Archiv der Kategorie 'Theorie der Lüste'

Leben im Abgrund Selbstverwirklichung – Über das Subjekt im Kapitalismus und wie wir uns befreien könnten

Unter diesem Titel findet im WiSe 13/14 in Frankfurt am Main eine Veranstaltungsreihe zum Thema Subjektkritik statt. Aus dem Ankündigungstext:

Der subjektive Reichtum der Gesellschaften, in denen die Kultur beziehungsloser Beziehung herrscht, erscheint als unendliche Zahl von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Aber jede dieser Möglichkeiten, die wir begehren und zu der wir zugleich gezwungen sind, erweist sich als Entwirklichung unserer selbst.

In unserer Gesellschaft sind die Menschen in ihrem Inneren von einer Dingheit besetzt. Sie sind geknechtet von einem objektiven, ihrer Kontrolle entzogenen Trieb – einem Trieb, der zugleich dem eigenen Wollen entspringt. In dieser ihrer Entzweiung mit sich selbst begehren sie nach Identität: in der Besetzung und Unterjochung ihrer Objekte, in eigener Größe und eigenem Wert, in der Abgeschlossenheit. Dieser Trieb ist so sehr mit ihrem Innersten verstrickt, dass sie sich nicht mehr davon lösen können: Obwohl sie oftmals darunter leiden, können sie nicht davon abgehen, können dieses Ding in sich nicht als etwas Fremdes erkennen. Dieses Ding ist ihr eigenes Selbst.

Das bunte Programm deckt zahlreiche Aspekte dieses breiten Themas ab. Ich will es gar nicht groß kommentieren, sondern verweise einfach auf die Website der Veranstaltungsreihe: http://www.kulturumwaelzer.de/abgrund

A mixtape for you

Wenn man jemanden kennen gelernt hatte den man mochte, dann war es ein Glücksfall in der Stadt erneut aufeinanderzutreffen. Man hat vor Elternhäusern herumgelungert und gewartet, Freunde befragt und kleine Zettel beschrieben. Es gab keine Handys, kein skype, keine Emails und kein Networking auf Facebook. Das war die Vergangenheit.
Ich habe auf Spielplätzen und Marktplätzen herumgestanden und gehofft das sie zufällig vorbeiläuft. Stundenlang habe ich vor meinem Doppeltapedeck gesessen um ihr ein Mixtape aufzunehmen, das ich ihr bei Gelegenheit in die Hand gedrückt habe. Die besondere Kunst und der einmalige Liebesbeweis bestand darin, die richtige Musik aufzunehmen die zu ihr, oder wenigstens meinem Gefühl passte. Songs die ihr entsprachen und ihr Wesen wiedergaben, wie ich in meiner überschwänglichen Vermessenheit fand. Die Reihenfolge musste einer selbst ausgetüftelten, vertrakten Dramaturgie entsprechen. Ich habe auch ein eigenes Cover gemalt und im Inlay jeden Titel in Schönschrift aufgelistet. Wahlweise mit einer zarten A und einer harten B Seite.
Das war in den 90er Jahren.
Was mache ich heute, wo alle tapes+tapedecks längst verrottet sind und ich weiss das sich die Person die ich aktuell gut finde, überhaupt nicht für Musik interessiert? Richtig! Ich führe ein virtuelles Selbstgespräch und veröffentliche es im Net, um wenigstens den lächerlich-liebenswert anmutenden Pathos eines an eine Mauer gesprühten „Ich liebe dich XY“-Spruches in die digitalen Zeiten der postmodernen Beliebigkeit und des Kommunikations-Overkill hinüberzuretten.

A:
1. Lacrimosa: „Sehnsucht“
2. Angizia: „Leidenschaft“
3. Amon Düül: „Deutsch Nepal“
4. The Smiths: „Asleep“
5. Pink Floyd: „Crazy Diamond“
6. Dead Moon: „Where did i go wrong“
7. Die toten Hosen: „der Schandfleck“
8. David Bowie: „Heroes“
9. F.J. Degenhardt: „Tonio Schiavo“
10. Die Ärzte: „Zu spät“
11. Sparks: „i married myself“
12. ABBA: „Suzy hang around“
13. Sparks: „she is beautiful (so what?)“
B.
14. Dismember: „Nenia“
15. Samael: „The Ones who cames before“
16. My dying bride: „the price of beauty“
17. Bodycount: „Cop-Killer“
18. Onyx: „shot em down“
19. Judas Priest: „Painkiller“
20. Death: „Lack of Comprehension“
21. Darkthrone: „to old, to be cold“
22.Trelldom: „Taake“
23. PCP: „We are from Frankfurt“
24. Nastrond: „The stake rotten in my heart“
25. Immortal: „fields of sorrow“
26. Gabba Front Berlin: „Speedcore Lacrima“

Sartre goes Gegenuni // Sartre über Freiheit, Unbewusstsein und Sexualität

Und schon folgt der zweite Streich: ein kurzer Bericht über die Veranstaltungen zu Jean-Paul Sartre im Rahmen der 11. Gegenuni. Kernthema ist Sartres Begriff der Sexualität – man sieht zugleich, wie progressiv Sartres Verständnis von „Perversionen“ wie Homosexualität oder „Sadomasochismus“ war. Natürlich ist es nicht möglich, derart komplexe Theorien auf vier Seiten zusammenzufassen – es handelt sich also eher um einen teaser, der Lust auf mehr machen soll. Denn für das nächste Jahr ist eine weitere Veranstaltungsreihe geplant, die u.a. auch einen Lesekreis des Kapitels Die konkreten Beziehungen zu anderen
(in dem sich eben u.a. Sartres Theorie der Begierden befindet) beinhalten soll.

Weitere Informationen zu den Aktivitäten des Sartre/Heidegger-Lesekreises und der nächsten Veranstaltungsreihe gibt es u.a. auch über die Mailadresse jpsartre [“at“ einfügen] email.de.

Download des Berichts als pdf

Aus aktuellem Anlass … Ein Rückblick auf die 11. Gegenuni


Graphik von Fuchskind

Anlässlich eines Berichts über das diesjährige Berliner Pornfilmfestival von TaP auf dem Mädchenblog ist dort schon wieder – man erinnere sich – eine kontroverse Debatte zur politischen Bewertung von SM-Pornographie wie BDSM im Allgemeinen entflammt. Immerhin gesteht TaP diesmal selbst ein: „Zu meinem eigenen Mißfallen muß ich sagen, daß ich die Dominanz der butch eine ganze Zeit lang sexy fand. Irgendwann sagte aber nicht nur der Kopf, sondern auch der Bauch ‚nein‘.“ „Das Böse“ liegt uns also – wieder einmal – näher als uns lieb ist.
Freilich wirkt es angesichts des hohen moralischen Anspruchs des/r AutorIn doch verwunderlich, wenn Sätze fallen wie: „Davor gab es den Kurzfilm Noir Slut mit hetero/a/sexuellem SM (Domina tröpfelt heißen Kerzenwachs auf einen Mann.) Prädikat: Kein Mitleid mit Männern im Patriarchat, aber: ich hätte es nicht sehen müssen.“

Fern davon, einen eigenen durchreflektierten Beitrag zu dieser Debatte zu liefern, will ich hier einen Bericht über die Veranstaltungen zu SM im Rahmen der letzten Gegenuni veröffentlichen. Trotz der bewusst (weitgehend) neutral gehaltenen Form des Berichts, bringt er einige mir sehr wichtige Aspekte zu der gesamten Diskussion recht gut auf den Punkt. Zudem enthält er einige Literaturhinweise, die ebenfalls einen Blick wert sind.

Download des Berichts als pdf

Gendertrouble?!

Hier auch mal von meiner Seite aus ein kleines Fundstück aus den Untiefen des Internets, das ich vor mehreren Monaten in irgendeinem abseitigen Forum aufgelesen habe. Eine kleine Repräsentanz dessen, was in der Welt alles so schief läuft:

Now, to not appear like a complete douche; I believe the reason I enjoy hentai is a blend of reasons. An appreciation for art, story(even lame, cliche ones that are just excuses for sex), fantasy, and that to me, animu wimmens are superior to their real life counterparts.

Real women are often ugly, and if they aren‘t, they know it and use it to their advantage. They‘re stuck up, sluts, whiny, needy and more often than not, borderline retarded. If they‘re your girlfriend, you have to put up with a load of shit and the sex is often half assed after the first few times and loses its charm.

But for me, hentai girls will always be there for me. I often play AG3 simply because when I do my ideal woman(or women) will be there waiting for me, no matter what. They‘re always happy to see me, spend time with me and make my day just a little bit better, all without the bullshit of a real girl.

Tja – willkommen im 21. Jahrhundert.

Wie kann SM beschrieben werden? – Coming to Grips with Sadomasochism – Audiomitschnitt

Hier der angekündigte Audiomitschnitt des Vortrags und die anschließende Diskussion über SM mit Norbert Elb im Rahmen der Gegenuni. Viel Spaß beim Anhören. (Dauer jeweils ca. 45 Minuten)

Der Vortrag:

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Die Diskussion:

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Veranstaltungen zu SM im Rahmen der Gegenuni

Ich möchte Interessierte noch auf zwei Veranstaltungen bezüglich des Themas „SM“, zu dem ich hier ja auch schon gebloggt habe, hinweisen. Beide natürlich im Rahmen der 11. Gegenuni mit Schwerpunkt „Sexualität“.

Wie kann SM beschrieben werden?

Oder: Coming to Grips with Sadomasochism

Vortrag von Norbert Elb

Die gern gestellte Frage: Was ist (eigentlich) SM? Kann wissenschaftlich nicht so recht beantwortet werden. Die (bescheidenere) Frage: Wie kann SM beschrieben werden? können wir aber wissenschaftlich schon näher rücken. Ich habe dies in einer 2006 veröffentlichten Studie über die SM-Sexualität versucht. Erfahrungsgesättigt aus der heterodominierten SM-Szene Deutschlands heraus habe ich vorgeschlagen, SM als asynchrone Sexualität zu verstehen. Diese Asynchronität wird entweder durch sexuelle Gewalt oder durch Hierarchie oder durch machtgebende Fetische hergestellt. Die Sex-Ideologie oder Sex-Utopie hebt sich dadurch vom weitgehend synchronen Sexualitätsdiskurs der Mainstream-Welt ab.

SM erscheint zunächst als Abkürzung für Sadomasochismus. SM wird aber von den heterosexuellen SMerInnen ebenso wie schon früher von der schwulen Lederbewegung und von der lesbischen SM-Bewegung als relativ eigenständiger Begriff verwendet, um damit diese Sexualität einem pathologisierenden Diskurs zu entwinden.

Donnerstag, 6.5., 18:00 Uhr

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Filmvorführung „Verfolgt“

Der preisgekrönte deutsche Film aus dem Jahr 2006 erzählt die Geschichte einer ganz normalen sadomasochistischen Beziehung. Es gelingt ihm dabei nicht nur, diese gerade aus der Perspektive weiblichen („dominanten“) Begehrens heraus zu erzählen, sondern auch die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen sich SMer_innen bewegen, darzustellen. Er ist daher kein reiner „SM-Film“, sondern generell interessant für alle, die die filmische Umsetzung des Schicksals devianter Minderheiten interessiert.
Weiterhin behandelt werden im Film auch die „heißen“ Themen von sexuellen Beziehungen mit großem Altersunterschied und Sexualität innerhalb pädagogischer Machtbeziehungen.
Und er ist natürlich, als typischer Vertreter seines Genres („amour fou“-Filme), auch einfach so ein ästhetischer Genuss.

Dienstag 11.5., 19:00 Uhr

Sartre goes Gegenuni

Wie ja schon angekündigt, werden einige Veranstaltungen unserer Sartre-Reihe im Rahmen der diesjährigen Gegenuni im Institut für vergleichende Irrelevanz stattfinden.
Hier noch einmal diese Veranstaltungen mit den jetzt feststehenden Terminen im Überblick:

Freud (Freud – The secret passion, 1962) – Film und Diskussion

Der unter der Regie von John Huston gedrehte biographisch orientierte Film über Freud basiert auf einem Drehbuchentwurf Sartres. Er stellt nicht nur eine gute allgemeine Einführung in die Psychoanalyse dar, sondern bietet auch Anlass, allgemein über Sartres Verhältnis zur Psychoanalyse zu diskutieren.

4.5. 19:00

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Sartre und der Marxismus – Vortrag von Christoph Zwi

Obwohl Sartre sich selbst als marxistisch inspiriert begriff, war er auch von undogmatischer Seite stets mitunter harscher Kritik ausgesetzt. Diese soll am Beispiel der Kritik des „orthodoxen“ Georg Lukács und der „extremistischen“ Situationistischen Internationalen dargelegt und diskutiert werden.
Der Referent ist u.a. als Mitglied des Autorenkollektivs BBZN (Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung) bekannt.

Verschoben auf Donnerstag, 20.5., 17:00 Uhr

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Sarte über (sexuelle) Begierde – Lektüreworkshop

In seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ analysiert Jean-Paul Sartre u.a. auch die „konkreten Beziehungen zu Anderen“: Liebe, Sadismus, Masochismus, Sprache, Hass, Gleichgültigkeit – und auch sexuelle Begierde. Die Lektüre dieses relativ kurzen Abschnitts hilft nicht nur, den Feminismus Simone de Beauvoirs besser zu verstehen, sondern wirft auch grundsätzlich die Frage auf, in welchen Begriffen sich das (anscheinend) in der „conditio humana“ selbst angelegte Phänomen der Sexualität am besten beschreiben lässt: in Begriffen der Biologie, einer biologisch fundierten Psychologie, der Sozialwissenschaften – oder eben, wie Sartre vorschlägt, einer philosophischen Anthropologie, die die Sexualität nicht als kontigentes biologisches Phänomen, sondern als grundlegende Verhaltensweise zum „Anderen“ begreift. Eine Verhaltensweise zumal, die immer Bestandteil eines Entwurf, einer freien Selbstwahl des Individuums, und nicht Produkt irgendwelcher Determinationen ist.

Lektüre: J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Hamburg 2009, S. 669-696. [eine Kopiervorlage wird im Arbeitsraum des IVI ausliegen]
13.5. 16:00 // 16.5. 17:00

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Das aktualisierte Programm zum Download.

Mehr Infos zur Gegenuni, die natürlich im gesamten ganz toll und besuchenswert ist.

SM und Gesellschaft

Auf dem mädchenblog zeichnet sich derzeit eine ganz ähnliche Debatte ab, wie sie hier vor einigen Wochen zur Pädophilie geführt wurde. Auslöser ist diesmal ein Artikel, in dem sich eine bekennende „masochistische“ Frau kritisch zu der Problematisierung von SM im feministischen Kontext, insbesondere in der PorNo-Kampange der Zeitschrift Emma, äußert. Wie damals schlagen die Wellen hoch, die 100-Kommentarmarke wird wohl alsbald geknackt sein. Offenbar taugen Positionierungen zu Perversionen und Sexualität leicht dazu, die Gemüter zu erregen. Wohl zum einen, weil die „Perversen“ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten, zum anderen, weil „Sexualität“ wohl generell ein heißes, aufgeladenes Thema ist, mit dem sich wohl jede_r irgendwie beschäftigt und das von zahlreichen Normierungen durchzogen ist. Man kann über Sex nicht so sprechen wie übers Hütchenspiel. Ich will es dennoch wagen, noch einmal in einer solchen Diskussion eine -womöglich – kontroverse Position zu beziehen.

Pädophilie erregt Anstoß dadurch, dass sie die gesetzte Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen im besonders sensiblen sexuellen Bereich überschreitet und unter Verdacht steht, Macht- und Gewaltverhältnisse in diesen Bereich einzuführen, aus dem sie eigentlich fernbleiben sollten. Bei SM ist dieser Verdacht offensichtlich berechtigt. Hier werden ganz offen Macht- und auch Gewaltverhältnisse erotisiert. Dies zieht natürlich – trotz oberflächlicher Toleranz – weitere Verdächtigungen nach sich, gerade von linker Seite. „Das private ist politisch.“ Kann es denn dann sein, dass Verhältnisse, die politisch höchst kritikabel sind, im privaten Bereich ganz unproblematisch hingenommen werden dürfen? Und wie verhält sich SM zur allgemeinen gesellschaftlichen Macht? Ist dieses Verhältnis rein äußerlich, oder ist es so, dass SMer_innen im Privaten das reproduzieren, dem sie gesellschaftlich ausgesetzt sind?

Die linken Kritiker_innen von SM gehen ganz klar davon aus, dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert. Die Liste derer, die derartige Positionen vertreten, ist lang. Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der/die BloggerIn von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem/ihrem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.1 Vielleicht werden in der nächsten Zeit noch weitere Ausführungen diesbezüglich folgen.

Worauf Mirabella im mädchenblog zu Recht hinwies, ist die Parallele von Ausgrenzung von Homosexuellen und SMer_innen. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass man beides unterschiedslos gleichsetzen kann, möchte jedoch eingangs auf die generelle Problematik von Argumentationen gegen spezifische sexuelle Randgruppen hinweisen. Adorno hat im Aphorismus Nr. 24 der Minima Moralia aufgezeigt, wie leicht sich Homosexualität und „Sadomasochismus“ gewissermaßen in einem Aufwasch „erledigen“ lassen. Er behandelt darin einen bestimmten Typ Männlichkeit, den er insbesondere in den Filmhelden seiner Zeit personifiziert sieht. Nicht nur, dass diese Männer latent „sadomasochistisch“ seien, nein, sie sind auch latent homosexuell. Sie verkörpern den Verfall wahren Männlichkeit, sind letztendlich ein Produkt des Totalitarismus: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen. Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ Homosexuelle seien irgendwie schon potientielle eliminatorische Antisemiten.

Derartiges würden sich die heutigen Verfechter_innen des Freudomarxismus nicht mehr trauen. Dennoch nähern sie sich der Adornoschen Position offensichtlich an: wie er zehren sie vom allgemeingesellschaftlichen Vorurteil, an das sie weitgehend bruchlos anschließen, wie er spüren sie latenten Charakterdispositionen nach, die sich in bestimmten sexuellen Verhaltensweisen offenbaren und zu problematisieren seien.Wie, dem berühmten Wort Foucaults zu Folge, „der“ Homosexuelle zu einer Spezies wurde, ist es auch „der“ Pädophile oder „der“ Sadomasochist. Letzterer gehört überdies einer besonders gefährlichen Spezies an: die Macht hat sich besonders tief in seine Psyche eingeschrieben und wenn er nicht daran gehindert wird, seine dunklen Begierden zu verwirklichen, wird er sich unweigerlich am nächsten Faschismus ergötzen.

Im Schwarzbuch Kapitalismus schließt Kurz offenkundiger noch als Adorno an das allgemeine Ressentiment an:

Dieser Drang zur Selbstunterwerfung unter die auf absurde Weise selbsterzeugte blinde „Gesetzmäßigkeit“, die den Einzelnen dann als eine ins Riesenhafte aufgeblasene fremde Macht gegenübertritt, hat unter dem gesteigerten Eindruck der industriellen Großschlacht einen sexuellen Beigeschmack. Auf eine in seinem eigenen Verständnis höchst „unmännliche“ Art bietet sich der kapitalistische Männlichkeitswahn dem „Titanen“ des historischen Prozesses als Objekt dar. Ein tief verborgenes und verdrängtes homosexuelles Element wird hier sichtbar, das gerade deswegen so fürchterlich wirkt, weil es nie gelebt werden durfte und, ins Bewußtsein gehoben, Übelkeit und hysterische Abwehr hervorrufen würde.
Noch deutlicher ist der sadomasochistische Beiklang, der sogar näher an der zugelassenen sexuellen Empfindung liegt, weil er eine gewisse Konformität mit dem Notwendigkeits-Ethos aufweist [sic!]; bekanntlich [!] gehört auch heute noch ein überproportional großer Anteil der kantigen kapitalistischen Macher zu jenen Männlichkeitsdarstellern, die zur Lust nur noch unter der Peitsche einer Domina gelangen können. Weniger ein Selbstbestrafungsritual wird hier sichtbar als vielmehr eine Unterwerfungslust, der gesellschaftlich die Selbstpreisgabe auf dem Altar der „höheren Mächte“ entspricht – um dann seinerseits umso lustvoller das Menschenmaterial malträtieren zu können. Der moderne Politiker- und Manager-Sadomasochismus [so so] könnte eine Art Tempelprostitution sein des kapitalistischen Molochs genannt werden; und es war der Erste Weltkrieg, in dem die Funktionsmänner aller Klassen von der Weltmaschine wie nie zuvor „hergenommen“ wurden, der die Sprache des gesellschaftlichen Sadomasochismus offenlegte: In den „Stahlgewittern“ des industrialisierten Krieges dankte auch endgültig das moderne Subjekt der Aufklärung ab, um bedingungslos vor dem Götzen seiner eigenen Hervorbringung zu kapitulieren. (S. 400)

In einem wunderlichen rhetorischen Parforce-Ritt schafft es Kurz – wohlgemerkt in einem Kapitel über den 1. Weltkrieg! – Perversion, autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus und allgemeinen Fetisch der Produktionsverhältnisse zusammenzubrauen. Billigste Stereotype aus der Bild gepaart mit sich als radikalst gerierenden Gesellschaftskritik. Nicht nur, dass die kapitalistische Gesellschaft irrational, wahnhaft, unfrei, totalitär ist – nein, sie auch noch pervers.

Es ist schon eine recht steile Behauptung, dass ein Großteil der Bevölkerung verkappte SMer_innen wären. Zugleich müsste sich die behauptete Verbindung von SM und allgemeiner Unterdrückung recht signifikant bei der Betrachtung der SM-Subkultur abzeichnen. Der durchschnittliche SMer etwa NPD wählen – Linke gibt es in diesen Reihen ohnehin nicht, zumindest keine aufrichtigen –, eine heterosexuelle Sadistin in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn sie einen Mann leiden sieht, ein Masochist sich daran ergötzen, wenn er auf der Straße von irgendwem brutal zusammengeschlagen wird. Die Wächter in den Konzentrationslagern haben bekanntlich alle eine Dauerlatte gehabt und die Nazifrauen wurden bei dem Gedanken an die ermordeten Juden dauerfeucht …

Es mag unfair wirken, die theoretische Gegenposition derart lächerlich zu machen – doch in meinen Augen stellt sie sich das Verhältnis von SM und Gesellschaft genau so vor. Auch die MG hat in der Broschüre Kritik der „Kritischen Theorie“ dazu recht treffend geäußert:

So, wie die ‚Triebstruktur‘ der Massen charakterisiert ist, ist allerdings nicht mehr einzusehen, weshalb deren widersprüchliche ‚Kräfte‘ sich ausgerechnet auf die von einer modernen kapitalistischen Staatsgewalt vorgeschriebenen Mittel ihrer ‚Befriedigung‘ richten sollen. Warum sollten es sich die Sado-Masos nicht einfacher machen und eine Gesellschaft einrichten, in der bl0ß noch ‚gebuckelt‘ und ‚getreten‘ wird. Die ganze Geldwirtschaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staatsapparat mit Polizei und Militär sind für das pure Gewaltausüben und -einstecken doch viel zu umständlich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und werden von ihrem nackten Sado-Masochismus bloß abgelenkt. (S. 36)

Problematischer und womöglich als Beweis dienlicher wird es, wenn z.B. faschistische Symbole im SM-Kontext verwendet werden. Das kritisierte das erwähnte BIFF in dem Artikel Orgasmen in der „Papageienschaukel“. Doch auch diese Argumentation überzeugt nicht. Im SM-Kontext ist es z.B. gebräuchlich, in einer heterosexuellen, weiblich dominierten Beziehung die dominate Partnerin mit „Herrin“ anzusprechen, den devoten Mann mit „Sklaven“ anzusprechen. Will man daraus ernsthaft folgern, diese Leute würden sich „in Wahrheit“ nach einer Wiedereinführung der Sklavenhaltergesellschaft sehnen?

BIFF schreibt im zitierten Artikel: „Was es über Sadomasochismus aus antifaschistischer Sicht zu sagen gibt, haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gesagt.“ Sie verweisen auf den zweiten Exkurs der Dialektik der Aufklärung, in dem sich die beiden mit dem Werk de Sades auseinandersetzen, dem (unfreiwilligen) Namensgeber des „Sadismus“. Doch offensichtlich geht es in diesem Kapitel eher um eine allgemeine Vernunftkritik als um eine fundierte Kritik dessen, was wir heute unter „SM“ verstehen. De Sades Phantasien haben schließlich recht wenig damit zu tun, was SM eigentlich heißt: einverständliche Lust, nicht irgendwelche einseitigen Vergewaltigungsorgien.

Man vergleiche nur mal die Gefühlskälte, mit denen Nazis in einem Technokratenjargon von ihren Schandtaten berichten mit den strahlenden Augen oder vielleicht auch dem nervös umherschweifenden Blick, mit dem ein SMer von seinen erotischen Erlebnissen berichten würde.

***

Kommen wir nun zu „Theorie als Praxis“ (kurz: TaP) (mein Vorgeplänkel fiel doch länger aus als erwartet). Diese/r BefürworterIn des „lesbischen Feminismus“ (gehört da die SM-Aktivistin Gayle Rubin nicht dazu?) weiß, wie auch die vorher genannten, einige interessante „Fakten“ über SM zu berichten:

„Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die „zeitweilig ungleich verteilte“ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“

Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird. Natürlich gibt es diese Gefahr – „No risk no fun“ kann man da eigentlich nur sagen.

Rhetorisch fragt er zur Trennung von SM und äußerer Macht:

„Und weshalb werden dann beim ‚Spielen‘ die ‚äußeren‘ Machtverhältnisse haargenau nachgespielt?“

Selbst in SM-Inszenierungen, die sich explizit auf äußere Machtverhältnisse beziehen, etwa Schüler-Lehrer oder „Folterungen“, unterscheidet sich die Inszenierung in Inhalt und Form von ihrem Vorbild erheblich. Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.

Empirisch untersucht er/sie den SM-Kontaktanzeigenteil einer Berliner Lokalzeitung, um zu widerlegen, dass sich SM so sehr von gewöhnlicher Sexualität unterscheiden würde. Er/sie bestreitet anhand dieses Materials, dass es zahlreiche dominante Frauen und devote Männer geben würde und dass es in Praktiken oft um etwas anderes geht als den genitalen Orgasmus (wie SM-positive Theorien tatsächlich behaupten). Doch aus dieser Analyse doch sehr begrenzten und nicht-repräsentativen Datenmenge folgt eigentlich nur, dass anscheinend eher Männer als Frauen Kontaktanzeigen in dieser Lokalzeitung aufgeben, und eben Männer mit bestimmten Vorlieben. Das lässt eben nicht den Rückschluss zu, es gäbe devote Männer nur vereinzelt und in SM würde es im Allgemeinen letztendlich doch um den genitalen Orgasmus gehen. „Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ fordert TaP, Mao zitierend, ein. Das kann man eigentlich nur zurückgeben. Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.

Seine/ihre restliche Argumentation läuft darauf hinaus, dass es ideologisch wäre, von „Freiwilligkeit“ zu sprechen – auch wenn die Menschen Gewalt- und Machtverhältnissen zustimmen, liegt das eben an ihrer gesellschaftlichen Determination und kann nicht als Gradmesser ethischer Legitimität gelten. SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. Das erscheint mir ein höchst fragwürdiges Konstrukt zu sein. An was will man denn sonst bemessen, ob eine Praxis korrekt oder nicht ist, als an der Zustimmung der Individuen? SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.

Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist. Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient. Und wenn der Zweck Lust heißt und die Gewalt ausschließlich dem Lustgewinn dient, ist daran nichts Verwerfliches zu entdecken.

Zudem beinhaltet seine/ihre Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt. Man hat den Anschein, als würde die Gesellschaft nur einen Teil der Bevölkerung in sexueller Hinsicht determinieren, einen anderen Teil jedoch nicht bzw. weniger – nämlich denjenigen, der ganz normalen genitalen Sex praktiziert. Ausgeklammert bleiben dabei die Freiheitsspielräume, die die Individuen zweifellos besitzen. Nicht alles Subjektive löst sich restlos im Objektiven auf.

Ich betrachte SM nicht als etwas, was unmittelbar auf die allgemeinen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr als autopoietisches, schöpferisches Projekt der SM-Subkultur selbst, das zumindest partiell autonom von den äußeren Machtverhältnissen ist. Man kann dies an einer Analogie verdeutlichen: Das Brettspiel Monopoly ist sicherlich ein Spiel, das den Kapitalismus nachahmt. Ein solches Spiel kann auch nur in einer kapitalistischen Gesellschaft entstehen und würde in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft wohl auch nicht verstanden werden. Manchmal ärgert sich auch jemand, wenn er beim Monopoly-Spiel verliert. Ist das ein Grund, Monopoly schlecht zu finden? Manche mögen das Spiel, manche nicht. Genauso verhält es sich mit SM. Monopoly bildet den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad authentisch ab, doch unterscheidet sich in Inhalt und Form erheblich von diesem – schon allein dadurch, dass die Menschen im Kapitalismus dort hineingeboren werden und somit gezwungen sind, sich seinen Gesetzen zu unterwerfen, die Menschen, die gerne Monopoly spielen dies jedoch in der Regel freiwillig tun.

Sicherlich ist es einerseits verharmlosend, andererseits verniedlichend, SM als bloßes Spiel zu bezeichnen. Es ist halt, wie viele andere Spiele auch, Spiel und Ernst zugleich. Problematisch ist daran per se nichts.

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Der Foucault-Bezug von TaP wird noch seltsamer, wenn man betrachtet, wie sich Foucault zu SM geäußert hat:

Ich denke nicht, dass diese Bewegung sexueller Praktiken [gemeint ist die SM-Subkultur; TS] irgendetwas mit der Auf- und Entdeckung von tief in unserem unbewussten Unbewussten vergrabenen sadomasochistischen Strebungen zu tun hat. Ich denke, dass SM viel mehr ist als das; es ist die wirkliche Erschaffung neuer Möglichkeiten von Lust, die man sich zuvor nie hatte vorstellen können. Die Vorstellung, dass SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, dass ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, dass das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, dass wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich Desexualisierung der Lust nenne. Die Vorstellung, dass die physische Lust stets aus der sexuellen Lust herrührt, und die Vorstellung, dass die sexuelle Lust Grundlage aller möglichen Lüste ist, dies, denke ich, ist etwas, das falsch ist. Die SM-Praktiken zeigen uns, dass wir Lust ausgehend von äußerst seltsamen Objekten hervorbringen können, indem wir bestimmte eigentümliche Partien unseres Körpers in sehr ungewöhnlichen Situationen usw. gebrauchen.

Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt 2005, S. 304. (Aus einem Interview)

SM ist für Foucault nicht affirmativ, sondern das Gegenteil. Es ist ein kreatives Unternehmen, dass auf subversive Weise die Körper gegen die Herrschaft des „König Sex“ mobilisiert. Diese Sichtweise erscheint mir der Realität wesentlich angemessener, als die gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds. Selbst der hegemoniale Diskurs über SM ist im Vergleich zu diesem noch als fortschrittlich zu bezeichnen.

„Das private ist politisch“ – das sicherlich. Die Alternative kann nicht sein, in Bezug auf SM entweder links oder liberal zu denken. Aber es kommt sehr darauf an, wie es politisiert wird.
Im Gegenteil scheint mir in freudomarxistischen Kontexten der Sex allzu oft entpolitisiert zu werden und in SM-Kontexten die politische Kommunikation über „Sexuelles“ viel intensiver zu sein (aus offensichtlichen Gründen).

PS: Interessierten lasse ich gerne meine Hausarbeit Die Desexualisierung der Lüste – SM mit Foucault gedacht, per Mail zukommen, in der ich diesen Zusammenhang ausführlicher erläutere.

  1. TaP definiert sich selbst geschlechtlich uneindeutig. (Vgl. sein/ihr Kommentar)[zurück]

Marginalia zur Kritik der Psychoanalyse

Habe ich vor einiger Zeit die Annahme eines Unbewussten noch verteidigt, will ich nun hier einmal ein paar kritische Bemerkungen über die Psychoanalyse fallen lassen, die womöglich eine Serie von Artikeln einleiten wird, die um dieses Thema kreist. Es ist zwar schon oft geschehen, aber angesichts des nach wie vorigen Fortwesens freudomarxistischer Denkmuster in der Linken kann man es nicht oft genug wiederholen.

Zuersteinmal erweckt bei mir die Lektüre psychoanalytischer Texte immer den Eindruck des Willkürlichen. Es wird auf Freudsche Schlagworte zurückgegriffen, die undiskutiert als Fakten hingenommen werden, die Beweisführung läuft meistens über die Schilderung reiner Einzelfälle. Oft wird auch mit irgendwelchen kulturellen Phänomenen argumentiert. Doch es scheint so, als würde sich die Psychoanalyse in einem permanenten „hermeneutischen Zirkel“ bewegen: Einzelfälle und kulturelle Phänomene werden mit Rückgriff auf vermeintlich bewiesene psychoanalytische Hypothesen interpretiert, um dieselben dann zu rechtfertigen. Wissenschaft sollte eigentlich anders funktionieren …

Bereits die Grundprämissen der P.A. sind alles andere als einleuchtend. Dass es irgendetwas wie „unbewusste mentale Phänomene“ gibt, dürfte nicht zu bestreiten sein. Doch das Unbewusste der P.A. bedeutet ja mehr als das: ein in unserem Inneren wesendes „zweites Subjekt“, genauer: Es und Über-Ich, die, einer zu entschlüsselnden Systematik folgend, unser bewusstes Denken und Verhalten determinieren. Diese Systematik liegt insbesondere im Sexuellen, dass die P.A. zur „Ursache von allem und jedem“ (Foucault) erklärt. Jemand hat einen Schuhfetisch? Klar – das muss etwas damit zu tun haben, dass er das kindheitliche Trauma verarbeiten muss, das in der Entdeckung bestünde, dass Frauen keinen Penis haben ergo kastratriert worden sind. Jemand hat Angst, sein Augenlicht zu verlieren? Auch das ist nichts Anderes als eine Widerspiegelung der tief sitzenden Kastrationsangst.

„Das Sexuelle“ ist dabei die transhistorische Grundtatsache, auf die Freud seine ganze Theorie aufbaute. Es zu sehr einzuschränken wie es zu sehr zu enthemmen bringt Pathologien für die Einzelnen wie für die gesamte Gesellschaft mit sich. Das sei der aufklärerische Verdienst Freuds – er hätte ein neues Zeitalter der sexuellen Liberalisierung eingeleitet. Wir müssen unseren Sex befreien, dann werden wir uns auch von unseren Neurosen, Aggressionen etc. befreien! Dies ist das zentrale Diktum, dem auch der gesamte Freudomarxismus anhängt.

„Perversion“ ist dabei ebenso kein historischer, sondern ein transhistorischer Begriff. „Perversion“ ist alles, was bloß „Partialtrieb“ ist, also eine Lust, die nicht vom genitalen Orgasmus, dem höchsten Ideal einer allumfassenden Sexualität (der Fetisch ist letztendlich nur ein Ersatz für diesen, eine krankhafte Fixierung!). Egal, in welcher Gesellschaft – ihnen ist immer mit besonderer Vorsicht zu begegnen, lassen sie doch immer auf nicht hinreichend bewältigte frühkindliche Komplexe schließen. Die „Perversion“ ist dabei der Schlüssel, um die Identität einer Person zu entziffern – und wir sind am Zug, unsere Sexualität zu entdecken, um herauszufinden, wer wir sind. Das endet dann in Büchern wie Sex und Handschrift (Marie Bernhard, 1994), in der individuelle Abweichungen im Schriftbild auf „Perversionen“ zurückgeführt werden. Die Astrologie ist redlich dagegen!

Womöglich ist es, polemisch gesprochen, eher so, dass die P.A. und ihre Adepten auf den Sex fixiert sind als der „Perverse“ auf seinen „Partialtrieb“/sein Fetischobjekt. Man muss sie vielleicht eher als Kulmination einer jahrhundertelangen Tendenz zu einer „Sexualisierung der Gesellschaft“ betrachten als als qualitativ neues Emanzipationsprojekt. Letztendlich geht es doch nur um eine Anreizung zu Verhaltens- und Denkweisen: zur Selbstbeobachtung und Disziplinierung, zum Aufsuchen des Analytikers als säkularisierten Beichtvater, zur sorgsamen Erziehung der Kinder, zur väterlichen Nachsicht mit den „infantilen“ Perversen, zu einer besseren Bio-Politik, die eher auf sanfte Normierung als auf harsche Repression setzt. Oberstes Ziel: Gesundheit der Individuen wie des gesamten Volkskörpers. Kein radikales Konkurrenzprojekt zur biologistischen Psychiatrie, sondern eher ihr liberaler Zwillingsbruder (böser und guter Bulle).
Es ist eher davon auszugehen, dass die P.A. und ihre massenhafte Rezeption in der Bevölkerung den Sex erst so wichtig gemacht hat als dass sie irgendetwas neues aufgedeckt hätte.

Das Konzept der „Entfesselung der Bedürfnisse“ – natürlich primär als sexuelle Bedürfnisse gedacht – stammt letztendlich genau aus diesem Diskurs. Es wird so getan, als gäbe es natürliche Bedürfnisse – und das natürlichste von allen: den Sex (Schlafen, Trinken, Atmen und Ficken) –, die von der Herrschaft unterdrückt würden und die es zu befreien gälte. Mehr hat diese Art der Gesellschaftskritik nicht zu bieten, als da zu radikalisieren, was mindestens seit den 60ern ja schon hegemonialer Diskurs ist: das Schlafzimmer als letzte Bastion der westlichen Freiheit, Lebensfreude und Selbstverwirklichung. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von der „kargen Herrschaft des Sex“. Vielleicht ist die Herrschaft, gerade seit Freud, gewiefter als einfach nur „Nein“ zu sagen. Was hat sie denn auch für ein Interesse, ihn zu unterdrücken? Offensichtlich macht sie ihn nutzbar für sich: als Anreiz zur Selbstkontrolle, zu tolerablen, ungefährlichen Verhaltens- und Denkweisen und als Mittel, den Volkskörper vor „Degeneration“ zu schützen (man will ja nicht wie der feudale Adel in Inzucht enden, ge?).

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Freilich ist es sehr bedenklich, die P.A. zu kritisieren – eigentlich unmöglich. Denn mein polemischer Tonfall verrät womöglich diverse Verdrängungen, als deren Projektionsfläche mir die P.A. dient. Gefährlich, gefährlich.




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