Beiträge von Dr. Kollossos

„Die Geldmafia stranguliert die Völker“ (Ernst Prost)

Sätze wie diese, stoßen in Zeiten von Krisen und Staatsbankrotte auf offene Ohren. Es scheint von ganz rechts bis ganz links, von Holger Apfel bis Jürgen Elsässer, en vogue zu sein, naserümpfend über den Finanz-, Casino-, Raubtier-, kapitalismus zu richten. Gar 99 % sollen sich einig sein, wovon ein Promilleteil winterliche Temperaturen in Zelten trotzt, um den Banken das fürchten zu lehren!
Doch auch diesmal ist Vorsicht geboten, wenn Positionen auf solche Zustimmung suchen, dass sich Teile der Zustimmenden in Okkupationsphantasien ergehen.
Werfen wir also einen Blick auf die üblichen Phrasen. Bestens geeignet hierfür, eine wahllos ausgesuchte Aussage des eingangs zitieren Liqui-Moly Gründers Ernst Prost, einer jener Unternehmer, die in Talkshows ihre Solidarität mit dem kleinen Mann bekunden, indem sie allenthalb die „Perversionen“ der Finanzindustrie geißeln.
„Europa, die Länder, die Völker, die Nationen werden angegriffen von diesen so genannten Finanzmärkten“
Kennzeichnend für diese Position ist wohl das dichotomische Weltverständnis. Sei es die Gegenüberstellung von gierigen Bankern und ehrbaren Unternehmern oder allgemeiner von der überbordenden Finanzindustrie und produktiver Realwirtschaft, in jedem Fall scheint eine Verkehrung zweier Sphären vorzuliegen, die es zu beseitigen gilt. Doch nicht nur, dass diese Position verkennt, dass Akkumulation auf ein entwickeltes Kredit- und Finanzsystem angewiesen ist. Schließlich geriete der Prozess der kapitalistischen Produktion ins Stocken, fehlte ein institutionelles Gefüge über dies Geldkapital reibungslos die Anlagemöglichkeiten wechseln kann. Dabei spielt natürlich der Handel auf spätere Zahlungsansprüche, Aktien und Anleihen eine entscheidende Rolle, womit selbstredend ein spekulatives Element Einzug erhält. Doch ist Spekulation ein Grundzug jeden kapitalistischen Handelns. Denn auch der hochgelobte Mittelständler steht zukünftigen Entwicklungen ungewiss gegenüber, untersteht jedoch auch der Maxime der Profitmaximierung.
Die Position enthält zudem ein Element, das verkürzten Kritiken häufig gemein ist. Sie ist, trotz ihres radikalen Gebarens, affirmativ. Diese vermeintliche Kampfansage gegen bestehende Unzumutbarkeiten, bewegt sich weiterhin auf den Imperativen kapitalistischen Wirtschaftens. So soll gerade über das „Zurechtstumpfen“ des Finanzsystems das reibungslosere Funktionieren der Produktion um der Produktion willen garantiert werden. Schließlich gilt es den produktiven, mittelständischen Unternehmer vor der Auswüchsen der „Finanzalchemie“ zu schützen, damit der ehernste Zweck gesichert ist: die Erhaltung, wenn nicht gar Schaffung von Arbeitsplätzen.
Selbstverständlich ist unter solchen Vorzeichen, der Staat außerhalb der Kritik, im Gegenteil, gilt es ihn zu verteidigen. Wieder mal ist es der dichotomische Zugang, der sich hier ausdrückt. Der Staat, identisch mit dem Volk gesetzt, zumindest als dessen Handlungsinstrument, ist den Ratingagenturen und Staatsanleihespekulationen ausgeliefert. Damit wird nicht nur übersehen, dass der Staat über sein Gewaltmonopol die Bedingung für jedes kapitalistische Handeln darstellt, insofern, als dass jeder Tintenklecks unter einem Vertag nur dann Gültigkeit besetzt, sofern staatlicherseits die Garantie gegeben ist. Zudem ist staatliches Handeln nur auf der Grundlage funktionierender Kapitalakkumulation möglich, wie am Beispiel Griechenland offensichtlich wird, dessen Bankrott nur abgewendet werden kann, wenn Steuergelder sprudeln. Folglich ist das Gegensatzpaar Staat-Markt in der oft dargestellten Strenge unhaltbar.
Ein Einwand, jedoch, der den Finanzkapitalgegner gleichgültig ist, schließlich gilt ihnen die Sorge um das reibungslose Funktionieren der Realwirtschaft, eingebettet und garniert mit staatlichen Wohlfahrtsprogrammen.
Damit tritt die Produktionssphäre außerhalb der Kritik, der Ort an der Ausbeutung ihren Anfang hat. Nimmt doch hier die Aneignung der Früchte fremder Arbeit ihren Ausgang. Schließlich ist es die Besonderheit der Arbeitskraft, fähig zu sein, Reichtum über ihre Reproduktion hinaus zu schaffen, ein Mehrprodukt also, das dem Kapital zukommt. Stattdessen jedoch, die Vorstellung der harmonischen Einheit aus produktivem Kapital und Arbeit. Eine Einheit, nur gestört durch das raffende Finanzkapital.
Woher aber diese Vorstellung? Ist es mangelnde Einsicht? Oder liegt der Sachverhalt tiefer, angesichts der Dominanz dieser Vorstellung.
Eine mögliche Antwort ist, dass kapitalistisch verfasste Gesellschaften die Bedingungen selber produzieren, die diese dichotomischen Vorstellungen begünstigen:
Um dies plausibel zu machen, ein Blick auf das Alltäglichste, sprich die Form, unter der Menschen ihre Lebensbedingungen schaffen. Zweifellos herrscht hier eine Abhängigkeit aller von allen, d. h. Arbeitsteilung. Doch wie findet hier die Abstimmung statt? Woher Wissen, wie viel zu produzieren ist? Offensichtlich nicht bewusst, im Gegenteil, ist es wohl die „invisible hand“, die steuernd, hinter dem Rücken der Beteiligten, die Strippen zieht. Der Preis der Ware – der Ausdruck im Geld – verrät, ob sich noch lohnt zu produzieren oder es sinnvoller ist, dies sein zu lassen. Es ist die Geldvermittlung also, über die bürgerliche Gesellschaften interagieren.
Doch wo Geld ist, ist auch Kapital, sprich das Vermögen aus Geld mehr Geld zu machen. Womit wir wieder bei der Produktion sind. Schließlich läuft das Geldhecken nur über Warenproduktion. Ein Vorgang, wo diejenigen ins Spiel kommen, die außer ihr Vermögen zu arbeiten, nichts zu verkaufen haben. Doch der Verkauf hat´s in sich. Schließlich ermöglicht die Verfügung über das Vermögen zu arbeiten, dass der Verfügende hier auch nicht zu kurz kommt, der Verfügte mehr zu arbeiten hat, als für sein Auskommen nötig ist. Doch ist der Blick hierauf verstellt: Heißt es nicht der Arbeitslohn, der Lohn für Arbeit? Erhält der Arbeiter nicht das, was er verdient? Aber wo Gleiches mit Gleichem getauscht wird, wie außerhalb der Produktion üblich, da wird verkannt, dass innerhalb Schluss ist mit „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“ (Marx).
Verhältnisse also, innerhalb derer Reichtumsproduktion nicht die Form allgemeiner bewusster Vereinbarung annimmt, stattdessen Reichtum seinen Ausdruck im Geld findet und dessen Vermehrung – Leitimperativ der Gesellschaft – ermöglicht wird durch die Interaktion der Sphäre, die Waren herstellt und derjenigen, die für den Tausch in Geld zuständig ist.
Dieses notwendige Auseinandertreten der Produktions- und Zirkulationssphäre ist Ausdruck eines Moments, der jeden Tauschakt begleitet. Tauschen heißt Ungleiches gleichsetzen, sei es Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld – beides Mal ist es stofflich verschiedenes das aufeinander bezogen wird. Erst über die Abstraktion der konkreten Gestalt, geht die Gleichung auf – das Produkt wird zur Ware mit seinem Doppelcharakter aus Gebrauchswert und Tauschwert.
Nun ist der Ort dieser Abstraktion die Zirkulationssphäre, während jede Produktion notwendig konkret ist. Zugleich ist bestimmendes Moment kapitalistischer Gesellschaften die Dominanz der Abstraktion – das Handeln ist auf Vermehrung von Geld ausgerichtet, womit Abstraktion real vollzogen wird.
Zuspitzung erfährt nun diese abstrakte Reichtumsproduktion über das zinstragende Kapital. Schließlich erscheint hier das Geldhecken ohne Umweg über die stoffliche Seite möglich, wobei selbstredend dies nicht zutrifft, da der Zins nur ein Teil am Mehrwert darstellt. Anders dagegen bei handelbaren Zahlungsansprüchen – Derivate, Aktien usw. Über den Verkauf dieser Ansprüche kann der Umweg über die Produktion tatsächlich umgangen werden, stellen sie doch nichts anderes dar als Abbildungen zukünftiger Entwicklungen. Ob nun scheinhaft oder real – in beiden Fällen erreicht der Kapitalismus eine Steigerung seines abstrakten Moments.
Nun ist es Ausdruck der Finanzmarktgegner, sich gerade gegen die abstrakte Seite des Kapitals in Stellung zu bringen und dabei eine Lanze für die produktive-konkrete Seite zu brechen. Eine Haltung, die, wie versucht wurde zu zeigen, die notwendige Verbundenheit beider Momente – der Abstrakten und der Konkreten – übersieht. Darüber hinaus, in der Verherrlichung der stofflichen Seite, zwar ein Gewahrwerden und eine berichtigte Kritik der Gewalt der kapitalistischen Abstraktion aufblitzen lässt, jedoch dies umschlägt in Forderungen, die erkennen lassen, dass sie auf unmittelbare Ausbeutungsformen hinauslaufen, gerade weil sie gegen Vermittlungsformen, wie es die Finanzsphäre darstellt, gerichtet sind. Schließlich erscheint der Zorn mancher „Kritiker“ darin begründet, dass Reichtumsbildung möglich ist, ohne Verausgabung, während ihr Wunschbild einer gerechten Welt aufgeht, in der Verewigung des Broterwerbs im Schweiße des Menschen Angesichts.
Dagegen wäre gerade an das leidfreie Reichwerden anzuknüpfen, das arbeitsloses Einkommen bedeuten kann. Denn wer möchte nicht gerne Privatier sein und leben von Zins und Zinseszins? Überhaupt ist dem Kreditwesen anzurechnen, dass es die Entwicklung Weltmarkts forciert, jene Instanz, die auch „die barbarischsten Nationen in die Zivilisation“ (Marx) reißt, trotz Hunger und Elend, wobei dieses am größten ist in jenen Ländern, die abgeschnitten vom Weltmarkt sind.
Aber Zivilisation scheint keine Errungenschaft mehr zu sein, wenn vor der Übermacht des Weltmarkts das Bewahren von Altbekanntem solche Blüten treibt, dass die Umgestaltung von Bahnhöfen, Tausende auf die Straße treibt und Mobilität weniger zählt als das Leben von Juchtenkäfern.
Nun scheint es zudem so zu sein, dass die Gegnerschaft gegen die abstrakte Seite des Kapitals, konkret, d. h. personifizierend, auftritt. Dunkle Machenschaften der Managerkaste, die allein von Gier getrieben sind, scheinen verantwortlich gemacht zu werden, anstatt in der Analyse der realen Bewegungsgesetze des Kapitals die Ursache zu suchen. Fast scheint man Hans Werner Sinn Recht geben zu müssen, wenn er schreibt: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben.“
Überhaupt hilft nur Analyse und Kritik um in Zeiten wie diesen, sich „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht […] dumm machen zu lassen.“ (Adorno)

Was treibt sie?

Was treibt diese Leute auf die Straße? Der Kampf für Aufklärung? Der Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Doch warum dann keine Demos gegen Islam, gegen den Dalai Lama und andere Schrecklichkeiten? Hier will man dem Muselmann wohl nicht dazwischenfunken, schon gar nicht den friedliebenden Buddhisten.
Anders wohl beim Katholizismus. Gegen ihn anzugehen, mit dem Impetus des Tabubrechers, umgibt einen die Aura des Aufklärers. Dass dabei der Gegenstand in seiner realen Bedeutung aufgebauscht wird, muss wohl billigend in Kauf genommen werden.
Doch was ist nun der Stein des Anstoßes?
„Keine Macht den Dogmen“ – diese Losung war es, die unsere Religionskritiker vor sich trugen. Angegangen wird also ein nicht hinterfragbarer Anspruch auf Wahrheit. Doch was genau? Ist es nicht allein schon der Anspruch auf Wahrheit, der sie auf die Straßen treibt.
Ist es nicht die Absolutheit des Meinungsgeschwirrs, in dessen Namen sie gegen Absolutes vorgehen. Gültig kann nur eine Aussage sein, die auf diese Gültigkeit verzichtet. Meinungsfreiheit, eigentlich immer mit der Stoßrichtung einer Freiheit von Meinung, verkehrt sich so. Dogmatisch also will man gegen Dogmen sein.
Gerade dann erzürnt eine Institution, die mit Vernunft noch mehr verbindet als die Fähigkeit sein eigenes Süppchen zu kochen. Eine Institution, die mit der Fähigkeit zur Vernunft einen göttlichen Schimmer erkennt, der den Menschen über die Natur erhebt und damit letztlich noch einen Begriff von Eros bewahrt. Und eine Institution, die mit Vernunft mehr verbindet als ihre instrumentelle Abrichtung, stattdessen auf Versöhnung drängt.
Dagegen verkümmert bei den Kritikern der Mensch zum Primaten:

Dank für regen Gedankenaustausch hierüber an terrific-speech!

Idioten im Kollektiv

Der wohl unangenehmste Aspekt an der WM ist wohl weniger der Hurra-Patriotismus, als vielmehr das Bedürfnis „Hurra“ zu schreien. So scheint es nicht oder kaum das ernsthafte Bekenntnis zum Vaterland zu sein, das die Horden zum Flagge schwenken drängt, als vielmehr die Begeisterung, zuschauend dergestalt affektiert zu werden, als dass die eigene Unfähigkeit ins Spielgeschehen einzuschreiten eine Spannung erzeugt, die sich im freudigen Aufschrei orgasmusartig entladen möchte. Dabei muss wohl der Freudentaumel überproportional zur Anzahl der anwesenden Mitfiebernden zunehmen, denn schließlich scharen sich die Be(un)geisterten nicht von Ungefähr in grölende Massen zusammen. Jeden Samstag um halb vier lässt sich dies beobachten. Aber besonders im Zwei-Jahres-Takt, von EM zu WM, schlägt der Drang mitzufiebern voll durch. Dann findet das Bedürfnis nach aufbrausender Kollektivität sein liebstes Objekt: die Nation. Jetzt ist garantiert, dass die Schar der Jubelnden die eigene Stadtgrenze überschwappt und erst ihr Ende findet an der Emotionswelle der Nachbarnation. Zusätzlich reißt es selbst noch die in den Bann, denen der Fußball sonst herzlich gleichgültig ist. Hauptsache man ist Teil der Gefühlswelle, dessen erstes Opfer der Verstand ist, welcher eingelullt im Bierdunst zu Grunde gehen muss, wenn Deutschland und Ballermann koinzidieren.
Hierfür ein Beispiel:

Ikea und die Deutschen

Was herauskommt, wenn die Marketingabteilung von Ikea sich in Mentalitätskunde versucht, kann man derzeit im neuen Fernsehspot feststellen. Dabei attestieren Möbelwerber dem Deutschen einen Hang zum Verabschieden: Angefangen beim Kaiser über die Spießigkeit der Bürger, der Hauptstadt Bonn, der Mauer bis zur DM, von allem trennten sich die Deutschen! Doch wurde da nicht was vergessen? Eine kurze Spanne zwischen Kaiserverabschiedung und Ende der Spießigkeit! Sagten die Deutschen da nicht auch „Tschüß“ zum Juden? Vielleicht beim nächsten Mal, wenn es um das Bewerben von Gasherde geht!

Jesus, der Manager

Es scheint schon den Charakter eines Allgemeinplatzes angenommen zu haben, darauf aufmerksam zu machen, dass bürgerliche Ökonomen, außerhalb ihrer Denkkategorien, niemals anders auf die Geschichte schauen. Schließlich lässt selbst Ricardo, wie Marx in einer Fußnote im Kapital erwähnt, „den Urfischer und Urjäger […] sofort als Warenbesitzer Fisch und Wild austauschen […]“. Warum sollte man somit mehr erwarten vom Vulgärsten aller Vulgärökonomen, den Wirtschaftsjournalisten? Doch ist es immer wieder erheiternd und es verdient auch nur deswegen eine Beachtung, dass diesmal Alexandra Borchardt in der aktuellen SZ einen ihrem Berufsstand wohl typischen Blick auf das Wirken Jesu wirft. Unter der Überschrift „In der Ich-Falle“ beklagt sie, „wie der Personenkult die Gesellschaft zerreiben kann“. Ganz der Weihnachtsbotschaft verpflichtet, fordert sie stattdessen Zurückhaltung, vielleicht gar Selbstlosigkeit. Doch wie jeder anständige Ökonom ist ihr stärkstes Argument, selbstredend nicht eine etwaige Zufriedenheit (die sich einstellen könnte), sondern, mit Rückgriff auf wissenschaftliche Studien, die Effektivitätssteigerung zurückhaltender Führungskräfte und der langfristige Erfolg. Und wer wusste dies schon vor 2000 Jahren? Kein Geringerer als der Sohn Gottes, dem wohl besten Personalmanager. Denn, ganz dem langfristigen Erfolg verpflichtet und dem Bewusstsein, dass „weniger egozentrische Chefs […] die zweite Reihe stark werden [lassen], damit den Top-Job jederzeit jemand anders [Petrus oder Joseph Ratzinger, Anmerkung: Dr. Kollossos] übernehmen kann“, setzte er „gleich zwölf Apostel“ ein, womit „der Boden für Jahrtausende erfolgreicher Nachfolgeplanung“ bereitet war. Diese Exegese ernst genommen, kommt die Gottesebenbildlichkeit wohl am stärksten im Manager zum Ausdruck.

Für die Rettung einer bedrohten Spezies

Der gemeine Leistungsträger beginnt den Tag schon in den frühen Morgenstunden, nicht selten auch schon vor 6 Uhr. Nach einer kurzen morgendlichen Körperpflege, geht es meist über ein kompliziertes Beförderungssystem an die Stätten der kollektiven Arterhaltung. Ein System, das ganz ohne Absprache, scheinbar unsichtbar und nicht immer ganz reibungsfrei funktioniert. Dort angekommen, beginnt der Leistungsträger gewissenhaft sein Tagwerk, unterbrochen nur durch eine kurze Phase der Regeneration, verrichtet er selbiges meist über acht Stunden hinweg. Manche besonders fleißige Exemplare bleiben auch mal länger, wobei die hierarchische Organisation der Gattung Leistungsträger entsprechendes Verhalten von den Alpha-Leistungsträgern auch abverlangt, selbige dieses aber auch von untergeordneten Artgenossen einfordern. Nach getaner Arbeit geht es dann über, oben erwähntes, Beförderungssystem wieder zurück. Der gemeine Leistungsträger nutzt dann die restliche Zeit, meist in Gesellschaft des Nachwuchses, zur Erholung. Schließlich wartet schon der nächste Tag.
Doch der Leistungsträger ist gefährdet! Gefährdet durch den Leistungsempfänger! Innerhalb der Gemeinschaft der Leistungsträger hat sich dieser Parasit eingenistet. Geschickt zapft er die Früchte seines Wirts an und verhindert so das schadlose Gedeihen dieser Gattung. Zwar gelingt es einer Unterart des Leistungsträgers: der guidikus westerwellikus zunehmend sich des Parasitenbefalls zu entziehen, doch die Zukunft bleibt ungewiss. Darum bedarf es Hilfe. Nur durch konsequentes Vorgehen kann der Leistungsempfänger bekämpft werden! Er frönt sein Leben nicht selten in Siedlungen innerhalb derjenigen des Wirts. Seinen Tag beginnt er meist spät. Seine träge, meist fette Erscheinung erleichtert ein schnelles Auffinden, obwohl er oftmals seine Behausung nicht verlässt. Meist hilft nur klebriger Hartz ihn loszuwerden, wobei nicht selten die Hoffnung besteht, dass nach einer harten Phase des Verzichts die Mutation zum Leistungsträger einsetzt. Es wäre zu hoffen…

Hans-Werner und Sahra

Amüsantes und gleichzeitig lesenswertes hält die aktuelle Ausgabe der Zeit bereit. Denn niemand geringeres als die Rosa-Luxemburg-Imitatorin Sahra Wagenknecht und die Gründervaterbartfratze Hans-Werner Sinn liefern sich hier einen Stellvertreter-Klassenkampf. Überraschend dabei: Wider erwarten ist es Hans-Werner, der Marx als erster aus der Schublade zieht, zwar anfangs noch um dessen „Unterkonsumtionsthese“ als unzutreffend zur Erklärung der Finanzkrise zu charakterisieren. Dafür jedoch später der Krisentheoretikerin Rosa Wagenknecht, die den „uralte[n] Zielkonflikt [anprangert]: Kapitalistische Unternehmen wollen so billig wie möglich produzieren und so viel wie möglich verkaufen“, entgegenzuhalten, dass „Lohnzurückhaltung den Konsum temporär [verringert], [dafür] höhere Investition [anregt] und dadurch mehr Wachstum“, eine Formel, die er mit den Worten enden lässt: „Das ist Marx.“ Den Nachweis hierfür bringt unser verkannter Marxologo Hans-Werner selbstredend auch. Nachdem ihm Sahra Luxemburg widerspricht, dass dies doch Say sei, kontert Sinn: „ Das ist das Marxsche Wachstumsmodell. Im zweiten Band des Kapitals zeigt er: Je kleiner die Lohnquote ist, desto höher ist das wirtschaftliche Wachstum.“ Und ganz entzückt fügt er noch hinzu: „Mit Zahlenbeispielen!“ Dass soviel Sachverstand in Sachen Marx die Kommunistische Plattform in Gestalt Sahra Wagenknechts nichts entgegenhalten kann, verwundert natürlich nicht. Da bleibt ihr nur der Ausweg über revisionistische Ausflüchte: „Marx analysiert den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann und die Investitionsdynamik weitgehend selbsttragend war. Seit dem zweiten Weltkrieg lebt die Wirtschaft von der Konsumnachfrage.“ Deswegen fordert die Keyensianistische Plattform: „Mindestlöhne, deutlich steigende Tariflöhne und starke Gewerkschaften.“ Doch trotzdem soll eins klar sein, laut Rosa Wagenknecht: „Ich bin sehr für eine Gesellschaft, in der man durch eigene Arbeit reich wird.“ Was aber gar nicht geht, dass heute die reich sind, „die von ihrem Vermögen leben.“ Eine fast schon tautologische Mehrwerttheorie, später noch in die Formel gepresst: „Da nutzt jemand sein Vermögen, um von der Arbeit anderer zu leben.“ In Anbetracht solcher Verhältnisse kann Sahra nur noch rhetorisch fragen: „Ist das nicht auch Diebstahl?“ und fordern: „Man sollte eine Millionärssteuer einführen.“ Für Hans-Werner förmlich eine Sünde wider dem Fortschritt, nichts weiter als „der Weg in den Untergang“. Denn schließlich ist die Menschheitsgeschichte ein teleologischer Werdegang, alles führt zur Marktwirtschaft: „Die Geschichte ist davon geprägt, dass man die Spielregeln der Märkte schrittweise verbessert hat.“ Was vor dieser Periode war, weiß Geschichtsphilosoph Hans-Werner selbstredend auch: „Bevor es die Märkte gab, herrschten Anarchie, Raub und Krieg.“ Erst mit der „Friedensordnung“ Marktwirtschaft ändert sich dies, „denn sie bedeutet, dass man nicht mehr reich werden kann, indem man jemandem etwas wegnimmt, sondern indem man fleißig ist.“ Den Beweis für seine Theorie bleibt Hans-Werner natürlich nicht schuldig: „Nehmen Sie die Wikinger. Die plünderten, um reich zu werden, Ihre Nachfahren, die Dänen sind stattdessen fleißig, weil sie heute in einer Marktwirtschaft leben, in der man durch Fleiß und Sparsamkeit reich werden kann.“ Gegen diese Geschichtsphilosophie kann die Hegels einpacken. Vielleicht ist somit auch Hans-Werner Sinn, der nichts Geringeres als den leibhaftigen Weltgeist vorstellt. Das würde auch seinen Gründervaterbart erklären.

Akustische Zimmerpflanze

Jeder, dessen Arbeitsalltag begleitet wird von den nervtötenden Klängen des Radioprogramms, wird bestätigen, dass nichts quälender ist als der Stumpfsinn des Moderators. Alle seine Aussagen erwecken den dumpfen Eindruck, dass sein Gesicht ein aufgesetztes Grinsen ziert, sobald selbige ausgesprochen werden. Und wenn mal der, zu moderierende, Gegenstand doch ein Mindestmass an Ernsthaftigkeit verlangt, beschleicht dem Hörer erst recht das Gefühl des Aufgesetzten, allein schon durch den abrupten Übergang von Heiter in Ernst, den der starre Plan des Radioprogramms erzwingt. Daneben ist es die plechernde Monotonie, die den Radioalltag kennzeichnet, die sich nicht nur auf Immergleichheit der Musikauswahl beschränkt, sondern auch die (aufgezeichnete) Wiederholung des Gesprochenen erstreckt. Doch trotz dieses objektiven Stumpfsinns, wird sich wohl keine Arztpraxis, keine Werkstatt, kein Großraumbüro finden, dessen Räume nicht mit einem Radio ausgestattet sind, der die Angestellten bei ihrem Schaffen geräuschvoll begleitet. Dabei ist wohl gerade diese Hörerschaft, die dem Radioprogramm seine Struktur gibt. Schließlich scheint jedes Geschwätz, jedes Lied, jeder Telefonstreich die Arbeit leichter von der Hand gehen zu lassen, anstatt die Aufmerksamkeit des Hörers einzufordern, seine Konzentration zu verlangen. Daraus wird selbstredend kein Hehl gemacht, im Gegenteil, bei jeder Gelegenheit betont irgendeine Pseudo-O-ton-Aufnahme, dass irgendwo ein Mittelstandsunternehmen-büro die Arbeitszeit vom jeweiligen Sender begleiten lässt. Ganz bewusst und rational bedient der Radiosender also das Bedürfnis nach Berieselung, der kurzen Ablenkung, des verträumten Aufblickens vom Schreibtisch, das Mitwippen zum simplen Musikrhythmus bei anspruchlosem Sortieren. Letztlich ist Radio eben doch nur eine akustische Zimmerpflanze sozusagen die Verlängerung der Reproduktionssphäre in die Produktion.

Überengagierter Sozialdetektiv

Was es bedeutet, wenn die Mühlen der Verwaltung mal schneller malen, durfte ein Arbeitsloser in Göttingen erfahren. Anstatt der Intention des aktivierenden Sozialstaats Sorge zu tragen und das spärlichen Einkommen von 351 Euro plus Zuschüsse für die Miete als Anreiz wahrzunehmen um endlich wieder erfolgreich seine Arbeitsfähigkeiten zu Markte zu tragen, bevorzugte Klaus F. das Erbetteln von Almosen. Dass ein solches Verhalten selbstredend auf Unverständnis seitens der Behörden stößt, hat Herr F. wohl übersehen als er sich entschied in direkter Nachbarschaft zum Sozialamt zu betteln. Denn ein Sachbearbeiter nahm, entgegen des Rats des neidersächsischen Sozialministeriums mit Augenmaß zu operieren, die Vorschriften wohl ganz genau und opferte seine Mittagspause um die erbettelten Einkünfte zu ermitteln und selbige dann auf ein Monatseinkommen von ganzen 120 Euro hochzurechnen und natürlich auch in Abzug zu stellen. So erhält Klaus F. nun 231 Euro plus Zuschüsse für die Miete. Vielleicht fängt er jetzt an zu arbeiten!

Gesellschaft der Trennungen

Der hier unternommene Versuch, möchte aufzeigen, inwiefern es sich bei der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, um eine Gesellschaft der Trennung(en) handelt. Dabei soll der Begriff der Trennung hier nicht als empirisch-positivistisch verstanden werden, in dem Sinne, als dass es sich hier um eine Abhandlung über das Reichtumsgefälle sowohl auf globaler, wie auf nationaler Ebene handelt, mit den damit verbundenen getrennten Möglichkeit der Partizipation, auch wenn darüber eine Untersuchung interessant wäre. Stattdessen soll gerade hinter diese empirische Ebene getreten werden und das Moment der Trennung als konstitutiv für eine Gesellschaft gesehen wird, in der die Reichtumsproduktion geld- und warenvermittelt stattfindet. Der Begriff der Trennung soll somit als eine Entzweiung einer Einheit verstandene werden, die derselbigen inhärent ist, wobei dieses Auseinanderklaffen zweier Momente mit einem Gegeneinandertreten verbunden ist.
Den Anfang dieser Trennung macht hierbei die „Elementarform“ (Marx, Kapital I) der bürgerlichen Gesellschaft, die Ware. Kennzeichnend für Selbige ist ihre doppelte gesellschaftliche Bestimmtheit, ihre Einteilung in Gebrauchswert und Wert bzw. Tauschwert (die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen, die Marx unternimmt, soll hier nicht dargestellt werden). Dabei ist sowohl der Gebrauchswert als auch der Tauschwert einer Ware einer gesellschaftlichen Entwicklung unterstellt, denn die Nützlichkeit derselben als auch die abstrakte Arbeitszeit, welche ihre Wertgröße ausmacht, unterliegt selbstredend gesellschaftlicher Tendenzen, so zum einen der Produktivität der Arbeit, zum anderen den Präferenzen der Mitglieder der Gesellschaft, als auch der technischen Entwicklung. Mit dieser doppelten Bestimmtheit ist auch die erste Trennung gesetzt, denn Gebrauchswert und Tauschwert, treten mit zunehmender Entwicklung der Warenproduktion auseinander und offenbaren somit den Charakter der Ware als „sinnlich übersinnliches Ding“ (Marx, Kapital I). Das Gegenübertreten beider Momente der Ware wird augenscheinlich offensichtlich, mit entwickelter Arbeitsteilung. So werden die Schritte der Produktion einer Ware als solche perfektioniert, jeder Teilschritt wird bis ins kleinste durchorganisiert. Eine Entwicklung, die gerade deswegen auf totaler Ebene sich durchsetzte, als die Produzenten in Konkurrenz standen. Darin drückt sich auch die Triebfeder der Produktion aus. Bestimmendes Moment ist der Wert, der somit die Entzweiung der Ware als Gegenüberteten beider Bestimmungen zueinander deutlich macht, wobei die Dominanz dem Tauschwert zukommt. Dies drückt sich auch darin aus das potentiell jeder Teilschritt selbst als eigenständige Warenprodukion auftreten kann oder wie Lukacs es nennt: „Die Einheit des Produktes als Ware fällt nicht mehr mit seiner Einheit als Gebrauchswert zusammen. Gleichzeitig ist jedoch dieses Auseinandertreten zweier Momente der Ware als Ursache ökonomischer Krisen zu begreifen. Denn letztlich müssen zur Realisierung des Werts auch Gebrauchswerte produziert werden.
Einem Gebrauchswert einer Ware kommt bei dieser Entwicklung dabei besondere Bedeutung zu, nämlich die Fähigkeit der Ware Arbeitskraft Wert zu schaffen. Es ist folglich auch diese besondere Ware, die den Charakter der bürgerlichen Gesellschaft als Gesellschaft der Trennung verstärkt zum Ausdruck bringt, allein aus dem Grund, als es die Warenform der Arbeitskraft ist, die Warenprodukion als dominantes gesellschaftliches Prinzip notwendig macht und dabei gleichzeitig notwendig zur Entfaltung der Kapitalakkumulation ist. Überhaupt ist Warenförmigkeit der Arbeitskraft nur über Trennung möglich. So beschreibt Marx in der ursprünglichen Akkumulation die gewaltsame Durchsetzung des doppelt freien Arbeiters, der über die gewaltsame Trennung von den Produktionsmitteln zum Verkauf seiner Fähigkeit zur Arbeit gezwungen ist. Eine Entzweiung die notwendig zur Konstitution des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist, die dem Wesen nach nichts anderes darstellt als eine Trennung zwischen Verfügenden der Produktionsmitteln und von Selbigen Verfügten, deren Existenz vom zu Markte Tragen ihrer selbst abhängt. In diesem Zwang zum Verkauf liegt dabei selbst eine weitere Trennung begründet, eine Entzweiung innerhalb des Arbeiters, der „seine Arbeit als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt wird.“ (Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein)
Eine Entzweiung, die mit entwickelter Arbeitsteilung deutlicher wird. Die Fähigkeit zur Arbeit realisiert sich im durchrationalisierten Betrieb im stupiden Schalten und Drücken, eine Handlung die notwendig eine Abspaltung innerhalb des Arbeiters zur Folge haben muss. Mit zunehmender Produktivität und technischer Innovation konnten diese Formen der Arbeit glücklicherweise substituiert werden, was jedoch nur eine Verlagerung der Abspaltung zur Folge hatte. Denn die Objektivation der zu verkaufenden Fähigkeiten obliegt dem Arbeiter weiterhin, letztlich ist die Veredelung derselben ihm zusätzlich aufgebürdet. Schließlich ist die freundliche Stimme der Call-Center-Angestellten nichts weiter die Realisierung der Fähigkeit zur Freundlichkeit, die Selbige hier zur eigenen Reproduktion zum Verkauf anbot. Gleiches gilt für sämtliche Soft-Skill-Kurse.
Zusammen mit Trennung von den Produktionsmitteln begründet diese psychische Abspaltung eine weitere Entzweiung: Die erst mit der bürgerlichen Gesellschaft auftretenden Trennung zwischen Privat und Öffentlich oder, anders ausgedrückt, zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre. Dabei kommt dieser Trennung die Perpetuierung einer älteren, vorbürgerlichen Trennung zu, die der Geschlechtertrennung, welche hier nicht länger ausgeführt werden soll. Auch diese Entzweiung ist mit einem Gegenübertreten verbunden, die bei Entwicklung des Kapitalismus ein Ungleichgewicht der beiden Momente zueinander entfaltet. So ist es die Scheidung zwischen Privat und Öffentlich, die ersterer die Funktion einräumt als Ort der Reproduktion sowohl physisch, wie psychisch zu fungieren. Damit ist dieser gesonderte Bereich zwar notwendig zur Reproduktion des Ganzen, da die Verwertung der Arbeitskraft ohne die Wiederherstellung derselben schlechterdings möglich, doch gleichzeitig vielleicht der letzte Rückzugsraum, die dem Einzelnen die Möglichkeit bietet, „[sich] schwach [zu] zeigen, ohne Stärke zu provozieren.“ (Adorno, Minima Moralia) Mit der Erosion der Familie ist es jedoch dieser Bereich der Intimität, der zunehmende dem Öffentlichen, meist in Form des Staates, ausgesetzt wird. Ein Resultat, das eine Tendenz zur Verselbständigung der Produktionssphäre zur Grundlage hat. Denn es ist die, der kapitalistischen Produktion innewohnende Tendenz zur Zentralisation und Konzentration, die bedingt durch entfesselte Produktivkräfte, einen gesellschaftlichen Apparat erzeugt, die „das Schicksal des Arbeiters […] zum allgemeinen Schicksal der ganzen Gesellschaft“ (Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein) werden lässt. Ein Schicksal, welches darin besteht, in Kontemplation dem „circulus vitiosus“ (Marcuse, Der eindimensionale Mensch) gegenüber zu stehen, das „im Prinzip […] alle, noch die Mächtigsten zu Objekte[n]“ (Adorno, Minima Moralia) macht. Denn selbst der Topmanager, dessen Befugnisse den letzten Winkel des von ihm kontrollieren Betriebes erfasst, ist degradiert zum Angestellten, der mittels vorgefertigter Schablonen und Formeln mögliche Entwicklungen am anonymen Markt prognostizieren muss, dabei, ganz augenscheinlich, den Aktionären Rede und Antwort stehen muss. Somit ist es das „falsche Allgemeine“ (Adorno, Minima Moralia), welches, vermittelt über den Wert, als riesige „Kapitalmaschinerie“ den Menschen gegenübertritt, eine Entgegensetzung, welche selbst von Menschenhand entsprungen ist, dessen Ursprung dabei selbst verschleiert wird. Damit ist es dieser notwendige reale Schein in Gestalt des Kapitalfetischs, welcher eine Abhängigkeit begründet, deren Dialektik darin zum Ausdruck kommt, dass trotz zunehmender Vergesellschaftung der Gesellschaft, eine Atomisierung ihrer Mitglieder besteht, die das Ganze dadurch reproduzieren, insofern sie sich jedes Mal aufs Neue zu Markte tragen müssen. Folglich begründet die bürgerliche Gesellschaft in entwickelterster Gestalt eine Entzweiung, dessen Verhältnis eine Auslieferung des Einzelnen an eine ihm äußerliche, anonyme Gesellschaft darstellt, die eine immanente Versöhnung über eine Identifizierung mit den „ideellen Gesamtkapitalisten“ (Engels), dem Staat zulässt. In aktuellen Debatten zeigt sich dies, in verstärkten Appellen an den Staat, krisen-lösend zu intervenieren, während nur wenige Jahre zuvor, die Identifikation über die beinahe Internalisierung der Standortlogik verlief. Selbstredend bedeutet diese Form der Versöhnung für den Einzelnen, die Abstraktion von seinen realen Bedürfnissen, die einem Verzicht im Wege stehen.
Die vielleicht grundsätzlichste Trennung fußt auf dieser Vorherigen. Denn mit der Entwicklung der „circulus vitiosus“, deren Totalität die Reduktion aller Mitglieder einer Gesellschaft auf eine Funktion im Ganzen darstellt, entfremdet sich die Gattung Mensch von sich selbst, insofern als es ihr zunehmend möglich wäre, ihre selbstbegründete Abhängigkeit aufzuheben. Voraussetzung dafür ist die Aufhebung der Gleichzeitigkeit der Rationalität mit der Irrationalität, die widersprüchlichste Trennung überhaupt. Während nämlich jeder Teilbereich, jeder Betrieb, jede Verwaltungsabteilung zum Gegenstand der rationalen Erfassung wird, findet die gesamtgesellschaftliche Reproduktion außerhalb der bewussten Gestaltung statt. Darüber hinaus sind es dabei noch jene Marktgesetze, welche außerhalb der Planbarkeit walten, deren wissenschaftliche Durchdringung zwar der bürgerlichen Ökonomie obliegen, denen die Rationalität der Teilsysteme verpflichtet ist. Damit verkehrt sich das Subjekt-Objekt-Verhältnis, welches die Menschheit innerhalb ihrer Entwicklung, der Natur gegenüber entfalten konnte. Zwar gelingt es über die wissenschaftliche Durchdringung die anfangs äußerlichen Naturgewalten, denen gegenüber der Mensch ausgeliefert war, anzueignen, umzusetzen und in Mittel zur Reichtumsproduktion zu verwandeln, doch findet diese Aneignung, eingepresst in eine dem Menschen äußerliche Form, statt, die eine Aneignung der Naturgesetze als Mittel zur Kapitalakkumulation setzen, anstatt den Zweck der Produktion in der bewussten Befriedigung der entwickelten, menschlichen Bedürfnisse. Folglich begründet diese Trennung ein Verhältnis, dass die Menschheit als Objekt eines selbstgeschaffenen „automatischen Subjekts“ (Marx) ausliefert. Damit erweist sich die bürgerliche Gesellschaft als größtmögliche Trennung des Menschen von seiner Möglichkeit, bewusster Akteur der Geschichte zu werden und somit das marxsche Zitat, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, lügen zu strafen.




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