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Eine weitere literarische Heidegger-Kritik (und eine kleine Polemik gegen den GSP weiter unten!)

Via dem sehr tollen Blog Athene noctua bin ich auf eine weitere tolle Polemik gegen den der Polemik am allerwertesten Philosophen, Martin Heidegger, gestoßen, auf die ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte. Und geschrieben vom absoluten Gott der Polemik, oder zumindest: Beschimpfung, Thomas Bernhard. Viel Vergnügen bei der Lektüre:

Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf die unverschämteste Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verkitscht. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf, sagte Reger, genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben sie alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf Jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen. Heidegger ist eine abstoßende Episode der deutschen Philosophiegeschichte, sagte Reger gestern, an der alle Wissenschaftsdeutschen beteiligt waren und noch beteiligt sind. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übrig geblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist, so Reger. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist ein gutes Beispiel dafür, wie von einer Philosophiemode, die einmal ganz Deutschland erfaßt gehabt hat, nichts übrigbleibt, als eine Anzahl lächerlicher Fotos und eine Anzahl noch viel lächerlicherer Schriften. Heidegger war ein philosophischer Marktschreier, der nur Gestohlenes auf den Markt getragen hat, alles von Heidegger ist aus zweiter Hand, er war und ist der Prototyp des Nachdenkers, dem zum Selbstdenken alles, aber auch wirklich alles gefehlt hat. Heideggers Methode bestand darin, fremde große Gedanken mit der größten Skrupellosigkeit zu eigenen kleinen Gedanken zu machen, so ist es doch. Heidegger hat alles Große so verkleinert, daß es deutscbmäglich geworden ist, verstehen Sie, deutschmöglich, sagte Reger. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter. Ich weiß nicht, sagte Reger gestern, immer wenn ich an Stifter denke, denke ich auch an Heidegger und umgekehrt. Es ist doch kein Zufall, sagte Reger, daß Heidegger ebenso wie Stifter vor allem immer bei den verkrampften Weibern beliebt gewesen ist und noch heute beliebt ist, wie die betulichen Nonnen und die betulichen Krankenschwestern den Stifter sozusagen als Lieblingsspeise essen, essen sie auch den Heidegger. Heidegger ist noch heute der Lieblingsphilosoph der deutschen Frauenwelt. Der Frauenpbilosoph ist Heidegger, der für den deutschen Philosophieappetit besonders gut geeignete Mittagstischphilosoph direkt aus der Gelehrtenpfanne.

Wenn Sie in eine kleinbürgerliche oder aber auch in eine aristokratisch-kleinbürgerliche Gesellschaft kommen, wird Ihnen sehr oft schon vor der Vorspeise Heidegger serviert, Sie haben Ihren Mantel noch nicht ausgezogen, wird Ihnen schon ein Stück Heidegger angeboten, Sie haben sich noch nicht hingesetzt, hat die Hausfrau Ihnen schon sozusagen mit dem Sherry Heidegger auf dem Silbertablett hereingebracht. Heidegger ist eine immer gut zubereitete deutsche Philosophie, die überall und jederzeit serviert werden kann, sagte Reger, in jedem Haushalt. Ich kenne keinen degradierteren Philosophen heute, sagte Reger. Für die Philosophie ist Heidegger ja auch erledigt, wo er noch vor zehn Jahren der große Denker gewesen ist, spukt er jetzt nurmehr noch sozusagen in den pseudointellektuellen Haushalten und auf den pseudointellektuellen Gesellschaften herum und gibt ihnen zu ihrer ganzen natürlichen Verlogenheit, noch eine künstliche. Wie Stifter, ist auch Heidegger ein geschmackloser, aber ohne Schwierigkeiten verdaulicher Lesepudding für die deutsche Durchschnittsseele. Mit Geist hat Heidegger ebenso wenig zu tun, wie Stifter mit Dichtung, glauben Sie mir, diese beiden sind, was Philosophie und was Dichtung betrifft, soviel wie nichts wert, wobei ich aber doch Stifter höher ein,schätze als Heidegger, der mich ja immer abgestoßen hat, denn alles an Heidegger ist mir immer widerwärtig gewesen, nicht nur die Schlafhaube auf dem Kopf und die selbstgewebte Winterunterhose über seinem von ihm selbst eingeheizten Ofen in Todtnauberg, nicht nur sein selbstgeschnitzter Schwarzwaldstock, eben seine selbstgeschnitzte Schwarzwaldphilosophie, alles an diesem tragikomischen Mann war mir immer widerwärtig gewesen, stieß mich immer zutiefst ab, wenn ich nur daran dachte; ich brauchte nur eine Zeile von Heidegger zu kennen, um abgestoßen zu sein und erst beim Heideggerlesen, sagte Reger; Heidegger habe ich immer als Scharlatan empfunden, der alles um sich herum nur ausgenützt und sich in diesem seinem Ausnützen auf seiner Todtnaubergbank gesonnt hat. Wenn ich denke, daß selbst übergescheite Leute auf Heidegger hereingefallen sind und daß selbst eine meiner besten Freundinnen eine Dissertation über Heidegger gemacht hat, und diese Dissertation auch noch im Ernst gemacht hat, wird mir heute noch übel, sagte Reger. Dieses nichts ist ohne Grund, ist das Lächerlichste, so Reger. Aber den Deutschen imponiert das Gehabe, sagte Reger, ein Gehabeinteresse haben die Deutschen, das ist eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften. Und was die Österreicher betrifft, so sind sie in allen diesen Punkten noch viel schlimmer. Ich habe eine Reihe von Fotografien gesehen, die eine zuhöchst talentierte Fotografin von Heidegger, der immer ausgesehen hat wie ein pensionierter feister Stabsoffizier, gemacht hat, sagte Reger, und die ich Ihnen einmal zeigen werde; auf diesen Fotografien steigt Heidegger aus seinem Bett, steigt Heidegger in sein Bett wieder hinein, schläft Heidegger, wacht er auf, zieht er seine Unterhose an, schlüpft er in seine Strümpfe, macht er einen Schluck Most, tritt er aus seinem Blockhaus hinaus und schaut auf den Horizont, schnitzt er seinen Stock, setzt er seine Haube auf, nimmt er seine Haube vom Kopf, hält er seine Haube in den Händen, spreizt er die Beine, hebt er den Kopf, senkt er den Kopf, legt er seine rechte Hand in die linke seiner Frau, legt seine Frau ihre linke Hand in seine rechte, geht er vor dem Haus, geht er hinter dem Haus, geht er auf sein Haus zu, geht er von seinem Haus weg, liest er, ißt er, löffelt er Suppe, schneidet er sich ein Stück (selbstgebackenes) Brot ab, schlägt er ein (selbstgeschriebenes) Buch auf, macht er ein (selbstgeschriebenes) Buch zu, bückt er sich, streckt er sich und so weiter, sagte Reger. Es ist zum Kotzen. Sind die Wagnerianer schon nicht zum Aushalten, erst die Heideggerianer, sagte Reger. Aber natürlich ist Heidegger nicht mit Wagner zu vergleichen, der ja tatsächlich ein Genie gewesen ist, auf den der Begriff Genie tatsächlich zutrifft wie auf keinen andern, während Heidegger doch nur ein kleiner philosophischer Hintermann gewesen ist. Heidegger war, das ist klar, der verhätscheltste deutsche Philosoph in diesem Jahrhundert, gleichzeitig ihr unbedeutendster. Zu Heidegger pilgerten vor allem jene, die die Philosophie mit der Kochkunst verwechseln, die die Philosophie für ein Gebratenes und Gebackenes und Gekochtes halten, was ganz und gar dem deutschen Geschmack entspricht. Heidegger hielt in Todtnauberg Hof und ließ sich auf seinem philosophischen Schwarzwaldpodest jederzeit wie eine heilige Kuh bestaunen. Selbst ein berühmter und gefürchteter norddeutscher Zeitschriftenherausgeber kniete andachtsvoll vor ihm mit offenem Mund, als erwartete er in der untergehenden Sonne von dem auf seiner Hausbank sitzenden Heidegger sozusagen die Geisteshostie. Alle diese Leute pilgerten nach Todtnauberg zu Heidegger und machten sich lächerlich, sagte Reger. Sie pilgerten sozusagen in den philosophischen Schwarzwald und auf den heiligen Heideggerberg und knieten sich vor ihr Idol. Daß ihr Idol eine totale Geistesniete war, konnten sie in ihrem Stumpfsinn nicht wissen. Sie ahnten es nicht einmal, sagte Reger. Die Heideggerepisode ist aber doch als Beispiel für den Philosophenkult der Deutschen aufschlußreich. Sie klammern sich immer nur an die falschen, sagte Reger, an die ihnen entsprechenden, an die stupiden und dublosen.

[aus Alte Meister via kulturkritik.net]

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Existenzialismus auf Deutsch

Lese gerade Kirschen der Freiheit von Alfred Andersch, dem (inzwischen ja fast in Vergessenheit geratenen) deutschen Nachkriegs-Existenzialisten abseits der „Eigentlichen“, sondern unmittelbar an Frankreich orientiert. Ein wirklich gut geschriebener autobiographischer Bericht, der sich im wesentlichen um seine Desertion als Wehrmachtssoldat 1944 dreht – kurz nach dem Krieg wirklich ein mutiger Schritt. Auf die – sicherlich zu Recht – geführte Debatte um Anderschs wirkliches Verhalten während des NS und einige äußerst problematische Äußerungen in seinem Werk will ich jetzt nicht eingehen. Jedenfalls ein Klassiker der antifaschistischen deutschen Literatur, aus dem man viel zitieren könnte (etwa die wunderbare Begründung, warum der Eid an den „Führer“ nichtig gewesen sei).

Ich belasse es mal bei einer recht schönen, und Sartre-nahen (auch wenn Sartre die Freiheit freilich umfassender begreift als es Andersch tut), Zusammenfassung seines Existenzialismus-Verständnisses, das – und aus diesem Grund zitiere ich es überhaupt – in einem kurzen, aber pointiertem Heidegger-Bashing endet:

Mein Buch hat nur eine Aufgabe: einen einzigen Augenblick der Freiheit zu beschreiben. Aber es hat nicht die Aufgabe, zu behaupten, daß die Größe des Menschen sich nur in solchen Augenblicken verwirklichte. Es ist ein Leben denkbar, in dem die Freiheit niemals erfahren wird und das dennoch seinen vollen Wert behauptet. Der Wert des Menschen besteht darin, daß er Mut und Angst, Vernunft und Leidenschaft nicht als feindliche Gegensätze begreift, die er zerstören muß, sondern als Pole des einen Spannungsfeldes, das er selber ist. Denn wie kann bis zum Mord entschlossene Feindschaft herrschen zwischen Eigenschaften, die so offensichtlich zur menschlichen Natur gehören, daß, wollte man auch nur eine amputieren, die Seele sterben müßte? Wie viele lebende Leichname gibt es, die – mag ihr Fleisch noch so blühen – gestorben sind, weil sie entweder die Angst oder den Mut, die Vernunft oder die Leidenschaft aus ihr ausgerottet haben? Die Freiheit ist nur eine Möglichkeit, und wenn man sie vollziehen kann, so hat man Glück gehabt – worauf es ankommt, ist: sich die Anlage zur Freiheit zu erhalten.

(So meine ich, daß ein Denken, welches nur von der Angst und der Sorge redet, aber nicht von der Unbekümmertheit, der Abenteuerlust und der Tapferkeit des Menschen, in die Unfreiheit führt. Es starrt dem Tode ins Gorgonenhaupt, und es wird darüber versteinern.)

Alfred Andersch: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 5. Zürich 2004, S. 383.

Gut – es handelt sich eher um Polemik als Kritik. Doch man nehme nur Heideggers Antwort auf ähnliche Vorwürfe, freilich von Nazi-Seite, eine schwächliche „Angstphilosophie“ zu vertreten in dem 1943 – also ein Jahr bevor Andersch desertierte – geschriebenen Nachwort zu „Was ist Metaphysik?“ um sich von deren Relevanz zu überzeugen:

Dieses Denken [das „wesenliche“; T.S.] antwortet dem Anspruch des Seins, indem der Mensch sein geschichtliches Wesen dem Einfachen der einzigen Notwendigkeit überantwortet, die nicht nötigt, indem sie zwingt, sondern die Not schafft, die sich in der Freiheit des Opfers erfüllt. Die Not ist, daß die Wahrheit des Seins gewahrt wird, was immer auch dem Menschen und allem Seienden zufallen möge. Das Opfer ist die allem Zwang enthobene, weil aus dem Abgrund der Freiheit entstehende Verschwendung des Menschenwesens in die Wahrung der Wahrheit des Seins für das Seiende. Im Opfer ereignet sich der verborgene Dank, der einzig die Huld würdigt, als welche das Sein sich dem Wesen des Menschen im Denken übereignet hat, damit dieser in dem Bezug zum Sein die Wächterschaft des Seins übernehme.

Frankfurt a. M. 1992, S. 49.

Unbekümmertheit wäre für Heidegger ein bloßes Zeichen für eine tiefe Verfallenheit an das „Man“ (zu dessen Attributen u.a. „Geschäftigkeit, Angeregtheit, Interessiertheit, Genussfähigkeit“, aber auch „Leichtnehmen“ und „Sichdrücken“ zählen). Tapferkeit vielleicht im Sinne einer auf den „Ruf des Gewissens“ folgenden „Entschlossenheit“ legitim – eine „Entschlossenheit“ freilich, die man eher mit derjenigen der letzten Nazi-Offiziere, die begeistert ihr ganz persönliches „Vorlaufen-in-den-Tod“ (in diesem Fall: in die Arme der Alliierten) inszenieren, als der wohl überlegten Desertion Anderschs – also der Umschlag von einer existentiellen, tiefen Angst in das andere (schlechte) Extrem. Wie will man das ständige vergebliche Bemühen darum, die (erkannte) Absurdität des Todes durch eine ganz tiefe Bewusstwerdung des Todes doch irgendwie ins Leben zu integrieren und ihm damit doch irgendwie einen Sinn zu verleihen auch anders aushalten?

Feeling Recognized

Die FAZ hat einen lustigen Spaß für Schreiberlinge und solche, die es werden wollen, ins Internet gestellt: den FAZ-Stiltest „Ich schreibe wie…“. Freilich funktionierte die Zuordnung zu Nietzsche nur bei einem Text – bei dem ich das auch erwartet hatte. Bei anderen ergab sich bei mir eine große Übereinstimmung zu Dietmar Dath – auch wenig verwunderlich, bin ich doch durchaus am Popjournalismus geschult (um mal ein kleines Betriebsgeheimnis preiszugeben). Meine eher theoretischen Texte wurden einmal Sigmund Freud und einmal – und das hat mich wirklich gefreut – Georg Friedrich Wilhelm Hegel zugeordnet. Wobei: in diesem Text ging es schlichtweg um hegelianische Philosophie und in dem Nietzsche-Text habe ich eine nietzschianische Position vertreten. Um das zu prüfen, habe ich einmal einen dezidiert marxistischen Text von mir eingegeben – das Ergebnis war dementsprechend. Bei einer bewussten Heidegger-Persiflage von mir hat es leider nicht so gut funktioniert: sie wurde stilistisch Johann Wolfgang von Goethe zugeordnet. Mehrere Gedichte haben mir hat es wiederum geschafft, mit Friedrich Schiller verglichen zu werden.1 Und – man höre und staune – eine belanglose Mail an meine liebe Erzeugerin glich gar stilistisch ebenso dem Titanen aus Frankfurt (was sagt das über meine Beziehung zu ihr aus? Hm ….)

Dieses Programm bietet wirklich schier unerschöpfliche Möglichkeiten. Die spannende Frage: schreibt Goethe überhaupt immer wie Goethe, Nietzsche wie Nietzsche, Marx wie Marx? Ist es nicht gerade ein Zeichen von stilistischer Gewandheit, sozusagen in verschiedenen Zungen reden zu können, den Stil jeweils dem Gegenstand anzunähern? Zumindest DAS würde mir ja laut Test einigermaßen gelingen. Jedenfalls ist er ein gutes Mittel, wenn man mal eine kleine Aufmunterung beim einsamen Geschäft des Schreibens braucht. (Es sei denn, man versucht wirklich einen bestimmten Autoren nachzuahmen und ist dann enttäuscht, wenn es nicht klappt – doch dies ist sicherlich in den meisten Fällen keine sehr empfehlenswerte Richtlinie für Autoren.)

Und ach ja: dieser Artikel gleicht stilistisch übrigens Ingo Schulze. Naja, auch nicht so prall, auch wenn ich mal bei einer Lesung von ihm war, die ich recht unterhaltsam fand. Zumindest unterhaltsam genug, um meiner lieben Erzeugerin ein handsigniertes Buch von ihm zu schenken. Irgendwie werde ich dieses Thema heute nicht los – doch zuviel Freud gelesen?

PS: Ach ja² – nach ein paar Nachbesserungen hat es doch funktioniert mit der lockerflockigen Pop-Schreibe: Rainald Goetz!!! Ich habs einfach drauf! ;-)

[Nächste Woche dann mehr in der Reihe: Ecce Thiel – Warum ich so geile Texte schreibe ^^]

  1. Eines mit Heinrich Heine – und tatsächlich eines, das auch „heinianisch“ wirken sollte. Eine gewisse Objektivität scheint dem Test also tatsächlich zuzukommen. [zurück]

Das Subjekt denken im Zeitalter seines Sturzes // David Sherman: „Sartre and Adorno. The Dialectics of Subjectivity“

Selten, dass ich im Vorfeld einem Buch mit so hohen Erwartungen begegne – und dass diese auch noch erfüllt werden. Vielleicht lag es auch daran, dass ich fast einen Monat lang sehnsüchtig auf den Original US-Import warten musste – jedenfalls kann ich David Shermans Studie Sarte and Adorno. The Dialectics of Subjectivity all jenen, die sich für das bereits im Titel angesprochene Thema interessieren, wärmstens empfehlen. Das Warten und der nicht allzu geringe Preis haben sich vollauf gelohnt.

Wer sich ein bisschen mit Sartre und Adorno auskennt, merkt sofort, wie paradox der Versuch wirken muss, beide Philosophien irgendwie aneinander annähern zu wollen. Während Sartre sich nie zu Adorno geäußert hat, hatte Adorno für Sartre und den Existenzialismus im Allgemeinen nur schärfste Polemik übrig. Demgegenüber versucht Sherman zu zeigen, dass Sartre und Adorno im Grunde ein ganz ähnliches philosophisches Programm verfolgen: einen Begriff des Subjekts zu entwickeln, der dieses nicht einfach als soziohistorisches „Konstrukt“ preisgibt ohne es idealistisch zu überhöhen. Beide gehen vom „identischen Subjekt-Objekt“ des deutschen Idealismus aus, um es von innen heraus aufzusprengen – Sarte vom Standpunkt des Subjekts, der 1. Person, Adorno von dem des Objekts, der 3. Person. Es ist leicht zu ersehen, dass die Wahrheit in der Vermittlung der beiden kontroversen Standpunkte liegen würde. Während Sartre mit seiner phänomenologischen Methode in Gefahr läuft, die Geschichte auszuklammern und den gegenwärtigen Gesellschaftszustand zu ontologisieren, setzt Adornos Versuch, das Subjekt radikal historisch zu denken ohne es preiszugeben genau ein nicht-metaphysisches Subjekt voraus, wie es Sartre in Das Sein und das Nichts konzipiert. Ein Subjekt, das nicht – wie klassischerweise bei Descartes, Kant und auch noch Kierkegaard – als weltjenseitiges, innerliches gedacht wird, sondern immer schon auf die Welt – Dinge und andere Subjekte, den Körper, die gesellschaftliche Situation etc. – bezogen ist – in diesem Bezug jedoch zugleich absolut frei ist. Als normatives Ziel sowohl der „negativen Dialektik“ Sartres als auch der Adornos sieht Sherman dann eine „vermittelnde Subjektivität“ („mediating subjectivity“), die ihrer Vermitteltheit eingedenk zugleich gerade durch diese Reflexion die gesetzten Bedingungen ihrer Existenz zu überschreiten vermag – als Keimzelle radikalen sozialen Widerstands, der ohne als frei gedachte Subjekte nicht zu haben ist.

Wie man als in der gegenwärtigen Theorielandschaft beheimateter Mensch sofort merkt, sind diese Thesen keinesfalls unumstritten, sondern der hegemonialen ideologischen Tendenz sogar strikt entgegengesetzt. Sherman hat sich in seinem Bemühen, Sartre und Adorno zu vermitteln und zugleich zu retten, mit zahlreichen Gegnern und falschen Freunden aus verschiedensten theoretischen Lagern auseinanderzusetzen, die alle eint der Punkt eint, dass das Subjekt und seine Freiheit eine bloße Illusion seien, von der man sich nicht nur in Philosophie und Wissenschaft, sondern (zumindest in manchen Ausprägungen) auch in der Praxis frei zu machen habe. Im Grunde hat Sherman also geschätzte 3/4 der akademischen Welt gegen sich – ob Biologisten, Positivisten, analytische Philosophen, Poststrukturalisten, Dekonstruktivisten oder Habermasianer. Insbesondere mit den drei letzt genannten beschäftigt sich Sherman ausführlich. Er versucht, im Anschluss vorallem an Adornos Heidegger-Kritik, zu zeigen, dass der „linguistic turn“, der „Tod des Subjekts“ oder gar „des Menschen“ keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse in dem Sinne zum Ausdruck bringen, dass es sich um ahistorische Wahrheiten handeln würde, die man erst jetzt plötzlich entdeckt hätte, sondern dass dieses schulübergreifend geteilte Paradigma vielmehr die bereits von Adorno reflektierte Tendenz zur ganz realen Auflösung des Subjekts in der „total verwalteten Welt“ ideologisch artikuliert – und dabei zugleich ontologisiert und affirmiert. Solange freilich – so Sherman – das freie Subjekt überhaupt noch gedacht werden kann, ist die gesellschaftliche Tendenz zu seiner völligen Auflösung in den gesellschaftlichen Strukturen noch nicht gänzlich vollzogen – und gibt es zugleich noch die Hoffnung auf Widerstand, der eine Umkehr bewirken könnte. Genau dies können die antisubjektivistischen Theoretiker kaum mehr denken – bzw. müssen dann doch wieder so etwas wie ein freies Subjekt annehmen (der späte Foucault), auf selbst metaphysische Konzepte zurückgreifen (Derridas „differánce“) oder auf die Wunderwirkungen kantianischer Ethik hoffen (Habermas & Co.).

Shermans Forschungsinteresse ist also keineswegs rein theoretisch, sondern er wird nicht müde zu betonen, dass es ihm darum geht, die theoretische Bedingung des Möglichkeit radikalen Widerstands zu sichern. Dieser Anspruch wirkt freilich etwas seltsam – so, als könnte man den Lauf der verwalteten Welt entschleunigen, bremsen oder gar umkehren, nur, indem man Subjektphilosophie betreibt – als wäre das Subjekt schon dadurch gerettet, dass man es denkt. So heißt es etwa in der Einleitung in einer Kritik an Slavoj Zizek:

Without a commitment to efficacious subjects – a commitment whose very possibility is being progressively undermined by a polity that is ever more constructed in the circuits of contemporary „postmodern“ capitalist globalization processes – there can be no basis for change, and this only plays into the hand of those groups that most profit from the prevailing order if things. (p. 2)

Hier wird ein Theorie-Praxis-Verhältnis impliziert, dass den postmodernen Vorstellungen von Diskursmachtpolitik wiederum auffallend nahe steht. Doch es wäre wohl wiederum zu einseitig, diesen Punkt von Shermans Kritik vollständig von der Hand zu weisen: natürlich macht es für das Selbstverhältnis und damit die Praxis des Einzelnen einen enormen Unterschied, ob er oder sie sich als Kreuzungspunkt von Diskursen, Heideggersches „Da-Sein“, kantianisches Moralsubjekt oder Sartresches „In-der-Welt-Sein“ begreift. Deterministische Theorien lassen sich immer als Entschuldingsideologien für den herrschenden Umständen adäquates Verhalten verwenden – worauf nicht zuletzt Sartre ja nicht müde wird hinzuweisen. Selbst wenn Bücher wie das vorliegende von Sherman oder die Zizeks nur eine relativ kleine unmittelbare Wirkung entfalten dürften, werden in ihnen doch ideologische Kämpfe ausgetragen, die letztendlich doch politisch-praktisch relevant sind. Unter dem Vorbehalt, dass hier die Gefahr eines ziemlich akademistischem Idealismus zu liegen scheint, würde ich also Shermans Kritik an den affirmativen Auswirkungen des „linguistic turn“ durchaus zustimmen, zumal Sherman an Adorno gerade kritisiert, dass dieser als einzigen Ort des realen Widerstands höchst undialektisch die Theorie ausmache:

When Adorno speaks to „resistance“, he is usually speaking only to theoretical resistance, which – even when self-reflectively aware of its own inherent limitations – tends to approach the sort of Kierkegaardian inwardness that he otherwise rejects. And, indeed, as with Kierkegaard, this has serious implications for subjectivity: consciousness tends to draw into itself the mean reality from which it tries to withdraw. Although we can wholeheartedly agree with Adorno when he asserts that „theory and practice … cannot be glued together in a synthesis ([Negative Dialectics], p. 286), then, it is no more the case that theory and practice can be split off from one another, for this presupposes the very separation that he is properly rejecting in Kant’s dualistic subject, and it collapses into an identity theory that is no less virulent. Indeed, in terms of practice, it might well put Adorno only one step behind Kant, who says in „What is Enlightenment?“ that the need for the absolute freedom of critique must be offset by practical obedience. Ultimately, then, just as practically committed resistance must preserve its theoretical wits, lest it falls into apologetics, theory must engage with the most emancipatory form of practice that is available in a coercive world, lest the world move beyond not only the possibility of any emancapatory theory. Practice is required to keep critical theory alive, for in the absence of oppositional practices that might staunch the movement toward the „totally administered society,“ there will no longer be any space for oppositional theories. (p. 259)

Was genau „the most emancipatory form of practice“ in der heutigen Welt sein soll, benennt Sherman freilich nicht. Es wirkt auch etwas seltsam, hier nur von einer „form“ zu sprechen.

Jedenfalls liefert Sherman eine klare Darlegung subjektivitätstheoretischer Fragestellungen „auf der Höhe der Zeit“, wie es so schön heißt, die relativ plausibel macht, dass es sich dabei nicht um rein akademische Fragestellungen, sondern die konkreten Fragestellungen unserer Epoche handelt – wie können wir uns in der heutigen Zeit einen Rest an Autonomie bewahren, ohne in die Innerlichkeit der „schönen Seele“ zu verfallen? Sherman liefert dafür – wie auch? – zwar keine konkreten Handlungsanweisungen, aber einen begrifflichen Rahmen, in dem man darüber überhaupt erst nachdenken kann.

Auszüge des Buches auf google books

Sartre goes Gegenuni // Sartre über Freiheit, Unbewusstsein und Sexualität

Und schon folgt der zweite Streich: ein kurzer Bericht über die Veranstaltungen zu Jean-Paul Sartre im Rahmen der 11. Gegenuni. Kernthema ist Sartres Begriff der Sexualität – man sieht zugleich, wie progressiv Sartres Verständnis von „Perversionen“ wie Homosexualität oder „Sadomasochismus“ war. Natürlich ist es nicht möglich, derart komplexe Theorien auf vier Seiten zusammenzufassen – es handelt sich also eher um einen teaser, der Lust auf mehr machen soll. Denn für das nächste Jahr ist eine weitere Veranstaltungsreihe geplant, die u.a. auch einen Lesekreis des Kapitels Die konkreten Beziehungen zu anderen
(in dem sich eben u.a. Sartres Theorie der Begierden befindet) beinhalten soll.

Weitere Informationen zu den Aktivitäten des Sartre/Heidegger-Lesekreises und der nächsten Veranstaltungsreihe gibt es u.a. auch über die Mailadresse jpsartre [“at“ einfügen] email.de.

Download des Berichts als pdf

Politologieprofessor schlägt Sarrazin mit eigenen Waffen

Wer selbst auf blogsport bloggt, hat es wohl schon gelesen: der Blog The Dishwasher hat auf einen Artikel des Politikwissenschaftlers Volker Eichener aufmerksam gemacht, der mit bewunderswerter Akribie das Buch „Deutschland schafft sich selbst ab“ von Thilo Sarrazin zerpflückt. Anscheinend wimmelt es in diesem Machwerk nur so von wissenschaftlichen Anfängerfehlern, die Sarrazins Anspruch, „unideologisch“ und „auf Fakten gestützt“ zu argumentieren ziemlich konterkarieren. Selbst an den Standards empirischer Sozialforschung gemessen scheint dieser Bestseller, von dem sich laut wikipedia bereits 650.000 Exemplare verkauften, eine ziemliche Luftnummer zu sein. Eine Lektüre lohnt dieser Artikel also allemal. Nicht einmal die einfachsten Anforderungen an eine stringente Argumentation werden erfüllt: so werden wiederholt Statistiken als Belege herangezogen, die die behaupteten Daten überhaupt nicht enthalten. Man fragt sich, ob dieses Buch überhaupt jemals lektoriert worden ist. Naja, dem Verlag ist bei diesen Verkaufszahlen wohl alles recht.
Man erfährt u.a. auch, dass einer der großen Vorbilder Sarrazins explizit der britische Eugeniker Francis Galton ist, der u.a. der Ansicht war, dass „es eine größtenteils völlig unvernünftige Sentimentalität gegenüber der schrittweisen Auslöschung einer niederen Rasse gibt“ (wiki).

Begrüßenswert ist, dass Eichener die moralische Ebene verlässt und versucht, Sarrazin auf der Basis von reinen Tatsachen auszuhebeln. Denn das scheint ja der O-ton der meisten Sarrazin-Kritiker zu sein: „In der Sache hat er ja recht, aber so darf man das natürlich nicht sagen.“ Freilich ist auch hier Vorsicht geboten: man könnte schließlich zu entgegengesetzten Schluss kommen: „Wenn Sarrazins Tatsachenbehauptungen zutreffen würden, würde ich sein politisches Programm absolut unterstützen.“ Beides ist eine fragwürdige Position.

Die ganze Diskussion zeigt wieder einmal, dass grundsätzlich misstrauen gegenüber denen geboten ist, die von sich selbst behaupten „völlig ideologiefrei“ zu argumentieren: diese Art von Ideologiefreiheit ist selbst die größte Ideologie. Es ist ja gut und schön, dass die zahlreichen Sarrazin-Fans anscheinend wert auf große Wissenschaftlichkeit legen. Doch im heutigen Zeitalter des „Fakten“-Fetischismus ist es wohl nicht sehr gewagt, den Ausspruch zu tätigen: „Stelle irgendeine obskure Behauptung auf und ich ergoogle dir eine empirische Studie, die sie belegt.“ Oder – falls selbst das nicht fruchtet: interpretier an der Studie einfach was du willst, merkt eh keiner. Geht es um rein begriffliche Argumentation, kann man sich immerhin noch auf seinen logischen Spürsinn – sofern ausgebildet – verlassen, um Scharlatene zu durchschauen. Doch je mehr sich eine Argumentationskette nur auf empirische Belege stützt, ist Betrug Tür und Tor geöffnet. Wer macht sich schon die Mühe und prüft die zitierten Quellen eines Buches – zumindest nicht der, der mit der Konklusion der Argumente ohnehin einigermaßen zufrieden ist (wie wohl ein Großteil der Sarrazin-Fans). Ein an sich aufgeklärtes Bedürfnis nach logischer Stringenz und empirischer Stichhaltigkeit schlägt so um in einen absolut voraufgeklärten Glauben an wissenschaftliche Autoritäten („amerikanische Wissenschaftler haben in einer neuen Studie herausgefunden …“ – ein Satz wie ein Warnschild).
Oder, um mit einem bedeutenden deutschen Dichter zu sprechen:

Schüler:

Fast möcht ich nun Soziologie studieren.

Weiser Mann:

Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzenei ist’s kaum zu unterscheiden.
Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur einen hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen- haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

Schüler:

Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.

Weiser Mann:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Fakt zur rechten Zeit sich ein.
Mit Fakten läßt sich trefflich streiten,
Mit Fakten ein System bereiten,
An Fakten läßt sich trefflich glauben,
Von einem Fakt läßt sich kein Jota rauben.
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Eine Einführungs ins „Kapital“

Nachdem ich kürzlich Michael Heinrichs Kritik der politischen Ökonomie kritisiert habe, möchte ich diesmal eine in völlige Vergessenheit geratene Alternative dazu vorstellen: Das Kapital zum Selbststudium von Erhart Löhnberg (Frankfurt 1975). Das zweibändige Taschenbuch fasst bündig nicht nur alle drei Bände des Kapital zusammen, anstatt sich wie Michael Heinrich weitgehend auf den ersten Band zu beschränken, sondern liefert auch einen Überblick über wichtige nachmarxsche Debatten, wie insbesondere einen sehr umfassenden über die „klassischen“ Debatten zur Marxschen Krisentheorie. Wer etwas näheres über die Marxschen Reproduktionsschemata wissen will, einem der zentralsten Theoreme zum Verständnis der kapitalistischen (Re-)Produktionstotalität, oder wie genau Marx die Grundeigentümer als dritte große Klasse der modernen kapitalistischen Gesellschaft neben Proletariat und Kapitalisten beschreibt – also landlords wie die Ölscheichs –, jedoch keine Zeit findet, das Original zu lesen, ist mit Löhnbergs verdienstvollem und meines Wissens einzigartigem Werk sehr gut beraten.

PS: Hab gerad mal geguckt: ist bei amazon günstig zu erwerben.

Eine Einführung in den Marxismus

Meiner Erfahrung nach findet die Aneignung der Marxschen Kritik in den meisten Fällen recht planlos statt. Am wenigsten über die Lektüre von Primärtexten, sondern vorallem über Sekundärliteratur. Das Primärwerk von Marx und Engels wird mit einer Art künstlichen Aura versehen – es sei einem Verständnis nur bereits Studierten zugänglich, eine vereinzelte Aneignung ohnehin vollkommen sinnlos. An dieser Auratisierung sind verschiedenste Gruppen aus verschiedensten Interessen beteiligt.
Unterschlagen wird dabei, dass die beste „Einführung in den Marxismus“ noch immer von Marx und Engels selbst verfasst wurde. Sie wird kurz Anti-Dühring genannt, trägt den vollen Titel Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft und findet sich in MEW Band 20. Im Rahmen der Kritik an dem heute zu Recht völlig vergessenen „arischem Sozialisten“ (Selbstbezeichnung) werden darin die wichtigsten Kernpunkte der Marxschen Kritik in knapper und bewusst allgemein verständlicher Form – ging es doch schließlich explizit darum, die theoretische Hegemonie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung zu erringen – erläutert. Auch wenn die Schrift bis auf ein Kapitel (über die Geschichte der politischen Ökonomie) von Engels verfasst wurde, kannte Marx den Entwurf.
Irgendwelche speziellen Vorkenntnisse werden im Grunde nicht vorausgesetzt, das Buch liest sich ausgesprochen schnell. Manchmal wirkt es etwas kleinkariert, wenn etwa anhand irgendwelcher Details der preußischen Gesetzgebung der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts weiter nachgewiesen wird, als dass Eugen Dühring – wieder einmal – keine Ahnung von dem hat, über das er schreibt. Insbesondere das von Marx verfasste Kapitel krankt sehr an dieser Vernarrtheit in Detailfragen. Doch letztendlich bleibt es doch unterhaltsam, wenn Marx und Engels in ihrer ironisch-polemischen Art Stück für Stück auf allen Wissensgebieten den selbsternannten „Reformator der Wissenschaft“ auseinandernehmen.
Gleichzeitig steht der Anti-Dühring in keinem guten Ruf. In seinem populären Bändchen Kritik der politischen Ökonomie (Stuttgart 2005) verbreitet Michael Heinrich etwa:

Indem nun Engels Eugen Dühring nicht nur kritisierte, sondern ihm auf verschiedenen Gebieten auch die „richtigen“ Positionen eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ entgegensetzen wollte, legte er die Grundlage für einen weltanschaulichen „Marxismus“, der von der sozialdemokratischen Propaganda dankbar aufgenommen und immer mehr verflacht wurde. (S. 23)

Kennzeichend für diesen „Weltanschauungsmarxismus“ sei: „Ein äußerst simpel gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichlichkeiten wurden zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert.“ (ebd.) Ein „ökonomistisches“ und „deterministisches“ Weltbild werde propagiert.
Unterschlagen wird hier, dass die Schrift zusammen mit Marx verfasst wurde, dass Engels über weite Strecken nichts anderes tut, als Marx‘ Schriften zusammenzufassen. So wie den frühen vom „reifen“ Marx spaltet Heinrich nocheinmal den „wissenschaftlichen“ Marx vom „weltanschaulichen“ Engels. Der „reife“ Marx ist eigentlich nur der Marx des Kapital, alle Sachen, die Michael Heinrich an Marx nicht passen, werden entweder Engels oder dem „frühen“ Marx zugeschrieben. Er hat recht darin, dass im Kapital die Marxsche Kritik tatsächlich in ihrer höchsten Reflexionsstufe entfaltet ist und jeder, der die gegenwärtige Gesellschaft wirklich verstehen will, das Kapital lesen sollte. Doch die Verkürzung des „wissenschaftlichen“ Marx auf diese drei Bände klammert aus, dass sich nahezu alle Elemente, die ihm am Anti-Dühring nicht passen, im Kapital genau so zu finden sind. Dabei schreibt Marx selbst in seinem Vorwort zu Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, einer Schrift, die auf einem Auszug aus dem Anti-Dühring basiert:

Wir bringen in der vorliegenden Broschüre die treffendsten Auszüge aus dem theoretischen Teil des Buchs, die gewissermaßen eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus bilden. (MEW 19, S. 185; Herv. im Orig.)

Eine seriöse Einführung in eine Theorie sollte zumindest die Theorie ersteinmal so darstellen, wie sie konzipiert wurde – und nicht so, wie man sie gern hätte. Zumal es unklar ist, wieso es gerade das schlimme am Anti-Dühring sein soll, dass er einer „falschen“ eine „richtige“ Anschauung entgegenstellen würde. Theoretische Kritik kann größtenteils garnicht anders funktionieren und nicht anders funktioniert auch Michael Heinrichs Kritik am Anti-Dühring, nicht anders verfährt Marx mit den von ihm kritisierten bürgerlichen Ökonomen. Gerade darin, dass der Anti-Dühring zugleich ein Pro-Marx liegt die bleibende Relevanz dieser Schrift begründet.

Die Kritik von Michael Heinrich ist trotzdem in vielen Punkten berechtigt. Doch mit seiner auf wenige Phrasen reduzierte Kritik leistet er nichts anderes, als den Anti-Dühring aus dem Kanon interessierter Leser zu verbannen. Eine ihres Names würdige Einführung hätte eher die Verdienste und Vorzüge dieser Schrift hervorheben sollen. Tendenziell wird der Kanon so – neben einem Berg von Sekundärliteratur – ohnehin auf das Kapital reduziert. Doch wer nur das Kapital gelesen hat, lernt Marx – trotz der darin enthaltenen Verweise auf die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft – im Grunde nur als Ökonomiekritiker kennen. Die Staats- und Ideologiekritik sowie die (anti-)philosophischen Grundlegungen der Marxschen Methode bleiben auf der Strecke. Der Vorzug des Anti-Dühring ist eben, dass die Marxsche Kritik im Bezug auf (nahezu) alle relevanten Bereiche angewandt wird: von der Philosophie ausgehend zur Naturwissenschaft, Mathematik Moral, Geschichte, Ökonomie und Politik.1 Für Michael Heinrich scheint gerade dieser Anspruch, eine Theorie zu gründen, die sich auf die Totalität der menschlichen Lebenszusammenhänge wie der Natur bezieht, „weltanschaulich“ zu sein. Marx und Engels charakterisieren sich mit diesem zu ihrer Zeit noch nicht so negativ wie heute konnotierten Begriff ganz offen selbst – er passt zum expliziten Programm ihres umgestüpten Hegelianismus: es geht um das Begreifen der Totalität, doch nicht „von oben“ durch ein idealistisches, den Gegenständen aufgepropftes System, sondern „von unten“ durch arbeitsteilige, gewissenhafte Detailforschung. Die „Gesetze der Dialektik“ sind nichts anderes als der „Überbau“ des „wissenschaftlichen Sozialismus“, die höchste Verallgemeinerung der im Einzelnen gefunden Gesetzmäßigkeiten. Dieses Projekt ist also weitaus weniger dogmatisch, als Michael Heinrich es suggeriert (obwohl er witzigerweise mit genau einer solchen Bemerkung zu Marx‘ Dialektikbegriff aus dem Anti-Dühring in Fußnote 5 zitiert, im ganzen Abschnitt über Dialektik eigentlich nur den Anti-Dühring referiert).
Diese Marx-Zerstückelung verengt letztendlich das Verständnis des Kapital. Denn dieses steht eben nicht für sich, sondern steht nach Marx‘ und Engels‘ eigenen Aussagen eben im Kontext einer gesamten „Weltanschauung“, einer umfassenden Theorie der Totalität. Insbesondere die philosophischen Grundlagen des Marxschen Materialismus geraten so in Vergessenheit: als Lückenbüßer tritt eine „anti-metaphysische“ Phraseologie, von der Heinrichs Marx- und Engels-Kritik ein geeignetes Exempel ist, an. Dabei macht die Stoßrichtung auf die Totalität gerade den subversiven, antiakademischen Stachel der Marxschen Kritik aus.

Die Pointe ist, dass gerade im Anti-Dühring zentrale Elemente dessen, was man sinnvollerweise in der heutigen Zeit als „Weltanschauungsmarxismus“ bezeichnen könnte, messerscharf kritisiert werden. So wird beispielsweise als Grundwiderspruch des Kapitalismus der zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung genannt. Der Klassenkampf ist nur ein Ausdruck dieses Grundwiderspruchs, nicht der eigentliche Kern der kapitalistischen Misere. „Klassenherrschaft“ ist zugleich nichts, was aus einer moralischen Position überzeitlicher Ideale (Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit etc.) heraus kritisiert werden würde – sie hatte in der Vergangenheit ihre historische Berechtigung, obsolet wird sie erst durch die im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte. Auch die Staatskritik wird in eindeutiger Schärfe ausgesprochen, die sich bereits wie eine Warnung vor dem Staatssozialismus aller coleur liest:

Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. (S. 260)

Auch die Kritik an Dührings Geschichtsverständnis, das alles Übel aus „der Gewalt“, also politischen Herrschaftsverhältnissen ableitet, anstatt notwendige ökonomische Basis jedweder Herrschaft zu begreifen (banal: wer Waffen haben will, muss sie ersteinmal besitzen; wer Sklaven/Leibeigene/Proletarier/Frauen/… ausbeuten will, muss ihnen erstmal zu fressen geben können; Klassenverhältnisse sind vielmehr durchaus in einem gewissen Zeitraum zum Vorteil beider Seiten wirkende Austausch- denn Unterjochungsverhältnisse, sobald der – historisch stets relative – Vorteil aus ökonomischen Gründen verschwindet, werden die jeweiligen Klassenverhältnisse umgestürzt oder alle an ihnen beteiligten Klassen gehen unter), liest sich wie eine vorweggenommene Kritik an der gegenwärtig wieder so beliebten „Staatskritik“, wie sie prominent der Gegenstandpunkt vertritt, nach der der gesamte Kapitalismus nichts anderes als eine auf Gewalt basierende Einrichtung des bösen Staates sei.

Als Fazit bleibt nur noch festzuhalten: Finger weg von Decker, Heinrich und Co., lest das Original!

PS 1: Das heißt nicht, dass ich nicht einige Kritik am Anti-Dühring habe. Genauso, wie einige Aussagen Engels‘ zur Naturwissenschaft heute überholt sind, wurden viele der Aussagen über die Entwicklung des Kapitalismus einstweilig von der Geschichte widerlegt. Zu kurz kommt in der Tat der „subjektive Faktor“, die Ideologie und Psychologie, die als bloßer „Reflex“ objektiver Verhältnisse, nicht als relativ autonome Sphäre verstanden wird. Dies drückt sich schlagend darin aus, dass Marx und Engels kaum Kritik an Dührings Rassismus und Antisemitismus hatten – für sie war es undenkbar, dass in Deutschland nicht der „wissenschaftliche Sozialismus“, sondern der Antisemitismus die Massen ergreift.
So heißt es zu Dührings Antisemitismus:

[S]elbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph, der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen« beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:

»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.« (S.204)

Der Antisemitismus wird nicht als höchst modernes „Kokain des Volkes“, sondern als mittelalterliches Überbleibsel gedeutet, dem ohnehin nurmehr reaktionäre Großgrundbesitzer anhängen würden. Kritisiert wird nur die „Übertreibung“, nicht das „Gerücht über die Juden“ an sich. Die Gefahr eines „arischen National-Sozialismus“ konnten und wollten Marx und Engels nicht sehen – sie entsprach in der Tat nicht ihrem deterministisch, fortschrittsgläubigen Weltbild. Aufs Subjekt zielende Denker wie Nietzsche, der in der Genealogie der Moral den Antisemitimus gerade ins Zentrum seiner Dühring-Kritik rückt, ihm vorausahnend nicht nur einen Seitenblick widmet – was auch Dührings Werk und seiner Nachwirkung sicherlicher gerechter wird – , waren hier klüger. Eine materialistische Kritik hieran ist ohne Zweifel eine Notwendigkeit für jeden aktuellen Versuch, irgendwie an Marx und Engels anzuknüpfen.
Doch gegenüber einer kontraproduktiven Pseudokritik wie der von Heinrich beziehe ich lieber eine affirmative Position zu einem der „Handbücher jedes klassenbewussten Arbeiters“ (Lenin, zit. nach MEW 20, S. XII).

PS 2: Verwiesen sei an dieser Stelle zudem auf eine höchst bündige und klare Darstellung des ersten Bandes des Kapital, die Engels Ende der 60er Jahre für eine deutsche Zeitschrift verfasste: http://antifahorgau.blogsport.de/2008/07/19/das-kapital/

  1. Ausgespart bleibt – wie im gesamten Marxschen Werk – freilich die Psychologie. Vgl. hierzu meine Kritik in PS 1.[zurück]

Sartre vs. Heidegger

Heidegger in grüner Jägerjoppe und Spazierstock auf einer Bank. Schaut nachdenklich nach vorne.

Im Rahmen des Lektüreworshops „Sartre vs. Heidegger“ haben wir inzwischen den Vortrag „Ist der Existenzialismus ein Humanismus?“ zu Ende gelesen und wollen uns in der Folge dem „Brief über den Humanismus“ Heideggers widmen.
Da wir ohnehin einen neuen Text beginnen, sei jede/r Interessierte/r hier noch einmal herzlich eingeladen dazuzustoßen.
Nächster Treffpunkt ist Mittwoch, der 26.5., um 18:00 Uhr im IVI.

Desweiteren sei noch auf einen kleinen. von mir gehaltenen, Vortrag zum Verhältnis von Sartre und Heidegger, insbesondere was die von uns gelesenen Texte betrifft, verwiesen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf biographischen Fakten einerseits, den einschlägigen Äußerungen in Sartres „Das Sein und das Nichts“ andererseits.
Vorneweg allerdings eine kleine Relativierung: der Vortrag wird keineswegs streng wissenschaftlich-akademischen Maßstäben gerecht und beansprucht dies auch nicht. Es handelt sich eher um eine Zusammenstellung meiner bisherigen Lektüreeindrücke, die insbesondere, was Heidegger betrifft, relativ spärlich sind. Heidegger wird deshalb auch nahezu vollständig aus Sartres Brille referiert.
Nichtsdestotrotz ein lesenswerter kleiner Text, den ich zumindest für fundiert genug halte, veröffentlicht zu werden:

Zum Vortrag als pdf-Datei.

Klassiker der Gegenaufklärung – heute: Sören Kierkegaard

Der abscheuliche Satz T.S. Eliots [nicht zu verwechseln mit T(hiel) S(chweiger); TS] gegen den Sozialismus, dieser ziele auf eine so vollkommene Ordnung der Dinge, daß es der Liebe nicht mehr bedürfe, ist orthodoxer Kierkegaard. […] Der vulgäre Tiefsinn von heutzutage, man dürfe an das Böse, das mit der Erbsünde in die Welt gekommen sei, seines erhabenen Stammbaums wegen nicht rühren, ist in Kierkegaard vorgebildet. […] Seine Attraktionskraft erklärt sich dadurch, daß er mit den Mitteln der Aufklärung, eben in ihrer höchsten Hegelschen Gestalt, Aufklärung verunglimpfte. […] Ohne es sich träumen zu lassen, hat er daran mitgewirkt, dem ausgespitzten Obskurantismus der totalitären Zeiten das intellektuelle gute Gewissen zu schaffen. Sein Denken empfahl sich als eines, das virtuell Denken durchstreicht.

(T.W. Adorno: Kierkegaard: Konstruktion des Ästhetischen. Frankfurt 2003, S. 246)

Was der gute alte Teddy 1963 schrieb, hat nach wie vor Gültigkeit. Im Zeitalter des sich entfesselnden Hochkapitalismus bei gleichzeitigem Verfall der Religion zur bloßen Ideologie unter vielen versuchte Kierkegaard verzweifelt, diesem Verfall durch eine neue, „existenzielle“ Begründung des Glaubens Einhalt zu gebieten. Dies war nur möglich, durch einen Rückfall in radikale Gegenaufklärung, die den vollständig mystifizierten Glauben als blankes Gebot postuliert und somit gegen Kritik hermetisch abriegelt. Bei aller Sympathie für Kierkegaards Widerstand gegen den Weltlauf wie die rationalistischen Systeme der Aufklärung, schuf er doch nur ein System, dass noch repressiver ist. Der Denker der radikalen Innerlichkeit, Vollender des Protestantismus, kann Emanzipation nur mehr als radikalen Rückzug ins eigene Selbst denken – jede Hoffnung auf irdische Erlösung ist a priori suspendiert.
Demgegenüber ist nur vernichtende Kritik angebracht, die die Widersinnigkeit der Kierkegaardschen Begriffe schonungslos aufdeckt. Es sind bloße salbungsvolle Worthülsen, denen kein gewisser Inhalt innewohnt. Man kann kaum sagen, dass Kierkegaards Thesen „falsch“ wären – sie sind schlichtweg sinnlos.

Im universitären Rahmen habe ich dies, in Anschluss an Adorno, so gut es mir möglich ist versucht. Als Material diente mir Die Krankheit zum Tode, eine der systematisch wichtigsten Arbeiten Kierkegaards, in der er wie sonst kaum den Anspruch erhebt, rational einsichtig den Begriff der „Verzweiflung“, damit zugleich den des „Glaubens“ (als Aufhebung der Verzweiflung), aus dem des „Selbst“ zu deduzieren. Dieser Versuch sei angesichts der andauernden Kierkegaard-Begeisterung gewisser agnostizistischer Kreise an dieser Stelle veröffentlicht. Es bleibt dabei, dass Emanzipation nur mit, nicht gegen die Aufklärung zu verwirklichen ist, dass sich gesellschaftliche Freiheit unmittelbar auf selbstreflexive Vernunft stützt, dass nicht eine Freiheit zur, sondern nur eine Freiheit von der Religion das Ziel tätiger Vernunft sein kann.

Zum Text „Die Axiome der Krankheit zum Tode – Versuch einer Kritik“

PS1: Passend zum Themenkomplex organisierst die Antideutsche Koalition Rhein-Main am 23.2. eine Diskussionsveranstaltung zu den aktuellen Ereignissen im Iran unter dem Motto „Down with islamic fascism“. Zur Ankündigung

  1. (Un)passende Schleichwerbung. [zurück]



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