Aus dem beschädigten Leben

Räumungsklage gegen das IvI

Kurznotiz: Die Räumungsklage gegen das IvI war erfolgreich. Von einer baldigen Räumung ist auszugehen.
Quellen: HR, FR

Auf welcher Seite steht die deutsche Bundeswehr?

Man beachte das „chice“ Halstuch der Soldatin.

Gefunden im offiziellen youtube-Channel der Bundeswehr. Ich hätte garnicht gedacht, dass die deutsche Armee mittlerweile so hippe Propaganda produziert.
Aufmerksam geworden bin ich darauf durch einen Werbespot für die Bundeswehr, der auf web.de lief. So ähnlich wie der hier, nur ein wenig perfektionierter.

Töten und Disziplin ist schon ziemlich … interessant.

(Ich sehe zu wenig fern, ich wusste von der umfangreichen Werbearbeit der Bundeswehr bisher garnichts.)

Das IvI als utopischer Ort

Vorbemerkung: Dieser Text stellt eine Kurzversion des Textes Der Ursprung des IvI – ein ontologischer Beitrag zur Selbstreflexion dar, der sich hier abrufen lässt.
Diese Version ist eine Art kleines, verspätetes Geburtsgeschenk an das IvI, dessen Existenz am 3. 12. 2003 mit der Besetzung des Kettenhofwegs 130 begann.

Wir wünschen das Beste hoffen auf weitere irrelevante Jahre!

Krisen sind stets eine Gelegenheit zur Selbstreflexion. Was zeichnet das in die Krise geratene Projekt eigentlich aus, was ist der „Kern”, auf den sich dieses Projekt besinnen sollte? Die in diesem Artikel vertretene These soll eine Art Vorschlag sein, wie sich das IvI selbst definieren, was sein „Kern” sein könnte. Dies ist nicht als bloße normative Setzung, sondern genau als „Kern”-Analyse gemeint – also primär deskriptiv, freilich nicht im Sinne einer empirischen Untersuchung, sondern einer grundsätzlicheren, philosophischen Selbstreflexion.
Es ist generell sehr hilfreich, bei solchen Fragen mit dem scheinbar Banalsten, Einfachsten zu beginnen und sich von dort zum eigentlichen Problem vorzutasten. Oft genug verbirgt sich in dem zunächst Banalstem, Einfachstem bereits das eigentliche Problem. Das scheinbar Banalste, Einfachste ist, dass das IvI ein Ort ist. Freilich ist diese Bestimmung nicht unkontrovers: man könnte das IvI auch als politisches oder kulturelles Projekt jenseits eines bestimmten Ortes verstehen und den Ort nur als sekundäre Folgerung, als Mittel. Doch was wäre das IvI ohne einen Ort? Für welche Ideen stünde es genau? Wir glauben in der Tat, dass man vom Ort ausgehen muss, wenn man den „Kern” des IvI begreifen will. Jede politische Definition des Projekts basiert auf seiner Örtlichkeit, nicht umgekehrt. Es geht also darum, nach dieser Örtlichkeit zu fragen. Beginnen wir daher mit sehr grundlegenden Überlegungen zum Ortsbegriff.
Der Mensch ist ein grundsätzlich im Raum existierendes Wesen. Er ist nicht irgendwo, er ist „da”. Dieser Raum ist freilich kein abstraktes etwas, sondern immer schon konkret geordnet im Rahmen der leiblichen Existenz des Menschen. Diese Ordnung basiert auf Orientierungspunkten – ich liege im Bett, ich stehe auf, um aufs Klo zu gehen, ich verlasse das Haus, um zum Supermarkt zu gehen etc. Das ist der Grundbegriff des Ortes. Orte strukturieren den Raum und geben ihm so erst eine Kontur, gleichzeitig enthüllt sich in dieser Kontur erst die konkrete Materialität des Raumes (etwa als Hindernis, als Abstand, als Erleichterung etc.). Die Definition des Ortes ist somit immer eine konkrete Aneignung der Materialität des Raumes, genauer gesagt: der Erde als basaler materieller Qualität und unabdingbarer Grundlage jeder Räumlichkeit.
Es gibt dabei eine basale Orientierung aufgrund meiner natürlich-leiblichen Existenz. Diese ist für meine Örtlichkeit zwar fundierend, entscheidend ist jedoch ihre soziokulturelle Definition. Ich bewege mich stets in einer örtlichen Matrix die zwar je meine ist, jedoch nie von mir gemacht wurde. Ich stehe etwa morgens auf. Mein Bett, mein Zimmer, mein Haus ist definiert als mein Erholungsplatz, indem ich schlafen, essen, lesen kann, einen gewissen „Freiraum” genieße. Mein gesamter Wohnraum ist im Hinblick auf diesen Erholungsplatzcharakter strukturiert. Ich muss nun aufstehen und zu meinem Arbeitsplatz gehen. Dieser ist nun mein Orientierungspunkt, mein Weg zur Arbeit erscheint als zu überwindender Abstand, als Verkehrsweg, den bestimmte Regeln definieren, nach denen ich mich zu richten habe. Etc. pp.
Man könnte diese Beschreibung endlos fortsetzen. Doch aus dieser groben Skizze sollte bereits klar werden: es existiert eine normative Ordnung, die jedem Ort, sei es als Erholungs-, als Arbeits-, als Spiel-, als Kultur-, als Marktplatz, seinen Platz, seine gesellschaftliche Funktion zuweist und in der wir uns für gewöhnlich bewegen. Diese Ordnung ist dabei nicht bloß ideell, so als handelte es sich um eine Art kollektive Einbildung, sondern manifestiert sich jeweils in der konkreten materiellen Organisation der Orte, die bereits in sich eine bestimmte Benutzung nahelegt. Freilich markiert diese Materialität der Orte auch immer eine gewisse Widerständigkeit: selbst der funktionalistischste Architekt kann einen Ort niemals so zurichten, dass seine Materialität völlig in seiner Funktionalität aufginge. Es gibt immer einen gewissen Überschuss der Benutzbarkeit – der teilweise wiederum selbst Teil seiner Funktion ist, teilweise dieser Funktion hinderlich. Von der subjektiven Seite aus gesehen heißt das: ich kann mir den Ort auch immer anders aneignen, meine Örtlichkeit immer anders definieren, als mir meine normative Ordnung vorgibt. Vom Standpunkt dieser Ordnung aus gesehen ist das ein Missbrauch – von meinem aus gesehen nichts weiter als ein alternativer Gebrauch, der meinen eigenen subjektiven Erfordernissen entspricht. Ich kann auf der Autobahn Skateboard fahren, im städtischen Brunnen schwimmen, im Kaufhaus schlafen etc. pp.
Es gibt so eine Politik des Ortes, die für jede widerständige Politik von zentraler Bedeutung ist: es geht darum, sich den Raum gemäß seinen eigenen Bedürfnissen anzueignen, sich die Nutzung des Raumes nicht von der herrschenden Funktionalisierung der Welt diktieren zu lassen. Diese Funktionialisierung produziert zwar permanent neue Möglichkeiten der Aneignung des Raumes, sie bleibt jedoch ihrem Wesen nach letztendlich doch repressiv und beschränkend: der Materialität der Erde, der Leiblichkeit und der Idealität der Individuen wird jeweils Gewalt angetan – ihre Entfaltungsmöglichkeiten werden gehemmt, ihre innersten Bedürfnisse negiert. Wälder werden sinnlos gerodet, Orte nach einer für den Leib völlig dysfunktionalen Weise zugerichtet, der Möglichkeitssinn der Menschen systematisch zugekleistert, indem durch die bloße Materialität der Orte eine Pseudoevidenz ihrer herrschenden Nutzung suggeriert wird (Moral und Gewöhnung erledigen das Übrige).
Jede Wiederaneignung des Raumes ist somit ein eminent subversiver Akt. Es handelt sich nur vom Standpunkt der Ordnung aus betrachtet um eine „Be-setzung” (was eine Hemmung suggeriert), eigentlich handelt es sich um eine Frei-setzung, das Gegenteil einer Hemmung. Im Idealfall bedeutet diese Freisetzung die Schaffung dessen, was man als einen „utopischen Ort” bezeichnen kann. Ein Ort, dem keine Funktionalität im System zugeordnet werden kann, der in ihm wie eine unheilbare Wunde klafft. Doch vom Standpunkt der Emanzipation aus betrachtet markiert eine solche radikale Verwundung den Beginn einer möglichen Heilung: es kann ein neues Verhältnis zu Erde und Leib erprobt, aber vor allem der Möglichkeitssinn enthemmt und überhaupt erst entwickelt werden. Was ist mit einem Ort möglich? Wie kann man ihn kollektiv verwalten in einem Vakuum jenseits der herrschenden normativen Ordnung? Was soll an ihm geschehen können und was nicht? All dies sind Fragen, die das IvI-Kollektiv über all die Jahre konsequent beschäftigt hat. Der Verdienst des IvI ist es, sich der Versuchung einer Refunktionalisierung konsequent widersetzt und seine ursprüngliche Offenheit weitestgehend bewahrt zu haben. Dies war nicht zuletzt wegen der Materialität des Ortes selbst möglich: der „Funktionalismus” des Architekten Ferdinand Kramers bedeutet gerade nicht eine Einschränkung auf bestimmte Funktionen, sondern eine möglichst offene Gestaltung, die eine vielfältige Funktionalisierung ermöglicht. Das IvI konnte so als Bibliothek, Treffpunkt, Veranstaltungsort, Wohnraum u.v.m. dienen. Seine „eigentliche” Bestimmung blieb immer offen, es konnte nie klar unter einer dieser Kategorien subsumiert wurden. Es wurden Dinge gemacht, die anderswo so nicht möglich gewesen wären und das nicht, und das ist entscheidend, individuell und vereinzelt, sondern kollektiv.
Die spezifische polemische Pointe genau dieser Freisetzung ist nun, dass es sich ursprünglich um einen öffentlichen Ort handelte: ein Universitätsgebäude. Es ging also nicht darum, ein privates Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen oder sogar, wie bei manchen alten Hausbesetzungen, einer bestimmten neuen Nutzung im Rahmen gesellschaftlicher definierter Funktionsnormen („Erholungsplatz”) zuzuweisen. Viel eher ist die implizite Botschaft dieser Freisetzung viel radikaler: bei der so genannten „Öffentlichkeit” handelt es sich um eine Pseudo-Öffentlichkeit. Es geht darum, den öffentlichen Raum zu öffnen, ihn somit erst seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: nicht funktionalistisch definierter Treffpunkt von Individuen unterschiedlichster Herkunft zu sein, um in gemeinsamen Dialog und gemeinsamer Praxis den Vorschein einer künftigen Menschheit zu konstituieren.
Das IvI ist für die einen ein Schandfleck in der durchfunktionalisierten Frankfurter Innenstadt, eine Störung des Ausbildungs-, Wohn- und Bürobetriebs im Umfeld, für die anderen eine Oase, „utopisch” einerseits im Sinne eines konkreten Vorscheins eines möglichen Besseren, andererseits im Sinne seiner konkreten Nicht-Verortbarkeit im Rahmen des herrschenden Ordnungsrahmens. Selbst als bloße Fata Morgana käme ihm, so verstanden, doch noch eine wichtige Bedeutung zu als Symbol möglichen Widerstands: es gibt ein mögliches Leben jenseits des totalen Funktionierens, es muss nur erobert und freigesetzt werden. Deshalb lohnt sich unserer Ansicht nach der Kampf für den Erhalt des IvI, gerade in so widrigen Zeiten wie diesen.

Eskalation der Lage im IvI

In den letzten Wochen hat sich die Lage um das „Institut für vergleichende Irrelevanz“ (IvI) in Frankfurt am Main erneut zugespitzt. Franconofurt versucht vehement, jegliche Veranstaltungen im IvI zu unterbinden. Außerdem wurde anscheinend mittlerweile die Räumungsklage eingereicht.

Solidarität ist also im Augenblick entscheidender denn je!
Die Veranstaltungen sollen wohl (u.a. aufgrund der juristischen Fragwürdigkeit des Verbots) weiterhin stattfinden.

Zur aktuellen Lage vgl. die aktuellste Presseerklärung des IvI, einen Bericht der FR über das Veranstaltungsverbot und einen des Wiesbadener Kuriers.

Das Ende des Lachens?!

Nach einiger Überlegung und in Absprache mit meinen Co-Autoren habe ich beschlossen, diesen Blog fürs erste stillzulegen. Er wird als Archiv natürlich erhalten bleiben und ich will, zumindest für mich, auch nicht ausschließen, irgendwann mal wieder einen kleinen (oder größeren) Beitrag zu veröffentlichen. Doch dies wird dann eben die Ausnahme und nicht mehr die Regel sein.

Ich halte das Bloggen an sich nach wie vor für eine nette und unkomplizierte Art, seine Meinung einer interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen. Daher fällt zumindest mir dieser Schritt nicht leicht. Ich sehe ihn jedoch aus verschiedenen Gründen als nahezu unvermeidlich an. Diese würde ich gerne transparent machen:

1. Wer schreibt?

La vache qui rit ist als Kollektivblog nahezu gescheitert. Trotz mehrfacher Versuche meinerseits ist es mir einfach nicht gelungen, neue Co-Autoren zu gewinnen. An sich finde ich einen Kollektivblog besser als einen Soloblog – weil Soloblogs immer dazu tendieren, zu einem Medium der Selbstdarstellung eines Einzelnen zu werden und weil man, sofern mehrere regelmäßig schreiben, unter weniger Druck steht, dauernd etwas schreiben zu müssen, damit der traffic konstant bleibt. Aber wenn mit mir keiner schreiben will, sehe ich keinen Sinn mehr darin, ein de facto-Soloprojekt als „Kollektivblog“ zu betreiben. Gleichzeitig soll La vache qui rit aber einer bleiben – was nichts anderes als sein Ende bedeuten kann.
Warum niemand mit mir schreiben will, darüber kann ich freilich nur spekulieren. Jedenfalls scheint es schwierig zu sein, Leute zum regelmäßigen Bloggen zu motivieren. Ich denke, das hat vorallem drei Gründe:
a) Gehört zum Bloggen eine gewisse Unbescheidenheit dazu, die einige (ob zu Recht oder zu Unrecht) nicht aufbringen können.
b) Ist es ein relativ sinnloser Zeitvertreib.
c) Bedeutet es, sich der öffentlichen Kritik stellen zu müssen, was mitunter sehr an den Nerven zehrt.
d) Man braucht zu guter letzt irgendeine „Mission“, irgendeine Vorstellung davon, warum man schreibt und welches Ziel man dabei verfolgt.

2. Unter welchen Bedingungen schreibt man?

Es klang schon an: Man schreibt ja, um gelesen zu werden. Um aber gelesen zu werden, muss man als Blogger bestimmten äußerlichen Standards gerecht werden. Sobald man sich dieser Logik unterwirft, ist es vorbei mit der relativen Autonomie von heteronomen Erfordernissen, die das Bloggen eigentlich so angenehm machen: Man muss sich kurz fassen, man muss regelmäßig schreiben, man muss verlinkt werden, man muss sich zu aktuellen Diskussionen in der Blogszene verhalten … Ich muss unbescheiden sagen: ich glaube, all das ist mir relativ gut gelungen ohne irgendwas zu machen, was ich völlig doof fände. Aber trotzdem baut diese Logik einen gewissen Druck auf, auf den ich dauerhaft keinen Bock habe (zumindest nicht in einem Solo-Projekt, ohne Mitstreiter, die auch ab und an mal was schreiben).

3. Wie viele lesen einen?

Trotz dieses Aufwands bleibt die Resonanz, die man normalerweise kriegt, relativ gering. Was mich oft besonders geärgert hat: irgendein schnell hingeschriebener Spaßartikel zu irgendeinem szenerelevanten Thema wird zig-mal verlinkt, einen Text, in dem wirklich mehrere Tage oder sogar Wochen lange Denk- und Schreibarbeit drinsteckt, nimmt kein Schwein zur Kenntnis.

4. Wie wird man gelesen?

Auch mit der „Resonanz“ ist es so eine Sache: die erfolgt zum größten Teil anonym. Irgendwer folgt irgendwelchen Links oder stößt über google auf den Blog (teilweise mit völlig bescheuerten Suchbegriffen). Wer meine Texte wirklich liest und wie er sie aufnimmt, erfahre ich nicht. Gut – das ist in den meisten anderen Medien ebenso. Bei Blogs gibt es ja immerhin die Kommentarfunktion. Doch wer die nutzt, sind, zumindest hier auf blogsport, meistens die Angehörigen der linken Bloggerszene. Und dann gibt es noch die Leute, die keinen Bock auf eine direkte Diskussion haben, sondern in irgendwelchen Foren oder Verteilern über einen lästern.

5. Für wen schreibt man?

Diese linke Bloggerszene wie auch die linke Szene sind klar die Zielgruppe dieses Blogs und machen den größten Teil seiner Leserschaft und insbesonder derer, die hier diskutieren, aus. LW, earendil, rhizom, neo und wie sie alle heißen …
Ich habe meine Blogtexte immer eher als Diskussionsvorlagen denn als fertig durchreflektierte „Meisterwerke“ verstanden. Als mein persönliches kleines Experimentierfeld. Und in der Tat finde ich im Grunde das beste Resultat meiner Bloggerlaufbahn die Diskussionen, die ich angestoßen habe.
Doch die sind gleichzeitig auch das nervtötendste am Bloggen:
Zunächst einmal sind geschätzte 2/3 aller Kommentare persönlich beleidigend. Früher habe ich den Fehler gemacht, da ich bloß nichts zensieren wollte, solche Beleidigungen meistens auch noch freizuschalten. Da habe ich dazu gelernt und zensiere solches Zeug sofort (seitdem ist es auch ein wenig besser geworden). Klar: mich muss niemand mögen. Und ich weiß, dass mich auch einige Leute gerne lesen und es wahrscheinlich ärgert, dass ich aufhöre. Doch leider schreiben eher die Leute, die meinen Blog scheiße finden einen Hasskommentar als die Leute, die ihn gut finden, mal ein kleines Lob. So zu arbeiten ist tatsächlich reichlich frustrierend.
Es bleiben nun die restlichen 1/3 der Kommentare. Also die, die wirklich Diskussionsbeiträge darstellen. Die sind nun auch meist nicht gerade zimperlich geschrieben. Die Grenze zur Beleidigung ist oftmals fließend. Das ist erstmal auch nicht schlimm: ich teile selbst gerne auch mal aus in einer online-Debatte. Das gehört bis zu einem gewissen Grad dazu. Letztendlich muss man es einfach als Spiel betreiben. Doch aus dem Spiel wird Ernst, wenn die Debatten politisch werden und ins real life übergreifen. Und da hört der Spaß auf. Das ist mir leider während meiner Zeit als Blogger mehrere Male passiert.
Dieses Übergreifen ist natürlich an sich nicht das Problem. Schließlich geht es in den meisten Debatten um relativ ernste Angelegenheiten. Sie sind schlicht politisch.
Freilich: dies rechtfertigt meist nicht die ungeheure Verbissenheit und Feindseligkeit, mit der selbst die abstraktesten theoretischen Probleme ausgediskutiert werden. Als würde die Weltrevolution davon abhängen, ob der Fetischcharakter der Ware zentral oder nebensächlich für das Verständnis des Kapital ist.
Leider fällt es, wegen dem schnell persönlich werdenden Stil der Debatten, oft sehr schwer, in solchen Diskussionen ruhig zu bleiben und sich nicht zu entsprechenden Gegenattacken provozieren zu lassen. Da habe ich mich sicher auch nicht immer mit Ruhm bekleckert.
Was mich zudem stört, ist die hartnäckige Unart, Argumente, die nunmal in einem komplexen Netz von Argumenten, einer Argumentationskette, vorgebracht und auch rezipiert werden müssen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern einzelne Textbausteine, teilweise völlig sinnentstellend, herauszugreifen und seine moralische Empörung daran aufzuhängen, anstatt zu versuchen, den Gegner zu überzeugen. Teilweise geht es sogar soweit, die explizite Aussage eines Textes ins Gegenteil zu verkehren. (So wurde mir etwa in einer auf diesen Text bezogenen Polemik vorgeworfen, ich würde nicht verstehen, dass eine Ästhetisierung des Politischen reaktionär ist.)
Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad unaufrichtig, sich darüber aufzuregen, dass andere seine Texte anders verstehen als man selbst sie intendiert hat. Man selbst ist schließlich auch nur Interpret seines eigenen Textes und es kann sein, dass man in ihm Dinge objektiv Dinge sagt, die der eigenen subjektiven Intention widersprechen. Oft ist es sogar erhellend, von anderen die Implikationen seiner eigenen Gedanken aufgezeigt zu bekommen – es offenbart unter Umständen vorbewusste Elemente des eigenen Denkens. Doch es gibt einfach ein bewusstes Missverstehen, dass man nicht akzeptieren muss und das auf Dauer ziemlich nervt. Zu Nietzsche und speziell zu Heidegger habe auf diesem Blog etwa sehr kritische Dinge geschrieben. Wer mir trotzdem versucht, einen Nietzsche-Kult anzudichten, sollte lesen lernen. „Mehr Achtsamkeit des Wortes“ – da traf selbst Heidegger mal was. Und auch „Gelassenheit“ scheint mir eine Haltung zu sein, die einige Linke lernen sollten.

6. Und für wen noch?

Dies ist im Kern kein spezielles Problem der linken Bloggerszene (auch wenn manchmal so getan wird), sondern letztendlich ein Problem der linken Diskussionskultur allgemein. La vache qui rit ist de facto ein linker Szeneblog. Ich habe ihn, teilweise willentlich, teilweise unwillentlich, dazu gemacht. Das Problem ist eben der unwillentliche Anteil. Eigentlich möchte ich, getreu Nietzsches Motto, das er Also sprach Zarathustra voranstellt, „für Alle und Keinen“ schreiben. Je länger ich blogge, desto weniger für die linke Szene. Diese Szene und ich haben sich einfach auseinandergelebt wie zwei alte Schulfreunde. Ich dachte einfach, man könne durch einen Blog wie diesen die Szene irgendwie zum Besseren verändern, indem man einfach mal zum Nachdenken anregt, einfach mal für die Szene unkonventionelle Positionen stark macht mit teilweise bewusst provokatorischer Absicht. Die Provokation hat meistens gewirkt (sie sind ja so berechenbar, diese Szenisten!) – nur leider handelt es sich um linke Szenespießer und sobald man die einmal gegen sich aufgebracht hat ist es Ende im Gelände. Denn diese Leute haben die traurige Angewohnheit, theoretische Debatten immer sofort politisieren, psychologisieren und moralisieren zu müssen. Es ist für sie kein verständlicher Gedanke, dass philosophische Debatten auch einfach mal ohne größere emotionale Erregung und ohne Politik und Moral im Hinterkopf geführt werden können und müssen. Wenn man mir etwa vorwirft, ich sei ein Faschist, weil ich mich bisweilen auf Heidegger und Nietzsche beziehe, ist dieser Vorwurf für mich überhaupt nicht verständlich: Nietzsche und Heidegger sind Philosophen und keine Politiker und als Philosophen kritisiere ich sie jeweils. Ebenso, wenn mir Faschismus vorgeworfen wird, weil ich SM gut heiße: SM ist für mich eine sexuelle Praxis und keine politische Einstellung. Ich kenne viele Linke SMer und viele SMer, die sich auf einer persönlich-moralischen Ebene niemals so arschlochmäßig verhalten würden wie viele meiner ehemaligen Genossen.
Aber das will man ja nicht hören! Als Linker steht man schlicht auf der richtigen Seite, weil man links ist und weil man sich den linken Szeneregeln unterwirft. Dass das nicht mein Ding ist, habe ich seit Bestehen dieses Blog immer wieder klar gesagt und mir deshalb nicht viele Freunde mit ihm gemacht.
Zuletzt hatte ich beim Schreiben fast jeden Artikels die linke Zensurbehörde im Schädel. Mir geht es da ganz ähnlich wie neo. Ich konnte Nietzsche nicht mehr zitieren, weil man mir dafür sofort wieder Faschismus vorwerfen wird. Ich konnte Heidegger nicht mehr kritisieren, weil meine Heidegger-Kritik zu gemäßigt sei und mich das wiederum zum Faschisten stempele. Unter solchen Bedingungen kann ich weder schreiben noch denken. Ich habe weiterhin versucht, mal durch Argumente, mal durch Provokation, meinen Feinden etwas entgegenzusetzen, doch ich bin es leid.
In einem meiner liebsten Aphorismen des Zarathustra heißt es:

Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind deiner unwert. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute saugen.

Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was groß an dir ist – das selber muß sie giftiger machen und immer fliegenhafter.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein.

Das will ich mir in Zukunft zu Herzen nehmen.

Linke sind einfach (schon Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang von den „Antisemiten und Anarchisten“, bei denen man das Ressentiment am besten studieren könne) zu einem guten Teil ressentimentgetriebene Menschen. Und das gilt besonders für linke Priester – genannt „Theoretiker“. Natürlich gilt das nicht für alle und auch nicht mal für alle meiner Feinde. Aber wer, wenn ich nicht ein ressentimentgetriebener Mensch, würde sich, ohne eine Zeile Nietzsche gelesen zu haben, darüber empören, dass jemand Nietzschianer ist und ihn als Faschisten bezeichnen? Und von dem dann auch noch erwarten, dass er diese Kritik Ernst nimmt?
Nur, um die Relationen aufzuzeigen: Auch von Marx gibt es einige sexistische, antijüdische und rassistische Äußerungen. Jeder aufrichtige Marxist würde das sofort zugeben, doch, zu Recht, darauf verweisen, dass diese Äußerungen den Kern der Marxschen Theorie nicht angreifen. Und diese rationale Argumentation soll nicht gelten, wenn es um Nietzsche geht? Mir ist bisher jedenfalls von keinem Nietze-Hasser gezeigt worden, dass es sowas wie einen antisemitischen oder faschistischen Kern in Nietzsches Denken gibt. Das ist auch nicht möglich: denn der Kern von Nietzsches Denken, seine Moralkritik, sein Individualismus, seine Vernunftkritik etc. sind antifaschistisch. Niemand hat die Antisemiten seiner Zeit mehr gehasst als Nietzsche. Er hat den Antisemitismus schärfer und besser kritisiert als Marx und Engels zur selben Zeit. (Vgl. meinen Artikel dazu.)
Ich könnte dazu natürlich noch viel mehr schreiben, aber ich bin es Leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, mich ab und an positiv auf Nietzsche zu beziehen gegenüber Leuten, deren Urteil ohnehin schon von vorneherein feststeht. Es geht mir auch nicht um Nietzsche, sondern um bestimmte Positionen, die Nietzsche vertritt und die einfach richtig finde. Wäre interessant, darüber mal eine Debatte zu führen. Aber dazu ist die linke Szene der falsche Ort.
Man muss es einfach mal zur Kenntnis nehmen: man kann nicht Freud, Adorno und Guy Debord gut und Nietzsche gleichzeitig scheiße finden. Freud etwa ist einfach, philosophisch gesehen, kein Hegelianer, Kantianer oder sonstwas, sondern Nietzschianer. (Das zeigt etwa sehr schön in Romanform das Buch Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom auf [die Verfilmung ist leider extrem kitschig]- aber es ist ja nun wirklich kein großes aufzudeckendes Geheimnis, selbst wenn Freud sich nie explizit auf Nietzsche beruft – man wäre auch gerade ein sehr schlechter Nietzschianer, wenn man Nietzsche so behandeln würde, wie viele Marxisten Marx. Zum Kern des Nietzschianismus gehört schlicht, dass man sich seine eigene philosophische Position herausarbeiten muss – gern auch gegen Nietzsche.)
Man muss einfach einmal zugestehen: nicht jeder, der anderer Meinung ist als man selbst ist Faschist oder Antisemit. Da diese Begriffe den schlimmsten Feind eines jeden Linken bezeichnen, sollte man sie nur äußerst sparsam verwenden. Ich muss zugeben, dass ich da ab und an auch mal über die Stränge geschlagen bin.
Was soll auch ein Antisemitismus bedeuten, der nicht manifest ist, sondern sich sogar als Anti-Antisemitismus ausdrückt? Die Beweislast liegt im Falle Nietzsches bei denen, die Nietzsche des Antisemitismus und Faschismus beschuldigen und nicht umgekehrt. Es mag bei ihm im Spätwerk einen Philosemitismus geben, den man als negativen Antisemitismus interpretieren könnte. Doch man wird bei Nietzsche keine Passagen finden, in der er das Judentum krass glorifizieren würde. Eher beschreibt er es meist recht nüchtern – und liefert in der Genealogie der Moral eine meines Erachtens treffende Analyse der Genealogie des Judentums als Religion des Ressentiments. Wobei der Hauptfeind klar stets das Christentum mit seinem Universalismus ist – das Judentums kommt demgegenüber bei Nietzsche eher gut weg (weil auch überhaupt seine Kritik an der „Sklavenmoral“ ambivalent ist: er weiß selbst, dass seine Analyse zunächst nur deskriptiv ist, dass daraus nicht zwingend eine Wertung folgt – man kann seine Analyse auch als Lob der Sklavenmoral lesen, wenn man möchte).
Nehmen wir als Beispiel, um es doch noch einmal zu versuchen, zwei Stellen aus dem Zarathustra, Nietzsches eigenem Bekunden nach sein Hauptwerk, in dem seine ganze Philosophie enthalten sei – folgerichtig also auch sein Antisemitismus.
Im Abschnitt „Von tausend und Einem Ziele“ heißt es:

„Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen sein“: diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit.

Die „Lehrrede“ handelt davon, dass verschieden Völker sich verschieden Werte setzen. Als Beispiel führt Nietzsche zuerst die Griechen, dann die Perser, dann die Juden, dann die Deutschen an. Die Werte aller Völker lobt Nietzsche aus unterschiedlichen Gründen. „Mächtig“ ist für Nietzsche nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Zugleich werden die Juden auch nicht als übermächtiges „Übervolk“ dargestellt, sondern einfach als ein Volk unter vielen. Wenn Nietzsche es nun als positives Merkmal des Judentums herausstellt, durch eine Traditionsgebundenheit durch Jahrtausende der Unterdrückung und Verfolgung hindurch seine kulturelle Identität bewahrt und dadurch „ewig“ zu sein, hat er damit einfach recht. Jedes andere Volk, jede andere Religion wäre unter vergleichbaren Bedingungen ausgerottet und assimiliert worden – die Juden haben sich ihre Religion nie nehmen lassen, trotz aller Anfeindungen. Der Gedanken, dass sich das Judentum durch ein besonderes Verhältnis zu den Eltern, besonders dem Vater, auszeichnet, wurde später in der psychoanalytischen Religionskritik aufgegriffen und fruchtbar gemacht – nicht zuletzt vom jüdischstämmigen Sigmund Freud selbst.
Der Abschnitt bleibt allerdings bei keinem simplen Kulturrelativismus („es gibt Völker mit verschiedenen, gleichwertigen Werten“) stehen, sondern endet mit einer radikalen Kritik daran:

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt noch das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? -

Also sprach Zarathustra.

Man muss diese Stelle wohl so verstehen, dass die Moral vom Übermenschen der Menschheit ein solches gemeinsames Ziel geben und sie so erst als Menschheit konstituieren soll. Nietzsche ist so in einem gewissen Sinne Humanist. Die partikularen Wertsysteme der Völker sind ihm gleichermaßen beschränkt. Gleichzeitig kritisiert er wenige Abschnitte vorher den falschen Universalismus des alles gleichmachenden Staats („das kälteste aller kalten Ungeheuer“) – es ist eben eine abstrakte Universalität, die kein echtes Band der Gemeinsamkeit zwischen den Menschen stiftet. Es zerstört nur die alten Werte, ohne wirkliche neue Werte schaffen zu können. Er ist der institutionalisierte Nihilismus:

Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller – „das Leben“ heisst.

Und später:

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
Dort, wo der Staat a u f h ö r t, – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücke des Übermenschen?

Im folgenden Abschnitt kritisiert er dann ebenso scharf den Markt („wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen“). Der Schauspieler an der Spitze der „Herde“ im totalen Staat – das ist schon fast eine Charakterisierung Hitlers!
Nietzsche vertritt so klar einen emanzipatorischen Individualismus gegen Markt, Staat und Kollektiv. Seine Vision ist die befreite Menschheit – allerdings nicht befreit im Sinne eines platten „materialistischen“ Utilitarismus, sondern einer Selbsttranszendenz, für die eben der Begriff „Übermensch“ steht.
Ich denke, dass ist eine amoralische Moral, an die man bis heute anknüpfen kann – und auch muss. Nietzsches Universalismus lässt sich beispielsweise sehr gut als Kritik am herrschenden Universalismus des globalisierten Kapitals lesen – eine Kritik, die gleichzeitig ebenso jedem Partikuralismus der Rassen, Völker und Regionen entgegensteht.
Die Nazis, die sich auf Nietzsche bezogen, haben seine Lehre einfach nicht verstanden. Und die Faschisten, die, wie Ernst Jünger, konsequente Nietzschianer waren, wurden zu Antifaschisten. Mit Nietzsche ist der organisierte ressentimentgeladene Massenmord einfach nicht zu rechtfertigen.
Gut – man muss zugestehen, dass Nietzsches Amoralismus eine gewisse Indifferenz gegenüber dem Leid innewohnt. Nietzsche würde immer sagen, dass es kein Sinn macht, sich gegen bestimmte Formen des Leids aufzulehnen, sondern dass man sie als notwendig bejahen und diese Bejahung als Etappe auf dem Weg zum Übermenschen betrachten muss. “ A u s d e r K r i eg s s c h u l e d e s L e b e n s. – Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Doch daraus folgt schlimmstenfalls eine Indifferenz gegenüber dem Faschismus, keine Affirmation. Und das ändert auch nichts an den evidenten Wahrheitsgehalten auch dieses Teils seiner Lehre: das Leben zu bejahen heißt auch, seine dunkle Seite zu bejahen. Man muss stark genug sein, diese Seite auszuhalten – erst dann kann man produktiv daran arbeiten, das Leid zu verringern. Dieser zynische Zug von Nietzsches Philosophie kommt mir harmloser vor als der hegelmarxistische Zynismus gegenüber dem Leid in der Geschichte – der sich auch in dem Hass auf alle Versuche, bereits im Hier und Jetzt ein wenig besseres Leben zu führen, anstatt auf die große Revolution zu warten, ausdrückt.
Die Stärke des Übermenschen wäre eine Stärke, die genau darin besteht, die falsche Härte zu überwinden, sondern die eigene Schwäche anzuerkennen und mit ihr umzugehen zu lernen. Es geht darum, weich und offen zu werden – um wirklich stark zu sein.

Im Abschnitt „Der Schatten“ geht Nietzsche sogar noch weiter. Hier sagt der Schatten Zarathustras zu diesem folgendes:

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng: immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig und auch nicht Jude bin.

Der Schatten ist Zarathustras nihilistisches alter ego. Er verharrt in der Stufe der bloßen Amoral und vermag es nicht, in die neue Moral des Übermenschen vorzustoßen.
Nietzsche identifiziert sich an dieser Stelle also sogar selbst mit dem Schicksal der Juden.
Ähnlich wie auch an vielen Stellen Marx setzt er freilich ein bestimmtes Bild von „dem Juden“ unhinterfragt voraus. Das muss man natürlich kritisieren. Doch man vergleiche diese Stelle mit den Auftritten von Judenfiguren in den Opern Wagners: ihnen wird kein Mitleid, kein Verständnis, nur Hähme und Brutalität zu teil. Nietzsche nimmt das Bild vom „ewigen Juden“ im Grunde als Prototyp des modernen Nihilisten, der ewig unbefriedigt auf Versöhnung wartet und in Gefahr ist, in einen neuen Mythos zu verfallen. Gegen diese Gefahr richtet sich Nietzsches Lehre: die Versöhnung darf nicht irrational-religiös, sondern muss selbst aufgeklärt sein – als Versöhnung mit den eigenen Trieben, dem Leib, der Natur, als wirkliche, konkrete Aufhebung der Gegensätze in der Figur des Übermenschen. Nietzsches Religionskritik fällt dabei auch der Mythos der Revolution zum Opfer: er verwehrt sich strikt dagegen, die Erlösung auf ein künftiges Himmelreich zu verschieben, sie muss im Hier und Jetzt angegangen werden. Nietzsche ist genau darum in meinen Begriffen emanzipatorischer und aufgeklärter als Marx. Wir brauchen keinen säkularisierten Messianismus,der nur zu Quietismus und Zynismus führt, sondern eine echte revolutionäre Ethik – und dafür stellt Nietzsche wichtige theoretische Werkzeuge zur Verfügung. Skizziert habe ich das u.a. in meinem letzten längerem Artikel (ohne freilich den Namen Nietzsche zu erwähnen).
Adorno, Freud und viele andere haben das gesehen: man kommt als kritisch denkender Mensch einfach nicht an Nietzsche vorbei. Es geht natürlich, wie bei jedem anderen Theoretiker, um eine kritische Aneignung und keinen Personenkult. Doch das ist eine Banalität, die ich mich fast schäme auszusprechen. Nietzsche schreibt es in einem Gedicht ja selbst:

Vademecum – Vadetecum

Es lockt dich meine Art und Sprach,
Du folgest mir, du gehst mir nach?
Geh nur dir selbst treulich nach: -
So folgst du mir – gemach! gemach!

Das Ressentiment gegen Nietzsche ist nichts anderes als ein Ressentiment gegen wirklich kritisches, in die Tiefe dringendes Denken – ein Denken zugleich, dass nicht von abstrakten Begriffen, sondern von der konkreten Lebenserfahrung ausgeht. Ein solches Denken ist allen Ideologen natürlich ein Dorn im Auge – ob Christen, Liberalen oder eben, und das ganz besonders, Marxisten. Mein Traum wäre eine progressive Bewegung, in der Nietzsche-Lesekreise genau so selbstverständlich wie Marx-Lesekreise wären. Eine solche Bewegung, die die beiden Stränge des posthegelianischen, antiphilosophischen Denkens endlich zusammenführt, könnte einzig wirklich revolutionär sein, wird ansonsten entweder objektivistisch oder subjektivistisch stecken bleiben. Das hat nichts damit zu tun, ein „linkes“ und ein „rechtes“ Denken in einer „Querfront“ zusammenzuführen. Diese Kategorien machen zur Beurteilung theoretischer Gegensätze schlicht keinen Sinn. Nietzsche ist genau so progressiv wie Marx. Es gibt rechte und linke Marxisten wie es linke und rechte Nietzianer gibt. Nietzsche ist kein Irrationalist, sondern Anstoßer des von Adorno und Horkheimer weitergeführten Programms der Aufklärung der Aufklärung.
In einer solchen Bewegung würde es jedenfalls nicht mehr so einen moralisierten, neurotischen Umgang miteinander geben wie gegenwärtigen in der „linken Szene“. Antrieb der Emanzipation wäre nicht mehr Ressentiment, Neid und Rachsucht, sondern einfach die Bejahung des Lebens selbst – der Kreativität, der Transzendenz, der Individualität und Vielfalt.
Die wirkliche Nietzsche-Kritik muss, wie bei jedem großen Denker, immanent sein. Hier wäre etwa der Universalismus des Zarathustra gegen die Affirmation von Herrschaft als ewige Notwendigkeit in anderen Schriften zu stellen. Nietzsche konnte sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft ohne Unterdrückung des arbeitenden Teils der Bevölkerung möglich sein könnte. Das hat mit seiner (partiellen) Ahnungslosigkeit in Sachen Ökonomie zu tun und markiert tatsächlich die Schranke seines Denkens. Wir sind heute eines besseren belehrt und können als Nietzianer diese Schranke überwinden, belehrt von Marx. Ob unsere marxistischen Freunde die Redlichkeit aufbringen, es uns gleichzutun und anzuerkennen, dass die Schranke von Marx seine Ignoranz gegenüber Psychologie und Subjektivität ist?1

7. Mit welcher Haltung schreibt man?

Nein – ich hatte schon seit längerem das Gefühl, mit meinen Artikeln zu 90 % Perlen vor die Säue zu werfen. Und das ist keine sehr gute Haltung beim Schreiben. Genau so wie es hemmt, ständig den linken Szenezensor im Hinterkopf zu haben – und selbst, wenn man diesen Zensor immer wieder bewusst provozieren möchte (und ihm so doch unterworfen bleibt).

Ursprünglich hatte ich meine Texte, es fiel bereits oben, eher als Diskussionsanregungen, als kleine Versuche ohne großen absoluten Wahrheitsanspruch geschrieben. Leider wurden sie nicht immer so aufgefasst von meiner Leserschaft. Ich finde das eigentlich nach wie vor eine produktive Schreibhaltung. Man lernt so einfach schreiben. Mittlerweile sind meine Ansprüche freilich gewachsen. Meine Experimentierfreudigkeit wurde mir teilweise nur die wiederholten linken Hetzen gegen mich, teilweise durch mein eigenes gewachsenes Reflexionsniveau zu nichte gemacht gleich dem treffenden Bild von der Schnecke, die dadurch dumm gemacht wird, dass sie immer wieder zaghaft ihre Fühler herausstreckt und sie dann sofort einen auf den Deckel kriegt, bis sie sich schließlich ganz im Haus verkriecht aus der Dialektik der Aufklärung (wohl ein Teil der Genealogie der Dummheit vieler Linker). Ich kann nicht mehr einfach so drauf los schreiben und es dann auch noch veröffentlichen. Gleichzeitig habe ich einfach nicht die Zeit, auch nur einmal im Monat einen Text zu verfassen, der meinen Ansprüchen genügt und hier zu bloggen. Wenn ich einen solchen Text schreiben würde, würde ihn ihn ohnehin irgendwo abdrucken lassen wollen.
Ich schrieb etwa vor ein paar Monaten eine kleine Intervention in den Frankfurter Lokalwahlkampf. Sie fiel, ich hätte es wissen müssen, sofort der Idiotie der linken Szene zum Opfer und wurde zum Gegenstand zahlreicher Gerüchte und Polemiken. Ich stehe nichtsdestotrotz weiterhin zu ihr. Ich dachte einfach, dass der Widerspruch zwischen diesem Text und allem anderen, was ich auf La vache qui rit sonst über Reformismus geschrieben habe so augenfällig sein dürfte, dass man mir diesen kleinen Versuch, dem IvI ein wenig publizistisch zu helfen, verzeihen würde. Doch anstatt einer ernsthaften Debatte um meinen Text trifftete das Ganze in die 100. Stalinismus-Diskussion ab. Das war so eine der Etappen auf dem Weg zu meiner jetzigen Entscheidung.
Sicher – ich habe so gelernt, weniger leichtfertig zu schreiben. Ich habe meine Unschuld als Schreibender verloren. Das ist nicht nur schlecht, aber leider auch nicht immer einfach.

Eine theoretische Position, die die direkte argumentative Konfrontation scheut, die, anstatt auf Argumente, auf Zensur und moralische Empörung angewiesen ist, spricht in diesem Vorgehen nur ihre eigene Unsicherheit und Schwäche aus, die sie sich jedoch (da sie sich ja als die finale Wahrheit geriert) nicht eingestehen kann. Sie projiziert ihre ihr eigenes Unvermögen, dem argumentativen Streit standzuhalten, auf dem Gegner und rechtfertigt sich vor sich selbst dadurch, dass gegen einen solchen bösartigen, durchtriebenen Feind jedes Mittel recht sei, ihn zu vernichten. Sie offenbart damit nichts als ihre eigene Unwahrheit.
Ich verstehe das. Ich wünschte, ich selbst hätte immer die innere Stärke und Souveränität mir das klar vor Augen zu halten und mich nicht von irgendwelchen möchtergern-theoretischen Hans-Dampfs einschüchtern zu lassen. Ich kann es jedenfalls als Sieg verbuchen, meine Gegner immer wieder zu solchen Exzessen der Schwäche gezwungen zu haben. Als Niederlage, dass ich mich ihnen bisweilen gefährlich anglich, weil ich mich beirren ließ.
Ich kann einfach nicht anders, als mich über die Bigotterie und die dreiste Dummheit zu empören, die so viele „Marxisten“ an den Tag legen. Und gleichzeitig darüber, dass man auch noch gezwungen ist, diese Dummheit und Bigotterie zu belegen. Eigentlich sollte sie offensichtlich sein und niemand mehr diese Menschen Ernst nehmen.

8. Was schrieb ich?

In den vier Jahren, seit denen ich hier blogge, habe ich meines Erachtens zwar nichts komplett verqueres, aber doch so manches geschrieben, das ich heute nicht mehr so oder überhaupt nicht mehr schreiben würde. Er gehört trotzdem zur Identität „Thiel Schweiger“ dazu und ich kann nicht einfach so tun, als hätte ich es nicht geschrieben. Löschen will ich es zugleich auch nicht.
Irgendwie kommt mir dieses Pseudonym inzwischen verbrannt vor. Zumal mittlerweile ohnehin Hinz und Kunz weiß, wie ich wirklich heiße und die Anonymität, die ja gerade den Reiz des Bloggens ausmacht, nahezu völlig verloren gegangen ist. Ich werde mir neue Namen suchen müssen. (Oder die Anonymität aufgeben – letztendlich war ich es ja selbst, der zu ihrer Auflösung beigetragen hat. Es ist schließlich nur aufrichtig, zu seinen Artikeln auch mit seiner bürgerlichen Identität zu stehen.)

9. Was will ich schreiben?

Nicht zuletzt der szenelastige Charakter dieses Blogs hat mich immer mehr daran gehindert, über bestimmte Themen zu schreiben, die mir eigentlich am Herzen liegen würde. Einfach mal eine Lobeshymne auf Nietzsche und Ian Curtis, einfach mal eine persönliche Erfahrung aus meinem Leben … entweder bin ich gleich Faschist oder ich falle dem Szene-Tratsch und -Klatsch zum Opfer.
Und dann immer wieder das Gefühl, Perlen vor die Säue zu werfen – nicht zuletzt, wenn ich mich einmal getraut habe, ein Gedicht von mir hier zu veröffentlichen (obwohl es doch zum Linken geradezu per defitionem dazu gehört, Kunst nicht würdigen zu können, die dem Szene-Geschmack nicht entspricht). Was meine Gedichte betrifft kritzele ich sie lieber auf Zettel und stecke sie irgendwelchen speziellen Individuen in den Briefkasten als sie viertelgebildeten Analphabeten zum Lesen vorzusetzen. Hätte ich auch nur ein Zehntel meines literarischen Schaffens hier veröffentlicht, hätte ich wahrscheinlich ohnehin schon längst Horden neoplatonischer Hetzer auf den Plan gerufen, die mir Dekadenz, Subjektivismus und Formalismus unter Berufung auf Adorno und Guy Debord vorwerfen und Perversität in Berufung auf Freud. (Für die unbelesenen Leser: das sind natürlich Oxymora.) Und wenn das nicht reicht natürlich wieder einmal der alte Faschismus- und Antisemitismushut, um „Verräter“ fertig zu machen (Sexismus zieht natürlich auch, macht den Gegner aber weniger fertig – dass es einen überzeugten Antifaschisten ins Mark trifft, wenn man ihm Faschismus vorwirft ist einfach klar).

Auch längere Verteidigungsartikel zu Nietzsche, Sartre und Heidegger war ich schon am schreiben. Doch mir wurde klar: wer liest das schon und wer von denen, die sie lesen, ist schon in der Lage, ihnen mit der zum Verständnis nötigen Offenheit zu begegnen? Wenn Dummheit ansteckend ist, sollte man mit ihr so umgehen wie der Pestarzt, der seine Patienten nur mit Handschuhen berührt und sich so kurz wie möglich bei ihnen aufhält.

Nicht zufällig erschienen meine besten Artikel nicht hier, sondern (um ein kleines Geheimnis aufzudecken), in der Zeitschrift Das große Thier (Link) und in Tanz auf dem Vulkan. Das große Thier hat sich, trotz hoffungsvoller Anfänge, als weitere linksdeutsche Szenezeitschrift herausgestellt (ich warte auf Bestätigung des Gegenteils). Für Tanz auf dem Vulkan schreibe ich, sofern die Zeitschrift fortgesetzt wird, gerne wieder, wenn auch vielleicht unter anderem Namen.

***

Das sind so meine wesentlichen Überlegungen. Das Bloggen hat mich viel gelehrt und auch Spaß gemacht, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich will meine knappe Zeit in sinnvollere Projekte investieren, lieber einen richtig guten Print-Artikel als drei mäßige Blog-Artikel schreiben. Und gleichzeitig will ich meinen Blog nicht mit irgendwelchem Trash-Material füllen nur um irgendwas zu schreiben. Und die Projektionsfigur für irgendwelche verbitterten Möchtegernrevoluzzer, die nur darauf warten, dass ich mal einen Rechtschreibfehler mache oder irgendeinen Zitierfehler, um mal wieder ihren Neid und ihre Rachsucht abzuladen, will ich auch nicht mehr länger sein. Wenn ich nochmal irgendwann einen Blog aufmachen sollte, dann in gänzlicher anderer Form und an gänzlich anderem Ort. Und ich brauche im Grunde auch keine Veröffentlichungsplattform wie diese: in meiner mit schwarzem Samt ausgelegten Schublade haben funkelnde Perlen einen besseren Ort als in der Kloake.

Hm, vielleicht klingt dieser Nachruf in manchen Teilen etwas arrogant und verbittert. Nein, eigentlich bin ich das nicht. Ich weiß, dass dieser Blog ein gutes Projekt war und lange Zeit sehr viel Sinn ergeben hat – auch, indem ich teilweise meine Grenzen kennengelernt habe. Ich weiß auch, dass einige diesen Blog vermissen werden – und sei es nur, weil sie eine Hassfigur weniger haben. Andere werden sein Ende vielleicht als Sieg wahrnehmen.
Beide täuschen sich: ich werde ja trotzdem weiter publizieren und meine Positionen stark machen. Die Konflikte der letzten Monate waren vielleicht einfach notwendig, um mich selbst von meiner Befangenheit in dem linken Szene-Diskurs zu befreien. Ich werde schon bald wieder frei schreiben können.

Als letzten kleinen Erfolg kann ich verbuchen, in einem Artikel vom berüchtigen Lyzis einer direkten Polemik gewürdigt worden zu sein. Zwar eine blöde Polemik, die mich nicht trifft, da ich Lyzis‘ Kritik an der linken Geschmackskultur vollkommen zutreffend finde (und das auch aus meinen Texten hier hervorgehen sollte), und nur in einer Fußnote, aber immerhin. Damit habe ich das Gefühl, es irgendwie geschafft zu haben. Mehr kann ich in der linken Blogszene nicht erreichen. Das ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören.

Ade, Blog-Welt, es war schön und hässlich mit dir.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

  1. Diese Gegenüberstellung ist natürlich sehr schematisch. Doch es bleibt festzuhalten, dass Marx‘ Psychologie im mechanistischen Denken des Materialismus der Aufklärungszeit verhaftet bleibt – den zu kritisieren und damit der Psychoanalyse den Weg zu bereiten gerade Nietzsches größter Verdienst ist. Nietzsche wiederum ist an vielen Stellen sehr hellsichtig, was die Ökonomie betrifft – seine Erklärung der Gerechtigkeitsmoral aus der Logik des Warentauschs heraus (dass also gleiches immer mit gleichem vergolten werden soll) im zweiten Abschnitt der Genealogie der Moral etwa ist geradezu materialistischer als Marx‘ Umgang mit Moral als „Überbauphänomen“. Nietzsche gelingt es so zugleich, das sozialistische Gerechtigkeitsideal und die Forderung nach Rache gegenüber den „bösen“ Kapitalisten radikal zu dekonstruieren – was not tut, ist weder Gerechtigkeit noch Rache, sondern ein radikaler Bruch mit dem Tauchdenken (der freilich erst in einer nicht mehr auf Warentausch basierenden Gesellschaft vollkommen sein kann). [Vgl. dazu auch ein älterer Beitrag von mir, den ich diesbezüglich nach wie vor für lesenswerte halte.] [zurück]

Mit Verspätung

Dem Gespenst von Jacques Derrida und der Philosophie.

Frühfrühling

Hinter Deinen Augen und
hinter ihren Gläsern
erkenn‘ ich da nicht
mit apodiktischer Evidenz, dass
ich am Wettkampf um
die größten Brillen mit den dicksten Gläsern nicht
teilnehmen muss, dass
mir Arme gegeben sind zum
verschmitzten Verschnaufen
und, eh ich‘s vergesse,
den treuen Bleistift
als Bruder
hab‘ ich ja auch?

Und hinter den Gläsern
grünt das Grün ja auch,
wie es heißt,
es ist so scheu, und
hinter den Gläsern seh
ich auch das
um tiefes Schwarz gehüllte
Blau.

Und dann hat man die Wahl: mal
die Zeichen mit abwaschbaren Farben als
Beute des kommenden Regens, oder
ritz sie mit scharfer Klinge ein, dann
sieht man sie nicht und
täusche dich nicht ob
der Schärfe der Klinge, denn
ist sie sehr scharf, blickt
man irgendwann nicht mehr durch,
so vollgekratzt sind die Scheiben, denn
man erkennt ja nicht,
was man zuvor noch schrieb.
Doch das kümmert jetzt nicht:
wenn sich die Gläser scheu aneinanderreiben,
womöglich zerspringen,
beginnt da der Frühling
endlich?
Blendete nicht das grelle Licht?
Tränten nicht die übernächtigten
Pupillen, schattenumsäumt?
Trocknete sie da nicht die
sich verwechselseitigende Wärme in
uns?

Und die stählernen Bügel verbögen sich dann zu
Orakelzeichen, bewährungsgeprüft.

Huch, die Welt wird bunt!

Die Farbe Rot – Marxistische Hochschulzeitung wurde bisher ihrem Namen nicht gerecht. Die aus dem Frankfurter Umfeld des Gegenstandpunkts (angeblich keine Gruppierung, sondern nur eine Zeitschrift, klar …) stammende Zeitung, die alle paar Monate kostenlos an interessierte Studierende und Dozenten verteilt wird, war, der üblichen antiästhetischen Ästhetik des GSP folgend, in schlichtem Schwarz und Weiß mit einheitlicher Schriftart gehalten. Doch was ist jetzt passiert? Gab es eine Revolution beim GSP? Einen Putsch in der Führingsriege? Hat man gar die von Emanuel Kapfinger geäußerte, völlig treffende, Kritik Ernst genommen und ist einmal gründlich in sich gekehrt?
Als mir der übliche griesgrämige GSPler heute die neuste Ausgabe der Farbe Rot in die Hand drückte, glaubte ich meinen Augen kaum: Sie ist plötzlich bunt geworden! Nicht nur ist das Rot des Titels rot, es gibt auch mehrere Farben und Schriftarten – die Zeitung hat tatsächlich so etwas wie ein Layout!
Wäre es da gar zu erwarten, dass der griesgrämige GSPler meinen freundlichen Gruß erwidert oder zumindest mit einem kurzen Lächeln quittiert, so abfällig es sein mag? (mehr…)

Der Ursprung des IVI – Ein ontologischer Beitrag zur Selbstreflexion

Ein Text zur Unterstützung des IVI und zur Anregung kommender Projekte.

[…]

Das IVI zeichnet sich nun unserer Meinung nach gegenüber all diesen funktional definierten Orten durch ein Moment radikaler Unbestimmtheit aus, das es selbst von all den längst integrierten ‚Freiräumen’ abhebt. Es ist schlicht nicht klar, was das IVI für ein Ort ist und was ‚man’ an ‚einem Ort wie dem IVI’ tun und lassen darf. Es gibt keinen anderen Ort wie das IVI, gerade weil es so sehr mit den verkrusteten Konventionen anderer besetzter Hausprojekte bricht. Es macht keinen Sinn, im IVI zu sagen „Hier macht man das nun mal so“.
Dies zeigt sich genau in dem Umstand, dass es so etwas wie ein kollektives, klar definiertes Projekt ‚IVI’ nicht gibt. Manche sehen das IVI als „Stützpunkt“ im Sinne der S.I., andere als „centro sociale“, andere schlicht als Pennplatz oder Ort, an dem sie Partys feiern oder ihre Lesekreise abhalten können. Keines dieser Selbstverständnisse kann beanspruchen, ‚das IVI’ zu repräsentieren. Es gibt auch keinen ‚großen Anderen’ im Sinne Lacans, der im IVI irgendeine Autorität besäße – selbst die ‚Beschlüsse’ des Plenums haben eine bindende Kraft nur dadurch, dass sich alle freiwillig daran halten. Sie besitzen nahezu keinerlei reale Autorität und können schon beim nächsten Plenum, bei anderer personellen Zusammensetzung des Plenums, sofort wieder umgeschmissen werden. Es gibt im IVI weder ein richtiges Wir-Bewusstsein noch eine Instanz, die ein solches Bewusstsein legitim repräsentieren könnte. Das IVI ist, ganz im Gegensatz zur Universität, erst recht zum Campus Westend, ein realer „Tummelplatz der Ideen“.
Wir weisen daher alle anderen Definitionsversuche des IVI strikt zurück und wollen es, um es kurz zu machen, als ‚u-topischen Ort’ bezeichnen, ein Ort, der aus der herrschenden Raum-Zeit-Ordnung so radikal wie nur möglich herausfällt, ein Ort ohne Bestimmung, ohne Wert (in jeder denkbaren Bedeutung des Wortes), ohne Daseinsberechtigung, ohne Zweck. Gemäß der herrschenden Ordnung der Dinge hat jeder Ort ein geradezu logisch aus der basalen Struktur der Gesamtgesellschaft ableitbares Wesen (wir denken hier an ein totales, sich aus sich selbst begründendes System in Hegels Manier), aus dem sich die Notwendigkeit seiner Existenz erst begründet. Beim IVI geht die Existenz dem Wesen, der Essenz, voraus – es ist.
Allzu oft empfinden {wir} diese Unordnung als Nachteil – und sicher ist es schwierig, sich in einem u-topischen Ort zu bewegen, gerade, weil ein solcher Ort ja nicht einfach außerhalb der Gesellschaft steht. Das IVI ist mitnichten ein Freiraum. Vielmehr treten hier gerade aufgrund der radikalen Unbestimmtheit des IVI die in der Gesamtgesellschaft herrschenden Konflikte aus der sie normalerweise verschleiernden ideologischen Form heraus und werden erst kenntlich. Menschen verschiedener sozialer Klassen begegnen sich z.B. in der Regel nicht, da die Orte, wo ‚man’ sie so antrifft strikt voneinander separiert sind. Und wenn sie sich treffen, herrschen an diesen Orten zugleich Regeln, die ihren Umgang miteinander kodieren. Im IVI fallen diese Codes weg. Es entsteht ein Vakuum, dessen Füllung immer wieder zur Disposition steht. Letztendlich ist das kein Problem des IVI, sondern {unser} Problem: {wir} wissen nicht, wie man sich an einem Ort ohne Regeln verhalten muss, weil {wir} {uns} daran gewöhnt haben, {unsere} Verantwortung zu delegieren und an Orten genau das zu tun, was ‚man’ dort so tut. {Wir} haben die Regulierungen lieb gewonnen – {wir} fliehen die Unbestimmtheit wo {wir} nur können. Und auch im IVI würden {wir} am liebsten gemäß diesen Regulierungen handeln. Doch aufgrund der fehlenden institutionellen Verankerung, aufgrund des Pluralismus der Nutzer_innen, aufgrund des nicht-traditionslinken Anspruchs der Nutzer_innen von Anfang an, aufgrund sicherlich nicht zuletzt auch den ganz materiellen Eigenschaften des Kramer-Baus (der gerade aufgrund seines radikalen Funktionalismus so vielfältig nutzbar ist), macht {uns} das IVI einen Strich durch die Rechnung. {Wir} gehen am IVI kaputt, weil {wir} kaputt sind, weil {wir} unfähig sind, authentisch im Sinne Sartres, d.h. freiheitsbejahend, zu sein.
Zahlreiche Maßnahmen des IVI in der Vergangenheit haben, reflektiert oder unreflektiert, versucht, das IVI zu definieren und es so in den herrschenden Funktionszusammenhang zu integrieren. Durch den Ausschluss bestimmter Personen, die Etablierung bestimmter Verhaltenscodices, das abweisende Verhalten Fremden gegenüber etc. Das alles hat nicht gefruchtet – zum Glück. {Wir} sollten auch der Versuchung widerstehen, das IVI erhalten zu wollen, indem {wir} es funktionabel machen, indem {wir} ihn ein Label alla ‚alternatives Wohnprojekt’, ‚alternatives Wohnprojekt’, ‚Ort kritischer Wissenschaft’, ‚alternative Partylocation’, ‚Treffpunkt alternativer Künstler_innen’ etc. anheften und {uns} so vermarktbar machen wollen – das IVI ist nicht ‚alternativ’, es ist radikal anders. Sicher mag es aus strategischen Gründen wichtig sein, nach außen hin solche Labels zu etablieren und die Existenz des IVI so zu sichern. Doch es besteht bei solchen Manövern immer die Gefahr, seine eigenen Lügen zu glauben und sie so irgendwann zur Realität werden zu lassen. Nein – wenn {wir} das IVI retten, indem {wir} es funktionabel machen, zerstören {wir} es in Wahrheit. Das IVI ist ein Ort der radikalen Öffnung – {wir} müssen allen Tendenzen entgegentreten, diese Wunde im Stadtbild Frankfurt, selbst wenn sie auch für {uns} schmerzhaft sein mag, schließen zu wollen. {Wir} müssen diese radikale Offenheit, diese radikale Unbestimmtheit lieben lernen. {Wir} haben alle im IVI nicht nur schmerzhafte, unangenehme, sondern auch sehr positive Erfahrungen gemacht. {Wir} müssen anerkennen, dass die schmerzhaften und die positiven Erfahrungen ein- und dieselbe Wurzel haben, dass die positiven Erfahrungen letztendlich nur dadurch ermöglicht wurden, dass das IVI so ist, wie es ist. {Wir} haben Leute getroffen, denen {wir} sonst aufgrund {unserer} sozialen Herkunft vielleicht nie begegnet wären, {wir} haben Dinge gemacht, die an anderen Orten strikt verboten gewesen wären, {wir} haben anstrengende, aber auch zahlreiche sehr produktive, offene Diskussionen geführt, die {wir} an anderen Orten so nie hätten führen können. {Wir} haben, zumindest in wenigen, kostbaren Augenblicken die Erfahrung eines wahrhaft utopischen Lebens, eines Lebens jenseits aller heteronomen Normierungen, eines autonomen Lebens gemacht, in dem {wir} Dinge machen, weil {wir} sie für richtig halten, nicht, weil ‚man’ sie für richtig hält. Und es ist ja auch eine wichtige Erfahrung, genau an einem solchen Ort zu scheitern – ein Scheitern, aus dem man nur für die nächsten authentischen Projekte lernen kann. Insbesondere haben {wir} erfahren, was es heißt, sich selbst Normen aus Freiheit zu geben. {Wir} haben das gemacht, was den heutigen Frankfurter ‚kritischen’ Theoretiker_innen so viel Kopfzerbrechen bereitet.
Das IVI hat also keine Funktion, es ist zu nichts zu gebrauchen – das heißt gerade, dass es zu allem zu gebrauchen ist, zu allem, was {wir} wollen. {Wir} stehen wie ein_e Künstler_in vor einem leeren Stück Papier und können es bekritzeln. (Dies manifestiert sich recht konkret in der stets umkämpften Bemalung der Wände des IVI.) Das ‚Problem’ sind die anderen, die es auch bekritzeln wollen – doch darin liegt eben die produktive Herausforderung, der {wir} {uns} stellen müssen. {Wir} müssen {unsere} private, bornierte Individualität in machen Punkten aufgeben und zu akzeptieren lernen, dass es auch andere Umgangsweisen mit u-topischen Orten gibt. Solche, die {uns} vielleicht nicht gefallen, die {wir} aber akzeptieren müssen, solange sie nicht die allgemeine Offenheit des IVI gefährden. Das IVI hat so den Charakter eines kollektiven Kunstwerks – eines Kunstwerks freilich, das nicht abgetrennt vom Leben steht, sondern teil des ganz gewöhnlichen Lebens ist. (Wir werden darauf unten zurückkommen.)
Daraus ergibt sich weiterhin, dass das IVI nicht in einem einfachen Sinne Teil einer Bewegung ist, die selbst Mittel zur Revolution wäre, die der Realisation einer als Zweck gesetzten Utopie dient. Das IVI ist eben bereits im Hier und Jetzt ein u-topischer Ort – und es lässt sich auch nicht auf den Zweck reduzieren, „Stützpunkt“ einer revolutionären Bewegung zu sein – selbst wenn es das auch sein mag und auch sein sollte. Wer das IVI nur als Mittel seiner persönlichen Zwecke sieht, hat es nicht verstanden. Es ist niemands Mittel und zugleich das Mittel aller. Damit steht es in einem viel radikaleren, unmittelbareren Sinn im Gegensatz zu den herrschenden Verhältnisse, als jeder „Stützpunkt“, der seiner Form nach jedem Parteibüro gleicht. Das IVI ist der C/Kommunismus in dem Sinne, in dem dieser die wirkliche Bewegung ist, die den Kapitalismus abschafft – Teil der (Wieder-)aneignungsbewegung der entfremdeten Welt durch ihre Produzent_innen. {Wir} müssen akzeptieren, diese Entfremdung nicht in entfremdeten Formen bekämpfen zu können. Deshalb brauchen {wir} u-topische Orte wie das IVI. Als Keimzellen, Stützpunkte, Rückzugsräume, Experimentierfelder.

Aus diesem Selbstverständnis heraus lassen sich recht einfach konkrete Forderungen ableiten, die ich zum Schluss noch ausformulieren möchte. Zunächst müssen {wir} {uns} jedoch vergegenwärtigen, was es heißt, dass {wir} es überhaupt so lange an einem solchen Ort ausgehalten haben. Es ist klar, dass es Leuten, die sich gerne heteronomen Regeln unterwerfen, die verrückt werden, sobald diese außer Kraft sind, nicht lange im IVI behagt. Es ist ihnen zu unordentlich, sie fühlen sich nicht wohl etc. Sie kriegen im IVI die Krise. Zugleich haben {wir} immer eine Art magische Sogwirkung empfunden, die {uns} mit dem IVI verband und die {uns} dort so manche Nacht um die Ohren schlagen ließ. {Wir} haben, vom pragmatischen Nutzen des IVIs für {unsere} je individuellen Projekte abgesehen, immer gefühlt, dass hier ein Ort ist, an dem Dinge möglich sind, die es woanders nicht sind. {Wir} haben diese Offenheit intuitiv gerade gesucht. Das macht {uns} sicherlich ‚schwierig’ und dysfunktional, doch es ist vielleicht nicht der schlechteste Zug an {uns}. Dies erkennend, können {wir} vielleicht {uns} selbst besser verstehen. Und {wir} können vielleicht doch so etwas wie ein Wir-Bewusstsein entwickeln. Sicherlich ein Wir-Bewusstsein metastabilen Typs, kein ‚Wir‘, das sich über festgelegte Normen und Werte definiert – außer einem: den Wert der Freiheit, den einzigen ursprünglichen Wert, der allen anderen Werten erst vorausgeht, da jeder Wert eine Wahl impliziert, nicht einfach gegeben ist (sonst wäre er ja keiner, sondern ein Faktum). {Wir} sind alle ‚Honks’!
Alle {unsere} zukünftigen Aktivitäten im IVI sollten daher klarer und bewusster darauf ausgerichtet sein, einerseits die konstitutive Offenheit des IVI zu erhalten, andererseits ihre schmerzhaften Folgen, soweit möglich, zu minimieren – und gleichzeitig auf Grundlage dieser Offenheit das IVI als Experimentierfeld für ein utopisches Leben der Freiheit zu nutzen. Nicht das machen, was ‚man’ so macht, sondern es radikal anders machen. {Wir} müssen das IVI als Miniatur-Modell einer utopischen Gesellschaft begreifen lernen. Auch der C/Kommunismus wird kein Zuckerschlecken sein. Dass das IVI so viele Jahre doch einigermaßen gut überlebt und viele einzigartige Projekte hervorgebracht hat, straft alle Lügen, die behaupten, ein autonomes Leben sei nicht möglich – es ist im Rahmen der bestehenden Gesellschaft nur sehr schwer, da sich diese eben konstitutiv auf Heteronomie gründet.
Dies sollte {uns} die nötige Entschlossenheit verleihen, allen freiheitsfeindlichen Tendenzen inner- und außerhalb des IVI entgegenzutreten. Dies heißt insbesondere:

[…]

Weiter zum vollständigen Text als pdf.

A female Serial Killer

Trotz der offensichtlichen journalistischen Unfähigkeit und herrschaftskompatiblen Ahnungslosigkeit des Filmemachers Nick Broomfield, ist seine Reportage ein unfreiwilliger Beleg dafür was die herrschenden Verhältnisse der heterosexistischen Männerkumpanei und spießbürgerlichen Bigotterie aus einem weiblichen Menschen machen können. Ailleen Wuornos, Life and Death of a Serial Killer.
Einfach die melodramatische Musik, die reißerisch anmutenden Passagen und die dummen Kommentare des Sprechers ignorieren, ab dem dritten Teil wird der Film wirklich interessant. Die relevantesten Punkte bekommt man quasi zwischen den Zeilen mit.

Zum verrückt werden!

Erster Schnee

Als ich gestern Nacht nach Hause kam, dachte ich noch darüber nach, wie furchtbar die obligatorische Weihnachtszugfahrt im letzten Jahr gewesen ist (man wird sich daran erinnern) und wie froh ich darüber sein könne, dass dem in diesem Jahr nicht so sein werde, da es für diese Jahreszeit so warm sei und mit Sicherheit erst im Januar schneien würde. Als ich heute morgen dann mit noch müden Augen einen seltsamen weißlichen Schimmer aus den Ritzen meines Rollladens leuchten sah, beschlich mich eine üble Vorahnung. Sie wurde prompt verifiziert: Es schneite, zum ersten Mal in diesem Jahr, eine dicke Schneeschicht überdeckte Autos, Dächer, Straße, Fußweg … alles. Seltsamerweise war ich dann doch nicht verärgert darüber, sondern freute mich … endlich Winter, richtiger Winter, nicht das weder-Fleisch-noch-Fisch-Pseudo-Herbstwetter der letzten Wochen (es hat ja kaum geregnet und war kaum nebelig – was für ein sonderbarer November!). Ich nutzte das „plötzliche“ (naja, zumindest für jemanden wie mich, der sich für den Wetterbericht nicht interessiert, sondern einfach mal guckt, was der Wettergott so bringt) Einbrechen des Schnees als Gelegenheit nicht zur Uni zu hetzen, sondern erstmal in Ruhe zu frühstücken und zu duschen (ein Alibi liegt ja auf der Hand). Nebenher überlegte ich, dass ich diesen großartigen Tag – der Schnee hob meine Stimmung wirklich enorm – mit einem würdigen Blogeintrag begehen sollte. Mir kam ein Gedicht, das ich schon vor Jahren geschrieben hatte, zu eben jenem Thema in den Sinn. Es entspricht zwar in seiner leicht morbiden Melancholie nicht ganz meiner äußert lebensbejahenden augenblicklichen Stimmung – aber irgendwie finde ich es zur Eröffnung der diesjährigen Schneesaison doch ganz passend. Hier ist es:

Raureif

In der azurnen Nacht durchfegt
die Frostfee zärtlich mild den Garten,
die Wälder, Äcker, den Bach, die Flur,
und küsst mit eis’gem Kuss die Arten,
verhüllt mir Schleiern die Natur.

Oh, wunderliches Weiß, bizarr,
wie tausend Gespenster
hängen die klapprigen Äste
der verwunschenen Birke ins Fenster.

Schöne, der Welt gabst Du
ein Stück Polarluft auf den Weg,
statt grüner Saat hast auf die kahlen Felder
Du Puder von Raureif ausgestreut.

So leblos liegt nun alles da;
kein Vogel tobt, kein Hund, der bellt,
nur Krähen, Menschen, Geister;
ein Leichenhaus, das mir gefällt:
Gegrüßt seist Du, mein Meister!

Wie absolut sentimental dieses Gedicht ist, zeigt sich an folgender Begebenheit:
Ich wollte es mit einem Bild ergänzen. Dazu gab ich bei der google-Bildsuche „Frostfee“ ein. Es erschienen nur Bilder von Kühlschränken. Da verging mir die Lust auf jegliche Illustration. Soll doch der Text für sich stehen. Diese Welt ist so ungastlich, dass sich alle zarten Frostfeen in Kühlschränke verwandelt mussten, um nicht in ihr kaputt zu gehen.




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