Erster Schnee

Als ich gestern Nacht nach Hause kam, dachte ich noch darüber nach, wie furchtbar die obligatorische Weihnachtszugfahrt im letzten Jahr gewesen ist (man wird sich daran erinnern) und wie froh ich darüber sein könne, dass dem in diesem Jahr nicht so sein werde, da es für diese Jahreszeit so warm sei und mit Sicherheit erst im Januar schneien würde. Als ich heute morgen dann mit noch müden Augen einen seltsamen weißlichen Schimmer aus den Ritzen meines Rollladens leuchten sah, beschlich mich eine üble Vorahnung. Sie wurde prompt verifiziert: Es schneite, zum ersten Mal in diesem Jahr, eine dicke Schneeschicht überdeckte Autos, Dächer, Straße, Fußweg … alles. Seltsamerweise war ich dann doch nicht verärgert darüber, sondern freute mich … endlich Winter, richtiger Winter, nicht das weder-Fleisch-noch-Fisch-Pseudo-Herbstwetter der letzten Wochen (es hat ja kaum geregnet und war kaum nebelig – was für ein sonderbarer November!). Ich nutzte das „plötzliche“ (naja, zumindest für jemanden wie mich, der sich für den Wetterbericht nicht interessiert, sondern einfach mal guckt, was der Wettergott so bringt) Einbrechen des Schnees als Gelegenheit nicht zur Uni zu hetzen, sondern erstmal in Ruhe zu frühstücken und zu duschen (ein Alibi liegt ja auf der Hand). Nebenher überlegte ich, dass ich diesen großartigen Tag – der Schnee hob meine Stimmung wirklich enorm – mit einem würdigen Blogeintrag begehen sollte. Mir kam ein Gedicht, das ich schon vor Jahren geschrieben hatte, zu eben jenem Thema in den Sinn. Es entspricht zwar in seiner leicht morbiden Melancholie nicht ganz meiner äußert lebensbejahenden augenblicklichen Stimmung – aber irgendwie finde ich es zur Eröffnung der diesjährigen Schneesaison doch ganz passend. Hier ist es:

Raureif

In der azurnen Nacht durchfegt
die Frostfee zärtlich mild den Garten,
die Wälder, Äcker, den Bach, die Flur,
und küsst mit eis’gem Kuss die Arten,
verhüllt mir Schleiern die Natur.

Oh, wunderliches Weiß, bizarr,
wie tausend Gespenster
hängen die klapprigen Äste
der verwunschenen Birke ins Fenster.

Schöne, der Welt gabst Du
ein Stück Polarluft auf den Weg,
statt grüner Saat hast auf die kahlen Felder
Du Puder von Raureif ausgestreut.

So leblos liegt nun alles da;
kein Vogel tobt, kein Hund, der bellt,
nur Krähen, Menschen, Geister;
ein Leichenhaus, das mir gefällt:
Gegrüßt seist Du, mein Meister!

Wie absolut sentimental dieses Gedicht ist, zeigt sich an folgender Begebenheit:
Ich wollte es mit einem Bild ergänzen. Dazu gab ich bei der google-Bildsuche „Frostfee“ ein. Es erschienen nur Bilder von Kühlschränken. Da verging mir die Lust auf jegliche Illustration. Soll doch der Text für sich stehen. Diese Welt ist so ungastlich, dass sich alle zarten Frostfeen in Kühlschränke verwandelt mussten, um nicht in ihr kaputt zu gehen.


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