Archiv für Juni 2011

Der Mensch von Morgen: Schon heute!

Wenn erst das herrschende Kapitalverhältnis abgeschafft ist, Kapital, Geld, Lohnarbeit und Warenform auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind, stehen die Gremien und Räte der kollektiven Organisation des gesellschaftlichen Lebens und der Produktion aller zum Leben notwendigen Gebrauchswerte vor einem riesigen Problem: Was soll man bloß anfangen mit all der gewonnenen Lebenszeit?

Wenn erst die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit auf das notwendige reduziert wurde, die volle Automation greift und die noch zu tätigenden Handgriffe auf Alle verteilt wurden, entsteht ein riesiges Millionenheer an Menschen, die ohne die tägliche zwangsweise Vernutzung ihrer Lebenskräfte nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Sie werden ihrer Lebensaufgabe beraubt dastehen und in vielen Fällen auf eine jahrzehntelange Lebenslüge zurückblicken. Bänker, Polizistinnen, Werbefachleute, Stadtplanerinnen, Betriebsoziologinnen, Sozialtechniker, Aufseherinnen, Richter, Rechtsanwältinnen, Türsteher, Profisportlerinnen, Entwicklungshelfer, Atomkraftgegnerinnen, Pfaffen, Johannes B. Kerner und Anne Will, Linksradikale und Börsenmakler werden auf der Strasse und auf öffentlichen Plätzen herumstehen, Maulaffen feilhalten und im Gesamten die neue Situation nicht begreifen. In den besseren Fällen werden sie nach einigen freundlichen Hinweisen durch die communistische Organisation vor Ort und einem kurzen Lernprozess, versuchen ihre Profession in die gesamtgesellschaftliche Lebensorganisation einzubringen. Sie werden dann merken das ihr „Wissen“, ihre „Bildung“ und ihre „Erfahrung“ nicht mehr gebraucht werden. Doch trotz Frust und Tränen werden sie sich darauf konzentrieren endlich das zu tun was sie schon immer tun wollten, aber niemals die Zeit dafür hatten. Sie werden Bücher lesen, schlafen, ihre Kinder und Eltern kennenlernen, mit den verschiedensten Genüßen experimentieren, ihre Männer verlassen, reisen, anderen Menschen begegnen und Häuser entwerfen.
In den schlechteren Fällen werden sie sich zusammenrotten und gegen die Vernunft aufbegehren, öffentlich an die Gedankengespenster der alten Zeit appellieren und sich in masochistischer Manier in den Alpdruck des kapitalistischen Verblendungszusammenhangs zurücksehnen. Auf vielen verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichsten Formen werden sie in letzter Konsequenz die tatkräftige Mannschaftsstärke der Konterrevolution stellen.

Diejenigen die schon heute zu keinem eigenen Gedanken in der Lage sind, diejenigen die sich wissenschaftliches Streben nur an der Universität vorstellen können und die ein Buch nur lesen wenn es ihnen für die nächste Hausarbeit als nützlich erscheint, erst dann aktiv werden wenn eine Organisation oder eine Anführer vorangeht, diejenigen die zu feige sind sich Feinde zu machen, diejenigen die keine eigenständigen Hobbys haben und diejenigen deren einziges Interesse darin besteht von allen gemocht zu werden sind das wirkliche Problem. Sie werden nach der Revolution dastehen und im Zweifelsfall den Communismus dafür verantwortlich machen das ihre SoftSkills und Professionen – d.h.: Ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Politik, ihr Geschwätz, ihre Intrigen, ihre mit Fremdworten kaschierte Ahnungslosigkeit und all die dazugehörigen Machtspielchen – nicht mehr gebraucht werden.

Islamisten, Nazisschläger, Henkerinnen, Cops, Menschenjäger, handgreifliches, offen kämpferisches, reaktionäres Packvolk eben – gegen sie wird die Revolution gemacht. Um sie an den Galgen zu bringen und zu erschießen, um gegen sie Krieg zu führen und sie schlussendlich in einer räumlich separierten Erziehungsdiktatur unterdrücken zu können, nicht zuletzt dafür ist die Revolution da und es wird keine communistische Revolution sein wenn dies nicht geschieht. Doch was ist mit denjenigen die sich in den aktuell herrschenden Verhältnissen einfach nur wohl fühlen, ohne andere direkt zu drangsalieren. Was ist mit den Menschen die den Kapitalismus brauchen um einen Sinn in ihrem Leben verspüren zu können, die sich menschliche Arbeit nur als Arbeit sans phrase, also als Lohnarbeit vorstellen können und allmorgentlich die Knute des Arbeitstaktes benötigen um ihren Arsch überhaupt hoch zu bekommen und die schon jetzt zu einer selbsttätig verbrachten Freizeit absolut unfähig sind?

Manchmal verzweifel ich über dieser Frage und oft erscheint es mir so als ob dies die wirklich wichtige Frage communistischer Denkarbeit ist.
Ich glaube es wird die eigentliche Mammutaufgabe der Revolution sein, mit diesen verüberflüssigten Menschenmassen umzugehen, ihnen irgendwie beizubringen das sie nun ganz Herr ihrer eigenen Lebenszeit sind und das sie mit der doch bitteschön etwas sinnvolles anfangen sollen, anstatt die alten Verhältnisse wieder herbeizulamentieren und schlussendlich herbeizuschiessen.
Ausser der „drei Zonen Lösung“ der untergegangenen APPD (ganz klar: Ich wäre Bewohner der APZ und des GEP) kommt mir kein Vorschlag in den Sinn, der an eine wirkliche Praktikabilität heranreicht und der dem vorprogrammierten Elend entgegenwirken kann.
Deswegen bin ich in meiner aktuellen Ratlosigkeit so bescheiden und freue mich schon über jeden fanatischen Modellbauer, Eisenbahnfan, Blumenfreund, über jede Briefmarkensammlerin, jeden Angler und alle anderen Leute die sich selbst genügen, ohne anderen ihren Unfug aufzwingen zu müssen. Mit ihnen wird es unter den kommenden gesamtgesellschaftlichen Bedingungen einer gemeinschaftlich und vernünftig organisierten Produktion und Konsumption aller Gebrauswerte keine Probleme geben. Sie können dann Blumen pflanzen, Eisenbahnen streicheln und soviel angeln wie es ihnen in den Sinn kommt.
Noch toller, nämlich objektiv communistisch finde ich diejenigen Leute die in ihrer Freizeit selbsttätig, unter Ausnutzung der aktuellsten Technik etwas wirklich neues und wahrhaft für alle Menschen erquickliches schaffen (und das ist eben nicht die selbstinfantilisierende Kuntibunti-Schmierfinkerei, oder das Jonglier-Seiltanz-Volxküchen-RumpelkonzertImAzDreckloch- und FeuerspuckElend das die linke Szene so gerne als kreative Freizeitgestaltung ausgibt), ohne das sie dazu aufgefordert wurden, oder das sie dafür mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Geld, Sexeinheiten oder Applaus erwarten können (das sie das später doch bekommen, ist nur recht und billig). Diejenigen die mit dem Kopf durch die Wand gehen, nicht nach links und rechts, oder nach Karriere und Konformität schauen und auf der Klaviatur der kapitalistischen Warenproduktion meisterhaft rumzuhämmern wissen, ein herrliches Affentheater veranstalten und sich nach Leibeskräften dabei amüsieren.
Für mich ist Karl Nagel so ein Fall und James Rolfe ist ebenfalls ein würdiges Beispiel des neuen Menschen, ein Sendbote der kommenden Freizeitgesellschaft der erwachsenen Menschheit.

1. 2. 3. 4. 5. usw. etc.

Feeling Recognized

Die FAZ hat einen lustigen Spaß für Schreiberlinge und solche, die es werden wollen, ins Internet gestellt: den FAZ-Stiltest „Ich schreibe wie…“. Freilich funktionierte die Zuordnung zu Nietzsche nur bei einem Text – bei dem ich das auch erwartet hatte. Bei anderen ergab sich bei mir eine große Übereinstimmung zu Dietmar Dath – auch wenig verwunderlich, bin ich doch durchaus am Popjournalismus geschult (um mal ein kleines Betriebsgeheimnis preiszugeben). Meine eher theoretischen Texte wurden einmal Sigmund Freud und einmal – und das hat mich wirklich gefreut – Georg Friedrich Wilhelm Hegel zugeordnet. Wobei: in diesem Text ging es schlichtweg um hegelianische Philosophie und in dem Nietzsche-Text habe ich eine nietzschianische Position vertreten. Um das zu prüfen, habe ich einmal einen dezidiert marxistischen Text von mir eingegeben – das Ergebnis war dementsprechend. Bei einer bewussten Heidegger-Persiflage von mir hat es leider nicht so gut funktioniert: sie wurde stilistisch Johann Wolfgang von Goethe zugeordnet. Mehrere Gedichte haben mir hat es wiederum geschafft, mit Friedrich Schiller verglichen zu werden.1 Und – man höre und staune – eine belanglose Mail an meine liebe Erzeugerin glich gar stilistisch ebenso dem Titanen aus Frankfurt (was sagt das über meine Beziehung zu ihr aus? Hm ….)

Dieses Programm bietet wirklich schier unerschöpfliche Möglichkeiten. Die spannende Frage: schreibt Goethe überhaupt immer wie Goethe, Nietzsche wie Nietzsche, Marx wie Marx? Ist es nicht gerade ein Zeichen von stilistischer Gewandheit, sozusagen in verschiedenen Zungen reden zu können, den Stil jeweils dem Gegenstand anzunähern? Zumindest DAS würde mir ja laut Test einigermaßen gelingen. Jedenfalls ist er ein gutes Mittel, wenn man mal eine kleine Aufmunterung beim einsamen Geschäft des Schreibens braucht. (Es sei denn, man versucht wirklich einen bestimmten Autoren nachzuahmen und ist dann enttäuscht, wenn es nicht klappt – doch dies ist sicherlich in den meisten Fällen keine sehr empfehlenswerte Richtlinie für Autoren.)

Und ach ja: dieser Artikel gleicht stilistisch übrigens Ingo Schulze. Naja, auch nicht so prall, auch wenn ich mal bei einer Lesung von ihm war, die ich recht unterhaltsam fand. Zumindest unterhaltsam genug, um meiner lieben Erzeugerin ein handsigniertes Buch von ihm zu schenken. Irgendwie werde ich dieses Thema heute nicht los – doch zuviel Freud gelesen?

PS: Ach ja² – nach ein paar Nachbesserungen hat es doch funktioniert mit der lockerflockigen Pop-Schreibe: Rainald Goetz!!! Ich habs einfach drauf! ;-)

[Nächste Woche dann mehr in der Reihe: Ecce Thiel – Warum ich so geile Texte schreibe ^^]

  1. Eines mit Heinrich Heine – und tatsächlich eines, das auch „heinianisch“ wirken sollte. Eine gewisse Objektivität scheint dem Test also tatsächlich zuzukommen. [zurück]

Die Krone

Bild einer norwegischen Krone.

Als krönenden Abschluss der Veranstaltungsreihe „Existentialism revisited“ hielt Fabian Schmidt am 6. Mai seinen Vortrag über „Sartres Aufhebung des Existenzialismus“. Ein Großteil des Vortrags ist mittlerweile über das audioarchiv hörbar (leider gab es Probleme mit der Stromversorgung des Aufnahmegeräts). Fabian Schmidt leistet insbesondere eine sehr fassliche Zusammfassung von Das Sein und das Nichts, die ich wirklich empfehlen kann. Ob und wann die Vorträge zu Camus und de Beauvoir nachgeholt werden, wird zur gegebenen Zeit gegebenfalls u.a. auf diesem Blog angekündigt werden.

(Es sind übrigens noch weitere Projekte zu dem Thema derzeit am Start – aber ich verrate derzeit noch nichts. ;-) )




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