Archiv der Kategorie '(Un-)Glauben'

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da // Zur (Un-)Möglichkeit revolutionärer Praxis heute

Als kleine Untermalung meines Artikel zum Film Tanz auf dem Vulkan habe ich vor etwa einem Monat eine Umfrage gemacht mit der Frage, was die Lieblingsversion des Titelsongs des Films, „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, ist. An der Umfrage haben sich 5 Leute beteiligt, 3 gaben an „Ich hasse das Lied“, 2 „Nur das Original von Gründgens!“ Ich schließe die Umfrage hiermit und möchte das Ergebnis für sich sprechen lassen.

Zu meinem Artikel vielleicht noch ein kleine Nachbemerkung:
Es gab, leider nicht auf diesem Blog selbst geführt, an anderer Stelle heftige Debatten um ihn, die ich mir beim Verfassen kaum hätte ausmalen können. Ich möchte an dieser Stelle nicht im Detail darauf eingehen. Im Wesentlichen wurde mir (zumindest, soweit ich die Kritik nachvollziehen konnte) die Verwendung des Begriffs „revolutionärer Nationalsozialismus“ vorgeworfen. Ich fand diese Debatte auch für mich selbst, zumindest teilweise, recht fruchtbringend und möchte daher diese Verwendungsweise kurz erläutern.
Für mich ist der Begriff „Revolution“ oder „revolutionär“ ein rein deskriptiver, kein wertender Begriff (weder in einem positiven noch in einem negativen Sinne). Er bezeichnet schlicht grundlegende Umwälzungen (eben Re-Volutionen von lateinisch „revolutio“) auf bestimmten sozialen Feldern. Es gibt politische, soziale, ökonomische, kulturelle, künstlerische Revolutionen etc. Sie können in eine fortschrittliche, emanzipatorische, in eine regressive Richtung weisen, ambivalent oder sogar indifferent sein (wobei mir im Augenblick kein Beispiel für eine indifferente Revolution einfällt – aber ich möchte nicht ausschließen, das es soetwas gibt, zumal solche Urteile ja auch immer vom Standpunkt des Betrachters abhängen). Insofern verstehe ich die Verärgerung darüber, dass ich von einem „revolutionären NS“ spreche, nicht, zumal ich in dem Artikel ja deutlich genug von einer „Scheinrevolution“ spreche.
Dass der NS eine „Scheinrevolution“ ist, ergibt sich meines Erachtens daraus, dass er die wesentlichen Grundstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft unangetastet lässt oder nur auf einer symbolisch-imaginären Ebene aufhebt. Auch die Massenvernichtung an den Juden war insofern scheinrevolutionär. Wobei „Schein“ natürlich nicht heißt, dass es sich darum nicht um ein sehr reales Ereignis handelte – im Gegenteil, natürlich war es ein sehr „seiendes“ Ereignis. Aber es war eben „Schein“ im Hinblick auf den von den Nazis ja selbst artikulierten Anspruch, mit der Vernichtung der Juden die grundlegenden Probleme der modernen Zivilisation zu lösen. Kein einziges Problem wurde dadurch auf einer relevanten Ebene gelöst, es wurden nur zahllose Menschenleben sinnlos hinweggerafft und zahllose neue Probleme geschaffen. Genau davon geht ja die Kritik am NS aus – eine Kritik, die in gewissem Sinne, so sinnlos dieses Unterfangen angesichts der grundlegenden Irrationalität des NS-Denkens auch scheinen mag, „immanent“ ist, da sie den NS, der sich ja selbst als revolutionär verstand, beim Wort nimmt.

Ich kann die Kritik an diesem Gebrauch des Begriffs „Revolution“ daher nicht nachvollziehen. Eher nachvollziehen kann ich die, ebenfalls geäußerte, Kritik, dass meine Rede von einer „Scheinrevolution“ den höchst real-revolutionären Charakter des NS verfehlt. Ich würde zwar daran festhalten, dass der NS in dem oben beschriebenen Sinne eine „Scheinrevolution“ war – in einem anderen Sinne war er eine ganz reale Revolution. Zumindest eine politische, in mancherlei Hinsicht auch eine ökonomische und soziale. Das nicht klar zu benennen, stellt meines Erachtens eine schlichte Verharmlosung des NS dar. Man tut so, als könne man den Begriff der „Revolution“ auch nach 1933 noch ungebrochen affirmativ gebrauchen – so, als hätte es all das Gerede von der „deutschen Revolution“ nicht gegeben, so, als hätte der NS nicht ein für alle mal gezeigt, dass es schlicht noch schlimmeres geben kann als den bürgerlichen Normalzustand: seine irrational-scheinhafte „Überwindung“ im Faschismus und eliminatorischem Antisemitismus. Nein, ich würde die Kritik genau umkehren und denen, die anscheinend zwanghaft am aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Revolutionsbegriff festhalten wollen, Geschichtsblindheit vorwerfen. Sie haben nicht einmal einen zureichenden Begriff von der kapitalistischen Produktionweise. Denn diese basiert ja gerade, wie Marx, der den Begriff der „Revolution“ etwas explizit auch für technologisch verwendet, im „Kapital“ gezeigt hat, auf einer permanenten Revolutionierung der Lebensverhältnisse. Immer wieder werden neue Technologien eingeführt, immer wieder neue Menschenmassen in Arbeitslosigkeit und Elend geworfen, um ihren Nachkommen eine vermeintliche „bessere Zukunft“ zu gewähren. Wenn etwas revolutionär ist, dann ist es der Kapitalismus.

Zu guter letzt habe ich auch Probleme damit, in der heutigen Situation den Begriff der „Revolution“ auf irgendwelche konkreten heutigen politischen Praktiken, Zusammenschlüsse o.ä. anzuwenden. Als ich mich dafür entschied, diesen Blog als „subversiv“ zu bezeichnen, hing das schon mit diesem damals noch recht intuitiven Unbehagen zusammen. Heute verstehe ich dieses Unbehagen genauer: Was kann es vor dem Hintergrund der meines Erachtens doch sehr offensichtlich sehr schlechten Chancen für eine kommunistische Weltrevolution in den nächsten Jahrzehnten heißen, die eigene Praxis als „revolutionär“ zu bezeichnen? Dies kann im Grunde nur eine rein subjektive Zwecksetzung ausdrücken. In diesem Sinne bin natürlich auch ich revolutionär – ich will die kommunistische Weltrevolution. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses bloße Wollen in der derzeitigen Situation wenig bis nichts bedeutet. Auf die Wirklichkeit des Handelns kommt es an – und da sehe ich nicht, wie man ernsthaft behaupten kann, seine eigene Praxis wäre objektiv revolutionär in dem Sinne, dass sie zum Kommunismus führt.

Nein, ich habe für mich in der letzten Zeit immer klarer erkannt, dass der Glaube an die Revolution und den revolutionären Charakter des eigenen Tuns heute kaum mehr als eine Ersatzreligion sein kann. Er bringt nichts außer einem subjektiven Mehrwert für den, der ihn pflegt. Freud zitiert in einer religionskritischen Schrift ein Volkslied: „Den Himmel überlassen wir / den Engeln und den Spatzen.“ Ich bin versucht, hier Himmel durch Revolution zu ersetzen. Was man dadurch verliert, ist eine Form der Sinngebung, die jedoch letztendlich, da sie auf Unaufrichtigkeit basiert, nur von der wirklichen Welt entfremdet und frustriert. Sicher muss man daran festhalten, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu denunzieren und zu kritisieren. Doch die grundlegende Frage der Praxis heute kann meines Erachtens nicht die nach der Revolution sein. Es kommt darauf an produktive, kreative, interessante Projekte voranzutreiben, die sicherlich subversiv sind, die ihren Gebrauchswert jedoch nicht aus ihrer abstrakten Bezogenheit auf eine mögliche Revolution, sondern aus ihren ganz konkreten, unmittelbaren, diesseitigen Effekten beziehen. Ich würde etwa das IvI in Frankfurt als ein solches Projekt beschreiben.

Was mir vorschwebt, ist schlicht ein wenig mehr Realismus. Dieser Realismus wäre jedoch gerade unrealistisch, wenn er kein klares Bewusstsein von den Möglichkeiten sozialer Veränderungen beinhaltete – er ist also kein Pessimismus. Es gibt ja durchaus Zeichen der Hoffnung – und die liegen meines Erachtens genau in Projekten wie dem IvI. Doch ob diese Projekte jemals zur Revolution führen werden, ist eine Frage, die sich eben erst nach der Revolution beantworten lassen wird. Es gibt keine Garantie, dass es sie werden. Daraus folgt schlicht: wir müssen unsere Sache möglichst gut machen. Unsere Projekte müssen sich aus sich selbst rechtfertigen, nicht aus einem künftigen Himmelreich. Verzichten wir auf den Mythos der Revolution, arbeiten wir an uns selbst.

Die Empörten („occupy Frankfurt“)

Zugegeben: Mit einer USA Fahne und einem Schild auf dem „Ihr seid doch nur neidisch“ geschrieben steht (Rückseite: „lest Marx, lest Hegel“) auf die „occupy Frankfurt“-Demo zu gehen, war nicht die beste taktische Entscheidung die ich in letzter Zeit getroffen habe. Als wir uns den Spaß wenige Stunden zuvor auf einer Party ausgedacht haben, war ich mir eigentlich sicher das es nicht ganz so schlimm werden würde. Im Gegenteil: Wir hegten eher die Befürchtung das die Fahne nicht als Counterstatement gegen den antisemitischen und antiamerikanischen Teil des besinnungslosen Protestierpöbels wahrgenommen wird und die meisten denken würden wir wären lediglich solidarische New York-Okkupanten. Fail. Während der Abschlußkundgebung flogen die Fäuste und jetzt ist die Fahne kaputt und mein Handgelenk geschwollen. Eine Anzeige gegen die antisemitischen Schläger (u.A. „lutscht weiter israelische Schwänze“) wäre sinnvoll, leider bin ich kein guter Zeuge. Erstens war ich total betrunken und zweitens vollauf mit der Verteidigung der erst drei Stunden zuvor erstandenen Fahne beschäftigt.
Offensichtlich waren nicht alle Protestierenden solche dummen Arschlöcher wie die handgreiflich Empörten. Eine ältere Dame hat mir meine im Handgemenge verlorene Brille hinterher getragen. Mehrere Personen haben sich stellvertretend für ihre gewalttätigen Mitdemonstranten entschuldigt. Irgendwer hat uns sogar eine neue Fahnenstange geschenkt und mich aufgefordert nicht klein bei zu geben. Immerhin.
Von der Demo selbst habe ich nicht viel mitbekommen. Meistens war ich damit beschäftigt gegen irgendwelche verrückt gewordenen Menschen anzuschreien. Neben den obligatorischen Menschheitsbeglückern von DKP, Attac und Friedenskirche, hatten sich wohl auch einige nichteinschlägige Bürger eingereiht. Diesen Umstand konnte man deutlich an den klügeren, oder wahlweise noch dümmeren Statements als es normal üblich ist ablesen. Ungenierter Rassismus und manifester Antisemitismus hier, die erfreuliche Einsicht das eine Demonstration gegen die Charaktermasken der Finanzbranche, für die notwendige Emanzipation der Menschheit über die Zwänge der selbstreferentiellen Kapitalakkumulation untauglich ist dort.
Ich halte es durchaus nicht für völlig sinnfrei, den weniger verbohrten unter den „Empörten“, mit einem Flugblatt auf die Pelle zu rücken. Das Kapitalverhältnis ist ein Verhältnis, in dem sich die grundlegenden Mechanismen die das Leben von uns allen beherrschen, hinter dem Rücken der Akteurinnen und Akteure vollziehen. Das die Hirne eben dieser in vielerlei Hinsicht Hintergangenen, zwangsläufig diverse religiöse Mucken und barbarische Lösungsvorschläge für reale und eingebildete Menschheitsprobleme ausbrüten, braucht niemanden zu wundern. Das Kapitalverhältnis ist ein kompliziertes und gehört transzendiert. Ich bin nicht so naiv zu glauben man könne relevante Teile dieser Bewegung aufklären, oder auch nur verunsichern. Aber wer sich nicht damit abfinden möchte, das weiterhin nur die IDF die letzte line of defence gegen die finale Exekution des fetischistischen Furors der sich selbsttätig zu bloßen Staatsbürgersubjekten degradierenden Individuen darstellt, kann nichts anderes tun als weiterhin zu reden, zu schreiben, zu protestieren, d.h. Aufklärung wieder den heruntergekommen (End-)Zeitgeist zu betreiben.
Ich sehe mich aktuell außerstande ein Flugblatt zum Thema Finanzkrise und Gegenprotest zu fabrizieren, aber wenn jemand einen tauglichen Textvorschlag hat, wäre ich bei einer eventuellen Verteilaktion beim nächsten Happening vor den Bankentürmen dabei.
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Wer ist eigentlich dieser Kerl, was soll das mit dem Bild und was für einen verwirrten Kram erzählt er da in die Kamera?:

Schön wäre es ja, allerdings befürchte ich das der gestandene Antisemit Henry Ford diese Formulierung nicht im universell menschenfreundlichen Sinne getätigt hat, sondern mit dem „Geldystem“ eher die in seinen Augen wegzurevolutionierenden Juden meinte:

Selbstzweifel?:

Keine Selbstzweifel, aber ein Beleg von vielen, für den in deutschen Landen omnipotenten Staatsfetisch:

Neben der gruseligen „truther-Bewegung“ und den verschwörungstheoretischen Spinnern der „Zeitgeist Movement“, gab es noch etwas harmlosere Kuriositäten zu bewundern. Die „Einstein-Partei“:

Was sind das eigentlich immer für kannibalistische Wünsche? Dr. Freud übernehmen sie:

Nicht ganz unzutreffend:

Ein Gedicht des antifranzösischen Dichters Theodor Körners:

„Blut muss fliessen knüppelhageldick…“:

Heftigeres gab es wohl in Berlin zu sehen.

Was treibt sie?

Was treibt diese Leute auf die Straße? Der Kampf für Aufklärung? Der Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Doch warum dann keine Demos gegen Islam, gegen den Dalai Lama und andere Schrecklichkeiten? Hier will man dem Muselmann wohl nicht dazwischenfunken, schon gar nicht den friedliebenden Buddhisten.
Anders wohl beim Katholizismus. Gegen ihn anzugehen, mit dem Impetus des Tabubrechers, umgibt einen die Aura des Aufklärers. Dass dabei der Gegenstand in seiner realen Bedeutung aufgebauscht wird, muss wohl billigend in Kauf genommen werden.
Doch was ist nun der Stein des Anstoßes?
„Keine Macht den Dogmen“ – diese Losung war es, die unsere Religionskritiker vor sich trugen. Angegangen wird also ein nicht hinterfragbarer Anspruch auf Wahrheit. Doch was genau? Ist es nicht allein schon der Anspruch auf Wahrheit, der sie auf die Straßen treibt.
Ist es nicht die Absolutheit des Meinungsgeschwirrs, in dessen Namen sie gegen Absolutes vorgehen. Gültig kann nur eine Aussage sein, die auf diese Gültigkeit verzichtet. Meinungsfreiheit, eigentlich immer mit der Stoßrichtung einer Freiheit von Meinung, verkehrt sich so. Dogmatisch also will man gegen Dogmen sein.
Gerade dann erzürnt eine Institution, die mit Vernunft noch mehr verbindet als die Fähigkeit sein eigenes Süppchen zu kochen. Eine Institution, die mit der Fähigkeit zur Vernunft einen göttlichen Schimmer erkennt, der den Menschen über die Natur erhebt und damit letztlich noch einen Begriff von Eros bewahrt. Und eine Institution, die mit Vernunft mehr verbindet als ihre instrumentelle Abrichtung, stattdessen auf Versöhnung drängt.
Dagegen verkümmert bei den Kritikern der Mensch zum Primaten:

Dank für regen Gedankenaustausch hierüber an terrific-speech!

A mixtape for you

Wenn man jemanden kennen gelernt hatte den man mochte, dann war es ein Glücksfall in der Stadt erneut aufeinanderzutreffen. Man hat vor Elternhäusern herumgelungert und gewartet, Freunde befragt und kleine Zettel beschrieben. Es gab keine Handys, kein skype, keine Emails und kein Networking auf Facebook. Das war die Vergangenheit.
Ich habe auf Spielplätzen und Marktplätzen herumgestanden und gehofft das sie zufällig vorbeiläuft. Stundenlang habe ich vor meinem Doppeltapedeck gesessen um ihr ein Mixtape aufzunehmen, das ich ihr bei Gelegenheit in die Hand gedrückt habe. Die besondere Kunst und der einmalige Liebesbeweis bestand darin, die richtige Musik aufzunehmen die zu ihr, oder wenigstens meinem Gefühl passte. Songs die ihr entsprachen und ihr Wesen wiedergaben, wie ich in meiner überschwänglichen Vermessenheit fand. Die Reihenfolge musste einer selbst ausgetüftelten, vertrakten Dramaturgie entsprechen. Ich habe auch ein eigenes Cover gemalt und im Inlay jeden Titel in Schönschrift aufgelistet. Wahlweise mit einer zarten A und einer harten B Seite.
Das war in den 90er Jahren.
Was mache ich heute, wo alle tapes+tapedecks längst verrottet sind und ich weiss das sich die Person die ich aktuell gut finde, überhaupt nicht für Musik interessiert? Richtig! Ich führe ein virtuelles Selbstgespräch und veröffentliche es im Net, um wenigstens den lächerlich-liebenswert anmutenden Pathos eines an eine Mauer gesprühten „Ich liebe dich XY“-Spruches in die digitalen Zeiten der postmodernen Beliebigkeit und des Kommunikations-Overkill hinüberzuretten.

A:
1. Lacrimosa: „Sehnsucht“
2. Angizia: „Leidenschaft“
3. Amon Düül: „Deutsch Nepal“
4. The Smiths: „Asleep“
5. Pink Floyd: „Crazy Diamond“
6. Dead Moon: „Where did i go wrong“
7. Die toten Hosen: „der Schandfleck“
8. David Bowie: „Heroes“
9. F.J. Degenhardt: „Tonio Schiavo“
10. Die Ärzte: „Zu spät“
11. Sparks: „i married myself“
12. ABBA: „Suzy hang around“
13. Sparks: „she is beautiful (so what?)“
B.
14. Dismember: „Nenia“
15. Samael: „The Ones who cames before“
16. My dying bride: „the price of beauty“
17. Bodycount: „Cop-Killer“
18. Onyx: „shot em down“
19. Judas Priest: „Painkiller“
20. Death: „Lack of Comprehension“
21. Darkthrone: „to old, to be cold“
22.Trelldom: „Taake“
23. PCP: „We are from Frankfurt“
24. Nastrond: „The stake rotten in my heart“
25. Immortal: „fields of sorrow“
26. Gabba Front Berlin: „Speedcore Lacrima“

Pierre Vogel zwitschert wieder

Nachdem Pierre Vogel am 20.4. schon einmal in Frankfurt auftrat (die Neocommunistinnen veröffentlichten ein sehr cooles Flugblatt dagegen),1 wird er diesen Samstag schon wieder eine Kundgebung in dieser Stadt veranstalten (vgl. den entsprechenden Bericht der FR). Wenigstens darf er nicht über Osama bin Laden sprechen (wobei ein Nachteil solcher Redeverbote immer ist, dass er sich so auch nicht selbst bloßstellen kann). Zu Gegenaktivitäten wie beim letzten Mal sei hiermit herzlich eingeladen.

Einen ersten Eindruck darüber, was Pierre Vogel so alles vertritt liefert der entsprechende wikipedia-Eintrag sowie der über seine Schule, die Salafisten. Wobei natürlich zu betonen ist, dass die Unterschiede zwischen ihm und christlichen Fundamentalisten nicht allzu groß zu sein scheinen (schließlich will auch er etwa wie etwa die Zeugen Jehovas zu einem illusorischen „reinen Islam“ auf der Basis der muslimischen Originaltexte zurückkehren – bereits Friedrich Engels hat in seiner Interpretation der Offenbarung des Johannes zu solchen irrsinnigen „back to the texts“-Ideologien im Keim das nötige gesagt – die Texte ergeben losgelöst vom Kontext ihrer Entstehung schlicht überhaupt keinen Sinn).

  1. Für weitere Informationen zu diesem Ereignis siehe auch zwei recht informative Artikel in der FR (Fundamental getrennt und Düstere Fronten, wobei der Autor des letzteren sich durch die Verwendung der Formulierung „Islamfresser mit israelischen Flaggen“ reichlich diskeditiert hat) und den indymedia-Bericht aus Antifa-Perspektive.[zurück]

Vom Agnostizismus

Ich bin zwar nur ein kleiner Arbeiter und kein toller Filosof, aber hab trotzdem das finale Argument gegen denjenigen Agnostizismus gefunden, der sagt: Wenn man Gott nicht erfahren hat, heißt das nicht, dass er nicht existiert – denn seine Nicht-Existenz kann man auch nicht beweisen.

Etwas, dass man (die Menschheit) nicht erfahren hat, wird man auch nicht benennen. Das Phänomen Gott hat man aber „erfahren“ und benannt. „Gott“ ist eine praktische Kategorie, Beschreibung eines wirklichen Phänomens. Nur war es nicht Gott, den man erfuhr und benannt hat – es war etwas anderes. Tendenziell konnten die meisten Phänomene, die man Gott zugeschrieben hat, auch mit naturwissenschaftlichen Mitteln besser(wirksamer) erklärt werden, z.B. die Existenz des Menschen, der unbestreitbar vom Affen abstammt. Oder der gutmütige monotheistische Gott mit Rauschebart, der sich als ödipale Projektion herausgestellt hat.

Wenn sich Erfahrungen Gottes in der Geschichte tendentiell als Irrtum herausgestellt haben, warum sollte man noch über die Möglichkeit seiner Existenz zu streiten? Ich schlage vor, eher über das (noch) Unbegriffene zu streiten.

Es macht einen großen praktischen Unterschied, ob man von Gott oder dem (noch) Unbegriffenen spricht. „Gott“ ist etwas, dass als unerklärlich fixiert werden soll: Man darf sich kein Bild machen, seine Wege sind unergründlich / unbeeinflussbar, letzendlich kann man als Gläubiger nur beten und auf Gnade hoffen … Dementgegen ist die Erfahrung eines „(noch) Unbegriffenen“ ein Anreiz zur Erforschung desjenigen Phänomens. Die Religionskritik ist die Voraussetzung für jegliche Kritik.

Die Theologie wäre – folglich – als Wissenschaft vom (noch) Unbegriffenen zu begreifen, „das, worüberhinaus nicht größeres gedacht werden kann“ als Platzhalter für etwas, das (noch) gar nicht gedacht werden kann.

Wie gesagt, bin nur ein Arbeiter, entschuldigt bitte also meine „Begriffshudelei“, bzw. korrigiert mich bitte.

Der Verfasser dieses Beitrags operiert auch ein eigenes Blog, K’s Kriegstheater, das vollgestopft ist bis zum Rand mit interessanten Ideen über den Weltverlauf.

Ex negativo // Erläuterungen zum Existenzialismus

Eigentlich ist der Existentialismus ziemlich genau das Gegenteil von diesem bescheuerten Kirchenlied. Einerseits bin ich vollständig ein „Kind des Zufalls“, eine Laune der Natur, andererseits ist mein Leben nichts weiter als völlig freie, absurde Entwurf meiner selbst, wie er sich in meinen Handlungen manifestiert. Zwischen diesen beiden Aspekten meiner Existenz gibt es keine Vermittlung, im Grunde besteht sie genau im diesem permanenten Scheitern.
Der Christ macht es sich freilich einfach: wenn ich ein Gedanke Gottes bin, ist mein Leben a priori gerechtfertigt. Es ist weder Zufall noch Entwurf, sondern Schicksal, höhere Fügung. Der Christ möchte an der Freiheit festhalten, doch erstarrt sie zur Freiheit eines Anderen: Gott ist der, der mich gewollt hat. Alle Fragen und Probleme werden damit freilich nur eine Ebene nach oben verschoben, nicht beantwortet. Warum hat Gott mich denn gewollt? Doch diese Frage ist eine verbotene für den Christ. Sie allein zu stellen impliziert schon eine Distanz vom gefügten Geschick, einen Spalt, in den das Nichts einzudringen imstande ist: es ist meine freie Wahl, mich zur göttlichen Fügung zu verhalten. Oder ist meine Annahme des Plans selbst Teil des göttlichen Plans? Wenn ich nur in einem Aspekt meines Lebens kein genialer Gedanke Gottes bin, bin ich es in keinem mehr. Deshalb bin ich es auch, wenn mich angesichts von Erfahrungen der Entfremdung Zweifel angesichts der Genialität Gottes plagen könnten. Die Religion ist eine geschlossene Weltanschauung. Jede poplige Kontingenz muss zwangsläufig als neuer Beweis des Nicht-zu-beweisenden herhalten.

Gottes Plan ist also absurd. Wozu dann noch Gott? Das Christentum erkennt die Absurdität der Welt im Grunde genauso an wie Camus und Co. Nur nimmt sie ihr, indem sie sie abspaltet, jeden Schrecken. Sie betrifft ja nicht mehr mich, sondern den Willen eines anderen. Dieser mag absurd sein, ich kann ihm doch gänzlich vertrauen, weil es ein guter Wille ist – ein guter Wille ist freilich, genau so wie ein böser, bereits kein freier mehr. Er ist ja verdammt dazu, gut zu sein, er kann nur gut sein und darin erschöpft er sich. Auch Gott kann also letztendlich nicht frei sein (er könnte sonst auch das Schlechte wählen), sondern ist selbst nichts als mit sich identisches Schicksal. Wie soll es auch sonst vor sich gehen? Wie soll ein weltloses Wesen aus sich selbst heraus eine Welt schaffen können? Wie soll es diesen Entschluss auch nur Denken können? Verräterisch: „Du bist ein Gedanke Gottes / ein genialer noch dazu.“ Hier hat der Dichter ein gefährliches Schlupfloch für nihilistische Haarspalterei gelassen. Wie sollte ein Gedanke Gottes jemals nicht genial sein?
Das Christentum fällt so in den Mythos, den es doch eigentlich überwinden wollte, zurück. Gott selbst kann nur als dem Schicksal unterworfen verstanden werden. Er ist vielmehr die Utopie eines jeden Christen: eine Wesenheit, die mit ihrem Schicksal identisch und trotzdem „frei“ wäre – eine logische Absurdität. Doch als Wunsch dechiffriert offenbart diese Utopie ex negativo: auch der Christ weiß, dass kein freies Wesen je mit seinem Schicksal identisch sein kann wie eine Teekanne das ist, was sie ist, sonst würde er Gott nicht als Ideal setzen. Dieses Ideal kann zum einen aus einem simplen Beharren auf Aufrichtigkeit kritisiert werden: der Christ kann im Grunde nicht wollen, was er will, weil es unsinnig ist. Zugleich ist sein Zustand einer der Selbstentfremdung, schlimmer noch, der gewollten Selbstentfremdung, die sich zugleich als solche leugnet und diese somit virtuell perpetuiert bis in alle Ewigkeit. Es ist somit ein Feind jedes Versuches, ein aufrichtiges, freies, verantwortungsvolles Leben in Anerkennung der eigenen wie der fremden Freiheit zu führen. Das Christentum ist die institutionalisierte Wahrheitsfeindlichkeit, Unfreiheit und Verantwortungslosigkeit. Da nun die Freiheit das Wesen der menschlichen Existenz ist, ist das Christentum schlussendlich vorallem eins: der Gipfel (vielleicht nicht der äußerste) der Menschenfeindschaft, des menschlichen Selbsthasses, der sich als Liebe zum Menschen verbrämt. Das Christentum liebt den Menschen immerhin insofern, als dass es ihm eine gut verdauliche Ideologie liefert, seine Vorurteile bedient und festigt. Es ist die Liebe eines Vaters, dass seinem Kind jedwede Bildung versagt und im Elternhaus einsperrt, um ihm das Unglück der wirklichen Welt zu ersparen.

Doch es gibt kaum Grund überheblich zu sein: das Lied sagt ja nur in aller Unschuld, was so gut wie jeder gern hätte. Der Christ traut sich nur in einem Akt intellektueller Selbstaufgabe (credo quia absurdum – „Ich glaube, weil es absurd ist“ – so tönte es schon in den Anfangstagen dieser wahnsinnigen Religion), das als real gesetzt anzunehmen, was andere als Traum betrachten. Insofern hat sein Entwurf etwas Ekelerregendes und etwas Bewunderswertes zugleich. Ekel erweckt die im Christentum noch mehr als in allen anderen Religionen offenkundige Leugnung aller Vernunft, die offen verkündete Inkonsistenz. Das Christentum ist die Unaufrichtigkeit in ihrem Wesen verkörpert. Bewundernswert ist gerade diese Dreistigkeit. Doch gerade weil sie eigentlich nur einen winzigen Schritt von der Wahrheit entfernt ist, einen Schritt freilich, von dem sie sich zugleich unendlich entfernt halten muss, um nicht unterzugehen, ist das Christentum seinem Wesen nach so intolerant: jeder Ungläubige muss bekehrt oder ausgerottet werden, denn er ist qua Existenz Leugnung der absurden Wahrheit. Das Christentum hasst vorallem eine Freiheit: die Freiheit, Gott zu leugnen – weil es die gesamte Freiheit hasst und abtöten will, bis nur noch Schicksal und Schicksalsergebenheit bleibt. Der radikale Christ müsste schließlich nichts, was er tut oder denkt, rechtfertigen. Ihm bleibt die Einsicht in die Grundlosigkeit der Begründungen erspart. Warum ziehen wir in den Krieg? „Gott will es.“ So erschallt der Ruf des Wahns seit Jahrtausenden bis heute unter veränderter Maskerade (die Partei will es, der Führer, die Tradition, das Schicksal …).
Auch Schiller spricht es in der Ode an die Freude, an einer der wohl pathetischsten Stellen in Beethovens Vertonung aus: „Brüder – überm Sternenzelt /Muss ein lieber Vater wohnen.“ Was ist das Geheimnis dieses „müssen“? Es „muss doch“ – sonst … ? (mehr…)

Opfer des Sklavenaufstands

Paula und Eustochium gehörten zu dem Kreis christlicher Witwen und Jungfrauen, der sich in Rom um den Priester und späteren Kirchenvater Hieronymus gebildet hatte. Paula ermunterte die lebenslustige junge Witwe (ihr Mann Furius starb sieben Monate nach der Heirat) Blaesilla zu dem asketischen Leben, das sie selbst und Eustochium führten, zunächst vergebens. 384, nachdem Blaesilla fast an einer Krankheit gestorben wäre und sich gerade erholte, entschloss sie sich jedoch, die asketische Lebensweise ihrer Mutter und Schwester zu übernehmen. Mit Eifer betrieb sie Bibelstudien; Hieronymus lobte die Ernsthaftigkeit ihres Gebetes und ihren scharfen Intellekt. Angeblich lernte sie die hebräische Sprache schneller als Origenes. Die Askese jedoch war für ihren geschwächten Körper zu viel und sie starb vier Monate später.

Der Kirchenvater dazu konsequent wie verräterisch: „Wir aber, die wir Christus angezogen haben und nach dem Apostel ein königliches und priesterliches Geschlecht geworden sind, sollen uns nicht wegen der Toten betrüben.“ Zu dieser Zeit war das Christentum immerhin noch so schwach, dass er und Paula nach dem Tod der Unglücklichen aus Rom gejagt wurden.

Quelle

Ländervergleich Vol. 1 // Der Wahnsinn dieser Welt

Heute mal wieder auf „Deutschlands blödestem Webportal“ (T.S.):

a) In England gibt es zahlreiche verrückte Leute. Doch die Deutschen setzen immer noch einen drauf.

b) Erst Darwin, jetzt Galileo. Kommt als nächstes Euklid an die Reihe? Aber auch diese seltsamen Zeitgenossen kommen an die oben erwähnten Deutschen nicht ran.

Philosophisches Wiedergängertum

Tief sein und tief scheinen. — Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit. Denn die Menge hält Alles für tief, dessen Grund sie nicht sehen kann: sie ist so furchtsam und geht so ungern in’s Wasser. (F.Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft III, 126

Es ist wohl in der Tat so, dass sich hinter besonders unverständlichen Lehren nicht besonders tiefgründige, sondern besonders dumme verbergen. Diese Erkenntnis sollte sich mittlerweile doch rumgesprochen haben. Manche, die es nicht einmal verstehen, tief zu scheinen, meinen jedoch im Namen ihrer Doktrin noch einmal auf deren Tiefe hinweisen zu müssen, damit diese auch ja keinem entgeht. Dies ist der Fall bei der sogenannten Tiefenphänomenologie.
Dieser neueste Versuch einer Umwälzung der Wissenschaft wurde initiiert vom Weisheitsfreund José Sánchez de Murillo.

Der Grundgedanke dieser Philosophie wird auf letzterm wikipedia-Eintrag wie folgt zusammengefasst:

Die beiden Gegensätze seiner bisherigen Welterfahrung – Armut, Ausbeutung, Verzweiflung und Krieg einerseits, Musik, Mystik, Phänomenologie, Maya-Kultur und deutsche Romantik andererseits – prallten in ihm hart aufeinander, und der Drang wuchs, die Bedingung dieser Zerrissenheit zu erforschen. So entstand die Grundunterscheidung: Tiefe und Ober-Fläche. Tiefe, bei Sánchez das lebensbejahende „Weibliche“, meint die Dimension der Lebensgeburt und Lebenserneuerung, den schöpferischen Un-Grund. Ober-Fläche, bei Sánchez das kämpferische „Männliche“, bezeichnet dagegen die Dimension, die von Machtstreben, Geltungssucht und Geld beherrscht wird. Diese Motive sind für die Tiefenphänomenologie grundlegend. Die für ihn nun evidente Sicht, dass die gesamte Menschheitsgeschichte von der ober-flächigen Dimension gesteuert wird und dass Philosophie und Wissenschaft diese Seite als die wesentliche betrachten, ließ ihn seine philosophische Aufgabe erkennen: Phänomenologische Philosophie als wissenschaftliche Forschung muss ganz von vorne beginnen mit Blick auf die Realität, aber zugleich auch auf die Möglichkeiten des Menschen. Darum nannte er seine Tiefenphänomenologie „Neue Vorsokratik“.

Aha. Dies kommt uns, die wir uns ein wenig mit den ganz tiefen deutschen phänomenologischen Vorläufern Murillos auseinandergesetzt haben, durchaus bekannt vor. Ein Schelm, der sich fragt, aus welchem Ab-grunde von „Ober-Bindestrich!-Fläche“ die Rede ist, statt banal von „Oberfläche“. Und wieso nicht gleich von „Metaphysik“, „Seinsvergessenheit“ und „Seiendem“? Ist es bloß Zufall, dass das Jahrbuch des von Murillo gegründeten Edith-Stein-Instituts „Denken Dichten Musik“ und nicht, wie man es geläufig nennen würde, „Philosophie Literatur Musik“?1
Auch auf der website des Instituts wird das seinem Anspruch nach durchaus kritische Programm der neuen Lehre kurz dargelegt. Unter dem Stichwort „Naturphilosophie und Pflanzenkultur“ heißt es:

Die Erforschung der erwähnten Traditionen der vortechnischen Naturphilosophie ergaben ein Weltbild, das Grundüberzeugungen früherer Hochkulturen, den Bauernkulturen, entsprach. Unter diesen ragt die Maya-Kultur hervor. Sie ist eigentlich eine Pflanzenkultur; der Mais wurde wie eine göttliche Erscheinung verehrt. Der Grund dafür war nicht nur die grundlegende Ernährungsfunktion dieser Pflanze, sondern auch deren zyklische Lebensform, welche Symbol und Offenbarung des Urweiblichen waren.

Die Seinserfahrung einer scheinbar abstrakten Philosophie im Europa des 16. Jh. bewirkte nicht nur die Bewegung der Deutschen Romantik mit dem Motto „zurück zu den Müttern“. Auffallend war, dass sie auch in völlig anderen geschichtlichen Zusammenhängen anzutreffen war: als Grundlage einer auf Frieden bedachten Zivilisation, deren Entwicklung in eine naturfreundlichere, menschlichere Richtung zu gehen versprach.

Aber wie die Maya-Kultur blieb auch der deutsch-romantische Weltentwurf des 19. Jh. ohne geschichtliche Wirkung. Die Vernunftphilosophie siegte und ermöglichte die Entwicklung der technischen Wissenschaften.

Die gegenwärtige planetarische Selbstgefährdung kann möglicherweise durch verantwortungsbewusste Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft abgeschwächt und verlangsamt werden. Eine entscheidende Wende ist jedoch nur durch eine Wandlung im Wesen des Menschen möglich.

Und am Ende wird noch einmal resümmiert:

Ohne die Tiefe kann die Ober-Fläche nicht als solche verstanden werden. Deshalb versteht sich die Tiefenphänomenologie als Philosophische Grundwissenschaft (die „prima philosophia“ des technischen Zeitalters), welche an der Erforschung (Aufdeckung und Klärung) von Urphänomenen arbeitet, die – meist unbeachtet oder verdrängt – den geschichtlichen Verlauf ermöglichen und tragen.

Wir befinden uns sicher nicht auf dem Holzweg, wenn wir sagen: dieser Mann sagt einfach dasselbe wie Heidegger – nur verständlicher. Dieses hat er seinem Vordenker immerhin voraus. Spricht Heidegger noch sublimiert vom „Sein“ spricht Murillo offen aus, um was es „eigentlich“ geht: Natur, Mütter, Religion, Verherrlichung vor-vormoderner Einfachheit, Antimodernismus. Er eröffnet so die Möglichkeit, vielleicht auch den tiefsten aller tiefen Dichter und Denker des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen – sein unstillbares Unbehagen in der Welt von „Gerede“ und „man“ gar einer therapeutischen Auflösung zukommen zu lassen. Die „Sage“ wird in ihrer entsublimierten Form zurückgeführt auf einfache „Wahrheiten“, wie wir sie aus anderen zivilisationskritischen Ecken kennen. Murillo verrät das Betriebsgeheimnis des Denkens Heideggers. Grund genug, auf diesen unterschätzten Denker der Gegenwart hinzuweisen.

Man bedenke freilich stets: „Die mystischen Erklärungen gelten für tief; die Wahrheit ist, dass sie noch nicht einmal oberflächlich sind.“ (wie oben; III, 126)

  1. Hier waren die Epigonen freilich seinsvergessen. Ohne das genaue Wort, das dem Wesen der Musik in der neuen Sprache zugedacht wurde, zu kennen, müsste es doch in Anbetracht der nicht zu übersehenden metaphysischen Spuren, die dem Namen „Musik“ eingeschrieben sind, einen ursprünglicheren Namen geben, der dem Wesensgefüge, in dem die „Musik“ ursprünglich steht, gemäßer ist. Etwa „Tonkunst“ oder „Singen“, bildet das „Singen“ nebem dem Dichten, Denken und Sagen doch ein weiteres Zimmer in der Behausung, die dem Menschen vom Sein her zugeworfen – der Sprache. „Mus-ik“ würde freilich das „Musische“, das wesenhaft Geschenkhafte der Mus-ik als von den Musen her den Menschen geschickt, an der Musik, was der geläufige Name „Musik“ eher verstellt als entbirgt, deutlicher hervortreten lassen.[zurück]



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