Archiv für September 2011

Was treibt sie?

Was treibt diese Leute auf die Straße? Der Kampf für Aufklärung? Der Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Doch warum dann keine Demos gegen Islam, gegen den Dalai Lama und andere Schrecklichkeiten? Hier will man dem Muselmann wohl nicht dazwischenfunken, schon gar nicht den friedliebenden Buddhisten.
Anders wohl beim Katholizismus. Gegen ihn anzugehen, mit dem Impetus des Tabubrechers, umgibt einen die Aura des Aufklärers. Dass dabei der Gegenstand in seiner realen Bedeutung aufgebauscht wird, muss wohl billigend in Kauf genommen werden.
Doch was ist nun der Stein des Anstoßes?
„Keine Macht den Dogmen“ – diese Losung war es, die unsere Religionskritiker vor sich trugen. Angegangen wird also ein nicht hinterfragbarer Anspruch auf Wahrheit. Doch was genau? Ist es nicht allein schon der Anspruch auf Wahrheit, der sie auf die Straßen treibt.
Ist es nicht die Absolutheit des Meinungsgeschwirrs, in dessen Namen sie gegen Absolutes vorgehen. Gültig kann nur eine Aussage sein, die auf diese Gültigkeit verzichtet. Meinungsfreiheit, eigentlich immer mit der Stoßrichtung einer Freiheit von Meinung, verkehrt sich so. Dogmatisch also will man gegen Dogmen sein.
Gerade dann erzürnt eine Institution, die mit Vernunft noch mehr verbindet als die Fähigkeit sein eigenes Süppchen zu kochen. Eine Institution, die mit der Fähigkeit zur Vernunft einen göttlichen Schimmer erkennt, der den Menschen über die Natur erhebt und damit letztlich noch einen Begriff von Eros bewahrt. Und eine Institution, die mit Vernunft mehr verbindet als ihre instrumentelle Abrichtung, stattdessen auf Versöhnung drängt.
Dagegen verkümmert bei den Kritikern der Mensch zum Primaten:

Dank für regen Gedankenaustausch hierüber an terrific-speech!

Spektakelkurs in Frankfurt

Vielleicht ein wenig kurzfristig, aber dennoch: ein heißer Tipp fürs Wochenende.

Brumlik vs. Zizek & Badiou // Masse, Kritik und Revolution Teil 2

Im ersten Teil dieser Mini-Serie, die keinen weiteren Teil haben soll, habe ich recht knapp Alain Badious Ansicht zu widerlegen versucht, dass Personenkult in irgendeiner Form revolutionär sein könnte. Diese knappe Widerlegung will ich im Folgenden durch einige Überlegungen zur Bildung revolutionärer Massen ergänzen. Eher weniger, um mich weiter mit dem meines Erachtens ohnehin kaum Ernst zu nehmenden Badiou auseinanderzusetzen, sondern eine grundsätzliche Frage zwar sicher nicht zu lösen, aber doch zur Diskussion zu stellen, die meines Erachtens in der Linken viel zu selten diskutiert wird, aber von durchaus entscheidender Bedeutung für revolutionäre Organisationsformen ist: Wie sähe eine revolutionäre Masse aus?

Wie jede Ideologie enthält nämlich auch Badious Personenkultbegeisterung einen Ernst zu nehmenden Funken Wahrheit. Um dies zu verdeutlichen, will ich kurz die Grundidee von Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse skizzieren. Folgende Ideen Freuds scheinen mir dabei für meine Diskussion relevant:

1. „Masse“ ist nichts per se schlechtes, sondern die Grundlage jedweder Sozialität. Jedes stabile menschliche Kollektiv ist eine Masse. Freilich gibt es emotional intensive, meist sehr unbeständige Massen, und sozusagen „sublimiertere“, dafür aber beständigere, Formen der Masse wie die Kirche.

2. Massenbildung funktioniert psychologisch darüber, dass sich die Mitglieder der Masse ein kollektives Über-Ich setzen. Sie konstituieren sich in einem recht wörtlichen Sinne als Brüdern und Schwestern unter dem Banne eines imaginären Vaters bzw. einer Mutter. Aggressive Triebimpulse werden nach außen verlagert, die emotionale Bindung unter den Massemitgliedern zugleich desexualisiert und stabilisiert, da sie sich nicht mehr unmittelbar, sondern über das geteilte Ideal vermittelt herstellt. Dieses „Ideal“ kann nach Freud sowohl eine gemeinsam anerkannte reale Person, ein „Führer“ sein, aber eben auch, wie in den Religionen, eine imaginäre Person oder letztendlich auch eine Idee.

Dass eine revolutionäre Bewegung eine stabile Massenbildung voraussetzt, halte ich für relativ unproblematisch. Es wäre ziemlich idealistisch, davon auszugehen, dass sich Menschen aus reinen instrumentell-rationalistischen Motiven in einem revolutionären Kollektiv engagieren würden. Es bedarf einer emotionalen Basis, der dem Kollektiv den für kollektives Handeln unerlässlichen „Kitt“ verleiht. Die Theorie wird in der Tat zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Doch die Massen werden sich nicht von einer Theorie ergreifen lassen, die allein an ihre Ratio appeliert. Damit sind freilich offensichtliche Gefahren verbunden. Die Grenze zwischen Mob und Masse ist fließend. Zugleich gibt es eben destruktive Triebimpulse, die nach Kanalisation verlangen – sei es Hass oder Liebe, die vom Standpunkt der Masse aus betrachtet beide gleichermaßen destruktiv sein können. (Emotionen wie Hass und Aggression müssen nach außen gerichtet, konstruktive libidinöse Energien nach Möglichkeit an das Massenideal gebunden und damit für die Masse nutzbar gemacht werden. Lieben sich z.B. zwei Massemitglieder untereinander, schwächt das den Zusammenhalt der Masse. Gelingt diese Kanalisation, stärkt das die Masse entsprechend.)
Die größte Gefahr liegt jedoch in dem für die Massenbildung nötigen „Ideal“. Geht es um eine wirklich revolutionäre Masse, darf dessen Qualität nicht beliebig sein – es geht schließlich nicht, wie im Faschismus, um die Formierung irgendeiner Masse, die dann von ihren Führern zu beliebigen Zwecken verheizt werden kann. Eine von einem „Führer“ geführte Masse scheidet daher für die Bildung einer revolutionären Masse aus. Psychologisch gesehen ist dies eine Schwäche gegenüber faschistischen Kollektiven, schließlich lässt eine Führerfigur eine recht unmittelbare psychische Identifikation zu und erinnert an die familiäre Sozialisation. In der französischen Revolution versuchte man etwa, die alte Religion durch einen neuen Kult der Vernunft zu ersetzen. Um diesem Kult gesellschaftliche Akzeptanz zu verleihen, staffierte man eine junge Frau als Personifikation der Vernunft aus und hoffte auf nicht nur rationale, sondern auch sinnliche Verehrung.1 Mit derartigen Tricks ist freilich keine kommunistische Revolution zu machen. Die Kommunisten müssen sich allein auf die Identifikationskraft der für die Revolution leitenden Ideen verlassen – je konkreter diese sich bestimmen lassen, umso besser. „Vernunft“, „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Wahrheit“, „Aufklärung“ etc. Diese Ideen müssen zugleich mit ihrem rationalen Gehalt jedoch auch einen emotionalen Gehalt aufweisen. Sie dürfen weder Götzen noch von der spröden Eleganz mathematischer Sätze sein.

Eine positive, universalistische Begründung dieser Ideen ist zugleich wichtig, um eine Feindbildung nach Außen auf ein Minimum zu beschränken. Faschistische Kollektive mögen sich primär über negative Feindbilder und partikulare, quasi-“natürliche“ Zugehörigkeiten konstituieren – derartig ressentimentgeleitet darf ein kommunistisches Kollektiv unter keinen Umständen verfahren. Das Ressentiment sagt: „Wir sind die Guten, weil wir nicht wie die Bösen sind.“ Was hier eigentlich bestimmend ist, ist der geteilte Hass auf das „Böse“ (wie natürlich idealtypisch im Antisemitismus). Bestimmend muss hingegen in einer revolutionären Masse die Liebe zum „Guten“, also der geteilten, je zu konkretisierenden Idee sein. Negative Massen stehen nicht zuletzt vor dem Paradox, dass sie, sollte ihr „gerechter Kampf“ je gewonnen, die „Bösen“ je besiegt werden, plötzlich vor dem Nichts stehen. Im Grunde brauchen sie den Feind, sie wollen ihn gar nicht ernsthaft besiegen – was in der Praxis wiederum oft zu einer eigenartigen Komplizenschaft führt.2
Ebensowenig soll der Einzelne in der Masse „aufgehen“ oder sich für diese irrational aufopfern. Vielmehr müsste die geteilte Idee gerade aufgrund ihrer (relativen) Abstraktheit die Individuen befähigen, sich von der Masse wenn nötig zu distanzieren ohne dass diese deswegen ihre Bindungskraft verliert.
Der Hauptunterschied zwischen einer personen- und einer ideengeleiteten Masse ist dabei wohl, dass in einer personengeleiteten Masse qua Befehl des Führers recht klar ist, was die Masse zu einem bestimmten Zeitpunkt zu tun hat. Dies ist in Situationen, die schnelle Entscheidungen verlangen, natürlich ein großer Vorteil. In einer ideengeleiteten Masse hingegen obliegt die konkrete Bestimmung der Idee und der aus ihr folgenden handlungsleitenden Konsequenzen stets der Autonomie der Massemitglieder selbst. Selbst, oder vielleicht sogar: gerade, wenn jedes Massemitglied absolut von der Idee überzeugt ist, kann dies die kollektive Handlungsfähigkeit der Masse hemmen und zu Spaltungen führen, da schließlich jeder für sich beansprucht, der wahre Jünger der Idee zu sein. Gerade in politisch schwierigen Zeiten sollte daher die ideengeleitete Masse zumindest partiell personell ergänzt werden. Es muss jedoch klar sein, dass einer Person nur deshalb Gehorsam zu leisten ist, weil und insofern sie der Idee folgt, nicht umgekehrt einer Idee, weil sie von einer Person stammt. Der Idee muss stets das klare Primat zukommen.

Die Anforderungen für eine revolutionäre Masse sind also sehr hoch. Es sollte jedoch zumindest skizzenhaft gezeigt worden sein, dass eine wirklich revolutionäre Masse theoretisch möglich ist. Ob sie es auch praktisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Die kollektive Vereinigung unter dem Banner einer abstrakten Idee setzt schließlich viel Ich-stärkere, sublimationsfähigere Individuen voraus als eine autoritäre Kollektivbindung unter einer Person oder eine spontane Mobbildung. Trotzdem muss das kommunistische Kollektiv ja in Konkurrenz mit den irrationalen Kollektiven aller Coleur treten und eine höhere Anziehungskraft besitzen, die es wohl kaum nur aus seiner bloßen Vernünftigkeit heraus gewinnen kann (selbst wenn dies der Idealfall wäre). Wie dieses Problem zu lösen ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Überlegungen keineswegs abstrakt sind. Es gibt ja bereits jetzt Gruppierungen, die den hier genannten Kriterien mehr oder weniger entsprechen – bei einer gleichzeitigen Korrelation zwischen ihrer politischen Fortschrittlichkeit und dem Sublimierungsgrad der Massebildung. Reaktionäre Kollektive konstituieren sich über abstrakte, inhaltsleere Ideen, Personenkult und Hass nach außen. Fortschrittliche durch konkrete, positiv bestimmte Ideen und benötigen kraft dessen eine starke negative Abgrenzung nach außen gar nicht. Die Erfahrung zeigt ja hinreichend, dass z.B. politische Gruppen, die sich primär über einen gemeinsamen Feind (und seien es „richtige Feinde“ wie Nazis) konstituieren, in ihren politischen Resultaten recht dürftig sind. Gleichzeitig scheint es eine übermächtige Tendenz zu geben, ursprünglich ideelle Massen doch wieder zu personifizieren. Aufgrund der erwähnten Sozialisation scheint diese Tendenz unvermeidbar – man will schließlich mehr als eine bloße Idee, man tritt seinen Genossen nicht nur als Genossen, also Mitstreitern für bestimmte Ideen gegenüber, sondern stets als konkrete Individuen, zu denen man sofort auch in bestimmte psychologische Beziehungen tritt. Diese Tendenz kann ganze Gruppenzusammenhänge zerfressen, verleiht ihnen aber zugleich auch eine zusätzliche Stabilität, wenn die geteilte Idee nicht stark genug ist.
Vielleicht wäre die Utopie eine Assoziation, in der es nur noch Brüder und Schwestern der Idee gibt. Liebe und Hass untereinander sind auf ein Mindestmaß beschränkt, sie gelten allein der Idee bzw. ihren Feinden. Dies wäre freilich eine Gesellschaft von Über-Menschen. Freilich hat man das Gefühl, dass viele linke Utopien implizit auf genau so eine Assoziation hinauslaufen.
Die Frage ist nun, welche Idee es genau ist, die für eine revolutionäre Massenbildung in Frage kommt. Realiter kommen dafür natürlich viele in Frage, und sei es ein praktisches Projekt. Dieses kann freilich kaum die nötige dauerhafte Bindungskraft aufweisen, da die „Idee“ (also etwa der Plan, eine Nazidemo zu verhindern) ja sofort obsolet wird, sobald sie sich realisiert hat. Die „Idee des Kommunismus“ ist recht unbestimmt und bestimmt sich primär negativ über die geteilte Ablehnung des Kapitalismus. Im Grunde genommen gibt es die Idee, die eine Idee die so stark wäre, dass sie alle psychologischen Hindernisse überbrückt und zugleich vernünftig ist, noch nicht. Man kann sie auch nicht am Reißbrett entwerfen. Viel eher gälte es die implizit in revolutionären Zusammenhängen bereits jetzt handlungsleitenden Ideen zu explizieren und ihren begrifflichen Kern derart stringent zu reformulieren, dass er zu einer Bombe wird (hier muss natürlich nicht nur der Theorie, sondern auch der Kunst eine tragende Rolle zukommen – die Idee ist Bild und Begriff zugleich). Vielleicht müssen wir die Revolution auch im Namen mehrerer, konkurrierender Ideen machen und das Ende der Vorgeschichte kommt dem Beginn des Zeitalters eines echten Kriegs der Ideen gleich, der seines Namens würdig ist bis die Idee endlich gefunden ist. (Okay – laut Hegel ist es ja schon so weit: die Freiheit. Jedenfalls ein heißer Kandidat. Vielleicht müssen wir einfach nur der – natürlich ursprünglich bürgerlichen – Idee der Freiheit einen neuen Sinn verleihen. „Freiheit“ ist zumindest mein persönlicher Favorit.)

  1. Vgl. wiki [zurück]
  2. Genauso funktioniert ja auch der „Kampf gegen den Islam“. Anstatt erst einmal positiv eine dem Islam entgegengesetzte Idee auszuformulieren, definiert man die eigene, „abendländische“ Identität negativ zum Islam. („Bei uns müssen die Frauen kein Kopftuch tragen.“ „Bei uns dürfen Homosexuelle ungehindert ihre Sexualität ausleben.“ etc.) Dass jedoch gerade im Zuge dieses Kampfes die Freiheit des freien Westens selbst inhaltlich ausgehöhlt und faktisch unterminiert wird, gerät dabei aus dem Blickfeld. [zurück]

Liebe Parteien zur Bundestagswahl

Manchmal, wenn ich gerade meine reformistischen Tage habe (muss wohl was mit meinem Hormonhaushalt oder so zu tun haben …), lege ich virtuelle Listen an, mit welchen Forderungen man mich als Wähler wirklich begeistern könnte. Ich muss es zugeben: bisher habe ich, außer bei Kommunal- und Europawahlen, an jeder Wahl, zu der ich aufgerufen wurde, teilgenommen. Nach der Logik: Pest ist vielleicht doch ein bisschen besser als Cholera oder so … Ich wähle das kleinstmögliche Übel, vom dem ich meine, dass es theoretisch meine Interessen vertreten könnte („Zutrauen“ [Hegels Begriff für das vernünftige, gerechtfertigte Vertrauen in die Repräsentanten und Institutionen, das die Bürger eines wirklichen (!) Staates hegen] habe ich nicht gerade sonderlich). Ein paar Ansprüche, teilweise mehr, teilweise weniger vermessen, habe ich dann doch. Teilweise offen gesagt schlichtweg meiner aktuellen sozialen Situation geschuldet, teilweise durchaus aus einer Art Sorge um das Allgemeinwohl. Keine Studiengebühren, eine liberale Polizeiarbeit, die trotzdem verhindert, dass mir täglich mein Geldbeutel oder mein Fahrrad geklaut wird oder ich Angst vor irgendwelchen Schlägern haben muss, viel Förderung für Kultur und Bildung, wenig Zensur, nicht mehr Faschismus als nötig in einem bürgerlichen Staat, … Topthemen, über die ich nachdenke und immer wieder zu einer hitzigen Debatte bereit bin: ein ernsthafter Philosophieunterricht an den Schulen (also: als Hauptfach!), dessen Lehrplan nicht, (oder zumindest: nicht maßgeblich – man ist ja bescheiden und wir leben schließlich in Deutschland) von irgendwelchen Theologiedoktoranden ausgearbeitet wird, sondern eventuell sogar von Philosophieprofessoren, die auch ein bisschen Ahnung von Marx und Hegel haben (ah, dazu muss ich wirklich mal einen separaten Blogbeitrag schreiben!) und eine nahezu völlige Legalisierung sämtlicher Rauschmittel. Letzteres hat irgendwann sogar einmal die grüne Jugend ernsthaft gefordert! Das ist mein Rezept für sprudelnde Einnahmequellen des Staates und zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Zur Beruhigung der Bürger habe ich mir sogar eine Art Kompromissvorschlag überlegt: jeder, der Rauschmittel (auch Alkohol und Nikotin) erwerben will, muss zuvor einen Art „Drogenfahrschule“ besuchen, in der man einen „Drogenführerschein“ erwerben kann. Hier kriegt man alle praktisch relevanten Informationen (was gibt es, welche Wirkungen, welche Risiken, was muss man beachten etc.) beigebracht, ehe man sich fröhlich und frei zukoksen, wegtrinken etc. kann. Meine persönliche Hauptmotivation: es würden einfach bessere Rauschmittel produziert, es gäbe eine echte Qualitätsgarantie. Der freie Markt würde zudem mit Sicherheit neue Innovationsschübe entfesseln. Ach ja – und die Stimmung meiner Mitmenschen (und mir selbst) würde dank ungehinderter Kifferei sicherlich spürbar steigen. Wie geil wäre das: in der Mittagspause am Main sitzen und einen vorbeikommenden Polizisten höflich nach einem Feuerzeug für den fetten Joint fragen. Aber auch dazu eventuell mehr an separater Stelle …

Liebe Parteien – wenn ihr mich als Wähler begeistern wollt, werbt nicht mit Staubsaugervertretersprüchen (mein unschlagbarer Favorit: „Vernunft.“ [Lothar Bisky 2008 oder so]) und blödem Gegrinse, sondern mit derart substantiellen Reformvorschlägen. Habt Mut zum ungewöhnlichen! Aber ich sehe schwarz, dass ihr euch in eurem Opportunismus beirren lasst. Es ist einfach hoffnunglos. Nicht einmal dazu, den Verkauf des herrlichen aus Schweden stammenden „Rauchersatz“ Snus, den ich im Augenblick mit Begeisterung konsumiere, wollt ihr erlauben. Eure Begründung scheint so in etwa zu sein: er macht abhängig und erregt Krebs. Aha. Und was ist mit Zigaretten, Zigarren und so widerwärtigen Dingen wie Schnupf- und Kautabak? Euch hätte man wirklich in Philosophieunterricht stecken sollen! Dabei schädigt Snus zwar anscheinend die Zähne und den Mundraum mehr als der gute Rauch (ich zumindest merke leichte Reizungen – die ich jedoch auch von Schokolade kriege) – aber lieber mit 30 ein Gebiss als mit 30 Lungenkrebs, oder? Außerdem fügt Snus meinen „Mitmenschen“ keinen größeren Schaden zu, was euch an der Friedenskippe ja immer so stört. Und dazu schmeckt es wirklich lecker nach Salz und Tabak, nicht so eklig synthetisch wie Nikotinkaugummis und auch nicht nach Erdbeere, Apfel, Pfirsich-Maracuja oder anderem Kinderkram. „Dank“ des Verbots muss ich wohl nun zum ersten Mal seit Jahren meine Nordverwandtschaft kontaktieren – das ist ja wie drüben!

Also: meine Minimalforderung für die kommende Bundestagswahl: Legalisierung von schwedischem Snus und dazu eine großflächige Ausstattung aller öffentlichen Ortschaften mit Spuknäpfen. Ansonsten gehe ich am nächsten Wahltag nicht ins Lokal, sondern auf den Kinderspielplatz und qualme euren Nachwuchs voll!

(Falls irgendwer von der FDP das liest: hic rhodus hic salta! [Wenn Sie nicht wissen, was das heißt: da wissen Sie, was Ihnen durch die mangelnde philosophische Grundlagenausbildung entgangen ist!] Hier liegt eine echte, unbegründete Beschränkung unserer liberalen Grundrechte vor und eine Ernst zu nehmende Wettbewerbsverzerrung.)

Brumlik vs. Zizek & Badiou // Masse, Kritik und Revolution Teil 1

Der Frankfurter Professor Micha Brumlik erweist sich in der heutigen (6.9. ’11) Ausgabe der taz in seinem Kommentar zur Publikation des Sammelbands des Kongresses „The idea of communism“ einmal mehr als verdienstvolle Stimme der Vernunft gegen den schier allgegenwärtigen Heideggerianomarxismus um so schillernde Gestalten wie den Paulus-Fan Alain Badiou und den Exzentrikclown Slavoj Žižek, der sich ja auch in der popkuntibuntineoneostalinistischen Bloggerszene, die sich mittlerweile rund um Lyzis Welt gescharrt hat, höchster Beliebtheit erfreut.1

In diesem Sammelband kann man, laut Brumlik, u.a. nachlesen, wie sich, ganz auf der Linie von Judith Butlers Hamas-Solidarisierung, Susan Buck-Morss, mit Vorurteile über Walter Benjamin-Fans bestätigend, positiv auf den „Messianismus“ Sayed Qutbs, einem der wichtigsten theoretischem Wegbereiter des aktuellen Islamismus, bezieht. Alain Badiou wird folgendermaßen zitiert:

Also lasst uns nicht zögern [“Also lasst uns nicht zögern“ – Alain Badiou wird seinem Anspruch als Priester(anti-)philosoph wirklich gerecht; TS] zu sagen, dass Cruschtschows Verdammung von Stalins Personenkult ein Fehler war und dass – unter dem Deckmäntelchen der Demokratie – diese Verdammung jenen Niedergang der Idee der Kommunismus einläutete, den wir in der letzten Dekade erlebt haben.

Weiter schreibt Brumlik:

Badiou begründet das damit, dass die anonymen Aktionen von Millionen Militanten im mächtigen Symbol eines Eigennamens zusammengeführt worden seien: „Stalin“.

Diese wahrhaft eines Lyzis würdigen Aussagen mögen für jemanden, der mit Heidegger Wahrheit als unaussprechliches „Ereignis“ denkt und vom Sendungsbewusstsein des Paulus als Vorbild heutiger „Militanter“ schwärmt, plausibel sein.2 Für jemanden, der zumindest einige basale Schritte der Aufklärung mitgegangen ist, ist jedoch jede Form des Personenkults schlichtweg als vormoderndes Relikt abzulehnen: Wir sind alle mit derselben Vernunft ausgestattet, haben ähnliche körperliche Voraussetzungen, werden irgendwann alle sterben etc. – es gibt schlicht keinen vernünftigen Grund, um irgendeine Person irgendeine Art von „Kult“ zu betreiben. „Personenkult“ heißt nichts anderes, als an eine rationale Legitimation von Herrschaft ein religiöses Spektakel, das potentiell alles legitimiert, treten zu lassen. Für jemanden der unter der „Idee des Kommunismus“ eine Art neues Christentum unter der Führung einiger sich als berufen fühlender Paulus-Adepten versteht, ist dies wie gesagt kein Problem. Für jeden, der an einer ernsthaften Emanzipation der Menschheit aus selbstverschuldeter Unmündigkeit interessiert ist, schon.

An Žižek kritisiert Brumlik insbesondere seine Apologie des revolutionären Terrors. So schreibt er etwa:

Dort, wo der Philosoph selbst Verantwortung übernimmt, geht es etwas harmloser zu [im Vergleich zu den Erschießungen, von denen zuvor die Rede war; T.S.]. Zizek erwähnt eine Episode aus der russischen Revolution: 1922 ordnete die Sowjetregierung die gewaltsame Vertreibung von führenden antikommunistischen Intellektuellen an, die schließlich auf einem Schiff nach Deutschland ausgewiesen wurden. In einer Fußnote beeilt sich Zizek, festzustellen: „Um jedes Missverständnis an dieser Stelle zu vermeiden: Ich persönlich halte die Entscheidung, die antibolschewistischen Intellektuellen des Landes zu verweisen, für absolut gerechtfertigt.“ Das sind gute, klare Worte, aus denen freilich nur eines folgt: Wenn all das Kommunismus ist, ist Antikommunismus eine vertretbare, ehrenwerte und vor allem moralisch begründbare Haltung.

Hier freilich wird Brumlik schlecht-moralisch. An der aktiven Bekämpfung konterrevolutionärer Propagandisten ist in einer revolutionären Situation tatsächlich nichts zu kritisierendes, sie ist geradezu notwendig – etwa wenn „Intellektuelle“ gezielt Lügen verbreiten, um der Revolution zu schaden. Geht man freilich nicht davon aus, dass jedwede Kritik an der Revolution konterrevolutionär ist, stellt sich sofort die Frage, was einen zu akzeptierenden Kritiker von einem konterrevolutionären Propagandisten unterscheidet, wer über diese Unterscheidung entscheidet, wie genau die Bekämpfung konterrevolutionärer Propagandisten aussehen könnte. Wie unterscheidet man z.B. eine bewusst gestreute Lüge von einem zufälligen Irrtum?

Ich weiß nicht, wer konkret 1922 des Landes verwiesen wurde. Womöglich waren es tatsächlich konterrevolutionäre Propagandisten, womöglich auch verdienstvolle Revolutionäre, die man mundtot machen wollte ohne sie zu erschießen. Das – sehr ernste – Problem der Unterscheidung von Kritik und Feindpropaganda scheint mir im Sowjetsozialismus recht brachial dadurch gelöst worden zu sein, jede Kritik unter den Verdacht der Feindpropaganda zu stellen. Die Ablehnung von substantieller Kritik wiederum scheint mir gerade eine wesentliche Schwäche des sozialistischen gegenüber dem westlich-demokratischen Herrschaftsmodell zu markieren. 1. Demonstriert das herrschende Regime gerade seine Stärke dadurch, dass es auch radikale Kritik an ihm zulässt oder sogar offen begrüßt und fördert. 2. Ist ein offener kritischer Diskurs nützlich, um eventuelle Schwachstellen im System zu erkennen und zu korrigieren. 3. Wird so eine aktive Partizipation am und damit Integration ins System wesentlich erleichtert.
So hat Hegel als einziger mir bekannter bürgerlicher Philosoph das Wesen der bürgerlichen Demokratie und „Zivilgesellschaft“ erkannt, wenn er in der Grundlinien der Philosophie des Rechts offen ausspricht, dass es in ihr im Wesen nicht darum geht, dass alle über alles de facto entscheiden. Vielmehr soll es darum gehen, dass jeder mal seine Meinung zu einer Entscheidung äußert und so das Gefühl hat, an ihr partizipiert zu haben – wobei die reale Entscheidung selbstverständlich (bei Hegel) vom Monarchen und seinem Beamtenapparat gefällt wird, der wiederum von der engen Tuchfühlung mit dem Volk qua öffentlichem Diskurs profitiert. Dadurch, dass die Leute ihre Kritik in den öffentlichen Diskurs eintragen, werden sie zugleich gezwungen, sich dessen Regeln anzupassen und sich so selbst zu zivilisieren. Echte Selbstverwaltung kann dann immerhin noch auf den unteren Verwaltungsebenen stattfinden, wo die Bürger ohnehin nicht viel falsch machen und Fehlentscheidungen keine nennenswerten Auswirkungen für das Gesamtsystem haben.3
So wird wieder einmal deutlich, dass die Bolschewiki und ihre Freunde Hegel nicht verstanden haben. Ein demokratischer Staat braucht keinen kostspieligen, überdimensionierten Inlandsgeheimdienst, um herauszufinden, was das Volk wirklich denkt. Das erfahren die Politiker jeden Tag beim Blick in die Zeitung.

Damit soll nicht gesagt sein, dass es im Rahmen einer revolutionären Bewegung einen Dualismus von Herrschaft und Volk, den es irgendwie zu vermitteln gälte, geben sollte. Es sollte nur gezeigt werden, dass der revolutionäre Terror gegen Kritik nur unter Vorbehalt zu glorifizieren ist, dass die „Säuberungen“ vielmehr wesentlich zum späteren Scheitern des sozialistischen Experiments beitrugen, da es keine Sphäre mehr gab, in der sich gesellschaftliche Probleme wirklich artikulieren, Integration qua aktiver, kritischer Partizipation stattfinden konnte.
In einer wirklich communistisch-revolutionären Bewegung würde es natürlich keinerlei Vermittlung zwischen Herrschern und Beherrschten bedürfen, da diese tendenziell ohnehin zusammenfallen würden. Dass es diesen Dualismus überhaupt noch gab, im Namen der Trennung von „Partei“ und „Volksmassen“ sogar konstutiver Bestandteil der Staatsideologie war – und dass er viel stärker war als in der bürgerlichen Demokratie – offenbart freilich das fundamentale Scheitern der sozialistischen Experiments. In der „Übergangsphase“ mag freilich, wie gesagt, objektiv die Bekämpfung konterrevolutionärer Agitatoren nötig sein. Am besten natürlich schlicht durch die besseren Argumente.

Diese Überlegungen werfen freilich eine ganz andere Frage auf, nämlich die nach der Rolle des Kritikers in der bürgerlichen Gesellschaft. Macht sich dieser, indem er sich, um überhaupt verständliche Kritik äußern zu können, immer schon zumindest partiell den Regeln des herrschenden Diskurses unterwerfen muss, a priori zum „nützlichen Idioten“? In der Tat mag in manchen Situationen der pöbelhafte Stinkefinger subversiver und auch revolutionärer als das gut ausgearbeitete Argument sein, weil er sich der (ja gerade erwünschten) aktiven Partizipation gerade entzieht. Ein wirklich radikales Argument muss womöglich sie Synthese von Stinkefinger und Vernunft sein.

Zumindest erwächst aus der Notwendigkeit der Kritik für das Funktionieren bürgerlicher Herrschaft auch die durchaus realistische Aussicht, einmal auch im kapitalistischen Sinne für das eigene kritische Schaffen anerkannt – sprich: subsistenzsichernd bezahlt – zu werden. Auch keine schlechte Aussicht. (Die Synthese von Argument und Stinkefinger lässt sich im Rahmen der bürgerlichen Institutionen freilich zugegebenermaßen nur schwer realisieren.)

Im zweiten Teil dieser kleinen Serie werde ich auf Alain Badious Verklärung des stalinistischen Personenkults zurückkommen und meine Kritik daran weiter vertiefen.

  1. Zu Žižek gab es in der Jungen Welt einen recht guten entlarvenden Artikel, der leider nur noch mit online-abo einsehbar ist. Etwas weniger kritisch, dafür aber – wenn man ihn richtig zu lesen versteht – nicht minder entlarvend dieser Artikel aus der taz.[zurück]
  2. An dieser Stelle sei eine in mancherlei Hinsicht recht treffende Kritik an Badious Paulus-Buch von dem Maoisten Scott Harrison verwiesen. Nota bene: Zur Zeit des Verfassens dieses Buches sah sich Badiou selbst als Maoist und war laut wiki „lange einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus“.[zurück]
  3. Die hier nur grob dargestellte Demokratietheorie entwickelt Hegel im Wesentlichen im Abschnitt „Die gesetzgebende Gewalt“ (§ 298-320). Ich sollte vielleicht nur noch betonen, dass Hegel keineswegs Antidemokrat im gewöhnlichen Sinne ist. So heißt es etwa im Zusatz zu § 317: „Das Prinzip der modernen Welt [das für Hegel Ausgangspunkt all seiner Überlegungen ist; TS] fordert, daß, was jeder anerkennen soll, sich ihm als Berechtigtes zeige.“ Bloße Selbstbestimmung des Volkes ist jedoch für ihn keine wirkliche Freiheit, sondern gleichebedeutend mit Anarchie. [zurück]



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: