„Die Geldmafia stranguliert die Völker“ (Ernst Prost)

Sätze wie diese, stoßen in Zeiten von Krisen und Staatsbankrotte auf offene Ohren. Es scheint von ganz rechts bis ganz links, von Holger Apfel bis Jürgen Elsässer, en vogue zu sein, naserümpfend über den Finanz-, Casino-, Raubtier-, kapitalismus zu richten. Gar 99 % sollen sich einig sein, wovon ein Promilleteil winterliche Temperaturen in Zelten trotzt, um den Banken das fürchten zu lehren!
Doch auch diesmal ist Vorsicht geboten, wenn Positionen auf solche Zustimmung suchen, dass sich Teile der Zustimmenden in Okkupationsphantasien ergehen.
Werfen wir also einen Blick auf die üblichen Phrasen. Bestens geeignet hierfür, eine wahllos ausgesuchte Aussage des eingangs zitieren Liqui-Moly Gründers Ernst Prost, einer jener Unternehmer, die in Talkshows ihre Solidarität mit dem kleinen Mann bekunden, indem sie allenthalb die „Perversionen“ der Finanzindustrie geißeln.
„Europa, die Länder, die Völker, die Nationen werden angegriffen von diesen so genannten Finanzmärkten“
Kennzeichnend für diese Position ist wohl das dichotomische Weltverständnis. Sei es die Gegenüberstellung von gierigen Bankern und ehrbaren Unternehmern oder allgemeiner von der überbordenden Finanzindustrie und produktiver Realwirtschaft, in jedem Fall scheint eine Verkehrung zweier Sphären vorzuliegen, die es zu beseitigen gilt. Doch nicht nur, dass diese Position verkennt, dass Akkumulation auf ein entwickeltes Kredit- und Finanzsystem angewiesen ist. Schließlich geriete der Prozess der kapitalistischen Produktion ins Stocken, fehlte ein institutionelles Gefüge über dies Geldkapital reibungslos die Anlagemöglichkeiten wechseln kann. Dabei spielt natürlich der Handel auf spätere Zahlungsansprüche, Aktien und Anleihen eine entscheidende Rolle, womit selbstredend ein spekulatives Element Einzug erhält. Doch ist Spekulation ein Grundzug jeden kapitalistischen Handelns. Denn auch der hochgelobte Mittelständler steht zukünftigen Entwicklungen ungewiss gegenüber, untersteht jedoch auch der Maxime der Profitmaximierung.
Die Position enthält zudem ein Element, das verkürzten Kritiken häufig gemein ist. Sie ist, trotz ihres radikalen Gebarens, affirmativ. Diese vermeintliche Kampfansage gegen bestehende Unzumutbarkeiten, bewegt sich weiterhin auf den Imperativen kapitalistischen Wirtschaftens. So soll gerade über das „Zurechtstumpfen“ des Finanzsystems das reibungslosere Funktionieren der Produktion um der Produktion willen garantiert werden. Schließlich gilt es den produktiven, mittelständischen Unternehmer vor der Auswüchsen der „Finanzalchemie“ zu schützen, damit der ehernste Zweck gesichert ist: die Erhaltung, wenn nicht gar Schaffung von Arbeitsplätzen.
Selbstverständlich ist unter solchen Vorzeichen, der Staat außerhalb der Kritik, im Gegenteil, gilt es ihn zu verteidigen. Wieder mal ist es der dichotomische Zugang, der sich hier ausdrückt. Der Staat, identisch mit dem Volk gesetzt, zumindest als dessen Handlungsinstrument, ist den Ratingagenturen und Staatsanleihespekulationen ausgeliefert. Damit wird nicht nur übersehen, dass der Staat über sein Gewaltmonopol die Bedingung für jedes kapitalistische Handeln darstellt, insofern, als dass jeder Tintenklecks unter einem Vertag nur dann Gültigkeit besetzt, sofern staatlicherseits die Garantie gegeben ist. Zudem ist staatliches Handeln nur auf der Grundlage funktionierender Kapitalakkumulation möglich, wie am Beispiel Griechenland offensichtlich wird, dessen Bankrott nur abgewendet werden kann, wenn Steuergelder sprudeln. Folglich ist das Gegensatzpaar Staat-Markt in der oft dargestellten Strenge unhaltbar.
Ein Einwand, jedoch, der den Finanzkapitalgegner gleichgültig ist, schließlich gilt ihnen die Sorge um das reibungslose Funktionieren der Realwirtschaft, eingebettet und garniert mit staatlichen Wohlfahrtsprogrammen.
Damit tritt die Produktionssphäre außerhalb der Kritik, der Ort an der Ausbeutung ihren Anfang hat. Nimmt doch hier die Aneignung der Früchte fremder Arbeit ihren Ausgang. Schließlich ist es die Besonderheit der Arbeitskraft, fähig zu sein, Reichtum über ihre Reproduktion hinaus zu schaffen, ein Mehrprodukt also, das dem Kapital zukommt. Stattdessen jedoch, die Vorstellung der harmonischen Einheit aus produktivem Kapital und Arbeit. Eine Einheit, nur gestört durch das raffende Finanzkapital.
Woher aber diese Vorstellung? Ist es mangelnde Einsicht? Oder liegt der Sachverhalt tiefer, angesichts der Dominanz dieser Vorstellung.
Eine mögliche Antwort ist, dass kapitalistisch verfasste Gesellschaften die Bedingungen selber produzieren, die diese dichotomischen Vorstellungen begünstigen:
Um dies plausibel zu machen, ein Blick auf das Alltäglichste, sprich die Form, unter der Menschen ihre Lebensbedingungen schaffen. Zweifellos herrscht hier eine Abhängigkeit aller von allen, d. h. Arbeitsteilung. Doch wie findet hier die Abstimmung statt? Woher Wissen, wie viel zu produzieren ist? Offensichtlich nicht bewusst, im Gegenteil, ist es wohl die „invisible hand“, die steuernd, hinter dem Rücken der Beteiligten, die Strippen zieht. Der Preis der Ware – der Ausdruck im Geld – verrät, ob sich noch lohnt zu produzieren oder es sinnvoller ist, dies sein zu lassen. Es ist die Geldvermittlung also, über die bürgerliche Gesellschaften interagieren.
Doch wo Geld ist, ist auch Kapital, sprich das Vermögen aus Geld mehr Geld zu machen. Womit wir wieder bei der Produktion sind. Schließlich läuft das Geldhecken nur über Warenproduktion. Ein Vorgang, wo diejenigen ins Spiel kommen, die außer ihr Vermögen zu arbeiten, nichts zu verkaufen haben. Doch der Verkauf hat´s in sich. Schließlich ermöglicht die Verfügung über das Vermögen zu arbeiten, dass der Verfügende hier auch nicht zu kurz kommt, der Verfügte mehr zu arbeiten hat, als für sein Auskommen nötig ist. Doch ist der Blick hierauf verstellt: Heißt es nicht der Arbeitslohn, der Lohn für Arbeit? Erhält der Arbeiter nicht das, was er verdient? Aber wo Gleiches mit Gleichem getauscht wird, wie außerhalb der Produktion üblich, da wird verkannt, dass innerhalb Schluss ist mit „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“ (Marx).
Verhältnisse also, innerhalb derer Reichtumsproduktion nicht die Form allgemeiner bewusster Vereinbarung annimmt, stattdessen Reichtum seinen Ausdruck im Geld findet und dessen Vermehrung – Leitimperativ der Gesellschaft – ermöglicht wird durch die Interaktion der Sphäre, die Waren herstellt und derjenigen, die für den Tausch in Geld zuständig ist.
Dieses notwendige Auseinandertreten der Produktions- und Zirkulationssphäre ist Ausdruck eines Moments, der jeden Tauschakt begleitet. Tauschen heißt Ungleiches gleichsetzen, sei es Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld – beides Mal ist es stofflich verschiedenes das aufeinander bezogen wird. Erst über die Abstraktion der konkreten Gestalt, geht die Gleichung auf – das Produkt wird zur Ware mit seinem Doppelcharakter aus Gebrauchswert und Tauschwert.
Nun ist der Ort dieser Abstraktion die Zirkulationssphäre, während jede Produktion notwendig konkret ist. Zugleich ist bestimmendes Moment kapitalistischer Gesellschaften die Dominanz der Abstraktion – das Handeln ist auf Vermehrung von Geld ausgerichtet, womit Abstraktion real vollzogen wird.
Zuspitzung erfährt nun diese abstrakte Reichtumsproduktion über das zinstragende Kapital. Schließlich erscheint hier das Geldhecken ohne Umweg über die stoffliche Seite möglich, wobei selbstredend dies nicht zutrifft, da der Zins nur ein Teil am Mehrwert darstellt. Anders dagegen bei handelbaren Zahlungsansprüchen – Derivate, Aktien usw. Über den Verkauf dieser Ansprüche kann der Umweg über die Produktion tatsächlich umgangen werden, stellen sie doch nichts anderes dar als Abbildungen zukünftiger Entwicklungen. Ob nun scheinhaft oder real – in beiden Fällen erreicht der Kapitalismus eine Steigerung seines abstrakten Moments.
Nun ist es Ausdruck der Finanzmarktgegner, sich gerade gegen die abstrakte Seite des Kapitals in Stellung zu bringen und dabei eine Lanze für die produktive-konkrete Seite zu brechen. Eine Haltung, die, wie versucht wurde zu zeigen, die notwendige Verbundenheit beider Momente – der Abstrakten und der Konkreten – übersieht. Darüber hinaus, in der Verherrlichung der stofflichen Seite, zwar ein Gewahrwerden und eine berichtigte Kritik der Gewalt der kapitalistischen Abstraktion aufblitzen lässt, jedoch dies umschlägt in Forderungen, die erkennen lassen, dass sie auf unmittelbare Ausbeutungsformen hinauslaufen, gerade weil sie gegen Vermittlungsformen, wie es die Finanzsphäre darstellt, gerichtet sind. Schließlich erscheint der Zorn mancher „Kritiker“ darin begründet, dass Reichtumsbildung möglich ist, ohne Verausgabung, während ihr Wunschbild einer gerechten Welt aufgeht, in der Verewigung des Broterwerbs im Schweiße des Menschen Angesichts.
Dagegen wäre gerade an das leidfreie Reichwerden anzuknüpfen, das arbeitsloses Einkommen bedeuten kann. Denn wer möchte nicht gerne Privatier sein und leben von Zins und Zinseszins? Überhaupt ist dem Kreditwesen anzurechnen, dass es die Entwicklung Weltmarkts forciert, jene Instanz, die auch „die barbarischsten Nationen in die Zivilisation“ (Marx) reißt, trotz Hunger und Elend, wobei dieses am größten ist in jenen Ländern, die abgeschnitten vom Weltmarkt sind.
Aber Zivilisation scheint keine Errungenschaft mehr zu sein, wenn vor der Übermacht des Weltmarkts das Bewahren von Altbekanntem solche Blüten treibt, dass die Umgestaltung von Bahnhöfen, Tausende auf die Straße treibt und Mobilität weniger zählt als das Leben von Juchtenkäfern.
Nun scheint es zudem so zu sein, dass die Gegnerschaft gegen die abstrakte Seite des Kapitals, konkret, d. h. personifizierend, auftritt. Dunkle Machenschaften der Managerkaste, die allein von Gier getrieben sind, scheinen verantwortlich gemacht zu werden, anstatt in der Analyse der realen Bewegungsgesetze des Kapitals die Ursache zu suchen. Fast scheint man Hans Werner Sinn Recht geben zu müssen, wenn er schreibt: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben.“
Überhaupt hilft nur Analyse und Kritik um in Zeiten wie diesen, sich „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht […] dumm machen zu lassen.“ (Adorno)


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