Dreiundzwanzig vorläufige Thesen zur emanzipatorischen Rolle der Kunst heute

Inspiriert von Kunst – Erkenntnis – Problem, einer Kunsttagung in Frankfurt und der Documenta, einer Kunstausstellung in Kassel.

1. Kunst im minimalsten Sinne ist Materie, in der der Geist in materialisierter Form enthalten ist.

2. Wie schon Hegel zeigte, enthält dieser Begriff die Selbstaufhebung der Kunst, da sich der Geist letztendlich in aller Materie wiederfinden kann.

3. Diese Selbstaufhebung hat einen Punkt erreicht, an dem es zwischen Kunst und Nicht-Kunst keinen Unterschied gibt. Alles ist Kunst, „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys). Beuys fügt diesem Satz jedoch hinzu, dass er nicht so sehr eine Faktizität als vielmehr eine Möglichkeit, ein in jedem Menschen angelegtes Potential bezeichnet.

4. Gute Kunst, Kunst im emphatischen Sinne, sind solche Objekte, die einen wirklich substantiellen geistigen Gehalt aus einem Selbstzweck heraus zur sinnlichen Erscheinung bringen. Die Kunst ist darum primär ein Medium der Selbsterkenntnis des Geistes, der Theorie (das jedoch in sich zugleich stets praktisch ist).

5. Gegen Hegel ist festzuhalten, dass, ebensowenig wie die bürgerliche Gesellschaft das Ende der Geschichte markiert, die Totalität des Geistes in der Form des Begriffs erfasst werden kann. Die Kunst ist demgemäß nicht aufgehoben. Wer eine Praxis der Theorie fordert, ohne die Produktion und Rezeption von Kunst als konstitutiven Teil einer solchen Praxis heute anzuerkennen, postuliert einen kopflosen Engel.

6. Die Lüge ist die Kunst als getrennte Sphäre, als Angelegenheit von Spezialisten, ebenso wie ihre falsche Aufhebung in der allgemeinen Ästhetisierung der Lebenswelt, ebenso wie die Philosophie als Angelegenheit und Eigentum weniger die Lüge ist.

7. Die Trennung ist nur insofern wahr, als dass die Kunst, wie die Philosophie, vollständig autonom sein muss, um ihrem Ziel, ungeschmälerter Erkenntnis, gerecht zu werden. Jeder Versuch, die Kunst zu moralisieren oder zu politisieren, ist darum entschieden abzuweisen und dient nur der Ideologie, denen, die vor der ungeschmälerten Erkenntnis Angst haben. Eine andere Sache ist ihre begriffliche Theoretisierung, sofern sie der Autonomie der Kunst eingedenk bleibt. Jede authentische Theorie der Kunst muss freilich aus sich selbst heraus anerkennen, dass sie gegenüber der Kunst unvollkommen bleibt – ebenso, wie die Kunst gegenüber der Theorie unvollkommen bleibt. (Dies markiert einen produktiven Streit, der eine objektive Aporie markiert – weder lässt sich der geistige Gehalt eines ernsthaften Kunstwerks in Begriffe fassen noch ernsthafte Begriffe in sinnlicher Gestalt materialisieren – daraus ergibt sich eben die Notwendigkeit, sowohl Künstler als auch Philosoph zu sein. Es kommt auf die wechselseitige Erhellung an. Die Zurückweisung jeder Politisierung und Moralisierung gilt für die Philosophie gleichermaßen. Wobei Politisierung und Moralisierung jeweils auch produktiv sein können, solange sie der Erkenntnis dienen und nicht absolut werden.)

8. Diese Lüge lässt sich jedoch nicht „unmittelbaristisch“1 überwinden, indem einfach ein Verbot der Produktion von Kunst und ihrer emphatischen Rezeption gefordert wird. Dies bedeutete nichts weiter als schlechte Askese. Solange es den Communismus nicht gibt, ist die Kunst das beste, was wir haben, weil in ihr, als materialisiertem Geist und vergeistigter Materie, allein die mögliche Versöhnung von Subjekt und Objekt, die Aufhebung der Entfremdung, fasslich gemacht werden ohne je wirklich sein zu können.
(NB: Gleiches gilt für die Philosophie, betrieben als Philosophie im emphatischen Sinne, d.h. nicht als bloße Metareflexion der empirischen Wissenschaft, sondern als eigenständige Erkenntnisform, die radikal subjektiv und begrifflich verfährt und sich der Kunst so aus sich selbst heraus bis zur Ununterscheidbarkeit annähert.)

9. Dieser Mangel an Wirklichkeit, diese Abgetrenntheit, ist der wesentliche Mangel aller Kunst hier und jetzt. Doch über diesen Mangel muss die Kunst nicht äußerlich belehrt werden – sie schreit selbst nach ihrer eigenen Aufhebung.

10. Die Askese bezüglich der Kunst ist insofern wahr, als dass mit der Versinnlichung des Geistes immer auch der falsche Schein verbunden ist, die Entfremdung wäre schon aufgehoben. Doch das muss man die fortgeschrittene Kunst nicht äußerlich lehren, das ist in ihr schon reflektiert. Sie zeigt somit gleichzeitig die Versöhnung und ihre Abwesenheit.

11. Wenn alles Kunst ist, ist es erst recht jeder theoretische Text, allgemeiner jede praktische Betätigung. Es käme darauf an, nicht nur Kunst zu rezipieren und zu produzieren (als „Kunst“ in der Trennung), sondern in jeder theoretischen und praktischen Betätigung ein ästhetisches, d.h. künstlerisches Bewusstsein zu bewahren.

12. Das hat nichts damit zu tun, besonders „geschmackvoll“ oder „subjektivistisch“ sein zu wollen. Ernsthafte Kunst hat nichts (oder nur sehr sekundär) mit „Geschmack“ oder „Subjektivismus“ zu tun. Viel eher geht es um das ernsthafte Spiel und die bewusste, sensible, nuancierte Auseinandersetzung mit dem sinnlichen, obektiven Material in seiner subjektiven Vermitteltheit. Kunst ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Problem, was es heißt, etwas zu tun, etwas wahrzunehmen und etwas zu schaffen (und unterscheidet sich somit in nichts von der Philosophie). Das Wesentliche ist, ein nuanciertes Bewusstsein von der Form zu gewinnen.

13. Das ist der Ausgangspunkt einer Ethik jenseits von Gut und Böse – da die Kunst ihrem Wesen nach amoralisch ist.

14. Was all das heißt, müsste noch ausgeführt werden. Jedenfalls ist der Trugschluss zu vermeiden, Kunst und Kunstbetrieb in eins zu setzen, sei es affirmativ oder kritisch gemeint.

15. Die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft ist bestrebt, das ästhetische Vermögen jedes Menschen, seine Kreativität, Emotionalität und Spontanität, zu integrieren und für ihre Zwecke zu mobilisieren. Dieser Mobilisierung zu entgehen und ihr eine unversöhnliche Richtung zu geben ist die emanzipatorische Aufgabe der Kunst heute. Jede authentische ästhetische Produktion oder zumindest das Begehren nach ihr inmitten einer völlig ästhetisierten Lebenswelt ist somit in einem eminenten Sinne revolutionär. Es ginge im Mindesten darum, die Dinge anders und bewusster zu tun und wahrzunehmen als man es gewohnt ist, ohne diesen kreativen Impuls in den Dienst der Herrschaft zu stellen, die auf ihn angewiesen ist, um eine künstliche Lebendigkeit zu bewahren.
Für die Rezeption heißt das, die Dinge möglichst unverstellt so wahrzunehmen wie sind – jedoch jenseits jedes Mythos vom unmittelbar Gegebenen, sondern gerade durch ihre subjektive Vermittlung hindurch. In dieser bewussten Rezeption zeigt sich zugleich die Differenz von subjektives Projektion und objektiver Gegenbenheit des Gegenstands. Für die Produktion heißt es, Dinge zu schaffen, die um ihrer selbst willen da sind, die für sich stehen – seine Sache möglichst gut zu machen, weil es seine Sache ist und nicht, weil man muss.
In der wirklichen künstlerischen Produktion fallen beide Pole in eins.

16. Das Ziel jenes Impulses ist eben die Aufhebung der Entfremdung. Er ist das Leben selbst.

17. Dieses Begehren ist der Kern jedes radikalen Bedürfnisses. Es enthält in sich die radikale Negation des Bestehenden, da es, selbst wo es partiell gelingt, schon sein eigenes Scheitern in sich trägt und ausspricht.

18. Falsch wird die Kunst, wenn sie Trost wird. „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. — Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ (Friedrich Nietzsche) Doch selbst im Gebrüll des Gemarterten liegt noch ein letzter Rest von Trost. Die authentische Kunst bewährt sich gerade darin, diesen Trost, diese schlechte Kompensation zu verweigern und so erst wirklich produktiv, schöpferisch zu sein – ohne doch je aufhören zu können, so etwas wie Glück zu versprechen. Selbst in der Rezeption des unnahbarsten, negativsten Werks liegt ein Genuss, und selbst wenn er in nichts anderem als der bestimmten, sinnlich fasslichen Einsicht in die Negativität liegt. Das ist eine weitere Aporie.

19. Es ist nicht möglich, Kunst zu machen.

20. Es ist nicht möglich, keine Kunst zu machen.

21. Man soll keine Kunst machen.

22. Man muss Kunst machen.

23. to be continued

  1. Um eine Phrase der linksbornierten Kunst“kritik“ in polemischer Absicht zu entwenden. [zurück]

5 Antworten auf “Dreiundzwanzig vorläufige Thesen zur emanzipatorischen Rolle der Kunst heute”


  1. Gravatar Icon 1 Cyrano 14. August 2012 um 21:04 Uhr

    Na dann. In These 15 läuft ja beinahe alles zusammen. Da ist dann die „authentische“ ästhetische Produktion „revolutionär“. „Authentisch“ ist dann wohl im Sinne der vorherigen Thesen alles, was sich dagegen sträubt, dass Kapitalismus „Kreativität, Emotionalität und Spontanität“ integriert und für seinen Zweck mobilisiert. Kreativität und Spontanität, vor allem. Letztlich wird hier Kunst doch gegen alle selbst hervorgebrachten Einwände zum Zweck des „revolutionären“, so eben:

    „Es käme darauf an, nicht nur Kunst zu rezipieren und zu produzieren (als „Kunst“ in der Trennung), sondern in jeder theoretischen und praktischen Betätigung ein ästhetisches, d.h. künstlerisches Bewusstsein zu bewahren“

    ,und das verbrämt in einem Jargon, der statt Eigentlichkeit Authentizität in der hiesigen Definition setzt. Das „es käme darauf an“ zielt ja auch auf nichts anderes als auf die Verschmelzung von Ästhetik und Lebensrealität, im falschen Ganzen immer reaktionär. Und alldieweil wird an keiner Stelle bedacht, dass die Warenform, relativ gleichgültig gegenüber ihrem Inhalt, derzeit noch am ehesten Kunst ermöglicht, was zugegeben traurig genug ist, und dass gleichzeitig der Kapitalismus recht wenig Interesse hat Genie ( ich sträube mich das Wort Kreativität zu verwenden) für sich nutzbar zu machen. Wenn man schon Pamphlete zur Kunst verfasst wäre da anzusetzen, am Aufgehen der Kunst in der Warenform, und insbesondere müsste man dann die bis heute in der kritischen Theorie kaum hinterfragte ( und zeitkernlos gewordene) fetischisierung des Abstrakten und Formfernen hinterfragen. (bei den lyrischen Texten des Autors bzw der Autoren, die mir bekannt sind, stehen dagegen inhaltlich- befindliche Fragen im Vordergrund).

  2. Gravatar Icon 2 defekt 15. August 2012 um 18:50 Uhr

    „unmittelbaristisch“ ist doch bitte nicht ernsthaft ein Wort!

    Der Ansatz ist aber insgesamt sehr spannend und ich frage mich, ob nicht Walter Benjamin dabei helfen könnte, hier weiter in die Tiefe zu gehen (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit).

  3. Gravatar Icon 3 Thiel Schweiger 20. August 2012 um 23:26 Uhr

    @ defekt:

    Ja, ich halte es auch für einen seltsamen Ausdruck, den ich eigtl nur verwendet habe, um einen kleinen Seitenhieb gegen gewisse kunstfeindliche Radikalcommunisten einzustreuen. Habe das jetzt auch für Nicht-Eingeweihte kenntlich gemacht.
    Ich halte es tatsächlich für kein Wort – zumindest kein sehr ästhetisches.
    Danke für den Hinweis bzw. die Hinweise. (Wobei mich dann doch interessieren würde, wo genau Du die mit Benjamin zu schließenden Lücken bzw. Oberflächlichkeiten ansiedeln würdest – dass diese Schrift von Benjamin eines der Standardwerke kritischer Ästhetik ist, ist schließlich ein locus communis.)

    @ cyrano:

    Du bist schon lustig: wirfst mir den Gebrauch des Begriffe Authentizität, Kreativität etc. vor und führst dagegen affirmativ den Genie-Begriff ins Feld. Der kommt mir nun weitaus mystifizierender als die von mir ins Feld geführten, durchaus nicht dem Jargon der Eigentlichkeit, sondern der philosophischen Tradition entnommenen Begriffe.
    Auch Adorno spricht ja gerade im Zusammenhang mit Kunst wiederholt von „authentischer Kunst“ oder „authentischen Werken“ etc. Es gibt einfach eine echte, wirkliche Kunst, die von der Pseudokunst, Pseudokreativität etc. zu trennen ist. (In diesem Sinne verwendet auch Guy Debord den Begriff des Authentischen.)
    Für mich ist der Begriff schlicht Kernbestandteil kritischer Theorie, die nicht vor dem nivellistischen Einheitsbrei der Postmoderne kapituliert.

    Ansonsten hast Du mich aber schon ganz gut verstanden. Ja, genau darum geht es mir.

    Jedoch:

    „Das „es käme darauf an“ zielt ja auch auf nichts anderes als auf die Verschmelzung von Ästhetik und Lebensrealität, im falschen Ganzen immer reaktionär.“

    Nein, genau das bestreite ich. Es gibt natürlich eine falsche Ästhetisierung, aber es gibt auch eine richtige.

    Zur Warenform: das müsstest Du etwas näher ausführen, ich verstehe deinen Gedanken schlicht nicht, auch wenn ich ihn erahne.

    „bei den lyrischen Texten des Autors bzw der Autoren, die mir bekannt sind, stehen dagegen inhaltlich- befindliche Fragen im Vordergrund“

    Ja. Das ist eine Ernst zu nehmende Kritik an den Gedichten. (Wobei der Schein vllt auch trügt und sich bei einer genaueren Lektüre womöglich doch ein höheres Formbewusstsein zeigt – „Formalismus“ heißt schließlich nicht „Abstraktion“, sondern, so wie ich es verstehe, erstmal nichts anderes als im Werk selbst manifestiertes Formbewusstsein.)

  4. Gravatar Icon 4 defekt 26. August 2012 um 10:09 Uhr

    Danke für die Einweihung, so macht der Text auch mehr Sinn für mich :-) .

    Z.B. frage ich mich, was es mit „einer Ethik jenseits von Gut und Böse“ auf sich hat, wenn ich mir doch die „Politisierung derKunst“ vor Augen halte.

  5. Gravatar Icon 5 Thiel Schweiger 27. August 2012 um 3:37 Uhr

    Ethik und Politik/Politisierung sind doch zwei unterschiedliche Dinge.

    Gegen eine Politisierung als Kritik einer falschen Ästhetisierung habe ich überhaupt nichts – im Gegenteil!

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