Archiv für Februar 2012

Ein lyrischer Beitrag zum Kampf um das IVI

Die Texte von Thiel Schweiger und anderen haben mich dazu bewegt, diese Ode zu schreiben. Möge sie der Bewegung zur Erbauung dienen! Lasst uns für das IVI kämpfen!

Das IVI bei Nacht. Aus den Fenstern leuchtet das Licht sehr hell.

Ode an das IVI

Es nennt sich Institut
und ist auch eins,
vielleicht viel mehr noch als die andern „Institute“
(auch die in naher Nachbarschaft),
zumindest ist und bleibt es meins
- unseres, wie ich vermute.

„Wir“, ein Haufen Gruppen, Lesekreise,
Einzelpersonen, Junge, Weise,
Weise, die es gerne wären
- alle, die hier hingehör‘n,
woanders das Stadtbild doch nur stör‘n,
hier, zugegeben, nicht aufhör‘n
zu nerven und zu provozier‘n,
manchmal sich selbst,
manchmal die Nachbarn,
besonders in der Nacht,
manchmal auch die Macht.

Ja, die Leute hier sind schon ein Haufen,
doch exzellenter als jeder Cluster,
man kann mit ihnen herrlich günstig saufen
und frönen auch so manchem andern Laster.

Hier finden bessere Konzerte und Vorträge statt,
von den legendären Partys ganz zu schweigen,
als irgendwo sonst in dieser trostlosen Stadt
- und jetzt will irgendein dahergelaufener Idiot
diese Oase ersteigern?!

Wir haben es aufgebaut,
die Kisten geschleppt,
die Bücher sortiert,
die Wände gestrichen,
die Vokü serviert:
Jetzt will man uns enteignen?!
Drum rufen wir gemeinsam laut:
„Finger weg, ihr Schweine!
Das IVI muss uns bleiben!“
Und einen Finger zeigen wir,
welchen, das verschweig ich hier.

Wenn die Kronkorken zischen,
leere Flaschen sich zu ihren Genossen gesell‘n,
die als Aschenbecher schon überquell‘n
auf den verdreckten Tischen,
werden Gespräche wie nirgends sonst geführt,
dabei zahlreiche relevante Punkte berührt
(ja – relevant sind wir,
labern tut nur ihr):

Erstens ist den Antisemiten auf’s Maul zu hau‘n immer wieder,
das macht Israel, das machen wir,
davon erklingen uns‘re Lieder
Träumes voll
- auf nem Merkava durch die Wüste pflügend nur mit Dir.

Zum zweiten, dass die Ausbeutung aufhör‘n muss,
das muss man sagen,
alles andre ist Stuss
- Kapital, Patriarchat, Heterosexismus anklagen
(das sind die restlichen Punkte,
es gibt ihrer sicher noch mehr,
doch zum Punkt komme ich sonst nicht mehr)
für Freiheit, Leben, Überfluss!
(Ja – niemand ist so überflüssig
und so notwendig wir wir,
eures Treibens sind wir überdrüssig
- zumindest ich bin’s,
darum schreib ich hier.)

Endlich ist die Nacht vorüber,
ich wach verkatert auf dem Sofa auf,
mir geht’s nicht gut, und doch wär‘ es mir lieber
das IVI blieb, sonst könnt‘ man Frankfurt gleich vergessen,
ich hoff‘ doch, dieser Aufruf ist nicht allzu sehr vermessen,
und auch nicht allzu schlecht gedichtet
(ich hab‘ das Augenmerk auf den Gehalt gerichtet),
und so geb‘ ich, vorläufig verlassend dieses Haus
(nehmt’s mir nicht übel,
mir ist schlichtweg speiübel
- morgen Abend bin ich ja wieder am Start)
zum Abschluss die klare unpoetische Parole aus,
ich hoff‘, ich bin nicht allzu zart:

Das IVI muss bleiben,
sonst werden wir’s euch zeigen!
Für das IVI in den Kampf,
macht den Bonzen Dampf!

Rettet die Irrelevanz!

Wie der Website des nicht nur Frankfurt-, sondern auch bundesweit bekannten „Institut für vergleichende Irrelevanz“, seinerzeit der „erste antideutsche besetzte Haus“ – zu entnehmen ist, wird das Gebäude, das sich derzeit noch im Besitz der Uni befindet, wohl demnächst weiterverkauft werden. Dies gibt natürlich Anlass zur Sorge, wie wahrscheinlich ist es schließlich, dass ein privater Investor die Besetzer_innen zu annehmbaren Konditionen dort weiterwuseln lässt? Einer der ersten Schritte der Gegenoffensive ist eine online-Petition, die man hier aufrufen kann.

Jede_r regelmäßige Leser_in dieses Blogs, auf dem schließlich zahlreiche Veranstaltungen im IVI beworben wurden, von rauschenden Partys bis hin zu hochphilosophischen Theorieseminaren, wird gemerkt haben, was für ein toller und wichtiger Ort das IVI ist. Würde das IVI wegfallen, wäre das ein herber Schlag für alle Bemühungen, dem gesellschaftlichen Mainstream zumindest ein gewisses Mindestmaß an Subversion entgegenzusetzen. Vielleicht gerade, weil das IVI kein perfekter, durchgestylter Ort ist, sondern so chaotisch, neurotisch, pervers wie es eben ist – ein Freiraum nicht im Sinne einer Villa Kunterbunt, in der es ganz anders wäre als draußen, sondern wo die sozialen Widersprüche im Gegensatz zur offiziellen Realität überhaupt erst kenntlich gemacht werden. Auf jeden Fall ein Schandfleck für die großen Pläne vom „Kulturcampus“ – hoffen wir, dass es dieser Schandfleck schafft, irgendwie doch als produktiver Teil der Stadtöffentlichkeit anerkennt zu werden und als respektables Kultur- und Wissenschaftsprojekt durchzugehen (was er ja auch ist).

Ich rufe jedenfalls zur Unterstützung des IVI auf und werde auf diesem Blog über den jeweils neusten Stand der Dinge kommentierend berichten.


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„Doch die Krise kommt bestimmt.“

Ich höre gerade viel Anarchist Academy und bedauere mal wieder, dass ich nicht ein paar Jahre früher geboren bin. Okay, wir hatten Egotronic, aber gerade in ihrer Direktheit und teilweise Plumpheit stehen A.A. irgendwie für eine Radikalität, die es so heute im deutschen Rap einfach nicht mehr gibt. Selbst die teilweise extrem schlechten Reimketten auf „-ismus“ und „-ist“, die unzähligen „Reim dich oder ich fress dich“-Zeilen und nicht einmal mehr als „unrein“ zu bezeichnenden Notreimen wie „Europa – glasklar“ oder „Kolonialismus – Kolumbus“ wirken, wenn man sie als bewusst eingesetztes Stilmittel interpretiert, besonders radikal: „Es geht uns nicht darum, schöne, lyrisch ausgefeilte Texte zu machen, sondern wir sagen einfach, was Sache ist, wir artikulieren unsere Wut mit möglichst vielen rhymes per minutes wie MG-Salven.“ Und – A.A. haben, obwohl sie offensichtlich dumme Antiimps sind, einfach recht. Ihre Texte passen gerade zur heutigen Situation wahrscheinlich besser als zu den Boomzeiten in den 90ern, als alle dachten, der Kapitalismus würde wie von selbst all seine Probleme lösen und die Neonazis wären nur ein Übergangsphänomen. Zu dieser Haltung passt wiederum besser der Spaß-Hedonismus, den die heutigen Anti-d-kiddies so konsumieren. Dass, was A.A. noch satirisch meinten („heute sind wir wirklich kritisch, heute sind wir frei“), praktizieren heute Egotronic & Co., von einigen Frühwerken, die ich nachwievor großartig finde abgesehen, ganz real: die Zeit der Ideologien ist vorbei. Als Egotronic noch was zu sagen hatten außer „Drogen nehmen ist geil“ waren sie schlichtweg noch 90ies, waren noch die würdigen Fortsetzer des Politraps alla A.A. Letztendlich könnte heute die Musik, die auf den meisten Antifa-Partys läuft, im großen und ganzen auch auf der JN-Sommersause laufen. Der Grund, warum das nicht der Fall ist, ist die Borniertheit dieser Kreise, die sich aber in ein paar Jahren sicher auch gelegt haben wird. Irgendwie kommen auch die Nazis in der postideologischen Talkshow-/Diskursethik-/Einheitsbrei-Gesellschaft der letzten Menschen an. Mitte der 90er scheint das noch nicht so gewesen zu sein. Als subversiv gilt es heute schon, musikalisch veralteten 80er- und 90er-Pop zu hören. Naja – immerhin darf man in linken Läden rauchen, Drogen nehmen und nach Herzenslust saufen und das ganze ist billiger als in professionellen Clubs und die Leute ein wenig angenehmer. Wahrscheinlich muss man sich damit in der heutigen Zeit schon zufrieden geben. Auf Anarchist Academy-Konzerten hätte man freilich vielleicht weniger Zulauf, aber auch weniger Probleme mit sexistisch-faschistoiden Schlägern – weil die Texte einfach zu eindeutig sind, überhaupt kein Missverständnis zulassen. Minimal (z.B.) ist hingegen schlichtweg unpolitisch, die Aussage der musikalischen Form ist nichts weiter als „Vorwärts“. Das finden ja alle gut – gerade wiederum in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Also – falls einer von A.A. das hier lesen sollte: ich supporte euer Comeback!

Eine tolle VIVA-Aufzeichnung als Anschauungsmaterial:

A.A. machen freilich nicht nur zeitlos-klassischen Politrap, sondern haben auch was zu „Liebe“ zu sagen. Mein Gott, wie altmodisch. Und A.A. sind nicht einmal ironieresistent, was man ihnen auf den ersten Blick vorwerfen könnte – gerade das hartnäckig-trotzige Durchhalten der „-ismen“-Reime und der anderen Verstöße gegen jede lyrischen guten Geschmack muss als feine Art der Selbstironie verstanden werden, die sich zugleich selbst nicht soweit selbst demontiert, dass es inhaltlich letztendlich doch wieder nur bei einem „Hallo, ich bin der xy und ich will euch heute mal was präsentieren, was ich mir in meinem Zimmerchen so ausgetüfelt habe und danach machen wir Party“ bleibt.

(OMG – von R.A.M. will ich jetzt garnicht erst anfangen.)




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