Brumlik vs. Zizek & Badiou // Masse, Kritik und Revolution Teil 2

Im ersten Teil dieser Mini-Serie, die keinen weiteren Teil haben soll, habe ich recht knapp Alain Badious Ansicht zu widerlegen versucht, dass Personenkult in irgendeiner Form revolutionär sein könnte. Diese knappe Widerlegung will ich im Folgenden durch einige Überlegungen zur Bildung revolutionärer Massen ergänzen. Eher weniger, um mich weiter mit dem meines Erachtens ohnehin kaum Ernst zu nehmenden Badiou auseinanderzusetzen, sondern eine grundsätzliche Frage zwar sicher nicht zu lösen, aber doch zur Diskussion zu stellen, die meines Erachtens in der Linken viel zu selten diskutiert wird, aber von durchaus entscheidender Bedeutung für revolutionäre Organisationsformen ist: Wie sähe eine revolutionäre Masse aus?

Wie jede Ideologie enthält nämlich auch Badious Personenkultbegeisterung einen Ernst zu nehmenden Funken Wahrheit. Um dies zu verdeutlichen, will ich kurz die Grundidee von Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse skizzieren. Folgende Ideen Freuds scheinen mir dabei für meine Diskussion relevant:

1. „Masse“ ist nichts per se schlechtes, sondern die Grundlage jedweder Sozialität. Jedes stabile menschliche Kollektiv ist eine Masse. Freilich gibt es emotional intensive, meist sehr unbeständige Massen, und sozusagen „sublimiertere“, dafür aber beständigere, Formen der Masse wie die Kirche.

2. Massenbildung funktioniert psychologisch darüber, dass sich die Mitglieder der Masse ein kollektives Über-Ich setzen. Sie konstituieren sich in einem recht wörtlichen Sinne als Brüdern und Schwestern unter dem Banne eines imaginären Vaters bzw. einer Mutter. Aggressive Triebimpulse werden nach außen verlagert, die emotionale Bindung unter den Massemitgliedern zugleich desexualisiert und stabilisiert, da sie sich nicht mehr unmittelbar, sondern über das geteilte Ideal vermittelt herstellt. Dieses „Ideal“ kann nach Freud sowohl eine gemeinsam anerkannte reale Person, ein „Führer“ sein, aber eben auch, wie in den Religionen, eine imaginäre Person oder letztendlich auch eine Idee.

Dass eine revolutionäre Bewegung eine stabile Massenbildung voraussetzt, halte ich für relativ unproblematisch. Es wäre ziemlich idealistisch, davon auszugehen, dass sich Menschen aus reinen instrumentell-rationalistischen Motiven in einem revolutionären Kollektiv engagieren würden. Es bedarf einer emotionalen Basis, der dem Kollektiv den für kollektives Handeln unerlässlichen „Kitt“ verleiht. Die Theorie wird in der Tat zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Doch die Massen werden sich nicht von einer Theorie ergreifen lassen, die allein an ihre Ratio appeliert. Damit sind freilich offensichtliche Gefahren verbunden. Die Grenze zwischen Mob und Masse ist fließend. Zugleich gibt es eben destruktive Triebimpulse, die nach Kanalisation verlangen – sei es Hass oder Liebe, die vom Standpunkt der Masse aus betrachtet beide gleichermaßen destruktiv sein können. (Emotionen wie Hass und Aggression müssen nach außen gerichtet, konstruktive libidinöse Energien nach Möglichkeit an das Massenideal gebunden und damit für die Masse nutzbar gemacht werden. Lieben sich z.B. zwei Massemitglieder untereinander, schwächt das den Zusammenhalt der Masse. Gelingt diese Kanalisation, stärkt das die Masse entsprechend.)
Die größte Gefahr liegt jedoch in dem für die Massenbildung nötigen „Ideal“. Geht es um eine wirklich revolutionäre Masse, darf dessen Qualität nicht beliebig sein – es geht schließlich nicht, wie im Faschismus, um die Formierung irgendeiner Masse, die dann von ihren Führern zu beliebigen Zwecken verheizt werden kann. Eine von einem „Führer“ geführte Masse scheidet daher für die Bildung einer revolutionären Masse aus. Psychologisch gesehen ist dies eine Schwäche gegenüber faschistischen Kollektiven, schließlich lässt eine Führerfigur eine recht unmittelbare psychische Identifikation zu und erinnert an die familiäre Sozialisation. In der französischen Revolution versuchte man etwa, die alte Religion durch einen neuen Kult der Vernunft zu ersetzen. Um diesem Kult gesellschaftliche Akzeptanz zu verleihen, staffierte man eine junge Frau als Personifikation der Vernunft aus und hoffte auf nicht nur rationale, sondern auch sinnliche Verehrung.1 Mit derartigen Tricks ist freilich keine kommunistische Revolution zu machen. Die Kommunisten müssen sich allein auf die Identifikationskraft der für die Revolution leitenden Ideen verlassen – je konkreter diese sich bestimmen lassen, umso besser. „Vernunft“, „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Wahrheit“, „Aufklärung“ etc. Diese Ideen müssen zugleich mit ihrem rationalen Gehalt jedoch auch einen emotionalen Gehalt aufweisen. Sie dürfen weder Götzen noch von der spröden Eleganz mathematischer Sätze sein.

Eine positive, universalistische Begründung dieser Ideen ist zugleich wichtig, um eine Feindbildung nach Außen auf ein Minimum zu beschränken. Faschistische Kollektive mögen sich primär über negative Feindbilder und partikulare, quasi-“natürliche“ Zugehörigkeiten konstituieren – derartig ressentimentgeleitet darf ein kommunistisches Kollektiv unter keinen Umständen verfahren. Das Ressentiment sagt: „Wir sind die Guten, weil wir nicht wie die Bösen sind.“ Was hier eigentlich bestimmend ist, ist der geteilte Hass auf das „Böse“ (wie natürlich idealtypisch im Antisemitismus). Bestimmend muss hingegen in einer revolutionären Masse die Liebe zum „Guten“, also der geteilten, je zu konkretisierenden Idee sein. Negative Massen stehen nicht zuletzt vor dem Paradox, dass sie, sollte ihr „gerechter Kampf“ je gewonnen, die „Bösen“ je besiegt werden, plötzlich vor dem Nichts stehen. Im Grunde brauchen sie den Feind, sie wollen ihn gar nicht ernsthaft besiegen – was in der Praxis wiederum oft zu einer eigenartigen Komplizenschaft führt.2
Ebensowenig soll der Einzelne in der Masse „aufgehen“ oder sich für diese irrational aufopfern. Vielmehr müsste die geteilte Idee gerade aufgrund ihrer (relativen) Abstraktheit die Individuen befähigen, sich von der Masse wenn nötig zu distanzieren ohne dass diese deswegen ihre Bindungskraft verliert.
Der Hauptunterschied zwischen einer personen- und einer ideengeleiteten Masse ist dabei wohl, dass in einer personengeleiteten Masse qua Befehl des Führers recht klar ist, was die Masse zu einem bestimmten Zeitpunkt zu tun hat. Dies ist in Situationen, die schnelle Entscheidungen verlangen, natürlich ein großer Vorteil. In einer ideengeleiteten Masse hingegen obliegt die konkrete Bestimmung der Idee und der aus ihr folgenden handlungsleitenden Konsequenzen stets der Autonomie der Massemitglieder selbst. Selbst, oder vielleicht sogar: gerade, wenn jedes Massemitglied absolut von der Idee überzeugt ist, kann dies die kollektive Handlungsfähigkeit der Masse hemmen und zu Spaltungen führen, da schließlich jeder für sich beansprucht, der wahre Jünger der Idee zu sein. Gerade in politisch schwierigen Zeiten sollte daher die ideengeleitete Masse zumindest partiell personell ergänzt werden. Es muss jedoch klar sein, dass einer Person nur deshalb Gehorsam zu leisten ist, weil und insofern sie der Idee folgt, nicht umgekehrt einer Idee, weil sie von einer Person stammt. Der Idee muss stets das klare Primat zukommen.

Die Anforderungen für eine revolutionäre Masse sind also sehr hoch. Es sollte jedoch zumindest skizzenhaft gezeigt worden sein, dass eine wirklich revolutionäre Masse theoretisch möglich ist. Ob sie es auch praktisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Die kollektive Vereinigung unter dem Banner einer abstrakten Idee setzt schließlich viel Ich-stärkere, sublimationsfähigere Individuen voraus als eine autoritäre Kollektivbindung unter einer Person oder eine spontane Mobbildung. Trotzdem muss das kommunistische Kollektiv ja in Konkurrenz mit den irrationalen Kollektiven aller Coleur treten und eine höhere Anziehungskraft besitzen, die es wohl kaum nur aus seiner bloßen Vernünftigkeit heraus gewinnen kann (selbst wenn dies der Idealfall wäre). Wie dieses Problem zu lösen ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Überlegungen keineswegs abstrakt sind. Es gibt ja bereits jetzt Gruppierungen, die den hier genannten Kriterien mehr oder weniger entsprechen – bei einer gleichzeitigen Korrelation zwischen ihrer politischen Fortschrittlichkeit und dem Sublimierungsgrad der Massebildung. Reaktionäre Kollektive konstituieren sich über abstrakte, inhaltsleere Ideen, Personenkult und Hass nach außen. Fortschrittliche durch konkrete, positiv bestimmte Ideen und benötigen kraft dessen eine starke negative Abgrenzung nach außen gar nicht. Die Erfahrung zeigt ja hinreichend, dass z.B. politische Gruppen, die sich primär über einen gemeinsamen Feind (und seien es „richtige Feinde“ wie Nazis) konstituieren, in ihren politischen Resultaten recht dürftig sind. Gleichzeitig scheint es eine übermächtige Tendenz zu geben, ursprünglich ideelle Massen doch wieder zu personifizieren. Aufgrund der erwähnten Sozialisation scheint diese Tendenz unvermeidbar – man will schließlich mehr als eine bloße Idee, man tritt seinen Genossen nicht nur als Genossen, also Mitstreitern für bestimmte Ideen gegenüber, sondern stets als konkrete Individuen, zu denen man sofort auch in bestimmte psychologische Beziehungen tritt. Diese Tendenz kann ganze Gruppenzusammenhänge zerfressen, verleiht ihnen aber zugleich auch eine zusätzliche Stabilität, wenn die geteilte Idee nicht stark genug ist.
Vielleicht wäre die Utopie eine Assoziation, in der es nur noch Brüder und Schwestern der Idee gibt. Liebe und Hass untereinander sind auf ein Mindestmaß beschränkt, sie gelten allein der Idee bzw. ihren Feinden. Dies wäre freilich eine Gesellschaft von Über-Menschen. Freilich hat man das Gefühl, dass viele linke Utopien implizit auf genau so eine Assoziation hinauslaufen.
Die Frage ist nun, welche Idee es genau ist, die für eine revolutionäre Massenbildung in Frage kommt. Realiter kommen dafür natürlich viele in Frage, und sei es ein praktisches Projekt. Dieses kann freilich kaum die nötige dauerhafte Bindungskraft aufweisen, da die „Idee“ (also etwa der Plan, eine Nazidemo zu verhindern) ja sofort obsolet wird, sobald sie sich realisiert hat. Die „Idee des Kommunismus“ ist recht unbestimmt und bestimmt sich primär negativ über die geteilte Ablehnung des Kapitalismus. Im Grunde genommen gibt es die Idee, die eine Idee die so stark wäre, dass sie alle psychologischen Hindernisse überbrückt und zugleich vernünftig ist, noch nicht. Man kann sie auch nicht am Reißbrett entwerfen. Viel eher gälte es die implizit in revolutionären Zusammenhängen bereits jetzt handlungsleitenden Ideen zu explizieren und ihren begrifflichen Kern derart stringent zu reformulieren, dass er zu einer Bombe wird (hier muss natürlich nicht nur der Theorie, sondern auch der Kunst eine tragende Rolle zukommen – die Idee ist Bild und Begriff zugleich). Vielleicht müssen wir die Revolution auch im Namen mehrerer, konkurrierender Ideen machen und das Ende der Vorgeschichte kommt dem Beginn des Zeitalters eines echten Kriegs der Ideen gleich, der seines Namens würdig ist bis die Idee endlich gefunden ist. (Okay – laut Hegel ist es ja schon so weit: die Freiheit. Jedenfalls ein heißer Kandidat. Vielleicht müssen wir einfach nur der – natürlich ursprünglich bürgerlichen – Idee der Freiheit einen neuen Sinn verleihen. „Freiheit“ ist zumindest mein persönlicher Favorit.)

  1. Vgl. wiki [zurück]
  2. Genauso funktioniert ja auch der „Kampf gegen den Islam“. Anstatt erst einmal positiv eine dem Islam entgegengesetzte Idee auszuformulieren, definiert man die eigene, „abendländische“ Identität negativ zum Islam. („Bei uns müssen die Frauen kein Kopftuch tragen.“ „Bei uns dürfen Homosexuelle ungehindert ihre Sexualität ausleben.“ etc.) Dass jedoch gerade im Zuge dieses Kampfes die Freiheit des freien Westens selbst inhaltlich ausgehöhlt und faktisch unterminiert wird, gerät dabei aus dem Blickfeld. [zurück]

3 Antworten auf “Brumlik vs. Zizek & Badiou // Masse, Kritik und Revolution Teil 2”


  1. Gravatar Icon 1 Robert 18. September 2011 um 20:30 Uhr

    Sehr interessante Überlegungen. Was deinen Schluss anbetrifft – „Reaktionäre Kollektive konstituieren sich über abstrakte, inhaltsleere Ideen, Personenkult und Hass nach außen. Fortschrittliche durch konkrete, positiv bestimmte Ideen und benötigen kraft dessen eine starke negative Abgrenzung nach außen gar nicht. Die Erfahrung zeigt ja hinreichend, dass z.B. politische Gruppen, die sich primär über einen gemeinsamen Feind (und seien es „richtige Feinde“ wie Nazis) konstituieren, in ihren politischen Resultaten recht dürftig sind.“ – würde ich dir aber entschieden wiedersprechen. Clausewitz (meine Autorität, sorry) zufolge sind positive Zwecke immer schwächer als negative, ebenso wie der Angriff schwächer ist als die Verteidigung. Meiner Meinung nach aus folgendem Grund: Die Menschen sind leicht von Hass erfüllt auf Sachen, die Sie konkret in Ihrem alltäglichen Leben stören und bereit diese zu bekämpfen. Positive Zwecke (z.B. Utopien) sind schwer vorzustellen und im Endeffekt hat auch jeder eine andere Vorstellung davon, keine gute Voraussetzung um darüber eine Masse zu konstituieren! Ich behaupte auch, dass die französische Revolution im wesentlichen nicht motiviert war bestimmte Ideale zu verwirklichen, sondern ganz konkrete Missstände zu beseitigen (politische Bevorteilung der alten herrschenden Klassen, Hungersnot, …). Was eine Masse von sich behauptet und was sie wirklich ausmacht sind 2 verschiedene Sachen, weswegen eine Massenpsychoanalyse ja auch so faszinierend ist.

    Literaturempfehlung: Elias Canetti – „Masse und Macht“

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 22. September 2011 um 15:28 Uhr

    Ja – aber mich interessiert ja eher, was eine „gute“=real revolutionäre Masse auszeichnen sollte und nicht, was eine Masse braucht, um strategisch erfolgreich zu sein (wobei es natürlich eine Schnittmenge zwischen beiden Problemfeldern gibt).

  3. Gravatar Icon 3 lore 02. November 2011 um 16:17 Uhr

    Die Masse ist die Totenmaske der Organisation.

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