Eine Frage der Bildung

Ich hab es langsam satt, immer wieder auf dasselbe zu verweisen, aber angesichts der Tatsache, dass nächste Woche der gefühlte 5000. Bildungs“streik“ (sofern er denn sinnvoll als einer bezeichnet werden kann – schließlich sind die Studierenden und Schüler_innen gewissermaßen „Kunden“ des Bildunssystems, ein Streik im traditionellen Sinn wäre eher ein Streik der Dozent_innen und Lehrer_innen) vor der schmucken Eingangstür des IG-Farben-Campus, die leider oft schwer aufgeht, steht, fühle ich mich doch bemüßigt, selber mal wieder etwas dazu zu sagen und auf die lesenswerten Äußerungen anderer zu diesem Thema zu verweisen.

Mein Unbehagen an der Bildungsstreikbewegung sitzt tief. Allzu offensichtlich ist, dass das Ganze im Grunde eine Inszenierung ist: irgendwelche ominösen Zentralstellen beschließen eine Streikwoche, die dann von den lokalen Asten auf Pseudo-Vollversammlungen (die eher Zehntelversammlungen, wenn überhaupt!, sind), abgesegnet wird. Diese Vorgehen ist so demokratisch wie der demokratische Zentralismus alla Lenin. Kein Wunder, und das ist das 2. Problem, dass sich die große Mehrheit der Studierenden überhaupt nicht mit den Streikenden verbunden fühlt. Als ich beim letzten Streik durch die Uni lief, waren geschätzte 4/5 aller Äußerungen zu diesem Thema von den Studierenden selbst negativ: durchaus zu Recht wurde der Streik als putschartiges Unternehmen weniger wahrgenommen, die die Studierenden nur am braven Besuch ihrer Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht hindern. Man fühlt sich unwillkürlich schon wieder an die Strategie des alten Herrn mit Spitzbarts erinnert. Es mag sein, dass es anderswo anders – an der Goethe-Uni zumindest war es so und wird wohl auch diesmal so sein, denn ich sehe nicht, dass sich im Vorfeld irgendetwas geändert hätte.
Ich weiß auch nicht, wie man das besser machen soll. Aber angesichts der objektiven Minderheitenposition der Streikenden ist es kein Wunder, dass niemand ihre Forderungen Ernst nimmt. Vielleicht könnte eine wirkliche Massenbewegung tatsächlich etwas erreichen – doch die kann man nicht simultativ aus dem Boden stampfen. Offensichtlich ist das Unbehagen der meisten Schüler_innen und Studierenden am Bachelor-/Master-System einfach nicht groß genug.
Als Erfolg kann man in Hessen natürlich mit einiger Plausibilität die Abschaffung der Studiengebühren verbuchen, das soll nicht bestritten werden. Anderswo hat das freilich nicht so gut geklappt, in Hessen waren die politischen Rahmenbedingungen dafür gegeben.

Ich glaube, dass die Streikbewegung viel mehr an realpolitischen Zielen erreichen könnte, wenn sie endlich ihre revolutionären Flausen abstreift und noch eindeutiger reinen Reformismus mit allen strategisch-taktischen Verrenkungen, die dazu gehören, praktiziert. Ansätze dazu gibt es ja schon. Man soll endlich aufhören, die Weltrevolution zu fordern und Randale zu machen, damit verschreckt man die Mehrheit der Agitationsobjekte nur. Das meine ich natürlich sarkastisch, aber richtig bleibt es trotzdem. Wäre ja schön, wenn es eine revolutionäre Massenbewegung an den Unis gäbe. Doch trotz Marx-Lektüre-Bewegung und anderen Späßen von SDS&Co. ist das in weiter Ferne. Man sollte nicht resignieren, sondern dies als Ansporn sehen, andere Wege zu bestreiten. Es ist kein Argument, dass diese sagenhaften „anderen Wege“ hier nicht ausgeführt werden: der andere Weg liegt schon in der Entscheidung, es anders zu machen, selbst.
Um nicht missverstanden zu werden: ich wollte gern etwas „Positives“ schreiben und habe natürlich für mich selbst die für mich naheliegenden Konsequenzen aus meiner Kritik gezogen. Doch ich kann es einfach nicht und kann auch mein eigenes Verhalten nicht zum Maßstab für andere machen. Jede/r soll es so machen, wie er/sie es vor sich selbst verantworten kann. Das Bildungssystem als solches halte ich für (mindestens) genauso kritisierenswert wie die Streikenden auch.

An die subjektive Konstitution der Studierenden knüpft nun eine mehrteilige vom ASTA mit herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Otium I“ (für Nicht-Lateiner: „Muße I“) an, die derzeit in geisteswissenschaftlichen Seminaren kursiert. Der bisher einzig vorliegende erste Teil vollzieht eine Wende der gewohnten Kritik, indem er nicht so sehr die objektiven Strukturen im Bildungssystem, sondern vielmehr die subjektive Anpassungsleistung der in ihm befindlichen kritisiert und ruft zu mehr Mut auf, die geforderte Bildung auch im konkreten Uni-Alltag einzufordern und zu „praktizieren“ (sagt man zwar nicht so, aber ich hoffe, man ahnt das Gemeinte). Doch auch dies führt nicht aus dem Dilemma raus: der erhobene Zeigefinger verändert die Leute normalerweise nicht. So richtig es ist, die Subjektivität der Studierenden anzugreifen, kann sie doch nicht getrennt von den objektiven Gegebenbenheiten an der Uni kritisiert werden, sonst begibt man sich in den Himmel (oder: die Hölle) moralischer Abstraktion.

Letztendlich besteht die Ideologie also darin, die tumbe Mehrheit der Studierenden in leninistischer Manier als agitationsbedürftige Manövriermasse im Kampf um dieses oder jenes politische Programm zu betrachten. Doch es ist eben Ideologie: kein banaler Irrtum, sondern ein notwendig verkehrtes Bewusstsein. Wenn man in dieser Gesellschaft ein politisches Programm durchsetzen will, muss man sich anscheinend so verhalten. Gleichzeitig verhält man sich so nicht anders als jede Werbeagentur, jede Partei, jede Sekte. Ein passendes Bild: zwei „Informations“stände vor der Mensa am IG-Farben-Campus, einer von irgendeiner Versicherung, einer vom ASTA für die Bildungsprotestwoche. Geschickter scheinen die in blaue Weihnachtsmannkostüme gehüllte Animateur_innen der Versicherung vorzugehen. Die Studierenden haben anscheinend noch berechtigte Skrupel, zu aufdringlich Propaganda zu betreiben. Alternativ könnte man sich zurückziehen und sich nicht mehr um Politik kümmern und so womöglich dem Elend an der Uni (und anderswo) Vorschub leisten. Alles sehr elendig. Doch man kommt um die Erkenntnis nicht drumherum: vereinzelte Reformen lassen das Gesamtelend unangetastet, führen womöglich gar zu einer effektiveren Ausbeutung in Zukunft. Das beweist die Geschichte und die prinzipielle Logik des Kapitalismus. Für was also „streiken“?

Weitere gute Beiträge zum Thema:

Ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte (Dr. Kollossos und meine Wenigkeit): Versuch einer Analyse der aktuellen Umstrukturierungen im Bildungssystem und der Verweis auf ihre innerkapitalistische Rationalität.


Zerschlagt die Universität!
(leicht ist’s gesagt): Kleine Randnotiz zur Unibesetzung in Salzburg.

Zu was die leninistische Denke, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen, führt, zeigt auch recht gut diese Darstellung der Salzburger Verhältnisse aus feministischer Sicht auf dem mädchenblog.

Aus adornitischer Sicht wiederum schreibt die Antifa Horgau.

Immer wieder Bildungsstreik: ein wie immer lesenswertes Flugblatt der neocommunistinnen. Diesmal sogar in audiovisueller Variante:

(Und nein – es ist in der Tat kein Zufall, dass ich immer wieder die neocoms verlinke – sie sind einfach gut. (-; )


14 Antworten auf “Eine Frage der Bildung”


  1. Gravatar Icon 1 egal 16. November 2009 um 6:36 Uhr

    also ausgerechnet so viele buchstaben auf den vorwurf zu verschwenden, das die „streikenden“ studies nicht in der mehrheit sind, ist echt an albernheit und pseudoradikalität nicht mehr zu überbieten. dürfen die leute an den unis, die die schnauze voll haben also erst was machen, wenn mehr als 50% aller eingeschribenen sich dafür ausgesprochen haben? siehst du das bei anderen politikfeldern auch so? demos nur in straßen, wo über 50% der bewohner_innen zugestimmt haben? und wie werden „wir“ eigentlich mal mehr als 50%, wenn wir nichts mehr machen können, ohne das nicht die mehrheit dafür ist? die mehrheit in diesem land ist übrigens mit an sicherheit grnzender whrscheinlichkeit auch dafür, das dein linkes blog endlich mal abgeschaltet wird. also hör bloß auf zu bloggen, sonst mach ich dir noch nen leininismusvorwurf! toytroll!

  2. Gravatar Icon 2 Thiel Schweiger 16. November 2009 um 9:16 Uhr

    Der Streik beansprucht halt demokratische Legitimation für sich und macht per definitionem als Streik auch nur Sinn, wenn er von einer Mehrheit unterstützt wird. Stell dir mal vor, in einem Industriebetrieb gäbe es einen Streik mit derselben prozentualen Beteiligung wie an der Uni!

    Insofern finde ich mein Argument in diesem Fall schon treffend. Generalisieren tu ich es ja nicht. Und den Leninismus werde ich auch aus anderen Gründen vor.

  3. Gravatar Icon 3 Lenin rocks 16. November 2009 um 11:52 Uhr

    „Der Streik beansprucht halt demokratische Legitimation für sich und macht per definitionem als Streik auch nur Sinn, wenn er von einer Mehrheit unterstützt wird.“

    Nö, er macht Sinn, wenn damit das erreicht werden kann, was man vor hat.

    „Stell dir mal vor, in einem Industriebetrieb gäbe es einen Streik mit derselben prozentualen Beteiligung wie an der Uni!“

    Tatsächlich sind die Quoten bei Streiks in Betrieben auch relativ niedrig. Das hat mehrere Gründe:
    - unterschiedliche Verträge, unterschiedliche Eingruppierung
    - die Mehrheit ist nicht gewerkschaftlich organisiert
    - Ein Großteil der Arbeit wird eh von Leiharbeitern gemacht
    - Streikende werden schnell durch Leiharbeiter und Aushilfen ersetzt

    Natürlich sind die Quoten in der Industrie noch relativ gut, richtig übel wirds im Einzelhandel. Wenn da gestreikt wird, ist die Beteiligung nahe 0.

    Für einen Streik im Betrieb ist es natürlich auch nicht erforderlich, dass mindestens die Hälfte mit macht. Es geht schlicht darum, durch das Niederlegen der Arbeit relevante Kosten zu verursachen. Das kann auch eine Minderheit nicht schnell und einfach ersetzbarer Arbeiter sein.

    Im „Bildungsstreik“ sieht das natürlich anders aus, die Studenten und Schüler sind austauschbar und im Überfluss vorhanden, und Lehrer & Professoren sind froh über jeden der den überfällten Klassenzimmern und Hörsälen fernbleibt. Die Stoßrichtung ist halt eine andere, man will gesellschaftlichen Druck ausüben, und dazu erstmal Aufmerksamkeit generieren. Wichtiger Aspekt ist aber auch, dass man sich mal gemeinsam Zeit nimmt, um mit Gleichgesinnten über eigene Vorstellungen von Bildung zu sprechen, gemeinsame Forderungen zu erarbeiten und weitere Aktionen zu planen. In der Hinsicht kann es schon sinnvoll sein, sich eine Auszeit von der Uni zu gönnen, um die Zeit für so was zu nutzen.

    Zu dem Geschwalle über fehlende Demokratie möcht ich gar nicht viele Worte verschwenden. Mir persönlich ist scheißegal, ob die Mehrheit der Studenten Studiengebühren will, soziale Selektion gut findet, und Bafög abgeschafft sehen will oder nicht. Es handelt sich ja bei den Studenten um einen elitären Club, zu dem bisher nur Kinder aus Mittel und Oberschicht Zugang haben. Natürlich ist denen soziale Selektion bestenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls wird sie aktiv gefordert. Mir gehts z.B. drum, dass die Leute, die bisher aussortiert wurden, und deshalb innerhalb der Studentenschaft gar nicht „demokratisch“ ihre Stimme erheben können, in Zukunft auch Zugang zu akademischer Bildung bekommen. Wenn das der Mehrehit der jetzigen Studenten nicht in den Kram passt, ist mir das selbstverständlich herzlich egal.

  4. Gravatar Icon 4 oh mann 19. November 2009 um 8:36 Uhr
  5. Gravatar Icon 5 Thiel Schweiger 19. November 2009 um 10:13 Uhr

    @ Oh mann:

    Nein.

    Zum anderen Kommentar schreibe ich später noch was. Ich will mir Zeit für die Antwort nehmen, die ich im Augenblick nicht habe.

  6. Gravatar Icon 6 Thiel Schweiger 27. November 2009 um 12:41 Uhr

    Okay, also nun meine Antwort:

    Ich glaube nicht, dass man Fragen, die die Organisationsstruktur und die Zustimmumg der Studierenden zum Streik so leicht vom Tisch wischen kann. Eine progressive Bewegung sollte sich auch durch progressive Strukturen auszeichnen und nicht die gegebenen von Gewerkschaften, Vereinen, Parteien etc. reproduzieren (obwohl es in einzelnen Fällen natürlich sinnvoll sein kann, z.B. einen Verein zu gründen). Eine „progressive Organisationsstruktur“ (blödes Wort in Ermangelung eines besseren, alle Begriffe, die dies bezeichnen könnte, sind entweder zu verbraucht oder der Sache – einem reformistischen Streik – nicht angemessen) muss doch sicherlich so demokratisch und transparent wie möglich sein.

    Das zweite, damit verknüpfte, Problem ist mangelnde Unterstützung des Streiks. Vielleicht war die von mir angeführte „demokratische Legitimation“ irreführend: ich bin nicht der Auffassung, dass man, bevor man irgendeine politische Aktion macht, schauen muss, ob dieser auch die Mehrheit zustimmt. Das ist natürlich ne blöde Sicht. Aber Institutionen wie der ASTA und die gesamte Streikbewegung artikulieren doch schon den Anspruch, die „wahren Interessen der Studierenden“ zu repräsentieren, auch wenn sich die Studierenden selbst dieser Interessen nicht bewusst sind. Und das ist doch ein urleninistischer Gedanke! („Leninismus“ an sich ist natürlich noch keine Argument für oder gegen was – ich versuche das ganze nur auf einen Begriff zu bringen und historische Kontinuitäten aufzuzeigen.)

    Letztendlich denkt die Studierendenbewegung doch so wie die RAF: man muss nur ein paar symbolische Aktionen durchführen und schon wird die Masse einem folgen. Das ist von der historischen Erfahrung doch völlig entkoppelt!

    „Wenn das der Mehrehit der jetzigen Studenten nicht in den Kram passt, ist mir das selbstverständlich herzlich egal.“

    Also entweder du willst deine Forderung umsetzen (und dazu brauchst du nunmal ne Mehrheit) oder nicht. Jetzt argumentierst du ja irgendwie existenzialistisch.

    „Wichtiger Aspekt ist aber auch, dass man sich mal gemeinsam Zeit nimmt, um mit Gleichgesinnten über eigene Vorstellungen von Bildung zu sprechen, gemeinsame Forderungen zu erarbeiten und weitere Aktionen zu planen.“

    Das findet beim Streik ja leider kaum statt, letztendlich wird immer schon vorausgesetzt, dass man weiß, was die Ziele der Bewegung sind und man muss nur noch die richtigen Mittel finden, sie unters Volk zu bringen. Die Crux: der übergroßen Mehrheit der Studierenden ist das garnicht so klar.
    Ich hab mal mit Leuten aus der Informatik ausgeredet: die interessiert die Aktionswoche schlichtweg nicht. Die wollen einfach ihr Studium machen.

    „In der Hinsicht kann es schon sinnvoll sein, sich eine Auszeit von der Uni zu gönnen, um die Zeit für so was zu nutzen.“

    Das finde ich gut, obwohl das für einen Skeptiker auch nicht besonders plausibel klingt („Dann macht das doch in den Semesterferien oder trefft euch am Wochenende!“).

  7. Gravatar Icon 7 Thiel Schweiger 30. November 2009 um 14:16 Uhr
  8. Gravatar Icon 8 schorsch 01. Dezember 2009 um 0:07 Uhr

    Hallo,

    du hast ja auch meinen Text verlinkt, auf dem ich gewissermaßen grade nicht wie du die realpolitische Beschränkung fordere, sondern im Gegenteil diese Beengung auf bloß diese Schiene bei den Studierenden kritisiere. Vielleicht habe ich auch deinen Zynismus überlesen, aber ich weiß tatsächlich nicht, was vom negativistischen Standpunkt aus (;-)) problematischer ist: ein Haufen Pseudo-Lenins oder um ihre Privilegien eifernde Studierende, die in den Grenzen ihrer bloßen Funktionstüchtigkeit argumentieren – diese ideologiefreie Ideologie ist echt fast noch schlimmer meine ich. So wie letzteres sieht es größtenteils an „“meiner“" Uni aus. Interessanterweise sind da die Organisierungsbemühungen relativ hierarchiefrei und kommen mir auch nicht so leninistisch vor – von ziemlich üblen Ausnahmen mal abgesehen. Linke Gruppen halten sich da interessanterweise vornehmlich raus – agieren als Einzelpersonen oder lancieren mal ein kritisches Flugblatt ;-).

    Grüße,

    Schorsch

  9. Gravatar Icon 9 earendil 01. Dezember 2009 um 14:36 Uhr

    Ich glaube, dass die Streikbewegung viel mehr an realpolitischen Zielen erreichen könnte, wenn sie endlich ihre revolutionären Flausen abstreift und noch eindeutiger reinen Reformismus mit allen strategisch-taktischen Verrenkungen, die dazu gehören, praktiziert. Ansätze dazu gibt es ja schon. Man soll endlich aufhören, die Weltrevolution zu fordern und Randale zu machen, damit verschreckt man die Mehrheit der Agitationsobjekte nur. Das meine ich natürlich sarkastisch, aber richtig bleibt es trotzdem.

    Ausschließlich sarkastisch würde ich das aber nicht sehen. Eine punktuelle reformistische Bewegung per Intervention und Agitation in eine linksradikale umzufunktionieren und bspw. auf einer Bildungsdemo die Weltrevolution zu fordern, geht nach hinten los, das wird nicht zu unrecht als Fremdkörper und eine Art feindliche Übernahme betrachtet. (Und selbst wenn das alles stramme Kommunist_innen wären, müsste man sich bewusst sein, dass man den Kapitalismus nicht an der Hochschule überwinden kann.) Man sollte da schon zwischen verschiedenen Ebenen unterscheiden, und ich halte es durchaus für sinnvoll, „realpolitische“ Forderungen nach konkreten Verbesserungen oder gegen konkrete Verschlechterungen zu unterstützen. Allerdings sollte man nicht die konformistischen Begründungen solcher Forderungen nachplappern, sondern vielmehr versuchen, den Kontext in der „Gesamtscheiße“ und die Beschränktheit der Forderungen deutlich zu machen.

    Zur Demokratiefrage: Wenn da jemand mit dem Anspruch auftritt, „die Interessen der Studierenden“ zu vertreten, dann doch v.a. deshalb, weil er_sie glauben, ohne diesen Anspruch in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen zu werden. Das hat wohl kaum was mit „Leninismus“ als vielmehr mit der real existierenden Demokratie zu tun, in der vorgebrachte Argumente nur dann zählen, wenn sie von anerkannten Vertreter_innen einer großen oder einflussreichen Gruppe vorgebracht werden.

    So „zentralistisch“, also dass etwa in Vollversammlungen nur überregionale Vorgaben abgenickt werden, habe ich solche Sachen auch gar nicht in Erinnerung. (Keine Ahnung, ob das heute anders läuft.) Und Vollversammlungen laufen halt nach dem Prinzip, dass die entscheiden, die genug Interesse für die Sache aufbringen, dass sie an der VV teilnehmen.

  10. Gravatar Icon 10 Lenin rocks 01. Dezember 2009 um 16:28 Uhr

    Zur „progressive Organisationsstruktur“:
    An meiner Uni (und was ich so aus dem Netz mitbekomme gilt das auch für viele andere) ist eher der Fetisch „Basisdemokratie“ ein Problem. Alles, inklusive Zielen und Protestformen, wird basisdemokratisch im Plenum beschlossenen; jeder hat Rede- und Stimmrecht. Das ist als Organsiationsform aus Österreich mit rüber geschwappt. Wie Du selbst anmerkst, gehen die Organisatoren davon aus, die wahren Interessen der Studierenden zu vertreten. Deshalb nehmen sie an, in basisdemokratischen Strukturen würde sich automatisch ihre Vorstellung von Zielen durchsetzen. Auf das vorab Festsetzen von Zielen wird also erst mal verzichtet, das Plenum soll dann Forderungen erarbeiten. Erwartet wird, dass da dann höchst emanzipatorisches, linkes und radikales bei raus kommt. Das ist natürlich nicht der Fall, die Mehrheit der Studierenden sind keineswegs Sozialisten. Dementsprechend streicht das Plenum die Forderungen beständig zusammen; alles, was „unrealistisch“ ist, nicht ausschließlich mit der eigenen Hochschule zu tun hat, „linksextremistisch“ klingt, oder Hochschulleitung, Landesregierung, Wirtschaft, Burschenschaften, etc. stören könnte, muss weg. Linke Symbole und Gruppen werden aus der Hochschule verbannt, statt dessen werden RCDS und Burschenschaften eingeladen. Aus dem von Linken angeleiherten Streik wird binnen kürzester Zeit eine mit deutschnationalen Untertönen unterlegte Aktion zur Verbesserung der Berufschancen von Hochschulabgängern. Statt ihre eigene Position zu stärken, haben die linken Gruppen sich de facto selbst geschwächt – ihre Symbole und Flyer werden aus der Hochschule entfernt, im Plenum wird „linke Propaganda“ nicht mehr geduldet und entsprechende Redebeiträge sofort unterbrochen.

    Das ganze ist das Ergebnis von Demokratie-Fetisch, realitätsfremden Vorstellungen über die Einstellungen der Mehrheit der Studierenden und dem daraus resultierenden Verzicht auf eindeutige Positionierungen. Statt so zu tun, als wären es „die Studierenden“, die am Bildungsstreik teilnehmen und Räume besetzen, hätte man von Anfang sagen können: wir sind die AG Besetzung, wir treten für folgende Ziele ein, und wer die unterstützt soll mitmachen. Dann gäbe es kein Problem mit der Verwässerung der Forderungen, keine Teilnahme von RCDS und Burschenschaften, kein Verbot linker Gruppen, usw.
    Nätürlich gäbe es dann Vorwürfe á la „Ihr vertretet ja gar nicht die Mehrheit der Studenten“ – aber genau diese Vorwürfe gibts jetzt auch. Wenn man gleich darauf verzichtet, zu behaupten, man spräche für alle Studierenden, könnte man solche Trotzreaktionen vielleicht sogar verringern.

    „Also entweder du willst deine Forderung umsetzen (und dazu brauchst du nunmal ne Mehrheit) oder nicht“

    Seltsame Vorstellung: Studenten haben an der Hochschule und in Fragen der Bildungspolitik doch gar nichts mitzureden, was sollte eine Mehrheit da bringen? Die Meinung der Mehrheit ist vollkommen irrelevant, oder hat 90% Ablehnung der Studiengebüren unter den Studierenden irgendwelche politischen Folgen? Natürlich nicht. Eine Mehrheit für irgendeine Position ist weder nötig für eine Veränderung, noch bringt sie die automatisch mit sich. Die jetzigen Protestformen wurden ja gerade gewählt, weil eine Meinung haben und die in Demonstrationen nach außen tragen keinerlei Wirkung hat. Ich will damit keineswegs sagen, dass die Minibesetzungen ausreichen, um die Forderungen der Besetzer durchzustzen. Aber mehr als mit reinem Meinen und Demonstrationen wird da schon erreicht. Es wird zumindest im Ansatz mal Druck auf die Hochschulen ausgeübt. Und kleine Erfolge gabs dann ja auch: Themen, zu denen bisher Schweigen herrschte, werden in der Öffentlichkeit diskutiert. Und das Bild, dass alle Studenten super zufrieden mit Gebühren und Bachelor/Master sind, kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Tatsächlich wird jetzt in den Medien eher das Bild vermittelt, alle Studenten seien unzufrieden. Lokal gibts auch Mini-Erfolge, so musste z.B. unsere Hochschulleitung sich zum ersten Mal herab lassen und mit Studenten üeberhaupt über Studiengebühren und Ausgestaltung der Studiengänge reden.

    Mir reicht das selbstverständlich noch lange nicht, und ich halte den isolationistischen Weg für vollkommen verkehrt und aussichtslos. Ohne allgemeine Gesellschaftskritik und ohne Bündnis mit Schülern, Gewerkschaften und Arbeitslosen wird die Studentenbewegung nichts substantielles erreichen.

  11. Gravatar Icon 11 earendil 01. Dezember 2009 um 20:18 Uhr

    Das [“Basisdemokratie“] ist als Organsiationsform aus Österreich mit rüber geschwappt.

    Nö, das war schon immer so bei Hochschulstreiks in D, jedenfalls die letzten 10-15 Jahre.

  12. Gravatar Icon 12 Thiel Schweiger 03. Dezember 2009 um 18:07 Uhr

    Okay, zwei Statements von mir zu den zwei wichtigsten Kritikpunkten:

    - zum Verhältnis von Reform und Revolution im Bildungsprotest:

    Eine schwierige Frage, über die sich die Protestierenden ja selbst nicht so ganz einig sind. Denn einerseits ist man sich den notwendigen Beschränkungen des Reformismus bewusst, andererseits möchte man diesen aber doch gerne als Medium benutzen, um die Leute da abzuholen, wo sie stehen. Oder will eben von vorneherein nur Reform und interessiert sich für die Revolution nicht oder nur sekundär.
    Schon mal gut, dass es dieses Unbehagen an der Reform gibt. Dahinter sollte man auch garnicht zurückfallen. Das wollte ich auch nicht kritisieren, im Gegenteil. Meine Kritik war halt auf einer anderen Ebene angesiedelt. Auf der Reform vs. Revolution-Ebene argumentieren ja einige Texte, die ich verlinkt habe.
    Doch dieses Schlingern, dieses Herumlavieren ist eben auch das Problem der Protestierenden. Irgendwie will man schon konkrete Verbesserungen, aber irgendwie auch die Aufhebung der „Gesamtscheiße“. Eine Vermittlung gibt es da nicht und übrig bleibt eine pseudorevolutionäre Verklärung der eigenen Praxis – die eben im Kern reformistisch ist.

    Ich sage mir da halt: ich hab auf dieses Dilemma keinen Bock, meine Existenz ist schon widersprüchlich genug. Ich beobachte, kritisiere, freue und ärgere mich über den und beteilige mich punktuell auf am Protest, aber engagiere mich nicht in ihm. Nicht, weil es mir unterhalb der Revolution nicht wert erschiene, irgendwas zu machen, sondern weil ich auf dieses stetige Lavieren keine Lust habe. Ich habe andere Sorgen.
    Ich gebe mich zufrieden mit dem Bildungssystem wie es ist – weil ich seine materiellen Gründe verstehe –, versuche, daraus das beste für mich rauszuholen, und es gleichzeitig materialistisch so illusionslos wie möglich zu betrachten. Ich studiere doch nicht, um dagegen zu protestieren (dann sollte ich am besten damit aufhören und was anderes machen), sondern weil ich mir einen Erkenntnisgewinn davon verspreche (und auch aus profaneren Gründen, klar).

    - zum „Demokratiefetisch“:

    Wie will man es denn sonst organisieren, wenn nicht so? Alternativ halt ne offen undemokratische Kaderorganisation – okay.
    Da ist man enttäuscht darüber, dass die Mehrheit nichts von Revolution wissen will! Wie voluntaristisch ist das denn. Was ist denn spontan evidenter – gegen Studiengebühren oder für die Abschaffung des Kapitalismus zu demonstrieren? Natürlich ersteres, auch wenn letzteres theoretisch konsequenter sein mag. Da will man die Leute da abholen, wo sie stehen und regt sich darüber auf, dass sie ganz zufrieden sind, da, wo sie stehen. Also das ist eines von den (Schein)problemen des linken Studiprotestes, auf das ich keinen Bock habe. Eigentlich taucht hier das obige nur in noch konkreterer Form auf: man will die Reform, aber keine ehrlichen Reformisten bei sich. Nur Marxisten, die es mit der Reform in Wahrheit ja garnicht so richtig Ernst meinen.

    Letztendlich seid ihr Helden. Aber keine tragischen, die ohne ihr Zutun an der Härte des Weltlaufs scheitern, sondern komische. Sowas wie die polizeiliche Räumung der besetzten Räume – die ich natürlich scheiße finde und auch wütend darüber bin – wär bei einer entsprechenden Machtbasis ja garnicht möglich. Aber wen will das präsidium denn fürchten, wenn die große Mehrheit der Studierenden die Räumung wahrscheinlich sogar gut findet? Darüber braucht man sich doch nicht zu wundern, dass das Präsidium sowas macht, das war doch abzusehen! Und dass die Bullen knüppeln und rassistisch/sexistisch Arschlöcher sind – sicherlich einen Protest wert, aber ebenso vorhersehbar.
    Man hat geglaubt, Narrenfreiheit zu haben und dem Präsidium dauerhaft auf der Nase herumtanzen zu können. Wie ein Kind, dass von der Süßigkeitendose nascht, sie nicht richtig verschließt und sich dann wundert, von der Mutter doch erwischt zu werden – das vielleicht sogar insgeheim herbeigesehnt hat (Masochismus – jaja). Da fehlt einfach jede nüchterne, sachliche Einschätzung der realen Machtverhältnisse – Einsicht in die Realität: banale Voraussetzung jeder Praxis, vorher muss man über das Theorie-Praxis-Dilemma garnicht disputieren – nicht mal das kriegt ihr hin – und da helfen auch stundenlange Diskussionen in besetzten „Freiräumen“ mit Uni-Dozenten nix.
    Das Präsidium hat ja anscheinend sogar von sich aus Räume angeboten. Ihr habt dann doch welche besetzt – klar, dann wäre der spektakuläre Charakter der ganzen Chose ja zu offensichtlich geworden. So hat man halt ne ganz nette semantische Verschiebung bewirkt. Ein interessantes Kunstwerk, ein spektakuläres Symbol, mehr nicht. Ein netter Anblick im Vorbeigehen, ein Photo wert.

    Die Zertrümmerung des Spektakels ist wichtiger als die Zertrümmerung der Uni. Das Niveau an der Uni ist wenigstens im Normalfall höher als das eurer Diskutierrunden, workshops und Vorträge, selbst wenn der Inhalt ideologisch sein mag (das ist er bei euch auch – nur mit der Illusion, besonders radikal kritisch zu sein – eigentlich noch widerwärtiger).

    (Sorry, musste mich mal auskotzen. Sowohl der Revokongress als auch die Streikwoche haben schon arg an meinen Nerven gefressen.)

  13. Gravatar Icon 13 Thiel Schweiger 07. Dezember 2009 um 20:49 Uhr

    Eine kleine Ergänzung, ein sehr interessantes Video von der Räumung des Casinos, das das üble Vorgehen der Polizei deutlich darstellt und denunziert:

    http://www.vimeo.com/8032263

  14. Gravatar Icon 14 Thiel Schweiger 30. Januar 2010 um 19:23 Uhr

    Aus aktuellem Anlass, heute gab es schließlich eine megasupi-“Gute Laune“-Kundgebung mit Techno und Clownerie, hier noch ein Verweis auf die Seite der Genoss_innen vom „Kegelclub Preungesheim“, die einige vernünftige Worte zur Bildungsprotestblase enthält:

    http://hglkp.wordpress.com/2010/01/28/thesen-zum-bildungsstreik/

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