Archiv für Juli 2012

Robert Kurz – Ein Nachruf

Am 18. Juli verstarb mit Robert Kurz einer der engagiertesten und bedeutendsten nicht-akademischen Marxisten unserer Tage. Die Todesursache war wohl ein ziemlich absurder Operationsfehler (Kurz sei versehentlich an einem falschen Organ, der Bauchspeicheldrüse statt der Nebenniere, operiert worden). Als ich vor wenigen Tagen in einem Gespräch davon erfuhr, wollte ich es zunächst kaum wahr haben. Das Schwarzbuch Kapitalismus war schließlich eines der ersten Werke, die mich vor etwa 10 Jahren zum Marxismus führten. Ich habe es noch als Schüler verschlungen wie einen Krimi. Weitere Schriften von Kurz und seinen Mitstreitern wie das Manifest gegen die Arbeit und Dead men working folgten. Ich kann diese Bücher nach wie vor allen, die sich für radikale Gesellschaftskritik interessieren, nahezu uneingeschränkt empfehlen, selbst wenn ich Kurz‘ Theorie an einigen Punkten kritisieren würde. Er hat meine intellektuelle Entwicklung, und sicher nicht nur meine eigene, entscheidend geprägt und so viel zur Aufrechterhaltung einer lebendigen marxistischen Tradition nicht nur in Deutschland beigetragen.

Eigentlich gibt es angesichts solcher tragischer Todesfälle, die immer einen Hauch besonderer Absurdität in sich tragen, kaum ein besseres Zitat als das vom jungen Marx in einem seiner ersten bedeutenden Schriften, dem Bericht für die Rheinische Zeitung über die Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen: „Mag das Leben sterben: der Tod darf nicht leben.“ (MEW 1, S. 59) Ein Satz, den man sicherlich zu Recht als Grundimpuls des Marxschen (und auch des Kurzschen) Wirkens bezeichnen kann.

Ich möchte nicht große andere Worte verlieren, sondern auf eine kleine Auswahl von solchen, die mir als besonders gelungen erscheinen in der ganzen Fülle von Nachrufen, verweisen:

Robert Kurz ist tot – eine Erinnerung (Weltkritik)

Gerd Bedszent: Geld ohne Wert (Junge Welt)

Ernst: Robert Kurz zum Gedächtnis (audioarchiv)

Georg Katzenberger: Die Krise als Weltsystem (Jungle World) [Längere Version (Streifzüge)]

Lebowski: Robert Kurz ist tot (der Freitag)

Stefan Meretz: Robert Kurz ist tot (keimform.de)

Karl Müller: Robert Kurz ist tot. An Stelle eines Nachrufs (trend)

Harry Nick: Unvergessener Philosoph (Neues Deutschland)

Franz Schandl: Mehr als viel (Streifzüge)

Gaston Vadivia: Nachruf auf Robert Kurz (Streifzüge)

Markus Winterfeld: Zum Tod von Robert Kurz (Black Monday)

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da // Zur (Un-)Möglichkeit revolutionärer Praxis heute

Als kleine Untermalung meines Artikel zum Film Tanz auf dem Vulkan habe ich vor etwa einem Monat eine Umfrage gemacht mit der Frage, was die Lieblingsversion des Titelsongs des Films, „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, ist. An der Umfrage haben sich 5 Leute beteiligt, 3 gaben an „Ich hasse das Lied“, 2 „Nur das Original von Gründgens!“ Ich schließe die Umfrage hiermit und möchte das Ergebnis für sich sprechen lassen.

Zu meinem Artikel vielleicht noch ein kleine Nachbemerkung:
Es gab, leider nicht auf diesem Blog selbst geführt, an anderer Stelle heftige Debatten um ihn, die ich mir beim Verfassen kaum hätte ausmalen können. Ich möchte an dieser Stelle nicht im Detail darauf eingehen. Im Wesentlichen wurde mir (zumindest, soweit ich die Kritik nachvollziehen konnte) die Verwendung des Begriffs „revolutionärer Nationalsozialismus“ vorgeworfen. Ich fand diese Debatte auch für mich selbst, zumindest teilweise, recht fruchtbringend und möchte daher diese Verwendungsweise kurz erläutern.
Für mich ist der Begriff „Revolution“ oder „revolutionär“ ein rein deskriptiver, kein wertender Begriff (weder in einem positiven noch in einem negativen Sinne). Er bezeichnet schlicht grundlegende Umwälzungen (eben Re-Volutionen von lateinisch „revolutio“) auf bestimmten sozialen Feldern. Es gibt politische, soziale, ökonomische, kulturelle, künstlerische Revolutionen etc. Sie können in eine fortschrittliche, emanzipatorische, in eine regressive Richtung weisen, ambivalent oder sogar indifferent sein (wobei mir im Augenblick kein Beispiel für eine indifferente Revolution einfällt – aber ich möchte nicht ausschließen, das es soetwas gibt, zumal solche Urteile ja auch immer vom Standpunkt des Betrachters abhängen). Insofern verstehe ich die Verärgerung darüber, dass ich von einem „revolutionären NS“ spreche, nicht, zumal ich in dem Artikel ja deutlich genug von einer „Scheinrevolution“ spreche.
Dass der NS eine „Scheinrevolution“ ist, ergibt sich meines Erachtens daraus, dass er die wesentlichen Grundstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft unangetastet lässt oder nur auf einer symbolisch-imaginären Ebene aufhebt. Auch die Massenvernichtung an den Juden war insofern scheinrevolutionär. Wobei „Schein“ natürlich nicht heißt, dass es sich darum nicht um ein sehr reales Ereignis handelte – im Gegenteil, natürlich war es ein sehr „seiendes“ Ereignis. Aber es war eben „Schein“ im Hinblick auf den von den Nazis ja selbst artikulierten Anspruch, mit der Vernichtung der Juden die grundlegenden Probleme der modernen Zivilisation zu lösen. Kein einziges Problem wurde dadurch auf einer relevanten Ebene gelöst, es wurden nur zahllose Menschenleben sinnlos hinweggerafft und zahllose neue Probleme geschaffen. Genau davon geht ja die Kritik am NS aus – eine Kritik, die in gewissem Sinne, so sinnlos dieses Unterfangen angesichts der grundlegenden Irrationalität des NS-Denkens auch scheinen mag, „immanent“ ist, da sie den NS, der sich ja selbst als revolutionär verstand, beim Wort nimmt.

Ich kann die Kritik an diesem Gebrauch des Begriffs „Revolution“ daher nicht nachvollziehen. Eher nachvollziehen kann ich die, ebenfalls geäußerte, Kritik, dass meine Rede von einer „Scheinrevolution“ den höchst real-revolutionären Charakter des NS verfehlt. Ich würde zwar daran festhalten, dass der NS in dem oben beschriebenen Sinne eine „Scheinrevolution“ war – in einem anderen Sinne war er eine ganz reale Revolution. Zumindest eine politische, in mancherlei Hinsicht auch eine ökonomische und soziale. Das nicht klar zu benennen, stellt meines Erachtens eine schlichte Verharmlosung des NS dar. Man tut so, als könne man den Begriff der „Revolution“ auch nach 1933 noch ungebrochen affirmativ gebrauchen – so, als hätte es all das Gerede von der „deutschen Revolution“ nicht gegeben, so, als hätte der NS nicht ein für alle mal gezeigt, dass es schlicht noch schlimmeres geben kann als den bürgerlichen Normalzustand: seine irrational-scheinhafte „Überwindung“ im Faschismus und eliminatorischem Antisemitismus. Nein, ich würde die Kritik genau umkehren und denen, die anscheinend zwanghaft am aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Revolutionsbegriff festhalten wollen, Geschichtsblindheit vorwerfen. Sie haben nicht einmal einen zureichenden Begriff von der kapitalistischen Produktionweise. Denn diese basiert ja gerade, wie Marx, der den Begriff der „Revolution“ etwas explizit auch für technologisch verwendet, im „Kapital“ gezeigt hat, auf einer permanenten Revolutionierung der Lebensverhältnisse. Immer wieder werden neue Technologien eingeführt, immer wieder neue Menschenmassen in Arbeitslosigkeit und Elend geworfen, um ihren Nachkommen eine vermeintliche „bessere Zukunft“ zu gewähren. Wenn etwas revolutionär ist, dann ist es der Kapitalismus.

Zu guter letzt habe ich auch Probleme damit, in der heutigen Situation den Begriff der „Revolution“ auf irgendwelche konkreten heutigen politischen Praktiken, Zusammenschlüsse o.ä. anzuwenden. Als ich mich dafür entschied, diesen Blog als „subversiv“ zu bezeichnen, hing das schon mit diesem damals noch recht intuitiven Unbehagen zusammen. Heute verstehe ich dieses Unbehagen genauer: Was kann es vor dem Hintergrund der meines Erachtens doch sehr offensichtlich sehr schlechten Chancen für eine kommunistische Weltrevolution in den nächsten Jahrzehnten heißen, die eigene Praxis als „revolutionär“ zu bezeichnen? Dies kann im Grunde nur eine rein subjektive Zwecksetzung ausdrücken. In diesem Sinne bin natürlich auch ich revolutionär – ich will die kommunistische Weltrevolution. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses bloße Wollen in der derzeitigen Situation wenig bis nichts bedeutet. Auf die Wirklichkeit des Handelns kommt es an – und da sehe ich nicht, wie man ernsthaft behaupten kann, seine eigene Praxis wäre objektiv revolutionär in dem Sinne, dass sie zum Kommunismus führt.

Nein, ich habe für mich in der letzten Zeit immer klarer erkannt, dass der Glaube an die Revolution und den revolutionären Charakter des eigenen Tuns heute kaum mehr als eine Ersatzreligion sein kann. Er bringt nichts außer einem subjektiven Mehrwert für den, der ihn pflegt. Freud zitiert in einer religionskritischen Schrift ein Volkslied: „Den Himmel überlassen wir / den Engeln und den Spatzen.“ Ich bin versucht, hier Himmel durch Revolution zu ersetzen. Was man dadurch verliert, ist eine Form der Sinngebung, die jedoch letztendlich, da sie auf Unaufrichtigkeit basiert, nur von der wirklichen Welt entfremdet und frustriert. Sicher muss man daran festhalten, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu denunzieren und zu kritisieren. Doch die grundlegende Frage der Praxis heute kann meines Erachtens nicht die nach der Revolution sein. Es kommt darauf an produktive, kreative, interessante Projekte voranzutreiben, die sicherlich subversiv sind, die ihren Gebrauchswert jedoch nicht aus ihrer abstrakten Bezogenheit auf eine mögliche Revolution, sondern aus ihren ganz konkreten, unmittelbaren, diesseitigen Effekten beziehen. Ich würde etwa das IvI in Frankfurt als ein solches Projekt beschreiben.

Was mir vorschwebt, ist schlicht ein wenig mehr Realismus. Dieser Realismus wäre jedoch gerade unrealistisch, wenn er kein klares Bewusstsein von den Möglichkeiten sozialer Veränderungen beinhaltete – er ist also kein Pessimismus. Es gibt ja durchaus Zeichen der Hoffnung – und die liegen meines Erachtens genau in Projekten wie dem IvI. Doch ob diese Projekte jemals zur Revolution führen werden, ist eine Frage, die sich eben erst nach der Revolution beantworten lassen wird. Es gibt keine Garantie, dass es sie werden. Daraus folgt schlicht: wir müssen unsere Sache möglichst gut machen. Unsere Projekte müssen sich aus sich selbst rechtfertigen, nicht aus einem künftigen Himmelreich. Verzichten wir auf den Mythos der Revolution, arbeiten wir an uns selbst.




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