – Autoritäten der Marxologie, Fred Schrader und Ulrich Menzel hervor. Eine fundierte Positionierung ist das nicht – das Subjekt Schloti verschanzt sich ganz hinter einem Wust aus Zitaten und Verweisen. Ein Schelm, wer dahinter kein postmodernes Schreibprogramm vermutet, in dem sich der Autor bewusst in dem Netz seiner Collagen auflöst. Es geht im Grunde um nichts als „Destruktion“ der „großen Erzählungen“, wie es ja auch in Schlotis Blogmotto festgehalten wird:

… geschichtliche Abläufe so rekonstruieren, daß sie nie als irreversibel erscheinen, sondern als Ensemble von Flucht- und Wendepunkten, von Möglichkeiten des Umkehrens und Unterbrechens, des Neubeginnens und Ausführens alter halb geäußerter Wünsche vergangener Generationen …

Das kann man mal sagen. Was sich hinter dieser bunt-flimmernden Signifikantenkette verbirgt, ist eine tiefe Abneigung gegen jedweden Versuch, geschichtsphilosophisch an Hegel anzuknüpfen, dem es im Gegensatz dazu gerade darum ging, ex post eine notwendige, der Logik des Begriffs folgende Fortschrittsgeschichte zu konstruieren, in deren Licht sich die in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklichte Freiheit als telos der Geschichte erweist. Auch wenn Hegel stets zugestand, dass sich in der Empirie Abweichungen von der Logik des Begriffs ergäben, hat er diese doch als „Zufälligkeiten“ abgetan, mit denen sich zumindest eine philosophische Betrachtung nicht zu befassen habe.
Marx und in seiner Nachfolge zahlreiche Marxisten kritisierten dieses – natürlich tief idealistische – Modell, gaben jedoch einige zentrale Erkenntnisse Hegels nicht auf. Was von diesem hegelianischen Restbestand zu halten ist – darum geht es im Grunde in der Debatte. „Versuchen wir es mit etwas weniger Dialektik“ – dieser Satz von Jürgen Habermas könnte Schlotis Blogheader im Grunde genau so zieren.
Der Punkt ist: würden Schloti und seine Gesinnungsgenossen es zur Abwechslung mal mit etwas mehr Dialektik versuchen, würden sie erkennen, dass sich auch Zufälligkeiten, Brüche, Diskontinuitäten, alternative Möglichkeiten etc. in der Geschichte überhaupt nur vor dem Hintergrund von diesen gegenüberstehenden Notwendigkeiten sinnvoll erkennen lassen. Sie konstruieren eine völlig irreführende Alternative: einmal der „Histomat“, einmal ihre – von ihnen selbst nicht näher gelabelte – „Spurensuche“. Diese „Spurensuche“ konstituiert sich nicht zufällig nur darin, den „Histomat“ als Pappkameraden zu konstruieren, um ihn dann immer wieder aufs neue mit neuen „interessanten Studien“ und „neuen empirischen Erkenntnissen“ zu widerlegen – ein Prozess, der sich reichlich selbstgenügsam ausnimmt und als Korrektiv zu einem einseitigen Notwendigkeits- und Fortschrittsdenken eine nicht zu bestreitende Berechtigung hat. Allein: bestreitet man ernsthaft jede Notwendigkeit in der Geschichte, zerfällt sie ja ohnehin schon dem Begriff nach in bloß zufällig aufeinanderfolgende Ereignisse – die ganze mühsame „Spurensuche“ hätte keinen Sinn, da ihr Ergebnis ja ohnehin von vorneherein feststeht.
Schlotis Selbstverständnis bringt auch diese polemische Eingangspassage recht treffend auf den Punkt:

Es ist schade oder vielmehr bezeichnend, dass mit Erscheinen des fünften und letzten Bandes von Hans-Peter Duerrs großer Studie »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« vor fast neun Jahren das öffentliche Interesse an dieser Studie erlahmte und die hiesige Linke, die in den Jahren nach 9/11 und bis heute lieber über Zivilisation, Kultur, Religion und Universalismus sinniert als über die hard facts – Kapital, Lohnarbeit, Grundrente – (Haupt- und Nebenwiderspruch revisited, nicht wahr?) und somit aus Marx einen öden Zivilisationstheoretiker macht, weder von dem Fortgang von Duerrs 1988 begonnener Studie noch von ihrem Ende großartig Notiz nahm.

Auch wenn Schloti dies bestreiten mag – aus dieser Stelle geht klar hervor, was für ihn Priorität hat: die rein synchrone Analyse der Gegenwart, der „hard facts“ des Kapitalismus. Hans-Peter Duerrs Studie ist für ihn dementsprechend auch eher als neue Fundgrube für neue Fundstücke, die er zu seiner schelmischen Destruktionsarbeit hervorzaubern kann, gut, nicht wegen ihrer positiven theoretischen Gehalte. Geschichtswissenschaft heißt für ihn primär: Destruktion der Geschichtswissenschaft – getreu der strukturalistischen Grunddoktrin werden strikt Trennungen eingezogen, wo sie eigentlich nicht zu machen sind: Geschichte hier, Gegenwart dort, Basis hier, Überbau dort. Nach dieser strikten Trennung schlägt man sich dann „aleatorisch“ auf einen der beiden Pole und schon hat man die ganze Konfusion – der andere Pol wird zum unerkennbaren oder zumindest uninteressanten „Ding an sich“ erklärt, der eine Pol kann aufgrund seiner Abspaltung vom anderen auch nicht klar erfasst werden.

Kein Wunder also, dass sich Schloti mit eigenen positiven Resultaten so schwer tut. „Zivilisationstheorie“, „Entwicklungstheorie“, ja: Theorie überhaupt, erst recht „Geschichtsphilosophie“ wird ihm zum Unwort – doch von welchem Standpunkt aus ist diese Kritik überhaupt noch zu leisten? Duerr entwickelt natürlich auch auch selbst eine „Zivilisationstheorie“, wenn Schloti Hegels Geschichtsphilosophie kritisiert, setzt er dem natürlich implizit eine eigene Geschichtsphilosophie entgegen. Gerade dass er dies nicht bewusst macht, ist Grund der ganzen Konfusion. Da besteht dann „Kritik“ nur noch darin, Fundstücke zu präsentieren und damit Stolz in der Luft herumzuwedeln, so als hätte man damit den Stein der Weisen neu erfunden.
Vollends absurd wird dieses dürftige Spielchen, wenn plötzlich „Entwicklungstheorie“ zum neuen Negativschlagwort avancieren soll. Naja, so seltsam ist das nicht: nimmt man schließlich an, in der Geschichte wäre alles irgendwie kontingent, es gäbe keine feststellbaren Entwicklungslinien, dann gerinnt schließlich alles zur „ewigen Wiederkehr des Immergleichen“, dann gibt es keine Entwicklung mehr. Unter dem Blick des alles differenziert-empirisch betrachtenden Spurenlesers lösen sich alle Differenzen in der Geschichte auf. Irgendwie verlaufende Entwicklungen sind tendenziell schon keine mehr.
Überhaupt müsste man ja, um Entwicklung überhaupt denken zu können, dialektisch denken – und das wollen wir ja nicht. Entwicklung – egal in welchem Gegenstandsbereich – findet nämlich nur in der Konfrontation real existierender Widersprüche statt, ist überhaupt nur so erklärbar. Dies nur als kurze Randnotiz.

Doch begeben wir uns nach diesen systematischen Vorbemerkungen selbst auf Spurensuche in Schlotis Texten. Im ersten Teil betreibt er wie gesagt selbst auch ein bisschen Marxologie. Dazu erstmal grundsätzlich: Was der Sinn an dieser seltsam Archivarbeit sein soll und warum gerade hier ein Gegenpol zur Beschäftigung mit reinen „Überbauphänomenen“, gegen die Schloti noch wenige Tage zuvor polemisierte, zu suchen ist, ist mir aus Schlotis Ausführungen nicht klar geworden. Mich interessiert primär der fertige Text, wie ihn der Autor publizierte. Doch diese simple Arbeit am Text scheint Schloti in seinem Bemühen, Marx als Entwicklungstheoretiker dem Diktum seines Gesinnungsgenossen rhizoms zu Folge „abzuhacken“ nicht zu genügen. Sein Erkenntnisinteresse ist dabei wie immer rein negativ – er will Spuren suchen, um vermeintliche Mythen zu destruieren.1
Wer so gründlich sucht, der findet auch – die Frage ist nur: was? An der Lektüre der Texte scheint es derweil zu mangeln. So spricht Schloti von der „knappen, aber alles treffende[n] Kritik des Gothaer Programms“. Hätte er diese sicherlich zentrale Schrift aufmerksamer gelesen, hätten ihn Stellen wie diese förmlich anschreien müssen:

Dies ist das Gesetz der ganzen bisherigen Geschichte. Es war also, statt allgemeine Redensarten über „die Arbeit“ und „die Gesellschaft“ zu machen, hier bestimmt nachzuweisen, wie in der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen sind, welche die Arbeiter befähigen und zwingen, jenen geschichtlichen Fluch zu brechen. (MEW 19, S. 17)

Die ganze Kritik ist von Stellen wie dieser durchzogen, in der sich Marx unmissverständlich zu einem Grundgedanken des historischen Materialismus bekennt: erst der Kapitalismus schafft die Möglichkeit der Emanzipation von Herrschaft, des Kommunismus. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem, was Schloti eigentlich aufzeigen will, nämlich, dass Marx sich in seiner spätesten Schaffensphase vom historischen Materialismus verabschiedet hätte. Es verwundert doch sehr, dass Marx in seinen publizierten Schriften etwas ganz anderes hätte vertreten sollen, als er „eigentlich“ dachte – und aus welchen Gründen wir heute uns nicht an die publizierten Schriften, sondern irgendwelche verstreuten Notizen halten sollten. Generell geht es natürlich nicht darum, was Marx jemals dachte, sondern um die Sache selbst. Doch wenn ausgerechnet Marx selbst als Kronzeuge für eine völlig unmaterialistische, antimarxistische Position herhalten soll, ist Skepsis angezeigt.
Welche weiteren Belege bringt Schloti für seine steile These von einem radikalen Bruch im Denken des alten Marx?

Da ist zum einen diese Tabelle der Gegenstände von Marx‘ und Engels späten Studien (aus welcher postmodernen Macke heraus Schloti das Wort „Gegenstände“ in Anführungszeichen setzt, bleibt sein Privatgeheimnis – vermutlich ist es ihm wie die „liebgewonnen Vorstellungen über Bedingungen und Möglichkeiten des Sozialismus/Kommunismus“ schon zu hegelianisch):

Exzerpte und Notizen. Januar 1875 bis Februar 1876: Rußland nach den Reformen (M)
März bis Juni 1876: Physiologie, Geschichte der Technik (M), russische, englische und griechische Geschichte (M/E)
Mai bis Dezember 1876: Geschichte des Grundeigentums, Rechts- und Verfassungsgeschichte (M)
Januar 1877 bis März 1879: Politische Ökonomie, besonders Bank- und Finanzwesen, kaufmännische Arithmetik (M), Geschichte (M/E)
Mai bis September 1878: Geologie, Mineralogie, Agronomie, Agrarstatistik, Erdgeschichte, Geschichte des Welthandels (M)
1879 bis 1881: Ethnologie, Frühgeschichte, Geschichte des Grundeigentums (M)
1879 bis 1882: russische und französische Geschichte, besonders agrarische Verhältnisse (M), Geschichte des Grundeigentums (E)
Ende 1881 bis Ende 1882: chronologische Tabellen zur Weltgeschichte (M)

Aus dieser Tabelle soll nun ganz klar folgen: „Marx nimmt Abschied vom Eurozentrismus, er nimmt Abschied vom starren Entwicklungsschema und damit von einer ganzen Reihe von liebgewonnenen Vorstellungen über »Bedingungen und Möglichkeiten« des Sozialismus/Kommunismus!“
Auch wie Schloti zu diesem Schluss kommt, bleibt sein Privatgeheimnis. Zum einen hat Marx sich schon in den Grundrissen lebhaft für außereuropäische Entwicklungen interessiert, zum anderen enthält diese Tabelle reichlich wenig Hinweise auf einen klaren Schwerpunkt von Marx‘ und Engels‘ auf Studien zu außereuropäischen Gebieten. Der Abschied von „liebgewonnenen Vorstellungen“ folgt daraus erst recht nicht.
Schloti übersieht – ganz Antihegelianer – ohnehin, dass die Entscheidung von Marx, England als Ausgangspunkt seiner Studien zu nehmen, keine willkürliche, sondern sachlich-methodisch begründete Entscheidung war: um den Kapitalismus in Reinform zu analysieren, musste er sich auf das Land beziehen, in dem die kapitalistische Entwicklung seiner Zeit am weitesten fortgeschritten war. Das ist das Geheimnis seines „Eurozentrismus“ – Europa war für seine Forschungszwecke schlicht der wichtigste Untersuchungsgegenstand, eine Analyse anderer Regionen hätte ihm dafür herzlich wenig gebracht.
Auch dass Marx über „Bedingungen und Möglichkeiten für den Sozialismus/Kommunismus“ nachdachte, ist keiner subjektiven Marotte geschuldet. Ja – moralische Kritik in der Tradition Paulus‘ und Kants ist auch ohne diesen Verweis möglich. Ich kann jemanden moralisch für eine Handlung kritisieren, auch wenn er überhaupt keine Möglichkeit hatte, anders zu handeln. Was in einer konkreten Situation möglich ist, mag umstritten sein – Fakt ist, dass nicht alles möglich ist. Eine solche moralische Kritik ist simpel – doch sie bleibt abstrakt, da ihr nur das ohnmächtige Lamento bleibt, erst recht, wenn es nicht um Kritik an Personen, sondern um Gesellschaftskritik geht. Ich kann Karl den Großen z.B. aus moralischer Sicht dafür kritisieren, dass er Kaiser wurde anstatt z.B. ins Kloster zu gehen und nicht teil an der brutalen Politik seiner Zeit zu haben. Doch ich kann die damalige Gesellschaft nicht dafür kritisieren, dass die Politik damals eine solche Verlaufsform annahm – der Stand der Produktivkräfte erlaubte noch keine wesentlich anderen Institutionen als die damals gegebenen, ein kultureller und ökonomischer Fortschritt war nur über die Ausbeutung der großen Mehrzahl der Bevölkerung zu erzielen. Aus dieser Sicht erscheint dann Karl der Große weitaus eher als weitsichtiger, kluger Staatsmann, dessen progressive Rolle in der Geschichte man anerkennen muss (wenn man schon auf der doch etwas mühsigen Ebene der Bewertung von Individuen verbleiben möchte – vermutlich wäre die Geschichte ohne Karl den Großen nicht wesentlich anders verlaufen).
Auch die Rede von „Sozialismus/Kommunismus“ macht nur Sinn, insofern klar ist, dass eine andere Gesellschaft als die Bestehende konkret möglich geworden ist. Wäre sie es nicht, würde kein wesentlicher Unterschied zwischen der marxistischen Gesellschaftskritik und der der frühen Christen und anderer messianischer Sekten bestehen. Ja: Marx und Engels zu Folge konnte sich die Idee vom „Sozialismus/Kommunismus“ überhaupt erst historisch artikulieren, weil sich mit der globalen Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise die konkreten „Möglichkeiten und Bedinungen“ dafür ergeben. Die „liebgewonnenen Vorstellungen“ sind also notwendiger Bestandteil des Programms des wissenschaftlichen Sozialismus und macht gerade den Punkt aus, warum dieser keine bloß alternative Theorie über die, sondern eine eine Kritik der bestehende/n Gesellschaft ist.

(NB: Es geht bei dieser ganzen Argumentation nicht primär darum, ex post irgendwelche moralischen Bewertungen über einzelne Individuen in der Geschichte zu machen. Jeder Sklave, der im antiken Griechenland gegen seine Herren aufmuckte, hatte dazu gute Gründe. Dass sich die unterdrückten Hausfrauen in Rom sich massenhaft christlich taufen ließen ist nur allzu verständlich und war in dieser Zeit ein geradezu antipatriarchaler Akt. Weltgeschichtlich betrachtet war dieser Widerstand gegen den Weltlauf, so desparat er gewesen sein mag, in vielen Fällen genau so progressiv wie die kulturellen, ökonomischen und politischen Leistungen der herrschenden Klasse – die ja vielfach erst als Reaktion auf diesen Widerstand in die Welt kamen. Die Herren verhielten sich vielfach zutiefst reaktionär. Mir, wie es Schloti ebenfalls tat, vorzuhalten, ich würde im nachhinein z.B. die antiken Sklaven zum absoluten Gehorsam aufrufen und einseitig das brutale Vorgehen der Sklavenhalter rechtfertigen, ist geradezu grotesk und zeugt wieder einmal von dem tiefen Unwillen, die Position des Gegners auch nur verstehen zu wollen.
Das wichtige ist generell nicht die normative Beurteilung, sondern die möglichst genaue, möglichst konkrete Beschreibung einer historischen oder aktuellen Situation mit ihren Widersprüchen, Ambivalenzen, Möglichkeiten etc. Die normative Beurteilung kann – wenn überhaupt – erst danach erfolgen und kann von der faktischen Synthese nicht getrennt werden. Ob sich jemand progressiv verhielt oder nicht ist überhaupt eine zunächst einmal rein deskriptive Aussage ex post. Und ja: auch ein völlig unmoralisch agierender Menschen kann sich progressiv verhalten haben – womöglich sogar gegen seine Intention (auch die Intentionen interessieren auf dieser Ebene so gut wie nicht – dass die Intention der Herrschenden natürlich nie war, Bedingungen und Möglichkeiten einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu schaffen, ist klar – sie wollten idR schlicht Macht und Reichtum mehren und trieben allein dadurch die Geschichte voran).)

Als nächsten Beleg folgt dann Marx‘ berühmte Stellungnahme zu den „Bedingungen und Möglichkeiten“ des „Sozialismus/Kommunismus“ in Russland in seinem Brief an Vera Sassulitsch. Auch hier wiederum ist Hauptbeleg nicht der von Marx abgeschickte Brief, sondern ein Entwurf. Marx muss schon ein ziemlich feiger Hund gewesen sein – oder war er vielleicht schlichtweg mit seinem Entwurf unzufrieden und überarbeitete ihn deshalb? Schlotis antihegelianische Spurensuchmethode gerät auch hier wieder arg ins schleudern.
Doch selbst dieser Entwurf widerspricht der Interpretation Schlotis in geradezu peinlicher Weise, heiß es doch klar:

Wenn sie im Gemeineigentum am Boden die Grundlage für die kollektive Aneignung besitzt, so bietet ihr das historische Milieu, die Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion, alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit im großen Maßstab.

Es ist erst die „Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion“, die in Marx‘ Augen einen direkten Sprung von ursprünglichem in sozialistisches Gemeineigentum möglich macht! An der Kernauffassung des historischen Materialismus wird also selbst in diesem Entwurf mitnichten gerüttelt.
Beide Belege, die Schloti zur Untermauerung seiner Ansicht an dieser Stelle anführt, entpuppen sich also schon auf den ersten Blick als völlig haltlos – sie beweisen sogar das Gegenteil seiner Interpretation. Dass sich Marx in seiner spätesten Schaffensphase um möglichst konkrete, genaue Untersuchungen einzelner Spezialgebiete widmete steht mitnichten im Widerspruch zu seinen früheren methodologisch-geschichtsphilosophischen Reflexionen, die eben gerade nicht „idealistisch“ sind, sondern sich eher als konsequente Durchführung seines u.a. in den Grundrissen konzipierten Programms lesen.

Gelingt es ihm vielleicht im nächsten Teil der Reihe, seine Thesen zu belegen und Marx als Idealisten zu outen? Er verspricht zumindest im Titel viel: „Mit Dynamit die Schichten freilegen!“ Marx- und Geschichts-Destruktion wird hier an sich schon zum subversiven Programm erhöht. Doch auch hier wieder nur Enttäuschung: referiert wird einfach irgendein unbedeutender Marxologie-Prof, der als Autorität herhalten soll. Kernthese scheint hier zu sein, dass hinter dem Marx des Kapital in seinen Notizen, Entwürfen, Fragmenten etc. ein subversiver, wilder Marx stecken würde, der mit der hegelianischen Geschichtsphilosophie radikal gebrochen hätte. Marx hätte also im Grunde schon das gemacht, was Schloti und seine Freunde heute verbrechen, er hätte es nur nicht in seinen publizierten Schriften getan.
Doch auch hier werden skurille Gegensätze aufgemacht: so, als wäre es nicht Allgemeingut, dass Marx sich bereits in seinen Frühschriften radikal von Hegel und später auch den Linkshegelianern absetzt. Als wäre es nicht Allgemeingut, dass es keinen einheitlichen Kanon des Marxschen Werkes gibt, sondern dass auch Marx sich selbst korrigierte etc. Sonst hätte sich der Entstehungsprozess des Kapital kaum über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Doch darum ist nicht wahr, dass er kompletter Antihegelianer geworden wäre oder dass es keine Kontinuitäten in seinem Werk gäbe. Marx hat Hegel und Feuerbach aufgehoben – er ist nicht hinter das von ihnen abgesteckte Erkenntnisniveau zurückgefallen wie Schloti & Co.
Im Detail möchte ich auf den ansonsten recht gehaltlosen Teil 2 nicht eingehen und direkt auf Teil 3 übergehen. Gelingt es hier Schloti endlich, überzeugende Belege für seine Marx-Destruktion aufzufahren? Liegt der hegelianische Rest endlich blutend auf dem Asphalt?
Auch hier referiert ofenschlot wieder einen Marxologie-Prof, dessen Namen ich noch nie zuvor gehört habe. Man wird sehen, ob diese Autorität hält, was Schloti uns verspricht.
Nun gut – dass dieser Mann keine Autorität ist, gibt Schloti gleich zu Anfang des Artikels selbst zu: „Menzel ist kein Marxist und zudem ein fleißiger deutscher Professor, deshalb greift er auch zu so unglücklichen Formulierungen wie »die Marx’sche Kritik setzt an bei der Verteilung des Mehrprodukts«.“ Das lässt sich gerade noch akzeptieren: auch ein blindes Huhn …

Was lehrt uns Menzel also?

Marx hat nie eine geschlossene Entwicklungstheorie vorgelegt. (Menzel sagt das nicht, aber wer genau hinguckt, dem dämmert, dass das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation gar nicht ins »Kapital« gehört, es vielmehr eine didaktisch-anschauliche Konzession darstellt.)

Hier also wieder die Rede von einer „Entwicklungstheorie“, noch dazu einer „geschlossenen“ so, als wäre das eine Schande und als wäre es an Marx zu loben, dass er eine solche nicht gehabt hätte. Und dass das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation eine wesentlich systematische Funktion hat, sollte eigentlich keinem Kapital-Leser entgangen sein:

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehrwert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, dieser aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur hinauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende „ursprüngliche“ Akkumulation („previous accumulation“ bei Adam Smith) unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt. (MEW 23, S. 741)

Marx verfährt auch hier so, dass er die begriffliche Entwicklung soweit treibt, bis sie sich in unlösbare Antinomien verstrickt, um dann eine Konkretionsstufe weiter auf dem Weg vom Abstrakten zum Konkreten zu gehen. Es gilt in diesem Fall darum zu verstehen, wie die kapitalistische Produktion eigentlich entstehen konnte. Dies ist keine nebensächliche Frage, da es eben ein substantieller Einwand gegen das bisher dargestellte wäre, könnte es nicht erklären, wie es denn überhaupt zur Kapitalakkumulation gekommen sei.

Der nächste Absatz ist ein gutes Beispiel für die Art, wie Marx Entwicklungstheorie als Ideologiekritik scharf macht:

Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. Die Legende vom theologischen Sündenfall erzählt uns allerdings, wie der Mensch dazu verdammt worden sei, sein Brot im Schweiß seines Angesichts zu essen; die Historie vom ökonomischen Sündenfall aber enthüllt uns, wieso es Leute gibt, die das keineswegs nötig haben. Einerlei. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. Solche fade Kinderei kaut Herr Thiers z.B. noch mit staatsfeierlichem Ernst, zur Verteidigung der propriété , den einst so geistreichen Franzosen vor. Aber sobald die Eigentumsfrage ins Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Standpunkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten. In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und „Arbeit“ waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von „diesem Jahr“. In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andre, nur nicht idyllisch. (MEW 23, S. 741 f.)

Gegen diesen Begründungsmythos, der von höchst aktueller Brisanz ist, hält Marx die konkrete Geschichte der kapitalistischen Akkumulation. Ohne seine eigene Entwicklungstheorie könnte er diese Arbeit garnicht leisten. Und diese beinhaltet eben die auf den ersten Blick triviale, anscheinend aber umstrittene Feststellung:

Die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft ist hervorgegangen aus der ökonomischen Struktur der feudalen Gesellschaft. Die Auflösung dieser hat die Elemente jener freigesetzt. (MEW 23, S. 743)

Der 6. Teil dieses Kapitels ist zudem (wie natürlich das folgende 25. Kapitel) ein Schlag ins Gesicht all jener, die Marx Affinitäten zum Kolonialismus vorhalten. Er ist eine heftige Kritik gegen das europäische Kolonialsystem und seiner zynischen Apologeten. Doch es ist eben nicht, wie Schloti & Co es wohl gern hätten, eine abstrakte, moralische Kritik:

Die verschiednen Momente der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz. (MEW 23, S. 779)

Marx benennt die brutale Gewalt in den Kolonien drastisch. Doch er kritisiert sie nicht abstrakt, da er weiß, dass diese Gewalt Teil jedes fundamentalen gesellschaftlichen Umsturzes ist – und dass dieser Umsturz bei aller Greueltaten der Europäer eben die Möglichkeit eines besseren eröffnet. Beide Perspektiven sind vereinbar, wie Marx gerade in diesem Abschnitt eindrucksvoll demonstriert.

Dass er auch im Kapital an seiner hegelianischen Grundintuition festhält, stellt Marx dann im 7. Teil des Kapitels klar:

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel. (MEW 23, S. 791)

Diese Gewissheit und die Rede von der „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ stoßen freilich auf. Doch immerhin verrät die Formulierung „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ etwas vom Notwendigkeitsbegriffs Marx. Es handelt sich um keine logische, absolute Notwendigkeit, sondern eine empirische, faktische. Schließlich könnten sich so gut wie alle Naturprozesse auch ganz anders verhalten als sie es faktisch tun – ihre konkrete Beschaffenheit ist in gewisser Hinsicht absolut kontingent. Dennoch lassen sie sich gesetzmäßig beschreiben – sie sind geradezu ein Sinnbild starrer Notwendigkeit.
Dass diese Formulierungen heute noch so angemessen sind, würde ich auch nicht behaupten. Doch sie sind nicht komplett zu verwerfen, sondern es muss klar aufgezeigt werden, worin Marx hier genau scheiterte. Ob diese Aussage wahr oder falsch ist, wird sich schlussendlich nur ex post klären lassen.

Dass sich nun Marx in seinen entwicklungstheoretischen Ansichten teilweise korrigierte, worauf Schloti anschließend noch einmal zu sprechen kommt, zeigt nun – wir sagten es bereits – wenig und scheint mir den Kern seiner Theorie in keinster Weise zu berühren. Dass seine privaten Notizen zu Russland seine Grundgedanken mitnichten widerlegen, habe ich bereits oben gezeigt. Eine stalinistische Histomat-Lehre, wie sie Menzel zu Recht kritisiert, hat in der Debatte niemand vertreten, ich habe selbst immer wieder darauf hingewiesen, dass Marx u.a. in den Grundrissen ein wesentlich komplexeres Geschichtsbild vertritt, als er es noch im Manifest tut.

***

Ich habe also gezeigt, dass Schlotis Rede von einem Bruch im Denken des späten Marx so nicht haltbar ist, dass sie vielmehr nur der ideologischen Legitimation von Schlotis offenkundig antimaterialistischer Geschichtsdestruktion (der Begriff der „Destruktion“ geht übrigens auf niemand geringeren als Martin Heidegger zurück – ein Zufall?) dient. Einige Mängel dieser Destruktion habe ich aufzeigt. Dieser Streit ist eben kein bloß philologischer, sondern es geht im wesentlichen um die sachliche Frage nach Hegel. Ich hoffe, ich habe zumindest andeutungsweise deutlich gemacht, warum Hegel nicht einfach „abgehackt“ werden darf – die Konsequenz aus einer solchen Gewalttat ist einfach die theoretische wie praktische Regression.

All dies heißt nun nicht, dass ich nicht selbst Kritik am „historischen Materialismus“ hätte. Doch dies wäre eine aufhebende, keine abhackende Kritik, die sich einerseits aus einer veränderten historischen Erfahrungslage speist, andererseits aus bestimmten theoretischen Einwänden, die jedoch den Kern des historischen Materialismus nicht treffen. Doch dies ist an anderer Stelle ja dokumentiert und muss hier nicht weiter breit getreten werden.

  1. So denn auch seine Definition von materialistischer Geschichtsbetrachtung: „Sich nicht von irgendwelchen geschichtsphilosophischen Mythen vernebeln zu lassen, nennt man materialistische Geschichtsbetrachtung. “ Wenn’s doch nur so einfach wäre! Und: als wäre das nicht genau das, was jede/r Geschichtsprof seinen Studierenden in der Einführungsveranstaltung beibringt: nur ja keine Geschichtsphilosophie, sich immer schön brav an die Fakten, Fakten, Fakten halten. (Quelle)[zurück]

HIPHOP

Trotz falscher Denkergebnisse, um so Einiges besser als die meisten aktuellen Acts aus dem Genre:




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