Ein Marsch ums Ganze

Manche Dinge müssen einfach getan werden. Und so reihte am Samstag auch ich mich ein in jene Masse, die sich „die Linke“ nennt und „gegen die Krisenfolgen“ auf die Straße ging. Wir da, wir waren laut, weil man uns die Kohle klaut –mir dämmerte sofort, dass ich auf einer von der Polizei geschützten Demo gegen Kleinkriminalität gelandet war.
Eigentlich muss man dazu nicht viel schreiben – das wichtigste verrät bereits das Ergebnis einer Suche bei google news. Gysi sagte in Berlin: „Das System zerstört sich, indem es auf der einen Seite mehr Armut und auf der anderen Seite mehr Reichtum fördert.“ „Jetzt sind die dran, die sich schamlos bereichert haben“, forderte Leni Breymaier, Verdi-Vorsitzende in Baden-Württemberg in Frankfurt. Als Communist hat man bei solchen Veranstaltungen im Grunde nichts verloren als Zersetzungsarbeit.
Meine persönlichen Highlights: der attac-Block, der anscheinend anwesend war, um vor einer Kraken-Plage zu warnen (was wohl die ebenfalls vertretene Greenpeace dazu sagt?) und türkische Stalinisten, die die objektive historische Dialektik auf einem Transparent in bildlicher Form auf den Punkt trafen: Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao. Der Weltgeist zu Fuße.

Immerhin wurde „Oskars“ Rede mit allgemeinen Pfiffen honoriert und blieb so zum Glück nicht nur in einem Sinne „verkürzt“. Doch schließlich blieb die Einheitsfront allen Anfechtungen zum Trotz dennoch erhalten:

Bei so einem hohen Anlass bekommt man natürlich auch von allen Teilen dieser Einheitsfront Spuren ihrer Existenz in die Hand gedrückt. Wieder einmal waren es meine Lieblinge von der Querfront, die mich mit ihrem Plagiat einer großen deutschen WochenZEITung begeisterten. Daraus erfuhr man, wie toll der Kapitalismus doch eigentlich sein könnte, wenn es nur die richtigen wären, die die Macht inne hätten. Eine „neue Marxwirtschaft“ (so der Text einer Anzeige), in der Schurken wie Mehdorn nichts mehr zu melden haben und der gute Euro den bösen Dollar als Weltgeld verdrängt.

Auch die IG-Metall rief auf mit radikalen Forderungen: „Rettet die Unternehmen!“ „Reguliert den Arbeitsmarkt!“ „Schafft Demokratie in der Wirtschaft!“ „Stoppt die Finanzmarkt-Zocker!“ „Schützt die Opfer, bittet die Täter zur Kasse!“ Alles muss man selber machen.

Doch es gibt auch Lichtblicke – es kursierten auch einige Flyer, in denen ernsthafte Kapitalismuskritik geübt wurde, in denen es deutlich benannt wurde: statt Reformen, die bereits den Keim zur nächsten Krise legen, braucht es eine Revolution, die eine Gesellschaft abschafft, in der es überhaupt möglich ist, dass plötzlich wie Naturgewalten wirkende „Krisen“ über die Menschen hereinbrechen und inmitten realen stofflichen Reichtums zu Armut und Elend in allen Lebensbereichen verdammen. „Klassenkampf statt Wahlkampf“, wie die Initiative „Gegen den Notstand der Republik“ schrieb.

An theoretischer Reflexion scheint es zumindest in dieser Hinsicht in gewissen Teilen der „Einheitsfront“ nicht zu mangeln, wenn es auch nicht die relevanten Teile sein mögen. Mindestens genauso drängend ist es jedoch, die theoretische Reflexion auf jene Praxis selbst zu richten, die eine „Einheitsfront“ mit bekennenden Antikommunisten als Notwendigkeit verkauft und es als „Erfolg“ verbucht, in ein paar Metropolen 50.000 Menschlein zu stundenlangen Latschereien durch gut überwachte Hochsicherheitsparcours in der Innenstadt gebracht zu haben. Vergleicht man diese Zahl mit der derer, die diesen Samstag stattdessen lieber zu einem gemütlichen Einkaufsbummel genutzt haben und die Trillerpfeifen der Demo als interessantes Hintergrundrauschen wahrnahmen, relativiert sie sich ziemlich schnell. Allem Verbaloptimismus zum Trotz sieht es für die Emanzipation weiterhin düster aus, zumal in Deutschland.
Dabei ist der Punkt ja: warum sollten die Passanten auch derartiges auf sich nehmen? Sind die meisten Parolen nicht so krude, dass sie nicht selbst der gesunde Menschenverstand jedes Kleinbürgers der Unwahrheit überführen zu vermag, selbst wenn es aus den falschen Gründen getan wird? Denkt man ernsthaft, „Leute“ erreichen zu können, indem man ihnen mit Stalin, Mao und einem zum Transpiheiligen avanciertem Marx kommt, oder ihnen das Rote vom Himmel verspricht? Und was heißt es denn, „Leute“ erreichen zu wollen? Damit übernimmt man einmal mehr das Denken der Mächtigen selbst, gleicht sich real dem an, was man der Behauptung nach zu bekämpfen beansprucht. Denn genau dazu macht der Betrieb die Menschen – zu einer parzellierten Masse statistischen Materials, Konsumenten, Wohlfahrtsempfängern, Wählerinnen und Wählern, Freunden und Freundinnen. Verzweifelt wiederholt man stetig das zum Scheitern verurteilte: den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen – denn diese Waffen sind eben untauglich, sie binden den, der sie trägt, wie der Ring im modernen Mythos und treiben ihn ins Grau der Macht zurück, dem der Held eigentlich zu entrinnen suchte. Leider gibt es keinen Vulkan, der mächtig genug wäre, den Bann auf ewig zu brechen und keine heilige Lande im Westen, in die man segeln könnte: alles muss man selber machen, auch das Schmieden.

Wohl aus berechtigtem Ekel und einem dumpfen Empfinden der eigenen Ohnmacht heraus, greifen dann manche „am Rande der Demonstration“ zu Methoden der Pseudopraxis in Form nicht zielgerichteter, desperater Gewalt, um den Konflikt virtuell zu „lösen“. Auch das ist offensichtlich kein Weg, sondern ein Ausweg ins Nichts. Das Zombitum der restlichen Einheitsfront erhält in der spektakulären Ritualrandale sein würdiges Pendant.

Das Fortwesen dieser so genannten „Praxis“ ist kein Erfolg, sondern im Gegenteil ein permanenter Misserfolg für das revolutionäre Projekt, das auf der „Klasse des Bewusstseins“ gründen möchte. Es muss nicht nur „Klassenkampf statt Wahlkampf“, sondern, wie es die Gruppe „neocommunistinnen“ in ihrem Flugblatt treffend schrieb, „Klassenkrieg statt Bewegungsrummel“ heißen. Wie dieser „Klassenkrieg“ aussehen müsste, bleibt unbestimmt. Es bleibt nur zu resümieren: „Nein, das ist er nicht, der Klassenkrieg“ und weiterzureflektieren. Dem linken Ross Bremse im Arsch sein, damit es sich endlich zum Sprung über die eigenen Hinterbeine aufraffen kann.

***

Nachtrag:

Eine kleine Presseschau (der Sache und den Pingbacks wegen):

Wendy versteht zu Recht nicht so ganz genau, was denn mit dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ eigentlich gemeint sein soll. Ein weitere Marginalie zur Kritik der so genannten „Praxis“ bietet dorfdisco. Antideutsche Kritik an der falschen Krisenkritik äußert human traffic. Ein interessantes Schlaglicht auf das Bewusstsein der Anti-Krisenbewegung in Form des „Agit-Rappers“ (so eine auf der Demo verteilte Einladung zu den „Sozialismustagen“ von der SAV, die eine „sozialistische Jugendbewegung“ braucht) Holger Burner wirft ein von lahmacun gepostetes Video.


7 Antworten auf “Ein Marsch ums Ganze”


  1. Gravatar Icon 1 Thiel Schweiger 01. April 2009 um 20:29 Uhr

    Ein Blick auf die neusten Pressenachrichten aus London belegt im übrigen, dass es bei dem Geschilderten keineswegs um ein rein deutsches Problem handelt.

    Auch dort forderte man in einem seltsamen wirr-warr die Abschaffung des Geldes, aber irgendwie auch „einen sauberen kapitalismus“. Das Motto („we won‘t pay for their crisis“) war mit dem deutschen identisch.

    Ein witzige Fußnote: auf 4000 demonstranten kamen 10000 Polizisten, die zum Schutz der Banken und Regierungschef angereist waren. Der Staat geht auch hier kein Risiko ein, wenn es um den Schutz seines „Allerheiligsten“ geht.

    Referenzen:
    http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/ausland/7896854-Gewaltsame-Proteste-gegen-G-20-Gipfel,cc=000005507900078968541ESZgL.html

    http://www.nzz.ch/nachrichten/international/der_sturm_auf_den_gipfel_beginnt_1.2306646.html

    Schlechte Zeiten für Freunde der Weltrevolution …

  2. Gravatar Icon 2 simon 12. Mai 2009 um 20:28 Uhr
  3. Gravatar Icon 3 Thiel Schweiger 12. Mai 2009 um 21:11 Uhr

    Ja, der Text ist wirklich gut und sehr lesenswert. Danke für den Link!

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