Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da // Zur (Un-)Möglichkeit revolutionärer Praxis heute

Als kleine Untermalung meines Artikel zum Film Tanz auf dem Vulkan habe ich vor etwa einem Monat eine Umfrage gemacht mit der Frage, was die Lieblingsversion des Titelsongs des Films, „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, ist. An der Umfrage haben sich 5 Leute beteiligt, 3 gaben an „Ich hasse das Lied“, 2 „Nur das Original von Gründgens!“ Ich schließe die Umfrage hiermit und möchte das Ergebnis für sich sprechen lassen.

Zu meinem Artikel vielleicht noch ein kleine Nachbemerkung:
Es gab, leider nicht auf diesem Blog selbst geführt, an anderer Stelle heftige Debatten um ihn, die ich mir beim Verfassen kaum hätte ausmalen können. Ich möchte an dieser Stelle nicht im Detail darauf eingehen. Im Wesentlichen wurde mir (zumindest, soweit ich die Kritik nachvollziehen konnte) die Verwendung des Begriffs „revolutionärer Nationalsozialismus“ vorgeworfen. Ich fand diese Debatte auch für mich selbst, zumindest teilweise, recht fruchtbringend und möchte daher diese Verwendungsweise kurz erläutern.
Für mich ist der Begriff „Revolution“ oder „revolutionär“ ein rein deskriptiver, kein wertender Begriff (weder in einem positiven noch in einem negativen Sinne). Er bezeichnet schlicht grundlegende Umwälzungen (eben Re-Volutionen von lateinisch „revolutio“) auf bestimmten sozialen Feldern. Es gibt politische, soziale, ökonomische, kulturelle, künstlerische Revolutionen etc. Sie können in eine fortschrittliche, emanzipatorische, in eine regressive Richtung weisen, ambivalent oder sogar indifferent sein (wobei mir im Augenblick kein Beispiel für eine indifferente Revolution einfällt – aber ich möchte nicht ausschließen, das es soetwas gibt, zumal solche Urteile ja auch immer vom Standpunkt des Betrachters abhängen). Insofern verstehe ich die Verärgerung darüber, dass ich von einem „revolutionären NS“ spreche, nicht, zumal ich in dem Artikel ja deutlich genug von einer „Scheinrevolution“ spreche.
Dass der NS eine „Scheinrevolution“ ist, ergibt sich meines Erachtens daraus, dass er die wesentlichen Grundstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft unangetastet lässt oder nur auf einer symbolisch-imaginären Ebene aufhebt. Auch die Massenvernichtung an den Juden war insofern scheinrevolutionär. Wobei „Schein“ natürlich nicht heißt, dass es sich darum nicht um ein sehr reales Ereignis handelte – im Gegenteil, natürlich war es ein sehr „seiendes“ Ereignis. Aber es war eben „Schein“ im Hinblick auf den von den Nazis ja selbst artikulierten Anspruch, mit der Vernichtung der Juden die grundlegenden Probleme der modernen Zivilisation zu lösen. Kein einziges Problem wurde dadurch auf einer relevanten Ebene gelöst, es wurden nur zahllose Menschenleben sinnlos hinweggerafft und zahllose neue Probleme geschaffen. Genau davon geht ja die Kritik am NS aus – eine Kritik, die in gewissem Sinne, so sinnlos dieses Unterfangen angesichts der grundlegenden Irrationalität des NS-Denkens auch scheinen mag, „immanent“ ist, da sie den NS, der sich ja selbst als revolutionär verstand, beim Wort nimmt.

Ich kann die Kritik an diesem Gebrauch des Begriffs „Revolution“ daher nicht nachvollziehen. Eher nachvollziehen kann ich die, ebenfalls geäußerte, Kritik, dass meine Rede von einer „Scheinrevolution“ den höchst real-revolutionären Charakter des NS verfehlt. Ich würde zwar daran festhalten, dass der NS in dem oben beschriebenen Sinne eine „Scheinrevolution“ war – in einem anderen Sinne war er eine ganz reale Revolution. Zumindest eine politische, in mancherlei Hinsicht auch eine ökonomische und soziale. Das nicht klar zu benennen, stellt meines Erachtens eine schlichte Verharmlosung des NS dar. Man tut so, als könne man den Begriff der „Revolution“ auch nach 1933 noch ungebrochen affirmativ gebrauchen – so, als hätte es all das Gerede von der „deutschen Revolution“ nicht gegeben, so, als hätte der NS nicht ein für alle mal gezeigt, dass es schlicht noch schlimmeres geben kann als den bürgerlichen Normalzustand: seine irrational-scheinhafte „Überwindung“ im Faschismus und eliminatorischem Antisemitismus. Nein, ich würde die Kritik genau umkehren und denen, die anscheinend zwanghaft am aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Revolutionsbegriff festhalten wollen, Geschichtsblindheit vorwerfen. Sie haben nicht einmal einen zureichenden Begriff von der kapitalistischen Produktionweise. Denn diese basiert ja gerade, wie Marx, der den Begriff der „Revolution“ etwas explizit auch für technologisch verwendet, im „Kapital“ gezeigt hat, auf einer permanenten Revolutionierung der Lebensverhältnisse. Immer wieder werden neue Technologien eingeführt, immer wieder neue Menschenmassen in Arbeitslosigkeit und Elend geworfen, um ihren Nachkommen eine vermeintliche „bessere Zukunft“ zu gewähren. Wenn etwas revolutionär ist, dann ist es der Kapitalismus.

Zu guter letzt habe ich auch Probleme damit, in der heutigen Situation den Begriff der „Revolution“ auf irgendwelche konkreten heutigen politischen Praktiken, Zusammenschlüsse o.ä. anzuwenden. Als ich mich dafür entschied, diesen Blog als „subversiv“ zu bezeichnen, hing das schon mit diesem damals noch recht intuitiven Unbehagen zusammen. Heute verstehe ich dieses Unbehagen genauer: Was kann es vor dem Hintergrund der meines Erachtens doch sehr offensichtlich sehr schlechten Chancen für eine kommunistische Weltrevolution in den nächsten Jahrzehnten heißen, die eigene Praxis als „revolutionär“ zu bezeichnen? Dies kann im Grunde nur eine rein subjektive Zwecksetzung ausdrücken. In diesem Sinne bin natürlich auch ich revolutionär – ich will die kommunistische Weltrevolution. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses bloße Wollen in der derzeitigen Situation wenig bis nichts bedeutet. Auf die Wirklichkeit des Handelns kommt es an – und da sehe ich nicht, wie man ernsthaft behaupten kann, seine eigene Praxis wäre objektiv revolutionär in dem Sinne, dass sie zum Kommunismus führt.

Nein, ich habe für mich in der letzten Zeit immer klarer erkannt, dass der Glaube an die Revolution und den revolutionären Charakter des eigenen Tuns heute kaum mehr als eine Ersatzreligion sein kann. Er bringt nichts außer einem subjektiven Mehrwert für den, der ihn pflegt. Freud zitiert in einer religionskritischen Schrift ein Volkslied: „Den Himmel überlassen wir / den Engeln und den Spatzen.“ Ich bin versucht, hier Himmel durch Revolution zu ersetzen. Was man dadurch verliert, ist eine Form der Sinngebung, die jedoch letztendlich, da sie auf Unaufrichtigkeit basiert, nur von der wirklichen Welt entfremdet und frustriert. Sicher muss man daran festhalten, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu denunzieren und zu kritisieren. Doch die grundlegende Frage der Praxis heute kann meines Erachtens nicht die nach der Revolution sein. Es kommt darauf an produktive, kreative, interessante Projekte voranzutreiben, die sicherlich subversiv sind, die ihren Gebrauchswert jedoch nicht aus ihrer abstrakten Bezogenheit auf eine mögliche Revolution, sondern aus ihren ganz konkreten, unmittelbaren, diesseitigen Effekten beziehen. Ich würde etwa das IvI in Frankfurt als ein solches Projekt beschreiben.

Was mir vorschwebt, ist schlicht ein wenig mehr Realismus. Dieser Realismus wäre jedoch gerade unrealistisch, wenn er kein klares Bewusstsein von den Möglichkeiten sozialer Veränderungen beinhaltete – er ist also kein Pessimismus. Es gibt ja durchaus Zeichen der Hoffnung – und die liegen meines Erachtens genau in Projekten wie dem IvI. Doch ob diese Projekte jemals zur Revolution führen werden, ist eine Frage, die sich eben erst nach der Revolution beantworten lassen wird. Es gibt keine Garantie, dass es sie werden. Daraus folgt schlicht: wir müssen unsere Sache möglichst gut machen. Unsere Projekte müssen sich aus sich selbst rechtfertigen, nicht aus einem künftigen Himmelreich. Verzichten wir auf den Mythos der Revolution, arbeiten wir an uns selbst.


16 Antworten auf “Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da // Zur (Un-)Möglichkeit revolutionärer Praxis heute”


  1. Gravatar Icon 1 Stefan Wehmeier 15. Juli 2012 um 9:20 Uhr

    Die Intelligenz liegt im System. Wenn überhaupt eine politische Seifenoper nötig ist, um ein Volk zu “regieren”, ist die makroökonomische Grundordnung falsch:

    “Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.
    Der Kampf geht seit eh und je um das arbeitsfreie Einkommen, das die Zinsbezieher einstreichen, indem sie den Arbeitsertrag der Werktätigen kürzen. Dass die erste Gruppe bisher immer siegreich war, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Zahlenmäßig ist die Gruppe der Sieger verschwindend klein.
    Die unterlegenen Werktätigen hat ihre riesenhafte Überzahl bisher nichts geholfen, sie blieben in allen Ländern erfolglos, und sie waren es auch, die in Wirklichkeit alle Kriege und Revolutionen “verloren” haben. Sie erkannten nie die zwei Fronten (hier Monopol, hier Arbeit), die sich in Politik und Wirtschaft seit jeher unversöhnlich gegenüber standen, einfach deshalb nicht, weil sie dem optischen Eindruck erlagen und im Privatbesitz der Produktionsmittel die Ursache der Ausbeutung und im Unternehmer den Ausbeuter sahen; sie ließen sich verleiten, die Politik zum Tummelplatz der so genannten “Weltanschauungen” und “Gesinnungen” (konservativ-liberal, national-international, bürgerlich-proletarisch, links-rechts, usw.) zu machen, anstatt sich auf die wirtschaftlichen Realitäten zu beschränken und den Kern des Problems, die Monopole, anzugehen. Die Folge: Ihre heillose wirtschaftspolitische Verwirrung und ihr Misserfolg.”

    Otto Valentin, aus “Warum alle bisherige Politik versagen musste”, 1949

    Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl das Wissen, um absolute Marktgerechtigkeit herzustellen und damit Wirtschaftskrisen, Massenarmut, Umweltzerstörung, Terrorismus und Krieg generell abzustellen, seit mittlerweile einem Jahrhundert zur Verfügung steht:

    http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/gesell/nwo/

    Alle bis heute bestehenden Vorurteile gegenüber der Natürlichen Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft), die bei genauerer Betrachtung an Naivität kaum zu überbieten sind, beruhen auf dem kollektiven Wahnsinn der Religion, der es den Vorurteilsträgern (Politikern) ermöglicht, in einer religiös verblendeten Masse Bauernfängerei zu betreiben. Um diesen Wahnsinn zu beenden, muss die Religion erklärt und damit wegerklärt werden:

    http://www.deweles.de/files/apokalypse.pdf

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 15. Juli 2012 um 13:48 Uhr

    Hm, wenn ich richtig sehe, besteht dein Beitrag nur aus einigen ziemlich steilen, aneinandergereihten Thesen ohne große Argumente dahinter. Auch den Bezug zu meinem Artikel kann nicht so ganz erkennen – das müsstest Du noch erläutern.
    Für mich sind jedenfalls deine beiden genannten Autoren keine Autoritäten, weshalb sie für mich eine nachvollziehbare Argumentation nicht ersetzen.

    „einfach deshalb nicht, weil sie dem optischen Eindruck erlagen und im Privatbesitz der Produktionsmittel die Ursache der Ausbeutung und im Unternehmer den Ausbeuter sahen“

    Naja, ich als Marxist vertrete da schlicht das Gegenteil:
    Ich glaube, dass Leute wie Gesell, Herr Valentin und Du dem optischen Eindruck erliegen, dass Zins und Bodenrevenue irgendwie schwer verständliche und darum unrechtmäßige Einkommensquellen seien, die letzten Endes das Volk ausbeuten. Davon abgetrennt werden dann die guten Unternehmer – so, als würde es denen nicht genau so um Profit gehen. Selbst der kleine Mittelständler von nebenan beutet seine Angestellten aus.
    Was das „Zins- und Bodenmonopol“ sein soll, verstehe ich noch weniger. Gibt es ein Monopol aller Banken und Bodenbesitzer? Soweit ich sehe, gibt (und gab es auch 1949) sehr viele, die in Konkurrenz zueinander stehen. Eher gab es in dieser Zeit Monopole im Industriebereich. Sehr stark in Deutschland.
    Die Rede von diesem ominösen „Monopol“ hat für mich daher eine klar verschwörungstheoretische Implikation: offenbar muss es ja ein Monopol sein, dass nur im verborgenen existiert.
    Und dann sind wir, der Logik der Sache nach, ganz schnell bei irgendwelchen kruden Spinnereien über Freimaurer, Illuminaten und Juden. Eigtl gibt das Valentin-Zitat – und das 1949! – genau die Naziideologie wieder, wenn man das Wort „Zins- und Bodenmonopol“ gegen „jüdische Weltverschwörung“ austauscht: deutsche Unternehmer und deutsche Arbeiter müssen zusammenhalten gegen das raffende Judentum. Rassenkampf statt Klassenkampf.

    Wobei selbst die Nazis nicht so irrational waren, real Zins und Bodenpacht abzuschaffen. Wie das gehen soll – und trotzdem noch die „Marktwirschaft“ beizubehalten – verstehe ich auch nicht. Für mich ist „Marktwirtschaft“ nicht anderes als ein etwas schönerer Name für Kapitalismus. Oder genauer: sein schöner Schein. Auf dem Markt treffen sich die Kapitalisten, kaufen neue Arbeitskräfte und bieten ihre Waren feil – woher die Waren kaufen (d.h. der Ausbeutungsprozess) ist auf dem Markt nicht mehr kenntlich. Das heißt aber nicht, dass er nicht da ist.

    Nein, für die Marktwirtschaft bzw. den Kapitalismus sind Zins und Bodenpacht konstitutive Bestandteile, die man nicht einfach abschaffen kann, um den „guten Rest“ zu bewahren.
    Nur mal zum Zins:
    Unternehmer sind darauf angewiesen, bei größeren Investitionen nicht darauf zu warten, bis sie genügend Geld angespart haben. Das kann u.U. Jahre dauern – und da auf dem Markt Konkurrenz herrscht, wäre das in jedem Fall zu lang. Daher ist er darauf angewiesen, jemandem zu haben, der ihm in solchen Fällen Geld leiht, damit er seine Produktion starten kann. Dafür beteiligt er den, der ihm das Geld geliehen hat, mit einem bestimmten Anteil des künftig zu erwartenden Profits. Das ist, etwas runtergebrochen, die Quelle des Zinses. Er ist letzten Endes ein Teil des Profits, den der Unternehmer aus der Ausbeutung seiner Angestellten generiert – hat also garnichts mystisches an sich.
    Aus Sicht der Unternehmer ist der Zins, sofern sie ihn zahlen müssen, natürlich ein Ärgernis. Profit will niemand abdrücken – und wenn das Unternehmen nicht so läuft wie erwartet, stehen die Gläubiger vor der Tür. Doch wieso sollen die Arbeiter da mitspielen? Ausgebeutet werden sie von Bankier und Unternehmer gleichermaßen – beides sind Kapitalisten.
    Für die Bodenpacht ließe sich dasselbe aufzeigen: hier ist nichts Willkür, Betrug, Verschwörung etc. Die Bodenpacht ist ein Teil des Profits, der an die Bodenbesitzer übergeht.

    Nein – gelöst werden können all die Probleme des Kapitalismus nur durch eine Aneignung der Produktionsmittel durch die realen Produzenten (=das Proletariat) im Weltmaßstab. Dann gibt es weder Profit noch Zins noch Bodenpacht, sondern einfach Produktion um der Menschen willen. Dass diese Revolution leider nicht ansteht, ist ja das Thema meines Textes.

    Für alles weitere, gebe ich mal ganz ungeniert auch einen Lektüretipp (der sich natürlich nicht nur auf den ersten Band, sondern die gesamte Trilogie bezieht):

    http://www.mlwerke.de/me/me23/

  3. Gravatar Icon 3 Nicolas 15. Juli 2012 um 19:41 Uhr

    Hallo !

    Also ich habe jetzt nur den Artikel gelesen, sonst nichts, beziehe mich also nur auf diesen Inhalt. Also zur Frage des „revolutionären“ Charakters des Nationalsozialismus (und vorher des Faschismus) möchte ich hier nur andeuten, dass der NS siegen konnte nicht einfach aufgrund militärischer Gewalt, sondern dass die NS-Ideologie ihrer Form nach, alle möglichen gesellschaftlichen Klassen und Klassenfraktionen „ansprechen“ konnte d.h. die allgemeinen Entfremdungserfahrungen innerhalb des staatsmonopolistischen Stadiums des Kapitalismus ARTIKULIEREN. Die Ängste, Nöte, Hoffnungen der Menschen etc. wurden faktisch getroffen, obwohl dies natürlich in einer völlig verkehrten, illusionären und vulgär-zynischen Weise geschah. Die Entfremdung wurde nicht aufgehoben, sondern aufs drastischste verstärkt, jedoch verkleidet als die Aufhebung der Entfremdung. Deshalb Scheinrevolution in diesem paradoxen Sinn (diese Problematik verkörpert wahrscheinlich Heidegger am meisten). Meines Wissens nach (ohne jedoch die Stellen im Einzelnen zu kennen), haben besonders Walter Benjamin, Wilhelm Reich und (Ernst Bloch?) und andere den NS in dieser Weise gefasst, indem sie eben die Notwendikgkeit von Freuds Psychoanalyse betonten und in den kritischen Marxismus integrierten. Auch Gramsci als unmittelbares Opfer des Faschismus hat ja genau deshalb seine Hegemonietheorie und seine Theorie vom Alltagsbewusstsein und seinen Befürnissen entwickelt. Die (staliniserten) Kommunisten haben genau dies versäumt, die Frage der Artikulation der psychischen Alltagsbedürfnisse der Menschen (vor allem der Unterklassen). Die Wichtigkeit dieser Problematik muss für jede linke Theorie und Praxis begriffen werden und bleibt virulent, solange die Entfremdungserfahrungen und Krisen etc. nicht aufgehoben sind d.h. solange Kapitalismus in dieser Weise herrscht.

    Jetzt zum letzteren Punkt: Am Anfang dachte ich, deine Kritik läuft auf Adornos „Resignation“ und „Marginalien zu Theorie und Praxis“ hinaus, also zur Kritik an der verbal-revolutionären Rhetorik und am Aktionismus, der die Probleme von Spontanität/Organisation ausblendet und die eigene historische Situation nicht kritisch reflektiert – also das selbstgefällige „Revolutionsgehabe“, das die eigene Ohnmacht nicht eingesteht bzw. die Frage, wie man aus dieser Ohnmacht potentiell wieder rauskommen könnte ! Aber ich hab mich getäuscht. Am Ende wird deine Argumentation sehr konfus, die Konsequenzen fast schon zufällig und vor allem undialektisch. Da es niemals einen „revolutionären Sprung“ aus der Geschichte geben kann – was Marx, Luxemburg und allen kritischen marxisten immer bewusst gewesen ist – steht ja eben die Frage vom Verhältnis Reform und Revolution im Mittelpunkt, in dem Sinne, dass das Eintreten für bestimmte Reformen in dem Bewusstsein der revolutionären Zuspitzung betrieben wird – was wieder die Frage der Hegemonie und einer „kommunistischen Symbolik“ aufwirft, die die Bedürnfnisse der breiten (Arbeiter-) Bevölkerung anzusprechen imstande ist. Die historische Problematik des Revisionismus um 1900 ist also in verschleierter Form immer noch präsent. Revolutionär ist man nicht, wenn man sich so betitelt oder versteht (was wie Adorno gezeigt hat, sogar regressiv werden kann, wenn Praxis blind wird), sondern wenn man es schafft, in der aktuellen Lage das Versprechen der Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit in seiner universellen Dimension angemessen zu artikulieren – dann muss man den Begriff der Revolution nichtmal gebrauchen, ist aber möglicherweise „objektiv revolutionär“. Wobei man auch nicht vergessen darf – dies ist essentiell- zu betonen, dass es einen (wie auch immer komplexen) Klassenfeind tatsächlich gibt. Die Betonung der widerspüchlichen, unversöhnlichen (Klassen-) Interessen ist das Medium revolutionärer Politik und Philosophie.

    Deine Betonung der „konkreten, unmittelbaren“ Resultate wird dadurch letztlich wieder problematisch, da die Kriterien der Praxis völlig willkürlich werden. Dadurch löst man sich von eben dem Spannungsverhältnis und dem realen Problem von Theorie und Praxis, das vorallem der historischen Situation geschuldet ist, in der wir heute leben d.h. nach dem Scheitern der sozialistischen Revolutionsversuche, wie Adorno mehrfach betont hat. Aber nur weil der Begriff „Revolution“ als aktionistischer Mythos fungieren KANN, heißt es nicht, dass man das Ziel und die Frage nach potentiell revolutionärer Praxis und Theorie aufgeben sollte, zugunsten einer falschen Unmittelbarkeit und einem „muss man halt irgendwas kreatives, interessantes, produktives machen“. Wenn man darin verbleiben will, stellt sich die Frage, worin man sich dann noch von einer x-beliebigen bürgerlichen Initiative, Gruppe, Organisation objektiv unterscheidet. Man unterscheidet sich letztlich NUR dadurch, wenn man das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis (die dialektische Methode, wie Lukacs sagt) nicht falsch auflöst und die allgemein-gesellschaftliche Emanzipation/Revolution als höchsten ethisch-politischen Inhalt beibehält (als „regulative Idee“ könnte man in einem eher schlechten Vergleich zu Kant sagen).

    Freue mich auf eine Antwort :)
    Nicolas

  4. Gravatar Icon 4 Thiel Schweiger 16. Juli 2012 um 14:11 Uhr

    Den ersten Teil deines Kommentars nehme ich mal als sehr profunde und wichtige Ergänzung, kann dem eigentlich nur zustimmen.

    Zum zweiten Teil:

    „Revolutionär ist man nicht, wenn man sich so betitelt oder versteht (was wie Adorno gezeigt hat, sogar regressiv werden kann, wenn Praxis blind wird), sondern wenn man es schafft, in der aktuellen Lage das Versprechen der Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit in seiner universellen Dimension angemessen zu artikulieren – dann muss man den Begriff der Revolution nichtmal gebrauchen, ist aber möglicherweise „objektiv revolutionär“.“

    Also ich würde eben den Begriff „objektiv revolutionär“ so verwenden, dass er Bewegungen, Prozesse, politische Praxis bezeichnet, die zur kommunistischen Revolution geführt haben werden. Der „Futur II“ zeigt dabei schon an, dass es sich eben erst im Nachhinein herausgestellt haben wird, was revolutionär war und was nicht.
    Das Problem ist, dass der Lauf der Geschichte heute aus meiner Sicht völlig offen und unklar ist. Es gibt wieder, auch global betrachtet, eine neue Phase teilweise sehr offensiv geführter sozialer Kämpfe, andererseits aber eine fast unangefochtene Hegemonie dessen, was Hardt/Negri als „Empire“ bezeichnen – das Machtzentrum des gegenwärtigen Kapitalismus (ein komplexes Geflecht aus den wichtigen Regierungen, globalen Konzernen, bestimmten weltweit operierenden Instituionen).
    Sicher lassen sich Positionen artikulieren, die dem „Empire“ radikal entgegenlaufen und aus sich selbst heraus auf eine kommunistische Gesellschaft verweisen. Ich finde es auch wichtig und richtig, solche Positionen zu artikulieren. Und es gibt auch gewisse Ansätze der Praxis, die diesen Artikulationen entspricht.

    Doch es scheint mir eben unklar, wie die Artikulationen wirklich zu einer Revolution führen könnten.

    Die adornitische Position erscheint mir demgegenüber keine echte Alternative zum Revolutionsfetisch zu sein. Sie behält ihn bei, macht aber daraus eine „schöne Seelen“-Attitüde, die in praktischer Indifferenz verharrt. Alle Praxis erscheint schlecht – daraus könnte man zugleich den logischen Schluss ziehen, dass es egal ist, was man tut – und man landet beim Opportunismus oder gar Zynismus.

    Vllt ist mein Ausweg etwas rabiat. Ich denke schlicht, man kann das Dilemma nicht auflösen, wenn man sich krampfhaft auf die Revolution fixiert. Es gibt einfach noch andere Kriterien der Praxis – hier käme eben die Ethik ins Spiel. Ich will damit nicht für einen Rückzug aus der Politik argumentieren, vllt war ich tatsächlich in meiner Argumentation zu einseitig. Ich denke, man sollte auch an der Idee der Revolution festhalten. Doch man sollte diese Idee eben nicht als Kompensation benutzen, sondern als produktiven Antrieb.

    Ich bin mir bewusst, dass die Begriffe „Kreativität“ und „Produktivität“, die ich u.a. stark gemacht habe, politisch unterbestimmt sind. Wichtiger ist in diesem Sinne denke ich der Begriff der „Subversion“ – also des Widerstand und des Unter-laufens herrschender Ideologien und Herrschaftspraxen. Darauf solle man eigtl abzielen.

    Letztendlich habe ich diese Überlegungen in Auseinandersetzung mit der Ästhetik entwickelt: es gibt einfach viele großartige, durchaus auch radikal subversive, Kunst, die sich nicht im geringsten aus irgendeiner auch nur subjektiv revolutionären Haltung speist. Zugleich weiß ich nicht, ob Kunstwerke „objektiv revolutionär“ sein können. Es kann in der Kunst eben nicht, oder nur sekundär, um die politische, massenhafte Wirkung gehen. Ich denke, wenn man gute Kunst machen will, muss man sich von einem solchen Ansinnen im Gegenteil frei machen – oder die Wirkungsabsicht als Spannungsfeld fruchtbar machen, im Werk selbst reflektiert brechen.

    (Ok – es gibt auch subjektiv revolutionäre gute Kunst. Doch die ist oft aus ganz anderen Gründen großartig als der Künstler meinte. Eher trotz, nicht wegen, seiner revolutionären Intention.)

    Man kann das aber auch auf die unmittelbare Alltagserfahrung beziehen: ich habe in der Vergangenheit oft erlebt, dass sich gerade Leute, die sich selbst als „revolutionär“ verstehen in der konkreten Praxis wie die letzten konterrevolutionären Arschlöcher verhalten. Und das hat mE sehr viel damit zu tun, dass sie schlicht – in der Praxis . radikale Idealisten sind: ihnen kommt es auf ihr Handeln garnicht so sehr an – es ist, weil ihr Wille ja revolutionär ist, a priori selbst revolutionär, egal was sie tun. Oder sie leiden eben darunter, dass es nicht revolutionär sein kann – dann kann das aber kein Handeln sein und es ist (s.o.) egal, was man tut.
    Ich habe bei mir selbst umgekehrt phasenweise auch gesehen, dass ich in so eine Richtung abdrifte – deshalb dieser Text – auch als Selbstkritik!

    Man muss sich einfach bei seinen Handlungen, Projekten, Werken etc. nicht fragen, ob sie revolutionär oder nicht sind. Man muss einfach seine Sache möglichst gut machen – man muss sich in seinen eigenen Produktionen wiedererkennen können. Wenn es noch so etwas wie eine Vernunft in der Geschichte gibt, folgt daraus automatisch, dass diese Handlungen dann revolutionär sind.

    (Diese minimale Ethik impliziert natürlich auch eine radikale Kritik am Kapitalismus – der zwingt uns ja schließlich, dauernd Dinge zu machen, in denen wir uns nicht wiedererkennen können, bei denen es nicht darauf ankommt, sie möglichst gut, sondern möglichst markttauglich zu machen. Es handelt sich dabei um eine Schein-Produktivität und Schein-Kreativität, womöglich gar um eine Schein-Subversion.
    Zugleich ist sie allen Kompensationsideologien entgegengesetzt: Wer Du bist, definiert sich über deine konkrete Praxis. Daraus folgt auch, dass man nicht einfach „mitspielen“ kann und sich dann darauf herausredet, dass man ja „eigentlich“ jemand ganz anderes sei.)

  5. Gravatar Icon 5 Thiel Schweiger 16. Juli 2012 um 14:21 Uhr

    Achja, eine Nachbemerkung noch:

    Natürlich beinhaltet der Begriff der Praxis auch immer ein Moment des subjektiven Selbstverständnisses des Handelnden. Es ist natürlich etwas anderes, seine Brotjob unaufrichtig als Medium der Selbstverwirklichung zu begreifen oder ihn widerwillig zu tun. Doch solange dieser Widerwille ohne reale Konsequenzen bleibt, ist er eben rein innerlich-abstrakt.

    Was mich darüber hinaus bei vielen „revolutionären Linken“ stört ist ihre Feindseligkeit gegenüber kreativ-künstlerischen Projekten – da die eben nicht revolutionär genug seien. Dabei wird eben ausgeblendet, was es heute real heißen kann, „revolutionär“ zu sein – und wie „revolutionär“ die eigene Praxis ist. Da sind mir eben die Künstler oft lieber als die Politikanten und Theoretiker, die jeglichen kreativen Impuls in sich niederhalten.

  6. Gravatar Icon 6 Nicolas 18. Juli 2012 um 14:06 Uhr

    Hallo Thiel, danke für deine lange Antwort !

    Ich werde meine Beiträge jeweils bei dir auf dem Blog posten und dann nochmal extra über den Playtypus Verteiler Deutschland, den du meines Wissens nach jetzt auch einsehen kannst. Ist das in Ordnung für dich, wenn wir unsere Diskussion dort abbilden und quasi „öffentlich“ machen (was bedeutet, dass sich auch andere beteiligen könnten) ? Ich denke schon, oder ?

    Zunächst: Ich glaube, dass du Adorno da falsch verstanden hast, wenn du ihm eine „Indifferenz“ gegenüber aller Praxis d.h. letztlich einen Relativisismus vorwirfst. Ihm geht es doch genau um den Punkt der Unterscheidung, wo sich „Pseudo-Aktivität“ (d.h. selbstgefällige Revolutionsfetischisierung, abstrakt-anarchistische Spontanität etc.) von „authentischer“, problembewusster marxistischer Praxis trennt. Und da letztere mit dem Scheitern der russischen Revolution und spätestens dem nationalsozialistischen Weltkrieg „gestorben“ ist, stellt sich heute eben die Frage, wie können wir aus diesem Scheitern lernen ? Aber nicht indem wir irgendetwas „Drittes“ uns ausdenken (das hat es ja zugenüge gegeben und gibt es immer noch) z.B im Sinne von „anti-autoritärer“ Kleingarten-Utopie, „demokratischer Sozialismus“ der Nachkriegs-SPD etc. Sondern in genau der Weise, wie die radikalen Marxisten das Verhältnis von Reform und Revolution begriffen/ problematisiert haben, damit das reale Spannungsverhältnis dieser beiden „Pole“ nicht zugunsten einer Seite aufgegeben wird. Im einen Fall landen wir beim Revolutionfetisch, im anderen bei schlecht-reformistischer Politik, die heute nichtmal „reformistisch“ ist, sondern letztlich darauf hinaus läuft „den Staat kapitalisisch zu verwalten“ d.h. den Sachzwängen zu gehorchen und das zu machen, was jede andere Partei in dieser Position auch machen würde.

    Indem du sagst, dass sich erst „nach“ „der Revolution“ herausstellten wird, was „revolutionär“ war und was nicht, machst du aus der Revolution selbst wieder einen abstrakten Fetisch, als würde die Revolution von alleine kommen oder nicht. In Wirklichkeit gibst du alle Kriterien auf, die uns im hier-und-jetzt Handlungsorientierung geben könnten im Sinne von potentiell revolutionärer Praxis. Natürlich kommt die nicht unmittelbar, sondern muss erstmal innerhalb der Linken ausgehandelt werden. Es geht ja in der aktuellen historischen Situation darum, sich erstmal wieder die theoretischen und praktischen Bedingungen revolutionärer Praxis anzueignen. Diese Aneignung muss aber eine kollektive und möglichst breit gefächerte sein, die große Teile der bestehenden Linken in ihrem Selbstverständnis und ihre Fähigkeit zur Kritik bereichert und letztlich nur durch einen kritischen und ehrlichen Transformationsprozess gelingen kann. Das Spannungsverhältnis von Reform/Revolution, von Theorie/Praxis und von Spontanität/Organisation muss als solches wieder bewusst gemacht und wenn möglich „institutionalisiert“ werden.

    Was ich heute allerorten sehe, ist eine -natürlich nie zugegebene- Resignation, die sich aber als Ultra-Aktivität einkleidet. Das Adorno-Bashing oder chronische Missverstehen seiner Position bestätigt meist nur die Wahrheit von Adornos Kritik. Wer nicht aufgehört hat über die eben genannten Spannungsverhältnisse nachzudenken und auch bereit ist, sie politisch zu debattieren, der hat NICHT resigniert, denn nur der kann überhaupt wahrhafte Änderung ermöglichen und verweist über die bestehenden Scheinalternativen hinaus. Hier empfehle ich einfach nochmal, den Essay „Resignation“ und die „Marginalien zu Theorie und Praxis“ ausführlich und konzentriert zu lesen (diese Empfehlung an alle, die es noch nicht getan haben; beide sind in Kulturkritik und Gesellschaft II zu finden).

    Zitat Thiel:
    „Man muss sich einfach bei seinen Handlungen, Projekten, Werken etc. nicht fragen, ob sie revolutionär oder nicht sind. Man muss einfach seine Sache möglichst gut machen – man muss sich in seinen eigenen Produktionen wiedererkennen können. Wenn es noch so etwas wie eine Vernunft in der Geschichte gibt, folgt daraus automatisch, dass diese Handlungen dann revolutionär sind.“

    Natürlich ist es jedem überlassen, wie man sich sein „invididuelles Glück“ zurecht schustert. Man kann sich in das Private zurück ziehen und seine invidualistisch-privatistische „Ethik“ gestalten (das wäre im klassischen Sinne nichtmal „Ethik“). Nur: Dann hat man das Politische aufgegeben. Und selbst wenn es irgendwie, wie du vorschlägst, nebeneinander stehen soll, dann ist auch unklar, wie ? Ethik im bürgerlich-aufklärerischen Sinne, wie bei Kant am klarsten zu sehen, liegt doch gerade darin begründet, das Individuelle mit dem Allgemein-Gesellschaftlichen zusammen zu denken. Die Frage ist, wie und wo sich Ethik und Politik dem Anspruch nach zu einer Einheit zusammen schließen ? „Meine“ Antwort ist: In der Forderung, dass ethische Prinzipien (Freiheit, Gleichheit etc.) universell gültig sein sollen, werden sie politisch bzw. politisiert. Weil sie dann -und nur dann- den Menschen als Individuum und Gattungswesen, als Einzelnen und als soziales Wesen gleichermaßen ansprechen. Es ist doch gerade zu vermeiden, die Atomisierung der Menschen dadurch zu verstärken, indem man die Ethik auf das Private reduziert !

    Und zu der „Vernunft in der Geschichte“: Ist es nicht gerade der marxistische Begriff von Geschichte, der die Vernunft von einem metaphysischen Prinzip zur praktisch-politischen Potenz wirklich-handelnder Menschen „runterschraubt“ ? „Vernunft“ gibt es doch nur insofern (dies wiederholt auch Horkheimer an vielen Stellen) die wirklichen Menschen, also „wir“ in der Lage sind, uns über uns selbst und die Wirklichkeit aufzuklären und -womit wir wieder am Ausgangspunkt wären- revolutionäre Perspektiven und Organisationsformen praktisch auszuhandeln fähig sind. Dass du auf „die Vernunft“ in ihrer verdinglichten Form zurückgreifen musst (als Hoffnung auf „die Geschichte“ als „Automatismus“), ist meiner Ansicht nach nur die notwendige Folge davon, dass „Praxis“ individualistisch und willkürlich wird, wenn sie nicht -wenigstens dem Anspruch nach- in den größeren Aushandlungsprozess innerhalb der (revolutionären) Linken gestellt wird.

    Ich bin der Meinung, dass die Konzepte „Subversion“ und „Widerstand“ für sich genommen, gerade diese Abkehr vom Politischen in seiner universellen Dimension wiederspiegeln. Sie sind quasi nichts anderes wie individualistische Moral auf einer kollektiven Ebene d.h. Praxis, die sich den Anschein des Politischen gibt (was nicht heißt, dass sie nicht auch ihrem eigenen Anspruch nach „erfolgreich“ oder „sinnvoll“ sein kann).

    Um Missverständnissen zuvor zu kommen: Ich habe nichts gegen ästhetische Formen von Kritik, Kunst etc. Ich halte diese Momente sogar für äußerst wichtig, um Entfremdungserfahren zu politisieren d.h. zu versinn-bildlichen auf einer nonverbalen und vielleicht auch a-rationalen Ebene.
    Nur der oft gefeierte Rückzug und die Glorifizierung dieser Form der Praxis als isolierte, greift meiner Ansicht nach viel zu kurz.

    Und als letztes: Wäre es nicht gerade die Aufgabe, zu überlegen, wie diese Erfahrungen entfremdeter Arbeit (der Produzent wird vom Objekt (Kapital) beherrscht, wie Marx in den Manuskripten erläutert) so artikuliert werden könnten, dass das Klassenverhältnis darin zum Vorschein kommt ? Vielleicht ist gerade hier die Kunst wichtig, weil „das Kapital“ und die „Klasse“ eben nicht unmittelbar erscheinen, sondern sinnlich und begrifflich vermittelt werden müssen. Hier würde ich zustimmen und sagen, wer hier auf Kunst etc. verzichtet, gibt eine ganze Dimension preis (ich will aber auch nicht sagen, dass Kunst nur Instrument der Politik sein soll…). Es ist ein Unterschied ob Kunst politisch ist, oder ob Kunst in der Politik aufgeht (Stichwort: „Totalitarismus“).

    Sorry, wenn dir die Antwort zu lang ist…

  7. Gravatar Icon 7 Nicolas 18. Juli 2012 um 14:22 Uhr

    es heißt natürlich: Platypus

    (habe recht schnell geschrieben, deshalb die vielen Fehler)

  8. Gravatar Icon 8 Thiel Schweiger 20. Juli 2012 um 0:27 Uhr

    „Ich werde meine Beiträge jeweils bei dir auf dem Blog posten und dann nochmal extra über den Playtypus Verteiler Deutschland, den du meines Wissens nach jetzt auch einsehen kannst. Ist das in Ordnung für dich, wenn wir unsere Diskussion dort abbilden und quasi „öffentlich“ machen (was bedeutet, dass sich auch andere beteiligen könnten) ? Ich denke schon, oder ?“

    Das ist kein Problem. Öffentlich ist die Debatte ja schon jetzt und ich denke bzw. hoffe, sie ist niveauvoll genug, dass es ja nur nutzen kann, wenn möglichst viele interessierte Leute sie verfolgen oder sich auch aktiv beteiligen. (Wobei ich mir dann wünschen würde, dass diese Kommentarspalte der Hauptaustragungsort ist – so hat eben wirklich prinzipiell jeder die Möglichkeit sie zu verfolgen.)

    Das erstmal zu diesem formellen Punkt. Über meine inhaltliche Antwort muss ich mir erst klarere Gedanken machen, da Du tatsächlich einige gute Punkte bringst.

  9. Gravatar Icon 9 DWR 24. Juli 2012 um 22:35 Uhr

    Schlimmer Text – no offense.

    1. Das mit dem Himmel und den Spatzen ist niemals kein „Volkslied“ nicht, sondern aus einem Gedicht von Heine.

    2. Realismus, Pessimismus usw. sind überhaupt keine diskutablen Kategorien, weil die jeder mit seiner unbegründbaren Meinung füllen kan, was den so real, realistisch, wahrscheinlich oder sonstwas ist. Alles nur Gewaber!

    3. Die „Weltrevolution“: ach, Gott, das klingt nach der Vorstellung, dass man auf die Barrikaden geht ein paar Monate, und dann ist der ganze Planet verändert. So natürlich nicht! Sondern…

    4. „Auf die Wirklichkeit des Handelns kommt es an – und da sehe ich nicht, wie man ernsthaft behaupten kann, seine eigene Praxis wäre objektiv revolutionär in dem Sinne, dass sie zum Kommunismus führt.“ Ich sehe das sehr wohl: die eigene Praxis – und nur die eigene, denn die Praxis der anderen kann ich nicht betreiben – ist genau dann revolutionär, wenn sie ganz einfach versucht – garantieren kann man nichts – an einer Kausalkette zu stricken, die zum Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse führt – und zwar egal, AN WELCHER STELLE DIESER KETTE, also egal, ob man sich erst die politökonomische Lage selber klar macht, sie anderen erklärt, die Erklärungen publiziert, den gesellschaftlichen Raum für solche Erklärungen erweitert, damit in die Praxis geht und…

    5. streikt z.B.! Denn auch Lohnkämpfe sind Klassenkämpfe. Auch demokratische Rechte und Möglichkeiten auszuschöpfen, nach Engels die „Luft zum Atmen“ (oder so ähnlich) der revolutionären Klasse, ist eine revolutionäre Praxis. ALso: die muss nicht sofort oder monokausal zur Abschaffung des Kapitalismus führen; das geht nicht auf so kurze Distanz bei einem derart komplexen gesellschaftlichen System; dieser Kampf hat viele Nebenschauplätze und an denen die Position der zu befreienden Klasse in zunehmen – und nicht die des Kapitals und nicht gar keine! – das ist schlicht und fein revolutionäre Praxis.

  10. Gravatar Icon 10 Thiel Schweiger 29. Juli 2012 um 23:10 Uhr

    „1. Das mit dem Himmel und den Spatzen ist niemals kein „Volkslied“ nicht, sondern aus einem Gedicht von Heine.“

    Stimmt. Kenne das Zitat aus „Die Zukunft eine Illusion“, wo Freud aber Heine nicht namentlich erwähnt. Ich habe nicht nochmal nachrecherchiert, woher es nun genau stammt.

    Zum Rest schreibe ich mit mehr Muße …

  11. Gravatar Icon 11 LW 02. August 2012 um 21:58 Uhr

    „Natürlich beinhaltet der Begriff der Praxis auch immer ein Moment des subjektiven Selbstverständnisses des Handelnden. Es ist natürlich etwas anderes, seine Brotjob unaufrichtig als Medium der Selbstverwirklichung zu begreifen oder ihn widerwillig zu tun. Doch solange dieser Widerwille ohne reale Konsequenzen bleibt, ist er eben rein innerlich-abstrakt.“ (Schweiger)

    Ach du Scheisse.
    Dabei wäre im Gegenteil gerade das, was Du nur als „Selbstverwirklichung“ kapieren kannst, in der Tat revolutionär.

    Gute Pointe am Rande: lavache gegen Selbstdarstellung/-verwirklichung, pro Begründungen/Argumente und für „sich negativ gegen seine Lohnarbeit stellen, aber trotzdem weitermachen“.

    Man denke nicht, diese spezifische Dummheitspest träfe nur die GSP-Opfer.

  12. Gravatar Icon 12 Thiel Schweiger 02. August 2012 um 22:33 Uhr

    „Gute Pointe am Rande: lavache gegen Selbstdarstellung/-verwirklichung, pro Begründungen/Argumente und für „sich negativ gegen seine Lohnarbeit stellen, aber trotzdem weitermachen“.“

    Im Gegenteil: für Selbstverwirklichung. Sie muss nur aufrichtig sein und keine nur eingeredete.

  13. Gravatar Icon 13 Thiel Schweiger 03. August 2012 um 9:10 Uhr

    @ Nicholas:

    So, nun die lang hinaus geschobene ausführliche Antwort:

    Gut, mir ist klar, dass man zwischen Adorno und dem, was einige Adorniten aus ihm machen, differenzieren muss. Ich denke aber, dass diese Tendenz auch in seinen Texten angelegt ist. (Ähnlich, wie es natürlich aus Marcuses Texten nicht folgt, Esotiker zu werden – etliche damalige Marcusianer es aber heute sind.)

    Ich habe den Eindruck, Du weichst dem von mir gestellten Problem aus, in dem Du wie einen deus ex machina „die Linke“ als Instanz einführst, die über die Kriterien einer revolutionären Praxis entscheidet. Doch mein Argument trifft doch, wenn es zutrifft, nicht nur auf einzelne, private Subjekte, sondern auch auf Kollektivsubjekte zu! Du gehst anscheinend davon aus, dass das Kollektivsubjekt näher am Strom der Geschichte ist als der Einzelne und es daher sinnvoll ist, sich auf das Kollektiv zu verlassen. Aber dafür gibt es keine Garantie, das Kollektiv ist genauso fehlbar.
    Entweder das, und dann ist das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben, oder wir sind wieder bei der lenistischen Avantgardepartei, die quasi per definitionem den Lauf der Geschichte kennt und unfehlbar darüber entscheidet, was revolutionär ist und was nicht.

    Zur Kritik an meiner Rede von „seine Sache möglichst gut machen“:

    Der springende Punkt ist vermutlich „seine Sache“. Also nicht einfach irgendwas, sondern das, was man selbst als „seine Sache“ betrachten kann.
    Allerdings ist das nur der erst provisorische Schritt und löst die Probleme in der Tat nicht zufriedenstellend. Ich würde ja auch sagen: das Problem ist nicht lösbar wegen dem Dualismus subjektiver Intention und objektiver Kausalität. Das ist natürlich nicht nur ein philosophisches, sondern zu allererst ein geradezu banales praktisches Problem. Die Revolutionsfixierung gibt darauf eine leichte, allzuleichte Antwort. Mehr will und kann ich im Augenblick garnicht sagen, deshalb ist mein positiver Gegenentwurf vllt so abstrakt und kann in der Tat so gedeutet werden, als würde ich dem „Idiotismus“ (im griechischen Sinne) das Wort reden. Ich glaube jedoch, zu einem solchen „Idiotismus“ führt eher die Revolutionsreligion.

    Kürzlich hat etwa ein Bekannter von mir, ein Hohepriester der Revolution, öffentlich seine Freude über den Tod eines verstorbenen Kommunisten bekannt gegeben, weil dieser Kommunist trotz seines Selbstverständnisses die Revolution verraten habe. Aus dieser Bekundung folgt, dass es gerechtfertigt gewesen wäre, diesen Kommunisten zu töten im Sinne der Revolution. Und warum hat dieser Kommunist die Revolution verraten? Weil er Marx in einigen Punkte korrigierte und kritisierte. Daraus folgt: wer Marx buchstabengetreu folgt, ist auf der Seite der Revolution, wer es nicht tut, nicht. Was könnte ein willkürlicheres, religiöseres und abstraktes Kriterium sein? Und trotzdem dient er zur Rechtfertigung des Mordes!

    Die Logik dahinter ist doch genau: im Namen der Revolution ist jedes Mittel recht, sogar der Mord. Ein Tod ist kein tragisches Ereignis mehr, sondern ein freudiges, wenn er den richtigen trifft.

    Man kann diesem Bekannten nun vorwerfen, die Revolution nicht richtig verstanden zu haben oder sich bei der Beurteilung dieses einen Menschen getäuscht zu haben. Doch das greift mE zu kurz: die Logik der Revolutionsreligion rechtfertigt genau ein solches Verhalten, weil sie an die Stelle einer widerständigen Ethik, die in ihren Prämissen davon ausgehen muss, dass Mord und Tod absolute Übel sind (selbst wenn die Lage so schlecht sein mag, dass der Mord unvermeidbar ist, um schlimmere Morde zu verhindern) einen radikalen Historismus setzt, in dem nichts wahr und alles erlaubt ist.

    Dieser Historismus speiste sich zu Marx‘ Zeiten aus der Hoffnung, die Revolution würde unmittelbar bevorstehen und es gälte nur, eine reaktionäre Kräfte zu bekämpfen, die dem Fortschritt im Wege stehen. Heute erscheint diese Perspektive nicht mehr gangbar. Wer an ihr trotzdem festhalten möchte, ist doch genau zu solchen Denk- und Verhaltensweisen wie mein Bekannter geradezu gezwungen. Er ist eben, weil er sich dazu entschlossen hat, a priori auf der Seite der Revolution, des Fortschritts und von Marx. Wer anders über diese Dinge denkt, hat nicht einfach eine andere Meinung, sondern ist darum Feind der Revolution – und das nicht aus menschlicher Fehlbarkeit, sondern weil er sich bewusst dazu entschlossen hat. Deshalb muss man ihn hassen und vernichten.

    Psychologisch betrachtet steht hinter solchen Exzessen natürlich gleichzeitig die Verbitterung nach jahrzehntelangem erfolglosem Kampf – doch was zählt schon dieser Misserfolg, was zählen schon die individuellen Verhaltensweisen, wenn wir doch auf der Seite der Revolution stehen?

    So funktioniert dieses Ressentiment mE. Ist natürlich ein Extrembeispiel, aber liegt doch genau auf der Linie Lenin – Stalin – Mao – Pol-Pot, die es mE endlich einmal konsequent zu verlassen gilt.

    Zur Kunst:

    Ja, da haben wir glaube ich keinen großen Gegensatz. Ich glaube, dass interessante an der Kunst zur Thematisierung entfremdeter Arbeit ist, dass sie wohl die einzige Tätigkeit ist, die in ihren Produkten die eigene Entfremdung (die natürlich ein Spezialfall der allgemeinen ist) selbstreflexiv thematisieren kann. Ein interessantes aktuelles Beispiel dafür ist die „dialektik (Anti-)Kunst“ Francesco Matarreses (der freilich bei der jetzigen „Doumenta“ ein Ehrenplatz zukommt, die aber mE trotzdem extrem subversiv ist).

  14. Gravatar Icon 14 Thiel Schweiger 03. August 2012 um 11:57 Uhr

    @ DWR:

    „2. Realismus, Pessimismus usw. sind überhaupt keine diskutablen Kategorien, weil die jeder mit seiner unbegründbaren Meinung füllen kan, was den so real, realistisch, wahrscheinlich oder sonstwas ist. Alles nur Gewaber!“

    Nein, Realismus, Pessimismus etc. sind ja keine begründeten Denkresultate, sondern Haltungen zur Welt. Während der Pessimist die Perspektive der Hoffnung einnimmt, nimmt der Pessimist die der Verzweiflung ein. Der Realist versucht die Welt ohne jede Haltung, so, wie sie einfach ist zu betrachten. Das Problem ist hierbei, dass dem Realist gerade durch diese Ausklammerung Teile der Realität, die er doch gerade begreifen will, entgehen. Er wird so zudem handlungsunfähig, da sich Handlungen muss zu einem gewissen Grad immer aus Hoffnung nähren (und Nicht-Handeln aus Verzweiflung).

    Ansonsten:

    Du definierst einfach revolutionäre Praxis als subjektiv revolutionäre Praxis getragen von einer bestimmten Hoffnung. (Bist also Optimist). Damit fällst Du aber genau unter die von mir kritisierte Position – man versteht dann garnicht mehr, was „revolutionär“ eigtl heißen soll, wenn es nichts weiter als eine subjektive Haltung beschreibt.

  15. Gravatar Icon 15 LW 03. August 2012 um 17:12 Uhr

    „Der Realist versucht die Welt ohne jede Haltung, so, wie sie einfach ist zu betrachten.“

    Du bist doch endgültig irre. Als sei Realismus keine Haltung. Realist ist, wer sowohl Möglichkeiten als auch Notwendigkeiten des Stands der Weltentwicklung erkannt hat, aber – im Gegensatz zu Optimisten, Idealisten, Utopisten – die Realität mit der Würde behandelt, die ihr als einzige zur Wirklichkeit gewordenen Option zusteht und somit auch von dieser – und nicht, wie die Idealisten, Optimisten, Utopisten von ihrem Ideal, ihrer Utopie etc. – ausgeht, wenn er sich zum Status quo und den Möglichkeiten der Welt äußert.

    Ich z.B. bin Realist – da werd ich ja wohl am besten wissen, was das heisst.

  16. Gravatar Icon 16 Thiel Schweiger 03. August 2012 um 20:57 Uhr

    Keine Haltung einzunehmen zu versuchen ist natürlich selbst auch eine Haltung.

    Ja – ich glaube in diesem Sinne versuche ich auch Realist zu sein. Aber ich würde sagen, dass es einen ideologischen, die Möglichkeiten ausklammernden, und einen (wenn man so will) „revolutionären“ Realismus gibt – der erst der wahrhafte ist.

    Willkommen im Club, Genosse. *handreich*

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