SM und Gesellschaft

Auf dem mädchenblog zeichnet sich derzeit eine ganz ähnliche Debatte ab, wie sie hier vor einigen Wochen zur Pädophilie geführt wurde. Auslöser ist diesmal ein Artikel, in dem sich eine bekennende „masochistische“ Frau kritisch zu der Problematisierung von SM im feministischen Kontext, insbesondere in der PorNo-Kampange der Zeitschrift Emma, äußert. Wie damals schlagen die Wellen hoch, die 100-Kommentarmarke wird wohl alsbald geknackt sein. Offenbar taugen Positionierungen zu Perversionen und Sexualität leicht dazu, die Gemüter zu erregen. Wohl zum einen, weil die „Perversen“ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten, zum anderen, weil „Sexualität“ wohl generell ein heißes, aufgeladenes Thema ist, mit dem sich wohl jede_r irgendwie beschäftigt und das von zahlreichen Normierungen durchzogen ist. Man kann über Sex nicht so sprechen wie übers Hütchenspiel. Ich will es dennoch wagen, noch einmal in einer solchen Diskussion eine -womöglich – kontroverse Position zu beziehen.

Pädophilie erregt Anstoß dadurch, dass sie die gesetzte Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen im besonders sensiblen sexuellen Bereich überschreitet und unter Verdacht steht, Macht- und Gewaltverhältnisse in diesen Bereich einzuführen, aus dem sie eigentlich fernbleiben sollten. Bei SM ist dieser Verdacht offensichtlich berechtigt. Hier werden ganz offen Macht- und auch Gewaltverhältnisse erotisiert. Dies zieht natürlich – trotz oberflächlicher Toleranz – weitere Verdächtigungen nach sich, gerade von linker Seite. „Das private ist politisch.“ Kann es denn dann sein, dass Verhältnisse, die politisch höchst kritikabel sind, im privaten Bereich ganz unproblematisch hingenommen werden dürfen? Und wie verhält sich SM zur allgemeinen gesellschaftlichen Macht? Ist dieses Verhältnis rein äußerlich, oder ist es so, dass SMer_innen im Privaten das reproduzieren, dem sie gesellschaftlich ausgesetzt sind?

Die linken Kritiker_innen von SM gehen ganz klar davon aus, dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert. Die Liste derer, die derartige Positionen vertreten, ist lang. Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der/die BloggerIn von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem/ihrem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.1 Vielleicht werden in der nächsten Zeit noch weitere Ausführungen diesbezüglich folgen.

Worauf Mirabella im mädchenblog zu Recht hinwies, ist die Parallele von Ausgrenzung von Homosexuellen und SMer_innen. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass man beides unterschiedslos gleichsetzen kann, möchte jedoch eingangs auf die generelle Problematik von Argumentationen gegen spezifische sexuelle Randgruppen hinweisen. Adorno hat im Aphorismus Nr. 24 der Minima Moralia aufgezeigt, wie leicht sich Homosexualität und „Sadomasochismus“ gewissermaßen in einem Aufwasch „erledigen“ lassen. Er behandelt darin einen bestimmten Typ Männlichkeit, den er insbesondere in den Filmhelden seiner Zeit personifiziert sieht. Nicht nur, dass diese Männer latent „sadomasochistisch“ seien, nein, sie sind auch latent homosexuell. Sie verkörpern den Verfall wahren Männlichkeit, sind letztendlich ein Produkt des Totalitarismus: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen. Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ Homosexuelle seien irgendwie schon potientielle eliminatorische Antisemiten.

Derartiges würden sich die heutigen Verfechter_innen des Freudomarxismus nicht mehr trauen. Dennoch nähern sie sich der Adornoschen Position offensichtlich an: wie er zehren sie vom allgemeingesellschaftlichen Vorurteil, an das sie weitgehend bruchlos anschließen, wie er spüren sie latenten Charakterdispositionen nach, die sich in bestimmten sexuellen Verhaltensweisen offenbaren und zu problematisieren seien.Wie, dem berühmten Wort Foucaults zu Folge, „der“ Homosexuelle zu einer Spezies wurde, ist es auch „der“ Pädophile oder „der“ Sadomasochist. Letzterer gehört überdies einer besonders gefährlichen Spezies an: die Macht hat sich besonders tief in seine Psyche eingeschrieben und wenn er nicht daran gehindert wird, seine dunklen Begierden zu verwirklichen, wird er sich unweigerlich am nächsten Faschismus ergötzen.

Im Schwarzbuch Kapitalismus schließt Kurz offenkundiger noch als Adorno an das allgemeine Ressentiment an:

Dieser Drang zur Selbstunterwerfung unter die auf absurde Weise selbsterzeugte blinde „Gesetzmäßigkeit“, die den Einzelnen dann als eine ins Riesenhafte aufgeblasene fremde Macht gegenübertritt, hat unter dem gesteigerten Eindruck der industriellen Großschlacht einen sexuellen Beigeschmack. Auf eine in seinem eigenen Verständnis höchst „unmännliche“ Art bietet sich der kapitalistische Männlichkeitswahn dem „Titanen“ des historischen Prozesses als Objekt dar. Ein tief verborgenes und verdrängtes homosexuelles Element wird hier sichtbar, das gerade deswegen so fürchterlich wirkt, weil es nie gelebt werden durfte und, ins Bewußtsein gehoben, Übelkeit und hysterische Abwehr hervorrufen würde.
Noch deutlicher ist der sadomasochistische Beiklang, der sogar näher an der zugelassenen sexuellen Empfindung liegt, weil er eine gewisse Konformität mit dem Notwendigkeits-Ethos aufweist [sic!]; bekanntlich [!] gehört auch heute noch ein überproportional großer Anteil der kantigen kapitalistischen Macher zu jenen Männlichkeitsdarstellern, die zur Lust nur noch unter der Peitsche einer Domina gelangen können. Weniger ein Selbstbestrafungsritual wird hier sichtbar als vielmehr eine Unterwerfungslust, der gesellschaftlich die Selbstpreisgabe auf dem Altar der „höheren Mächte“ entspricht – um dann seinerseits umso lustvoller das Menschenmaterial malträtieren zu können. Der moderne Politiker- und Manager-Sadomasochismus [so so] könnte eine Art Tempelprostitution sein des kapitalistischen Molochs genannt werden; und es war der Erste Weltkrieg, in dem die Funktionsmänner aller Klassen von der Weltmaschine wie nie zuvor „hergenommen“ wurden, der die Sprache des gesellschaftlichen Sadomasochismus offenlegte: In den „Stahlgewittern“ des industrialisierten Krieges dankte auch endgültig das moderne Subjekt der Aufklärung ab, um bedingungslos vor dem Götzen seiner eigenen Hervorbringung zu kapitulieren. (S. 400)

In einem wunderlichen rhetorischen Parforce-Ritt schafft es Kurz – wohlgemerkt in einem Kapitel über den 1. Weltkrieg! – Perversion, autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus und allgemeinen Fetisch der Produktionsverhältnisse zusammenzubrauen. Billigste Stereotype aus der Bild gepaart mit sich als radikalst gerierenden Gesellschaftskritik. Nicht nur, dass die kapitalistische Gesellschaft irrational, wahnhaft, unfrei, totalitär ist – nein, sie auch noch pervers.

Es ist schon eine recht steile Behauptung, dass ein Großteil der Bevölkerung verkappte SMer_innen wären. Zugleich müsste sich die behauptete Verbindung von SM und allgemeiner Unterdrückung recht signifikant bei der Betrachtung der SM-Subkultur abzeichnen. Der durchschnittliche SMer etwa NPD wählen – Linke gibt es in diesen Reihen ohnehin nicht, zumindest keine aufrichtigen –, eine heterosexuelle Sadistin in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn sie einen Mann leiden sieht, ein Masochist sich daran ergötzen, wenn er auf der Straße von irgendwem brutal zusammengeschlagen wird. Die Wächter in den Konzentrationslagern haben bekanntlich alle eine Dauerlatte gehabt und die Nazifrauen wurden bei dem Gedanken an die ermordeten Juden dauerfeucht …

Es mag unfair wirken, die theoretische Gegenposition derart lächerlich zu machen – doch in meinen Augen stellt sie sich das Verhältnis von SM und Gesellschaft genau so vor. Auch die MG hat in der Broschüre Kritik der „Kritischen Theorie“ dazu recht treffend geäußert:

So, wie die ‚Triebstruktur‘ der Massen charakterisiert ist, ist allerdings nicht mehr einzusehen, weshalb deren widersprüchliche ‚Kräfte‘ sich ausgerechnet auf die von einer modernen kapitalistischen Staatsgewalt vorgeschriebenen Mittel ihrer ‚Befriedigung‘ richten sollen. Warum sollten es sich die Sado-Masos nicht einfacher machen und eine Gesellschaft einrichten, in der bl0ß noch ‚gebuckelt‘ und ‚getreten‘ wird. Die ganze Geldwirtschaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staatsapparat mit Polizei und Militär sind für das pure Gewaltausüben und -einstecken doch viel zu umständlich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und werden von ihrem nackten Sado-Masochismus bloß abgelenkt. (S. 36)

Problematischer und womöglich als Beweis dienlicher wird es, wenn z.B. faschistische Symbole im SM-Kontext verwendet werden. Das kritisierte das erwähnte BIFF in dem Artikel Orgasmen in der „Papageienschaukel“. Doch auch diese Argumentation überzeugt nicht. Im SM-Kontext ist es z.B. gebräuchlich, in einer heterosexuellen, weiblich dominierten Beziehung die dominate Partnerin mit „Herrin“ anzusprechen, den devoten Mann mit „Sklaven“ anzusprechen. Will man daraus ernsthaft folgern, diese Leute würden sich „in Wahrheit“ nach einer Wiedereinführung der Sklavenhaltergesellschaft sehnen?

BIFF schreibt im zitierten Artikel: „Was es über Sadomasochismus aus antifaschistischer Sicht zu sagen gibt, haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gesagt.“ Sie verweisen auf den zweiten Exkurs der Dialektik der Aufklärung, in dem sich die beiden mit dem Werk de Sades auseinandersetzen, dem (unfreiwilligen) Namensgeber des „Sadismus“. Doch offensichtlich geht es in diesem Kapitel eher um eine allgemeine Vernunftkritik als um eine fundierte Kritik dessen, was wir heute unter „SM“ verstehen. De Sades Phantasien haben schließlich recht wenig damit zu tun, was SM eigentlich heißt: einverständliche Lust, nicht irgendwelche einseitigen Vergewaltigungsorgien.

Man vergleiche nur mal die Gefühlskälte, mit denen Nazis in einem Technokratenjargon von ihren Schandtaten berichten mit den strahlenden Augen oder vielleicht auch dem nervös umherschweifenden Blick, mit dem ein SMer von seinen erotischen Erlebnissen berichten würde.

***

Kommen wir nun zu „Theorie als Praxis“ (kurz: TaP) (mein Vorgeplänkel fiel doch länger aus als erwartet). Diese/r BefürworterIn des „lesbischen Feminismus“ (gehört da die SM-Aktivistin Gayle Rubin nicht dazu?) weiß, wie auch die vorher genannten, einige interessante „Fakten“ über SM zu berichten:

„Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die „zeitweilig ungleich verteilte“ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“

Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird. Natürlich gibt es diese Gefahr – „No risk no fun“ kann man da eigentlich nur sagen.

Rhetorisch fragt er zur Trennung von SM und äußerer Macht:

„Und weshalb werden dann beim ‚Spielen‘ die ‚äußeren‘ Machtverhältnisse haargenau nachgespielt?“

Selbst in SM-Inszenierungen, die sich explizit auf äußere Machtverhältnisse beziehen, etwa Schüler-Lehrer oder „Folterungen“, unterscheidet sich die Inszenierung in Inhalt und Form von ihrem Vorbild erheblich. Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.

Empirisch untersucht er/sie den SM-Kontaktanzeigenteil einer Berliner Lokalzeitung, um zu widerlegen, dass sich SM so sehr von gewöhnlicher Sexualität unterscheiden würde. Er/sie bestreitet anhand dieses Materials, dass es zahlreiche dominante Frauen und devote Männer geben würde und dass es in Praktiken oft um etwas anderes geht als den genitalen Orgasmus (wie SM-positive Theorien tatsächlich behaupten). Doch aus dieser Analyse doch sehr begrenzten und nicht-repräsentativen Datenmenge folgt eigentlich nur, dass anscheinend eher Männer als Frauen Kontaktanzeigen in dieser Lokalzeitung aufgeben, und eben Männer mit bestimmten Vorlieben. Das lässt eben nicht den Rückschluss zu, es gäbe devote Männer nur vereinzelt und in SM würde es im Allgemeinen letztendlich doch um den genitalen Orgasmus gehen. „Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ fordert TaP, Mao zitierend, ein. Das kann man eigentlich nur zurückgeben. Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.

Seine/ihre restliche Argumentation läuft darauf hinaus, dass es ideologisch wäre, von „Freiwilligkeit“ zu sprechen – auch wenn die Menschen Gewalt- und Machtverhältnissen zustimmen, liegt das eben an ihrer gesellschaftlichen Determination und kann nicht als Gradmesser ethischer Legitimität gelten. SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. Das erscheint mir ein höchst fragwürdiges Konstrukt zu sein. An was will man denn sonst bemessen, ob eine Praxis korrekt oder nicht ist, als an der Zustimmung der Individuen? SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.

Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist. Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient. Und wenn der Zweck Lust heißt und die Gewalt ausschließlich dem Lustgewinn dient, ist daran nichts Verwerfliches zu entdecken.

Zudem beinhaltet seine/ihre Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt. Man hat den Anschein, als würde die Gesellschaft nur einen Teil der Bevölkerung in sexueller Hinsicht determinieren, einen anderen Teil jedoch nicht bzw. weniger – nämlich denjenigen, der ganz normalen genitalen Sex praktiziert. Ausgeklammert bleiben dabei die Freiheitsspielräume, die die Individuen zweifellos besitzen. Nicht alles Subjektive löst sich restlos im Objektiven auf.

Ich betrachte SM nicht als etwas, was unmittelbar auf die allgemeinen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr als autopoietisches, schöpferisches Projekt der SM-Subkultur selbst, das zumindest partiell autonom von den äußeren Machtverhältnissen ist. Man kann dies an einer Analogie verdeutlichen: Das Brettspiel Monopoly ist sicherlich ein Spiel, das den Kapitalismus nachahmt. Ein solches Spiel kann auch nur in einer kapitalistischen Gesellschaft entstehen und würde in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft wohl auch nicht verstanden werden. Manchmal ärgert sich auch jemand, wenn er beim Monopoly-Spiel verliert. Ist das ein Grund, Monopoly schlecht zu finden? Manche mögen das Spiel, manche nicht. Genauso verhält es sich mit SM. Monopoly bildet den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad authentisch ab, doch unterscheidet sich in Inhalt und Form erheblich von diesem – schon allein dadurch, dass die Menschen im Kapitalismus dort hineingeboren werden und somit gezwungen sind, sich seinen Gesetzen zu unterwerfen, die Menschen, die gerne Monopoly spielen dies jedoch in der Regel freiwillig tun.

Sicherlich ist es einerseits verharmlosend, andererseits verniedlichend, SM als bloßes Spiel zu bezeichnen. Es ist halt, wie viele andere Spiele auch, Spiel und Ernst zugleich. Problematisch ist daran per se nichts.

***

Der Foucault-Bezug von TaP wird noch seltsamer, wenn man betrachtet, wie sich Foucault zu SM geäußert hat:

Ich denke nicht, dass diese Bewegung sexueller Praktiken [gemeint ist die SM-Subkultur; TS] irgendetwas mit der Auf- und Entdeckung von tief in unserem unbewussten Unbewussten vergrabenen sadomasochistischen Strebungen zu tun hat. Ich denke, dass SM viel mehr ist als das; es ist die wirkliche Erschaffung neuer Möglichkeiten von Lust, die man sich zuvor nie hatte vorstellen können. Die Vorstellung, dass SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, dass ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, dass das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, dass wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich Desexualisierung der Lust nenne. Die Vorstellung, dass die physische Lust stets aus der sexuellen Lust herrührt, und die Vorstellung, dass die sexuelle Lust Grundlage aller möglichen Lüste ist, dies, denke ich, ist etwas, das falsch ist. Die SM-Praktiken zeigen uns, dass wir Lust ausgehend von äußerst seltsamen Objekten hervorbringen können, indem wir bestimmte eigentümliche Partien unseres Körpers in sehr ungewöhnlichen Situationen usw. gebrauchen.

Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt 2005, S. 304. (Aus einem Interview)

SM ist für Foucault nicht affirmativ, sondern das Gegenteil. Es ist ein kreatives Unternehmen, dass auf subversive Weise die Körper gegen die Herrschaft des „König Sex“ mobilisiert. Diese Sichtweise erscheint mir der Realität wesentlich angemessener, als die gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds. Selbst der hegemoniale Diskurs über SM ist im Vergleich zu diesem noch als fortschrittlich zu bezeichnen.

„Das private ist politisch“ – das sicherlich. Die Alternative kann nicht sein, in Bezug auf SM entweder links oder liberal zu denken. Aber es kommt sehr darauf an, wie es politisiert wird.
Im Gegenteil scheint mir in freudomarxistischen Kontexten der Sex allzu oft entpolitisiert zu werden und in SM-Kontexten die politische Kommunikation über „Sexuelles“ viel intensiver zu sein (aus offensichtlichen Gründen).

PS: Interessierten lasse ich gerne meine Hausarbeit Die Desexualisierung der Lüste – SM mit Foucault gedacht, per Mail zukommen, in der ich diesen Zusammenhang ausführlicher erläutere.

  1. TaP definiert sich selbst geschlechtlich uneindeutig. (Vgl. sein/ihr Kommentar)[zurück]

26 Antworten auf “SM und Gesellschaft”


  1. Gravatar Icon 1 TaP 30. September 2009 um 22:01 Uhr

    „Das TrägerIn-Subjekt

    wurde in Westberlin geboren.“

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/about/

    Vgl. auch die Unterschrift unter
    Kuschelsex oder Kuschelpolitik? Lesbisch-kommunistische De-Konstruktion oder ex-autonom-postmoderner Liberalismus?

    Freudo-MarxistIn bin ich im übrigen auch nicht; zu dem Rest vielleicht demnächst.

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 30. September 2009 um 22:38 Uhr

    Na okay, ich werde das demnächst korrigieren.

    „Freudo-MarxistIn bin ich im übrigen auch nicht; zu dem Rest vielleicht demnächst.“

    Ich würde zumindest behaupten, dass du teilweise im Windschatten Freud operierst. Aber darum geht es ja nicht, ich will dich ja nicht als Person kritisieren, sondern deine spezifische Position zu einem spezifischen Thema.

  3. Gravatar Icon 3 skp 01. Oktober 2009 um 23:41 Uhr

    guter text. allerdings fehlt noch ein aspekt: in der bdsm szene gibt es in aller regel eine übereinkunft – ist die grenze zwischen lust und unlust überschritten, so gibt es zeichen, daß das ganze zu viel wird. das wird auch respektiert, auf dem vertrauen darauf baut das ganze auf. es soll eben ein spiel der lust sein und kein bitterer ernst – basierend auf der übereinkunft beider seiten.

  4. Gravatar Icon 4 TaP 02. Oktober 2009 um 13:50 Uhr

    @skp – 01. Oktober 2009 um 23:41 Uhr

    Ja, „guter Text“ – nur, daß er 83 % imaginäre Positionen kritisiert, aber die kritisiert er gut:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/10/01/noch-einmal-zu-sm-und-politik/

  5. Gravatar Icon 5 Thiel Schweiger 02. Oktober 2009 um 23:42 Uhr

    @ skp:

    Naja, es gibt aber auch „Tunnelspiele“, die eher auf einem Metakonsens aufbauen und in denen es diese Absicherung so nicht gibt.

    @ TaP:

    Imaginäre Positionen? Habe ich mir die zitierten Passagen nur ausgedacht oder was?

  6. Gravatar Icon 6 jagell 05. Oktober 2009 um 20:41 Uhr

    Auf dem Antifa-Camp Druckluft in Oberhausen scheint von einer Referentin eine entschieden SM-feindliche Position vertreten worden zu sein, die sado-masochistische Praktiken mit Vergewaltigung vergleicht. Ich war leider nicht da. Weiß jemand was darüber? – Ich fände es ja sehr bedrohlich, wenn von Antifa-Seite da so was kommt.

  7. Gravatar Icon 7 Dr. Kollossos 06. Oktober 2009 um 7:35 Uhr

    zwar unabhängig vom gegenstand, interessiert mich doch deine erläuterung zu folgender aussage, thiel:

    „Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist.“

  8. Gravatar Icon 8 Thiel Schweiger 09. Oktober 2009 um 19:40 Uhr

    „Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist.“

    Also im Foucaultschen Sinne ist Macht eine zwischenmenschliche Beziehung, in der der eine Akteur den Handlungsspielraum des anderen bestimmen kann. Der Unterworfene steht jedoch nicht unter Zwang, sondern Machtbeziehungen sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass es eben einen Spielraum gibt. Wo Macht ist, ist auch Widerstand.

    Foucault geht es, wenn ich ihn richtig verstehe, nicht darum, jedwede Machtbeziehung in diesem Sinne abzuschaffen, sondern sie anders einzurichten. Machtbeziehungen können, gerade im pädagogischen Bereich, ja auch sehr produktiv sein. Auch die Macht, die von der Institution Medizin ausgeht, ist ja sehr produktiv. Dennoch wird von Ärzten stets Macht über die Patienten ausgeübt.

    So hab ich das gemeint.

  9. Gravatar Icon 9 l 09. Oktober 2009 um 21:27 Uhr

    macht ist produktiv (und nicht nur repressiv). ja, das ist foucault. mit produktiv ist aber noch nicht gesagt, dass das positiv ist.

    Auch die Macht, die von der Institution Medizin ausgeht, ist ja sehr produktiv.

    ja, aber nicht (nur), wie du meinst.
    http://www.amazon.de/Mikrophysik-Macht-Strafjustiz-Psychiatrie-Medizin/dp/3920986792

  10. Gravatar Icon 10 l 09. Oktober 2009 um 21:32 Uhr

    Also im Foucaultschen Sinne ist Macht eine zwischenmenschliche Beziehung, in der der eine Akteur den Handlungsspielraum des anderen bestimmen kann.

    hast du dazu einen verweis?

    meines wissens (aber das ist durchaus beschränkt in bezug auf f) geht es foucault nicht um zwischenmenschl. beziehungen, sondern um diskurse und wissen. und darum, dass macht uns durchzieht, dass sie in uns ist und durch uns (und uns auch erschaffen). es ist also weit mehr gemeint als nur eine beziehung zw. zwei menschen zB. (das wäre eher die klass. def. nach weber zB?)

  11. Gravatar Icon 11 l 09. Oktober 2009 um 21:34 Uhr

    produktiv meint zB: durch das wissen der medizin werden kranke erst erschaffen, durch das wissen, die diskurse, der psychiatrie wahnsinnige geschaffen. wissen, diskurse schaffen realität indem sie sich materialisieren.

  12. Gravatar Icon 12 l 09. Oktober 2009 um 21:53 Uhr

    und ja, damit bestreitet f auch sowas wie „autonome individuen“, die außerhalb der macht stehen bzw. sich abgrenzen könnten von macht od. der macht vorgängig wären. das individuum wird von diskursen erst in die welt gebracht als disziplinierter körper. und es ist für ihn kein bezugspunkt emanzipatorischer politik.

    to be honest: eher dein bezug auf f scheint mir fragwürdig. tap mit ihrem verweis des konstituierens von begehren u.ä. durch macht scheint mir da näher an f dran zu sein.

  13. Gravatar Icon 13 bigmouth 09. Oktober 2009 um 22:51 Uhr

    @jagell: im adf schrieb jemand zu dm vortrag v trumann:

    einer der bescheuertsten vorträge der zudem noch ressentimentgeladen war (ich sag nur: „vergewaltigung oder SM-Sex“).
    materialistsich war da nix ausser das geblubber ‚realitätsprinzip‘. und dazu gabs dann ein völlig unvermitteltes referat zur marxschen kapitalismuskritik, das nun wirklich nicht gut war, und dass es auf dem camp geschätzte 9x besser gab…
    immerhin, wenn man sich für psychoanalytische begriffsspielereien interessiert die keinen bezug zu ‚materialismus‘ haben, konnte man sich das anhören.
    achso, das geschlechterverhältnis scheint nur an männlichen homosexuellen wirklich aufzuscheinen. und bei lesben gibt es (jetzt wirds ‚materialistisch‘) kein aktiv/passiv bzw. dominanzverhältnis, weil keine penetration. aber ‚irgendwie‘ ist das ja auch dialektisch.
    und das wichtigste: in der befreiten gesellschaft wird es keinen sm-sex geben (bilderverbot ade)

  14. Gravatar Icon 14 bigmouth 09. Oktober 2009 um 23:03 Uhr

    ich suche die tage mal gewnauere angaben raus, aber ich kann heute noch schreiben, dass Foucault zumindest anfang der 80er explizit in einem interview macht für etwas hält, was notwendigerweise in jeder beziehung zwischen 2 menschen existiert

  15. Gravatar Icon 15 l 09. Oktober 2009 um 23:12 Uhr

    natürlich. weil es überhaupt kein außerhalb der macht gibt. oder an wen richtest du das jetzt?

  16. Gravatar Icon 16 Thiel Schweiger 14. Oktober 2009 um 17:37 Uhr

    Okay, heute habe ich endlich Muße zu finden, hier mal zu antworten.

    „macht ist produktiv (und nicht nur repressiv). ja, das ist foucault. mit produktiv ist aber noch nicht gesagt, dass das positiv ist.“

    Stimmt, da habe ich mich undeutlich ausgedrückt. Aber die Produktion muss eben nicht nur negativ sein.

    Ich kenne jetzt die Kritik Foucaults an der Institution Medizin nicht genau, aber generell ist es ja so, dass Foucault größtenteils rein deskriptiv schreibt. Ich glaube nicht, dass er behaupten würde, dass die Medizin nur schlecht sei.

    „meines wissens (aber das ist durchaus beschränkt in bezug auf f) geht es foucault nicht um zwischenmenschl. beziehungen, sondern um diskurse und wissen. und darum, dass macht uns durchzieht, dass sie in uns ist und durch uns (und uns auch erschaffen). es ist also weit mehr gemeint als nur eine beziehung zw. zwei menschen zB. (das wäre eher die klass. def. nach weber zB?)“

    „Unter Macht scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit der Kräfteverhältnisse, die ein Gebiet bevölkern und organisieren“ (Der Wille zum Wissen, S. 93)

    In diesem ganzen Methodenkapitel in „Der Wille zum Wissen“ ist dementsprechend andauernd von Beziehungen und Verhältnissen die Rede – zwischen Menschen. Diese Beziehungen bilden nach Foucault „die Basis“ der Macht.

    In dem Text „Subjekt und Macht“ von 1982 (den ich leider nur in Readerform besitze) ebenso: „Macht wird immer von den ‚einen‘ über die ‚anderen‘ ausgeübt“. Also letztendlich verweist Macht durchaus auf ein Verhältnis von zwei Einzelpersonen bzw. Gruppen. Foucault greift bei seiner Machtkonzeption ja auf Max Weber zurück, auch wenn er ihn modifiziert.

  17. Gravatar Icon 17 Thiel Schweiger 14. Oktober 2009 um 17:44 Uhr

    In diesen beiden erwähnten Texten findet sich das, was ich „Foucaults Machtkonzept“ nenne.

    „und ja, damit bestreitet f auch sowas wie „autonome individuen“, die außerhalb der macht stehen bzw. sich abgrenzen könnten von macht od. der macht vorgängig wären. das individuum wird von diskursen erst in die welt gebracht als disziplinierter körper. und es ist für ihn kein bezugspunkt emanzipatorischer politik.“

    Dann frage ich mal, unabhängig von Foucault dagegen: was soll denn sonst der Bezugspunkt sein??

    Zugleich folgt doch, wenn F. sagt, dass Macht immer Widerstand und damit Freiheit impliziert, dass diese Freiheit eben real ist, dass immer Spielräume und Möglichkeiten der Veränderung vorhanden sind, selbst wenn sie von der Macht erschaffen wurden. Eine relative Autonomie der Einzelnen ist damit durchaus gegeben. Foucault ist doch kein Determinist!

    „to be honest: eher dein bezug auf f scheint mir fragwürdig. tap mit ihrem verweis des konstituierens von begehren u.ä. durch macht scheint mir da näher an f dran zu sein.“

    Ich zitiere halt F. im Gegensatz zu TaP.

  18. Gravatar Icon 18 Foucault nicht nur zitieren, sondern auch LESEN 15. Oktober 2009 um 10:28 Uhr

    http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 72 – 75 (dort mit Fuß- und Endnoten sowie Entschlüsselung der Literaturangaben; dort im Lit.verz. auch genannt die Quelle zu dem Foucault-Text „Das Subjekt und die Macht“)

    b) Macht und Herrschaft bei Foucault

    (1) Herrschaft ist erstarrte Macht

    Neben Weber, für den – wie wir gesehen haben (S. 71) – Herrschaft geregelte, institutionalisierte Macht ist, kann sich der hiesige Macht-Begriff, der Macht und Herrschaft nicht strikt trennt, auch auf Foucault berufen. Denn auch dieser unterscheidet – wie schon oben (S. 71) erwähnt – (ebenso wie Marx und Weber) (nur) schwach zwischen Macht und Herrschaft, ohne sie [allerdings] strikt zu trennen. Vielmehr ist auch für ihn Herrschaft die strukturelle Verfestigung von Macht: „Wenn es einem Individuum oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelingt, ein Feld von Machtbeziehungen zu blockieren, sie unbeweglich und starr zu machen und mit Mitteln, die sowohl ökonomisch, als auch politisch als auch militärisch sein können – jede Umkehrbarkeit der Bewegung zu verhindern, dann steht man vor dem, was man einen Herrschaftszustand nennen kann.“ (Foucault 1984a, 11).
    In diesem Kontext ist des weiteren auch Foucault (wie Marx und anders als Arendt – und insoweit auch anders als Weber) macht- (und herrschafts)-kritisch, nämlich sehr bewußt hinsichtlich des Herrschaftspotentials von Macht: Foucaults Ansatz war – trotz mancher Unklarheiten und ungeachtet seines in der Einleitung kritisierten diskursanalytischen Idealismus – nicht, zwischen Macht und Herrschaft strikt zu trennen und erstere für unproblematisch zu erklären, sondern die These, daß es „zu viel Macht“ gibt. Sein praktisch-kritisches Augenmerk war auf Situationen gerichtet, in denen sich Macht als Herrschaft verfestigt, in denen Macht „Herrschaftseffekte“ (Foucault 1983a, 707; 1984, 26) hervorbringt. Die Funktion Foucaults Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft ist nicht die, einige Herrschaftsverhältnisse durch Umbenennung in Machtverhältnisse aus der Schußlinie von Herrschaftskritik zu nehmen. Dies zeigt sich bspw. daran, daß es Foucaults Kritik an Kant war, daß dieser mit seinem Projekt der „Aufklärung“ auf halben Weg stehengeblieben ist und Herrschaftskritik in Erkenntniskritik verwandelt hat, also mit seiner Herrschaftskritik nicht radikal genug war: „Mein Ausgangspunkt ist nicht, dass alles böse ist, sondern dass alles gefährlich ist, was nicht dasselbe ist wie böse. Wenn alles gefährlich ist, dann haben wir immer etwas zu tun. Deshalb führt meine Position nicht zur Apathie, sondern zu einem Hyper- und pessimistischen Aktivismus.“ (Foucault 1982, 268 – Hv. d. Vf.In).

    (2) Foucault als Marxist: Die Analyse der Produktivität der Macht

    Damit wird etwas unterstrichen, was hinsichtlich eines zweiten Aspektes der Foucaultschen Machttheorie von unmittelbarer Bedeutung für diese Arbeit ist: Foucaults Analyse der Macht als produktiv verhindert es nicht, Macht im Zusammenhang mit Herrschaft zu thematisieren. Vielmehr bezieht sich Foucault selbst für seine Analyse der Produktivität der Macht ausdrücklich auf Marx:
    „Was hat Marx getan, als er [bei] seiner Analyse des Kapitals auf das Problem des Arbeiterelends stieß? Er hat die übliche Erklärung abgelehnt, die aus diesem Elend die Wirkung einer natürlichen Knappheit oder eines abgekarteten Diebstahls macht. […]. Marx hat die Anklage des Diebstahls durch die Analyse der Produktion ersetzt. Mutatis mutandis ist das ungefähr das, was ich machen wollte. Es geht nicht darum, das sexuelle Elend zu leugnen, aber es geht auch nicht darum, es negativ mit Repression zu erklären.“ Es gehe vielmehr um die „positiven Mechanismen“, die es hervorbringen (Foucault 1977c, 180).

    (3) Foucault als Kritiker der Freiheit

    Genau in diesem Kontext erhält Foucaults Kritik der sog. Repressionshypothese ihren präzisen Sinn. Gegen die Repressionshypothese richtet er seine Produktivitätsthese: die Macht sei „dazu bestimmt Kräfte hervorzubringen, wachsen [zu] lassen oder zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“ (Foucault 1976a, 163; vgl. auch schon: Foucault 1975a, 34, 212 oben, 220 und später Foucault 1977c, 188). Paradebeispiel dafür ist das, was Foucault „subjektivierende Unterwerfung“ (Foucault 1975a, 238, 247) nennt: Gerade die „Subjektivierung der Menschen“ bedeute deren „Konstituierung als Untertan/Subjekt“ (Foucault 1976a, 78). Entsprechend hatte Althusser gezeigt: „das Individuum wird als (freies) Subjekt angerufen, damit es […] (freiwillig) seine Unterwerfung akzeptiert […]. Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“ (1969/70, 148, s.a. 140 ff. – Hv. getilgt).
    Weder Foucault noch Althusser haben diese Analyse vorgenommen, um Unterwerfung als Freiheit zu feiern, sondern um aufzuzeigen, daß die Freiwilligkeit selbst Bestandteil der herrschenden Verhältnisse ist. „Der Modus der Gewalt zeichnet sich durch ein direktes Einwirken auf Körper aus, während Macht indirekt auf Subjekte wirkt.“ (Lemke 1997, 304) Macht und Freiheit sind „keine Gegensätze, die einander ausschließen“, sondern sie schließen „einander ein, so dass Freiheit zu einem charakteristischen Element einer Machtbeziehung wird: ‚Macht wird nur auf ›freie Subjekte‹ ausgeübt und nur sofern diese ›frei‹ sind‘“ (Lemke 1997, 305, der hier: Foucault 1983b, 255 zitiert). „Freiheit ist die Bedingung der Möglichkeit von Macht“ (Hark 1996a, 45).

    (4) Foucault als Kritiker des Linksradikalismus

    Dennoch werden Foucaults Überlegungen landläufig als Verschiebung von Herrschaftsanalyse und -kritik hin zu Machtaffirmation und – in dem Kontext – als Absage an den Marxismus verstanden: „Foucaults politische Überlegungen stehen ganz im Zeichen der Krise des Sozialismus,“ meint bspw. Fink-Eitel (1989, 116) in seiner Foucault-Einführung. Warum konnten derartige Mißverständnisse (wenn wir nicht absichtliche Fehlinterpretationen unterstellen wollen) zustande kommen?
    Nun, dies ist einfach zu erklären:
    Foucault verwendet in der Tat ungenaue Formulierungen, die den o.g. eindeutigen Formulierungen widersprechen oder zu widersprechen scheinen. Eine selektive Lektüre hat es bei jenen ungenauen Formulierungen jedenfalls einfach, in den Schriften Foucaults die Lehren des Gemeinschaftskunde-Unterrichts wiederzuerkennen. Die „politische Bildung“ hat uns schließlich schon immer den „– insgesamt unbefriedigenden – Bescheid [erteilt], wonach in einer Demokratie das Machtproblem qua Institutionalisierung sich wechselseitig kontrollierender und balancierender Gewalten keines mehr sei“ (Gebhardt/Münkler 1993a, 7).
    Aber auch der späte Foucault hatte sicherlich nicht die Absicht, Gemeinschaftskundelehrer in der deutschen Provinz zu werden; der Gegenstand seiner Kritik läßt sich vielmehr genau lokalisieren: es ist kein historisch-materialistischer (politisch gesprochen: kommunistischer), es ist ein hegelianischer (politisch gesprochen: linksradikalen) Machtbegriff.
    Nehmen wir als durchaus repräsentatives Beispiel jene Formulierungen, an denen sich Steven Lukes (1982, 142 f., 146 f.), der selbst zuvor schon in monographischer Form einen Radical View auf Macht vorgelegt hat, stößt – und die andere affirmieren:
    Foucault spottet bspw., „Aus dem allgemeinen Phänomen der Herrschaft der Bourgeoisie kann alles abgeleitet werden“, und er wendet sich dagegen, alles „von vornherein unter der Formel einer verallgemeinerten Bourgeoisie zusammenzuwürfeln“. Ist das eine Kritik am Marxismus? Oder ist das eine Paraphrase auf Lenins Kritik am Linksradikalismus, dem jener vorwirft, das Wichtigste am Marxismus zu vernachlässigen – „die konkrete Analyse der konkreten Situation.“ (Lenin 1920, 154) ?
    Und wenn Foucault bestreitet, daß sich die Macht „aus dem Entschluß eines Individuums“ oder „einer regierenden Kaste“ oder einer „Staatselite“ ableitet – ist das dann eine Kritik des Marxismus oder eine Kritik der 68er Ideologie, sei es in ihrer französisch-existentialistischen oder frankfurterisch-kritisch-theoretischen Variante?! Diese 68er-Ideologie ist zu Recht Gegenstand der Foucaultschen Kritik. Sie rechtfertigt aber keinen Abschied von den marxistischen Begriffen von Macht und Herrschaft.
    Wie sehr auch immer Foucaults philosophischer, idealistischer Relativismus das, was seine Begrifflichkeit zu einer wissenschaftlichen Analyse beitragen kann und beigetragen hat, untergräbt und wie sehr auch immer Foucault in den letzten Jahren seines Lebens hinsichtlich der politischen Möglichkeit eines Kampfes gegen Herrschaft resignierte oder sich sogar für das Lager der Herrschaft entschied; sich jedenfalls politisch gegen den Marxismus stellte – seine Begriffe von Macht und Herrschaft machen es möglich, diese Entscheidung zu analysieren wie sie es auch möglich machen, das Geschlechterverhältnis mit diesen Begriffen zu analysieren. Es gibt bei Foucault kein Herrschafts-Tabu, wie uns aber seine AdeptInnen glauben machen wollen!

    c) Macht und Herrschaft im Geschlechterverhältnis
    […]

  19. Gravatar Icon 19 Thiel Schweiger 15. Oktober 2009 um 15:23 Uhr

    Ich meinte den Kontext dieser Diskussion (was denn sonst?). Werde mich mit deinen sicherlich fundierten Ausführungen alsbald auseinandersetzen.

    Und nein – ich zitiere üblicherweise nicht aus Texten, die ich nicht gelesen habe.

  20. Gravatar Icon 20 Johnny B 30. November 2009 um 13:44 Uhr

    Dass Sadomasochismus in nahezu allen Fällen ein Ausdruck einer traumatischen Kindheit ist, eine Produkt der nicht erlangten Liebesfähigkeit, welche auf diesem nur zu einfach nachvollziehbaren Weg Zärtlichkeiten gegen Schläge eintauscht…

    Damit ist doch schon alles gesagt…

    Natürlich sind solche Menschen auch politisch nicht die beste Wahl oder wer will einen Kanzler, der schon als Kind statt Liebe Schläge bekommen hat…

    Das schreibe ich absichtlich so vereinfacht, es ist schon geschmacklos eine solche Thematik irgend anders zu beleuchten, die massiv verminderte Lebensqualität dieser Menschen und ihre potentielle Destruktivität nicht anzuerkennen sondern Foucaults SM-Ansichten als „vernünftiger“ zu bewerten…

    Natürlich sieht er es selber so und verteidigt er es wie alle SM-ler, es ist seine innere Beziehungswelt, die er zu seinem Lebenswerk gemacht hat und die er verteidigen muss weil jemand mit dem Fetisch Schmerzen eine andere Sexualität überhaupt nicht auf Dauer ertragen kann… Und diese privaten Zwänge sind doch nur die Grundlagen seiner Lebensansichten, die sich permanent um Macht drehen.

    Lest mal was Einfaches, Erich Fromm-Die Kunst des Liebens z.B. und werdet mit dem Grundsätzlichsten vertraut, diese SM-Diskurse mit Ergebnis „Die Linken, die daran etwas Negatives sehen liegen falsch, SM erschafft vielmehr neue Welten“ etc. missachten die einfachsten Grundlagen. Nämlich, dass in der SM-Szene fast nur Menschen mit Gewalterfahrungen o.ä. in der Kindheit rumgeistern, natürlich mit der Gefahr dieses wieder weiter zu geben, politisch, privat, wie auch immer.

  21. Gravatar Icon 21 Thiel Schweiger 03. Dezember 2009 um 17:26 Uhr

    Ich halte diese Meinung ehrlich gesagt für ziemlichen Quatsch. Weder sind alle SMer Opfer frühkindlicher Gewalt noch alle Gewaltopfer SMer. Ich würde sogar behaupten, dass so gut wie jeder in seiner Kindheit irgendwelche Gewalterfahrungen, sei es physischer oder psychischer Art sind, gemacht hat – in unterschiedlichem Grade. Das ist in der Familienstruktur und im Erziehungsverhältnis konstitutiv angelegt. Damit hat jeder in seiner Identitätsbildung rumzukauen. SM mag ein Weg sein, das zu verarbeiten, geht aber darin mit Sicherheit nicht auf.

    „Natürlich sieht er es selber so und verteidigt er es wie alle SM-ler, es ist seine innere Beziehungswelt, die er zu seinem Lebenswerk gemacht hat und die er verteidigen muss weil jemand mit dem Fetisch Schmerzen eine andere Sexualität überhaupt nicht auf Dauer ertragen kann… Und diese privaten Zwänge sind doch nur die Grundlagen seiner Lebensansichten, die sich permanent um Macht drehen.“

    Man kann den Spieß ja auch umkehren, und behaupten, dass z.B. Erich Fromm durch seine Sozialisation verblendet ist und bestimmte Aspekte der Erotik nicht anerkennen kann.
    Wieso soll überhaupt jemand besser über SM bescheid wissen, der damit nichts zu tun hat, als jemand, der darin irgendwie involviert ist? Das sollte man auch nicht unhinterfragt gelten lassen, vllt ist sogar das Gegenteil richtig.

    An deiner Perspektive stört mich auch, was die für politische Konsequenzen nach sich zieht. Das machst du hier nicht explizit, aber eigtl müsstest du fordern, alle SM-Pratiken-/Filme etc. zu verbieten und SMer zwangsweise therapieren zu lassen. Und aus dem pädagogischen Bereich müssen die sowieso alle raus!

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