Archiv für August 2011

A mixtape for you

Wenn man jemanden kennen gelernt hatte den man mochte, dann war es ein Glücksfall in der Stadt erneut aufeinanderzutreffen. Man hat vor Elternhäusern herumgelungert und gewartet, Freunde befragt und kleine Zettel beschrieben. Es gab keine Handys, kein skype, keine Emails und kein Networking auf Facebook. Das war die Vergangenheit.
Ich habe auf Spielplätzen und Marktplätzen herumgestanden und gehofft das sie zufällig vorbeiläuft. Stundenlang habe ich vor meinem Doppeltapedeck gesessen um ihr ein Mixtape aufzunehmen, das ich ihr bei Gelegenheit in die Hand gedrückt habe. Die besondere Kunst und der einmalige Liebesbeweis bestand darin, die richtige Musik aufzunehmen die zu ihr, oder wenigstens meinem Gefühl passte. Songs die ihr entsprachen und ihr Wesen wiedergaben, wie ich in meiner überschwänglichen Vermessenheit fand. Die Reihenfolge musste einer selbst ausgetüftelten, vertrakten Dramaturgie entsprechen. Ich habe auch ein eigenes Cover gemalt und im Inlay jeden Titel in Schönschrift aufgelistet. Wahlweise mit einer zarten A und einer harten B Seite.
Das war in den 90er Jahren.
Was mache ich heute, wo alle tapes+tapedecks längst verrottet sind und ich weiss das sich die Person die ich aktuell gut finde, überhaupt nicht für Musik interessiert? Richtig! Ich führe ein virtuelles Selbstgespräch und veröffentliche es im Net, um wenigstens den lächerlich-liebenswert anmutenden Pathos eines an eine Mauer gesprühten „Ich liebe dich XY“-Spruches in die digitalen Zeiten der postmodernen Beliebigkeit und des Kommunikations-Overkill hinüberzuretten.

A:
1. Lacrimosa: „Sehnsucht“
2. Angizia: „Leidenschaft“
3. Amon Düül: „Deutsch Nepal“
4. The Smiths: „Asleep“
5. Pink Floyd: „Crazy Diamond“
6. Dead Moon: „Where did i go wrong“
7. Die toten Hosen: „der Schandfleck“
8. David Bowie: „Heroes“
9. F.J. Degenhardt: „Tonio Schiavo“
10. Die Ärzte: „Zu spät“
11. Sparks: „i married myself“
12. ABBA: „Suzy hang around“
13. Sparks: „she is beautiful (so what?)“
B.
14. Dismember: „Nenia“
15. Samael: „The Ones who cames before“
16. My dying bride: „the price of beauty“
17. Bodycount: „Cop-Killer“
18. Onyx: „shot em down“
19. Judas Priest: „Painkiller“
20. Death: „Lack of Comprehension“
21. Darkthrone: „to old, to be cold“
22.Trelldom: „Taake“
23. PCP: „We are from Frankfurt“
24. Nastrond: „The stake rotten in my heart“
25. Immortal: „fields of sorrow“
26. Gabba Front Berlin: „Speedcore Lacrima“

Revolution is my girlfriend [unfortunately] // Ein revolutionär-proletarisches Liebesgedicht

Minna, Du mein zart schmelzendes Zuckerflöckchen,
es ist die Art wie Du kommunistisch und dabei so proletarisch bist,
es ist Dein Charisma was Dich so unwiderstehlich macht.

Für mich bist Du Faust und Revolution in einem
und ich bin ein Proletariat in Deinem Herzen.

Du bist es, für die ich alles andere hergeben würde.

Du bist das Rot in dem Badewasser meiner Leidenschaft.

Gib Du mir nur noch einen revolutionär Blick
und ich werde in meiner Leidenschaft nach Dir,
wie der Wachs einer Kerze,
im Schein der Flamme dahinschmelzen.

Was würde ich alles geben,
um nur einmal mit Dir an einem einsamen See zu diskutieren,
kämpfen und siegen und dabei dem Zirpen der verliebten Grillen zu lauschen.

Laß uns unseren Lebensweg gemeinsam gehen,
bis daß unsere Haare so weiß glänzen wie eine Silberzwiebel im Morgentau.

Gib mir Dein letztes Israelfähnchen
und ich bastel Dir zusammen mit meinem Klassenkampf unsere gemeinsame Zukunft.

Minna, Dich liebe ich. Dich und sonst niemanden !

Via [leicht überarbeitet]

Gewidmet Minna Faßhauer, einer großen revolutionären Kämpferin.

(Ich hoffe, sie versteht den Scherz und nimmt es mir nich übel. Zumindest die Widmung meine ich durchaus Ernst!)

Krieg!!!

Ich stehe in der Menschenschlange vor dem Amt zur Verhinderung subproletarischer Selbsttätigkeit. Missmutig blicke ich in die verhärmten Gesichter der anderen Arbeitsdronen auf Abruf und grusele mich bei dem Gedanken an die Gedanken in ihren Köpfen.
Das dumme Schwein am Schalter geht mir mit seiner monotonen Stimme gehörig auf den Geist. „Der Nächste bitte… der Nächste bitte…“. Der Sicherheitsmensch der gelangweilt auf und ab dackelt ist noch jung. Ich frage mich mit welchem bitter schmeckenden Cocktail an Alltagsideologien er es vermag, sich in der Bewusstlosigkeit zu halten die nötig ist, um eine solche Tätigkeit verrichten zu können: privater Securityfuzzie auf dem Arbeitsamt. Mich überkommt Mitleid.
Es ist stickig. 30 Grad und kein Luftzug. Noch einmal überdenke ich meine alte Phantasie, mit der ich mich schon während der Ausbildung über manch bleierne Stunde gerettet habe. Doch leider steht es mit schnellem Sex mit der Vorgesetzten im konkreten Fall schlecht. Nachdem ich meiner Sachbearbeiterin, anlässlich des letzten Agitpropgespräches, mitgeteilt habe: „es ist peinlich für sie das sie so ein dummes Zeug geschwätzt haben und es ist peinlich für mich das ich zugehört habe“, ist an Sex kaum zu denken. „Ich glaube sie wollen gar nicht arbeiten“ hat sie gesagt, kurz bevor ich die Tür ihres Büros hinter mir zuknallen ließ.
„Der nächste bitte“. Ich rücke einen Platz in der Schlange nach vorne, mein Gedankenkarussel dreht sich weiter und hält jäh inne bei einer alten Idee: Ich befinde mich in einem gnadenlosen Wettstreit, in einem Krieg. Jedes Mal wenn der Staat und seine menschlichen Ausführungsorgane es schaffen mir ihren Blödsinn aufzudrücken, bekommen sie einen Punkt. Wenn sie mir außerhalb der Routine des üblichen Äquivalententauschs Geldwertzeichen aus der Tasche ziehen, triumphieren sie. Wenn die Bullen mich festnehmen, ist das ein geschossenes Tor, ein gestürmtes MG-Nest für den Feind. Wenn sie mir mit ihrem Unfug Gesundheit und Lebenszeit rauben und mich mit Propagandageschwätz, Drohbriefen, Rechnungen, Fahrkartenautomaten, Arbeitsamtsterminen, Volkszählungen, Strassenkontrollen und anderem Dreck der nur dem Kapital nützt entnerven, hagelt es Punkte für Team Deutschland. Vor meinem geistigen Auge paradieren die Fußtruppen, das Millionenheer an Inkassobüroangestellten, Vermieterinnen, Bullen, Sachbearbeitern, Heimpflegerinnen und Sicherheitsleuten jeden Tag durch das Brandenburger Tor und wedeln in ausgelassenem Jubel mit ihren siegreichen Waffen an Bescheiden, Durchschlägen, Handschellen, Knarren, Verträgen und Mahnbriefen. Ich bin in meinem persönlichen Guerillakrieg gegen sie! Das gehässige Alltagsklein-Klein ist ausschließlich gegen mich gerichtet. Das muss ich begreifen. Ich muss Schwarzarbeiten, im Kaufhaus klauen, Fahrkarten fälschen, den Bullen Steine an ihre Köpfe schmeißen ohne erwischt zu werden und Steuern hinterziehen sobald ich das kann, Schufa Einträge sammeln, Rechnungen schreddern und Vermieter verklagen. Um die Alltagsschmach wettzumachen unter der ich leide, gibt es noch einiges zu tun. Ich muss aufrüsten, den Gegner ernst nehmen und doch den ganzen kriegerischen Vorgang als Sport begreifen, um nicht an Nervenstress und den damit verbundenen Magengeschwüren allzu früh zugrunde zu gehen. Deutschland-neo. Der aktuelle Punktestand lautet: 1098-3.

Karl Held vs. „Antideutsche Dichter“ 1993 – Der Mythos in neuem Licht

Habe während der Recherchen zu meinem letzten Artikel ein weiteres interessantes Fundstück gemacht, dass ich speziell den langjährigen Angehörigen der „linken Szene“ unter euch geehrten Leser_innen nicht vorenthalten möchte: die, dem Titel zu Folge, Komplettversion der Aufzeichnung des berühmt-berüchtigen Konkret-Kongresses von 1993 bei dem Karl Held seine mittlerweile ja fast zum locus classicus avancierten „Dichter“-Polemik fallen ließ. Schon nach den ersten paar Sekunden wird der Anlass dieser Polemik deutlicher, als es bei dem bisher kursierenden Kurzausschnitt der Fall war (wobei ich das Gedicht gerade in seiner agitatorischen Trotzigkeit ehrlich gesagt relativ gelungen finde). Außerdem habe ich erst jetzt gecheckt, dass, wenn auch eher still, eine alte Bekannte auf dem Podium sitzt. Aber schaut und hört selbst (es ist wirklich immer wieder ein Genuss, selbst beim gefühlten 20. Mal, ein Genuss):

Zweiter Teil, „Letzter Teil“

Cool auch dieser Technotrack von „Rosa Rauschen“:

Ein Muss für die nächste(n) IVI-Party(s) würde ich mal sagen. ;-)




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