Archiv der Kategorie 'Webkritik'

Vortrag über Heidegger am 26.4. in München // Ein kleiner Kommentar zu Dahlmanns Sartre-Rezeption

Am 26.4. um 19 Uhr werden Paul Stephan und Emanuel Kapfinger in München noch einmal ihren Vortrag über Heidegger und den Nationalsozialismus halten. Der Ort ist derzeit noch nicht bekannt, aber es wird wohl irgendwo am Campus der LMU sein. Außerdem ist geplant, den Vortrag in der folgenden Woche noch einmal im IVI zu halten. Er findet an der LMU im Hauptgebäude (Geschwister-Scholl-Platz 1) in Raum E 206 statt. Außerdem wird die neue Version des Vortrags nochmal in Frankfurt präsentiert, und zwar am 8.5. um 20 Uhr im „Stalingradsaal“ (übrigens im Rahmen der Gegenuni, in der es diesmal um das Thema „Utopie“ geht und die auch zahlreiche andere interessante Veranstaltungen beinhaltet. Link zum Programm)

Die bisher beste Version des in Frankfurt, Marburg und Wien gehaltenen Vortrags, die Wiener, gibt es mittlerweile auch zum Hören im audioarchiv – inklusive einger Seitenhiebe auf den Wiener Sartre- und Adorno-Kongress Die Kunst der Freiheit. Darauf bezieht sich auch ein von Manfred Dahlmann in Freiburg gehaltener Vortrag, der ebenfalls im audioarchiv online ist und eine Art Verteidigung Sartres gegen Adorno unternimmt. Es handelt sich um fast denselben Vortrag, den Dahlmann wenig zuvor in Wien hielt – und an den zumindest aus orthodox Sartreanischer Sicht die Frage zu richten wäre, wie er darauf kommt, ausgerechnet die „Scham“ als Phänomen gegen Sartres Existenzialismus zu wenden. Denn es ist nicht nur so, dass Sartre das Phänomen der Scham in Das Sein und das Nichts ausführlich diskutiert – es steht sogar im Zentrum seiner Philosophie des Anderen. Ähnlich wie die existenzielle Angst bei Sartre die Freiheit enthüllt, enthüllt die Scham ihre reale, absolute Schranke, die eben in der Freiheit des Anderen liegt. Diese Schranke ist keine bloße Zutat zu Sartres Freiheitsbegriff, sondern ihm im Kern immanent – die menschliche Freiheit existiert nur als Freiheit-in-Konfrontation-mit-anderen-Freiheiten. Mein „Sein für mich“ ist meinem „Sein für anderen“ absolut ontologisch gleichrangig – die Scham ist bei Sartre ebenso konstitutiv für die „conditione humaine“ wie die Angst und die sich in ihr zeigende Freiheit.
In der Scham freilich entdecke ich auch bei Sartre nicht nur, dass es Andere gibt, sondern auch, dass meine eigene körperliche Existenz eine Seite hat, die mir notwendig entzogen ist – und die ich in der Scham eben als mangelhaft erfahre, genau so, wie mir in der Angst meine eigene Freiheit als mangelhaft erscheint. (Genauso kann mir natürlich in anderen Bewusstseinslagen meine Freiheit und meine Körperlichkeit als zu bejahende Fülle erscheinen, etwa in der Entschlossenheit, die von Sartre als Überwindung der Angst eingeführt wird – in der Entschlossenheit wähle ich ja und erfreue mich zugleich an meiner Wahl – ich nehme meine Freiheit auf mich und erfahre sie gerade nicht mehr als Mangel an Bestimmtheit, sondern als Bedigung meiner Selbstbestimmung.)
Auch wenn es Sartre strikt ablehnt, Eigenschaften meines Körpers als determinierend für mein Bewusstsein anzunehmen („determinierend“ zumindest im Sinne einer kausalen Verursachung), kommt so der Materialität meines Körpers, wie er sich anderen darbietet, doch eine eminente Rolle in seiner Philosophie zu. Der „Körper“ ist freilich auch und gerade hier kein bloßes biologisches Substrat, sondern eben das Bild, das andere von ihm haben – mit dem Körper, wie er sich dem Blick des Biologen oder des Arztes darbietet (freilich eher eine Leiche als ein Körper) als Sonderfällen. In Geschlossene Gesellschaft wird dies im Grunde sehr einfach anhand des Schicksals einer eitlen Frau erläutert, die wissen will, ob sie auch wirklich so schön ist, wie sie sich einbildet. Die Pointe ist, dass es ihr nicht einmal der Blick in den Spiegel sagen kann – denn sie hat ja gewählt, in den Augen anderer schön sein zu wollen und die bloße subjektive Versicherung „Ich bin schön“ genügt ihr nicht. Sie könnte wohl ein Zauberspiegel retten, der eine Art „Hyper-Anderen“ repräsentiert, der eine Art objektive Schönheit verkündet. Doch derartige Dinge gibt es nur in der Imagination: in Wahrheit entgeht uns jene objektive Seite unseres Seins radikal.
Dadurch, dass der Andere quasi die absolute Kontrolle über diese meine objektive Seite hat, bin ich ihm tatsächlich vollkommen ausgeliefert – eine Erfahrung, die wohl niemand in so drastischen Worten wie Sartre beschrieben hat. „Der andere ist der Tod meiner Möglichkeiten.“
Bereits in Sartres Analyse der Scham wird jedoch auch mitgedacht, dass es etwas am Leib/Körper gibt, das die Bewusstseine radikal überschreitet: dem Anderen ist mein Körper schließlich nicht nur in einer Form gegeben, die ich selbst nicht ergreifen kann – er ist ihm als transzendeter Gegenstand gegeben, der sich der unmittelbaren Evidenz entzieht. Ihm fehlt eben genau jene Intimität-mit-mir-selbst, die ich wiederum als meinen Mangel erfahre. Wir beide besitzen etwas, dass der Andere will, aber nicht haben kann: genau das konstituiert ja die Subjekt-Subjekt-Beziehung als unabschließbaren Kampf. Ein Kampf freilich, der in der Tat nicht abgeschlossen, nicht vermittelt werden kann. Aus dem simplen Grund, dass ich nicht der Andere sein kann und der Andere nicht ich – und erst recht nicht ich ich bleiben und gleichzeitig der Andere sein kann (selbst wenn ich das in der Reflexion versuche). (Bestenfalls wird eine Art Wechselseitigkeit des Voreinander-Schämens hergestellt, die in der Tat soetwas wie eine authentische, versöhnte Zwischenmenschlichkeit konstituieren könnte – aber das führt Sartre in Das Sein und das Nichts nicht aus.)
Ein Aspekt der Unabschließbarkeit dieses Kampfes ist jedoch zugleich auch, dass sich die Faktizität meines Körpers sowohl mir als auch den anderen Bewusstseinen, die ihn wahrnehmen, notwendig entzieht (was eben das materialistische Moment in Sartres Philosophie ist).

Dies alles hat eine eminent politisch-ethische Implikation: auch die Dinge weisen eine gewisse unreduzible Widerständigkeit auf. Doch erst im Kampf mit dieser Widerständigkeit erweist sich überhaupt erst unsere Freiheit – wir machen uns frei, indem wir die Dinge als „Hindernisse“ unserer Pläne begreifen. Andere Menschen (oder, globaler gesagt: Bewusstseine) haben demgegenüber einen völlig anderen ontologischen Status. Ich kann sie aufrichtig nicht als „Hindernisse“ begreifen, ich muss sie z.B. mit Argumenten von meinem Standpunkt überzeugen. Aber dieser Standpunkt ist 1. bereits ein Produkt meiner Konfrontation mit den Anderen (Sartre denkt die Bewusstseine als von vorneherein vermittelt, nicht erst nachträglich synthetisiert) und findet 2. seine Grenze an der puren Willkür der Subjektivität des Anderen. Sartre tritt so allen Versuchen entgegen, zwischenmenschliche Beziehungen analog zu einer Subjekt-Objekt-Relation zu denken, er geht von einem radikalen Kampf zwischen zwei (oder mehreren) Subjekten aus, indem sich erst authentische zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln können. Dies ist natürlich eine radikale Kritik an jeder Form von Verdinglichung, die schon bei Sartre untrennbar mit einem konkreten politischen Projekt verwoben sind, gesellschaftliche Verhältnisse zu erreichen, in denen kein Mensch mehr verdinglicht ist. Im Kapitalismus etwa sind die Proletarier nicht als Individuen Teil des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, sondern als „v“, variabler Kapitalbestandteil. Sie streifen, sobald sie die Fabrik betreten, ihre Subjektivität ab und werden zu Instrumenten im Dienste der Kapitalisten. Dies hindert sie natürlich auch daran, ihre eigene Subjektivität wirklich zu entdecken, da sich diese ja erst in der Auseinandersetzung mit einem widerständigen Objekt wirklich erweisen kann.
Ebenso kann die moderne Neurobiologie aus existenzialistischer Sicht nicht als „Wissenschaft“ in dem Sinne verstanden werden, dass sie einfach schlicht Wissen über die Faktizität meines Körpers passiv abspiegelt. Das macht sie natürlich auch – doch in ihrem Reduktionismus verfehlt die Neurobiologie nicht nur die Leiblichkeit des Menschen (sowohl bezogen auf meine eigene subjektive Selbstwahrnehmung als auch auf die Art, in denen mein Körper anderen gerade nicht als tot, sondern als belebt, jeder biologischen Beschreibung also radikal entzogen [das Leben der Biologen lebt nicht im emphatischen Sinn des Wortes, da es eben kein bewusstes ist], erlebt wird), sondern verdinglicht die Menschen auch aktiv – sie muss den Pseudo-Leib erst konstruieren, um ihn dann der Manipulation zugänglich zu machen.
Zu guter letzt wirft Sartres Analyse auch ein anderes Licht auf jedwede Form von Verdinglichungen, die sich in körperlichen Differenzen begründen – worauf eben der Feminismus Simone de Beauvoirs, der Antirassismus Franz Fanons oder auch Sartres eigene Antisemitismus-Kritik basiert. Sie wehren sich eben dagegen, dass Frauen, „Negern“ und Juden die Anerkennung als Subjekte im vollen Sinne versagt bleibt – und untersuchen zugleich, wie sich diese versagte Anerkennung auf die Binnenstruktur dieser Subjekte auswirkt, ihnen nicht bloß äußerlich gegenübertritt. (Was nicht heißt, dass diese drei Formen von Verdinglichung platt zu identifizieren wären – Rassismus, Sexismus und Antisemitismus haben, bei aller strukturellen Analogie doch ihre je zu untersuchende konkrete Eigenlogik.)
Dies sind nur drei Aspekte, die sicherlich noch länger auszuführen wären.
Der erste Aspekt korrespondiert mit Dahlmanns Sartre-Kritik. Er wirft Sartre ja vor, nicht zu erkennen, dass das Kapital tatsächlich ein Ding ist, dass die Eigenschaften eines Subjekts hat, also doch so etwas wie ein real existierender „Hyper-Andere“. Ganz konkret, indem es eben alle Menschen zu Dingen macht, die durch es einen gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeitskraft erhalten. Ich denke, dies ist in der Tat eine produktive Art, Sartre über ihn hinaus weiterzudenken und so die Kapitalismuskritik zu schärfen. Das fatale an der Herrschaft von Kapital und Staat ist eben, dass in ihnen gesellschaftliche Prozesse wie Götter über die Menschen regieren. So lässt sich die Marxsche Kritik in einer Radikalität artikulieren, die ihr ohne eine Beschäftigung mit dem philosophischen Freiheitsbegriff mangeln würde – der Kapitalismus ist die reale Existenz einer ontologischen Unmöglichkeit bzw. zumindest der Versuch, eine solche Existenz zu etablieren, der sich zugleich als zum Scheitern verurteilt enthüllt. Dieses Scheitern manifestiert sich in den barbarischen Versuchen, den Kapitalismus zu retten, wenn es manifest wird (was wiederum mit Sartres Antisemitismus-Kritik korrespondiert, in der es ja wesentlich darum geht, zu zeigen, dass der Antisemitismus ein Versuch ist, die Andersheit den Anderen in Gestalt des Juden radikal zu negieren).

In Wien ging Dahlmann erst auf Nachfrage darauf ein, dass ja auch Sartre bereits eine umfassende Theorie der Scham hat. Ich denke, sein in die richtige Richtung weisender Versuch, Sartre gegenüber Adornos Polemik zu rehabilitieren, würde an Substanz gewinnen, wenn er deutlicher ausführen würde, wo er die Lücken von Sartres Analyse der Scham sieht. Ich hoffe, in seinem ja in Kürze erscheinenden Buch wird er dies näher erläutern.

Was gesagt werden muss

Wo Günther Grass für einen Dichter gilt
da liest man Spiegel, FAZ, ND und Bild.

Wiglaf Droste im Nachwort zu Peter Hacks: Hundert Gedichte. Berlin 2004

Das Loben von Grass‘ „politischer Dichtkunst“ überlassen wir rhizom und schmok.

Neuigkeiten zum IVI

Seit kurzem ist unter http://weloveivi.wordpress.com ein Solidaritätsblog zum IVI erreichbar. Darin enthalten sind u.a. einige erste Stellungnahmen zum IVI von verschiedenen Gruppierungen (u.a. translib und Sartre-Lesekreis) – viele weitere werden sicherlich bald folgen.

Ein kleiner Beitrag zur OB-Wahl am 11. März

Diesen Sonntag, am 11. März, findet in Frankfurt wieder einmal die OB-Wahl statt. Angesichts gewisser heißer Themen (die Zukunft besetzter Häuser wie dem Klapperfeld und dem IVI, die Wohnungsnot, insbesondere für Studierende) halte ich es für sinnvoll, zur Wahl zu gehen, um zumindest zu verhindern, dass Boris Rhein neuer OB wird. Unter ihm, im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Petra Roth, wird es insbesondere das Klapperfeld wohl schwer haben, seine ja sehr gute zentrale Lage zu behalten. Hinter der lächelnden softie-Fassade scheint bei Boris Rhein ein ganz schon harter (Schäfer-)Hund zu stecken. Im Grunde reicht zu dieser Erkenntnis bereits der Hinweis darauf, dass der Typ schließlich aktueller hessischer Innenminister ist. Innenminister gehören wohl geradezu naturwüchsig dem rechten Flügel ihrer Partei an. Darüber hinaus wird Rhein auf der Seite der jungen freiheit, bekanntlich die wichtigste Publikation der „Neuen Rechten“ im deutschsprachigen Raum, als Autor gelistet. Gibt man seinen Namen als Suchbegriff dort ein, findet man zwar keinen Artikel von ihm, was sicher aufschlussreich wäre, gewinnt dafür aber einen ganz guten Überblick, für was Rhein politisch so steht: für eine autoritäre Law-and-Order-Politik gegen „Terroristen“, bevorzugt Islamisten aber auch „Linksextremisten“. Für die Eindämmung derartiger staatsgefährdender Gruppierungen sind ihm selbst rechtsstaatsgefährdende Mittel recht. Angesichts dessen wirkt es schon wie eine Realsatire, dass sich Rhein auf seiner website damit brüstet, dass ein Artikel über ihn die Überschrift „Kein Minister, nur ein netter Mensch“ trägt. Wer ist nicht alles ein „netter Mensch“, zumal in der Politik.

Doch auch in seiner Zeit als Ordnungsdezernent hat sich Boris Rhein gezeigt, wes‘ Geistes Kind er ist. Aus diesem Artikel geht nicht nur hervor, dass der „nette Mensch“ einen Bürger als „Idiot“ beschimpfte, sondern auch, dass er für eine offensive (und teure) Politik des staatlichen Schutzes von Nazi-Demos steht. Auch an anderer Stelle steht er für ein Netzwerken von rechten CDUlern mit offenen Rechtsradikalen.

Woher er das alles hat? Anscheined ist er, wie im Artikel über die Tagung des „Instituts für Staatspolitik“ bereits angedeutet, Mitglied der Leipzig-Frankfurter Burschenschaft Arminia. Zumindest war er für diese Burschenschaft als Vortragender tätig.

Der wirksamste Weg zu Verhinderung Rheins ist wohl die Wahl einer der beiden aussichtsreichen Gegenkandidaten – Peter Feldmann von der SPD oder Rosemarie Heilig von den Grünen. Feldmann zumindest gehört, wie man hört, genau spiegelbildlich zu Boris Rhein gerade dem linken Flügel seiner Partei an und soll (ganz) früher sogar im „Exzess“ aktiv gewesen sein. Das macht ihn zumindest irgendwie sympathisch, gerade auch im Hinblick auf die erwähnten Probleme mit den besetzten Häusern in Frankfurt.

Umzuch

Der wie immer tolle Blog von reflexion hat eine neue Adresse und ein neues Design. Aufregend.

Was stimmt an diesem Satz nicht?

Das Thema „Burnout“ scheint derzeit in den Medien ziemlich angesagt zu sein. Neulich habe ich mir dazu eine recht unterhaltsame wie aufschlussreiche Ausgabe von Anne Will angeschaut. Das können sich natürlich auch die „Trendsetter“ von der web.de-Redaktion nicht entgehen lassen. In dem Artikel „Häufige Tränen weisen auf Burnout hin“ heißt es u.a., passend zum Titel:

Kollegen sollten aufmerksam werden, wenn ein Arbeitnehmer am Arbeitsplatz immer öfter in Tränen ausbreche, rät die Arbeitspsychologin Susanne Roscher in der Zeitschrift „der freie Beruf“.

Gut – zunächst mal muss man wohl keine Arbeitspsychologin sein, um bei einem solchen Verhalten zu merken, dass der Kollege ein Problem hat. Doch impliziert dieser Satz nicht, dass es völlig normal ist, ab und an mal auf der Arbeit in Tränen auszubrechen? Ist es ein Problem, wenn das jeden Tag geschieht oder erst, wenn der Kollege den ganzen Tag heult? OMG.

Brumlik vs. Zizek & Badiou // Masse, Kritik und Revolution Teil 1

Der Frankfurter Professor Micha Brumlik erweist sich in der heutigen (6.9. ’11) Ausgabe der taz in seinem Kommentar zur Publikation des Sammelbands des Kongresses „The idea of communism“ einmal mehr als verdienstvolle Stimme der Vernunft gegen den schier allgegenwärtigen Heideggerianomarxismus um so schillernde Gestalten wie den Paulus-Fan Alain Badiou und den Exzentrikclown Slavoj Žižek, der sich ja auch in der popkuntibuntineoneostalinistischen Bloggerszene, die sich mittlerweile rund um Lyzis Welt gescharrt hat, höchster Beliebtheit erfreut.1

In diesem Sammelband kann man, laut Brumlik, u.a. nachlesen, wie sich, ganz auf der Linie von Judith Butlers Hamas-Solidarisierung, Susan Buck-Morss, mit Vorurteile über Walter Benjamin-Fans bestätigend, positiv auf den „Messianismus“ Sayed Qutbs, einem der wichtigsten theoretischem Wegbereiter des aktuellen Islamismus, bezieht. Alain Badiou wird folgendermaßen zitiert:

Also lasst uns nicht zögern [“Also lasst uns nicht zögern“ – Alain Badiou wird seinem Anspruch als Priester(anti-)philosoph wirklich gerecht; TS] zu sagen, dass Cruschtschows Verdammung von Stalins Personenkult ein Fehler war und dass – unter dem Deckmäntelchen der Demokratie – diese Verdammung jenen Niedergang der Idee der Kommunismus einläutete, den wir in der letzten Dekade erlebt haben.

Weiter schreibt Brumlik:

Badiou begründet das damit, dass die anonymen Aktionen von Millionen Militanten im mächtigen Symbol eines Eigennamens zusammengeführt worden seien: „Stalin“.

Diese wahrhaft eines Lyzis würdigen Aussagen mögen für jemanden, der mit Heidegger Wahrheit als unaussprechliches „Ereignis“ denkt und vom Sendungsbewusstsein des Paulus als Vorbild heutiger „Militanter“ schwärmt, plausibel sein.2 Für jemanden, der zumindest einige basale Schritte der Aufklärung mitgegangen ist, ist jedoch jede Form des Personenkults schlichtweg als vormoderndes Relikt abzulehnen: Wir sind alle mit derselben Vernunft ausgestattet, haben ähnliche körperliche Voraussetzungen, werden irgendwann alle sterben etc. – es gibt schlicht keinen vernünftigen Grund, um irgendeine Person irgendeine Art von „Kult“ zu betreiben. „Personenkult“ heißt nichts anderes, als an eine rationale Legitimation von Herrschaft ein religiöses Spektakel, das potentiell alles legitimiert, treten zu lassen. Für jemanden der unter der „Idee des Kommunismus“ eine Art neues Christentum unter der Führung einiger sich als berufen fühlender Paulus-Adepten versteht, ist dies wie gesagt kein Problem. Für jeden, der an einer ernsthaften Emanzipation der Menschheit aus selbstverschuldeter Unmündigkeit interessiert ist, schon.

An Žižek kritisiert Brumlik insbesondere seine Apologie des revolutionären Terrors. So schreibt er etwa:

Dort, wo der Philosoph selbst Verantwortung übernimmt, geht es etwas harmloser zu [im Vergleich zu den Erschießungen, von denen zuvor die Rede war; T.S.]. Zizek erwähnt eine Episode aus der russischen Revolution: 1922 ordnete die Sowjetregierung die gewaltsame Vertreibung von führenden antikommunistischen Intellektuellen an, die schließlich auf einem Schiff nach Deutschland ausgewiesen wurden. In einer Fußnote beeilt sich Zizek, festzustellen: „Um jedes Missverständnis an dieser Stelle zu vermeiden: Ich persönlich halte die Entscheidung, die antibolschewistischen Intellektuellen des Landes zu verweisen, für absolut gerechtfertigt.“ Das sind gute, klare Worte, aus denen freilich nur eines folgt: Wenn all das Kommunismus ist, ist Antikommunismus eine vertretbare, ehrenwerte und vor allem moralisch begründbare Haltung.

Hier freilich wird Brumlik schlecht-moralisch. An der aktiven Bekämpfung konterrevolutionärer Propagandisten ist in einer revolutionären Situation tatsächlich nichts zu kritisierendes, sie ist geradezu notwendig – etwa wenn „Intellektuelle“ gezielt Lügen verbreiten, um der Revolution zu schaden. Geht man freilich nicht davon aus, dass jedwede Kritik an der Revolution konterrevolutionär ist, stellt sich sofort die Frage, was einen zu akzeptierenden Kritiker von einem konterrevolutionären Propagandisten unterscheidet, wer über diese Unterscheidung entscheidet, wie genau die Bekämpfung konterrevolutionärer Propagandisten aussehen könnte. Wie unterscheidet man z.B. eine bewusst gestreute Lüge von einem zufälligen Irrtum?

Ich weiß nicht, wer konkret 1922 des Landes verwiesen wurde. Womöglich waren es tatsächlich konterrevolutionäre Propagandisten, womöglich auch verdienstvolle Revolutionäre, die man mundtot machen wollte ohne sie zu erschießen. Das – sehr ernste – Problem der Unterscheidung von Kritik und Feindpropaganda scheint mir im Sowjetsozialismus recht brachial dadurch gelöst worden zu sein, jede Kritik unter den Verdacht der Feindpropaganda zu stellen. Die Ablehnung von substantieller Kritik wiederum scheint mir gerade eine wesentliche Schwäche des sozialistischen gegenüber dem westlich-demokratischen Herrschaftsmodell zu markieren. 1. Demonstriert das herrschende Regime gerade seine Stärke dadurch, dass es auch radikale Kritik an ihm zulässt oder sogar offen begrüßt und fördert. 2. Ist ein offener kritischer Diskurs nützlich, um eventuelle Schwachstellen im System zu erkennen und zu korrigieren. 3. Wird so eine aktive Partizipation am und damit Integration ins System wesentlich erleichtert.
So hat Hegel als einziger mir bekannter bürgerlicher Philosoph das Wesen der bürgerlichen Demokratie und „Zivilgesellschaft“ erkannt, wenn er in der Grundlinien der Philosophie des Rechts offen ausspricht, dass es in ihr im Wesen nicht darum geht, dass alle über alles de facto entscheiden. Vielmehr soll es darum gehen, dass jeder mal seine Meinung zu einer Entscheidung äußert und so das Gefühl hat, an ihr partizipiert zu haben – wobei die reale Entscheidung selbstverständlich (bei Hegel) vom Monarchen und seinem Beamtenapparat gefällt wird, der wiederum von der engen Tuchfühlung mit dem Volk qua öffentlichem Diskurs profitiert. Dadurch, dass die Leute ihre Kritik in den öffentlichen Diskurs eintragen, werden sie zugleich gezwungen, sich dessen Regeln anzupassen und sich so selbst zu zivilisieren. Echte Selbstverwaltung kann dann immerhin noch auf den unteren Verwaltungsebenen stattfinden, wo die Bürger ohnehin nicht viel falsch machen und Fehlentscheidungen keine nennenswerten Auswirkungen für das Gesamtsystem haben.3
So wird wieder einmal deutlich, dass die Bolschewiki und ihre Freunde Hegel nicht verstanden haben. Ein demokratischer Staat braucht keinen kostspieligen, überdimensionierten Inlandsgeheimdienst, um herauszufinden, was das Volk wirklich denkt. Das erfahren die Politiker jeden Tag beim Blick in die Zeitung.

Damit soll nicht gesagt sein, dass es im Rahmen einer revolutionären Bewegung einen Dualismus von Herrschaft und Volk, den es irgendwie zu vermitteln gälte, geben sollte. Es sollte nur gezeigt werden, dass der revolutionäre Terror gegen Kritik nur unter Vorbehalt zu glorifizieren ist, dass die „Säuberungen“ vielmehr wesentlich zum späteren Scheitern des sozialistischen Experiments beitrugen, da es keine Sphäre mehr gab, in der sich gesellschaftliche Probleme wirklich artikulieren, Integration qua aktiver, kritischer Partizipation stattfinden konnte.
In einer wirklich communistisch-revolutionären Bewegung würde es natürlich keinerlei Vermittlung zwischen Herrschern und Beherrschten bedürfen, da diese tendenziell ohnehin zusammenfallen würden. Dass es diesen Dualismus überhaupt noch gab, im Namen der Trennung von „Partei“ und „Volksmassen“ sogar konstutiver Bestandteil der Staatsideologie war – und dass er viel stärker war als in der bürgerlichen Demokratie – offenbart freilich das fundamentale Scheitern der sozialistischen Experiments. In der „Übergangsphase“ mag freilich, wie gesagt, objektiv die Bekämpfung konterrevolutionärer Agitatoren nötig sein. Am besten natürlich schlicht durch die besseren Argumente.

Diese Überlegungen werfen freilich eine ganz andere Frage auf, nämlich die nach der Rolle des Kritikers in der bürgerlichen Gesellschaft. Macht sich dieser, indem er sich, um überhaupt verständliche Kritik äußern zu können, immer schon zumindest partiell den Regeln des herrschenden Diskurses unterwerfen muss, a priori zum „nützlichen Idioten“? In der Tat mag in manchen Situationen der pöbelhafte Stinkefinger subversiver und auch revolutionärer als das gut ausgearbeitete Argument sein, weil er sich der (ja gerade erwünschten) aktiven Partizipation gerade entzieht. Ein wirklich radikales Argument muss womöglich sie Synthese von Stinkefinger und Vernunft sein.

Zumindest erwächst aus der Notwendigkeit der Kritik für das Funktionieren bürgerlicher Herrschaft auch die durchaus realistische Aussicht, einmal auch im kapitalistischen Sinne für das eigene kritische Schaffen anerkannt – sprich: subsistenzsichernd bezahlt – zu werden. Auch keine schlechte Aussicht. (Die Synthese von Argument und Stinkefinger lässt sich im Rahmen der bürgerlichen Institutionen freilich zugegebenermaßen nur schwer realisieren.)

Im zweiten Teil dieser kleinen Serie werde ich auf Alain Badious Verklärung des stalinistischen Personenkults zurückkommen und meine Kritik daran weiter vertiefen.

  1. Zu Žižek gab es in der Jungen Welt einen recht guten entlarvenden Artikel, der leider nur noch mit online-abo einsehbar ist. Etwas weniger kritisch, dafür aber – wenn man ihn richtig zu lesen versteht – nicht minder entlarvend dieser Artikel aus der taz.[zurück]
  2. An dieser Stelle sei eine in mancherlei Hinsicht recht treffende Kritik an Badious Paulus-Buch von dem Maoisten Scott Harrison verwiesen. Nota bene: Zur Zeit des Verfassens dieses Buches sah sich Badiou selbst als Maoist und war laut wiki „lange einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus“.[zurück]
  3. Die hier nur grob dargestellte Demokratietheorie entwickelt Hegel im Wesentlichen im Abschnitt „Die gesetzgebende Gewalt“ (§ 298-320). Ich sollte vielleicht nur noch betonen, dass Hegel keineswegs Antidemokrat im gewöhnlichen Sinne ist. So heißt es etwa im Zusatz zu § 317: „Das Prinzip der modernen Welt [das für Hegel Ausgangspunkt all seiner Überlegungen ist; TS] fordert, daß, was jeder anerkennen soll, sich ihm als Berechtigtes zeige.“ Bloße Selbstbestimmung des Volkes ist jedoch für ihn keine wirkliche Freiheit, sondern gleichebedeutend mit Anarchie. [zurück]

Revolution is my girlfriend [unfortunately] // Ein revolutionär-proletarisches Liebesgedicht

Minna, Du mein zart schmelzendes Zuckerflöckchen,
es ist die Art wie Du kommunistisch und dabei so proletarisch bist,
es ist Dein Charisma was Dich so unwiderstehlich macht.

Für mich bist Du Faust und Revolution in einem
und ich bin ein Proletariat in Deinem Herzen.

Du bist es, für die ich alles andere hergeben würde.

Du bist das Rot in dem Badewasser meiner Leidenschaft.

Gib Du mir nur noch einen revolutionär Blick
und ich werde in meiner Leidenschaft nach Dir,
wie der Wachs einer Kerze,
im Schein der Flamme dahinschmelzen.

Was würde ich alles geben,
um nur einmal mit Dir an einem einsamen See zu diskutieren,
kämpfen und siegen und dabei dem Zirpen der verliebten Grillen zu lauschen.

Laß uns unseren Lebensweg gemeinsam gehen,
bis daß unsere Haare so weiß glänzen wie eine Silberzwiebel im Morgentau.

Gib mir Dein letztes Israelfähnchen
und ich bastel Dir zusammen mit meinem Klassenkampf unsere gemeinsame Zukunft.

Minna, Dich liebe ich. Dich und sonst niemanden !

Via [leicht überarbeitet]

Gewidmet Minna Faßhauer, einer großen revolutionären Kämpferin.

(Ich hoffe, sie versteht den Scherz und nimmt es mir nich übel. Zumindest die Widmung meine ich durchaus Ernst!)

Eine weitere literarische Heidegger-Kritik (und eine kleine Polemik gegen den GSP weiter unten!)

Via dem sehr tollen Blog Athene noctua bin ich auf eine weitere tolle Polemik gegen den der Polemik am allerwertesten Philosophen, Martin Heidegger, gestoßen, auf die ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte. Und geschrieben vom absoluten Gott der Polemik, oder zumindest: Beschimpfung, Thomas Bernhard. Viel Vergnügen bei der Lektüre:

Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf die unverschämteste Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verkitscht. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf, sagte Reger, genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben sie alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf Jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen. Heidegger ist eine abstoßende Episode der deutschen Philosophiegeschichte, sagte Reger gestern, an der alle Wissenschaftsdeutschen beteiligt waren und noch beteiligt sind. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übrig geblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist, so Reger. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist ein gutes Beispiel dafür, wie von einer Philosophiemode, die einmal ganz Deutschland erfaßt gehabt hat, nichts übrigbleibt, als eine Anzahl lächerlicher Fotos und eine Anzahl noch viel lächerlicherer Schriften. Heidegger war ein philosophischer Marktschreier, der nur Gestohlenes auf den Markt getragen hat, alles von Heidegger ist aus zweiter Hand, er war und ist der Prototyp des Nachdenkers, dem zum Selbstdenken alles, aber auch wirklich alles gefehlt hat. Heideggers Methode bestand darin, fremde große Gedanken mit der größten Skrupellosigkeit zu eigenen kleinen Gedanken zu machen, so ist es doch. Heidegger hat alles Große so verkleinert, daß es deutscbmäglich geworden ist, verstehen Sie, deutschmöglich, sagte Reger. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter. Ich weiß nicht, sagte Reger gestern, immer wenn ich an Stifter denke, denke ich auch an Heidegger und umgekehrt. Es ist doch kein Zufall, sagte Reger, daß Heidegger ebenso wie Stifter vor allem immer bei den verkrampften Weibern beliebt gewesen ist und noch heute beliebt ist, wie die betulichen Nonnen und die betulichen Krankenschwestern den Stifter sozusagen als Lieblingsspeise essen, essen sie auch den Heidegger. Heidegger ist noch heute der Lieblingsphilosoph der deutschen Frauenwelt. Der Frauenpbilosoph ist Heidegger, der für den deutschen Philosophieappetit besonders gut geeignete Mittagstischphilosoph direkt aus der Gelehrtenpfanne.

Wenn Sie in eine kleinbürgerliche oder aber auch in eine aristokratisch-kleinbürgerliche Gesellschaft kommen, wird Ihnen sehr oft schon vor der Vorspeise Heidegger serviert, Sie haben Ihren Mantel noch nicht ausgezogen, wird Ihnen schon ein Stück Heidegger angeboten, Sie haben sich noch nicht hingesetzt, hat die Hausfrau Ihnen schon sozusagen mit dem Sherry Heidegger auf dem Silbertablett hereingebracht. Heidegger ist eine immer gut zubereitete deutsche Philosophie, die überall und jederzeit serviert werden kann, sagte Reger, in jedem Haushalt. Ich kenne keinen degradierteren Philosophen heute, sagte Reger. Für die Philosophie ist Heidegger ja auch erledigt, wo er noch vor zehn Jahren der große Denker gewesen ist, spukt er jetzt nurmehr noch sozusagen in den pseudointellektuellen Haushalten und auf den pseudointellektuellen Gesellschaften herum und gibt ihnen zu ihrer ganzen natürlichen Verlogenheit, noch eine künstliche. Wie Stifter, ist auch Heidegger ein geschmackloser, aber ohne Schwierigkeiten verdaulicher Lesepudding für die deutsche Durchschnittsseele. Mit Geist hat Heidegger ebenso wenig zu tun, wie Stifter mit Dichtung, glauben Sie mir, diese beiden sind, was Philosophie und was Dichtung betrifft, soviel wie nichts wert, wobei ich aber doch Stifter höher ein,schätze als Heidegger, der mich ja immer abgestoßen hat, denn alles an Heidegger ist mir immer widerwärtig gewesen, nicht nur die Schlafhaube auf dem Kopf und die selbstgewebte Winterunterhose über seinem von ihm selbst eingeheizten Ofen in Todtnauberg, nicht nur sein selbstgeschnitzter Schwarzwaldstock, eben seine selbstgeschnitzte Schwarzwaldphilosophie, alles an diesem tragikomischen Mann war mir immer widerwärtig gewesen, stieß mich immer zutiefst ab, wenn ich nur daran dachte; ich brauchte nur eine Zeile von Heidegger zu kennen, um abgestoßen zu sein und erst beim Heideggerlesen, sagte Reger; Heidegger habe ich immer als Scharlatan empfunden, der alles um sich herum nur ausgenützt und sich in diesem seinem Ausnützen auf seiner Todtnaubergbank gesonnt hat. Wenn ich denke, daß selbst übergescheite Leute auf Heidegger hereingefallen sind und daß selbst eine meiner besten Freundinnen eine Dissertation über Heidegger gemacht hat, und diese Dissertation auch noch im Ernst gemacht hat, wird mir heute noch übel, sagte Reger. Dieses nichts ist ohne Grund, ist das Lächerlichste, so Reger. Aber den Deutschen imponiert das Gehabe, sagte Reger, ein Gehabeinteresse haben die Deutschen, das ist eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften. Und was die Österreicher betrifft, so sind sie in allen diesen Punkten noch viel schlimmer. Ich habe eine Reihe von Fotografien gesehen, die eine zuhöchst talentierte Fotografin von Heidegger, der immer ausgesehen hat wie ein pensionierter feister Stabsoffizier, gemacht hat, sagte Reger, und die ich Ihnen einmal zeigen werde; auf diesen Fotografien steigt Heidegger aus seinem Bett, steigt Heidegger in sein Bett wieder hinein, schläft Heidegger, wacht er auf, zieht er seine Unterhose an, schlüpft er in seine Strümpfe, macht er einen Schluck Most, tritt er aus seinem Blockhaus hinaus und schaut auf den Horizont, schnitzt er seinen Stock, setzt er seine Haube auf, nimmt er seine Haube vom Kopf, hält er seine Haube in den Händen, spreizt er die Beine, hebt er den Kopf, senkt er den Kopf, legt er seine rechte Hand in die linke seiner Frau, legt seine Frau ihre linke Hand in seine rechte, geht er vor dem Haus, geht er hinter dem Haus, geht er auf sein Haus zu, geht er von seinem Haus weg, liest er, ißt er, löffelt er Suppe, schneidet er sich ein Stück (selbstgebackenes) Brot ab, schlägt er ein (selbstgeschriebenes) Buch auf, macht er ein (selbstgeschriebenes) Buch zu, bückt er sich, streckt er sich und so weiter, sagte Reger. Es ist zum Kotzen. Sind die Wagnerianer schon nicht zum Aushalten, erst die Heideggerianer, sagte Reger. Aber natürlich ist Heidegger nicht mit Wagner zu vergleichen, der ja tatsächlich ein Genie gewesen ist, auf den der Begriff Genie tatsächlich zutrifft wie auf keinen andern, während Heidegger doch nur ein kleiner philosophischer Hintermann gewesen ist. Heidegger war, das ist klar, der verhätscheltste deutsche Philosoph in diesem Jahrhundert, gleichzeitig ihr unbedeutendster. Zu Heidegger pilgerten vor allem jene, die die Philosophie mit der Kochkunst verwechseln, die die Philosophie für ein Gebratenes und Gebackenes und Gekochtes halten, was ganz und gar dem deutschen Geschmack entspricht. Heidegger hielt in Todtnauberg Hof und ließ sich auf seinem philosophischen Schwarzwaldpodest jederzeit wie eine heilige Kuh bestaunen. Selbst ein berühmter und gefürchteter norddeutscher Zeitschriftenherausgeber kniete andachtsvoll vor ihm mit offenem Mund, als erwartete er in der untergehenden Sonne von dem auf seiner Hausbank sitzenden Heidegger sozusagen die Geisteshostie. Alle diese Leute pilgerten nach Todtnauberg zu Heidegger und machten sich lächerlich, sagte Reger. Sie pilgerten sozusagen in den philosophischen Schwarzwald und auf den heiligen Heideggerberg und knieten sich vor ihr Idol. Daß ihr Idol eine totale Geistesniete war, konnten sie in ihrem Stumpfsinn nicht wissen. Sie ahnten es nicht einmal, sagte Reger. Die Heideggerepisode ist aber doch als Beispiel für den Philosophenkult der Deutschen aufschlußreich. Sie klammern sich immer nur an die falschen, sagte Reger, an die ihnen entsprechenden, an die stupiden und dublosen.

[aus Alte Meister via kulturkritik.net]

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Feeling Recognized

Die FAZ hat einen lustigen Spaß für Schreiberlinge und solche, die es werden wollen, ins Internet gestellt: den FAZ-Stiltest „Ich schreibe wie…“. Freilich funktionierte die Zuordnung zu Nietzsche nur bei einem Text – bei dem ich das auch erwartet hatte. Bei anderen ergab sich bei mir eine große Übereinstimmung zu Dietmar Dath – auch wenig verwunderlich, bin ich doch durchaus am Popjournalismus geschult (um mal ein kleines Betriebsgeheimnis preiszugeben). Meine eher theoretischen Texte wurden einmal Sigmund Freud und einmal – und das hat mich wirklich gefreut – Georg Friedrich Wilhelm Hegel zugeordnet. Wobei: in diesem Text ging es schlichtweg um hegelianische Philosophie und in dem Nietzsche-Text habe ich eine nietzschianische Position vertreten. Um das zu prüfen, habe ich einmal einen dezidiert marxistischen Text von mir eingegeben – das Ergebnis war dementsprechend. Bei einer bewussten Heidegger-Persiflage von mir hat es leider nicht so gut funktioniert: sie wurde stilistisch Johann Wolfgang von Goethe zugeordnet. Mehrere Gedichte haben mir hat es wiederum geschafft, mit Friedrich Schiller verglichen zu werden.1 Und – man höre und staune – eine belanglose Mail an meine liebe Erzeugerin glich gar stilistisch ebenso dem Titanen aus Frankfurt (was sagt das über meine Beziehung zu ihr aus? Hm ….)

Dieses Programm bietet wirklich schier unerschöpfliche Möglichkeiten. Die spannende Frage: schreibt Goethe überhaupt immer wie Goethe, Nietzsche wie Nietzsche, Marx wie Marx? Ist es nicht gerade ein Zeichen von stilistischer Gewandheit, sozusagen in verschiedenen Zungen reden zu können, den Stil jeweils dem Gegenstand anzunähern? Zumindest DAS würde mir ja laut Test einigermaßen gelingen. Jedenfalls ist er ein gutes Mittel, wenn man mal eine kleine Aufmunterung beim einsamen Geschäft des Schreibens braucht. (Es sei denn, man versucht wirklich einen bestimmten Autoren nachzuahmen und ist dann enttäuscht, wenn es nicht klappt – doch dies ist sicherlich in den meisten Fällen keine sehr empfehlenswerte Richtlinie für Autoren.)

Und ach ja: dieser Artikel gleicht stilistisch übrigens Ingo Schulze. Naja, auch nicht so prall, auch wenn ich mal bei einer Lesung von ihm war, die ich recht unterhaltsam fand. Zumindest unterhaltsam genug, um meiner lieben Erzeugerin ein handsigniertes Buch von ihm zu schenken. Irgendwie werde ich dieses Thema heute nicht los – doch zuviel Freud gelesen?

PS: Ach ja² – nach ein paar Nachbesserungen hat es doch funktioniert mit der lockerflockigen Pop-Schreibe: Rainald Goetz!!! Ich habs einfach drauf! ;-)

[Nächste Woche dann mehr in der Reihe: Ecce Thiel – Warum ich so geile Texte schreibe ^^]

  1. Eines mit Heinrich Heine – und tatsächlich eines, das auch „heinianisch“ wirken sollte. Eine gewisse Objektivität scheint dem Test also tatsächlich zuzukommen. [zurück]



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