Archiv der Kategorie 'Weisheitsliebe'

Anonymous – Die Multitude des Internets im Kreuzfeuer

Ein Charakteristikum des Internetskollektivs Anonymous ist, dass es keinen offiziellen Sprecher gibt, dass im Grunde niemand für sich beanspruchen kann, im Namen des gesamten Kollektivs zu sprechen.
Ein Hauptnachteil dieses Konzepts ist, dass sich im Grunde jeder dieses Label aneignen und dann doch wieder in seinem Namen sprechen kann. Seit langem so kursieren so unter dem Label „Anonymous“ rechte und verschwörungstheoretischer Quatsch, bei denen es einen wahrlich angst und bange wird.
Die Gefahr kommt offensichtlich daher, dass die Mehrzahl der Aktivitäten von Anonymous entweder klar links einzuordnen oder gar nicht so klar politisch zu verorten sind. Die Rechten können so ihre Propaganda unter einem Deckmantel verbreiten, der es ihnen erlaubt, Menschen anzusprechen, die sich sonst überhaupt nicht als rechts verstehen oder sogar links einordnen. Es handelt sich um eine ziemlich perfide Querfrontstrategie, mit deren Hilfe verschwörungstheoretische und andere Ideologeme in weiten Kreisen der Bevölkerung salonfähig werden.

Jüngst tauchte bei facebook und youtube ein Video auf, das unter dem Titel „Nachricht an die deutsche Bevölkerung“ (mittlerweile kursiert es auch unter anderen ähnlichen Namen) im Namen von Anonymous das Maß wirklich zum Überlaufen brauchte. Einige linke Blogs haben über dieses Video berichtet. (Vgl. etwa hier, hier, hier, hier und hier)

Urheber des Videos ist die Facebook-Seite Anonymous, die auch für anderen rechten Quatsch verantwortlich ist. Ein kurzer Blick auf die Seite genügt, um zu sehen, dass dieses Phänomen keinesfalls verharmlost werden darf: Die Seite hat heute über 350.000 likes, entsprechend ist ihre Reichweite. Sie richtet sich ihrer Sprache nach vorallem an Leute, die wirklich der „Unterschicht“ angehören und ein tiefes Unbehagen gegenüber der derzeit herrschenden Politik haben. Sie werden also da abgeholt, wo sie stehen, und flugs in Richtung neurechte Ideologie und AfD gekarrt. Insbesondere so kurz vor der Europawahl ist das wirklich kein Spaß.

Allerdings darf diese Tendenz nicht dazu verleiten, Anonymous im Ganzen zu verurteilen oder als Verein von verschwörungstheoretischen Spinnern anzusehen. So gab es auch flugs ein Gegenvideo:

(mehr…)

Leben im Abgrund Selbstverwirklichung – Über das Subjekt im Kapitalismus und wie wir uns befreien könnten

Unter diesem Titel findet im WiSe 13/14 in Frankfurt am Main eine Veranstaltungsreihe zum Thema Subjektkritik statt. Aus dem Ankündigungstext:

Der subjektive Reichtum der Gesellschaften, in denen die Kultur beziehungsloser Beziehung herrscht, erscheint als unendliche Zahl von Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Aber jede dieser Möglichkeiten, die wir begehren und zu der wir zugleich gezwungen sind, erweist sich als Entwirklichung unserer selbst.

In unserer Gesellschaft sind die Menschen in ihrem Inneren von einer Dingheit besetzt. Sie sind geknechtet von einem objektiven, ihrer Kontrolle entzogenen Trieb – einem Trieb, der zugleich dem eigenen Wollen entspringt. In dieser ihrer Entzweiung mit sich selbst begehren sie nach Identität: in der Besetzung und Unterjochung ihrer Objekte, in eigener Größe und eigenem Wert, in der Abgeschlossenheit. Dieser Trieb ist so sehr mit ihrem Innersten verstrickt, dass sie sich nicht mehr davon lösen können: Obwohl sie oftmals darunter leiden, können sie nicht davon abgehen, können dieses Ding in sich nicht als etwas Fremdes erkennen. Dieses Ding ist ihr eigenes Selbst.

Das bunte Programm deckt zahlreiche Aspekte dieses breiten Themas ab. Ich will es gar nicht groß kommentieren, sondern verweise einfach auf die Website der Veranstaltungsreihe: http://www.kulturumwaelzer.de/abgrund

Das IvI als utopischer Ort

Vorbemerkung: Dieser Text stellt eine Kurzversion des Textes Der Ursprung des IvI – ein ontologischer Beitrag zur Selbstreflexion dar, der sich hier abrufen lässt.
Diese Version ist eine Art kleines, verspätetes Geburtsgeschenk an das IvI, dessen Existenz am 3. 12. 2003 mit der Besetzung des Kettenhofwegs 130 begann.

Wir wünschen das Beste hoffen auf weitere irrelevante Jahre!

Krisen sind stets eine Gelegenheit zur Selbstreflexion. Was zeichnet das in die Krise geratene Projekt eigentlich aus, was ist der „Kern”, auf den sich dieses Projekt besinnen sollte? Die in diesem Artikel vertretene These soll eine Art Vorschlag sein, wie sich das IvI selbst definieren, was sein „Kern” sein könnte. Dies ist nicht als bloße normative Setzung, sondern genau als „Kern”-Analyse gemeint – also primär deskriptiv, freilich nicht im Sinne einer empirischen Untersuchung, sondern einer grundsätzlicheren, philosophischen Selbstreflexion.
Es ist generell sehr hilfreich, bei solchen Fragen mit dem scheinbar Banalsten, Einfachsten zu beginnen und sich von dort zum eigentlichen Problem vorzutasten. Oft genug verbirgt sich in dem zunächst Banalstem, Einfachstem bereits das eigentliche Problem. Das scheinbar Banalste, Einfachste ist, dass das IvI ein Ort ist. Freilich ist diese Bestimmung nicht unkontrovers: man könnte das IvI auch als politisches oder kulturelles Projekt jenseits eines bestimmten Ortes verstehen und den Ort nur als sekundäre Folgerung, als Mittel. Doch was wäre das IvI ohne einen Ort? Für welche Ideen stünde es genau? Wir glauben in der Tat, dass man vom Ort ausgehen muss, wenn man den „Kern” des IvI begreifen will. Jede politische Definition des Projekts basiert auf seiner Örtlichkeit, nicht umgekehrt. Es geht also darum, nach dieser Örtlichkeit zu fragen. Beginnen wir daher mit sehr grundlegenden Überlegungen zum Ortsbegriff.
Der Mensch ist ein grundsätzlich im Raum existierendes Wesen. Er ist nicht irgendwo, er ist „da”. Dieser Raum ist freilich kein abstraktes etwas, sondern immer schon konkret geordnet im Rahmen der leiblichen Existenz des Menschen. Diese Ordnung basiert auf Orientierungspunkten – ich liege im Bett, ich stehe auf, um aufs Klo zu gehen, ich verlasse das Haus, um zum Supermarkt zu gehen etc. Das ist der Grundbegriff des Ortes. Orte strukturieren den Raum und geben ihm so erst eine Kontur, gleichzeitig enthüllt sich in dieser Kontur erst die konkrete Materialität des Raumes (etwa als Hindernis, als Abstand, als Erleichterung etc.). Die Definition des Ortes ist somit immer eine konkrete Aneignung der Materialität des Raumes, genauer gesagt: der Erde als basaler materieller Qualität und unabdingbarer Grundlage jeder Räumlichkeit.
Es gibt dabei eine basale Orientierung aufgrund meiner natürlich-leiblichen Existenz. Diese ist für meine Örtlichkeit zwar fundierend, entscheidend ist jedoch ihre soziokulturelle Definition. Ich bewege mich stets in einer örtlichen Matrix die zwar je meine ist, jedoch nie von mir gemacht wurde. Ich stehe etwa morgens auf. Mein Bett, mein Zimmer, mein Haus ist definiert als mein Erholungsplatz, indem ich schlafen, essen, lesen kann, einen gewissen „Freiraum” genieße. Mein gesamter Wohnraum ist im Hinblick auf diesen Erholungsplatzcharakter strukturiert. Ich muss nun aufstehen und zu meinem Arbeitsplatz gehen. Dieser ist nun mein Orientierungspunkt, mein Weg zur Arbeit erscheint als zu überwindender Abstand, als Verkehrsweg, den bestimmte Regeln definieren, nach denen ich mich zu richten habe. Etc. pp.
Man könnte diese Beschreibung endlos fortsetzen. Doch aus dieser groben Skizze sollte bereits klar werden: es existiert eine normative Ordnung, die jedem Ort, sei es als Erholungs-, als Arbeits-, als Spiel-, als Kultur-, als Marktplatz, seinen Platz, seine gesellschaftliche Funktion zuweist und in der wir uns für gewöhnlich bewegen. Diese Ordnung ist dabei nicht bloß ideell, so als handelte es sich um eine Art kollektive Einbildung, sondern manifestiert sich jeweils in der konkreten materiellen Organisation der Orte, die bereits in sich eine bestimmte Benutzung nahelegt. Freilich markiert diese Materialität der Orte auch immer eine gewisse Widerständigkeit: selbst der funktionalistischste Architekt kann einen Ort niemals so zurichten, dass seine Materialität völlig in seiner Funktionalität aufginge. Es gibt immer einen gewissen Überschuss der Benutzbarkeit – der teilweise wiederum selbst Teil seiner Funktion ist, teilweise dieser Funktion hinderlich. Von der subjektiven Seite aus gesehen heißt das: ich kann mir den Ort auch immer anders aneignen, meine Örtlichkeit immer anders definieren, als mir meine normative Ordnung vorgibt. Vom Standpunkt dieser Ordnung aus gesehen ist das ein Missbrauch – von meinem aus gesehen nichts weiter als ein alternativer Gebrauch, der meinen eigenen subjektiven Erfordernissen entspricht. Ich kann auf der Autobahn Skateboard fahren, im städtischen Brunnen schwimmen, im Kaufhaus schlafen etc. pp.
Es gibt so eine Politik des Ortes, die für jede widerständige Politik von zentraler Bedeutung ist: es geht darum, sich den Raum gemäß seinen eigenen Bedürfnissen anzueignen, sich die Nutzung des Raumes nicht von der herrschenden Funktionalisierung der Welt diktieren zu lassen. Diese Funktionialisierung produziert zwar permanent neue Möglichkeiten der Aneignung des Raumes, sie bleibt jedoch ihrem Wesen nach letztendlich doch repressiv und beschränkend: der Materialität der Erde, der Leiblichkeit und der Idealität der Individuen wird jeweils Gewalt angetan – ihre Entfaltungsmöglichkeiten werden gehemmt, ihre innersten Bedürfnisse negiert. Wälder werden sinnlos gerodet, Orte nach einer für den Leib völlig dysfunktionalen Weise zugerichtet, der Möglichkeitssinn der Menschen systematisch zugekleistert, indem durch die bloße Materialität der Orte eine Pseudoevidenz ihrer herrschenden Nutzung suggeriert wird (Moral und Gewöhnung erledigen das Übrige).
Jede Wiederaneignung des Raumes ist somit ein eminent subversiver Akt. Es handelt sich nur vom Standpunkt der Ordnung aus betrachtet um eine „Be-setzung” (was eine Hemmung suggeriert), eigentlich handelt es sich um eine Frei-setzung, das Gegenteil einer Hemmung. Im Idealfall bedeutet diese Freisetzung die Schaffung dessen, was man als einen „utopischen Ort” bezeichnen kann. Ein Ort, dem keine Funktionalität im System zugeordnet werden kann, der in ihm wie eine unheilbare Wunde klafft. Doch vom Standpunkt der Emanzipation aus betrachtet markiert eine solche radikale Verwundung den Beginn einer möglichen Heilung: es kann ein neues Verhältnis zu Erde und Leib erprobt, aber vor allem der Möglichkeitssinn enthemmt und überhaupt erst entwickelt werden. Was ist mit einem Ort möglich? Wie kann man ihn kollektiv verwalten in einem Vakuum jenseits der herrschenden normativen Ordnung? Was soll an ihm geschehen können und was nicht? All dies sind Fragen, die das IvI-Kollektiv über all die Jahre konsequent beschäftigt hat. Der Verdienst des IvI ist es, sich der Versuchung einer Refunktionalisierung konsequent widersetzt und seine ursprüngliche Offenheit weitestgehend bewahrt zu haben. Dies war nicht zuletzt wegen der Materialität des Ortes selbst möglich: der „Funktionalismus” des Architekten Ferdinand Kramers bedeutet gerade nicht eine Einschränkung auf bestimmte Funktionen, sondern eine möglichst offene Gestaltung, die eine vielfältige Funktionalisierung ermöglicht. Das IvI konnte so als Bibliothek, Treffpunkt, Veranstaltungsort, Wohnraum u.v.m. dienen. Seine „eigentliche” Bestimmung blieb immer offen, es konnte nie klar unter einer dieser Kategorien subsumiert wurden. Es wurden Dinge gemacht, die anderswo so nicht möglich gewesen wären und das nicht, und das ist entscheidend, individuell und vereinzelt, sondern kollektiv.
Die spezifische polemische Pointe genau dieser Freisetzung ist nun, dass es sich ursprünglich um einen öffentlichen Ort handelte: ein Universitätsgebäude. Es ging also nicht darum, ein privates Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen oder sogar, wie bei manchen alten Hausbesetzungen, einer bestimmten neuen Nutzung im Rahmen gesellschaftlicher definierter Funktionsnormen („Erholungsplatz”) zuzuweisen. Viel eher ist die implizite Botschaft dieser Freisetzung viel radikaler: bei der so genannten „Öffentlichkeit” handelt es sich um eine Pseudo-Öffentlichkeit. Es geht darum, den öffentlichen Raum zu öffnen, ihn somit erst seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: nicht funktionalistisch definierter Treffpunkt von Individuen unterschiedlichster Herkunft zu sein, um in gemeinsamen Dialog und gemeinsamer Praxis den Vorschein einer künftigen Menschheit zu konstituieren.
Das IvI ist für die einen ein Schandfleck in der durchfunktionalisierten Frankfurter Innenstadt, eine Störung des Ausbildungs-, Wohn- und Bürobetriebs im Umfeld, für die anderen eine Oase, „utopisch” einerseits im Sinne eines konkreten Vorscheins eines möglichen Besseren, andererseits im Sinne seiner konkreten Nicht-Verortbarkeit im Rahmen des herrschenden Ordnungsrahmens. Selbst als bloße Fata Morgana käme ihm, so verstanden, doch noch eine wichtige Bedeutung zu als Symbol möglichen Widerstands: es gibt ein mögliches Leben jenseits des totalen Funktionierens, es muss nur erobert und freigesetzt werden. Deshalb lohnt sich unserer Ansicht nach der Kampf für den Erhalt des IvI, gerade in so widrigen Zeiten wie diesen.

Das Ende des Lachens?!

Nach einiger Überlegung und in Absprache mit meinen Co-Autoren habe ich beschlossen, diesen Blog fürs erste stillzulegen. Er wird als Archiv natürlich erhalten bleiben und ich will, zumindest für mich, auch nicht ausschließen, irgendwann mal wieder einen kleinen (oder größeren) Beitrag zu veröffentlichen. Doch dies wird dann eben die Ausnahme und nicht mehr die Regel sein.

Ich halte das Bloggen an sich nach wie vor für eine nette und unkomplizierte Art, seine Meinung einer interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen. Daher fällt zumindest mir dieser Schritt nicht leicht. Ich sehe ihn jedoch aus verschiedenen Gründen als nahezu unvermeidlich an. Diese würde ich gerne transparent machen:

1. Wer schreibt?

La vache qui rit ist als Kollektivblog nahezu gescheitert. Trotz mehrfacher Versuche meinerseits ist es mir einfach nicht gelungen, neue Co-Autoren zu gewinnen. An sich finde ich einen Kollektivblog besser als einen Soloblog – weil Soloblogs immer dazu tendieren, zu einem Medium der Selbstdarstellung eines Einzelnen zu werden und weil man, sofern mehrere regelmäßig schreiben, unter weniger Druck steht, dauernd etwas schreiben zu müssen, damit der traffic konstant bleibt. Aber wenn mit mir keiner schreiben will, sehe ich keinen Sinn mehr darin, ein de facto-Soloprojekt als „Kollektivblog“ zu betreiben. Gleichzeitig soll La vache qui rit aber einer bleiben – was nichts anderes als sein Ende bedeuten kann.
Warum niemand mit mir schreiben will, darüber kann ich freilich nur spekulieren. Jedenfalls scheint es schwierig zu sein, Leute zum regelmäßigen Bloggen zu motivieren. Ich denke, das hat vorallem drei Gründe:
a) Gehört zum Bloggen eine gewisse Unbescheidenheit dazu, die einige (ob zu Recht oder zu Unrecht) nicht aufbringen können.
b) Ist es ein relativ sinnloser Zeitvertreib.
c) Bedeutet es, sich der öffentlichen Kritik stellen zu müssen, was mitunter sehr an den Nerven zehrt.
d) Man braucht zu guter letzt irgendeine „Mission“, irgendeine Vorstellung davon, warum man schreibt und welches Ziel man dabei verfolgt.

2. Unter welchen Bedingungen schreibt man?

Es klang schon an: Man schreibt ja, um gelesen zu werden. Um aber gelesen zu werden, muss man als Blogger bestimmten äußerlichen Standards gerecht werden. Sobald man sich dieser Logik unterwirft, ist es vorbei mit der relativen Autonomie von heteronomen Erfordernissen, die das Bloggen eigentlich so angenehm machen: Man muss sich kurz fassen, man muss regelmäßig schreiben, man muss verlinkt werden, man muss sich zu aktuellen Diskussionen in der Blogszene verhalten … Ich muss unbescheiden sagen: ich glaube, all das ist mir relativ gut gelungen ohne irgendwas zu machen, was ich völlig doof fände. Aber trotzdem baut diese Logik einen gewissen Druck auf, auf den ich dauerhaft keinen Bock habe (zumindest nicht in einem Solo-Projekt, ohne Mitstreiter, die auch ab und an mal was schreiben).

3. Wie viele lesen einen?

Trotz dieses Aufwands bleibt die Resonanz, die man normalerweise kriegt, relativ gering. Was mich oft besonders geärgert hat: irgendein schnell hingeschriebener Spaßartikel zu irgendeinem szenerelevanten Thema wird zig-mal verlinkt, einen Text, in dem wirklich mehrere Tage oder sogar Wochen lange Denk- und Schreibarbeit drinsteckt, nimmt kein Schwein zur Kenntnis.

4. Wie wird man gelesen?

Auch mit der „Resonanz“ ist es so eine Sache: die erfolgt zum größten Teil anonym. Irgendwer folgt irgendwelchen Links oder stößt über google auf den Blog (teilweise mit völlig bescheuerten Suchbegriffen). Wer meine Texte wirklich liest und wie er sie aufnimmt, erfahre ich nicht. Gut – das ist in den meisten anderen Medien ebenso. Bei Blogs gibt es ja immerhin die Kommentarfunktion. Doch wer die nutzt, sind, zumindest hier auf blogsport, meistens die Angehörigen der linken Bloggerszene. Und dann gibt es noch die Leute, die keinen Bock auf eine direkte Diskussion haben, sondern in irgendwelchen Foren oder Verteilern über einen lästern.

5. Für wen schreibt man?

Diese linke Bloggerszene wie auch die linke Szene sind klar die Zielgruppe dieses Blogs und machen den größten Teil seiner Leserschaft und insbesonder derer, die hier diskutieren, aus. LW, earendil, rhizom, neo und wie sie alle heißen …
Ich habe meine Blogtexte immer eher als Diskussionsvorlagen denn als fertig durchreflektierte „Meisterwerke“ verstanden. Als mein persönliches kleines Experimentierfeld. Und in der Tat finde ich im Grunde das beste Resultat meiner Bloggerlaufbahn die Diskussionen, die ich angestoßen habe.
Doch die sind gleichzeitig auch das nervtötendste am Bloggen:
Zunächst einmal sind geschätzte 2/3 aller Kommentare persönlich beleidigend. Früher habe ich den Fehler gemacht, da ich bloß nichts zensieren wollte, solche Beleidigungen meistens auch noch freizuschalten. Da habe ich dazu gelernt und zensiere solches Zeug sofort (seitdem ist es auch ein wenig besser geworden). Klar: mich muss niemand mögen. Und ich weiß, dass mich auch einige Leute gerne lesen und es wahrscheinlich ärgert, dass ich aufhöre. Doch leider schreiben eher die Leute, die meinen Blog scheiße finden einen Hasskommentar als die Leute, die ihn gut finden, mal ein kleines Lob. So zu arbeiten ist tatsächlich reichlich frustrierend.
Es bleiben nun die restlichen 1/3 der Kommentare. Also die, die wirklich Diskussionsbeiträge darstellen. Die sind nun auch meist nicht gerade zimperlich geschrieben. Die Grenze zur Beleidigung ist oftmals fließend. Das ist erstmal auch nicht schlimm: ich teile selbst gerne auch mal aus in einer online-Debatte. Das gehört bis zu einem gewissen Grad dazu. Letztendlich muss man es einfach als Spiel betreiben. Doch aus dem Spiel wird Ernst, wenn die Debatten politisch werden und ins real life übergreifen. Und da hört der Spaß auf. Das ist mir leider während meiner Zeit als Blogger mehrere Male passiert.
Dieses Übergreifen ist natürlich an sich nicht das Problem. Schließlich geht es in den meisten Debatten um relativ ernste Angelegenheiten. Sie sind schlicht politisch.
Freilich: dies rechtfertigt meist nicht die ungeheure Verbissenheit und Feindseligkeit, mit der selbst die abstraktesten theoretischen Probleme ausgediskutiert werden. Als würde die Weltrevolution davon abhängen, ob der Fetischcharakter der Ware zentral oder nebensächlich für das Verständnis des Kapital ist.
Leider fällt es, wegen dem schnell persönlich werdenden Stil der Debatten, oft sehr schwer, in solchen Diskussionen ruhig zu bleiben und sich nicht zu entsprechenden Gegenattacken provozieren zu lassen. Da habe ich mich sicher auch nicht immer mit Ruhm bekleckert.
Was mich zudem stört, ist die hartnäckige Unart, Argumente, die nunmal in einem komplexen Netz von Argumenten, einer Argumentationskette, vorgebracht und auch rezipiert werden müssen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern einzelne Textbausteine, teilweise völlig sinnentstellend, herauszugreifen und seine moralische Empörung daran aufzuhängen, anstatt zu versuchen, den Gegner zu überzeugen. Teilweise geht es sogar soweit, die explizite Aussage eines Textes ins Gegenteil zu verkehren. (So wurde mir etwa in einer auf diesen Text bezogenen Polemik vorgeworfen, ich würde nicht verstehen, dass eine Ästhetisierung des Politischen reaktionär ist.)
Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad unaufrichtig, sich darüber aufzuregen, dass andere seine Texte anders verstehen als man selbst sie intendiert hat. Man selbst ist schließlich auch nur Interpret seines eigenen Textes und es kann sein, dass man in ihm Dinge objektiv Dinge sagt, die der eigenen subjektiven Intention widersprechen. Oft ist es sogar erhellend, von anderen die Implikationen seiner eigenen Gedanken aufgezeigt zu bekommen – es offenbart unter Umständen vorbewusste Elemente des eigenen Denkens. Doch es gibt einfach ein bewusstes Missverstehen, dass man nicht akzeptieren muss und das auf Dauer ziemlich nervt. Zu Nietzsche und speziell zu Heidegger habe auf diesem Blog etwa sehr kritische Dinge geschrieben. Wer mir trotzdem versucht, einen Nietzsche-Kult anzudichten, sollte lesen lernen. „Mehr Achtsamkeit des Wortes“ – da traf selbst Heidegger mal was. Und auch „Gelassenheit“ scheint mir eine Haltung zu sein, die einige Linke lernen sollten.

6. Und für wen noch?

Dies ist im Kern kein spezielles Problem der linken Bloggerszene (auch wenn manchmal so getan wird), sondern letztendlich ein Problem der linken Diskussionskultur allgemein. La vache qui rit ist de facto ein linker Szeneblog. Ich habe ihn, teilweise willentlich, teilweise unwillentlich, dazu gemacht. Das Problem ist eben der unwillentliche Anteil. Eigentlich möchte ich, getreu Nietzsches Motto, das er Also sprach Zarathustra voranstellt, „für Alle und Keinen“ schreiben. Je länger ich blogge, desto weniger für die linke Szene. Diese Szene und ich haben sich einfach auseinandergelebt wie zwei alte Schulfreunde. Ich dachte einfach, man könne durch einen Blog wie diesen die Szene irgendwie zum Besseren verändern, indem man einfach mal zum Nachdenken anregt, einfach mal für die Szene unkonventionelle Positionen stark macht mit teilweise bewusst provokatorischer Absicht. Die Provokation hat meistens gewirkt (sie sind ja so berechenbar, diese Szenisten!) – nur leider handelt es sich um linke Szenespießer und sobald man die einmal gegen sich aufgebracht hat ist es Ende im Gelände. Denn diese Leute haben die traurige Angewohnheit, theoretische Debatten immer sofort politisieren, psychologisieren und moralisieren zu müssen. Es ist für sie kein verständlicher Gedanke, dass philosophische Debatten auch einfach mal ohne größere emotionale Erregung und ohne Politik und Moral im Hinterkopf geführt werden können und müssen. Wenn man mir etwa vorwirft, ich sei ein Faschist, weil ich mich bisweilen auf Heidegger und Nietzsche beziehe, ist dieser Vorwurf für mich überhaupt nicht verständlich: Nietzsche und Heidegger sind Philosophen und keine Politiker und als Philosophen kritisiere ich sie jeweils. Ebenso, wenn mir Faschismus vorgeworfen wird, weil ich SM gut heiße: SM ist für mich eine sexuelle Praxis und keine politische Einstellung. Ich kenne viele Linke SMer und viele SMer, die sich auf einer persönlich-moralischen Ebene niemals so arschlochmäßig verhalten würden wie viele meiner ehemaligen Genossen.
Aber das will man ja nicht hören! Als Linker steht man schlicht auf der richtigen Seite, weil man links ist und weil man sich den linken Szeneregeln unterwirft. Dass das nicht mein Ding ist, habe ich seit Bestehen dieses Blog immer wieder klar gesagt und mir deshalb nicht viele Freunde mit ihm gemacht.
Zuletzt hatte ich beim Schreiben fast jeden Artikels die linke Zensurbehörde im Schädel. Mir geht es da ganz ähnlich wie neo. Ich konnte Nietzsche nicht mehr zitieren, weil man mir dafür sofort wieder Faschismus vorwerfen wird. Ich konnte Heidegger nicht mehr kritisieren, weil meine Heidegger-Kritik zu gemäßigt sei und mich das wiederum zum Faschisten stempele. Unter solchen Bedingungen kann ich weder schreiben noch denken. Ich habe weiterhin versucht, mal durch Argumente, mal durch Provokation, meinen Feinden etwas entgegenzusetzen, doch ich bin es leid.
In einem meiner liebsten Aphorismen des Zarathustra heißt es:

Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind deiner unwert. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute saugen.

Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was groß an dir ist – das selber muß sie giftiger machen und immer fliegenhafter.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein.

Das will ich mir in Zukunft zu Herzen nehmen.

Linke sind einfach (schon Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang von den „Antisemiten und Anarchisten“, bei denen man das Ressentiment am besten studieren könne) zu einem guten Teil ressentimentgetriebene Menschen. Und das gilt besonders für linke Priester – genannt „Theoretiker“. Natürlich gilt das nicht für alle und auch nicht mal für alle meiner Feinde. Aber wer, wenn ich nicht ein ressentimentgetriebener Mensch, würde sich, ohne eine Zeile Nietzsche gelesen zu haben, darüber empören, dass jemand Nietzschianer ist und ihn als Faschisten bezeichnen? Und von dem dann auch noch erwarten, dass er diese Kritik Ernst nimmt?
Nur, um die Relationen aufzuzeigen: Auch von Marx gibt es einige sexistische, antijüdische und rassistische Äußerungen. Jeder aufrichtige Marxist würde das sofort zugeben, doch, zu Recht, darauf verweisen, dass diese Äußerungen den Kern der Marxschen Theorie nicht angreifen. Und diese rationale Argumentation soll nicht gelten, wenn es um Nietzsche geht? Mir ist bisher jedenfalls von keinem Nietze-Hasser gezeigt worden, dass es sowas wie einen antisemitischen oder faschistischen Kern in Nietzsches Denken gibt. Das ist auch nicht möglich: denn der Kern von Nietzsches Denken, seine Moralkritik, sein Individualismus, seine Vernunftkritik etc. sind antifaschistisch. Niemand hat die Antisemiten seiner Zeit mehr gehasst als Nietzsche. Er hat den Antisemitismus schärfer und besser kritisiert als Marx und Engels zur selben Zeit. (Vgl. meinen Artikel dazu.)
Ich könnte dazu natürlich noch viel mehr schreiben, aber ich bin es Leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, mich ab und an positiv auf Nietzsche zu beziehen gegenüber Leuten, deren Urteil ohnehin schon von vorneherein feststeht. Es geht mir auch nicht um Nietzsche, sondern um bestimmte Positionen, die Nietzsche vertritt und die einfach richtig finde. Wäre interessant, darüber mal eine Debatte zu führen. Aber dazu ist die linke Szene der falsche Ort.
Man muss es einfach mal zur Kenntnis nehmen: man kann nicht Freud, Adorno und Guy Debord gut und Nietzsche gleichzeitig scheiße finden. Freud etwa ist einfach, philosophisch gesehen, kein Hegelianer, Kantianer oder sonstwas, sondern Nietzschianer. (Das zeigt etwa sehr schön in Romanform das Buch Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom auf [die Verfilmung ist leider extrem kitschig]- aber es ist ja nun wirklich kein großes aufzudeckendes Geheimnis, selbst wenn Freud sich nie explizit auf Nietzsche beruft – man wäre auch gerade ein sehr schlechter Nietzschianer, wenn man Nietzsche so behandeln würde, wie viele Marxisten Marx. Zum Kern des Nietzschianismus gehört schlicht, dass man sich seine eigene philosophische Position herausarbeiten muss – gern auch gegen Nietzsche.)
Man muss einfach einmal zugestehen: nicht jeder, der anderer Meinung ist als man selbst ist Faschist oder Antisemit. Da diese Begriffe den schlimmsten Feind eines jeden Linken bezeichnen, sollte man sie nur äußerst sparsam verwenden. Ich muss zugeben, dass ich da ab und an auch mal über die Stränge geschlagen bin.
Was soll auch ein Antisemitismus bedeuten, der nicht manifest ist, sondern sich sogar als Anti-Antisemitismus ausdrückt? Die Beweislast liegt im Falle Nietzsches bei denen, die Nietzsche des Antisemitismus und Faschismus beschuldigen und nicht umgekehrt. Es mag bei ihm im Spätwerk einen Philosemitismus geben, den man als negativen Antisemitismus interpretieren könnte. Doch man wird bei Nietzsche keine Passagen finden, in der er das Judentum krass glorifizieren würde. Eher beschreibt er es meist recht nüchtern – und liefert in der Genealogie der Moral eine meines Erachtens treffende Analyse der Genealogie des Judentums als Religion des Ressentiments. Wobei der Hauptfeind klar stets das Christentum mit seinem Universalismus ist – das Judentums kommt demgegenüber bei Nietzsche eher gut weg (weil auch überhaupt seine Kritik an der „Sklavenmoral“ ambivalent ist: er weiß selbst, dass seine Analyse zunächst nur deskriptiv ist, dass daraus nicht zwingend eine Wertung folgt – man kann seine Analyse auch als Lob der Sklavenmoral lesen, wenn man möchte).
Nehmen wir als Beispiel, um es doch noch einmal zu versuchen, zwei Stellen aus dem Zarathustra, Nietzsches eigenem Bekunden nach sein Hauptwerk, in dem seine ganze Philosophie enthalten sei – folgerichtig also auch sein Antisemitismus.
Im Abschnitt „Von tausend und Einem Ziele“ heißt es:

„Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen sein“: diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit.

Die „Lehrrede“ handelt davon, dass verschieden Völker sich verschieden Werte setzen. Als Beispiel führt Nietzsche zuerst die Griechen, dann die Perser, dann die Juden, dann die Deutschen an. Die Werte aller Völker lobt Nietzsche aus unterschiedlichen Gründen. „Mächtig“ ist für Nietzsche nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Zugleich werden die Juden auch nicht als übermächtiges „Übervolk“ dargestellt, sondern einfach als ein Volk unter vielen. Wenn Nietzsche es nun als positives Merkmal des Judentums herausstellt, durch eine Traditionsgebundenheit durch Jahrtausende der Unterdrückung und Verfolgung hindurch seine kulturelle Identität bewahrt und dadurch „ewig“ zu sein, hat er damit einfach recht. Jedes andere Volk, jede andere Religion wäre unter vergleichbaren Bedingungen ausgerottet und assimiliert worden – die Juden haben sich ihre Religion nie nehmen lassen, trotz aller Anfeindungen. Der Gedanken, dass sich das Judentum durch ein besonderes Verhältnis zu den Eltern, besonders dem Vater, auszeichnet, wurde später in der psychoanalytischen Religionskritik aufgegriffen und fruchtbar gemacht – nicht zuletzt vom jüdischstämmigen Sigmund Freud selbst.
Der Abschnitt bleibt allerdings bei keinem simplen Kulturrelativismus („es gibt Völker mit verschiedenen, gleichwertigen Werten“) stehen, sondern endet mit einer radikalen Kritik daran:

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt noch das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? -

Also sprach Zarathustra.

Man muss diese Stelle wohl so verstehen, dass die Moral vom Übermenschen der Menschheit ein solches gemeinsames Ziel geben und sie so erst als Menschheit konstituieren soll. Nietzsche ist so in einem gewissen Sinne Humanist. Die partikularen Wertsysteme der Völker sind ihm gleichermaßen beschränkt. Gleichzeitig kritisiert er wenige Abschnitte vorher den falschen Universalismus des alles gleichmachenden Staats („das kälteste aller kalten Ungeheuer“) – es ist eben eine abstrakte Universalität, die kein echtes Band der Gemeinsamkeit zwischen den Menschen stiftet. Es zerstört nur die alten Werte, ohne wirkliche neue Werte schaffen zu können. Er ist der institutionalisierte Nihilismus:

Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller – „das Leben“ heisst.

Und später:

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
Dort, wo der Staat a u f h ö r t, – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücke des Übermenschen?

Im folgenden Abschnitt kritisiert er dann ebenso scharf den Markt („wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen“). Der Schauspieler an der Spitze der „Herde“ im totalen Staat – das ist schon fast eine Charakterisierung Hitlers!
Nietzsche vertritt so klar einen emanzipatorischen Individualismus gegen Markt, Staat und Kollektiv. Seine Vision ist die befreite Menschheit – allerdings nicht befreit im Sinne eines platten „materialistischen“ Utilitarismus, sondern einer Selbsttranszendenz, für die eben der Begriff „Übermensch“ steht.
Ich denke, dass ist eine amoralische Moral, an die man bis heute anknüpfen kann – und auch muss. Nietzsches Universalismus lässt sich beispielsweise sehr gut als Kritik am herrschenden Universalismus des globalisierten Kapitals lesen – eine Kritik, die gleichzeitig ebenso jedem Partikuralismus der Rassen, Völker und Regionen entgegensteht.
Die Nazis, die sich auf Nietzsche bezogen, haben seine Lehre einfach nicht verstanden. Und die Faschisten, die, wie Ernst Jünger, konsequente Nietzschianer waren, wurden zu Antifaschisten. Mit Nietzsche ist der organisierte ressentimentgeladene Massenmord einfach nicht zu rechtfertigen.
Gut – man muss zugestehen, dass Nietzsches Amoralismus eine gewisse Indifferenz gegenüber dem Leid innewohnt. Nietzsche würde immer sagen, dass es kein Sinn macht, sich gegen bestimmte Formen des Leids aufzulehnen, sondern dass man sie als notwendig bejahen und diese Bejahung als Etappe auf dem Weg zum Übermenschen betrachten muss. “ A u s d e r K r i eg s s c h u l e d e s L e b e n s. – Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Doch daraus folgt schlimmstenfalls eine Indifferenz gegenüber dem Faschismus, keine Affirmation. Und das ändert auch nichts an den evidenten Wahrheitsgehalten auch dieses Teils seiner Lehre: das Leben zu bejahen heißt auch, seine dunkle Seite zu bejahen. Man muss stark genug sein, diese Seite auszuhalten – erst dann kann man produktiv daran arbeiten, das Leid zu verringern. Dieser zynische Zug von Nietzsches Philosophie kommt mir harmloser vor als der hegelmarxistische Zynismus gegenüber dem Leid in der Geschichte – der sich auch in dem Hass auf alle Versuche, bereits im Hier und Jetzt ein wenig besseres Leben zu führen, anstatt auf die große Revolution zu warten, ausdrückt.
Die Stärke des Übermenschen wäre eine Stärke, die genau darin besteht, die falsche Härte zu überwinden, sondern die eigene Schwäche anzuerkennen und mit ihr umzugehen zu lernen. Es geht darum, weich und offen zu werden – um wirklich stark zu sein.

Im Abschnitt „Der Schatten“ geht Nietzsche sogar noch weiter. Hier sagt der Schatten Zarathustras zu diesem folgendes:

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng: immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig und auch nicht Jude bin.

Der Schatten ist Zarathustras nihilistisches alter ego. Er verharrt in der Stufe der bloßen Amoral und vermag es nicht, in die neue Moral des Übermenschen vorzustoßen.
Nietzsche identifiziert sich an dieser Stelle also sogar selbst mit dem Schicksal der Juden.
Ähnlich wie auch an vielen Stellen Marx setzt er freilich ein bestimmtes Bild von „dem Juden“ unhinterfragt voraus. Das muss man natürlich kritisieren. Doch man vergleiche diese Stelle mit den Auftritten von Judenfiguren in den Opern Wagners: ihnen wird kein Mitleid, kein Verständnis, nur Hähme und Brutalität zu teil. Nietzsche nimmt das Bild vom „ewigen Juden“ im Grunde als Prototyp des modernen Nihilisten, der ewig unbefriedigt auf Versöhnung wartet und in Gefahr ist, in einen neuen Mythos zu verfallen. Gegen diese Gefahr richtet sich Nietzsches Lehre: die Versöhnung darf nicht irrational-religiös, sondern muss selbst aufgeklärt sein – als Versöhnung mit den eigenen Trieben, dem Leib, der Natur, als wirkliche, konkrete Aufhebung der Gegensätze in der Figur des Übermenschen. Nietzsches Religionskritik fällt dabei auch der Mythos der Revolution zum Opfer: er verwehrt sich strikt dagegen, die Erlösung auf ein künftiges Himmelreich zu verschieben, sie muss im Hier und Jetzt angegangen werden. Nietzsche ist genau darum in meinen Begriffen emanzipatorischer und aufgeklärter als Marx. Wir brauchen keinen säkularisierten Messianismus,der nur zu Quietismus und Zynismus führt, sondern eine echte revolutionäre Ethik – und dafür stellt Nietzsche wichtige theoretische Werkzeuge zur Verfügung. Skizziert habe ich das u.a. in meinem letzten längerem Artikel (ohne freilich den Namen Nietzsche zu erwähnen).
Adorno, Freud und viele andere haben das gesehen: man kommt als kritisch denkender Mensch einfach nicht an Nietzsche vorbei. Es geht natürlich, wie bei jedem anderen Theoretiker, um eine kritische Aneignung und keinen Personenkult. Doch das ist eine Banalität, die ich mich fast schäme auszusprechen. Nietzsche schreibt es in einem Gedicht ja selbst:

Vademecum – Vadetecum

Es lockt dich meine Art und Sprach,
Du folgest mir, du gehst mir nach?
Geh nur dir selbst treulich nach: -
So folgst du mir – gemach! gemach!

Das Ressentiment gegen Nietzsche ist nichts anderes als ein Ressentiment gegen wirklich kritisches, in die Tiefe dringendes Denken – ein Denken zugleich, dass nicht von abstrakten Begriffen, sondern von der konkreten Lebenserfahrung ausgeht. Ein solches Denken ist allen Ideologen natürlich ein Dorn im Auge – ob Christen, Liberalen oder eben, und das ganz besonders, Marxisten. Mein Traum wäre eine progressive Bewegung, in der Nietzsche-Lesekreise genau so selbstverständlich wie Marx-Lesekreise wären. Eine solche Bewegung, die die beiden Stränge des posthegelianischen, antiphilosophischen Denkens endlich zusammenführt, könnte einzig wirklich revolutionär sein, wird ansonsten entweder objektivistisch oder subjektivistisch stecken bleiben. Das hat nichts damit zu tun, ein „linkes“ und ein „rechtes“ Denken in einer „Querfront“ zusammenzuführen. Diese Kategorien machen zur Beurteilung theoretischer Gegensätze schlicht keinen Sinn. Nietzsche ist genau so progressiv wie Marx. Es gibt rechte und linke Marxisten wie es linke und rechte Nietzianer gibt. Nietzsche ist kein Irrationalist, sondern Anstoßer des von Adorno und Horkheimer weitergeführten Programms der Aufklärung der Aufklärung.
In einer solchen Bewegung würde es jedenfalls nicht mehr so einen moralisierten, neurotischen Umgang miteinander geben wie gegenwärtigen in der „linken Szene“. Antrieb der Emanzipation wäre nicht mehr Ressentiment, Neid und Rachsucht, sondern einfach die Bejahung des Lebens selbst – der Kreativität, der Transzendenz, der Individualität und Vielfalt.
Die wirkliche Nietzsche-Kritik muss, wie bei jedem großen Denker, immanent sein. Hier wäre etwa der Universalismus des Zarathustra gegen die Affirmation von Herrschaft als ewige Notwendigkeit in anderen Schriften zu stellen. Nietzsche konnte sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft ohne Unterdrückung des arbeitenden Teils der Bevölkerung möglich sein könnte. Das hat mit seiner (partiellen) Ahnungslosigkeit in Sachen Ökonomie zu tun und markiert tatsächlich die Schranke seines Denkens. Wir sind heute eines besseren belehrt und können als Nietzianer diese Schranke überwinden, belehrt von Marx. Ob unsere marxistischen Freunde die Redlichkeit aufbringen, es uns gleichzutun und anzuerkennen, dass die Schranke von Marx seine Ignoranz gegenüber Psychologie und Subjektivität ist?1

7. Mit welcher Haltung schreibt man?

Nein – ich hatte schon seit längerem das Gefühl, mit meinen Artikeln zu 90 % Perlen vor die Säue zu werfen. Und das ist keine sehr gute Haltung beim Schreiben. Genau so wie es hemmt, ständig den linken Szenezensor im Hinterkopf zu haben – und selbst, wenn man diesen Zensor immer wieder bewusst provozieren möchte (und ihm so doch unterworfen bleibt).

Ursprünglich hatte ich meine Texte, es fiel bereits oben, eher als Diskussionsanregungen, als kleine Versuche ohne großen absoluten Wahrheitsanspruch geschrieben. Leider wurden sie nicht immer so aufgefasst von meiner Leserschaft. Ich finde das eigentlich nach wie vor eine produktive Schreibhaltung. Man lernt so einfach schreiben. Mittlerweile sind meine Ansprüche freilich gewachsen. Meine Experimentierfreudigkeit wurde mir teilweise nur die wiederholten linken Hetzen gegen mich, teilweise durch mein eigenes gewachsenes Reflexionsniveau zu nichte gemacht gleich dem treffenden Bild von der Schnecke, die dadurch dumm gemacht wird, dass sie immer wieder zaghaft ihre Fühler herausstreckt und sie dann sofort einen auf den Deckel kriegt, bis sie sich schließlich ganz im Haus verkriecht aus der Dialektik der Aufklärung (wohl ein Teil der Genealogie der Dummheit vieler Linker). Ich kann nicht mehr einfach so drauf los schreiben und es dann auch noch veröffentlichen. Gleichzeitig habe ich einfach nicht die Zeit, auch nur einmal im Monat einen Text zu verfassen, der meinen Ansprüchen genügt und hier zu bloggen. Wenn ich einen solchen Text schreiben würde, würde ihn ihn ohnehin irgendwo abdrucken lassen wollen.
Ich schrieb etwa vor ein paar Monaten eine kleine Intervention in den Frankfurter Lokalwahlkampf. Sie fiel, ich hätte es wissen müssen, sofort der Idiotie der linken Szene zum Opfer und wurde zum Gegenstand zahlreicher Gerüchte und Polemiken. Ich stehe nichtsdestotrotz weiterhin zu ihr. Ich dachte einfach, dass der Widerspruch zwischen diesem Text und allem anderen, was ich auf La vache qui rit sonst über Reformismus geschrieben habe so augenfällig sein dürfte, dass man mir diesen kleinen Versuch, dem IvI ein wenig publizistisch zu helfen, verzeihen würde. Doch anstatt einer ernsthaften Debatte um meinen Text trifftete das Ganze in die 100. Stalinismus-Diskussion ab. Das war so eine der Etappen auf dem Weg zu meiner jetzigen Entscheidung.
Sicher – ich habe so gelernt, weniger leichtfertig zu schreiben. Ich habe meine Unschuld als Schreibender verloren. Das ist nicht nur schlecht, aber leider auch nicht immer einfach.

Eine theoretische Position, die die direkte argumentative Konfrontation scheut, die, anstatt auf Argumente, auf Zensur und moralische Empörung angewiesen ist, spricht in diesem Vorgehen nur ihre eigene Unsicherheit und Schwäche aus, die sie sich jedoch (da sie sich ja als die finale Wahrheit geriert) nicht eingestehen kann. Sie projiziert ihre ihr eigenes Unvermögen, dem argumentativen Streit standzuhalten, auf dem Gegner und rechtfertigt sich vor sich selbst dadurch, dass gegen einen solchen bösartigen, durchtriebenen Feind jedes Mittel recht sei, ihn zu vernichten. Sie offenbart damit nichts als ihre eigene Unwahrheit.
Ich verstehe das. Ich wünschte, ich selbst hätte immer die innere Stärke und Souveränität mir das klar vor Augen zu halten und mich nicht von irgendwelchen möchtergern-theoretischen Hans-Dampfs einschüchtern zu lassen. Ich kann es jedenfalls als Sieg verbuchen, meine Gegner immer wieder zu solchen Exzessen der Schwäche gezwungen zu haben. Als Niederlage, dass ich mich ihnen bisweilen gefährlich anglich, weil ich mich beirren ließ.
Ich kann einfach nicht anders, als mich über die Bigotterie und die dreiste Dummheit zu empören, die so viele „Marxisten“ an den Tag legen. Und gleichzeitig darüber, dass man auch noch gezwungen ist, diese Dummheit und Bigotterie zu belegen. Eigentlich sollte sie offensichtlich sein und niemand mehr diese Menschen Ernst nehmen.

8. Was schrieb ich?

In den vier Jahren, seit denen ich hier blogge, habe ich meines Erachtens zwar nichts komplett verqueres, aber doch so manches geschrieben, das ich heute nicht mehr so oder überhaupt nicht mehr schreiben würde. Er gehört trotzdem zur Identität „Thiel Schweiger“ dazu und ich kann nicht einfach so tun, als hätte ich es nicht geschrieben. Löschen will ich es zugleich auch nicht.
Irgendwie kommt mir dieses Pseudonym inzwischen verbrannt vor. Zumal mittlerweile ohnehin Hinz und Kunz weiß, wie ich wirklich heiße und die Anonymität, die ja gerade den Reiz des Bloggens ausmacht, nahezu völlig verloren gegangen ist. Ich werde mir neue Namen suchen müssen. (Oder die Anonymität aufgeben – letztendlich war ich es ja selbst, der zu ihrer Auflösung beigetragen hat. Es ist schließlich nur aufrichtig, zu seinen Artikeln auch mit seiner bürgerlichen Identität zu stehen.)

9. Was will ich schreiben?

Nicht zuletzt der szenelastige Charakter dieses Blogs hat mich immer mehr daran gehindert, über bestimmte Themen zu schreiben, die mir eigentlich am Herzen liegen würde. Einfach mal eine Lobeshymne auf Nietzsche und Ian Curtis, einfach mal eine persönliche Erfahrung aus meinem Leben … entweder bin ich gleich Faschist oder ich falle dem Szene-Tratsch und -Klatsch zum Opfer.
Und dann immer wieder das Gefühl, Perlen vor die Säue zu werfen – nicht zuletzt, wenn ich mich einmal getraut habe, ein Gedicht von mir hier zu veröffentlichen (obwohl es doch zum Linken geradezu per defitionem dazu gehört, Kunst nicht würdigen zu können, die dem Szene-Geschmack nicht entspricht). Was meine Gedichte betrifft kritzele ich sie lieber auf Zettel und stecke sie irgendwelchen speziellen Individuen in den Briefkasten als sie viertelgebildeten Analphabeten zum Lesen vorzusetzen. Hätte ich auch nur ein Zehntel meines literarischen Schaffens hier veröffentlicht, hätte ich wahrscheinlich ohnehin schon längst Horden neoplatonischer Hetzer auf den Plan gerufen, die mir Dekadenz, Subjektivismus und Formalismus unter Berufung auf Adorno und Guy Debord vorwerfen und Perversität in Berufung auf Freud. (Für die unbelesenen Leser: das sind natürlich Oxymora.) Und wenn das nicht reicht natürlich wieder einmal der alte Faschismus- und Antisemitismushut, um „Verräter“ fertig zu machen (Sexismus zieht natürlich auch, macht den Gegner aber weniger fertig – dass es einen überzeugten Antifaschisten ins Mark trifft, wenn man ihm Faschismus vorwirft ist einfach klar).

Auch längere Verteidigungsartikel zu Nietzsche, Sartre und Heidegger war ich schon am schreiben. Doch mir wurde klar: wer liest das schon und wer von denen, die sie lesen, ist schon in der Lage, ihnen mit der zum Verständnis nötigen Offenheit zu begegnen? Wenn Dummheit ansteckend ist, sollte man mit ihr so umgehen wie der Pestarzt, der seine Patienten nur mit Handschuhen berührt und sich so kurz wie möglich bei ihnen aufhält.

Nicht zufällig erschienen meine besten Artikel nicht hier, sondern (um ein kleines Geheimnis aufzudecken), in der Zeitschrift Das große Thier (Link) und in Tanz auf dem Vulkan. Das große Thier hat sich, trotz hoffungsvoller Anfänge, als weitere linksdeutsche Szenezeitschrift herausgestellt (ich warte auf Bestätigung des Gegenteils). Für Tanz auf dem Vulkan schreibe ich, sofern die Zeitschrift fortgesetzt wird, gerne wieder, wenn auch vielleicht unter anderem Namen.

***

Das sind so meine wesentlichen Überlegungen. Das Bloggen hat mich viel gelehrt und auch Spaß gemacht, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich will meine knappe Zeit in sinnvollere Projekte investieren, lieber einen richtig guten Print-Artikel als drei mäßige Blog-Artikel schreiben. Und gleichzeitig will ich meinen Blog nicht mit irgendwelchem Trash-Material füllen nur um irgendwas zu schreiben. Und die Projektionsfigur für irgendwelche verbitterten Möchtegernrevoluzzer, die nur darauf warten, dass ich mal einen Rechtschreibfehler mache oder irgendeinen Zitierfehler, um mal wieder ihren Neid und ihre Rachsucht abzuladen, will ich auch nicht mehr länger sein. Wenn ich nochmal irgendwann einen Blog aufmachen sollte, dann in gänzlicher anderer Form und an gänzlich anderem Ort. Und ich brauche im Grunde auch keine Veröffentlichungsplattform wie diese: in meiner mit schwarzem Samt ausgelegten Schublade haben funkelnde Perlen einen besseren Ort als in der Kloake.

Hm, vielleicht klingt dieser Nachruf in manchen Teilen etwas arrogant und verbittert. Nein, eigentlich bin ich das nicht. Ich weiß, dass dieser Blog ein gutes Projekt war und lange Zeit sehr viel Sinn ergeben hat – auch, indem ich teilweise meine Grenzen kennengelernt habe. Ich weiß auch, dass einige diesen Blog vermissen werden – und sei es nur, weil sie eine Hassfigur weniger haben. Andere werden sein Ende vielleicht als Sieg wahrnehmen.
Beide täuschen sich: ich werde ja trotzdem weiter publizieren und meine Positionen stark machen. Die Konflikte der letzten Monate waren vielleicht einfach notwendig, um mich selbst von meiner Befangenheit in dem linken Szene-Diskurs zu befreien. Ich werde schon bald wieder frei schreiben können.

Als letzten kleinen Erfolg kann ich verbuchen, in einem Artikel vom berüchtigen Lyzis einer direkten Polemik gewürdigt worden zu sein. Zwar eine blöde Polemik, die mich nicht trifft, da ich Lyzis‘ Kritik an der linken Geschmackskultur vollkommen zutreffend finde (und das auch aus meinen Texten hier hervorgehen sollte), und nur in einer Fußnote, aber immerhin. Damit habe ich das Gefühl, es irgendwie geschafft zu haben. Mehr kann ich in der linken Blogszene nicht erreichen. Das ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören.

Ade, Blog-Welt, es war schön und hässlich mit dir.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

  1. Diese Gegenüberstellung ist natürlich sehr schematisch. Doch es bleibt festzuhalten, dass Marx‘ Psychologie im mechanistischen Denken des Materialismus der Aufklärungszeit verhaftet bleibt – den zu kritisieren und damit der Psychoanalyse den Weg zu bereiten gerade Nietzsches größter Verdienst ist. Nietzsche wiederum ist an vielen Stellen sehr hellsichtig, was die Ökonomie betrifft – seine Erklärung der Gerechtigkeitsmoral aus der Logik des Warentauschs heraus (dass also gleiches immer mit gleichem vergolten werden soll) im zweiten Abschnitt der Genealogie der Moral etwa ist geradezu materialistischer als Marx‘ Umgang mit Moral als „Überbauphänomen“. Nietzsche gelingt es so zugleich, das sozialistische Gerechtigkeitsideal und die Forderung nach Rache gegenüber den „bösen“ Kapitalisten radikal zu dekonstruieren – was not tut, ist weder Gerechtigkeit noch Rache, sondern ein radikaler Bruch mit dem Tauchdenken (der freilich erst in einer nicht mehr auf Warentausch basierenden Gesellschaft vollkommen sein kann). [Vgl. dazu auch ein älterer Beitrag von mir, den ich diesbezüglich nach wie vor für lesenswerte halte.] [zurück]

Dreiundzwanzig vorläufige Thesen zur emanzipatorischen Rolle der Kunst heute

Inspiriert von Kunst – Erkenntnis – Problem, einer Kunsttagung in Frankfurt und der Documenta, einer Kunstausstellung in Kassel.

1. Kunst im minimalsten Sinne ist Materie, in der der Geist in materialisierter Form enthalten ist.

2. Wie schon Hegel zeigte, enthält dieser Begriff die Selbstaufhebung der Kunst, da sich der Geist letztendlich in aller Materie wiederfinden kann.

3. Diese Selbstaufhebung hat einen Punkt erreicht, an dem es zwischen Kunst und Nicht-Kunst keinen Unterschied gibt. Alles ist Kunst, „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys). Beuys fügt diesem Satz jedoch hinzu, dass er nicht so sehr eine Faktizität als vielmehr eine Möglichkeit, ein in jedem Menschen angelegtes Potential bezeichnet.

4. Gute Kunst, Kunst im emphatischen Sinne, sind solche Objekte, die einen wirklich substantiellen geistigen Gehalt aus einem Selbstzweck heraus zur sinnlichen Erscheinung bringen. Die Kunst ist darum primär ein Medium der Selbsterkenntnis des Geistes, der Theorie (das jedoch in sich zugleich stets praktisch ist).

5. Gegen Hegel ist festzuhalten, dass, ebensowenig wie die bürgerliche Gesellschaft das Ende der Geschichte markiert, die Totalität des Geistes in der Form des Begriffs erfasst werden kann. Die Kunst ist demgemäß nicht aufgehoben. Wer eine Praxis der Theorie fordert, ohne die Produktion und Rezeption von Kunst als konstitutiven Teil einer solchen Praxis heute anzuerkennen, postuliert einen kopflosen Engel.

6. Die Lüge ist die Kunst als getrennte Sphäre, als Angelegenheit von Spezialisten, ebenso wie ihre falsche Aufhebung in der allgemeinen Ästhetisierung der Lebenswelt, ebenso wie die Philosophie als Angelegenheit und Eigentum weniger die Lüge ist.

7. Die Trennung ist nur insofern wahr, als dass die Kunst, wie die Philosophie, vollständig autonom sein muss, um ihrem Ziel, ungeschmälerter Erkenntnis, gerecht zu werden. Jeder Versuch, die Kunst zu moralisieren oder zu politisieren, ist darum entschieden abzuweisen und dient nur der Ideologie, denen, die vor der ungeschmälerten Erkenntnis Angst haben. Eine andere Sache ist ihre begriffliche Theoretisierung, sofern sie der Autonomie der Kunst eingedenk bleibt. Jede authentische Theorie der Kunst muss freilich aus sich selbst heraus anerkennen, dass sie gegenüber der Kunst unvollkommen bleibt – ebenso, wie die Kunst gegenüber der Theorie unvollkommen bleibt. (Dies markiert einen produktiven Streit, der eine objektive Aporie markiert – weder lässt sich der geistige Gehalt eines ernsthaften Kunstwerks in Begriffe fassen noch ernsthafte Begriffe in sinnlicher Gestalt materialisieren – daraus ergibt sich eben die Notwendigkeit, sowohl Künstler als auch Philosoph zu sein. Es kommt auf die wechselseitige Erhellung an. Die Zurückweisung jeder Politisierung und Moralisierung gilt für die Philosophie gleichermaßen. Wobei Politisierung und Moralisierung jeweils auch produktiv sein können, solange sie der Erkenntnis dienen und nicht absolut werden.)

8. Diese Lüge lässt sich jedoch nicht „unmittelbaristisch“1 überwinden, indem einfach ein Verbot der Produktion von Kunst und ihrer emphatischen Rezeption gefordert wird. Dies bedeutete nichts weiter als schlechte Askese. Solange es den Communismus nicht gibt, ist die Kunst das beste, was wir haben, weil in ihr, als materialisiertem Geist und vergeistigter Materie, allein die mögliche Versöhnung von Subjekt und Objekt, die Aufhebung der Entfremdung, fasslich gemacht werden ohne je wirklich sein zu können.
(NB: Gleiches gilt für die Philosophie, betrieben als Philosophie im emphatischen Sinne, d.h. nicht als bloße Metareflexion der empirischen Wissenschaft, sondern als eigenständige Erkenntnisform, die radikal subjektiv und begrifflich verfährt und sich der Kunst so aus sich selbst heraus bis zur Ununterscheidbarkeit annähert.)

9. Dieser Mangel an Wirklichkeit, diese Abgetrenntheit, ist der wesentliche Mangel aller Kunst hier und jetzt. Doch über diesen Mangel muss die Kunst nicht äußerlich belehrt werden – sie schreit selbst nach ihrer eigenen Aufhebung.

10. Die Askese bezüglich der Kunst ist insofern wahr, als dass mit der Versinnlichung des Geistes immer auch der falsche Schein verbunden ist, die Entfremdung wäre schon aufgehoben. Doch das muss man die fortgeschrittene Kunst nicht äußerlich lehren, das ist in ihr schon reflektiert. Sie zeigt somit gleichzeitig die Versöhnung und ihre Abwesenheit.

11. Wenn alles Kunst ist, ist es erst recht jeder theoretische Text, allgemeiner jede praktische Betätigung. Es käme darauf an, nicht nur Kunst zu rezipieren und zu produzieren (als „Kunst“ in der Trennung), sondern in jeder theoretischen und praktischen Betätigung ein ästhetisches, d.h. künstlerisches Bewusstsein zu bewahren.

12. Das hat nichts damit zu tun, besonders „geschmackvoll“ oder „subjektivistisch“ sein zu wollen. Ernsthafte Kunst hat nichts (oder nur sehr sekundär) mit „Geschmack“ oder „Subjektivismus“ zu tun. Viel eher geht es um das ernsthafte Spiel und die bewusste, sensible, nuancierte Auseinandersetzung mit dem sinnlichen, obektiven Material in seiner subjektiven Vermitteltheit. Kunst ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Problem, was es heißt, etwas zu tun, etwas wahrzunehmen und etwas zu schaffen (und unterscheidet sich somit in nichts von der Philosophie). Das Wesentliche ist, ein nuanciertes Bewusstsein von der Form zu gewinnen.

13. Das ist der Ausgangspunkt einer Ethik jenseits von Gut und Böse – da die Kunst ihrem Wesen nach amoralisch ist.

14. Was all das heißt, müsste noch ausgeführt werden. Jedenfalls ist der Trugschluss zu vermeiden, Kunst und Kunstbetrieb in eins zu setzen, sei es affirmativ oder kritisch gemeint.

15. Die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft ist bestrebt, das ästhetische Vermögen jedes Menschen, seine Kreativität, Emotionalität und Spontanität, zu integrieren und für ihre Zwecke zu mobilisieren. Dieser Mobilisierung zu entgehen und ihr eine unversöhnliche Richtung zu geben ist die emanzipatorische Aufgabe der Kunst heute. Jede authentische ästhetische Produktion oder zumindest das Begehren nach ihr inmitten einer völlig ästhetisierten Lebenswelt ist somit in einem eminenten Sinne revolutionär. Es ginge im Mindesten darum, die Dinge anders und bewusster zu tun und wahrzunehmen als man es gewohnt ist, ohne diesen kreativen Impuls in den Dienst der Herrschaft zu stellen, die auf ihn angewiesen ist, um eine künstliche Lebendigkeit zu bewahren.
Für die Rezeption heißt das, die Dinge möglichst unverstellt so wahrzunehmen wie sind – jedoch jenseits jedes Mythos vom unmittelbar Gegebenen, sondern gerade durch ihre subjektive Vermittlung hindurch. In dieser bewussten Rezeption zeigt sich zugleich die Differenz von subjektives Projektion und objektiver Gegenbenheit des Gegenstands. Für die Produktion heißt es, Dinge zu schaffen, die um ihrer selbst willen da sind, die für sich stehen – seine Sache möglichst gut zu machen, weil es seine Sache ist und nicht, weil man muss.
In der wirklichen künstlerischen Produktion fallen beide Pole in eins.

16. Das Ziel jenes Impulses ist eben die Aufhebung der Entfremdung. Er ist das Leben selbst.

17. Dieses Begehren ist der Kern jedes radikalen Bedürfnisses. Es enthält in sich die radikale Negation des Bestehenden, da es, selbst wo es partiell gelingt, schon sein eigenes Scheitern in sich trägt und ausspricht.

18. Falsch wird die Kunst, wenn sie Trost wird. „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. — Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ (Friedrich Nietzsche) Doch selbst im Gebrüll des Gemarterten liegt noch ein letzter Rest von Trost. Die authentische Kunst bewährt sich gerade darin, diesen Trost, diese schlechte Kompensation zu verweigern und so erst wirklich produktiv, schöpferisch zu sein – ohne doch je aufhören zu können, so etwas wie Glück zu versprechen. Selbst in der Rezeption des unnahbarsten, negativsten Werks liegt ein Genuss, und selbst wenn er in nichts anderem als der bestimmten, sinnlich fasslichen Einsicht in die Negativität liegt. Das ist eine weitere Aporie.

19. Es ist nicht möglich, Kunst zu machen.

20. Es ist nicht möglich, keine Kunst zu machen.

21. Man soll keine Kunst machen.

22. Man muss Kunst machen.

23. to be continued

  1. Um eine Phrase der linksbornierten Kunst“kritik“ in polemischer Absicht zu entwenden. [zurück]

Heidegger goes Punk

Nicht nur auf Nietzsche kann man abgehen:

Irgendwie passt es. ;-)
Geht es dem Punkt nicht darum, der universellen Uneigentlichkeit der Gesellschaft zu entkommen und ein eigentliches Leben jenseits allen Konventionen, sozusagen „auf der Lichtung des Seins“, ins Nichts gestellt, zu führen?
Naja, ob sich Heidegger angesichts einer solchen Bezugnahme im Grab umgräbt oder nicht ist wohl ebenso unklar wie die Frage, ob er in der Hölle oder im Philosophenhimmel schmachtet. Wenn letzteres der Fall ist, denke ich, dass er sich mit den griechischen Philosophen ziemlich zerstritten hat, weil die mit seinen „eigentlichen“ Übersetzungen nicht so ganz klar kommen und er ihnen permanent Verrat ihrer eigenen Einsichten vorwirft.
(Aber ach was: im Philosophenhimmel sind ohnehin alle Hegelianer – geworden.)

(Mit herzlichem Dank für den Hinweis an D. :-) )

Nietzsche über den Tanz

Ich bin mal wieder auf einen sehr schönen und geistreichen kleinen Aphorismus von Friedrich Nietzsche gestoßen. Er enthält nicht nur eine sehr klare Einsicht in den bis heute denke ich unveränderten Stand des Geistes, sondern auch eine sehr gute Explikation von Nietzsches Tanz-Begriff:

Gleichnis vom Tanz. — Jetzt ist es als das entscheidende Zeichen großer Kultur zu betrachten, wenn Jemand jene Kraft und Biegsamkeit besitzt, um ebenso rein und streng im Erkennen zu sein als, in andern Momenten, auch befähigt, der Poesie, Religion und Metaphysik gleichsam hundert Schritte vorzugeben und ihre Gewalt und Schönheit nachzuempfinden. Eine solche Stellung zwischen zwei so verschiedenen Ansprüchen ist sehr schwierig, denn die Wissenschaft drängt zur absoluten Herrschaft ihrer Methode, und wird diesem Drängen nicht nachgegeben, so entsteht die andere Gefahr eines schwächlichen Auf- und Niederschwankens zwischen verschiedenen Antrieben. Indessen: um wenigstens mit einem Gleichniss einen Blick auf die Lösung dieser Schwierigkeit zu eröffnen, möge man sich doch daran erinnern, dass der Tanz nicht das Selbe wie ein mattes Hin- und Hertaumeln zwischen verschiedenen Antrieben ist. Die hohe Kultur wird einem kühnen Tanze ähnlich sehen: weshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit not tut.

(aus: Menschliches, Allzumenschliches)

Und natürlich bietet sich dieser Aphorismus auch an als gute Gelegenheit, noch einmal einen kleinen Hinweis auf die Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem. Möglichkeiten emanzipatorischer Kunst heute“ zu streuen, die vom 22.-24. Juni im IvI stattfinden wird. (Link)

In diesem Sinne: Tanzt, tanzt, tanzt! :-)

Mit Verspätung

Dem Gespenst von Jacques Derrida und der Philosophie.

Frühfrühling

Hinter Deinen Augen und
hinter ihren Gläsern
erkenn‘ ich da nicht
mit apodiktischer Evidenz, dass
ich am Wettkampf um
die größten Brillen mit den dicksten Gläsern nicht
teilnehmen muss, dass
mir Arme gegeben sind zum
verschmitzten Verschnaufen
und, eh ich‘s vergesse,
den treuen Bleistift
als Bruder
hab‘ ich ja auch?

Und hinter den Gläsern
grünt das Grün ja auch,
wie es heißt,
es ist so scheu, und
hinter den Gläsern seh
ich auch das
um tiefes Schwarz gehüllte
Blau.

Und dann hat man die Wahl: mal
die Zeichen mit abwaschbaren Farben als
Beute des kommenden Regens, oder
ritz sie mit scharfer Klinge ein, dann
sieht man sie nicht und
täusche dich nicht ob
der Schärfe der Klinge, denn
ist sie sehr scharf, blickt
man irgendwann nicht mehr durch,
so vollgekratzt sind die Scheiben, denn
man erkennt ja nicht,
was man zuvor noch schrieb.
Doch das kümmert jetzt nicht:
wenn sich die Gläser scheu aneinanderreiben,
womöglich zerspringen,
beginnt da der Frühling
endlich?
Blendete nicht das grelle Licht?
Tränten nicht die übernächtigten
Pupillen, schattenumsäumt?
Trocknete sie da nicht die
sich verwechselseitigende Wärme in
uns?

Und die stählernen Bügel verbögen sich dann zu
Orakelzeichen, bewährungsgeprüft.

Revolution – National und sozial?! // Einige Überlegungen zum Film „Tanz auf dem Vulkan“ (1938)

Es war ein ganz schöner Schreck, als mich ein Bekannter, dem ich von meinem Artikel in der Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“ erzählte, mit einer gewissen Ironie fragte, ob sich der Titel der Zeitschrift auf den Nazi-Film mit Gustaf Gründgens von 1938 beziehe und was das in Bezug auf „Blockupy“ zu bedeuten habe. Ich versicherte mich sofort bei der Redaktion, dass sie ebensowenig wie ich von der Existenz dieses Films gewusst haben, dass namensgebend eher Klaus Manns antifaschistischer Roman „Der Vulkan“ gewesen sei. Eine google-Recherche versicherte mir, dass die Metapher des Tanzes auf dem Vulkan in allen politischen Lagern verbreitet ist und dass ich mir also keine Sorgen machen muss, in Verdacht zu geraten, unwissentlich in einem Querfront-Magazin veröffentlicht zu haben.
Dennoch ließ mir die Existenz dieses Films keine Ruhe. Ich wusste, es gab nur einen Weg: ich musste ihn mir einmal in voller Länge anschauen. Also besorgte ich ihn mir in der Videothek und tat dies. Es ist sowieso immer wieder interessant, sich Nazi-Filme anzuschauen (ein wirklicher guter Film ist etwa „Münchhausen“ von 1943 – nach einem Drehbuch von Erich Kästner).
Doch es war nicht nur das, was mich neugierig machte. Zum einen war es dieser einzige Ausschnitt aus dem Film, den es bei youtube zu finden gab:

Ein musikalisch zwar nicht besonders innovativer, aber fetziges Lied mit Ohrwurmqualität, das nach 1945 von diversen klar linken Künstlern gecovert wurde. Kein Wunder: bei dem Text würde auf den ersten Lauscher wohl niemand denken, es handelte sich um den Titelsong eines Nazi-Films. Zumal – ein Nazi-Film, an dessen Ende die Tricolore im Bild flattert?!
Zum anderen ging aus dem wikipedia-Eintrag zu dem Film hervor, dass der Film, speziell auch der Schlager „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ Goebbels in der Tat nicht ganz geheuer war. Andererseits aber auch, dass sein Regisseur, Hans Steinhoff, kein verkappter Antifaschist, sondern richtiger, echter, wirklicher Hardcore-Nazi gewesen war, dem man wohl kaum unterstellen kann, einen versteckt subversiven Film drehen gewollt zu haben.

Es stellte sich also ein echtes Rätsel. Und als guter Philosoph kann ich nicht ruhen, ehe sich mir ein solcher scheinbarer Widerspruch in Wohlgefallen auflöst. Lange Rede, kurzer Sinn: ich ging in die Videothek und schaute mir den Film an. Es folgt eine Art Rezension. (mehr…)

Vortrag über Heidegger am 26.4. in München // Ein kleiner Kommentar zu Dahlmanns Sartre-Rezeption

Am 26.4. um 19 Uhr werden Paul Stephan und Emanuel Kapfinger in München noch einmal ihren Vortrag über Heidegger und den Nationalsozialismus halten. Der Ort ist derzeit noch nicht bekannt, aber es wird wohl irgendwo am Campus der LMU sein. Außerdem ist geplant, den Vortrag in der folgenden Woche noch einmal im IVI zu halten. Er findet an der LMU im Hauptgebäude (Geschwister-Scholl-Platz 1) in Raum E 206 statt. Außerdem wird die neue Version des Vortrags nochmal in Frankfurt präsentiert, und zwar am 8.5. um 20 Uhr im „Stalingradsaal“ (übrigens im Rahmen der Gegenuni, in der es diesmal um das Thema „Utopie“ geht und die auch zahlreiche andere interessante Veranstaltungen beinhaltet. Link zum Programm)

Die bisher beste Version des in Frankfurt, Marburg und Wien gehaltenen Vortrags, die Wiener, gibt es mittlerweile auch zum Hören im audioarchiv – inklusive einger Seitenhiebe auf den Wiener Sartre- und Adorno-Kongress Die Kunst der Freiheit. Darauf bezieht sich auch ein von Manfred Dahlmann in Freiburg gehaltener Vortrag, der ebenfalls im audioarchiv online ist und eine Art Verteidigung Sartres gegen Adorno unternimmt. Es handelt sich um fast denselben Vortrag, den Dahlmann wenig zuvor in Wien hielt – und an den zumindest aus orthodox Sartreanischer Sicht die Frage zu richten wäre, wie er darauf kommt, ausgerechnet die „Scham“ als Phänomen gegen Sartres Existenzialismus zu wenden. Denn es ist nicht nur so, dass Sartre das Phänomen der Scham in Das Sein und das Nichts ausführlich diskutiert – es steht sogar im Zentrum seiner Philosophie des Anderen. Ähnlich wie die existenzielle Angst bei Sartre die Freiheit enthüllt, enthüllt die Scham ihre reale, absolute Schranke, die eben in der Freiheit des Anderen liegt. Diese Schranke ist keine bloße Zutat zu Sartres Freiheitsbegriff, sondern ihm im Kern immanent – die menschliche Freiheit existiert nur als Freiheit-in-Konfrontation-mit-anderen-Freiheiten. Mein „Sein für mich“ ist meinem „Sein für anderen“ absolut ontologisch gleichrangig – die Scham ist bei Sartre ebenso konstitutiv für die „conditione humaine“ wie die Angst und die sich in ihr zeigende Freiheit.
In der Scham freilich entdecke ich auch bei Sartre nicht nur, dass es Andere gibt, sondern auch, dass meine eigene körperliche Existenz eine Seite hat, die mir notwendig entzogen ist – und die ich in der Scham eben als mangelhaft erfahre, genau so, wie mir in der Angst meine eigene Freiheit als mangelhaft erscheint. (Genauso kann mir natürlich in anderen Bewusstseinslagen meine Freiheit und meine Körperlichkeit als zu bejahende Fülle erscheinen, etwa in der Entschlossenheit, die von Sartre als Überwindung der Angst eingeführt wird – in der Entschlossenheit wähle ich ja und erfreue mich zugleich an meiner Wahl – ich nehme meine Freiheit auf mich und erfahre sie gerade nicht mehr als Mangel an Bestimmtheit, sondern als Bedigung meiner Selbstbestimmung.)
Auch wenn es Sartre strikt ablehnt, Eigenschaften meines Körpers als determinierend für mein Bewusstsein anzunehmen („determinierend“ zumindest im Sinne einer kausalen Verursachung), kommt so der Materialität meines Körpers, wie er sich anderen darbietet, doch eine eminente Rolle in seiner Philosophie zu. Der „Körper“ ist freilich auch und gerade hier kein bloßes biologisches Substrat, sondern eben das Bild, das andere von ihm haben – mit dem Körper, wie er sich dem Blick des Biologen oder des Arztes darbietet (freilich eher eine Leiche als ein Körper) als Sonderfällen. In Geschlossene Gesellschaft wird dies im Grunde sehr einfach anhand des Schicksals einer eitlen Frau erläutert, die wissen will, ob sie auch wirklich so schön ist, wie sie sich einbildet. Die Pointe ist, dass es ihr nicht einmal der Blick in den Spiegel sagen kann – denn sie hat ja gewählt, in den Augen anderer schön sein zu wollen und die bloße subjektive Versicherung „Ich bin schön“ genügt ihr nicht. Sie könnte wohl ein Zauberspiegel retten, der eine Art „Hyper-Anderen“ repräsentiert, der eine Art objektive Schönheit verkündet. Doch derartige Dinge gibt es nur in der Imagination: in Wahrheit entgeht uns jene objektive Seite unseres Seins radikal.
Dadurch, dass der Andere quasi die absolute Kontrolle über diese meine objektive Seite hat, bin ich ihm tatsächlich vollkommen ausgeliefert – eine Erfahrung, die wohl niemand in so drastischen Worten wie Sartre beschrieben hat. „Der andere ist der Tod meiner Möglichkeiten.“
Bereits in Sartres Analyse der Scham wird jedoch auch mitgedacht, dass es etwas am Leib/Körper gibt, das die Bewusstseine radikal überschreitet: dem Anderen ist mein Körper schließlich nicht nur in einer Form gegeben, die ich selbst nicht ergreifen kann – er ist ihm als transzendeter Gegenstand gegeben, der sich der unmittelbaren Evidenz entzieht. Ihm fehlt eben genau jene Intimität-mit-mir-selbst, die ich wiederum als meinen Mangel erfahre. Wir beide besitzen etwas, dass der Andere will, aber nicht haben kann: genau das konstituiert ja die Subjekt-Subjekt-Beziehung als unabschließbaren Kampf. Ein Kampf freilich, der in der Tat nicht abgeschlossen, nicht vermittelt werden kann. Aus dem simplen Grund, dass ich nicht der Andere sein kann und der Andere nicht ich – und erst recht nicht ich ich bleiben und gleichzeitig der Andere sein kann (selbst wenn ich das in der Reflexion versuche). (Bestenfalls wird eine Art Wechselseitigkeit des Voreinander-Schämens hergestellt, die in der Tat soetwas wie eine authentische, versöhnte Zwischenmenschlichkeit konstituieren könnte – aber das führt Sartre in Das Sein und das Nichts nicht aus.)
Ein Aspekt der Unabschließbarkeit dieses Kampfes ist jedoch zugleich auch, dass sich die Faktizität meines Körpers sowohl mir als auch den anderen Bewusstseinen, die ihn wahrnehmen, notwendig entzieht (was eben das materialistische Moment in Sartres Philosophie ist).

Dies alles hat eine eminent politisch-ethische Implikation: auch die Dinge weisen eine gewisse unreduzible Widerständigkeit auf. Doch erst im Kampf mit dieser Widerständigkeit erweist sich überhaupt erst unsere Freiheit – wir machen uns frei, indem wir die Dinge als „Hindernisse“ unserer Pläne begreifen. Andere Menschen (oder, globaler gesagt: Bewusstseine) haben demgegenüber einen völlig anderen ontologischen Status. Ich kann sie aufrichtig nicht als „Hindernisse“ begreifen, ich muss sie z.B. mit Argumenten von meinem Standpunkt überzeugen. Aber dieser Standpunkt ist 1. bereits ein Produkt meiner Konfrontation mit den Anderen (Sartre denkt die Bewusstseine als von vorneherein vermittelt, nicht erst nachträglich synthetisiert) und findet 2. seine Grenze an der puren Willkür der Subjektivität des Anderen. Sartre tritt so allen Versuchen entgegen, zwischenmenschliche Beziehungen analog zu einer Subjekt-Objekt-Relation zu denken, er geht von einem radikalen Kampf zwischen zwei (oder mehreren) Subjekten aus, indem sich erst authentische zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln können. Dies ist natürlich eine radikale Kritik an jeder Form von Verdinglichung, die schon bei Sartre untrennbar mit einem konkreten politischen Projekt verwoben sind, gesellschaftliche Verhältnisse zu erreichen, in denen kein Mensch mehr verdinglicht ist. Im Kapitalismus etwa sind die Proletarier nicht als Individuen Teil des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, sondern als „v“, variabler Kapitalbestandteil. Sie streifen, sobald sie die Fabrik betreten, ihre Subjektivität ab und werden zu Instrumenten im Dienste der Kapitalisten. Dies hindert sie natürlich auch daran, ihre eigene Subjektivität wirklich zu entdecken, da sich diese ja erst in der Auseinandersetzung mit einem widerständigen Objekt wirklich erweisen kann.
Ebenso kann die moderne Neurobiologie aus existenzialistischer Sicht nicht als „Wissenschaft“ in dem Sinne verstanden werden, dass sie einfach schlicht Wissen über die Faktizität meines Körpers passiv abspiegelt. Das macht sie natürlich auch – doch in ihrem Reduktionismus verfehlt die Neurobiologie nicht nur die Leiblichkeit des Menschen (sowohl bezogen auf meine eigene subjektive Selbstwahrnehmung als auch auf die Art, in denen mein Körper anderen gerade nicht als tot, sondern als belebt, jeder biologischen Beschreibung also radikal entzogen [das Leben der Biologen lebt nicht im emphatischen Sinn des Wortes, da es eben kein bewusstes ist], erlebt wird), sondern verdinglicht die Menschen auch aktiv – sie muss den Pseudo-Leib erst konstruieren, um ihn dann der Manipulation zugänglich zu machen.
Zu guter letzt wirft Sartres Analyse auch ein anderes Licht auf jedwede Form von Verdinglichungen, die sich in körperlichen Differenzen begründen – worauf eben der Feminismus Simone de Beauvoirs, der Antirassismus Franz Fanons oder auch Sartres eigene Antisemitismus-Kritik basiert. Sie wehren sich eben dagegen, dass Frauen, „Negern“ und Juden die Anerkennung als Subjekte im vollen Sinne versagt bleibt – und untersuchen zugleich, wie sich diese versagte Anerkennung auf die Binnenstruktur dieser Subjekte auswirkt, ihnen nicht bloß äußerlich gegenübertritt. (Was nicht heißt, dass diese drei Formen von Verdinglichung platt zu identifizieren wären – Rassismus, Sexismus und Antisemitismus haben, bei aller strukturellen Analogie doch ihre je zu untersuchende konkrete Eigenlogik.)
Dies sind nur drei Aspekte, die sicherlich noch länger auszuführen wären.
Der erste Aspekt korrespondiert mit Dahlmanns Sartre-Kritik. Er wirft Sartre ja vor, nicht zu erkennen, dass das Kapital tatsächlich ein Ding ist, dass die Eigenschaften eines Subjekts hat, also doch so etwas wie ein real existierender „Hyper-Andere“. Ganz konkret, indem es eben alle Menschen zu Dingen macht, die durch es einen gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeitskraft erhalten. Ich denke, dies ist in der Tat eine produktive Art, Sartre über ihn hinaus weiterzudenken und so die Kapitalismuskritik zu schärfen. Das fatale an der Herrschaft von Kapital und Staat ist eben, dass in ihnen gesellschaftliche Prozesse wie Götter über die Menschen regieren. So lässt sich die Marxsche Kritik in einer Radikalität artikulieren, die ihr ohne eine Beschäftigung mit dem philosophischen Freiheitsbegriff mangeln würde – der Kapitalismus ist die reale Existenz einer ontologischen Unmöglichkeit bzw. zumindest der Versuch, eine solche Existenz zu etablieren, der sich zugleich als zum Scheitern verurteilt enthüllt. Dieses Scheitern manifestiert sich in den barbarischen Versuchen, den Kapitalismus zu retten, wenn es manifest wird (was wiederum mit Sartres Antisemitismus-Kritik korrespondiert, in der es ja wesentlich darum geht, zu zeigen, dass der Antisemitismus ein Versuch ist, die Andersheit den Anderen in Gestalt des Juden radikal zu negieren).

In Wien ging Dahlmann erst auf Nachfrage darauf ein, dass ja auch Sartre bereits eine umfassende Theorie der Scham hat. Ich denke, sein in die richtige Richtung weisender Versuch, Sartre gegenüber Adornos Polemik zu rehabilitieren, würde an Substanz gewinnen, wenn er deutlicher ausführen würde, wo er die Lücken von Sartres Analyse der Scham sieht. Ich hoffe, in seinem ja in Kürze erscheinenden Buch wird er dies näher erläutern.




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