Archiv der Kategorie 'Globales Denken'

Anonymous – Die Multitude des Internets im Kreuzfeuer

Ein Charakteristikum des Internetskollektivs Anonymous ist, dass es keinen offiziellen Sprecher gibt, dass im Grunde niemand für sich beanspruchen kann, im Namen des gesamten Kollektivs zu sprechen.
Ein Hauptnachteil dieses Konzepts ist, dass sich im Grunde jeder dieses Label aneignen und dann doch wieder in seinem Namen sprechen kann. Seit langem so kursieren so unter dem Label „Anonymous“ rechte und verschwörungstheoretischer Quatsch, bei denen es einen wahrlich angst und bange wird.
Die Gefahr kommt offensichtlich daher, dass die Mehrzahl der Aktivitäten von Anonymous entweder klar links einzuordnen oder gar nicht so klar politisch zu verorten sind. Die Rechten können so ihre Propaganda unter einem Deckmantel verbreiten, der es ihnen erlaubt, Menschen anzusprechen, die sich sonst überhaupt nicht als rechts verstehen oder sogar links einordnen. Es handelt sich um eine ziemlich perfide Querfrontstrategie, mit deren Hilfe verschwörungstheoretische und andere Ideologeme in weiten Kreisen der Bevölkerung salonfähig werden.

Jüngst tauchte bei facebook und youtube ein Video auf, das unter dem Titel „Nachricht an die deutsche Bevölkerung“ (mittlerweile kursiert es auch unter anderen ähnlichen Namen) im Namen von Anonymous das Maß wirklich zum Überlaufen brauchte. Einige linke Blogs haben über dieses Video berichtet. (Vgl. etwa hier, hier, hier, hier und hier)

Urheber des Videos ist die Facebook-Seite Anonymous, die auch für anderen rechten Quatsch verantwortlich ist. Ein kurzer Blick auf die Seite genügt, um zu sehen, dass dieses Phänomen keinesfalls verharmlost werden darf: Die Seite hat heute über 350.000 likes, entsprechend ist ihre Reichweite. Sie richtet sich ihrer Sprache nach vorallem an Leute, die wirklich der „Unterschicht“ angehören und ein tiefes Unbehagen gegenüber der derzeit herrschenden Politik haben. Sie werden also da abgeholt, wo sie stehen, und flugs in Richtung neurechte Ideologie und AfD gekarrt. Insbesondere so kurz vor der Europawahl ist das wirklich kein Spaß.

Allerdings darf diese Tendenz nicht dazu verleiten, Anonymous im Ganzen zu verurteilen oder als Verein von verschwörungstheoretischen Spinnern anzusehen. So gab es auch flugs ein Gegenvideo:

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News from Turkey

Die Kämpfe in der Türkei sind noch lange nicht zu Ende! Ich möchte an dieser Stelle auf einen sehr guten Beitrag zu kreativen Protestformen in der Türkei und einen Blog mit umfassenden Berichten zur aktuellen Lage verweisen. Beides allerdings auf Englisch.

Die Geschichte und ich // Ein Kommentar zu den Geschehnissen in der Türkei

Die Geschichte und ich

Jetzt sitze ich hier und lese und schreibe Gedichte,
die Sonne scheint wie selten, der Grand Canal ist
mit Seerosen bedeckt,
so dass einem fast romantisch ums Herz wird.
Meine Rückenschmerzen haben sich gelindert und
es gibt wenige Sorgen.
Zur selben Zeit werden Genossen
von der türkischen Polizei verprügelt und mit Gas
zu verscheuchen versucht bis
die Augen nicht mehr wie Augen aussehen
und die Beine nicht mehr wie Beine.
Ein unheimliches Gefühl:
Anderswo schreibt man Geschichte.
Träume von Reisen in den Orient
keimen auf, werden von Realitätsresiduen zerstampft
- doch was heißt heute schon „Realismus“?
Wo ich lebe, lebt nicht die Wirklichkeit
in den Oasen der Gleichgültigkeit.

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Solidarität für das IvI aus Dublin

Nachdem dem IvI aus der ganzen Welt (u.a. Reutlingen und Ankara) Solidarität entgegengebracht wurde, fand heute Abend auch in Dublin eine spontane Solidaritätsdemo der dortigen Sektion des „Namenlosen Kollektivs“ statt.
Die Demo zog von der Tesco-Filiale im Phibsborough Shopping Centre zum „Irish Volunteer Monument“. Zusammenstöße mit der Polizei gab es nicht, allerdings hatte die Demonstration auch nur eine_n Teilnehmer_in.
Der_die Sprecher_in der irischen Sektion des „Namenlosen Kollektivs“ erklärte die geringe Breitenwirkung folgendermaßen: „Wie schon W.B. Yeats bereits 1913 feststellte: ‚Romantic Ireland’s dead and gone.‘ Von dem revolutionären Impuls, der noch die Helden von 1916 und später antrieb, ist heute in Irland nur noch wenig bis nichts zu spüren. Dabei war es ein durchaus romantischer Impuls: der Kampf für eine im Grunde genommen von vorneherein verlorene Sache. Das machte diese Bewegung sicher auch für Künstler wie Yeats so interessant. Ähnlich steht es heute wohl mit dem Kampf für das IvI und die Utopie im Allgemeinen. Es ist eher ein romantisches als ein rationales Unternehmen. Unsere Spontandemo folgte in der Tat einem sehr spontanem Impuls. Sie wurde weder angekündigt noch vorbereitet. Wir waren naiv, vielleicht: romantisch, genug anzunehmen, dass uns die Massen spontan folgen und es vielleicht revolutionäre Aufwallungen geben würde. Das Ziel der Demo war die Besetzung des Hauptgebäudes der irischen Post wie eben damals und dort die Proklamation einer gesamtirischen Räterepublik. Doch wir sind zufrieden damit, ein Zeichen gesetzt zu haben für die Utopie. Vielleicht mangelt es uns heute oft an jenem romantischen Impuls, der noch die Kämpfer von 1916 antrieb. Ohne Liebe gibt es keine Revolution – und erst recht nicht ohne romantische Liebe.“
Daran anschließend meinte er_sie, dass die von IvI-Aktivisten oft bemühte Gegenüberstellung von bedrohtem Romantik-Museum und IvI kurzsichtig sei: „Man sollte genau entgegengesetzt argumentieren: Wer die Romantik retten will, muss auch bereit sein, das IvI zu unterstützen. Als Ort der gelebten, nicht der musealen Romantik. Das wäre eine wirklich radikale Botschaft.“
Die Demonstration verlief ansonsten friedlich.

Anekdote aus Libyen // Wer auch sonst?

Heute schon wieder eine gute Szene in der Tagesschau. Im Bild: Eine wütende Menge umringt einen Mann, der triumphierend ein von der libyschen Armee erbeutetes MG hochhält. Er ruft laut Übersetzung so etwas wie: „Da seht ihr’s, die USA und Israel haben Gaddafi seine Waffen geliefert!“ Der Sprecher dazu aus dem Off: „Was die Menschen nicht wissen können – diese Waffe wird in Belgien produziert.“

Hoffnungsvolles aus Gaza

Ein sowohl Israel- als auch Hamas- und UN-kritisches Manifest von einer palästinensischen Jugendorganisation. Englisches Original, deutsche Übersetzung (leider mit einer teilweise seltsamen Interpunktion), englische Website von Sharek.

La vache qui rit offiziell als Staatsfeind anerkannt

Wer einmal einen Einblick daran erhalten will, was uns hier im Westen noch bevorstehen könnte, dem sei ein Blick auf die chinesische Regierungsplattform baidu.com empfohlen, die – obwohl Privatunternehmen – als zensierter google- und wikipedia-Ersatz fungiert.
Interessant ist etwa, dass dieses Blog für baidu offensichtlich nicht existiert. Weder Suchanfragen wie „La vache blogsport“ oder „Thiel Schweiger blogsport“ führten hierher, obwohl blogs wie der mädchenblog oder rhizom von baidu durchaus gefunden werden. Was uns im Gegensatz zu diesen bloggern genau zu chinesischen Staatsfeinden werden lässt, wissen wir nicht, vielleicht unsere Verlinkung der ARTE-Doku Für eine andere Welt. Die nicht gesperrten Seiten könnten ja mal ausprobieren, ob sie es auch schaffen, auf die „rote Liste“ zu kommen.
Wir tragen dieses Label jedenfalls nicht ohne einen gewissen Stolz, auch wenn wir es bedauern, dass des Deutschen mächtige Chinesen wohl nur auf Umwegen unsere Texte lesen können.

Weitere kuriose Beobachtungen:

Der größte Teil der irgendwie „pornographischen“ Seiten, die ich ausgetestet habe, wurden gefunden. Hier ist die Zensur nicht so stark, teilweise werden auch „hardcore“-Pornos sogar direkt mit baidu verlinkt. Nicht angezeigt werden witzigerweise die wikipediaeinträge über China – zumindest nicht in manchen Sprachen. Auf Seite 1 erschien beim Suchbegriff „Volksrepublik China wikipedia“ etwa nicht die deutsche, sondern die allemanische Wikipedia. Aber die Zensur scheint sehr lückenhaft zu sein: so erschien bei „wikipedia china“ zwar nicht der aktuelle wikipedia-Eintrag, jedoch eine pdf-Kopie einer älteren Version des Eintrags, in der jedoch einige wohl nicht opportune Informationen dennoch enthalten waren. Wahrscheinlich gibt es aber nochmal Unterschiede zwischen chinesischen und nicht-chinesischen Usern.
Es stimmt übrigens, dass – wie auf der deutschen wikipedia nachzulesen ist, eine temporäre Sperre in Kraft trifft, wenn man den Suchbegriff „Falun Gong“ eingibt. Im übrigen sind auch die wikipedia-Einträge zu Baidu selbst gesperrt.
Die Baidu-wikipedia „Baike“ scheint recht umfassend zu informieren, allerdings sind viele Artikel auffallend kurz. Siehe etwa der Artikel zu Karl Marx Aus offensichtlichen Gründen scheinen die chinesischen Machthaber zu befürchten, dass ein allzu großes Wissen über Karl Marx Ruhe und Ordnung auch in einem Land, das von einer „kommunistischen“ Partei regiert wird, gefährden könnte – gerade weil sich diese ja noch immer irgendwie positiv auf auf Marx beziehen muss. Man vergleiche etwa den Umfang des Artikels zu Chinas zweitem großen Oberguru Konfuzius (vgl. etwa den lächerlichen Konfuzius-Friedenspreis). Inhaltlich – soweit der Inhalt sich mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms rekonstruieren lässt – scheint der Inhalt des Artikels erwartungsgemäß kurios zu sein. Es scheint etwa eine längere Passage über Marxens Tabakkonsum zu geben, in dem dieser einerseits kritisiert, andererseits mit den Umständen der Zeit rechtfertigt wird. Es folgen einige Zitate von Marx, die auch gut als Kalendersprüche taugen (etwa: „Sincere friendship is a very sensible life priceless.“[Dieser „weise“ Spruch wird anscheinend sogar mehrmals in unterschiedlichen Varianten zitiert – Marx erscheint fast als jemand, dessen wesentlicher Verdienst in Bonmots zum Thema Freundschaft besteht.] „All things are difficult, every true science.“) Quellenangaben scheinen hier wie in der gesamten Talmiwikipedia nicht nötig zu sein.
Ein Eintrag zu Judith Butler fehlt. Gleichzeitig scheint sich der Bereich gewisser „Perversionen“(vgl. BDSM, Homosexualität) der Zensur bzw. Manipulation jedoch bis zu einem gewissen Grad zu entziehen. Es gibt auch einen – freilich nur extrem kurzen – Artikel zu queer. Möglicherweise fühlen sich die Machthaber dadurch nicht allzu sehr bedroht oder es gibt zu diesen Themen in der chinesischen Kultur einfach ein anderes Verständnis.

Für den freien Markt!

Apologeten wie Milton Friedman haben es dem Kapitalismus dem Staatssozialismus gegenüber nicht zu Unrecht als Vorzug zugerechnet, dass der Markt politisch neutral sei: auch ein kommunistischer Arbeiter kann eine Anstellung finden, auch ein anarchistischer Künstler ein Bankkonto eröffnen. Doch wie immer bei diesen „Vorzügen“ des freien Marktes – die ohnehin stets nur relativ gemeint sein können (es wäre schlimmeres denkbar) – gilt auch dieses Versprechen nur im Prinzip. Dies ist natürlich keine brandneue Erkenntnis, lässt jedoch die jüngsten Vorfälle rund um wikileaks in einem anderen Licht erscheinen. Der Skandal an dem Handeln von amazon und paypal (oder auch twitter2) besteht ja gerade darin, sich aller liberaler Ideologie zum Trotz de facto als verlängerter Arm der Exekutive verhalten zu haben. Die Diskretion, die noch für jeden Steuerhinterzieher oder Händler von illegaler Pornographie gilt, hat in politisch wirklich brisanten Fällen plötzlich keine Gültigkeit mehr.1 Anstatt gegenüber den anmaßenden Forderungen der Regierung auf die selbstverständliche Neutralität eines Unternehmens gegenüber den politischen Aktivitäten oder Gesinnungen seiner Kunden zu beharren, wird ohne jede konkrete juristische Klärung des Falls vorauseilender Gehorsam geleistet.
O-ton des paypal-Vizepräsidenten:

State Dept told us these were illegal activities. It was straightforward. We first comply with regulations around the world making sure that we protect our brand. And as a result our policy group had to make the decision of suspending their account. It’s honestly, just pretty straightforward from our perspective and there’s not much more to it than that.

Quelle

Seit wann darf in einer bürgerlichen Demokratie eine Regierung entscheiden, was illegal und was nicht ist? Es bleibt zu hoffen, dass es der Reputation der Firma wesentlich mehr schadet, wenn sie sich selbst als Schoßhündchen der US-Regierung bar jedes rationalen Unternehmergeists entlarvt. Wer will schon bei einer Firma Kunde sein, bei der man ständig befürchten muss, dass einem aus dubiosen Gründen sein Konto gesperrt wird? Und: müsste eine Regierung, die sich derart offensichtlich faschistischer Wirtschaftssteuerungsmethoden, die man nicht anders als Erpressung beschreiben kann, bedient nicht sofort zum Rücktritt gezwungen werden? Wo sind die tapferen und die freien, wenn man sie einmal braucht?

Was im Augenblick vor sich geht, ähnelt den schlimmsten Befürchtungen naiver Liberaler: wer sich politisch inopportun verhält, verliert seinen Job, seine Wohnung, wird unter Vorwänden strafrechtlich verfolgt, entrechtet. Gerade demgegenüber ist es angebracht und erfolgsversprechend nichts weiter als bürgerliche Mindeststandards, banale Grundvoraussetzungen geliegenden Handels und Wandels, einzufordern und de facto-Staatsunternehmen wie paypal und amazon zu boykottieren. Waren die „Terroristen“, gegen die der demokratische Rechtsstaat zur Not auch mal faschistisch agieren darf, bisher ominöse „Islamisten“, zeigt sich jetzt immer deutlicher, dass dieselben einmal etablierten Methoden sich auch gegen innerwestliche „Systemgefährder“ umstandslos eingesetzt werden.
Zu hoffen bleibt, dass sich wikileaks nicht unterkriegen lässt und sich nicht alle Unternehmen, die irgendwie mit wikileaks in Verbindung stehen, dem Druck der Regierungen beugen. Denn: wer sich angesichts von Enthüllungen so verhält wie diese, der hat mit Sicherheit „was zu verbergen“.

Ergänzend:

Presseerklärung der Wau Holland Stiftung zur Sperrung ihres paypal-Accounts.

Interview mit Thomas Hoeren in der „Zeit“ über juristische Aspekte der Geschehnisse.

Nützliches:

Direktlink zur Auflösung des Kontos bei paypal (ist normalerweise extrem schwer zu finden)

  1. Vgl. hierzu auch gamestar.de: „Auch andere Anbieter im Zahlungsverkehr wie VISA, Mastercard und sogar die Schweizer Postfinance blockieren jegliche Geldtransfers zu Wikileaks oder dessen Gründer Julian Assange, ohne dass irgendein Urteil vorliegt, das einen Rechtsverstoß der Organisation oder Assange erkennt. Spenden über VISA oder Mastercard an den Ku Klux Klan, der von den Spendern verlangt »reinrassig weiß« zu sein und keinerlei Kontakte zu Nicht-Weißen zu pflegen, sind laut The Guardian aber weiterhin problemlos möglich.“ [zurück]
  2. Hierbei scheint es sich jedoch um eine reine Vermutung zu handeln. Vgl. twitters Gegendarstellung [zurück]

Die Verdammten dieser Erde…

Parallaxe verweist auf eine sehr sehenswerte ARTE-Doku, „Für eine andere Welt“,1 die anhand des Beispiels des Widerstands gegen die Räumung eines besetzten Hauses in Kopenhagen, dem Aufstand in Griechenland nach einer Ermordung eines 15-jährigen durch die Polizei und einer Streikwelle in China in diesem Jahr einen Überblick über den zunehmenden sich gewaltsam artikulierenden globalen Unmut gegen das aktuelle Herrschaftsmodell (was auch immer das sei – darüber besteht ja mitnichten Einigkeit) zu bieten versucht. Kommentator ist u.a. Tonio Negri. Besonders interessant fand ich – zumal ich davon vorher überhaupt nichts gehört hatte (das kommt davon, wenn man seine Informationen über das Zeitgeschehen v.a. über web.de bezieht ^^) – den Bericht über die Arbeiteraufstände in China.
Anscheinend befindet sich – natürlich im Verbund mit der aktuellen ökonomischen Krise, deren Ende ja noch garnicht abzusehen ist – das aktuelle System im Weltmaßstab in einer durchaus ernstzunehmenden Legitimationskrise. Jüngst ereigneten sich ja erst große Streiks in Frankreich und Spanien und der Protest gegen Stuttgart 21 im Schwabenländle. Letzterer ist meines Erachtens ein besonders krasser und interessanter Fall, da es einmal nicht „irgendwelche Jugendlichen“ oder gar „migrantischen Jugendlichen“ waren, die „Krawall“ gemacht haben, sondern im Grunde ganz normale Bürger, die sich von der Politik übergangen fühlen. Die Anlässe für die Aufstände bzw. Akte zivilen Ungehorsams (ein „Aufstand“ war das in Stuttgart ja nun nicht gerade) mögen dabei wie ihr – wenn überhaupt existierendes – Programm vollkommen nichtig oder gar kritikabel sein: den Kitt der wütenden Massen scheint eher ein diffuses Unbehagen zu bilden, dem jeder Anlass recht ist.
Da der krisengeschüttelte Kapitalismus aktuell weder ideologisch noch politisch und ökonomisch in der Lage zu sein scheint, die überall grassierenden Konflikte zu lösen, sondern sich eher abzeichnet, dass sie sich in den nächsten Jahren noch mehr zuspitzen werden, ist ein Ende der Protestwelle nicht abzusehen. Selbst die Staatsgewalt selbst scheint an ihre Grenzen zu stoßen, so klagt etwa die Gewerkschaft der Polizei über eine dauerhafte Überbelastung wegen der ständigen Sondereinsätze:

Wenn man sich das anhört, kriegt man fast ein wenig Mitleid mit den willigen Handlagern des Systems. Droht demnächst sogar ein Aufstand der Polizei selbst?

Diese Legimationskrise, die inzwischen auch im akademischen Diskurs offen thematisiert wird (es gab beim diesjährigen Kongress der deutschen Gesellschaft für Soziologie einige bemerkenswerte Äußerungen dazu), scheint jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Anlass für irgendeinen Optimismus zu bieten. Es handelt sich in der Tat um keine neu erwachende revolutionäre Klasse, sondern eine diffuse Multitude. Ihr Merkmal ist gerade die Verzweiflung und das Wissen um die eigene Ohnmacht, das sich nur mühsam vertuschen lässt. Das System ist noch immer stabil genug und die aktuelle sicherheitspolitische Aufrüstung ist ja zu einem guten Teil Aufstandsprävention. Aber das muss ja nicht so bleiben. Das Fehlen einer postiven Alternative, einer „großen Erzählung“, in die sich das eigene Unbehagen widerspruchsfrei eingliedern könnte, markiert ja eher eine Radikalität als Stärke, die auf Künftiges verweist.

  1. Aufgrund der Lobbypolitik der Privatfernsehsender ist das Video auf der arte-Seite nicht mehr verfügbar, daher meine Einbettung des youtube-Mitschnitts. [zurück]

Verlogene Empörung – kalkulierte Menschenopfer // Die „globale Linke“ (Butler) und Israel

Die Israelfeinde aller Welt jubeln: endlich hat sich Israel wieder eines Vergehens schuldig gemacht, endlich hat wieder Israel wieder einmal kenntlich gemacht, wie brutal, menschenfeindlich – ja: faschistisch – es ist. Die internationale Politik verurteilt die „Maßlosigkeit“ und „Unverhältnismäßigkeit“ des israelischen Vorgehens, die Türkei erklärt sich zum Feind Israels, noch in jeder Provinzstadt finden Protestkundgebungen mit Teilnehmer_innen aller politischen Lager, geeint im Hass auf „USrael“, statt, die blogsport- Post-Antiimp-Szene überschlägt sich mit Wehklagen über das Schicksal der „Friedensflotte“.

Mittlerweile sind die Fakten bekannt. Die Antizionisten haben sich in ihrem Wunsch, Israel zu denunzieren, gnadenlos blamiert. Sie werden in diesem Video ganz gut zusammengefasst:

Dieser Vorfall wirft Fragen auf:

- Hält man den Staat Israel bzw. seine militärische Führung für einen derart irrationalen Akteur, dass er – wohlweislich unter den Augen der Weltöffentlichkeit – einfach so seine Soldat_innen anweist, ein Blutbad unter Zivilisten anzurichten? Welch finstere Motive vermutet man hinter diesem Vorgehen? Welch dunkle politische Agenda vermutet man in den Hinterzimmern der Knesset am Werke? Und v.a.: Wieso spricht man diese „Agenda des Bösen“, die doch stets als Hintergrundprämisse fungiert, so selten explizit aus? Oder handelt es sich schlicht um eine Projektion des eigenen Irrationalismus auf andere?
- Ist es Zufall, dass linke Israelfeinde sich immer wieder mit Hamas-nahen und anderen islamistischen Gruppierungen – diesmal wörtlich – in ein Boot setzen? Oder besteht hier eine tiefergehende Kontinuität?
- Wieso unterstützt man eine Gruppierung, die sich mutwillig in Gefahr bringt? Wieso soll es keine Alternative gewesen sein, die Hilfsgüter in Ashdod zu löschen? Ein Schelm, wer sich unwillkürlich denkt, dass da womöglich jemand den israelischen Zoll umgehen wollte (oder sich dessen zumindest verdächtig macht).
- Wieso war den Israelkritiker_innen schon so schnell klar, dass es sich um ein gezieltes, unprovoziertes Massaker gehandelt haben soll, ohne eindeutige Belege zu haben?

Ich verstehe unter Egoismus das seiner Natur und folglich – denn die Vernunft … ist nichts als bewußte Natur des Menschen – seiner Vernunft gemäße Sich-selbst-Geltendmachen, Sich-selbst-behaupten des Menschen des Menschen gegenüber allen unnatürlichen und unmenschlichen Forderungen, die alle theologische Heuchelei, die religiöse und spekulative Phantastik, die politische Brutalität und Despotie an den Menschen stellen. … Kurz, ich verstehe unter Egoismus jenen Selbsterhaltungstrieb, kraft dessen der Mensch nicht sich, seinen Verstand, seinen Sinn, seinen Leib … aufopfert.

Wer keinen Egoismus will, der will, daß kein Leben sei.

Diese Äußerungen Ludwig Feuerbachs zeigen, wes Geistes Kind die antisemitischen Märtyrer sind: sich selbst behauptende Individuen, ja, ganze in der Not zusammengeschweißte Kollektive (die „Judenheit“), die sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen und echte Solidarität zeigen, sind ihnen verhasst. Das Opfer ist ihnen – ganz „Sklavenmoral“ (Nietzsche) – höchster Wert – die Juden sollen die ewigen Opfer sein. Es sind letztendlich – wie alle Religiösen – Feinde des Lebens an sich. Hier besteht wohl die ideologische Brücke zu den westlichen Antizionisten, die diesen Irrsinn vor dem Hintergrund eines linken oder rechten Antiliberalismus auch noch nachträglich beweihräuchern oder doch zumindest entschuldigen.
Sicherlich betreiben auch die Israelgegner nicht gänzlich irrationale Interessenpolitik. Ihre Strategie, mit findigen Tricks Israel international zu desauvoiren geht immer wieder auf. Doch ihr Märtyrerkult, ihr Schollendenken, ihr völkischer Kollektivismus spricht eine andere Sprache.
Kein Wunder, dass Vor-Denker_innen wie Judith Butler Hamas und Hizbollah bereits aussprechen, was implizit schon lange klar ist: Hizbollah und Hamas sind Teil der globalen Linken.1 Es fehlt nur noch, endlich offen seine Solidarität mit dem iranischen Regime einzugestehen!
Wenn diese jemanden suchen, der ihre „Idee [sic!] des Kommunismus“3 zum Ausdruck bringt, ist dies völlig selbstverständlich niemand geringeres als der französische „Antiphilosoph“/Priester4 Alain Badiou, Coinitiator des jüngsten Kongresses des Rosa-Luxemburg-Stiftung, über den Micha Brumlik in der taz – meiner Lektüreerfahrung nach: absolut zu Recht – festhielt: „Badiou aber ist – wenn diese Adjektive überhaupt steigerungsfähig sind – der totalitärste und menschenfeindlichste Philosoph, der derzeit wirkt.“2

Weitere lesenswerte Artikel zum Thema:

- Die Welt über den Charakter des Friedensflotte (geschrieben VOR dem „Massaker“, also sicherlich keine nachträgliche Rechtfertigung)

- Florian Markl über die Ideologie der „Menschenrechtsaktivisten“

- Guter recherchierter Beitrag mit vielen Zitaten von Lizas Welt

- Honestly Concerned über die völkerrechtliche Beurteilung des Falls.

- Generell sind alle Artikel der letzten Tage von Honestly Concerned zu dem Thema sehr lesenswert. Insbesondere auch dieser über das Verhalten der Hamas.

  1. http://offensiveselbstverteidigung.blogsport.de/2010/04/05/liebe-judith-butler/ [zurück]
  2. Vgl. sein sehr guter Artikel, der sich auch auf den anderen Initiator des Kongresses, Zizek, bezieht: http://www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/neo-leninist-auf-verlorenem-posten/[zurück]
  3. So, als wäre der Kommunismus eine reine „Idee“, erdacht von irgendwelchen großen Denkern, und keine „wirkliche Bewegung“ (Marx)! [zurück]
  4. Gegen diese beiden Attribute hätte er selbst wohl nur wenig einzuwenden. [zurück]



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