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Der Ursprung des IVI – Ein ontologischer Beitrag zur Selbstreflexion

Ein Text zur Unterstützung des IVI und zur Anregung kommender Projekte.

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Das IVI zeichnet sich nun unserer Meinung nach gegenüber all diesen funktional definierten Orten durch ein Moment radikaler Unbestimmtheit aus, das es selbst von all den längst integrierten ‚Freiräumen’ abhebt. Es ist schlicht nicht klar, was das IVI für ein Ort ist und was ‚man’ an ‚einem Ort wie dem IVI’ tun und lassen darf. Es gibt keinen anderen Ort wie das IVI, gerade weil es so sehr mit den verkrusteten Konventionen anderer besetzter Hausprojekte bricht. Es macht keinen Sinn, im IVI zu sagen „Hier macht man das nun mal so“.
Dies zeigt sich genau in dem Umstand, dass es so etwas wie ein kollektives, klar definiertes Projekt ‚IVI’ nicht gibt. Manche sehen das IVI als „Stützpunkt“ im Sinne der S.I., andere als „centro sociale“, andere schlicht als Pennplatz oder Ort, an dem sie Partys feiern oder ihre Lesekreise abhalten können. Keines dieser Selbstverständnisse kann beanspruchen, ‚das IVI’ zu repräsentieren. Es gibt auch keinen ‚großen Anderen’ im Sinne Lacans, der im IVI irgendeine Autorität besäße – selbst die ‚Beschlüsse’ des Plenums haben eine bindende Kraft nur dadurch, dass sich alle freiwillig daran halten. Sie besitzen nahezu keinerlei reale Autorität und können schon beim nächsten Plenum, bei anderer personellen Zusammensetzung des Plenums, sofort wieder umgeschmissen werden. Es gibt im IVI weder ein richtiges Wir-Bewusstsein noch eine Instanz, die ein solches Bewusstsein legitim repräsentieren könnte. Das IVI ist, ganz im Gegensatz zur Universität, erst recht zum Campus Westend, ein realer „Tummelplatz der Ideen“.
Wir weisen daher alle anderen Definitionsversuche des IVI strikt zurück und wollen es, um es kurz zu machen, als ‚u-topischen Ort’ bezeichnen, ein Ort, der aus der herrschenden Raum-Zeit-Ordnung so radikal wie nur möglich herausfällt, ein Ort ohne Bestimmung, ohne Wert (in jeder denkbaren Bedeutung des Wortes), ohne Daseinsberechtigung, ohne Zweck. Gemäß der herrschenden Ordnung der Dinge hat jeder Ort ein geradezu logisch aus der basalen Struktur der Gesamtgesellschaft ableitbares Wesen (wir denken hier an ein totales, sich aus sich selbst begründendes System in Hegels Manier), aus dem sich die Notwendigkeit seiner Existenz erst begründet. Beim IVI geht die Existenz dem Wesen, der Essenz, voraus – es ist.
Allzu oft empfinden {wir} diese Unordnung als Nachteil – und sicher ist es schwierig, sich in einem u-topischen Ort zu bewegen, gerade, weil ein solcher Ort ja nicht einfach außerhalb der Gesellschaft steht. Das IVI ist mitnichten ein Freiraum. Vielmehr treten hier gerade aufgrund der radikalen Unbestimmtheit des IVI die in der Gesamtgesellschaft herrschenden Konflikte aus der sie normalerweise verschleiernden ideologischen Form heraus und werden erst kenntlich. Menschen verschiedener sozialer Klassen begegnen sich z.B. in der Regel nicht, da die Orte, wo ‚man’ sie so antrifft strikt voneinander separiert sind. Und wenn sie sich treffen, herrschen an diesen Orten zugleich Regeln, die ihren Umgang miteinander kodieren. Im IVI fallen diese Codes weg. Es entsteht ein Vakuum, dessen Füllung immer wieder zur Disposition steht. Letztendlich ist das kein Problem des IVI, sondern {unser} Problem: {wir} wissen nicht, wie man sich an einem Ort ohne Regeln verhalten muss, weil {wir} {uns} daran gewöhnt haben, {unsere} Verantwortung zu delegieren und an Orten genau das zu tun, was ‚man’ dort so tut. {Wir} haben die Regulierungen lieb gewonnen – {wir} fliehen die Unbestimmtheit wo {wir} nur können. Und auch im IVI würden {wir} am liebsten gemäß diesen Regulierungen handeln. Doch aufgrund der fehlenden institutionellen Verankerung, aufgrund des Pluralismus der Nutzer_innen, aufgrund des nicht-traditionslinken Anspruchs der Nutzer_innen von Anfang an, aufgrund sicherlich nicht zuletzt auch den ganz materiellen Eigenschaften des Kramer-Baus (der gerade aufgrund seines radikalen Funktionalismus so vielfältig nutzbar ist), macht {uns} das IVI einen Strich durch die Rechnung. {Wir} gehen am IVI kaputt, weil {wir} kaputt sind, weil {wir} unfähig sind, authentisch im Sinne Sartres, d.h. freiheitsbejahend, zu sein.
Zahlreiche Maßnahmen des IVI in der Vergangenheit haben, reflektiert oder unreflektiert, versucht, das IVI zu definieren und es so in den herrschenden Funktionszusammenhang zu integrieren. Durch den Ausschluss bestimmter Personen, die Etablierung bestimmter Verhaltenscodices, das abweisende Verhalten Fremden gegenüber etc. Das alles hat nicht gefruchtet – zum Glück. {Wir} sollten auch der Versuchung widerstehen, das IVI erhalten zu wollen, indem {wir} es funktionabel machen, indem {wir} ihn ein Label alla ‚alternatives Wohnprojekt’, ‚alternatives Wohnprojekt’, ‚Ort kritischer Wissenschaft’, ‚alternative Partylocation’, ‚Treffpunkt alternativer Künstler_innen’ etc. anheften und {uns} so vermarktbar machen wollen – das IVI ist nicht ‚alternativ’, es ist radikal anders. Sicher mag es aus strategischen Gründen wichtig sein, nach außen hin solche Labels zu etablieren und die Existenz des IVI so zu sichern. Doch es besteht bei solchen Manövern immer die Gefahr, seine eigenen Lügen zu glauben und sie so irgendwann zur Realität werden zu lassen. Nein – wenn {wir} das IVI retten, indem {wir} es funktionabel machen, zerstören {wir} es in Wahrheit. Das IVI ist ein Ort der radikalen Öffnung – {wir} müssen allen Tendenzen entgegentreten, diese Wunde im Stadtbild Frankfurt, selbst wenn sie auch für {uns} schmerzhaft sein mag, schließen zu wollen. {Wir} müssen diese radikale Offenheit, diese radikale Unbestimmtheit lieben lernen. {Wir} haben alle im IVI nicht nur schmerzhafte, unangenehme, sondern auch sehr positive Erfahrungen gemacht. {Wir} müssen anerkennen, dass die schmerzhaften und die positiven Erfahrungen ein- und dieselbe Wurzel haben, dass die positiven Erfahrungen letztendlich nur dadurch ermöglicht wurden, dass das IVI so ist, wie es ist. {Wir} haben Leute getroffen, denen {wir} sonst aufgrund {unserer} sozialen Herkunft vielleicht nie begegnet wären, {wir} haben Dinge gemacht, die an anderen Orten strikt verboten gewesen wären, {wir} haben anstrengende, aber auch zahlreiche sehr produktive, offene Diskussionen geführt, die {wir} an anderen Orten so nie hätten führen können. {Wir} haben, zumindest in wenigen, kostbaren Augenblicken die Erfahrung eines wahrhaft utopischen Lebens, eines Lebens jenseits aller heteronomen Normierungen, eines autonomen Lebens gemacht, in dem {wir} Dinge machen, weil {wir} sie für richtig halten, nicht, weil ‚man’ sie für richtig hält. Und es ist ja auch eine wichtige Erfahrung, genau an einem solchen Ort zu scheitern – ein Scheitern, aus dem man nur für die nächsten authentischen Projekte lernen kann. Insbesondere haben {wir} erfahren, was es heißt, sich selbst Normen aus Freiheit zu geben. {Wir} haben das gemacht, was den heutigen Frankfurter ‚kritischen’ Theoretiker_innen so viel Kopfzerbrechen bereitet.
Das IVI hat also keine Funktion, es ist zu nichts zu gebrauchen – das heißt gerade, dass es zu allem zu gebrauchen ist, zu allem, was {wir} wollen. {Wir} stehen wie ein_e Künstler_in vor einem leeren Stück Papier und können es bekritzeln. (Dies manifestiert sich recht konkret in der stets umkämpften Bemalung der Wände des IVI.) Das ‚Problem’ sind die anderen, die es auch bekritzeln wollen – doch darin liegt eben die produktive Herausforderung, der {wir} {uns} stellen müssen. {Wir} müssen {unsere} private, bornierte Individualität in machen Punkten aufgeben und zu akzeptieren lernen, dass es auch andere Umgangsweisen mit u-topischen Orten gibt. Solche, die {uns} vielleicht nicht gefallen, die {wir} aber akzeptieren müssen, solange sie nicht die allgemeine Offenheit des IVI gefährden. Das IVI hat so den Charakter eines kollektiven Kunstwerks – eines Kunstwerks freilich, das nicht abgetrennt vom Leben steht, sondern teil des ganz gewöhnlichen Lebens ist. (Wir werden darauf unten zurückkommen.)
Daraus ergibt sich weiterhin, dass das IVI nicht in einem einfachen Sinne Teil einer Bewegung ist, die selbst Mittel zur Revolution wäre, die der Realisation einer als Zweck gesetzten Utopie dient. Das IVI ist eben bereits im Hier und Jetzt ein u-topischer Ort – und es lässt sich auch nicht auf den Zweck reduzieren, „Stützpunkt“ einer revolutionären Bewegung zu sein – selbst wenn es das auch sein mag und auch sein sollte. Wer das IVI nur als Mittel seiner persönlichen Zwecke sieht, hat es nicht verstanden. Es ist niemands Mittel und zugleich das Mittel aller. Damit steht es in einem viel radikaleren, unmittelbareren Sinn im Gegensatz zu den herrschenden Verhältnisse, als jeder „Stützpunkt“, der seiner Form nach jedem Parteibüro gleicht. Das IVI ist der C/Kommunismus in dem Sinne, in dem dieser die wirkliche Bewegung ist, die den Kapitalismus abschafft – Teil der (Wieder-)aneignungsbewegung der entfremdeten Welt durch ihre Produzent_innen. {Wir} müssen akzeptieren, diese Entfremdung nicht in entfremdeten Formen bekämpfen zu können. Deshalb brauchen {wir} u-topische Orte wie das IVI. Als Keimzellen, Stützpunkte, Rückzugsräume, Experimentierfelder.

Aus diesem Selbstverständnis heraus lassen sich recht einfach konkrete Forderungen ableiten, die ich zum Schluss noch ausformulieren möchte. Zunächst müssen {wir} {uns} jedoch vergegenwärtigen, was es heißt, dass {wir} es überhaupt so lange an einem solchen Ort ausgehalten haben. Es ist klar, dass es Leuten, die sich gerne heteronomen Regeln unterwerfen, die verrückt werden, sobald diese außer Kraft sind, nicht lange im IVI behagt. Es ist ihnen zu unordentlich, sie fühlen sich nicht wohl etc. Sie kriegen im IVI die Krise. Zugleich haben {wir} immer eine Art magische Sogwirkung empfunden, die {uns} mit dem IVI verband und die {uns} dort so manche Nacht um die Ohren schlagen ließ. {Wir} haben, vom pragmatischen Nutzen des IVIs für {unsere} je individuellen Projekte abgesehen, immer gefühlt, dass hier ein Ort ist, an dem Dinge möglich sind, die es woanders nicht sind. {Wir} haben diese Offenheit intuitiv gerade gesucht. Das macht {uns} sicherlich ‚schwierig’ und dysfunktional, doch es ist vielleicht nicht der schlechteste Zug an {uns}. Dies erkennend, können {wir} vielleicht {uns} selbst besser verstehen. Und {wir} können vielleicht doch so etwas wie ein Wir-Bewusstsein entwickeln. Sicherlich ein Wir-Bewusstsein metastabilen Typs, kein ‚Wir‘, das sich über festgelegte Normen und Werte definiert – außer einem: den Wert der Freiheit, den einzigen ursprünglichen Wert, der allen anderen Werten erst vorausgeht, da jeder Wert eine Wahl impliziert, nicht einfach gegeben ist (sonst wäre er ja keiner, sondern ein Faktum). {Wir} sind alle ‚Honks’!
Alle {unsere} zukünftigen Aktivitäten im IVI sollten daher klarer und bewusster darauf ausgerichtet sein, einerseits die konstitutive Offenheit des IVI zu erhalten, andererseits ihre schmerzhaften Folgen, soweit möglich, zu minimieren – und gleichzeitig auf Grundlage dieser Offenheit das IVI als Experimentierfeld für ein utopisches Leben der Freiheit zu nutzen. Nicht das machen, was ‚man’ so macht, sondern es radikal anders machen. {Wir} müssen das IVI als Miniatur-Modell einer utopischen Gesellschaft begreifen lernen. Auch der C/Kommunismus wird kein Zuckerschlecken sein. Dass das IVI so viele Jahre doch einigermaßen gut überlebt und viele einzigartige Projekte hervorgebracht hat, straft alle Lügen, die behaupten, ein autonomes Leben sei nicht möglich – es ist im Rahmen der bestehenden Gesellschaft nur sehr schwer, da sich diese eben konstitutiv auf Heteronomie gründet.
Dies sollte {uns} die nötige Entschlossenheit verleihen, allen freiheitsfeindlichen Tendenzen inner- und außerhalb des IVI entgegenzutreten. Dies heißt insbesondere:

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Die Empörten („occupy Frankfurt“)

Zugegeben: Mit einer USA Fahne und einem Schild auf dem „Ihr seid doch nur neidisch“ geschrieben steht (Rückseite: „lest Marx, lest Hegel“) auf die „occupy Frankfurt“-Demo zu gehen, war nicht die beste taktische Entscheidung die ich in letzter Zeit getroffen habe. Als wir uns den Spaß wenige Stunden zuvor auf einer Party ausgedacht haben, war ich mir eigentlich sicher das es nicht ganz so schlimm werden würde. Im Gegenteil: Wir hegten eher die Befürchtung das die Fahne nicht als Counterstatement gegen den antisemitischen und antiamerikanischen Teil des besinnungslosen Protestierpöbels wahrgenommen wird und die meisten denken würden wir wären lediglich solidarische New York-Okkupanten. Fail. Während der Abschlußkundgebung flogen die Fäuste und jetzt ist die Fahne kaputt und mein Handgelenk geschwollen. Eine Anzeige gegen die antisemitischen Schläger (u.A. „lutscht weiter israelische Schwänze“) wäre sinnvoll, leider bin ich kein guter Zeuge. Erstens war ich total betrunken und zweitens vollauf mit der Verteidigung der erst drei Stunden zuvor erstandenen Fahne beschäftigt.
Offensichtlich waren nicht alle Protestierenden solche dummen Arschlöcher wie die handgreiflich Empörten. Eine ältere Dame hat mir meine im Handgemenge verlorene Brille hinterher getragen. Mehrere Personen haben sich stellvertretend für ihre gewalttätigen Mitdemonstranten entschuldigt. Irgendwer hat uns sogar eine neue Fahnenstange geschenkt und mich aufgefordert nicht klein bei zu geben. Immerhin.
Von der Demo selbst habe ich nicht viel mitbekommen. Meistens war ich damit beschäftigt gegen irgendwelche verrückt gewordenen Menschen anzuschreien. Neben den obligatorischen Menschheitsbeglückern von DKP, Attac und Friedenskirche, hatten sich wohl auch einige nichteinschlägige Bürger eingereiht. Diesen Umstand konnte man deutlich an den klügeren, oder wahlweise noch dümmeren Statements als es normal üblich ist ablesen. Ungenierter Rassismus und manifester Antisemitismus hier, die erfreuliche Einsicht das eine Demonstration gegen die Charaktermasken der Finanzbranche, für die notwendige Emanzipation der Menschheit über die Zwänge der selbstreferentiellen Kapitalakkumulation untauglich ist dort.
Ich halte es durchaus nicht für völlig sinnfrei, den weniger verbohrten unter den „Empörten“, mit einem Flugblatt auf die Pelle zu rücken. Das Kapitalverhältnis ist ein Verhältnis, in dem sich die grundlegenden Mechanismen die das Leben von uns allen beherrschen, hinter dem Rücken der Akteurinnen und Akteure vollziehen. Das die Hirne eben dieser in vielerlei Hinsicht Hintergangenen, zwangsläufig diverse religiöse Mucken und barbarische Lösungsvorschläge für reale und eingebildete Menschheitsprobleme ausbrüten, braucht niemanden zu wundern. Das Kapitalverhältnis ist ein kompliziertes und gehört transzendiert. Ich bin nicht so naiv zu glauben man könne relevante Teile dieser Bewegung aufklären, oder auch nur verunsichern. Aber wer sich nicht damit abfinden möchte, das weiterhin nur die IDF die letzte line of defence gegen die finale Exekution des fetischistischen Furors der sich selbsttätig zu bloßen Staatsbürgersubjekten degradierenden Individuen darstellt, kann nichts anderes tun als weiterhin zu reden, zu schreiben, zu protestieren, d.h. Aufklärung wieder den heruntergekommen (End-)Zeitgeist zu betreiben.
Ich sehe mich aktuell außerstande ein Flugblatt zum Thema Finanzkrise und Gegenprotest zu fabrizieren, aber wenn jemand einen tauglichen Textvorschlag hat, wäre ich bei einer eventuellen Verteilaktion beim nächsten Happening vor den Bankentürmen dabei.
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Wer ist eigentlich dieser Kerl, was soll das mit dem Bild und was für einen verwirrten Kram erzählt er da in die Kamera?:

Schön wäre es ja, allerdings befürchte ich das der gestandene Antisemit Henry Ford diese Formulierung nicht im universell menschenfreundlichen Sinne getätigt hat, sondern mit dem „Geldystem“ eher die in seinen Augen wegzurevolutionierenden Juden meinte:

Selbstzweifel?:

Keine Selbstzweifel, aber ein Beleg von vielen, für den in deutschen Landen omnipotenten Staatsfetisch:

Neben der gruseligen „truther-Bewegung“ und den verschwörungstheoretischen Spinnern der „Zeitgeist Movement“, gab es noch etwas harmlosere Kuriositäten zu bewundern. Die „Einstein-Partei“:

Was sind das eigentlich immer für kannibalistische Wünsche? Dr. Freud übernehmen sie:

Nicht ganz unzutreffend:

Ein Gedicht des antifranzösischen Dichters Theodor Körners:

„Blut muss fliessen knüppelhageldick…“:

Heftigeres gab es wohl in Berlin zu sehen.

Quälende Alltagsfragen

Ich laufe durch den Westflügel meines bescheidenen Gästehauses, in den Händen halte ich einen in sparsamen Worten verfassten Entschuldigungsbrief, den ich in einen Umschlag beklebt mit der blauen Mauritius gesteckt habe. Eine dekadente Geste und ein humorvoller Versuch meine 40 Jahre jüngere Ehefrau zu besänftigen, die mich seit einer Woche aus ihren Schlafgemächern verbannt hat. Ich bin auf dem Weg zur Hauspost. Ich sinniere gerade so vor mich hin, frage mich ob sie meinen kleinen Scherz versteht und mir die S e i t e n s p r ü n g e des letzten Quartals verzeiht… da passiert es: Ich stolpere über die Überreste einer Marmorstatuette, die ich aus purer Lebenslust beim letzten Partygelage mit dem Golfschläger zerknüppelt habe und der Briefumschlag mitsamt der verklebten blauen Mauritius fliegt in hohem Bogen durch das geöffnete Fenster, segelt von einer Windböe getragen über den Parkplatz, direkt in das von Butler Manfred gemäß seinen allherbstlichen Ordnungspflichten gerade entzündete Laubfeuer und verbrennt in Sekunden zu Asche.

Trinken sie nun 10 Bier (0,5 Hansapils aus der Glasflasche) und beantworten sie mir bitte folgende Frage: Was wurde bei diesem bedauerlichen Missgeschick vernichtet. Wert, Tauschwert, Gebrauchswert, Alles oder nichts von alledem.

„Versuchen wir es mit etwas weniger Dialektik“ // Zur Destruktion der Destruktion

Reminder: Wochenlang tobte auf diesem und anderen Blogs eine recht kontroverse Debatte, die insbesondere über den Begriff der historischen Notwendigkeit und den „historischen Materialismus“ im Allgemeinen kreiste. Sie wurde vorallem dort ausgetragen. Da sich der Ansicht bin, dass sich syn- und diachrone Betrachtung nur analytisch trennen lassen, dass – ich kenne keinen anderen Begriff für die Sache – „geschichtsphilosophische“ Fragestellungen also von zentraler Bedeutung für die allgemeine Gesellschaftskritik sind, werde ich im Folgen in Auseiandersetzung mit Ofenschlots Kritik an meinen Positionen noch einmal einen Beitrag zu dieser Debatte wagen.

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„Der Weg zur Erkenntnis bleibt äußert beschwerlich und lässt sich nichts über Fragmentarische, Aphoristische abkürzen.“
(Ofenschlot)

Ich habe mich zu Ofenschlots Kritik in der letzten Zeit schon mehrfach geäußert. Da meine bisherigen Statements im Detail etwas missglückt waren und sich Ofenschlot – im Folgenden kurz-zärtlich „Schloti“ genannt – mit einer dreiteiligen „Reihe über Marx als Entwicklungstheoretiker“ erneut umfassend positioniert hat, will ich also erneut in den Ring steigen und die Fehler und Schwächen von Schlotis Konzeption aufzuzeigen versuchen.

Es muss freilich zugleich festgehalten werden, dass ich mich noch immer frage, worin Schlotis „Position“ eigentlich besteht. Der erste Beitrag der Reihe ließ mich endlich einmal eine umfassende geschichtsphilosophische Positionierung erhoffen. Stattdessen bestand sie – wie gehabt – aus „Fundstücken“. Im ersten Teil präsentiert er eigene Ergebnisse seiner „Spurensuche“ in den neuesten Publikationen der MEGA, im zweiten und dritten Teil zieht er aus seinem Zettelkästele zwei – angebliche – Autoritäten der Marxologie, Fred Schrader und Ulrich Menzel hervor. Eine fundierte Positionierung ist das nicht – das Subjekt Schloti verschanzt sich ganz hinter einem Wust aus Zitaten und Verweisen. Ein Schelm, wer dahinter kein postmodernes Schreibprogramm vermutet, in dem sich der Autor bewusst in dem Netz seiner Collagen auflöst. Es geht im Grunde um nichts als „Destruktion“ der „großen Erzählungen“, wie es ja auch in Schlotis Blogmotto festgehalten wird:

… geschichtliche Abläufe so rekonstruieren, daß sie nie als irreversibel erscheinen, sondern als Ensemble von Flucht- und Wendepunkten, von Möglichkeiten des Umkehrens und Unterbrechens, des Neubeginnens und Ausführens alter halb geäußerter Wünsche vergangener Generationen …

Das kann man mal sagen. Was sich hinter dieser bunt-flimmernden Signifikantenkette verbirgt, ist eine tiefe Abneigung gegen jedweden Versuch, geschichtsphilosophisch an Hegel anzuknüpfen, dem es im Gegensatz dazu gerade darum ging, ex post eine notwendige, der Logik des Begriffs folgende Fortschrittsgeschichte zu konstruieren, in deren Licht sich die in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklichte Freiheit als telos der Geschichte erweist. Auch wenn Hegel stets zugestand, dass sich in der Empirie Abweichungen von der Logik des Begriffs ergäben, hat er diese doch als „Zufälligkeiten“ abgetan, mit denen sich zumindest eine philosophische Betrachtung nicht zu befassen habe.
Marx und in seiner Nachfolge zahlreiche Marxisten kritisierten dieses – natürlich tief idealistische – Modell, gaben jedoch einige zentrale Erkenntnisse Hegels nicht auf. Was von diesem hegelianischen Restbestand zu halten ist – darum geht es im Grunde in der Debatte. „Versuchen wir es mit etwas weniger Dialektik“ – dieser Satz von Jürgen Habermas könnte Schlotis Blogheader im Grunde genau so zieren.
Der Punkt ist: würden Schloti und seine Gesinnungsgenossen es zur Abwechslung mal mit etwas mehr Dialektik versuchen, würden sie erkennen, dass sich auch Zufälligkeiten, Brüche, Diskontinuitäten, alternative Möglichkeiten etc. in der Geschichte überhaupt nur vor dem Hintergrund von diesen gegenüberstehenden Notwendigkeiten sinnvoll erkennen lassen. Sie konstruieren eine völlig irreführende Alternative: einmal der „Histomat“, einmal ihre – von ihnen selbst nicht näher gelabelte – „Spurensuche“. Diese „Spurensuche“ konstituiert sich nicht zufällig nur darin, den „Histomat“ als Pappkameraden zu konstruieren, um ihn dann immer wieder aufs neue mit neuen „interessanten Studien“ und „neuen empirischen Erkenntnissen“ zu widerlegen – ein Prozess, der sich reichlich selbstgenügsam ausnimmt und als Korrektiv zu einem einseitigen Notwendigkeits- und Fortschrittsdenken eine nicht zu bestreitende Berechtigung hat. Allein: bestreitet man ernsthaft jede Notwendigkeit in der Geschichte, zerfällt sie ja ohnehin schon dem Begriff nach in bloß zufällig aufeinanderfolgende Ereignisse – die ganze mühsame „Spurensuche“ hätte keinen Sinn, da ihr Ergebnis ja ohnehin von vorneherein feststeht.
Schlotis Selbstverständnis bringt auch diese polemische Eingangspassage recht treffend auf den Punkt:

Es ist schade oder vielmehr bezeichnend, dass mit Erscheinen des fünften und letzten Bandes von Hans-Peter Duerrs großer Studie »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« vor fast neun Jahren das öffentliche Interesse an dieser Studie erlahmte und die hiesige Linke, die in den Jahren nach 9/11 und bis heute lieber über Zivilisation, Kultur, Religion und Universalismus sinniert als über die hard facts – Kapital, Lohnarbeit, Grundrente – (Haupt- und Nebenwiderspruch revisited, nicht wahr?) und somit aus Marx einen öden Zivilisationstheoretiker macht, weder von dem Fortgang von Duerrs 1988 begonnener Studie noch von ihrem Ende großartig Notiz nahm.

Auch wenn Schloti dies bestreiten mag – aus dieser Stelle geht klar hervor, was für ihn Priorität hat: die rein synchrone Analyse der Gegenwart, der „hard facts“ des Kapitalismus. Hans-Peter Duerrs Studie ist für ihn dementsprechend auch eher als neue Fundgrube für neue Fundstücke, die er zu seiner schelmischen Destruktionsarbeit hervorzaubern kann, gut, nicht wegen ihrer positiven theoretischen Gehalte. Geschichtswissenschaft heißt für ihn primär: Destruktion der Geschichtswissenschaft – getreu der strukturalistischen Grunddoktrin werden strikt Trennungen eingezogen, wo sie eigentlich nicht zu machen sind: Geschichte hier, Gegenwart dort, Basis hier, Überbau dort. Nach dieser strikten Trennung schlägt man sich dann „aleatorisch“ auf einen der beiden Pole und schon hat man die ganze Konfusion – der andere Pol wird zum unerkennbaren oder zumindest uninteressanten „Ding an sich“ erklärt, der eine Pol kann aufgrund seiner Abspaltung vom anderen auch nicht klar erfasst werden.

Kein Wunder also, dass sich Schloti mit eigenen positiven Resultaten so schwer tut. „Zivilisationstheorie“, „Entwicklungstheorie“, ja: Theorie überhaupt, erst recht „Geschichtsphilosophie“ wird ihm zum Unwort – doch von welchem Standpunkt aus ist diese Kritik überhaupt noch zu leisten? Duerr entwickelt natürlich auch auch selbst eine „Zivilisationstheorie“, wenn Schloti Hegels Geschichtsphilosophie kritisiert, setzt er dem natürlich implizit eine eigene Geschichtsphilosophie entgegen. Gerade dass er dies nicht bewusst macht, ist Grund der ganzen Konfusion. Da besteht dann „Kritik“ nur noch darin, Fundstücke zu präsentieren und damit Stolz in der Luft herumzuwedeln, so als hätte man damit den Stein der Weisen neu erfunden.
Vollends absurd wird dieses dürftige Spielchen, wenn plötzlich „Entwicklungstheorie“ zum neuen Negativschlagwort avancieren soll. Naja, so seltsam ist das nicht: nimmt man schließlich an, in der Geschichte wäre alles irgendwie kontingent, es gäbe keine feststellbaren Entwicklungslinien, dann gerinnt schließlich alles zur „ewigen Wiederkehr des Immergleichen“, dann gibt es keine Entwicklung mehr. Unter dem Blick des alles differenziert-empirisch betrachtenden Spurenlesers lösen sich alle Differenzen in der Geschichte auf. Irgendwie verlaufende Entwicklungen sind tendenziell schon keine mehr.
Überhaupt müsste man ja, um Entwicklung überhaupt denken zu können, dialektisch denken – und das wollen wir ja nicht. Entwicklung – egal in welchem Gegenstandsbereich – findet nämlich nur in der Konfrontation real existierender Widersprüche statt, ist überhaupt nur so erklärbar. Dies nur als kurze Randnotiz.

Doch begeben wir uns nach diesen systematischen Vorbemerkungen selbst auf Spurensuche in Schlotis Texten. Im ersten Teil betreibt er wie gesagt selbst auch ein bisschen Marxologie. Dazu erstmal grundsätzlich: Was der Sinn an dieser seltsam Archivarbeit sein soll und warum gerade hier ein Gegenpol zur Beschäftigung mit reinen „Überbauphänomenen“, gegen die Schloti noch wenige Tage zuvor polemisierte, zu suchen ist, ist mir aus Schlotis Ausführungen nicht klar geworden. Mich interessiert primär der fertige Text, wie ihn der Autor publizierte. Doch diese simple Arbeit am Text scheint Schloti in seinem Bemühen, Marx als Entwicklungstheoretiker dem Diktum seines Gesinnungsgenossen rhizoms zu Folge „abzuhacken“ nicht zu genügen. Sein Erkenntnisinteresse ist dabei wie immer rein negativ – er will Spuren suchen, um vermeintliche Mythen zu destruieren.1
Wer so gründlich sucht, der findet auch – die Frage ist nur: was? An der Lektüre der Texte scheint es derweil zu mangeln. So spricht Schloti von der „knappen, aber alles treffende[n] Kritik des Gothaer Programms“. Hätte er diese sicherlich zentrale Schrift aufmerksamer gelesen, hätten ihn Stellen wie diese förmlich anschreien müssen:

Dies ist das Gesetz der ganzen bisherigen Geschichte. Es war also, statt allgemeine Redensarten über „die Arbeit“ und „die Gesellschaft“ zu machen, hier bestimmt nachzuweisen, wie in der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen sind, welche die Arbeiter befähigen und zwingen, jenen geschichtlichen Fluch zu brechen. (MEW 19, S. 17)

Die ganze Kritik ist von Stellen wie dieser durchzogen, in der sich Marx unmissverständlich zu einem Grundgedanken des historischen Materialismus bekennt: erst der Kapitalismus schafft die Möglichkeit der Emanzipation von Herrschaft, des Kommunismus. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem, was Schloti eigentlich aufzeigen will, nämlich, dass Marx sich in seiner spätesten Schaffensphase vom historischen Materialismus verabschiedet hätte. Es verwundert doch sehr, dass Marx in seinen publizierten Schriften etwas ganz anderes hätte vertreten sollen, als er „eigentlich“ dachte – und aus welchen Gründen wir heute uns nicht an die publizierten Schriften, sondern irgendwelche verstreuten Notizen halten sollten. Generell geht es natürlich nicht darum, was Marx jemals dachte, sondern um die Sache selbst. Doch wenn ausgerechnet Marx selbst als Kronzeuge für eine völlig unmaterialistische, antimarxistische Position herhalten soll, ist Skepsis angezeigt.
Welche weiteren Belege bringt Schloti für seine steile These von einem radikalen Bruch im Denken des alten Marx?

Da ist zum einen diese Tabelle der Gegenstände von Marx‘ und Engels späten Studien (aus welcher postmodernen Macke heraus Schloti das Wort „Gegenstände“ in Anführungszeichen setzt, bleibt sein Privatgeheimnis – vermutlich ist es ihm wie die „liebgewonnen Vorstellungen über Bedingungen und Möglichkeiten des Sozialismus/Kommunismus“ schon zu hegelianisch):

Exzerpte und Notizen. Januar 1875 bis Februar 1876: Rußland nach den Reformen (M)
März bis Juni 1876: Physiologie, Geschichte der Technik (M), russische, englische und griechische Geschichte (M/E)
Mai bis Dezember 1876: Geschichte des Grundeigentums, Rechts- und Verfassungsgeschichte (M)
Januar 1877 bis März 1879: Politische Ökonomie, besonders Bank- und Finanzwesen, kaufmännische Arithmetik (M), Geschichte (M/E)
Mai bis September 1878: Geologie, Mineralogie, Agronomie, Agrarstatistik, Erdgeschichte, Geschichte des Welthandels (M)
1879 bis 1881: Ethnologie, Frühgeschichte, Geschichte des Grundeigentums (M)
1879 bis 1882: russische und französische Geschichte, besonders agrarische Verhältnisse (M), Geschichte des Grundeigentums (E)
Ende 1881 bis Ende 1882: chronologische Tabellen zur Weltgeschichte (M)

Aus dieser Tabelle soll nun ganz klar folgen: „Marx nimmt Abschied vom Eurozentrismus, er nimmt Abschied vom starren Entwicklungsschema und damit von einer ganzen Reihe von liebgewonnenen Vorstellungen über »Bedingungen und Möglichkeiten« des Sozialismus/Kommunismus!“
Auch wie Schloti zu diesem Schluss kommt, bleibt sein Privatgeheimnis. Zum einen hat Marx sich schon in den Grundrissen lebhaft für außereuropäische Entwicklungen interessiert, zum anderen enthält diese Tabelle reichlich wenig Hinweise auf einen klaren Schwerpunkt von Marx‘ und Engels‘ auf Studien zu außereuropäischen Gebieten. Der Abschied von „liebgewonnenen Vorstellungen“ folgt daraus erst recht nicht.
Schloti übersieht – ganz Antihegelianer – ohnehin, dass die Entscheidung von Marx, England als Ausgangspunkt seiner Studien zu nehmen, keine willkürliche, sondern sachlich-methodisch begründete Entscheidung war: um den Kapitalismus in Reinform zu analysieren, musste er sich auf das Land beziehen, in dem die kapitalistische Entwicklung seiner Zeit am weitesten fortgeschritten war. Das ist das Geheimnis seines „Eurozentrismus“ – Europa war für seine Forschungszwecke schlicht der wichtigste Untersuchungsgegenstand, eine Analyse anderer Regionen hätte ihm dafür herzlich wenig gebracht.
Auch dass Marx über „Bedingungen und Möglichkeiten für den Sozialismus/Kommunismus“ nachdachte, ist keiner subjektiven Marotte geschuldet. Ja – moralische Kritik in der Tradition Paulus‘ und Kants ist auch ohne diesen Verweis möglich. Ich kann jemanden moralisch für eine Handlung kritisieren, auch wenn er überhaupt keine Möglichkeit hatte, anders zu handeln. Was in einer konkreten Situation möglich ist, mag umstritten sein – Fakt ist, dass nicht alles möglich ist. Eine solche moralische Kritik ist simpel – doch sie bleibt abstrakt, da ihr nur das ohnmächtige Lamento bleibt, erst recht, wenn es nicht um Kritik an Personen, sondern um Gesellschaftskritik geht. Ich kann Karl den Großen z.B. aus moralischer Sicht dafür kritisieren, dass er Kaiser wurde anstatt z.B. ins Kloster zu gehen und nicht teil an der brutalen Politik seiner Zeit zu haben. Doch ich kann die damalige Gesellschaft nicht dafür kritisieren, dass die Politik damals eine solche Verlaufsform annahm – der Stand der Produktivkräfte erlaubte noch keine wesentlich anderen Institutionen als die damals gegebenen, ein kultureller und ökonomischer Fortschritt war nur über die Ausbeutung der großen Mehrzahl der Bevölkerung zu erzielen. Aus dieser Sicht erscheint dann Karl der Große weitaus eher als weitsichtiger, kluger Staatsmann, dessen progressive Rolle in der Geschichte man anerkennen muss (wenn man schon auf der doch etwas mühsigen Ebene der Bewertung von Individuen verbleiben möchte – vermutlich wäre die Geschichte ohne Karl den Großen nicht wesentlich anders verlaufen).
Auch die Rede von „Sozialismus/Kommunismus“ macht nur Sinn, insofern klar ist, dass eine andere Gesellschaft als die Bestehende konkret möglich geworden ist. Wäre sie es nicht, würde kein wesentlicher Unterschied zwischen der marxistischen Gesellschaftskritik und der der frühen Christen und anderer messianischer Sekten bestehen. Ja: Marx und Engels zu Folge konnte sich die Idee vom „Sozialismus/Kommunismus“ überhaupt erst historisch artikulieren, weil sich mit der globalen Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise die konkreten „Möglichkeiten und Bedinungen“ dafür ergeben. Die „liebgewonnenen Vorstellungen“ sind also notwendiger Bestandteil des Programms des wissenschaftlichen Sozialismus und macht gerade den Punkt aus, warum dieser keine bloß alternative Theorie über die, sondern eine eine Kritik der bestehende/n Gesellschaft ist.

(NB: Es geht bei dieser ganzen Argumentation nicht primär darum, ex post irgendwelche moralischen Bewertungen über einzelne Individuen in der Geschichte zu machen. Jeder Sklave, der im antiken Griechenland gegen seine Herren aufmuckte, hatte dazu gute Gründe. Dass sich die unterdrückten Hausfrauen in Rom sich massenhaft christlich taufen ließen ist nur allzu verständlich und war in dieser Zeit ein geradezu antipatriarchaler Akt. Weltgeschichtlich betrachtet war dieser Widerstand gegen den Weltlauf, so desparat er gewesen sein mag, in vielen Fällen genau so progressiv wie die kulturellen, ökonomischen und politischen Leistungen der herrschenden Klasse – die ja vielfach erst als Reaktion auf diesen Widerstand in die Welt kamen. Die Herren verhielten sich vielfach zutiefst reaktionär. Mir, wie es Schloti ebenfalls tat, vorzuhalten, ich würde im nachhinein z.B. die antiken Sklaven zum absoluten Gehorsam aufrufen und einseitig das brutale Vorgehen der Sklavenhalter rechtfertigen, ist geradezu grotesk und zeugt wieder einmal von dem tiefen Unwillen, die Position des Gegners auch nur verstehen zu wollen.
Das wichtige ist generell nicht die normative Beurteilung, sondern die möglichst genaue, möglichst konkrete Beschreibung einer historischen oder aktuellen Situation mit ihren Widersprüchen, Ambivalenzen, Möglichkeiten etc. Die normative Beurteilung kann – wenn überhaupt – erst danach erfolgen und kann von der faktischen Synthese nicht getrennt werden. Ob sich jemand progressiv verhielt oder nicht ist überhaupt eine zunächst einmal rein deskriptive Aussage ex post. Und ja: auch ein völlig unmoralisch agierender Menschen kann sich progressiv verhalten haben – womöglich sogar gegen seine Intention (auch die Intentionen interessieren auf dieser Ebene so gut wie nicht – dass die Intention der Herrschenden natürlich nie war, Bedingungen und Möglichkeiten einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu schaffen, ist klar – sie wollten idR schlicht Macht und Reichtum mehren und trieben allein dadurch die Geschichte voran).)

Als nächsten Beleg folgt dann Marx‘ berühmte Stellungnahme zu den „Bedingungen und Möglichkeiten“ des „Sozialismus/Kommunismus“ in Russland in seinem Brief an Vera Sassulitsch. Auch hier wiederum ist Hauptbeleg nicht der von Marx abgeschickte Brief, sondern ein Entwurf. Marx muss schon ein ziemlich feiger Hund gewesen sein – oder war er vielleicht schlichtweg mit seinem Entwurf unzufrieden und überarbeitete ihn deshalb? Schlotis antihegelianische Spurensuchmethode gerät auch hier wieder arg ins schleudern.
Doch selbst dieser Entwurf widerspricht der Interpretation Schlotis in geradezu peinlicher Weise, heiß es doch klar:

Wenn sie im Gemeineigentum am Boden die Grundlage für die kollektive Aneignung besitzt, so bietet ihr das historische Milieu, die Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion, alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit im großen Maßstab.

Es ist erst die „Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion“, die in Marx‘ Augen einen direkten Sprung von ursprünglichem in sozialistisches Gemeineigentum möglich macht! An der Kernauffassung des historischen Materialismus wird also selbst in diesem Entwurf mitnichten gerüttelt.
Beide Belege, die Schloti zur Untermauerung seiner Ansicht an dieser Stelle anführt, entpuppen sich also schon auf den ersten Blick als völlig haltlos – sie beweisen sogar das Gegenteil seiner Interpretation. Dass sich Marx in seiner spätesten Schaffensphase um möglichst konkrete, genaue Untersuchungen einzelner Spezialgebiete widmete steht mitnichten im Widerspruch zu seinen früheren methodologisch-geschichtsphilosophischen Reflexionen, die eben gerade nicht „idealistisch“ sind, sondern sich eher als konsequente Durchführung seines u.a. in den Grundrissen konzipierten Programms lesen.

Gelingt es ihm vielleicht im nächsten Teil der Reihe, seine Thesen zu belegen und Marx als Idealisten zu outen? Er verspricht zumindest im Titel viel: „Mit Dynamit die Schichten freilegen!“ Marx- und Geschichts-Destruktion wird hier an sich schon zum subversiven Programm erhöht. Doch auch hier wieder nur Enttäuschung: referiert wird einfach irgendein unbedeutender Marxologie-Prof, der als Autorität herhalten soll. Kernthese scheint hier zu sein, dass hinter dem Marx des Kapital in seinen Notizen, Entwürfen, Fragmenten etc. ein subversiver, wilder Marx stecken würde, der mit der hegelianischen Geschichtsphilosophie radikal gebrochen hätte. Marx hätte also im Grunde schon das gemacht, was Schloti und seine Freunde heute verbrechen, er hätte es nur nicht in seinen publizierten Schriften getan.
Doch auch hier werden skurille Gegensätze aufgemacht: so, als wäre es nicht Allgemeingut, dass Marx sich bereits in seinen Frühschriften radikal von Hegel und später auch den Linkshegelianern absetzt. Als wäre es nicht Allgemeingut, dass es keinen einheitlichen Kanon des Marxschen Werkes gibt, sondern dass auch Marx sich selbst korrigierte etc. Sonst hätte sich der Entstehungsprozess des Kapital kaum über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Doch darum ist nicht wahr, dass er kompletter Antihegelianer geworden wäre oder dass es keine Kontinuitäten in seinem Werk gäbe. Marx hat Hegel und Feuerbach aufgehoben – er ist nicht hinter das von ihnen abgesteckte Erkenntnisniveau zurückgefallen wie Schloti & Co.
Im Detail möchte ich auf den ansonsten recht gehaltlosen Teil 2 nicht eingehen und direkt auf Teil 3 übergehen. Gelingt es hier Schloti endlich, überzeugende Belege für seine Marx-Destruktion aufzufahren? Liegt der hegelianische Rest endlich blutend auf dem Asphalt?
Auch hier referiert ofenschlot wieder einen Marxologie-Prof, dessen Namen ich noch nie zuvor gehört habe. Man wird sehen, ob diese Autorität hält, was Schloti uns verspricht.
Nun gut – dass dieser Mann keine Autorität ist, gibt Schloti gleich zu Anfang des Artikels selbst zu: „Menzel ist kein Marxist und zudem ein fleißiger deutscher Professor, deshalb greift er auch zu so unglücklichen Formulierungen wie »die Marx’sche Kritik setzt an bei der Verteilung des Mehrprodukts«.“ Das lässt sich gerade noch akzeptieren: auch ein blindes Huhn …

Was lehrt uns Menzel also?

Marx hat nie eine geschlossene Entwicklungstheorie vorgelegt. (Menzel sagt das nicht, aber wer genau hinguckt, dem dämmert, dass das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation gar nicht ins »Kapital« gehört, es vielmehr eine didaktisch-anschauliche Konzession darstellt.)

Hier also wieder die Rede von einer „Entwicklungstheorie“, noch dazu einer „geschlossenen“ so, als wäre das eine Schande und als wäre es an Marx zu loben, dass er eine solche nicht gehabt hätte. Und dass das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation eine wesentlich systematische Funktion hat, sollte eigentlich keinem Kapital-Leser entgangen sein:

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehrwert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, dieser aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur hinauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende „ursprüngliche“ Akkumulation („previous accumulation“ bei Adam Smith) unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt. (MEW 23, S. 741)

Marx verfährt auch hier so, dass er die begriffliche Entwicklung soweit treibt, bis sie sich in unlösbare Antinomien verstrickt, um dann eine Konkretionsstufe weiter auf dem Weg vom Abstrakten zum Konkreten zu gehen. Es gilt in diesem Fall darum zu verstehen, wie die kapitalistische Produktion eigentlich entstehen konnte. Dies ist keine nebensächliche Frage, da es eben ein substantieller Einwand gegen das bisher dargestellte wäre, könnte es nicht erklären, wie es denn überhaupt zur Kapitalakkumulation gekommen sei.

Der nächste Absatz ist ein gutes Beispiel für die Art, wie Marx Entwicklungstheorie als Ideologiekritik scharf macht:

Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. Die Legende vom theologischen Sündenfall erzählt uns allerdings, wie der Mensch dazu verdammt worden sei, sein Brot im Schweiß seines Angesichts zu essen; die Historie vom ökonomischen Sündenfall aber enthüllt uns, wieso es Leute gibt, die das keineswegs nötig haben. Einerlei. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. Solche fade Kinderei kaut Herr Thiers z.B. noch mit staatsfeierlichem Ernst, zur Verteidigung der propriété , den einst so geistreichen Franzosen vor. Aber sobald die Eigentumsfrage ins Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Standpunkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten. In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und „Arbeit“ waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von „diesem Jahr“. In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andre, nur nicht idyllisch. (MEW 23, S. 741 f.)

Gegen diesen Begründungsmythos, der von höchst aktueller Brisanz ist, hält Marx die konkrete Geschichte der kapitalistischen Akkumulation. Ohne seine eigene Entwicklungstheorie könnte er diese Arbeit garnicht leisten. Und diese beinhaltet eben die auf den ersten Blick triviale, anscheinend aber umstrittene Feststellung:

Die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft ist hervorgegangen aus der ökonomischen Struktur der feudalen Gesellschaft. Die Auflösung dieser hat die Elemente jener freigesetzt. (MEW 23, S. 743)

Der 6. Teil dieses Kapitels ist zudem (wie natürlich das folgende 25. Kapitel) ein Schlag ins Gesicht all jener, die Marx Affinitäten zum Kolonialismus vorhalten. Er ist eine heftige Kritik gegen das europäische Kolonialsystem und seiner zynischen Apologeten. Doch es ist eben nicht, wie Schloti & Co es wohl gern hätten, eine abstrakte, moralische Kritik:

Die verschiednen Momente der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz. (MEW 23, S. 779)

Marx benennt die brutale Gewalt in den Kolonien drastisch. Doch er kritisiert sie nicht abstrakt, da er weiß, dass diese Gewalt Teil jedes fundamentalen gesellschaftlichen Umsturzes ist – und dass dieser Umsturz bei aller Greueltaten der Europäer eben die Möglichkeit eines besseren eröffnet. Beide Perspektiven sind vereinbar, wie Marx gerade in diesem Abschnitt eindrucksvoll demonstriert.

Dass er auch im Kapital an seiner hegelianischen Grundintuition festhält, stellt Marx dann im 7. Teil des Kapitels klar:

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel. (MEW 23, S. 791)

Diese Gewissheit und die Rede von der „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ stoßen freilich auf. Doch immerhin verrät die Formulierung „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ etwas vom Notwendigkeitsbegriffs Marx. Es handelt sich um keine logische, absolute Notwendigkeit, sondern eine empirische, faktische. Schließlich könnten sich so gut wie alle Naturprozesse auch ganz anders verhalten als sie es faktisch tun – ihre konkrete Beschaffenheit ist in gewisser Hinsicht absolut kontingent. Dennoch lassen sie sich gesetzmäßig beschreiben – sie sind geradezu ein Sinnbild starrer Notwendigkeit.
Dass diese Formulierungen heute noch so angemessen sind, würde ich auch nicht behaupten. Doch sie sind nicht komplett zu verwerfen, sondern es muss klar aufgezeigt werden, worin Marx hier genau scheiterte. Ob diese Aussage wahr oder falsch ist, wird sich schlussendlich nur ex post klären lassen.

Dass sich nun Marx in seinen entwicklungstheoretischen Ansichten teilweise korrigierte, worauf Schloti anschließend noch einmal zu sprechen kommt, zeigt nun – wir sagten es bereits – wenig und scheint mir den Kern seiner Theorie in keinster Weise zu berühren. Dass seine privaten Notizen zu Russland seine Grundgedanken mitnichten widerlegen, habe ich bereits oben gezeigt. Eine stalinistische Histomat-Lehre, wie sie Menzel zu Recht kritisiert, hat in der Debatte niemand vertreten, ich habe selbst immer wieder darauf hingewiesen, dass Marx u.a. in den Grundrissen ein wesentlich komplexeres Geschichtsbild vertritt, als er es noch im Manifest tut.

***

Ich habe also gezeigt, dass Schlotis Rede von einem Bruch im Denken des späten Marx so nicht haltbar ist, dass sie vielmehr nur der ideologischen Legitimation von Schlotis offenkundig antimaterialistischer Geschichtsdestruktion (der Begriff der „Destruktion“ geht übrigens auf niemand geringeren als Martin Heidegger zurück – ein Zufall?) dient. Einige Mängel dieser Destruktion habe ich aufzeigt. Dieser Streit ist eben kein bloß philologischer, sondern es geht im wesentlichen um die sachliche Frage nach Hegel. Ich hoffe, ich habe zumindest andeutungsweise deutlich gemacht, warum Hegel nicht einfach „abgehackt“ werden darf – die Konsequenz aus einer solchen Gewalttat ist einfach die theoretische wie praktische Regression.

All dies heißt nun nicht, dass ich nicht selbst Kritik am „historischen Materialismus“ hätte. Doch dies wäre eine aufhebende, keine abhackende Kritik, die sich einerseits aus einer veränderten historischen Erfahrungslage speist, andererseits aus bestimmten theoretischen Einwänden, die jedoch den Kern des historischen Materialismus nicht treffen. Doch dies ist an anderer Stelle ja dokumentiert und muss hier nicht weiter breit getreten werden.

  1. So denn auch seine Definition von materialistischer Geschichtsbetrachtung: „Sich nicht von irgendwelchen geschichtsphilosophischen Mythen vernebeln zu lassen, nennt man materialistische Geschichtsbetrachtung. “ Wenn’s doch nur so einfach wäre! Und: als wäre das nicht genau das, was jede/r Geschichtsprof seinen Studierenden in der Einführungsveranstaltung beibringt: nur ja keine Geschichtsphilosophie, sich immer schön brav an die Fakten, Fakten, Fakten halten. (Quelle)[zurück]

Für den freien Markt!

Apologeten wie Milton Friedman haben es dem Kapitalismus dem Staatssozialismus gegenüber nicht zu Unrecht als Vorzug zugerechnet, dass der Markt politisch neutral sei: auch ein kommunistischer Arbeiter kann eine Anstellung finden, auch ein anarchistischer Künstler ein Bankkonto eröffnen. Doch wie immer bei diesen „Vorzügen“ des freien Marktes – die ohnehin stets nur relativ gemeint sein können (es wäre schlimmeres denkbar) – gilt auch dieses Versprechen nur im Prinzip. Dies ist natürlich keine brandneue Erkenntnis, lässt jedoch die jüngsten Vorfälle rund um wikileaks in einem anderen Licht erscheinen. Der Skandal an dem Handeln von amazon und paypal (oder auch twitter2) besteht ja gerade darin, sich aller liberaler Ideologie zum Trotz de facto als verlängerter Arm der Exekutive verhalten zu haben. Die Diskretion, die noch für jeden Steuerhinterzieher oder Händler von illegaler Pornographie gilt, hat in politisch wirklich brisanten Fällen plötzlich keine Gültigkeit mehr.1 Anstatt gegenüber den anmaßenden Forderungen der Regierung auf die selbstverständliche Neutralität eines Unternehmens gegenüber den politischen Aktivitäten oder Gesinnungen seiner Kunden zu beharren, wird ohne jede konkrete juristische Klärung des Falls vorauseilender Gehorsam geleistet.
O-ton des paypal-Vizepräsidenten:

State Dept told us these were illegal activities. It was straightforward. We first comply with regulations around the world making sure that we protect our brand. And as a result our policy group had to make the decision of suspending their account. It’s honestly, just pretty straightforward from our perspective and there’s not much more to it than that.

Quelle

Seit wann darf in einer bürgerlichen Demokratie eine Regierung entscheiden, was illegal und was nicht ist? Es bleibt zu hoffen, dass es der Reputation der Firma wesentlich mehr schadet, wenn sie sich selbst als Schoßhündchen der US-Regierung bar jedes rationalen Unternehmergeists entlarvt. Wer will schon bei einer Firma Kunde sein, bei der man ständig befürchten muss, dass einem aus dubiosen Gründen sein Konto gesperrt wird? Und: müsste eine Regierung, die sich derart offensichtlich faschistischer Wirtschaftssteuerungsmethoden, die man nicht anders als Erpressung beschreiben kann, bedient nicht sofort zum Rücktritt gezwungen werden? Wo sind die tapferen und die freien, wenn man sie einmal braucht?

Was im Augenblick vor sich geht, ähnelt den schlimmsten Befürchtungen naiver Liberaler: wer sich politisch inopportun verhält, verliert seinen Job, seine Wohnung, wird unter Vorwänden strafrechtlich verfolgt, entrechtet. Gerade demgegenüber ist es angebracht und erfolgsversprechend nichts weiter als bürgerliche Mindeststandards, banale Grundvoraussetzungen geliegenden Handels und Wandels, einzufordern und de facto-Staatsunternehmen wie paypal und amazon zu boykottieren. Waren die „Terroristen“, gegen die der demokratische Rechtsstaat zur Not auch mal faschistisch agieren darf, bisher ominöse „Islamisten“, zeigt sich jetzt immer deutlicher, dass dieselben einmal etablierten Methoden sich auch gegen innerwestliche „Systemgefährder“ umstandslos eingesetzt werden.
Zu hoffen bleibt, dass sich wikileaks nicht unterkriegen lässt und sich nicht alle Unternehmen, die irgendwie mit wikileaks in Verbindung stehen, dem Druck der Regierungen beugen. Denn: wer sich angesichts von Enthüllungen so verhält wie diese, der hat mit Sicherheit „was zu verbergen“.

Ergänzend:

Presseerklärung der Wau Holland Stiftung zur Sperrung ihres paypal-Accounts.

Interview mit Thomas Hoeren in der „Zeit“ über juristische Aspekte der Geschehnisse.

Nützliches:

Direktlink zur Auflösung des Kontos bei paypal (ist normalerweise extrem schwer zu finden)

  1. Vgl. hierzu auch gamestar.de: „Auch andere Anbieter im Zahlungsverkehr wie VISA, Mastercard und sogar die Schweizer Postfinance blockieren jegliche Geldtransfers zu Wikileaks oder dessen Gründer Julian Assange, ohne dass irgendein Urteil vorliegt, das einen Rechtsverstoß der Organisation oder Assange erkennt. Spenden über VISA oder Mastercard an den Ku Klux Klan, der von den Spendern verlangt »reinrassig weiß« zu sein und keinerlei Kontakte zu Nicht-Weißen zu pflegen, sind laut The Guardian aber weiterhin problemlos möglich.“ [zurück]
  2. Hierbei scheint es sich jedoch um eine reine Vermutung zu handeln. Vgl. twitters Gegendarstellung [zurück]

Eine Einführungs ins „Kapital“

Nachdem ich kürzlich Michael Heinrichs Kritik der politischen Ökonomie kritisiert habe, möchte ich diesmal eine in völlige Vergessenheit geratene Alternative dazu vorstellen: Das Kapital zum Selbststudium von Erhart Löhnberg (Frankfurt 1975). Das zweibändige Taschenbuch fasst bündig nicht nur alle drei Bände des Kapital zusammen, anstatt sich wie Michael Heinrich weitgehend auf den ersten Band zu beschränken, sondern liefert auch einen Überblick über wichtige nachmarxsche Debatten, wie insbesondere einen sehr umfassenden über die „klassischen“ Debatten zur Marxschen Krisentheorie. Wer etwas näheres über die Marxschen Reproduktionsschemata wissen will, einem der zentralsten Theoreme zum Verständnis der kapitalistischen (Re-)Produktionstotalität, oder wie genau Marx die Grundeigentümer als dritte große Klasse der modernen kapitalistischen Gesellschaft neben Proletariat und Kapitalisten beschreibt – also landlords wie die Ölscheichs –, jedoch keine Zeit findet, das Original zu lesen, ist mit Löhnbergs verdienstvollem und meines Wissens einzigartigem Werk sehr gut beraten.

PS: Hab gerad mal geguckt: ist bei amazon günstig zu erwerben.

Eine Einführung in den Marxismus

Meiner Erfahrung nach findet die Aneignung der Marxschen Kritik in den meisten Fällen recht planlos statt. Am wenigsten über die Lektüre von Primärtexten, sondern vorallem über Sekundärliteratur. Das Primärwerk von Marx und Engels wird mit einer Art künstlichen Aura versehen – es sei einem Verständnis nur bereits Studierten zugänglich, eine vereinzelte Aneignung ohnehin vollkommen sinnlos. An dieser Auratisierung sind verschiedenste Gruppen aus verschiedensten Interessen beteiligt.
Unterschlagen wird dabei, dass die beste „Einführung in den Marxismus“ noch immer von Marx und Engels selbst verfasst wurde. Sie wird kurz Anti-Dühring genannt, trägt den vollen Titel Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft und findet sich in MEW Band 20. Im Rahmen der Kritik an dem heute zu Recht völlig vergessenen „arischem Sozialisten“ (Selbstbezeichnung) werden darin die wichtigsten Kernpunkte der Marxschen Kritik in knapper und bewusst allgemein verständlicher Form – ging es doch schließlich explizit darum, die theoretische Hegemonie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung zu erringen – erläutert. Auch wenn die Schrift bis auf ein Kapitel (über die Geschichte der politischen Ökonomie) von Engels verfasst wurde, kannte Marx den Entwurf.
Irgendwelche speziellen Vorkenntnisse werden im Grunde nicht vorausgesetzt, das Buch liest sich ausgesprochen schnell. Manchmal wirkt es etwas kleinkariert, wenn etwa anhand irgendwelcher Details der preußischen Gesetzgebung der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts weiter nachgewiesen wird, als dass Eugen Dühring – wieder einmal – keine Ahnung von dem hat, über das er schreibt. Insbesondere das von Marx verfasste Kapitel krankt sehr an dieser Vernarrtheit in Detailfragen. Doch letztendlich bleibt es doch unterhaltsam, wenn Marx und Engels in ihrer ironisch-polemischen Art Stück für Stück auf allen Wissensgebieten den selbsternannten „Reformator der Wissenschaft“ auseinandernehmen.
Gleichzeitig steht der Anti-Dühring in keinem guten Ruf. In seinem populären Bändchen Kritik der politischen Ökonomie (Stuttgart 2005) verbreitet Michael Heinrich etwa:

Indem nun Engels Eugen Dühring nicht nur kritisierte, sondern ihm auf verschiedenen Gebieten auch die „richtigen“ Positionen eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ entgegensetzen wollte, legte er die Grundlage für einen weltanschaulichen „Marxismus“, der von der sozialdemokratischen Propaganda dankbar aufgenommen und immer mehr verflacht wurde. (S. 23)

Kennzeichend für diesen „Weltanschauungsmarxismus“ sei: „Ein äußerst simpel gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichlichkeiten wurden zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert.“ (ebd.) Ein „ökonomistisches“ und „deterministisches“ Weltbild werde propagiert.
Unterschlagen wird hier, dass die Schrift zusammen mit Marx verfasst wurde, dass Engels über weite Strecken nichts anderes tut, als Marx‘ Schriften zusammenzufassen. So wie den frühen vom „reifen“ Marx spaltet Heinrich nocheinmal den „wissenschaftlichen“ Marx vom „weltanschaulichen“ Engels. Der „reife“ Marx ist eigentlich nur der Marx des Kapital, alle Sachen, die Michael Heinrich an Marx nicht passen, werden entweder Engels oder dem „frühen“ Marx zugeschrieben. Er hat recht darin, dass im Kapital die Marxsche Kritik tatsächlich in ihrer höchsten Reflexionsstufe entfaltet ist und jeder, der die gegenwärtige Gesellschaft wirklich verstehen will, das Kapital lesen sollte. Doch die Verkürzung des „wissenschaftlichen“ Marx auf diese drei Bände klammert aus, dass sich nahezu alle Elemente, die ihm am Anti-Dühring nicht passen, im Kapital genau so zu finden sind. Dabei schreibt Marx selbst in seinem Vorwort zu Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, einer Schrift, die auf einem Auszug aus dem Anti-Dühring basiert:

Wir bringen in der vorliegenden Broschüre die treffendsten Auszüge aus dem theoretischen Teil des Buchs, die gewissermaßen eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus bilden. (MEW 19, S. 185; Herv. im Orig.)

Eine seriöse Einführung in eine Theorie sollte zumindest die Theorie ersteinmal so darstellen, wie sie konzipiert wurde – und nicht so, wie man sie gern hätte. Zumal es unklar ist, wieso es gerade das schlimme am Anti-Dühring sein soll, dass er einer „falschen“ eine „richtige“ Anschauung entgegenstellen würde. Theoretische Kritik kann größtenteils garnicht anders funktionieren und nicht anders funktioniert auch Michael Heinrichs Kritik am Anti-Dühring, nicht anders verfährt Marx mit den von ihm kritisierten bürgerlichen Ökonomen. Gerade darin, dass der Anti-Dühring zugleich ein Pro-Marx liegt die bleibende Relevanz dieser Schrift begründet.

Die Kritik von Michael Heinrich ist trotzdem in vielen Punkten berechtigt. Doch mit seiner auf wenige Phrasen reduzierte Kritik leistet er nichts anderes, als den Anti-Dühring aus dem Kanon interessierter Leser zu verbannen. Eine ihres Names würdige Einführung hätte eher die Verdienste und Vorzüge dieser Schrift hervorheben sollen. Tendenziell wird der Kanon so – neben einem Berg von Sekundärliteratur – ohnehin auf das Kapital reduziert. Doch wer nur das Kapital gelesen hat, lernt Marx – trotz der darin enthaltenen Verweise auf die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft – im Grunde nur als Ökonomiekritiker kennen. Die Staats- und Ideologiekritik sowie die (anti-)philosophischen Grundlegungen der Marxschen Methode bleiben auf der Strecke. Der Vorzug des Anti-Dühring ist eben, dass die Marxsche Kritik im Bezug auf (nahezu) alle relevanten Bereiche angewandt wird: von der Philosophie ausgehend zur Naturwissenschaft, Mathematik Moral, Geschichte, Ökonomie und Politik.1 Für Michael Heinrich scheint gerade dieser Anspruch, eine Theorie zu gründen, die sich auf die Totalität der menschlichen Lebenszusammenhänge wie der Natur bezieht, „weltanschaulich“ zu sein. Marx und Engels charakterisieren sich mit diesem zu ihrer Zeit noch nicht so negativ wie heute konnotierten Begriff ganz offen selbst – er passt zum expliziten Programm ihres umgestüpten Hegelianismus: es geht um das Begreifen der Totalität, doch nicht „von oben“ durch ein idealistisches, den Gegenständen aufgepropftes System, sondern „von unten“ durch arbeitsteilige, gewissenhafte Detailforschung. Die „Gesetze der Dialektik“ sind nichts anderes als der „Überbau“ des „wissenschaftlichen Sozialismus“, die höchste Verallgemeinerung der im Einzelnen gefunden Gesetzmäßigkeiten. Dieses Projekt ist also weitaus weniger dogmatisch, als Michael Heinrich es suggeriert (obwohl er witzigerweise mit genau einer solchen Bemerkung zu Marx‘ Dialektikbegriff aus dem Anti-Dühring in Fußnote 5 zitiert, im ganzen Abschnitt über Dialektik eigentlich nur den Anti-Dühring referiert).
Diese Marx-Zerstückelung verengt letztendlich das Verständnis des Kapital. Denn dieses steht eben nicht für sich, sondern steht nach Marx‘ und Engels‘ eigenen Aussagen eben im Kontext einer gesamten „Weltanschauung“, einer umfassenden Theorie der Totalität. Insbesondere die philosophischen Grundlagen des Marxschen Materialismus geraten so in Vergessenheit: als Lückenbüßer tritt eine „anti-metaphysische“ Phraseologie, von der Heinrichs Marx- und Engels-Kritik ein geeignetes Exempel ist, an. Dabei macht die Stoßrichtung auf die Totalität gerade den subversiven, antiakademischen Stachel der Marxschen Kritik aus.

Die Pointe ist, dass gerade im Anti-Dühring zentrale Elemente dessen, was man sinnvollerweise in der heutigen Zeit als „Weltanschauungsmarxismus“ bezeichnen könnte, messerscharf kritisiert werden. So wird beispielsweise als Grundwiderspruch des Kapitalismus der zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung genannt. Der Klassenkampf ist nur ein Ausdruck dieses Grundwiderspruchs, nicht der eigentliche Kern der kapitalistischen Misere. „Klassenherrschaft“ ist zugleich nichts, was aus einer moralischen Position überzeitlicher Ideale (Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit etc.) heraus kritisiert werden würde – sie hatte in der Vergangenheit ihre historische Berechtigung, obsolet wird sie erst durch die im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte. Auch die Staatskritik wird in eindeutiger Schärfe ausgesprochen, die sich bereits wie eine Warnung vor dem Staatssozialismus aller coleur liest:

Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. (S. 260)

Auch die Kritik an Dührings Geschichtsverständnis, das alles Übel aus „der Gewalt“, also politischen Herrschaftsverhältnissen ableitet, anstatt notwendige ökonomische Basis jedweder Herrschaft zu begreifen (banal: wer Waffen haben will, muss sie ersteinmal besitzen; wer Sklaven/Leibeigene/Proletarier/Frauen/… ausbeuten will, muss ihnen erstmal zu fressen geben können; Klassenverhältnisse sind vielmehr durchaus in einem gewissen Zeitraum zum Vorteil beider Seiten wirkende Austausch- denn Unterjochungsverhältnisse, sobald der – historisch stets relative – Vorteil aus ökonomischen Gründen verschwindet, werden die jeweiligen Klassenverhältnisse umgestürzt oder alle an ihnen beteiligten Klassen gehen unter), liest sich wie eine vorweggenommene Kritik an der gegenwärtig wieder so beliebten „Staatskritik“, wie sie prominent der Gegenstandpunkt vertritt, nach der der gesamte Kapitalismus nichts anderes als eine auf Gewalt basierende Einrichtung des bösen Staates sei.

Als Fazit bleibt nur noch festzuhalten: Finger weg von Decker, Heinrich und Co., lest das Original!

PS 1: Das heißt nicht, dass ich nicht einige Kritik am Anti-Dühring habe. Genauso, wie einige Aussagen Engels‘ zur Naturwissenschaft heute überholt sind, wurden viele der Aussagen über die Entwicklung des Kapitalismus einstweilig von der Geschichte widerlegt. Zu kurz kommt in der Tat der „subjektive Faktor“, die Ideologie und Psychologie, die als bloßer „Reflex“ objektiver Verhältnisse, nicht als relativ autonome Sphäre verstanden wird. Dies drückt sich schlagend darin aus, dass Marx und Engels kaum Kritik an Dührings Rassismus und Antisemitismus hatten – für sie war es undenkbar, dass in Deutschland nicht der „wissenschaftliche Sozialismus“, sondern der Antisemitismus die Massen ergreift.
So heißt es zu Dührings Antisemitismus:

[S]elbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph, der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen« beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:

»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.« (S.204)

Der Antisemitismus wird nicht als höchst modernes „Kokain des Volkes“, sondern als mittelalterliches Überbleibsel gedeutet, dem ohnehin nurmehr reaktionäre Großgrundbesitzer anhängen würden. Kritisiert wird nur die „Übertreibung“, nicht das „Gerücht über die Juden“ an sich. Die Gefahr eines „arischen National-Sozialismus“ konnten und wollten Marx und Engels nicht sehen – sie entsprach in der Tat nicht ihrem deterministisch, fortschrittsgläubigen Weltbild. Aufs Subjekt zielende Denker wie Nietzsche, der in der Genealogie der Moral den Antisemitimus gerade ins Zentrum seiner Dühring-Kritik rückt, ihm vorausahnend nicht nur einen Seitenblick widmet – was auch Dührings Werk und seiner Nachwirkung sicherlicher gerechter wird – , waren hier klüger. Eine materialistische Kritik hieran ist ohne Zweifel eine Notwendigkeit für jeden aktuellen Versuch, irgendwie an Marx und Engels anzuknüpfen.
Doch gegenüber einer kontraproduktiven Pseudokritik wie der von Heinrich beziehe ich lieber eine affirmative Position zu einem der „Handbücher jedes klassenbewussten Arbeiters“ (Lenin, zit. nach MEW 20, S. XII).

PS 2: Verwiesen sei an dieser Stelle zudem auf eine höchst bündige und klare Darstellung des ersten Bandes des Kapital, die Engels Ende der 60er Jahre für eine deutsche Zeitschrift verfasste: http://antifahorgau.blogsport.de/2008/07/19/das-kapital/

  1. Ausgespart bleibt – wie im gesamten Marxschen Werk – freilich die Psychologie. Vgl. hierzu meine Kritik in PS 1.[zurück]

Wissenschaft und Staatlichkeit

Bei den derzeitig sehr zahlreichen Veranstaltungen zum Verhältnis der Wissenschaften zum Nationalsozialismus wird meines Erachtens, gerade wenn diese Veranstaltungen im akademischen Rahmen stattfinden, zu viel Wert darauf gelegt, einerseits nach inhaltlichen Kontinuitäten zu suchen, andererseits die Kooperation der Wissenschaften mit dem Nationalsozialismus zu sehr an einzelnen Biographien festzumachen. Die persönliche Motivation – und damit zugleich: die moralische Verantwortung – Einzelner wird untersucht, das Maß der individuellen Verstrickung wohl ausdifferenziert. Was unausgesprochen bleibt, was sehr offensichtlich verdeckt wird, sind die strukturellen Probleme des akademischen Wissenschaftsbetriebs.
Es ist kein Wunder, dass diese im akademischen Diskurs selbst nicht oder kaum thematisiert werden können – denn schließlich würden sie ein ganz anderes Licht auf die sicherlich traurige Verstrickung selbst „reiner“ Disziplinen wie der Philosophie werfen, würde diese nicht als Werk einzelner, moralisch versagender Gelehrter aufgedeckt, sondern als im System der Akademie selbst angelegt. Um die Legitimität des akademischen Betriebs selbst nicht zu gefährden, um einen harten Bruch von „normalem“ und „faschistischem“ Uni-Betrieb zu garantieren, werden solche Fragen notwendig ausgeklammert.

So wundert man sich beispielsweise darüber, dass Studierende nach dem 2. Weltkrieg ihre Dozenten nicht auf ihre Nazi-Verstrickungen ansprachen. Axel Honneth sprach z.B. bei einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Philosophie im Nationalsozialismus“ von seltsamen „psychologischen Mechanismen“, die er selbst nicht so recht begreifen könne. Solche Sprechweisen implizieren fast zwingend, dass hier etwas Unbehagliches ausgeklammert werden soll – denn zur Erklärung dieses wundersamen Phänomens müsste man sich einfach nur mal die Verhältnisse an der Universität heute anschauen. Die personelle Abhängigkeit von Dozenten und Studierenden, die bisweilen hochgradig emotional aufgeladen ist, wenn die Dozenten bewundert oder als Vorbilder gesetzt werden, aber auch auf ganz triviale materielle Interessen zurückgeht, verhindert es an der Akademie einfach strukturell, dass Studierende offen Kritik gegenüber ihren Dozenten üben können. Jeder Student weiß, wie schwer es ist, selbst sachliche Kritik an dem inhaltlichen Standpunkt ihres Dozenten anzuführen – persönliche Kritik zu üben ist völlig undenkbar. Uniseminare sind keine Lesekreise. Gerade Hilfskräfte, Mitarbeiter oder Doktoranden, die sich bisweilen mit ihren Dozenten auch privat recht gut verstehen, würden einen Teufel tun, ihre privilegierte Position, die doch Aussichten auf künftige Karrierechancen eröffnet, durch das Anschneiden unliebsamer Themen im persönlichen Gespräch zu gefährden.
Die „offene Diskussionskultur“ an der Uni ist eben Ideologie. Unliebsame Diskutanten werden einfach nicht Wort genommen oder mit bisweilem autoritärem Tonfall zu Recht gewiesen. Dies zeigt sich schon darin, dass man eigentlich nicht das Recht hat, in Diskussionen eigene Thesen vorzutragen – man muss „Fragen stellen“.

Doch der entscheidende Faktor ist die in der kapitalistischen Gesellschaft notwendige Verknüpfung gerade der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung einerseits, der Geisteswissenschaften andererseits mit dem Staat als Geldgeber und Regulator. Diese Wissenschaften könnten, der Kontrolle des Marktes unterworfen, kaum autonom bestehen. Ihre Förderung und Verwaltung ist dem Staat anheimgegeben. Dieser wacht wiederum, egal unter welchem Regime, sorgsam darüber, dass eine bestimmte „Toleranzgrenze“ nicht überschritten wird – kritische Dozenten kriegen keine Lehraufträge und erst keine Professuren, bestimmte Seminarthemen werden nicht zugelassen etc.pp. Die grundgesetzlich verbriefte „Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre“ ist so, wie im Grunde jeder weiß, eigentlich Makulatur. Die „Toleranzgrenze“ ist mal weiter, mal enger: bestimmte Tabus dürfen nicht angetastet werden. Erfolgen keine starken staatlichen Eingriffe ins wissenschaftliche Feld, ist die „scientific community“ selbst ihr bester Regulator. Am besten, indem unliebsame theoretische Konzepte einfach nicht diskutiert werden. Auf „Argumente“ kommt es da i.d.R. garnicht so sehr an.
Skandalisiert wird dieser Umstand von bürgerlicher Seite nur, wenn diese Toleranzgrenze stark eingeschränkt wird – dass der Staat die Wissenschaft generell kontrolliert, bleibt unhinterfragt. „Opportunismus“ ist so im Grunde die normale Geisteshaltung eines Akademikers, der nicht einmal böse Absichten verfolgt, sondern einfach nur materiell überleben will. Leute wie Heidegger haben z.B. biographisch erfahren, wie schwierig es ist, als Philosophieabsolvent materiell zu überleben, wenn man keinen Job an der Uni hat. Kein Wunder, dass sie sich ihre einmal hart erkämpften Pfründe nicht durch Dissidenz zunichte machen wollten. Selbst kritische Geister wie Adorno hofften in der Anfangsphase des NS noch, diesen einigermaßen unbeschadet überwintern zu können.
Das heißt nicht, dass es nicht echte ideologische Kontinuitäten und Überschneidungen gab. Doch viele Gelehrtenbiographien zeigen, wie leicht diesen Staatsbediensteten eine ideologische „Kehre“ oft fiel: gestern noch SS-Kulturoffizier, heute führender linksliberaler Professor in der Bundesrepublik – das ist keine Seltenheit, sondern eher der Normalfall. Schließlich hängt der Staat selbst von bestimmten „Funktionseliten“ ab, die nicht ohne weiteres ausgetauscht werden können – solange jemand einen glaubwürdigen ideologischen Bruch vollzieht, spielt da die vergangene politische Gesinnung kaum eine Rolle. Sowieso nicht bei (vermeintlich) ideologisch neutralen Wissenschaften wie der Medizin oder Physik, aber eben auch bei ideologisch „harten“ wie der Germanistik1 oder der Philosophie.

Auf der Ebene der moralischen Beurteilung des Verhaltens Einzelner lassen sich sicherlich Differenzierungen anstellen. Es macht einen Unterschied, ob sich jemand einem demokratischen oder einem faschistischem Staat andient. Die Wissenschaftler haben dabei keinesfalls nur in Worten ihren Beitrag zum NS geliefert, sondern – damit untrennbar verbunden – auch tätlich zum Gelingen dieser Herrschaft beigetragen. Doch wie gesagt: es gehört einfach nicht um Habitus eines akademischen Gelehrten, Widerstand gegen seinen Arbeitgeber zu leisten. Es wird z.B. über den verdienstvollen bürgerlichen Philosophen Nicolai Hartmann, der den NS tatsächlich „überwinterte“, nahezu ohne sich ideologisch zu kompromitieren, erzählt, er habe tatenlos mit angesehen, wie während einer seiner Vorlesungen eine jüdische Studentin von Nazi-Studenten aus der Vorlesung gezerrt wurde. Eine traurige Episode: doch es ist eben ideologisch, sie als individuelles Versagen Hartmanns zu betrachten – sie sagt etwas über den Habitus des deutschen Professoren an sich aus. Er ist ein Mann der Wissenschaft, der sich gegenüber der Tagespolitik, selbst wenn sie sich auf seinen eigenen „Machtbereich“ erstreckt, neutral zu bleiben hat. Welcher heutige deutsche Akademiker würde sich nicht genauso wie Hartmann verhalten (bzw. verhält sich realiter genau so)?

Doch die Kritik muss sich auch auf die deutschen Studierenden erstrecken. Es wird meist ausgeklammert, dass gerade diese die Haupttriebkraft in der Selbstgleichschaltung der deutschen Universitäten waren – die Hartmann-Episode diene hier für als Beispiel. Vor dem Hintergrund der Barbarei dieser Studentenbewegung wird die Skepsis Adornos und Horkheimers gegenüber den 68ern sicherlich verständlicher – so inhaltlich verschieden beide Bewegungen auch waren. Doch es gilt immer: die Studierenden wollen einen Vatermord an ihrer Vorgängergeneration vollziehen – sie wollen selbst dorthin, wo ihre Dozenten und Professoren sind. Dies mag ein sehr handfestes, wenn auch – natürlich – uneingestandenes Motiv sein, mehr Geld für Lehre und Forschung, Entnazifizierung oder völkische „Reinheit“ der deutschen Hochschulen zu fordern. Als Nachwuchselite sind sie dabei natürlich immer besonders radikal, versuchen die progressivsten Strömungen ihrer Zeit vorwegzunehmen: egal in welche Richtung. Denn sie wissen genau: ihr persönliches Fortkommen wird nicht zuletzt von den politischen Kräfteverhältnissen abhängen und inwiefern sie selbst auf das richtige Pferd gesetzt haben. (Was nicht heißt, dass diese vllt doch etwas harsche Kritik auf ALLE Studierende heute oder damals zutreffen würde.Womöglich noch nicht einmal auf die Mehrheit.)

Natürlich ist es um die Autonomie der Wissenschaften keinesfalls besser sondern, innerhalb demokratischer Staaten sogar eher schlechter bestellt, wenn sie sich nicht vom Staat sondern von anderen Institutionen finanzieren und damit kontrollieren lassen. Das Ideal von wirklich autonomer Wissenschaft wäre eben unter diesen Verhältnissen nur bei vollständiger finanzieller Autonomie zu erreichen („Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“) – verwirklicht sicherlich bei Privatgelehrten wie Kierkegaard, Feuerbach, Schopenhauer oder Nietzsche – und natürlich Marx und Engels und Teilen der Frankfurter Schule – auch Jean-Paul Satre und Simone de Beauvoir (wobei jene nicht völlig autonom waren, sondern auf den Markt angewiesen blieben – immerhin war Sartre autonom genug, den Nobelpreis ablehnen zu können – welcher heutige Schriftsteller könnte sich dies leisten?); durchweg innovative und teilweise emanzipatorisch wirksame Köpfe, von deren Wirken heute der akademische Betrieb noch zehrt. Doch hier wirken wiederum die mangelnden finanziellen Möglichkeiten und die intellektuelle Isolation hemmend. Einem Privatier stehen schließlich keine – unter günstigen Umständen – auch mal kritische Studierende und Kollegen und ein Apparat von Hilfskräften zur Seite (von den Möglichkeiten zu empirischer Forschung und den ungleich leichteren Publikationsmöglichkeiten ganz zu schweigen).
Generell ist es im Grunde ein historisch relativ neues Phänomen, insbesondere was die Philosophie betrifft, dass diese sich fast nur an der Akademie abspielt bzw. abspielen soll. Die bürgerliche wie die antike Aufklärung war – naturgemäß – nicht staatlich oder sonstwie institutionell organisiert, sondern ging von Privatleuten aus, die die Wissenschaft eher als Hobby betrieben (bzw. als ideologische Waffe gegen die feudale Ordnung). Man wird unschwer zugestehen, dass die Verstaatlichung der Philosophie im Verlauf des 19. und 20. Jh.’s dieser keineswegs zu Gute kam, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen. Für die Kunst gilt wohl ähnliches … Die Uni ist ihrer gesellschaftlichen Funktion nach kein Ort des Denkens, sondern der Ideologie (Ausnahmen bestätigen die Regel). Reflexion wird in ihr strukturell aus Pflicht, zum Broterwerb, nicht aus Vergnügen, Wahrheits- und Sinnsuche oder anderen persönlichen Motiven heraus betrieben und ist somit ihrem Wesen entfremdet, wird zum uninspirierten Selbstzweck. An diesem Punkt angelangt könnte ich seitenlang weiterschreiben, doch ich will es erst einmal hierbei belassen …

  1. Insbesondere die Geschichte der Germanistik im NS ist besonders unrühmlich – man denke etwa an die aktive Beteiligung führender Germanisten an den Bücherverbrennungen (unter begeistertem Mittun der Studierendenschaft). Doch auch ist eine moralische Verurteilung Einzelner naiv – wer soll schließlich sonst Büchverbrennungen organisieren als die vom Staat extra zur Ordnung des Literaturkanons ausgebildeten Spezialisten? [zurück]

Zum Wahltag

Diesen Mann hätte ich eigentlich wählen müssen. Eigentlich ist er soetwas wie ein zweiter Marx: war er nicht auch ein Anwalt der Arbeitenden, der Tüchtigen eben, gegen die verruchte Ausbeuterklasse? Wollte er nicht auch „klare Verhältnisse“ schaffen?

Spaß bei Seite – der Mann weiß zumindest, wie man psychologisch geschickte Propaganda macht: man muss den Leuten vermitteln, dass sie einem guten Kollektiv angehören, sollten sie sich hinter ihn stellen. Wer ihn nicht wählt, ist eben nicht tüchtig oder hat zumindest kein „Klassenbewusstsein“. In diesem Sinne ist Hans-Joachim Otto auf jeden Fall selbst tüchtig: ein tüchtiger Propagandist.

***

Es ist schon wahr, was die kritische Theorie gegen den Existenzialismus einwandte, dass es die Verhältnisse sind, die die Menschen permanent zu einer Wahl zwingen, ihnen die Pistole auf die Brust setzen. Am Wahltag steht man vor der unangenehmen Entscheidung, eine Wahl zu verweigern, und damit den Lauf der Geschehnisse womöglich schlimmer zu machen, als er ohnehin schon ist, oder sich durch seine bloße Beteiligung ein lächerliches Spektakel zu legitimieren, von der Unzulänglichkeit der Alternativen einmal ganz abgesehen. Letztendlich bestätigt die Wahl den Kantschen Skeptizismus: es ist letztendlich irrational, auf einen bestimmten Nutzen seiner Entscheidung zu spekulieren, da das Ergebnis der Entscheidung von ihr selbst völlig losgelöst ist. Wähle ich eine Partei, weil sie etwa ein höheres Kindergeld fordert, steht es völlig in den Sternen, ob sich diese Forderung auch in Realpolitik umsetzt. Es hängt von viel zu vielen Faktoren ab, die ich selbst überhaupt nicht einschätzen kann. Die Geschichte zeigt, dass es noch dazu sinnlos ist, auf die Vernunft der Wählenden zu hoffen, die einen Lügner doch nicht erneut aufstellen: das wäre ja auch schon gar keine Vernunft mehr, da man ja nicht weiß, ob der Lügner in den nächsten vier Jahren nicht doch seine Versprechen endlich einlösen wird. Womöglich haben ihn, wie er selbst beteuert, nur externe Faktoren daran gehindert, das zu tun, was er eigentlich tun wollte. Andererseits tritt ja stets eine Alternative auf, die von sich behauptet, ehrlicher zu sein als ihre Konkurrenten – und wieso sollte man dieser Alternative, die vorher ja nicht zur Wahl stand, nicht glauben schenken? Nach dieser abgeschmackten Logik bewegt sich das System fort und fort … Es finden sich ja auch immer wieder Leute bereit, trotz obsoleter Wahrscheinlichkeit eines Gewinns Lotto zu spielen. Wenn man sonst keine Chancen hat, klammert man sich eben auch an die geringste.

Anscheinend braucht ein System wie das unserer einerseits ein Kontrollinstrument, um eine „Korruption“ der Macht (in seinem Sinne) zu verhindern, andererseits verträgt es aber keinen wirklichen Einfluss der Menschen auf die Entscheidungen der Macht. Die Frage wäre, ob eine kapitalistische Ordnung mit einer perfektionierten Demokratie aufrechtzuerhalten wäre. Dies wirkt reichlich unglaubwürdig, zumal der Kapitalismus eine demokratische Kontrolle der Produktion und Verteilung ja schon einmal ausschließt (ein Kapitalismus mit vollständigem Eigentum der Produzierenden an den Betrieben wäre vielleicht als theoretische Fiktion denkbar, würde aber wohl bald wegen „Ineffizienz“ zusammenbrechen – welcher Arbeiter würde schon freiwillig die Schließung seines Werkes oder Massenentlassungen fordern?).

Marx spektakulär

Ich bin anscheinend mehr im Trend, als ich zu träumen gewagt hätte. Zumindest, was meine theoretischen Vorlieben betrifft. Während Zeitungen wie der Spiegel Marx regelmäßige Leitartikel widmen, ist der gute alte Rauschebart nun das Leitthema eines ganzen Heftes der Zeit Geschichte1.

Für einen recht erträglichen Preis von 5,50 € stellt das Heft eine recht nette Abendunterhaltung dar für alle Marxisten und solche, die es werden wollen. Das Heft stellt zumindest den Versuch dar, einen mediengerechten Umgang mit Marx zu finden, ohne allzu niveaulos zu werden. Von einigen sachlichen Schnitzern wie der Verlegung des Fetischskapitels vom 1. in den 3. Band des Kapital in einer Quellenangabe abgesehen, konnte ein gewisser Grad an Korrektheit auch tatsächlich erreicht werden. Neben Zeit-Redakteuren schrieben an der Ausgabe auch Marx-Experten wie u.a. Robert Kurz und Iring Fetscher mit. Kurzens Artikel über die Kritik der politischen Ökonomie ist der lesenswerteste des Heftes.

Nett sind dabei die zahlreichen biographischen Anekdoten zu Karl, Friedrich und seiner Familie. So wurden z.B. ihre Einträge in das Poesiealbum von Marxens Tochter Jenny abgedruckt, die die Form eines kleinen Steckbriefs haben. Da erhält man auch eher erschreckende Einblicke ins Marxens private Empfindungswelt. So schreibt er:

„Lieblingstugend beim Mann: Kraft
Lieblingstugend bei der Frau: Schwäche“

Als Lieblingsheldin wird dieser Wertung gemäß Gretchen aus Goethes Faust genannt. Entsprechend sexistisch sind auch die anderen Einträge ausgelegt. Friedrich Engels scheint diese Art der Selbstauskunft immerhin mit etwas Humor zu nehmen, wenn er als Lieblingstugend bei einer Frau „Keine Sachen zu verlegen“ angibt. Als Lieblingshelden gibt er an „Keiner“, als Lieblingsheldin „Zu viele, um eine zu nennen.“ Seine Maxime: „Keine zu haben“, sein Motto: „Take it easy“.

Eher kurios wirkt das innersozialdemokratische Streitgespräch zwischen dem Urgesteinpromarxisten Elmar Altvater und dem Chefökonom der deutschen Bank, Norbert Walter. Die Kritik des letzteren an Marxens Kapital nimmt sich folgendermaßen aus: „Es war die schrecklichste Lektüre meines Lebens. Das Buch ist in vielen Teilen schlicht unverständlich und in sehr schwachem Deutsch geschrieben.“ Liegt es immer am Text selbst, wenn dieser unverständlich wirkt? Altvater argumentiert dagegen: „Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Marx selbst hat das Kapital als Gesamtkunstwerk bezeichnet, und das ist nicht ganz falsch, es gibt Passagen, die an große Weltliteratur erinnern.“

Walters Statement zur „Heuschreckenkritik“: „Wir können uns nicht auf der einen Seite zu Recht über die Gier der Manager erregen und gleichzeitig die Millionen Versicherungsbetrüger und andere Leute, die durch ihr Verhalten hohe Kosten für die Allgemeinheit verursachen, ignorieren. Moralische Grundsätze müssen für alle gelten, sonst sind sie nicht durchzusetzen. Ich halte es für unvertretbar, dass wir eine Rechtsschutzversicherung und eine Krankenversicherung ohne Selbstbehalt haben. Es gibt eine verbreitete Mentalität, auf Kosten anderer zu leben, dem müssen wir Einhalt gebieten.“ Zur Erklärung: „Selbstbehalt“ bezeichnet im Versicherungswesen die Eigenbeteiligung des Versicherten im Versicherungsfall. Gibt es in der Krankenkasse freilich schon, aber einem gutverdienenden Mann wie Walter fallen solche Peanuts wahrscheinlich garnicht auf – wichtig ist, dass alle gleich behandelt werden.

Altvater als Promarxist ist natürlich anderer Meinung: „Man muss aber auch sehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Individualismus honoriert. Die Werbung, die Erziehung, alles läuft auf den Individualismus hinaus, der sich dann in Egoismus übersteigert. Am Ende kommt dann der Versicherungsbetrüger heraus, den ich genauso verachte wie Sie.“ Da erübrigt sich wohl jedes weitere Kommentar.

Von der Marxschen Staatskritik, dargelegt etwa bereits in der Schrift Zur Judenfrage, ist in diesem Interview – den Ansichten Altvaters entsprechend – garnicht, im gesamten Heft nur marginal die Rede. Im Großen und Ganzen ging es eigentlich nur um die Marxsche Ökonomiekritik – was natürlich angesichts der Tatsache, dass Marx ja gerade auf die universale Verschränkung von Produktionsart und „Restgesellschaft“, so dass man diese im Grund überhaupt nicht getrennt, sondern nur im Zusammenhang betrachten kann, hinwies, eine erhebliche Verkürzung, wenn nicht Verfälschung darstellt.

Auch die Kritik am DDR-Marxismus kommt ohne eine gewisse Komik nicht aus:

„In der DDR war Marx unbekömmlich. Frei und willentlich lasen ihn nur wenige. Aber jeder wurde angesäuselt vom Marxismus als realsozialistischer Rechtfertigungslehre, einem Dogmengebräu verschnitten mir Marx-Spirituosen: Basis und Überbau. Mehrwert, Entfremdung, doppelt freie Lohnarbeiter. Produktionsmittel und Produktivkräfte, Fetischcharakter der Ware. Dialektik, Negation der Negation. Abfolge der Gesellschaftsordnungen. Geschichte ist Klassenkampf. Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte – halt, war das nicht schon Lenin?“

Dazu kann ich nur sagen: ja, was da aufgezählt wird sind tatsächlich zentrale Elemente der Marxschen Kritik – wenn diese in der DDR richtig gelehrt worden wären, wären die Menschen dort sicherlich früher bereit gewesen, das Regime zu stürzen und hätten auch nicht die „Marktwirtschaft“ bei sich eingeführt.

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