Archiv der Kategorie 'Bildungsfragen'

Dreiundzwanzig vorläufige Thesen zur emanzipatorischen Rolle der Kunst heute

Inspiriert von Kunst – Erkenntnis – Problem, einer Kunsttagung in Frankfurt und der Documenta, einer Kunstausstellung in Kassel.

1. Kunst im minimalsten Sinne ist Materie, in der der Geist in materialisierter Form enthalten ist.

2. Wie schon Hegel zeigte, enthält dieser Begriff die Selbstaufhebung der Kunst, da sich der Geist letztendlich in aller Materie wiederfinden kann.

3. Diese Selbstaufhebung hat einen Punkt erreicht, an dem es zwischen Kunst und Nicht-Kunst keinen Unterschied gibt. Alles ist Kunst, „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys). Beuys fügt diesem Satz jedoch hinzu, dass er nicht so sehr eine Faktizität als vielmehr eine Möglichkeit, ein in jedem Menschen angelegtes Potential bezeichnet.

4. Gute Kunst, Kunst im emphatischen Sinne, sind solche Objekte, die einen wirklich substantiellen geistigen Gehalt aus einem Selbstzweck heraus zur sinnlichen Erscheinung bringen. Die Kunst ist darum primär ein Medium der Selbsterkenntnis des Geistes, der Theorie (das jedoch in sich zugleich stets praktisch ist).

5. Gegen Hegel ist festzuhalten, dass, ebensowenig wie die bürgerliche Gesellschaft das Ende der Geschichte markiert, die Totalität des Geistes in der Form des Begriffs erfasst werden kann. Die Kunst ist demgemäß nicht aufgehoben. Wer eine Praxis der Theorie fordert, ohne die Produktion und Rezeption von Kunst als konstitutiven Teil einer solchen Praxis heute anzuerkennen, postuliert einen kopflosen Engel.

6. Die Lüge ist die Kunst als getrennte Sphäre, als Angelegenheit von Spezialisten, ebenso wie ihre falsche Aufhebung in der allgemeinen Ästhetisierung der Lebenswelt, ebenso wie die Philosophie als Angelegenheit und Eigentum weniger die Lüge ist.

7. Die Trennung ist nur insofern wahr, als dass die Kunst, wie die Philosophie, vollständig autonom sein muss, um ihrem Ziel, ungeschmälerter Erkenntnis, gerecht zu werden. Jeder Versuch, die Kunst zu moralisieren oder zu politisieren, ist darum entschieden abzuweisen und dient nur der Ideologie, denen, die vor der ungeschmälerten Erkenntnis Angst haben. Eine andere Sache ist ihre begriffliche Theoretisierung, sofern sie der Autonomie der Kunst eingedenk bleibt. Jede authentische Theorie der Kunst muss freilich aus sich selbst heraus anerkennen, dass sie gegenüber der Kunst unvollkommen bleibt – ebenso, wie die Kunst gegenüber der Theorie unvollkommen bleibt. (Dies markiert einen produktiven Streit, der eine objektive Aporie markiert – weder lässt sich der geistige Gehalt eines ernsthaften Kunstwerks in Begriffe fassen noch ernsthafte Begriffe in sinnlicher Gestalt materialisieren – daraus ergibt sich eben die Notwendigkeit, sowohl Künstler als auch Philosoph zu sein. Es kommt auf die wechselseitige Erhellung an. Die Zurückweisung jeder Politisierung und Moralisierung gilt für die Philosophie gleichermaßen. Wobei Politisierung und Moralisierung jeweils auch produktiv sein können, solange sie der Erkenntnis dienen und nicht absolut werden.)

8. Diese Lüge lässt sich jedoch nicht „unmittelbaristisch“1 überwinden, indem einfach ein Verbot der Produktion von Kunst und ihrer emphatischen Rezeption gefordert wird. Dies bedeutete nichts weiter als schlechte Askese. Solange es den Communismus nicht gibt, ist die Kunst das beste, was wir haben, weil in ihr, als materialisiertem Geist und vergeistigter Materie, allein die mögliche Versöhnung von Subjekt und Objekt, die Aufhebung der Entfremdung, fasslich gemacht werden ohne je wirklich sein zu können.
(NB: Gleiches gilt für die Philosophie, betrieben als Philosophie im emphatischen Sinne, d.h. nicht als bloße Metareflexion der empirischen Wissenschaft, sondern als eigenständige Erkenntnisform, die radikal subjektiv und begrifflich verfährt und sich der Kunst so aus sich selbst heraus bis zur Ununterscheidbarkeit annähert.)

9. Dieser Mangel an Wirklichkeit, diese Abgetrenntheit, ist der wesentliche Mangel aller Kunst hier und jetzt. Doch über diesen Mangel muss die Kunst nicht äußerlich belehrt werden – sie schreit selbst nach ihrer eigenen Aufhebung.

10. Die Askese bezüglich der Kunst ist insofern wahr, als dass mit der Versinnlichung des Geistes immer auch der falsche Schein verbunden ist, die Entfremdung wäre schon aufgehoben. Doch das muss man die fortgeschrittene Kunst nicht äußerlich lehren, das ist in ihr schon reflektiert. Sie zeigt somit gleichzeitig die Versöhnung und ihre Abwesenheit.

11. Wenn alles Kunst ist, ist es erst recht jeder theoretische Text, allgemeiner jede praktische Betätigung. Es käme darauf an, nicht nur Kunst zu rezipieren und zu produzieren (als „Kunst“ in der Trennung), sondern in jeder theoretischen und praktischen Betätigung ein ästhetisches, d.h. künstlerisches Bewusstsein zu bewahren.

12. Das hat nichts damit zu tun, besonders „geschmackvoll“ oder „subjektivistisch“ sein zu wollen. Ernsthafte Kunst hat nichts (oder nur sehr sekundär) mit „Geschmack“ oder „Subjektivismus“ zu tun. Viel eher geht es um das ernsthafte Spiel und die bewusste, sensible, nuancierte Auseinandersetzung mit dem sinnlichen, obektiven Material in seiner subjektiven Vermitteltheit. Kunst ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Problem, was es heißt, etwas zu tun, etwas wahrzunehmen und etwas zu schaffen (und unterscheidet sich somit in nichts von der Philosophie). Das Wesentliche ist, ein nuanciertes Bewusstsein von der Form zu gewinnen.

13. Das ist der Ausgangspunkt einer Ethik jenseits von Gut und Böse – da die Kunst ihrem Wesen nach amoralisch ist.

14. Was all das heißt, müsste noch ausgeführt werden. Jedenfalls ist der Trugschluss zu vermeiden, Kunst und Kunstbetrieb in eins zu setzen, sei es affirmativ oder kritisch gemeint.

15. Die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft ist bestrebt, das ästhetische Vermögen jedes Menschen, seine Kreativität, Emotionalität und Spontanität, zu integrieren und für ihre Zwecke zu mobilisieren. Dieser Mobilisierung zu entgehen und ihr eine unversöhnliche Richtung zu geben ist die emanzipatorische Aufgabe der Kunst heute. Jede authentische ästhetische Produktion oder zumindest das Begehren nach ihr inmitten einer völlig ästhetisierten Lebenswelt ist somit in einem eminenten Sinne revolutionär. Es ginge im Mindesten darum, die Dinge anders und bewusster zu tun und wahrzunehmen als man es gewohnt ist, ohne diesen kreativen Impuls in den Dienst der Herrschaft zu stellen, die auf ihn angewiesen ist, um eine künstliche Lebendigkeit zu bewahren.
Für die Rezeption heißt das, die Dinge möglichst unverstellt so wahrzunehmen wie sind – jedoch jenseits jedes Mythos vom unmittelbar Gegebenen, sondern gerade durch ihre subjektive Vermittlung hindurch. In dieser bewussten Rezeption zeigt sich zugleich die Differenz von subjektives Projektion und objektiver Gegenbenheit des Gegenstands. Für die Produktion heißt es, Dinge zu schaffen, die um ihrer selbst willen da sind, die für sich stehen – seine Sache möglichst gut zu machen, weil es seine Sache ist und nicht, weil man muss.
In der wirklichen künstlerischen Produktion fallen beide Pole in eins.

16. Das Ziel jenes Impulses ist eben die Aufhebung der Entfremdung. Er ist das Leben selbst.

17. Dieses Begehren ist der Kern jedes radikalen Bedürfnisses. Es enthält in sich die radikale Negation des Bestehenden, da es, selbst wo es partiell gelingt, schon sein eigenes Scheitern in sich trägt und ausspricht.

18. Falsch wird die Kunst, wenn sie Trost wird. „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. — Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ (Friedrich Nietzsche) Doch selbst im Gebrüll des Gemarterten liegt noch ein letzter Rest von Trost. Die authentische Kunst bewährt sich gerade darin, diesen Trost, diese schlechte Kompensation zu verweigern und so erst wirklich produktiv, schöpferisch zu sein – ohne doch je aufhören zu können, so etwas wie Glück zu versprechen. Selbst in der Rezeption des unnahbarsten, negativsten Werks liegt ein Genuss, und selbst wenn er in nichts anderem als der bestimmten, sinnlich fasslichen Einsicht in die Negativität liegt. Das ist eine weitere Aporie.

19. Es ist nicht möglich, Kunst zu machen.

20. Es ist nicht möglich, keine Kunst zu machen.

21. Man soll keine Kunst machen.

22. Man muss Kunst machen.

23. to be continued

  1. Um eine Phrase der linksbornierten Kunst“kritik“ in polemischer Absicht zu entwenden. [zurück]

Nietzsche über den Tanz

Ich bin mal wieder auf einen sehr schönen und geistreichen kleinen Aphorismus von Friedrich Nietzsche gestoßen. Er enthält nicht nur eine sehr klare Einsicht in den bis heute denke ich unveränderten Stand des Geistes, sondern auch eine sehr gute Explikation von Nietzsches Tanz-Begriff:

Gleichnis vom Tanz. — Jetzt ist es als das entscheidende Zeichen großer Kultur zu betrachten, wenn Jemand jene Kraft und Biegsamkeit besitzt, um ebenso rein und streng im Erkennen zu sein als, in andern Momenten, auch befähigt, der Poesie, Religion und Metaphysik gleichsam hundert Schritte vorzugeben und ihre Gewalt und Schönheit nachzuempfinden. Eine solche Stellung zwischen zwei so verschiedenen Ansprüchen ist sehr schwierig, denn die Wissenschaft drängt zur absoluten Herrschaft ihrer Methode, und wird diesem Drängen nicht nachgegeben, so entsteht die andere Gefahr eines schwächlichen Auf- und Niederschwankens zwischen verschiedenen Antrieben. Indessen: um wenigstens mit einem Gleichniss einen Blick auf die Lösung dieser Schwierigkeit zu eröffnen, möge man sich doch daran erinnern, dass der Tanz nicht das Selbe wie ein mattes Hin- und Hertaumeln zwischen verschiedenen Antrieben ist. Die hohe Kultur wird einem kühnen Tanze ähnlich sehen: weshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit not tut.

(aus: Menschliches, Allzumenschliches)

Und natürlich bietet sich dieser Aphorismus auch an als gute Gelegenheit, noch einmal einen kleinen Hinweis auf die Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem. Möglichkeiten emanzipatorischer Kunst heute“ zu streuen, die vom 22.-24. Juni im IvI stattfinden wird. (Link)

In diesem Sinne: Tanzt, tanzt, tanzt! :-)

Gegenwart Auschwitz – Ausstellung am IG -Farben-Campus

Eine Studienfahrt nach Oświęcim/Auschwitz gehört meines Erachtens auf die to-do-Liste jedes Deutschen dazu. Nur vor Ort lässt sich wirklich erahnen, was hinter dem unheimlichen, Unbehagen erweckenden Wort steckt. Für die, denen es an Gelegenheit mangelt, haben Bekannte von mir ihre Studienfahrt dorthin in einer Ausstellung dokumentiert, die im Foyer des IG Farben Campus der Uni Frankfurt in den nächsten Wochen zu sehen sein wird. Es gibt dazu auch folgende Webbanner:

Mit Bitte um Weiterverbreitung.

Liebe Parteien zur Bundestagswahl

Manchmal, wenn ich gerade meine reformistischen Tage habe (muss wohl was mit meinem Hormonhaushalt oder so zu tun haben …), lege ich virtuelle Listen an, mit welchen Forderungen man mich als Wähler wirklich begeistern könnte. Ich muss es zugeben: bisher habe ich, außer bei Kommunal- und Europawahlen, an jeder Wahl, zu der ich aufgerufen wurde, teilgenommen. Nach der Logik: Pest ist vielleicht doch ein bisschen besser als Cholera oder so … Ich wähle das kleinstmögliche Übel, vom dem ich meine, dass es theoretisch meine Interessen vertreten könnte („Zutrauen“ [Hegels Begriff für das vernünftige, gerechtfertigte Vertrauen in die Repräsentanten und Institutionen, das die Bürger eines wirklichen (!) Staates hegen] habe ich nicht gerade sonderlich). Ein paar Ansprüche, teilweise mehr, teilweise weniger vermessen, habe ich dann doch. Teilweise offen gesagt schlichtweg meiner aktuellen sozialen Situation geschuldet, teilweise durchaus aus einer Art Sorge um das Allgemeinwohl. Keine Studiengebühren, eine liberale Polizeiarbeit, die trotzdem verhindert, dass mir täglich mein Geldbeutel oder mein Fahrrad geklaut wird oder ich Angst vor irgendwelchen Schlägern haben muss, viel Förderung für Kultur und Bildung, wenig Zensur, nicht mehr Faschismus als nötig in einem bürgerlichen Staat, … Topthemen, über die ich nachdenke und immer wieder zu einer hitzigen Debatte bereit bin: ein ernsthafter Philosophieunterricht an den Schulen (also: als Hauptfach!), dessen Lehrplan nicht, (oder zumindest: nicht maßgeblich – man ist ja bescheiden und wir leben schließlich in Deutschland) von irgendwelchen Theologiedoktoranden ausgearbeitet wird, sondern eventuell sogar von Philosophieprofessoren, die auch ein bisschen Ahnung von Marx und Hegel haben (ah, dazu muss ich wirklich mal einen separaten Blogbeitrag schreiben!) und eine nahezu völlige Legalisierung sämtlicher Rauschmittel. Letzteres hat irgendwann sogar einmal die grüne Jugend ernsthaft gefordert! Das ist mein Rezept für sprudelnde Einnahmequellen des Staates und zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Zur Beruhigung der Bürger habe ich mir sogar eine Art Kompromissvorschlag überlegt: jeder, der Rauschmittel (auch Alkohol und Nikotin) erwerben will, muss zuvor einen Art „Drogenfahrschule“ besuchen, in der man einen „Drogenführerschein“ erwerben kann. Hier kriegt man alle praktisch relevanten Informationen (was gibt es, welche Wirkungen, welche Risiken, was muss man beachten etc.) beigebracht, ehe man sich fröhlich und frei zukoksen, wegtrinken etc. kann. Meine persönliche Hauptmotivation: es würden einfach bessere Rauschmittel produziert, es gäbe eine echte Qualitätsgarantie. Der freie Markt würde zudem mit Sicherheit neue Innovationsschübe entfesseln. Ach ja – und die Stimmung meiner Mitmenschen (und mir selbst) würde dank ungehinderter Kifferei sicherlich spürbar steigen. Wie geil wäre das: in der Mittagspause am Main sitzen und einen vorbeikommenden Polizisten höflich nach einem Feuerzeug für den fetten Joint fragen. Aber auch dazu eventuell mehr an separater Stelle …

Liebe Parteien – wenn ihr mich als Wähler begeistern wollt, werbt nicht mit Staubsaugervertretersprüchen (mein unschlagbarer Favorit: „Vernunft.“ [Lothar Bisky 2008 oder so]) und blödem Gegrinse, sondern mit derart substantiellen Reformvorschlägen. Habt Mut zum ungewöhnlichen! Aber ich sehe schwarz, dass ihr euch in eurem Opportunismus beirren lasst. Es ist einfach hoffnunglos. Nicht einmal dazu, den Verkauf des herrlichen aus Schweden stammenden „Rauchersatz“ Snus, den ich im Augenblick mit Begeisterung konsumiere, wollt ihr erlauben. Eure Begründung scheint so in etwa zu sein: er macht abhängig und erregt Krebs. Aha. Und was ist mit Zigaretten, Zigarren und so widerwärtigen Dingen wie Schnupf- und Kautabak? Euch hätte man wirklich in Philosophieunterricht stecken sollen! Dabei schädigt Snus zwar anscheinend die Zähne und den Mundraum mehr als der gute Rauch (ich zumindest merke leichte Reizungen – die ich jedoch auch von Schokolade kriege) – aber lieber mit 30 ein Gebiss als mit 30 Lungenkrebs, oder? Außerdem fügt Snus meinen „Mitmenschen“ keinen größeren Schaden zu, was euch an der Friedenskippe ja immer so stört. Und dazu schmeckt es wirklich lecker nach Salz und Tabak, nicht so eklig synthetisch wie Nikotinkaugummis und auch nicht nach Erdbeere, Apfel, Pfirsich-Maracuja oder anderem Kinderkram. „Dank“ des Verbots muss ich wohl nun zum ersten Mal seit Jahren meine Nordverwandtschaft kontaktieren – das ist ja wie drüben!

Also: meine Minimalforderung für die kommende Bundestagswahl: Legalisierung von schwedischem Snus und dazu eine großflächige Ausstattung aller öffentlichen Ortschaften mit Spuknäpfen. Ansonsten gehe ich am nächsten Wahltag nicht ins Lokal, sondern auf den Kinderspielplatz und qualme euren Nachwuchs voll!

(Falls irgendwer von der FDP das liest: hic rhodus hic salta! [Wenn Sie nicht wissen, was das heißt: da wissen Sie, was Ihnen durch die mangelnde philosophische Grundlagenausbildung entgangen ist!] Hier liegt eine echte, unbegründete Beschränkung unserer liberalen Grundrechte vor und eine Ernst zu nehmende Wettbewerbsverzerrung.)

Herbert Marcuse – König im Philosophenstaat?

Skandal! Der angeblich antiautoritäre Marxist Herbert Marcuse fällt an einer Stelle in Der eindimensionale Mensch in tiefste ML-Doktrinen zurück und schwafelt etwas von „materiellen Vorbedingungen“ der Freiheit. Konsequenterweise denkt er wenige Zeilen später ernsthaft über das Konzept der „Erziehungsdiktatur“ (!) nach. Dies zeigt, wie sehr der Histomat zur intellektuellen Verwirrung selbst noch in der „Frankfurter Schule“ geführt hat. Dabei weiß doch jedes Kind, dass

a) eine befriedete, herrschaftsfreie Gesellschaft bereits in der Steinzeit zu verwirklichen gewesen wäre.
b) die Steinzeitmenschen nicht wesentlich irrationaler waren als wir.
c) es sowas wie eine „Notwendigkeit in der Geschichte“ einfach nicht gibt – die Revolution könnte jeden Tag passieren.

Die Frankfurter vertreten, da sie diese einfachen Einsichten von großen Forschern wie Hans-Peter Duerr nicht anerkennen, zwar nicht notwendig, aber doch irgendwie mit diesem Faktum zusammenhängend, einen zynischen Pessimismus, der mich zutiefst anekelt. Pfui.

Hier das Marcuse-Zitat in voller Länge:

Das Argument, das sich auf die historische Rückständigkeit beruft – demzufolge unter den herrschenden Bedingungen materieller und geistiger Unreife Befreiung notwendigerweise das Werk von Gewalt und Verwaltung sein muß – bildet nicht nur den Kern des Sowjetmarxismus, sondern ist auch von den Theoretikern der »erzieherischen Diktatur«, von Platon bis Rousseau verfochten worden. Es ist leicht lächerlich zu machen, aber schwer zu widerlegen, weil es das Verdienst hat, ohne viel Heuchelei die (materiellen und geistigen) Bedingungen anzuerkennen, die dazu dienen, wahrhafte und vernünftige Selbstbestimmung zu verhindern.
Außerdem entlarvt das Argument die repressive Freiheitsideologie, wonach menschliche Freiheit in einem Leben von Mühe, Armut und Dummheit aufblühen kann. Allerdings muß die Gesellschaft erst die materiellen Vorbedingungen der Freiheit für alle ihre Glieder schaffen, ehe sie eine freie Gesellschaft sein kann; sie muß zunächst den Reichtum hervorbringen, ehe sie imstande ist, ihn gemäß den sich frei entwickelnden Bedürfnissen des Individuums zu verteilen; sie muß erst ihre Sklaven befähigen zu lernen, zu sehen und zu denken, ehe sie wissen, was vor sich geht und was sie selbst tun können, um es zu ändern. Und in dem Maße, wie die Sklaven vorgeformt sind, als Sklaven zu existieren und mit dieser Rolle zufrieden zu sein, scheint ihre Befreiung notwendigerweise von außen und von oben zu kommen. Sie müssen »gezwungen« werden, »frei zu sein«. Man muß ihnen die Dinge »so vor Augen stellen, wie sie sind«, und »manchmal wie sie … erscheinen sollen«; man muß ihnen den »guten Weg« zeigen, den sie suchen. [Zitat aus Rousseaus Contrat social; TS]
Aber bei all seiner Wahrheit kann das Argument die altehrwürdige Frage nicht beantworten: wer erzieht die Erzieher und was beweist, daß sie im Besitz »des Guten« sind? Die Frage wird nicht durch den Einwand entkräftet, daß sie gleichermaßen für bestimmte demokratische
Regierungsformen gilt, bei denen die schicksalsschweren Entscheidungen über das, was für die Nation gut ist, von gewählten Abgeordneten getroffen (oder vielmehr gutgeheißen) werden – gewählt unter Bedingungen wirksamer und bereitwillig entgegengenommener Indoktrination. Und doch besteht die einzig mögliche Entschuldigung (sie ist schwach genug!) der »Erziehungsdiktatur« darin, daß das schreckliche Risiko, das sie einschließt, nicht schrecklicher als dasjenige sein kann, das die großen liberalen wie autoritären Gesellschaften jetzt eingehen, und daß die Kosten nicht viel höher sein können.

Quelle: Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. München 2005, S. 60 f. bzw. hier, S. 75 f. Hervorhebungen im Original.

In einem Spiegel-Interview von 1967 redet er dann Klartext und spitzt diese fatale Sichtweise noch zu. Zunächst spekuliert er auf die Frage nach dem Ziel der damaligen Studentenbewegung wieder ganz harmlos über „Bedingungen“ einer besseren Gesellschaft:

Ganz allgemein gesprochen, würde ich sagen: eine Gesellschaft ohne Krieg, ohne Grausamkeit, ohne Brutalität, ohne Unterdrückung, ohne Dummheit, ohne Häßlichkeit. Daß eine solche Gesellschaft möglich ist, daran zweifele ich überhaupt nicht, wenn ich mir die heutigen technischen, wissenschaftlichen und psychologischen Bedingungen ansehe.

Dann zieht er, zynisch wie man als hegelianischer Philosoph nur sein kann, die auf der Hand liegende Konsequenz:

Ich glaube, daß die Revolution zu einer Erziehungsdiktatur tendiert, die sich in ihrer Erfüllung aufheben würde.

Später bejaht der die Frage ob er den Menschen „umprogrammieren“ wolle. Tanzen können wird man bei dieser „Revolution“ wohl nicht …

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Wissenschaft und Staatlichkeit

Bei den derzeitig sehr zahlreichen Veranstaltungen zum Verhältnis der Wissenschaften zum Nationalsozialismus wird meines Erachtens, gerade wenn diese Veranstaltungen im akademischen Rahmen stattfinden, zu viel Wert darauf gelegt, einerseits nach inhaltlichen Kontinuitäten zu suchen, andererseits die Kooperation der Wissenschaften mit dem Nationalsozialismus zu sehr an einzelnen Biographien festzumachen. Die persönliche Motivation – und damit zugleich: die moralische Verantwortung – Einzelner wird untersucht, das Maß der individuellen Verstrickung wohl ausdifferenziert. Was unausgesprochen bleibt, was sehr offensichtlich verdeckt wird, sind die strukturellen Probleme des akademischen Wissenschaftsbetriebs.
Es ist kein Wunder, dass diese im akademischen Diskurs selbst nicht oder kaum thematisiert werden können – denn schließlich würden sie ein ganz anderes Licht auf die sicherlich traurige Verstrickung selbst „reiner“ Disziplinen wie der Philosophie werfen, würde diese nicht als Werk einzelner, moralisch versagender Gelehrter aufgedeckt, sondern als im System der Akademie selbst angelegt. Um die Legitimität des akademischen Betriebs selbst nicht zu gefährden, um einen harten Bruch von „normalem“ und „faschistischem“ Uni-Betrieb zu garantieren, werden solche Fragen notwendig ausgeklammert.

So wundert man sich beispielsweise darüber, dass Studierende nach dem 2. Weltkrieg ihre Dozenten nicht auf ihre Nazi-Verstrickungen ansprachen. Axel Honneth sprach z.B. bei einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Philosophie im Nationalsozialismus“ von seltsamen „psychologischen Mechanismen“, die er selbst nicht so recht begreifen könne. Solche Sprechweisen implizieren fast zwingend, dass hier etwas Unbehagliches ausgeklammert werden soll – denn zur Erklärung dieses wundersamen Phänomens müsste man sich einfach nur mal die Verhältnisse an der Universität heute anschauen. Die personelle Abhängigkeit von Dozenten und Studierenden, die bisweilen hochgradig emotional aufgeladen ist, wenn die Dozenten bewundert oder als Vorbilder gesetzt werden, aber auch auf ganz triviale materielle Interessen zurückgeht, verhindert es an der Akademie einfach strukturell, dass Studierende offen Kritik gegenüber ihren Dozenten üben können. Jeder Student weiß, wie schwer es ist, selbst sachliche Kritik an dem inhaltlichen Standpunkt ihres Dozenten anzuführen – persönliche Kritik zu üben ist völlig undenkbar. Uniseminare sind keine Lesekreise. Gerade Hilfskräfte, Mitarbeiter oder Doktoranden, die sich bisweilen mit ihren Dozenten auch privat recht gut verstehen, würden einen Teufel tun, ihre privilegierte Position, die doch Aussichten auf künftige Karrierechancen eröffnet, durch das Anschneiden unliebsamer Themen im persönlichen Gespräch zu gefährden.
Die „offene Diskussionskultur“ an der Uni ist eben Ideologie. Unliebsame Diskutanten werden einfach nicht Wort genommen oder mit bisweilem autoritärem Tonfall zu Recht gewiesen. Dies zeigt sich schon darin, dass man eigentlich nicht das Recht hat, in Diskussionen eigene Thesen vorzutragen – man muss „Fragen stellen“.

Doch der entscheidende Faktor ist die in der kapitalistischen Gesellschaft notwendige Verknüpfung gerade der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung einerseits, der Geisteswissenschaften andererseits mit dem Staat als Geldgeber und Regulator. Diese Wissenschaften könnten, der Kontrolle des Marktes unterworfen, kaum autonom bestehen. Ihre Förderung und Verwaltung ist dem Staat anheimgegeben. Dieser wacht wiederum, egal unter welchem Regime, sorgsam darüber, dass eine bestimmte „Toleranzgrenze“ nicht überschritten wird – kritische Dozenten kriegen keine Lehraufträge und erst keine Professuren, bestimmte Seminarthemen werden nicht zugelassen etc.pp. Die grundgesetzlich verbriefte „Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre“ ist so, wie im Grunde jeder weiß, eigentlich Makulatur. Die „Toleranzgrenze“ ist mal weiter, mal enger: bestimmte Tabus dürfen nicht angetastet werden. Erfolgen keine starken staatlichen Eingriffe ins wissenschaftliche Feld, ist die „scientific community“ selbst ihr bester Regulator. Am besten, indem unliebsame theoretische Konzepte einfach nicht diskutiert werden. Auf „Argumente“ kommt es da i.d.R. garnicht so sehr an.
Skandalisiert wird dieser Umstand von bürgerlicher Seite nur, wenn diese Toleranzgrenze stark eingeschränkt wird – dass der Staat die Wissenschaft generell kontrolliert, bleibt unhinterfragt. „Opportunismus“ ist so im Grunde die normale Geisteshaltung eines Akademikers, der nicht einmal böse Absichten verfolgt, sondern einfach nur materiell überleben will. Leute wie Heidegger haben z.B. biographisch erfahren, wie schwierig es ist, als Philosophieabsolvent materiell zu überleben, wenn man keinen Job an der Uni hat. Kein Wunder, dass sie sich ihre einmal hart erkämpften Pfründe nicht durch Dissidenz zunichte machen wollten. Selbst kritische Geister wie Adorno hofften in der Anfangsphase des NS noch, diesen einigermaßen unbeschadet überwintern zu können.
Das heißt nicht, dass es nicht echte ideologische Kontinuitäten und Überschneidungen gab. Doch viele Gelehrtenbiographien zeigen, wie leicht diesen Staatsbediensteten eine ideologische „Kehre“ oft fiel: gestern noch SS-Kulturoffizier, heute führender linksliberaler Professor in der Bundesrepublik – das ist keine Seltenheit, sondern eher der Normalfall. Schließlich hängt der Staat selbst von bestimmten „Funktionseliten“ ab, die nicht ohne weiteres ausgetauscht werden können – solange jemand einen glaubwürdigen ideologischen Bruch vollzieht, spielt da die vergangene politische Gesinnung kaum eine Rolle. Sowieso nicht bei (vermeintlich) ideologisch neutralen Wissenschaften wie der Medizin oder Physik, aber eben auch bei ideologisch „harten“ wie der Germanistik1 oder der Philosophie.

Auf der Ebene der moralischen Beurteilung des Verhaltens Einzelner lassen sich sicherlich Differenzierungen anstellen. Es macht einen Unterschied, ob sich jemand einem demokratischen oder einem faschistischem Staat andient. Die Wissenschaftler haben dabei keinesfalls nur in Worten ihren Beitrag zum NS geliefert, sondern – damit untrennbar verbunden – auch tätlich zum Gelingen dieser Herrschaft beigetragen. Doch wie gesagt: es gehört einfach nicht um Habitus eines akademischen Gelehrten, Widerstand gegen seinen Arbeitgeber zu leisten. Es wird z.B. über den verdienstvollen bürgerlichen Philosophen Nicolai Hartmann, der den NS tatsächlich „überwinterte“, nahezu ohne sich ideologisch zu kompromitieren, erzählt, er habe tatenlos mit angesehen, wie während einer seiner Vorlesungen eine jüdische Studentin von Nazi-Studenten aus der Vorlesung gezerrt wurde. Eine traurige Episode: doch es ist eben ideologisch, sie als individuelles Versagen Hartmanns zu betrachten – sie sagt etwas über den Habitus des deutschen Professoren an sich aus. Er ist ein Mann der Wissenschaft, der sich gegenüber der Tagespolitik, selbst wenn sie sich auf seinen eigenen „Machtbereich“ erstreckt, neutral zu bleiben hat. Welcher heutige deutsche Akademiker würde sich nicht genauso wie Hartmann verhalten (bzw. verhält sich realiter genau so)?

Doch die Kritik muss sich auch auf die deutschen Studierenden erstrecken. Es wird meist ausgeklammert, dass gerade diese die Haupttriebkraft in der Selbstgleichschaltung der deutschen Universitäten waren – die Hartmann-Episode diene hier für als Beispiel. Vor dem Hintergrund der Barbarei dieser Studentenbewegung wird die Skepsis Adornos und Horkheimers gegenüber den 68ern sicherlich verständlicher – so inhaltlich verschieden beide Bewegungen auch waren. Doch es gilt immer: die Studierenden wollen einen Vatermord an ihrer Vorgängergeneration vollziehen – sie wollen selbst dorthin, wo ihre Dozenten und Professoren sind. Dies mag ein sehr handfestes, wenn auch – natürlich – uneingestandenes Motiv sein, mehr Geld für Lehre und Forschung, Entnazifizierung oder völkische „Reinheit“ der deutschen Hochschulen zu fordern. Als Nachwuchselite sind sie dabei natürlich immer besonders radikal, versuchen die progressivsten Strömungen ihrer Zeit vorwegzunehmen: egal in welche Richtung. Denn sie wissen genau: ihr persönliches Fortkommen wird nicht zuletzt von den politischen Kräfteverhältnissen abhängen und inwiefern sie selbst auf das richtige Pferd gesetzt haben. (Was nicht heißt, dass diese vllt doch etwas harsche Kritik auf ALLE Studierende heute oder damals zutreffen würde.Womöglich noch nicht einmal auf die Mehrheit.)

Natürlich ist es um die Autonomie der Wissenschaften keinesfalls besser sondern, innerhalb demokratischer Staaten sogar eher schlechter bestellt, wenn sie sich nicht vom Staat sondern von anderen Institutionen finanzieren und damit kontrollieren lassen. Das Ideal von wirklich autonomer Wissenschaft wäre eben unter diesen Verhältnissen nur bei vollständiger finanzieller Autonomie zu erreichen („Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“) – verwirklicht sicherlich bei Privatgelehrten wie Kierkegaard, Feuerbach, Schopenhauer oder Nietzsche – und natürlich Marx und Engels und Teilen der Frankfurter Schule – auch Jean-Paul Satre und Simone de Beauvoir (wobei jene nicht völlig autonom waren, sondern auf den Markt angewiesen blieben – immerhin war Sartre autonom genug, den Nobelpreis ablehnen zu können – welcher heutige Schriftsteller könnte sich dies leisten?); durchweg innovative und teilweise emanzipatorisch wirksame Köpfe, von deren Wirken heute der akademische Betrieb noch zehrt. Doch hier wirken wiederum die mangelnden finanziellen Möglichkeiten und die intellektuelle Isolation hemmend. Einem Privatier stehen schließlich keine – unter günstigen Umständen – auch mal kritische Studierende und Kollegen und ein Apparat von Hilfskräften zur Seite (von den Möglichkeiten zu empirischer Forschung und den ungleich leichteren Publikationsmöglichkeiten ganz zu schweigen).
Generell ist es im Grunde ein historisch relativ neues Phänomen, insbesondere was die Philosophie betrifft, dass diese sich fast nur an der Akademie abspielt bzw. abspielen soll. Die bürgerliche wie die antike Aufklärung war – naturgemäß – nicht staatlich oder sonstwie institutionell organisiert, sondern ging von Privatleuten aus, die die Wissenschaft eher als Hobby betrieben (bzw. als ideologische Waffe gegen die feudale Ordnung). Man wird unschwer zugestehen, dass die Verstaatlichung der Philosophie im Verlauf des 19. und 20. Jh.’s dieser keineswegs zu Gute kam, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen. Für die Kunst gilt wohl ähnliches … Die Uni ist ihrer gesellschaftlichen Funktion nach kein Ort des Denkens, sondern der Ideologie (Ausnahmen bestätigen die Regel). Reflexion wird in ihr strukturell aus Pflicht, zum Broterwerb, nicht aus Vergnügen, Wahrheits- und Sinnsuche oder anderen persönlichen Motiven heraus betrieben und ist somit ihrem Wesen entfremdet, wird zum uninspirierten Selbstzweck. An diesem Punkt angelangt könnte ich seitenlang weiterschreiben, doch ich will es erst einmal hierbei belassen …

  1. Insbesondere die Geschichte der Germanistik im NS ist besonders unrühmlich – man denke etwa an die aktive Beteiligung führender Germanisten an den Bücherverbrennungen (unter begeistertem Mittun der Studierendenschaft). Doch auch ist eine moralische Verurteilung Einzelner naiv – wer soll schließlich sonst Büchverbrennungen organisieren als die vom Staat extra zur Ordnung des Literaturkanons ausgebildeten Spezialisten? [zurück]

Bildungsstreik – ein (vorläufiges) Fazit

Vor gut einem halben Jahr (wie die Zeit vergeht, mir kommt es wie gestern vor) startete ich hier eine Umfrage „Was ist der Bildungsstreik für dich?“ . Diese sei nun, da der Bildungsstreik wohl (vorläufig) beendet ist, abgeschlossen und ihre Ergebnisse dokumentiert:

# Das Nichts nichtet, der Bildunsstreik streikt.: 5% (5)
# A super sach, da bin ich voll dabei!: 4% (4)
# Ein pseudorevolutionäres reformistisches Spektakel.: 5% (5)
# Ideologisch verbrämte Randale.: 0% (0)
# Eine höchst ambivalente Geschichte, zu der ich mir keine voreilige Meinung bilden will.: 7% (7)
# Studentenkacke.: 17% (18)
# Leider zu gewalttätig, aber an sich richtig.: 2% (2)
# Die Revolution.: 3% (3)
# Alles, nur kein „Streik“.: 5% (5)
# Ein Zwergenaufstand.: 11% (12)
# Watt?/Interessiert mich nicht.: 7% (7)
# Demokratieidealistische Trottel, die keinen Begriff davon haben, wofür sie zu streiken glauben: 10% (11)
# Die deutsche Volksgemeinschaft auf dem Weg zum nationalen Sozialismus!: 14% (15)
# ein Irrtum: an den Unis gehts vielmehr um Ausbildung.: 2% (2)
# die konformistische Rebellion linksintellektueller, kleinbürgerlich-mittelstandsgeschädigter Kinder mit Abitur, die als Karrieristen auf die Herrschaft der geistigen über die körperliche Arbeit sp: 4% (4)
# ekulieren: 4% (4)
# queere mnml DJs auf abwegen: 1% (1)
# ich bin dafür, dass diese Umfrage auch mal ihr Ende findet: 1% (1)

Gesamte Teilnehmer_innen: 106

(Hätte auch eine schöne Graphik machen können, bin aber zu faul.)

Anscheinend scheint die Leserschaft dieses Blogs die Meinung der Blogger weitgehend zu teilen (dokumentiert u.a.: hier, hier und dort). Die relative Mehrheit fand immerhin das Statement „Studentenkacke“, gefolgt von – dieses wohlgemerkt nicht von mir hinzugefügt, sondern von einem Teilnehmer – „Die deutsche Volksgemeinschaft auf dem Weg zum nationalen Sozialismus!“ und – ebenfalls nicht von mir – „Demokratieidealistische Trottel, die keinen Begriff davon haben, wofür sie zu streiken glauben“. Der Bildungsstreik hat wohl – um im Jargon seiner Akteure zu bleiben – ein „Vermittlungsproblem“, zumindest in der „Zielgruppe“, die diesen Blog liest.
Mittlerweile bin ich ja schon fast bereit versöhnlichere Töne anzuschlagen. Doch die Kritik bleibt und solange sie nicht widerlegt wird, besteht sie. Es ist sicherlich – „prima facie“, wie man so sagt – besser, schlechte Verhältnisse zu bekämpfen als sie hinzunehmen oder zu akzeptieren – aber das heißt nicht, dass deswegen jede Form des Widerstands supi ist, dass es eine moralische Pflicht zum permanenten Aktivismus gäbe. Zumal mittlerweile die reformistische Integration der Bewegung ausgemacht zu sein scheint – wenn es etwas gibt, was sich post festum noch einigermaßen hochhalten lässt, sind es einige wenige Versuche, außeruniversitär Lesekreise etc. zu organisieren (wobei das Konzept der „Norbert-Wollheim-Uni“ hier in Frankfurt dieses „außer“ gerade nicht beinhaltet!).
Zuletzt die spektakuläre Organisation der Großdemonstration im Februar, mit Clownsidiotie, berechneter Provokation der Polizei, karnevalesker Stimmungsmache vom Lauti, um wenigstens einen letzten Rest von Motivation zu surrogieren – als verzweifelte Demonstration guter Laune gegen Miesepetrigkeit im Event Studidemo – zeigt, wes‘ Geist diese Streikbewegung – die in Frankfurt sicherlich noch vergleichsweise progressiv ist – ist.
Es geht mir dabei nicht darum, eine Position der „schönen Seele“ aufzumachen, die sich ohnehin aus allem raushält, da man ständig irgendetwas „falsch“ machen kann, sondern einfach nur ein – offenbar auch von vielen unpolitischen Studierenden geteiltes – Unbehagen in Begriffe zu fassen. Es ist halt alles „Pop“ – „Deutschland denken heißt Auschwitz denken“ und das Anarchie-Symbol sind brands und slogans wie chucks und „Bond, James Bond“ – wir leben in einer Gesellschaft des Spektakels, in der auch noch die (schein-)radikale Subversion Element seiner objektiven Affirmation wird.

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Lieber schöne Seele als sich in bunt-kreativ-quirligen „Bewegungen“ und „Projekten“ aufopfernder Soldat der Tugend.

Klassiker der Gegenaufklärung – heute: Sören Kierkegaard

Der abscheuliche Satz T.S. Eliots [nicht zu verwechseln mit T(hiel) S(chweiger); TS] gegen den Sozialismus, dieser ziele auf eine so vollkommene Ordnung der Dinge, daß es der Liebe nicht mehr bedürfe, ist orthodoxer Kierkegaard. […] Der vulgäre Tiefsinn von heutzutage, man dürfe an das Böse, das mit der Erbsünde in die Welt gekommen sei, seines erhabenen Stammbaums wegen nicht rühren, ist in Kierkegaard vorgebildet. […] Seine Attraktionskraft erklärt sich dadurch, daß er mit den Mitteln der Aufklärung, eben in ihrer höchsten Hegelschen Gestalt, Aufklärung verunglimpfte. […] Ohne es sich träumen zu lassen, hat er daran mitgewirkt, dem ausgespitzten Obskurantismus der totalitären Zeiten das intellektuelle gute Gewissen zu schaffen. Sein Denken empfahl sich als eines, das virtuell Denken durchstreicht.

(T.W. Adorno: Kierkegaard: Konstruktion des Ästhetischen. Frankfurt 2003, S. 246)

Was der gute alte Teddy 1963 schrieb, hat nach wie vor Gültigkeit. Im Zeitalter des sich entfesselnden Hochkapitalismus bei gleichzeitigem Verfall der Religion zur bloßen Ideologie unter vielen versuchte Kierkegaard verzweifelt, diesem Verfall durch eine neue, „existenzielle“ Begründung des Glaubens Einhalt zu gebieten. Dies war nur möglich, durch einen Rückfall in radikale Gegenaufklärung, die den vollständig mystifizierten Glauben als blankes Gebot postuliert und somit gegen Kritik hermetisch abriegelt. Bei aller Sympathie für Kierkegaards Widerstand gegen den Weltlauf wie die rationalistischen Systeme der Aufklärung, schuf er doch nur ein System, dass noch repressiver ist. Der Denker der radikalen Innerlichkeit, Vollender des Protestantismus, kann Emanzipation nur mehr als radikalen Rückzug ins eigene Selbst denken – jede Hoffnung auf irdische Erlösung ist a priori suspendiert.
Demgegenüber ist nur vernichtende Kritik angebracht, die die Widersinnigkeit der Kierkegaardschen Begriffe schonungslos aufdeckt. Es sind bloße salbungsvolle Worthülsen, denen kein gewisser Inhalt innewohnt. Man kann kaum sagen, dass Kierkegaards Thesen „falsch“ wären – sie sind schlichtweg sinnlos.

Im universitären Rahmen habe ich dies, in Anschluss an Adorno, so gut es mir möglich ist versucht. Als Material diente mir Die Krankheit zum Tode, eine der systematisch wichtigsten Arbeiten Kierkegaards, in der er wie sonst kaum den Anspruch erhebt, rational einsichtig den Begriff der „Verzweiflung“, damit zugleich den des „Glaubens“ (als Aufhebung der Verzweiflung), aus dem des „Selbst“ zu deduzieren. Dieser Versuch sei angesichts der andauernden Kierkegaard-Begeisterung gewisser agnostizistischer Kreise an dieser Stelle veröffentlicht. Es bleibt dabei, dass Emanzipation nur mit, nicht gegen die Aufklärung zu verwirklichen ist, dass sich gesellschaftliche Freiheit unmittelbar auf selbstreflexive Vernunft stützt, dass nicht eine Freiheit zur, sondern nur eine Freiheit von der Religion das Ziel tätiger Vernunft sein kann.

Zum Text „Die Axiome der Krankheit zum Tode – Versuch einer Kritik“

PS1: Passend zum Themenkomplex organisierst die Antideutsche Koalition Rhein-Main am 23.2. eine Diskussionsveranstaltung zu den aktuellen Ereignissen im Iran unter dem Motto „Down with islamic fascism“. Zur Ankündigung

  1. (Un)passende Schleichwerbung. [zurück]

Mehr Demokratie wagen …

Ein Spruch von Willy Brandt, eine Forderung vieler Studierenden, ein Kritikpunkt von mir. Um dem auch mal was Konkretes folgen zu lassen (und endlich mal die Umfragefunktion auf blogsport auszutesten), gibt es hier (also DA in der sidebar rechts – ihr seht es ja) nun eine – wenn auch leicht verspätete – Umfrage, um ein Stimmungsbild zum Bildungsstreik bei den Leser_innen dieses Blogs zu erhalten. Falls eine Option fehlt, kann diese nach Beliebem ergänzt werden.

Eine Frage der Bildung

Ich hab es langsam satt, immer wieder auf dasselbe zu verweisen, aber angesichts der Tatsache, dass nächste Woche der gefühlte 5000. Bildungs“streik“ (sofern er denn sinnvoll als einer bezeichnet werden kann – schließlich sind die Studierenden und Schüler_innen gewissermaßen „Kunden“ des Bildunssystems, ein Streik im traditionellen Sinn wäre eher ein Streik der Dozent_innen und Lehrer_innen) vor der schmucken Eingangstür des IG-Farben-Campus, die leider oft schwer aufgeht, steht, fühle ich mich doch bemüßigt, selber mal wieder etwas dazu zu sagen und auf die lesenswerten Äußerungen anderer zu diesem Thema zu verweisen.

Mein Unbehagen an der Bildungsstreikbewegung sitzt tief. Allzu offensichtlich ist, dass das Ganze im Grunde eine Inszenierung ist: irgendwelche ominösen Zentralstellen beschließen eine Streikwoche, die dann von den lokalen Asten auf Pseudo-Vollversammlungen (die eher Zehntelversammlungen, wenn überhaupt!, sind), abgesegnet wird. Diese Vorgehen ist so demokratisch wie der demokratische Zentralismus alla Lenin. Kein Wunder, und das ist das 2. Problem, dass sich die große Mehrheit der Studierenden überhaupt nicht mit den Streikenden verbunden fühlt. Als ich beim letzten Streik durch die Uni lief, waren geschätzte 4/5 aller Äußerungen zu diesem Thema von den Studierenden selbst negativ: durchaus zu Recht wurde der Streik als putschartiges Unternehmen weniger wahrgenommen, die die Studierenden nur am braven Besuch ihrer Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht hindern. Man fühlt sich unwillkürlich schon wieder an die Strategie des alten Herrn mit Spitzbarts erinnert. Es mag sein, dass es anderswo anders – an der Goethe-Uni zumindest war es so und wird wohl auch diesmal so sein, denn ich sehe nicht, dass sich im Vorfeld irgendetwas geändert hätte.
Ich weiß auch nicht, wie man das besser machen soll. Aber angesichts der objektiven Minderheitenposition der Streikenden ist es kein Wunder, dass niemand ihre Forderungen Ernst nimmt. Vielleicht könnte eine wirkliche Massenbewegung tatsächlich etwas erreichen – doch die kann man nicht simultativ aus dem Boden stampfen. Offensichtlich ist das Unbehagen der meisten Schüler_innen und Studierenden am Bachelor-/Master-System einfach nicht groß genug.
Als Erfolg kann man in Hessen natürlich mit einiger Plausibilität die Abschaffung der Studiengebühren verbuchen, das soll nicht bestritten werden. Anderswo hat das freilich nicht so gut geklappt, in Hessen waren die politischen Rahmenbedingungen dafür gegeben.

Ich glaube, dass die Streikbewegung viel mehr an realpolitischen Zielen erreichen könnte, wenn sie endlich ihre revolutionären Flausen abstreift und noch eindeutiger reinen Reformismus mit allen strategisch-taktischen Verrenkungen, die dazu gehören, praktiziert. Ansätze dazu gibt es ja schon. Man soll endlich aufhören, die Weltrevolution zu fordern und Randale zu machen, damit verschreckt man die Mehrheit der Agitationsobjekte nur. Das meine ich natürlich sarkastisch, aber richtig bleibt es trotzdem. Wäre ja schön, wenn es eine revolutionäre Massenbewegung an den Unis gäbe. Doch trotz Marx-Lektüre-Bewegung und anderen Späßen von SDS&Co. ist das in weiter Ferne. Man sollte nicht resignieren, sondern dies als Ansporn sehen, andere Wege zu bestreiten. Es ist kein Argument, dass diese sagenhaften „anderen Wege“ hier nicht ausgeführt werden: der andere Weg liegt schon in der Entscheidung, es anders zu machen, selbst.
Um nicht missverstanden zu werden: ich wollte gern etwas „Positives“ schreiben und habe natürlich für mich selbst die für mich naheliegenden Konsequenzen aus meiner Kritik gezogen. Doch ich kann es einfach nicht und kann auch mein eigenes Verhalten nicht zum Maßstab für andere machen. Jede/r soll es so machen, wie er/sie es vor sich selbst verantworten kann. Das Bildungssystem als solches halte ich für (mindestens) genauso kritisierenswert wie die Streikenden auch.

An die subjektive Konstitution der Studierenden knüpft nun eine mehrteilige vom ASTA mit herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Otium I“ (für Nicht-Lateiner: „Muße I“) an, die derzeit in geisteswissenschaftlichen Seminaren kursiert. Der bisher einzig vorliegende erste Teil vollzieht eine Wende der gewohnten Kritik, indem er nicht so sehr die objektiven Strukturen im Bildungssystem, sondern vielmehr die subjektive Anpassungsleistung der in ihm befindlichen kritisiert und ruft zu mehr Mut auf, die geforderte Bildung auch im konkreten Uni-Alltag einzufordern und zu „praktizieren“ (sagt man zwar nicht so, aber ich hoffe, man ahnt das Gemeinte). Doch auch dies führt nicht aus dem Dilemma raus: der erhobene Zeigefinger verändert die Leute normalerweise nicht. So richtig es ist, die Subjektivität der Studierenden anzugreifen, kann sie doch nicht getrennt von den objektiven Gegebenbenheiten an der Uni kritisiert werden, sonst begibt man sich in den Himmel (oder: die Hölle) moralischer Abstraktion.

Letztendlich besteht die Ideologie also darin, die tumbe Mehrheit der Studierenden in leninistischer Manier als agitationsbedürftige Manövriermasse im Kampf um dieses oder jenes politische Programm zu betrachten. Doch es ist eben Ideologie: kein banaler Irrtum, sondern ein notwendig verkehrtes Bewusstsein. Wenn man in dieser Gesellschaft ein politisches Programm durchsetzen will, muss man sich anscheinend so verhalten. Gleichzeitig verhält man sich so nicht anders als jede Werbeagentur, jede Partei, jede Sekte. Ein passendes Bild: zwei „Informations“stände vor der Mensa am IG-Farben-Campus, einer von irgendeiner Versicherung, einer vom ASTA für die Bildungsprotestwoche. Geschickter scheinen die in blaue Weihnachtsmannkostüme gehüllte Animateur_innen der Versicherung vorzugehen. Die Studierenden haben anscheinend noch berechtigte Skrupel, zu aufdringlich Propaganda zu betreiben. Alternativ könnte man sich zurückziehen und sich nicht mehr um Politik kümmern und so womöglich dem Elend an der Uni (und anderswo) Vorschub leisten. Alles sehr elendig. Doch man kommt um die Erkenntnis nicht drumherum: vereinzelte Reformen lassen das Gesamtelend unangetastet, führen womöglich gar zu einer effektiveren Ausbeutung in Zukunft. Das beweist die Geschichte und die prinzipielle Logik des Kapitalismus. Für was also „streiken“?

Weitere gute Beiträge zum Thema:

Ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte (Dr. Kollossos und meine Wenigkeit): Versuch einer Analyse der aktuellen Umstrukturierungen im Bildungssystem und der Verweis auf ihre innerkapitalistische Rationalität.


Zerschlagt die Universität!
(leicht ist’s gesagt): Kleine Randnotiz zur Unibesetzung in Salzburg.

Zu was die leninistische Denke, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen, führt, zeigt auch recht gut diese Darstellung der Salzburger Verhältnisse aus feministischer Sicht auf dem mädchenblog.

Aus adornitischer Sicht wiederum schreibt die Antifa Horgau.

Immer wieder Bildungsstreik: ein wie immer lesenswertes Flugblatt der neocommunistinnen. Diesmal sogar in audiovisueller Variante:

(Und nein – es ist in der Tat kein Zufall, dass ich immer wieder die neocoms verlinke – sie sind einfach gut. (-; )




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