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Das Ende des Lachens?!

Nach einiger Überlegung und in Absprache mit meinen Co-Autoren habe ich beschlossen, diesen Blog fürs erste stillzulegen. Er wird als Archiv natürlich erhalten bleiben und ich will, zumindest für mich, auch nicht ausschließen, irgendwann mal wieder einen kleinen (oder größeren) Beitrag zu veröffentlichen. Doch dies wird dann eben die Ausnahme und nicht mehr die Regel sein.

Ich halte das Bloggen an sich nach wie vor für eine nette und unkomplizierte Art, seine Meinung einer interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen. Daher fällt zumindest mir dieser Schritt nicht leicht. Ich sehe ihn jedoch aus verschiedenen Gründen als nahezu unvermeidlich an. Diese würde ich gerne transparent machen:

1. Wer schreibt?

La vache qui rit ist als Kollektivblog nahezu gescheitert. Trotz mehrfacher Versuche meinerseits ist es mir einfach nicht gelungen, neue Co-Autoren zu gewinnen. An sich finde ich einen Kollektivblog besser als einen Soloblog – weil Soloblogs immer dazu tendieren, zu einem Medium der Selbstdarstellung eines Einzelnen zu werden und weil man, sofern mehrere regelmäßig schreiben, unter weniger Druck steht, dauernd etwas schreiben zu müssen, damit der traffic konstant bleibt. Aber wenn mit mir keiner schreiben will, sehe ich keinen Sinn mehr darin, ein de facto-Soloprojekt als „Kollektivblog“ zu betreiben. Gleichzeitig soll La vache qui rit aber einer bleiben – was nichts anderes als sein Ende bedeuten kann.
Warum niemand mit mir schreiben will, darüber kann ich freilich nur spekulieren. Jedenfalls scheint es schwierig zu sein, Leute zum regelmäßigen Bloggen zu motivieren. Ich denke, das hat vorallem drei Gründe:
a) Gehört zum Bloggen eine gewisse Unbescheidenheit dazu, die einige (ob zu Recht oder zu Unrecht) nicht aufbringen können.
b) Ist es ein relativ sinnloser Zeitvertreib.
c) Bedeutet es, sich der öffentlichen Kritik stellen zu müssen, was mitunter sehr an den Nerven zehrt.
d) Man braucht zu guter letzt irgendeine „Mission“, irgendeine Vorstellung davon, warum man schreibt und welches Ziel man dabei verfolgt.

2. Unter welchen Bedingungen schreibt man?

Es klang schon an: Man schreibt ja, um gelesen zu werden. Um aber gelesen zu werden, muss man als Blogger bestimmten äußerlichen Standards gerecht werden. Sobald man sich dieser Logik unterwirft, ist es vorbei mit der relativen Autonomie von heteronomen Erfordernissen, die das Bloggen eigentlich so angenehm machen: Man muss sich kurz fassen, man muss regelmäßig schreiben, man muss verlinkt werden, man muss sich zu aktuellen Diskussionen in der Blogszene verhalten … Ich muss unbescheiden sagen: ich glaube, all das ist mir relativ gut gelungen ohne irgendwas zu machen, was ich völlig doof fände. Aber trotzdem baut diese Logik einen gewissen Druck auf, auf den ich dauerhaft keinen Bock habe (zumindest nicht in einem Solo-Projekt, ohne Mitstreiter, die auch ab und an mal was schreiben).

3. Wie viele lesen einen?

Trotz dieses Aufwands bleibt die Resonanz, die man normalerweise kriegt, relativ gering. Was mich oft besonders geärgert hat: irgendein schnell hingeschriebener Spaßartikel zu irgendeinem szenerelevanten Thema wird zig-mal verlinkt, einen Text, in dem wirklich mehrere Tage oder sogar Wochen lange Denk- und Schreibarbeit drinsteckt, nimmt kein Schwein zur Kenntnis.

4. Wie wird man gelesen?

Auch mit der „Resonanz“ ist es so eine Sache: die erfolgt zum größten Teil anonym. Irgendwer folgt irgendwelchen Links oder stößt über google auf den Blog (teilweise mit völlig bescheuerten Suchbegriffen). Wer meine Texte wirklich liest und wie er sie aufnimmt, erfahre ich nicht. Gut – das ist in den meisten anderen Medien ebenso. Bei Blogs gibt es ja immerhin die Kommentarfunktion. Doch wer die nutzt, sind, zumindest hier auf blogsport, meistens die Angehörigen der linken Bloggerszene. Und dann gibt es noch die Leute, die keinen Bock auf eine direkte Diskussion haben, sondern in irgendwelchen Foren oder Verteilern über einen lästern.

5. Für wen schreibt man?

Diese linke Bloggerszene wie auch die linke Szene sind klar die Zielgruppe dieses Blogs und machen den größten Teil seiner Leserschaft und insbesonder derer, die hier diskutieren, aus. LW, earendil, rhizom, neo und wie sie alle heißen …
Ich habe meine Blogtexte immer eher als Diskussionsvorlagen denn als fertig durchreflektierte „Meisterwerke“ verstanden. Als mein persönliches kleines Experimentierfeld. Und in der Tat finde ich im Grunde das beste Resultat meiner Bloggerlaufbahn die Diskussionen, die ich angestoßen habe.
Doch die sind gleichzeitig auch das nervtötendste am Bloggen:
Zunächst einmal sind geschätzte 2/3 aller Kommentare persönlich beleidigend. Früher habe ich den Fehler gemacht, da ich bloß nichts zensieren wollte, solche Beleidigungen meistens auch noch freizuschalten. Da habe ich dazu gelernt und zensiere solches Zeug sofort (seitdem ist es auch ein wenig besser geworden). Klar: mich muss niemand mögen. Und ich weiß, dass mich auch einige Leute gerne lesen und es wahrscheinlich ärgert, dass ich aufhöre. Doch leider schreiben eher die Leute, die meinen Blog scheiße finden einen Hasskommentar als die Leute, die ihn gut finden, mal ein kleines Lob. So zu arbeiten ist tatsächlich reichlich frustrierend.
Es bleiben nun die restlichen 1/3 der Kommentare. Also die, die wirklich Diskussionsbeiträge darstellen. Die sind nun auch meist nicht gerade zimperlich geschrieben. Die Grenze zur Beleidigung ist oftmals fließend. Das ist erstmal auch nicht schlimm: ich teile selbst gerne auch mal aus in einer online-Debatte. Das gehört bis zu einem gewissen Grad dazu. Letztendlich muss man es einfach als Spiel betreiben. Doch aus dem Spiel wird Ernst, wenn die Debatten politisch werden und ins real life übergreifen. Und da hört der Spaß auf. Das ist mir leider während meiner Zeit als Blogger mehrere Male passiert.
Dieses Übergreifen ist natürlich an sich nicht das Problem. Schließlich geht es in den meisten Debatten um relativ ernste Angelegenheiten. Sie sind schlicht politisch.
Freilich: dies rechtfertigt meist nicht die ungeheure Verbissenheit und Feindseligkeit, mit der selbst die abstraktesten theoretischen Probleme ausgediskutiert werden. Als würde die Weltrevolution davon abhängen, ob der Fetischcharakter der Ware zentral oder nebensächlich für das Verständnis des Kapital ist.
Leider fällt es, wegen dem schnell persönlich werdenden Stil der Debatten, oft sehr schwer, in solchen Diskussionen ruhig zu bleiben und sich nicht zu entsprechenden Gegenattacken provozieren zu lassen. Da habe ich mich sicher auch nicht immer mit Ruhm bekleckert.
Was mich zudem stört, ist die hartnäckige Unart, Argumente, die nunmal in einem komplexen Netz von Argumenten, einer Argumentationskette, vorgebracht und auch rezipiert werden müssen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern einzelne Textbausteine, teilweise völlig sinnentstellend, herauszugreifen und seine moralische Empörung daran aufzuhängen, anstatt zu versuchen, den Gegner zu überzeugen. Teilweise geht es sogar soweit, die explizite Aussage eines Textes ins Gegenteil zu verkehren. (So wurde mir etwa in einer auf diesen Text bezogenen Polemik vorgeworfen, ich würde nicht verstehen, dass eine Ästhetisierung des Politischen reaktionär ist.)
Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad unaufrichtig, sich darüber aufzuregen, dass andere seine Texte anders verstehen als man selbst sie intendiert hat. Man selbst ist schließlich auch nur Interpret seines eigenen Textes und es kann sein, dass man in ihm Dinge objektiv Dinge sagt, die der eigenen subjektiven Intention widersprechen. Oft ist es sogar erhellend, von anderen die Implikationen seiner eigenen Gedanken aufgezeigt zu bekommen – es offenbart unter Umständen vorbewusste Elemente des eigenen Denkens. Doch es gibt einfach ein bewusstes Missverstehen, dass man nicht akzeptieren muss und das auf Dauer ziemlich nervt. Zu Nietzsche und speziell zu Heidegger habe auf diesem Blog etwa sehr kritische Dinge geschrieben. Wer mir trotzdem versucht, einen Nietzsche-Kult anzudichten, sollte lesen lernen. „Mehr Achtsamkeit des Wortes“ – da traf selbst Heidegger mal was. Und auch „Gelassenheit“ scheint mir eine Haltung zu sein, die einige Linke lernen sollten.

6. Und für wen noch?

Dies ist im Kern kein spezielles Problem der linken Bloggerszene (auch wenn manchmal so getan wird), sondern letztendlich ein Problem der linken Diskussionskultur allgemein. La vache qui rit ist de facto ein linker Szeneblog. Ich habe ihn, teilweise willentlich, teilweise unwillentlich, dazu gemacht. Das Problem ist eben der unwillentliche Anteil. Eigentlich möchte ich, getreu Nietzsches Motto, das er Also sprach Zarathustra voranstellt, „für Alle und Keinen“ schreiben. Je länger ich blogge, desto weniger für die linke Szene. Diese Szene und ich haben sich einfach auseinandergelebt wie zwei alte Schulfreunde. Ich dachte einfach, man könne durch einen Blog wie diesen die Szene irgendwie zum Besseren verändern, indem man einfach mal zum Nachdenken anregt, einfach mal für die Szene unkonventionelle Positionen stark macht mit teilweise bewusst provokatorischer Absicht. Die Provokation hat meistens gewirkt (sie sind ja so berechenbar, diese Szenisten!) – nur leider handelt es sich um linke Szenespießer und sobald man die einmal gegen sich aufgebracht hat ist es Ende im Gelände. Denn diese Leute haben die traurige Angewohnheit, theoretische Debatten immer sofort politisieren, psychologisieren und moralisieren zu müssen. Es ist für sie kein verständlicher Gedanke, dass philosophische Debatten auch einfach mal ohne größere emotionale Erregung und ohne Politik und Moral im Hinterkopf geführt werden können und müssen. Wenn man mir etwa vorwirft, ich sei ein Faschist, weil ich mich bisweilen auf Heidegger und Nietzsche beziehe, ist dieser Vorwurf für mich überhaupt nicht verständlich: Nietzsche und Heidegger sind Philosophen und keine Politiker und als Philosophen kritisiere ich sie jeweils. Ebenso, wenn mir Faschismus vorgeworfen wird, weil ich SM gut heiße: SM ist für mich eine sexuelle Praxis und keine politische Einstellung. Ich kenne viele Linke SMer und viele SMer, die sich auf einer persönlich-moralischen Ebene niemals so arschlochmäßig verhalten würden wie viele meiner ehemaligen Genossen.
Aber das will man ja nicht hören! Als Linker steht man schlicht auf der richtigen Seite, weil man links ist und weil man sich den linken Szeneregeln unterwirft. Dass das nicht mein Ding ist, habe ich seit Bestehen dieses Blog immer wieder klar gesagt und mir deshalb nicht viele Freunde mit ihm gemacht.
Zuletzt hatte ich beim Schreiben fast jeden Artikels die linke Zensurbehörde im Schädel. Mir geht es da ganz ähnlich wie neo. Ich konnte Nietzsche nicht mehr zitieren, weil man mir dafür sofort wieder Faschismus vorwerfen wird. Ich konnte Heidegger nicht mehr kritisieren, weil meine Heidegger-Kritik zu gemäßigt sei und mich das wiederum zum Faschisten stempele. Unter solchen Bedingungen kann ich weder schreiben noch denken. Ich habe weiterhin versucht, mal durch Argumente, mal durch Provokation, meinen Feinden etwas entgegenzusetzen, doch ich bin es leid.
In einem meiner liebsten Aphorismen des Zarathustra heißt es:

Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind deiner unwert. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute saugen.

Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was groß an dir ist – das selber muß sie giftiger machen und immer fliegenhafter.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein.

Das will ich mir in Zukunft zu Herzen nehmen.

Linke sind einfach (schon Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang von den „Antisemiten und Anarchisten“, bei denen man das Ressentiment am besten studieren könne) zu einem guten Teil ressentimentgetriebene Menschen. Und das gilt besonders für linke Priester – genannt „Theoretiker“. Natürlich gilt das nicht für alle und auch nicht mal für alle meiner Feinde. Aber wer, wenn ich nicht ein ressentimentgetriebener Mensch, würde sich, ohne eine Zeile Nietzsche gelesen zu haben, darüber empören, dass jemand Nietzschianer ist und ihn als Faschisten bezeichnen? Und von dem dann auch noch erwarten, dass er diese Kritik Ernst nimmt?
Nur, um die Relationen aufzuzeigen: Auch von Marx gibt es einige sexistische, antijüdische und rassistische Äußerungen. Jeder aufrichtige Marxist würde das sofort zugeben, doch, zu Recht, darauf verweisen, dass diese Äußerungen den Kern der Marxschen Theorie nicht angreifen. Und diese rationale Argumentation soll nicht gelten, wenn es um Nietzsche geht? Mir ist bisher jedenfalls von keinem Nietze-Hasser gezeigt worden, dass es sowas wie einen antisemitischen oder faschistischen Kern in Nietzsches Denken gibt. Das ist auch nicht möglich: denn der Kern von Nietzsches Denken, seine Moralkritik, sein Individualismus, seine Vernunftkritik etc. sind antifaschistisch. Niemand hat die Antisemiten seiner Zeit mehr gehasst als Nietzsche. Er hat den Antisemitismus schärfer und besser kritisiert als Marx und Engels zur selben Zeit. (Vgl. meinen Artikel dazu.)
Ich könnte dazu natürlich noch viel mehr schreiben, aber ich bin es Leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, mich ab und an positiv auf Nietzsche zu beziehen gegenüber Leuten, deren Urteil ohnehin schon von vorneherein feststeht. Es geht mir auch nicht um Nietzsche, sondern um bestimmte Positionen, die Nietzsche vertritt und die einfach richtig finde. Wäre interessant, darüber mal eine Debatte zu führen. Aber dazu ist die linke Szene der falsche Ort.
Man muss es einfach mal zur Kenntnis nehmen: man kann nicht Freud, Adorno und Guy Debord gut und Nietzsche gleichzeitig scheiße finden. Freud etwa ist einfach, philosophisch gesehen, kein Hegelianer, Kantianer oder sonstwas, sondern Nietzschianer. (Das zeigt etwa sehr schön in Romanform das Buch Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom auf [die Verfilmung ist leider extrem kitschig]- aber es ist ja nun wirklich kein großes aufzudeckendes Geheimnis, selbst wenn Freud sich nie explizit auf Nietzsche beruft – man wäre auch gerade ein sehr schlechter Nietzschianer, wenn man Nietzsche so behandeln würde, wie viele Marxisten Marx. Zum Kern des Nietzschianismus gehört schlicht, dass man sich seine eigene philosophische Position herausarbeiten muss – gern auch gegen Nietzsche.)
Man muss einfach einmal zugestehen: nicht jeder, der anderer Meinung ist als man selbst ist Faschist oder Antisemit. Da diese Begriffe den schlimmsten Feind eines jeden Linken bezeichnen, sollte man sie nur äußerst sparsam verwenden. Ich muss zugeben, dass ich da ab und an auch mal über die Stränge geschlagen bin.
Was soll auch ein Antisemitismus bedeuten, der nicht manifest ist, sondern sich sogar als Anti-Antisemitismus ausdrückt? Die Beweislast liegt im Falle Nietzsches bei denen, die Nietzsche des Antisemitismus und Faschismus beschuldigen und nicht umgekehrt. Es mag bei ihm im Spätwerk einen Philosemitismus geben, den man als negativen Antisemitismus interpretieren könnte. Doch man wird bei Nietzsche keine Passagen finden, in der er das Judentum krass glorifizieren würde. Eher beschreibt er es meist recht nüchtern – und liefert in der Genealogie der Moral eine meines Erachtens treffende Analyse der Genealogie des Judentums als Religion des Ressentiments. Wobei der Hauptfeind klar stets das Christentum mit seinem Universalismus ist – das Judentums kommt demgegenüber bei Nietzsche eher gut weg (weil auch überhaupt seine Kritik an der „Sklavenmoral“ ambivalent ist: er weiß selbst, dass seine Analyse zunächst nur deskriptiv ist, dass daraus nicht zwingend eine Wertung folgt – man kann seine Analyse auch als Lob der Sklavenmoral lesen, wenn man möchte).
Nehmen wir als Beispiel, um es doch noch einmal zu versuchen, zwei Stellen aus dem Zarathustra, Nietzsches eigenem Bekunden nach sein Hauptwerk, in dem seine ganze Philosophie enthalten sei – folgerichtig also auch sein Antisemitismus.
Im Abschnitt „Von tausend und Einem Ziele“ heißt es:

„Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen sein“: diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit.

Die „Lehrrede“ handelt davon, dass verschieden Völker sich verschieden Werte setzen. Als Beispiel führt Nietzsche zuerst die Griechen, dann die Perser, dann die Juden, dann die Deutschen an. Die Werte aller Völker lobt Nietzsche aus unterschiedlichen Gründen. „Mächtig“ ist für Nietzsche nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Zugleich werden die Juden auch nicht als übermächtiges „Übervolk“ dargestellt, sondern einfach als ein Volk unter vielen. Wenn Nietzsche es nun als positives Merkmal des Judentums herausstellt, durch eine Traditionsgebundenheit durch Jahrtausende der Unterdrückung und Verfolgung hindurch seine kulturelle Identität bewahrt und dadurch „ewig“ zu sein, hat er damit einfach recht. Jedes andere Volk, jede andere Religion wäre unter vergleichbaren Bedingungen ausgerottet und assimiliert worden – die Juden haben sich ihre Religion nie nehmen lassen, trotz aller Anfeindungen. Der Gedanken, dass sich das Judentum durch ein besonderes Verhältnis zu den Eltern, besonders dem Vater, auszeichnet, wurde später in der psychoanalytischen Religionskritik aufgegriffen und fruchtbar gemacht – nicht zuletzt vom jüdischstämmigen Sigmund Freud selbst.
Der Abschnitt bleibt allerdings bei keinem simplen Kulturrelativismus („es gibt Völker mit verschiedenen, gleichwertigen Werten“) stehen, sondern endet mit einer radikalen Kritik daran:

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt noch das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? -

Also sprach Zarathustra.

Man muss diese Stelle wohl so verstehen, dass die Moral vom Übermenschen der Menschheit ein solches gemeinsames Ziel geben und sie so erst als Menschheit konstituieren soll. Nietzsche ist so in einem gewissen Sinne Humanist. Die partikularen Wertsysteme der Völker sind ihm gleichermaßen beschränkt. Gleichzeitig kritisiert er wenige Abschnitte vorher den falschen Universalismus des alles gleichmachenden Staats („das kälteste aller kalten Ungeheuer“) – es ist eben eine abstrakte Universalität, die kein echtes Band der Gemeinsamkeit zwischen den Menschen stiftet. Es zerstört nur die alten Werte, ohne wirkliche neue Werte schaffen zu können. Er ist der institutionalisierte Nihilismus:

Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller – „das Leben“ heisst.

Und später:

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
Dort, wo der Staat a u f h ö r t, – so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücke des Übermenschen?

Im folgenden Abschnitt kritisiert er dann ebenso scharf den Markt („wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen“). Der Schauspieler an der Spitze der „Herde“ im totalen Staat – das ist schon fast eine Charakterisierung Hitlers!
Nietzsche vertritt so klar einen emanzipatorischen Individualismus gegen Markt, Staat und Kollektiv. Seine Vision ist die befreite Menschheit – allerdings nicht befreit im Sinne eines platten „materialistischen“ Utilitarismus, sondern einer Selbsttranszendenz, für die eben der Begriff „Übermensch“ steht.
Ich denke, dass ist eine amoralische Moral, an die man bis heute anknüpfen kann – und auch muss. Nietzsches Universalismus lässt sich beispielsweise sehr gut als Kritik am herrschenden Universalismus des globalisierten Kapitals lesen – eine Kritik, die gleichzeitig ebenso jedem Partikuralismus der Rassen, Völker und Regionen entgegensteht.
Die Nazis, die sich auf Nietzsche bezogen, haben seine Lehre einfach nicht verstanden. Und die Faschisten, die, wie Ernst Jünger, konsequente Nietzschianer waren, wurden zu Antifaschisten. Mit Nietzsche ist der organisierte ressentimentgeladene Massenmord einfach nicht zu rechtfertigen.
Gut – man muss zugestehen, dass Nietzsches Amoralismus eine gewisse Indifferenz gegenüber dem Leid innewohnt. Nietzsche würde immer sagen, dass es kein Sinn macht, sich gegen bestimmte Formen des Leids aufzulehnen, sondern dass man sie als notwendig bejahen und diese Bejahung als Etappe auf dem Weg zum Übermenschen betrachten muss. “ A u s d e r K r i eg s s c h u l e d e s L e b e n s. – Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Doch daraus folgt schlimmstenfalls eine Indifferenz gegenüber dem Faschismus, keine Affirmation. Und das ändert auch nichts an den evidenten Wahrheitsgehalten auch dieses Teils seiner Lehre: das Leben zu bejahen heißt auch, seine dunkle Seite zu bejahen. Man muss stark genug sein, diese Seite auszuhalten – erst dann kann man produktiv daran arbeiten, das Leid zu verringern. Dieser zynische Zug von Nietzsches Philosophie kommt mir harmloser vor als der hegelmarxistische Zynismus gegenüber dem Leid in der Geschichte – der sich auch in dem Hass auf alle Versuche, bereits im Hier und Jetzt ein wenig besseres Leben zu führen, anstatt auf die große Revolution zu warten, ausdrückt.
Die Stärke des Übermenschen wäre eine Stärke, die genau darin besteht, die falsche Härte zu überwinden, sondern die eigene Schwäche anzuerkennen und mit ihr umzugehen zu lernen. Es geht darum, weich und offen zu werden – um wirklich stark zu sein.

Im Abschnitt „Der Schatten“ geht Nietzsche sogar noch weiter. Hier sagt der Schatten Zarathustras zu diesem folgendes:

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng: immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig und auch nicht Jude bin.

Der Schatten ist Zarathustras nihilistisches alter ego. Er verharrt in der Stufe der bloßen Amoral und vermag es nicht, in die neue Moral des Übermenschen vorzustoßen.
Nietzsche identifiziert sich an dieser Stelle also sogar selbst mit dem Schicksal der Juden.
Ähnlich wie auch an vielen Stellen Marx setzt er freilich ein bestimmtes Bild von „dem Juden“ unhinterfragt voraus. Das muss man natürlich kritisieren. Doch man vergleiche diese Stelle mit den Auftritten von Judenfiguren in den Opern Wagners: ihnen wird kein Mitleid, kein Verständnis, nur Hähme und Brutalität zu teil. Nietzsche nimmt das Bild vom „ewigen Juden“ im Grunde als Prototyp des modernen Nihilisten, der ewig unbefriedigt auf Versöhnung wartet und in Gefahr ist, in einen neuen Mythos zu verfallen. Gegen diese Gefahr richtet sich Nietzsches Lehre: die Versöhnung darf nicht irrational-religiös, sondern muss selbst aufgeklärt sein – als Versöhnung mit den eigenen Trieben, dem Leib, der Natur, als wirkliche, konkrete Aufhebung der Gegensätze in der Figur des Übermenschen. Nietzsches Religionskritik fällt dabei auch der Mythos der Revolution zum Opfer: er verwehrt sich strikt dagegen, die Erlösung auf ein künftiges Himmelreich zu verschieben, sie muss im Hier und Jetzt angegangen werden. Nietzsche ist genau darum in meinen Begriffen emanzipatorischer und aufgeklärter als Marx. Wir brauchen keinen säkularisierten Messianismus,der nur zu Quietismus und Zynismus führt, sondern eine echte revolutionäre Ethik – und dafür stellt Nietzsche wichtige theoretische Werkzeuge zur Verfügung. Skizziert habe ich das u.a. in meinem letzten längerem Artikel (ohne freilich den Namen Nietzsche zu erwähnen).
Adorno, Freud und viele andere haben das gesehen: man kommt als kritisch denkender Mensch einfach nicht an Nietzsche vorbei. Es geht natürlich, wie bei jedem anderen Theoretiker, um eine kritische Aneignung und keinen Personenkult. Doch das ist eine Banalität, die ich mich fast schäme auszusprechen. Nietzsche schreibt es in einem Gedicht ja selbst:

Vademecum – Vadetecum

Es lockt dich meine Art und Sprach,
Du folgest mir, du gehst mir nach?
Geh nur dir selbst treulich nach: -
So folgst du mir – gemach! gemach!

Das Ressentiment gegen Nietzsche ist nichts anderes als ein Ressentiment gegen wirklich kritisches, in die Tiefe dringendes Denken – ein Denken zugleich, dass nicht von abstrakten Begriffen, sondern von der konkreten Lebenserfahrung ausgeht. Ein solches Denken ist allen Ideologen natürlich ein Dorn im Auge – ob Christen, Liberalen oder eben, und das ganz besonders, Marxisten. Mein Traum wäre eine progressive Bewegung, in der Nietzsche-Lesekreise genau so selbstverständlich wie Marx-Lesekreise wären. Eine solche Bewegung, die die beiden Stränge des posthegelianischen, antiphilosophischen Denkens endlich zusammenführt, könnte einzig wirklich revolutionär sein, wird ansonsten entweder objektivistisch oder subjektivistisch stecken bleiben. Das hat nichts damit zu tun, ein „linkes“ und ein „rechtes“ Denken in einer „Querfront“ zusammenzuführen. Diese Kategorien machen zur Beurteilung theoretischer Gegensätze schlicht keinen Sinn. Nietzsche ist genau so progressiv wie Marx. Es gibt rechte und linke Marxisten wie es linke und rechte Nietzianer gibt. Nietzsche ist kein Irrationalist, sondern Anstoßer des von Adorno und Horkheimer weitergeführten Programms der Aufklärung der Aufklärung.
In einer solchen Bewegung würde es jedenfalls nicht mehr so einen moralisierten, neurotischen Umgang miteinander geben wie gegenwärtigen in der „linken Szene“. Antrieb der Emanzipation wäre nicht mehr Ressentiment, Neid und Rachsucht, sondern einfach die Bejahung des Lebens selbst – der Kreativität, der Transzendenz, der Individualität und Vielfalt.
Die wirkliche Nietzsche-Kritik muss, wie bei jedem großen Denker, immanent sein. Hier wäre etwa der Universalismus des Zarathustra gegen die Affirmation von Herrschaft als ewige Notwendigkeit in anderen Schriften zu stellen. Nietzsche konnte sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft ohne Unterdrückung des arbeitenden Teils der Bevölkerung möglich sein könnte. Das hat mit seiner (partiellen) Ahnungslosigkeit in Sachen Ökonomie zu tun und markiert tatsächlich die Schranke seines Denkens. Wir sind heute eines besseren belehrt und können als Nietzianer diese Schranke überwinden, belehrt von Marx. Ob unsere marxistischen Freunde die Redlichkeit aufbringen, es uns gleichzutun und anzuerkennen, dass die Schranke von Marx seine Ignoranz gegenüber Psychologie und Subjektivität ist?1

7. Mit welcher Haltung schreibt man?

Nein – ich hatte schon seit längerem das Gefühl, mit meinen Artikeln zu 90 % Perlen vor die Säue zu werfen. Und das ist keine sehr gute Haltung beim Schreiben. Genau so wie es hemmt, ständig den linken Szenezensor im Hinterkopf zu haben – und selbst, wenn man diesen Zensor immer wieder bewusst provozieren möchte (und ihm so doch unterworfen bleibt).

Ursprünglich hatte ich meine Texte, es fiel bereits oben, eher als Diskussionsanregungen, als kleine Versuche ohne großen absoluten Wahrheitsanspruch geschrieben. Leider wurden sie nicht immer so aufgefasst von meiner Leserschaft. Ich finde das eigentlich nach wie vor eine produktive Schreibhaltung. Man lernt so einfach schreiben. Mittlerweile sind meine Ansprüche freilich gewachsen. Meine Experimentierfreudigkeit wurde mir teilweise nur die wiederholten linken Hetzen gegen mich, teilweise durch mein eigenes gewachsenes Reflexionsniveau zu nichte gemacht gleich dem treffenden Bild von der Schnecke, die dadurch dumm gemacht wird, dass sie immer wieder zaghaft ihre Fühler herausstreckt und sie dann sofort einen auf den Deckel kriegt, bis sie sich schließlich ganz im Haus verkriecht aus der Dialektik der Aufklärung (wohl ein Teil der Genealogie der Dummheit vieler Linker). Ich kann nicht mehr einfach so drauf los schreiben und es dann auch noch veröffentlichen. Gleichzeitig habe ich einfach nicht die Zeit, auch nur einmal im Monat einen Text zu verfassen, der meinen Ansprüchen genügt und hier zu bloggen. Wenn ich einen solchen Text schreiben würde, würde ihn ihn ohnehin irgendwo abdrucken lassen wollen.
Ich schrieb etwa vor ein paar Monaten eine kleine Intervention in den Frankfurter Lokalwahlkampf. Sie fiel, ich hätte es wissen müssen, sofort der Idiotie der linken Szene zum Opfer und wurde zum Gegenstand zahlreicher Gerüchte und Polemiken. Ich stehe nichtsdestotrotz weiterhin zu ihr. Ich dachte einfach, dass der Widerspruch zwischen diesem Text und allem anderen, was ich auf La vache qui rit sonst über Reformismus geschrieben habe so augenfällig sein dürfte, dass man mir diesen kleinen Versuch, dem IvI ein wenig publizistisch zu helfen, verzeihen würde. Doch anstatt einer ernsthaften Debatte um meinen Text trifftete das Ganze in die 100. Stalinismus-Diskussion ab. Das war so eine der Etappen auf dem Weg zu meiner jetzigen Entscheidung.
Sicher – ich habe so gelernt, weniger leichtfertig zu schreiben. Ich habe meine Unschuld als Schreibender verloren. Das ist nicht nur schlecht, aber leider auch nicht immer einfach.

Eine theoretische Position, die die direkte argumentative Konfrontation scheut, die, anstatt auf Argumente, auf Zensur und moralische Empörung angewiesen ist, spricht in diesem Vorgehen nur ihre eigene Unsicherheit und Schwäche aus, die sie sich jedoch (da sie sich ja als die finale Wahrheit geriert) nicht eingestehen kann. Sie projiziert ihre ihr eigenes Unvermögen, dem argumentativen Streit standzuhalten, auf dem Gegner und rechtfertigt sich vor sich selbst dadurch, dass gegen einen solchen bösartigen, durchtriebenen Feind jedes Mittel recht sei, ihn zu vernichten. Sie offenbart damit nichts als ihre eigene Unwahrheit.
Ich verstehe das. Ich wünschte, ich selbst hätte immer die innere Stärke und Souveränität mir das klar vor Augen zu halten und mich nicht von irgendwelchen möchtergern-theoretischen Hans-Dampfs einschüchtern zu lassen. Ich kann es jedenfalls als Sieg verbuchen, meine Gegner immer wieder zu solchen Exzessen der Schwäche gezwungen zu haben. Als Niederlage, dass ich mich ihnen bisweilen gefährlich anglich, weil ich mich beirren ließ.
Ich kann einfach nicht anders, als mich über die Bigotterie und die dreiste Dummheit zu empören, die so viele „Marxisten“ an den Tag legen. Und gleichzeitig darüber, dass man auch noch gezwungen ist, diese Dummheit und Bigotterie zu belegen. Eigentlich sollte sie offensichtlich sein und niemand mehr diese Menschen Ernst nehmen.

8. Was schrieb ich?

In den vier Jahren, seit denen ich hier blogge, habe ich meines Erachtens zwar nichts komplett verqueres, aber doch so manches geschrieben, das ich heute nicht mehr so oder überhaupt nicht mehr schreiben würde. Er gehört trotzdem zur Identität „Thiel Schweiger“ dazu und ich kann nicht einfach so tun, als hätte ich es nicht geschrieben. Löschen will ich es zugleich auch nicht.
Irgendwie kommt mir dieses Pseudonym inzwischen verbrannt vor. Zumal mittlerweile ohnehin Hinz und Kunz weiß, wie ich wirklich heiße und die Anonymität, die ja gerade den Reiz des Bloggens ausmacht, nahezu völlig verloren gegangen ist. Ich werde mir neue Namen suchen müssen. (Oder die Anonymität aufgeben – letztendlich war ich es ja selbst, der zu ihrer Auflösung beigetragen hat. Es ist schließlich nur aufrichtig, zu seinen Artikeln auch mit seiner bürgerlichen Identität zu stehen.)

9. Was will ich schreiben?

Nicht zuletzt der szenelastige Charakter dieses Blogs hat mich immer mehr daran gehindert, über bestimmte Themen zu schreiben, die mir eigentlich am Herzen liegen würde. Einfach mal eine Lobeshymne auf Nietzsche und Ian Curtis, einfach mal eine persönliche Erfahrung aus meinem Leben … entweder bin ich gleich Faschist oder ich falle dem Szene-Tratsch und -Klatsch zum Opfer.
Und dann immer wieder das Gefühl, Perlen vor die Säue zu werfen – nicht zuletzt, wenn ich mich einmal getraut habe, ein Gedicht von mir hier zu veröffentlichen (obwohl es doch zum Linken geradezu per defitionem dazu gehört, Kunst nicht würdigen zu können, die dem Szene-Geschmack nicht entspricht). Was meine Gedichte betrifft kritzele ich sie lieber auf Zettel und stecke sie irgendwelchen speziellen Individuen in den Briefkasten als sie viertelgebildeten Analphabeten zum Lesen vorzusetzen. Hätte ich auch nur ein Zehntel meines literarischen Schaffens hier veröffentlicht, hätte ich wahrscheinlich ohnehin schon längst Horden neoplatonischer Hetzer auf den Plan gerufen, die mir Dekadenz, Subjektivismus und Formalismus unter Berufung auf Adorno und Guy Debord vorwerfen und Perversität in Berufung auf Freud. (Für die unbelesenen Leser: das sind natürlich Oxymora.) Und wenn das nicht reicht natürlich wieder einmal der alte Faschismus- und Antisemitismushut, um „Verräter“ fertig zu machen (Sexismus zieht natürlich auch, macht den Gegner aber weniger fertig – dass es einen überzeugten Antifaschisten ins Mark trifft, wenn man ihm Faschismus vorwirft ist einfach klar).

Auch längere Verteidigungsartikel zu Nietzsche, Sartre und Heidegger war ich schon am schreiben. Doch mir wurde klar: wer liest das schon und wer von denen, die sie lesen, ist schon in der Lage, ihnen mit der zum Verständnis nötigen Offenheit zu begegnen? Wenn Dummheit ansteckend ist, sollte man mit ihr so umgehen wie der Pestarzt, der seine Patienten nur mit Handschuhen berührt und sich so kurz wie möglich bei ihnen aufhält.

Nicht zufällig erschienen meine besten Artikel nicht hier, sondern (um ein kleines Geheimnis aufzudecken), in der Zeitschrift Das große Thier (Link) und in Tanz auf dem Vulkan. Das große Thier hat sich, trotz hoffungsvoller Anfänge, als weitere linksdeutsche Szenezeitschrift herausgestellt (ich warte auf Bestätigung des Gegenteils). Für Tanz auf dem Vulkan schreibe ich, sofern die Zeitschrift fortgesetzt wird, gerne wieder, wenn auch vielleicht unter anderem Namen.

***

Das sind so meine wesentlichen Überlegungen. Das Bloggen hat mich viel gelehrt und auch Spaß gemacht, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich will meine knappe Zeit in sinnvollere Projekte investieren, lieber einen richtig guten Print-Artikel als drei mäßige Blog-Artikel schreiben. Und gleichzeitig will ich meinen Blog nicht mit irgendwelchem Trash-Material füllen nur um irgendwas zu schreiben. Und die Projektionsfigur für irgendwelche verbitterten Möchtegernrevoluzzer, die nur darauf warten, dass ich mal einen Rechtschreibfehler mache oder irgendeinen Zitierfehler, um mal wieder ihren Neid und ihre Rachsucht abzuladen, will ich auch nicht mehr länger sein. Wenn ich nochmal irgendwann einen Blog aufmachen sollte, dann in gänzlicher anderer Form und an gänzlich anderem Ort. Und ich brauche im Grunde auch keine Veröffentlichungsplattform wie diese: in meiner mit schwarzem Samt ausgelegten Schublade haben funkelnde Perlen einen besseren Ort als in der Kloake.

Hm, vielleicht klingt dieser Nachruf in manchen Teilen etwas arrogant und verbittert. Nein, eigentlich bin ich das nicht. Ich weiß, dass dieser Blog ein gutes Projekt war und lange Zeit sehr viel Sinn ergeben hat – auch, indem ich teilweise meine Grenzen kennengelernt habe. Ich weiß auch, dass einige diesen Blog vermissen werden – und sei es nur, weil sie eine Hassfigur weniger haben. Andere werden sein Ende vielleicht als Sieg wahrnehmen.
Beide täuschen sich: ich werde ja trotzdem weiter publizieren und meine Positionen stark machen. Die Konflikte der letzten Monate waren vielleicht einfach notwendig, um mich selbst von meiner Befangenheit in dem linken Szene-Diskurs zu befreien. Ich werde schon bald wieder frei schreiben können.

Als letzten kleinen Erfolg kann ich verbuchen, in einem Artikel vom berüchtigen Lyzis einer direkten Polemik gewürdigt worden zu sein. Zwar eine blöde Polemik, die mich nicht trifft, da ich Lyzis‘ Kritik an der linken Geschmackskultur vollkommen zutreffend finde (und das auch aus meinen Texten hier hervorgehen sollte), und nur in einer Fußnote, aber immerhin. Damit habe ich das Gefühl, es irgendwie geschafft zu haben. Mehr kann ich in der linken Blogszene nicht erreichen. Das ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören.

Ade, Blog-Welt, es war schön und hässlich mit dir.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

  1. Diese Gegenüberstellung ist natürlich sehr schematisch. Doch es bleibt festzuhalten, dass Marx‘ Psychologie im mechanistischen Denken des Materialismus der Aufklärungszeit verhaftet bleibt – den zu kritisieren und damit der Psychoanalyse den Weg zu bereiten gerade Nietzsches größter Verdienst ist. Nietzsche wiederum ist an vielen Stellen sehr hellsichtig, was die Ökonomie betrifft – seine Erklärung der Gerechtigkeitsmoral aus der Logik des Warentauschs heraus (dass also gleiches immer mit gleichem vergolten werden soll) im zweiten Abschnitt der Genealogie der Moral etwa ist geradezu materialistischer als Marx‘ Umgang mit Moral als „Überbauphänomen“. Nietzsche gelingt es so zugleich, das sozialistische Gerechtigkeitsideal und die Forderung nach Rache gegenüber den „bösen“ Kapitalisten radikal zu dekonstruieren – was not tut, ist weder Gerechtigkeit noch Rache, sondern ein radikaler Bruch mit dem Tauchdenken (der freilich erst in einer nicht mehr auf Warentausch basierenden Gesellschaft vollkommen sein kann). [Vgl. dazu auch ein älterer Beitrag von mir, den ich diesbezüglich nach wie vor für lesenswerte halte.] [zurück]

Dreiundzwanzig vorläufige Thesen zur emanzipatorischen Rolle der Kunst heute

Inspiriert von Kunst – Erkenntnis – Problem, einer Kunsttagung in Frankfurt und der Documenta, einer Kunstausstellung in Kassel.

1. Kunst im minimalsten Sinne ist Materie, in der der Geist in materialisierter Form enthalten ist.

2. Wie schon Hegel zeigte, enthält dieser Begriff die Selbstaufhebung der Kunst, da sich der Geist letztendlich in aller Materie wiederfinden kann.

3. Diese Selbstaufhebung hat einen Punkt erreicht, an dem es zwischen Kunst und Nicht-Kunst keinen Unterschied gibt. Alles ist Kunst, „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys). Beuys fügt diesem Satz jedoch hinzu, dass er nicht so sehr eine Faktizität als vielmehr eine Möglichkeit, ein in jedem Menschen angelegtes Potential bezeichnet.

4. Gute Kunst, Kunst im emphatischen Sinne, sind solche Objekte, die einen wirklich substantiellen geistigen Gehalt aus einem Selbstzweck heraus zur sinnlichen Erscheinung bringen. Die Kunst ist darum primär ein Medium der Selbsterkenntnis des Geistes, der Theorie (das jedoch in sich zugleich stets praktisch ist).

5. Gegen Hegel ist festzuhalten, dass, ebensowenig wie die bürgerliche Gesellschaft das Ende der Geschichte markiert, die Totalität des Geistes in der Form des Begriffs erfasst werden kann. Die Kunst ist demgemäß nicht aufgehoben. Wer eine Praxis der Theorie fordert, ohne die Produktion und Rezeption von Kunst als konstitutiven Teil einer solchen Praxis heute anzuerkennen, postuliert einen kopflosen Engel.

6. Die Lüge ist die Kunst als getrennte Sphäre, als Angelegenheit von Spezialisten, ebenso wie ihre falsche Aufhebung in der allgemeinen Ästhetisierung der Lebenswelt, ebenso wie die Philosophie als Angelegenheit und Eigentum weniger die Lüge ist.

7. Die Trennung ist nur insofern wahr, als dass die Kunst, wie die Philosophie, vollständig autonom sein muss, um ihrem Ziel, ungeschmälerter Erkenntnis, gerecht zu werden. Jeder Versuch, die Kunst zu moralisieren oder zu politisieren, ist darum entschieden abzuweisen und dient nur der Ideologie, denen, die vor der ungeschmälerten Erkenntnis Angst haben. Eine andere Sache ist ihre begriffliche Theoretisierung, sofern sie der Autonomie der Kunst eingedenk bleibt. Jede authentische Theorie der Kunst muss freilich aus sich selbst heraus anerkennen, dass sie gegenüber der Kunst unvollkommen bleibt – ebenso, wie die Kunst gegenüber der Theorie unvollkommen bleibt. (Dies markiert einen produktiven Streit, der eine objektive Aporie markiert – weder lässt sich der geistige Gehalt eines ernsthaften Kunstwerks in Begriffe fassen noch ernsthafte Begriffe in sinnlicher Gestalt materialisieren – daraus ergibt sich eben die Notwendigkeit, sowohl Künstler als auch Philosoph zu sein. Es kommt auf die wechselseitige Erhellung an. Die Zurückweisung jeder Politisierung und Moralisierung gilt für die Philosophie gleichermaßen. Wobei Politisierung und Moralisierung jeweils auch produktiv sein können, solange sie der Erkenntnis dienen und nicht absolut werden.)

8. Diese Lüge lässt sich jedoch nicht „unmittelbaristisch“1 überwinden, indem einfach ein Verbot der Produktion von Kunst und ihrer emphatischen Rezeption gefordert wird. Dies bedeutete nichts weiter als schlechte Askese. Solange es den Communismus nicht gibt, ist die Kunst das beste, was wir haben, weil in ihr, als materialisiertem Geist und vergeistigter Materie, allein die mögliche Versöhnung von Subjekt und Objekt, die Aufhebung der Entfremdung, fasslich gemacht werden ohne je wirklich sein zu können.
(NB: Gleiches gilt für die Philosophie, betrieben als Philosophie im emphatischen Sinne, d.h. nicht als bloße Metareflexion der empirischen Wissenschaft, sondern als eigenständige Erkenntnisform, die radikal subjektiv und begrifflich verfährt und sich der Kunst so aus sich selbst heraus bis zur Ununterscheidbarkeit annähert.)

9. Dieser Mangel an Wirklichkeit, diese Abgetrenntheit, ist der wesentliche Mangel aller Kunst hier und jetzt. Doch über diesen Mangel muss die Kunst nicht äußerlich belehrt werden – sie schreit selbst nach ihrer eigenen Aufhebung.

10. Die Askese bezüglich der Kunst ist insofern wahr, als dass mit der Versinnlichung des Geistes immer auch der falsche Schein verbunden ist, die Entfremdung wäre schon aufgehoben. Doch das muss man die fortgeschrittene Kunst nicht äußerlich lehren, das ist in ihr schon reflektiert. Sie zeigt somit gleichzeitig die Versöhnung und ihre Abwesenheit.

11. Wenn alles Kunst ist, ist es erst recht jeder theoretische Text, allgemeiner jede praktische Betätigung. Es käme darauf an, nicht nur Kunst zu rezipieren und zu produzieren (als „Kunst“ in der Trennung), sondern in jeder theoretischen und praktischen Betätigung ein ästhetisches, d.h. künstlerisches Bewusstsein zu bewahren.

12. Das hat nichts damit zu tun, besonders „geschmackvoll“ oder „subjektivistisch“ sein zu wollen. Ernsthafte Kunst hat nichts (oder nur sehr sekundär) mit „Geschmack“ oder „Subjektivismus“ zu tun. Viel eher geht es um das ernsthafte Spiel und die bewusste, sensible, nuancierte Auseinandersetzung mit dem sinnlichen, obektiven Material in seiner subjektiven Vermitteltheit. Kunst ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Problem, was es heißt, etwas zu tun, etwas wahrzunehmen und etwas zu schaffen (und unterscheidet sich somit in nichts von der Philosophie). Das Wesentliche ist, ein nuanciertes Bewusstsein von der Form zu gewinnen.

13. Das ist der Ausgangspunkt einer Ethik jenseits von Gut und Böse – da die Kunst ihrem Wesen nach amoralisch ist.

14. Was all das heißt, müsste noch ausgeführt werden. Jedenfalls ist der Trugschluss zu vermeiden, Kunst und Kunstbetrieb in eins zu setzen, sei es affirmativ oder kritisch gemeint.

15. Die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft ist bestrebt, das ästhetische Vermögen jedes Menschen, seine Kreativität, Emotionalität und Spontanität, zu integrieren und für ihre Zwecke zu mobilisieren. Dieser Mobilisierung zu entgehen und ihr eine unversöhnliche Richtung zu geben ist die emanzipatorische Aufgabe der Kunst heute. Jede authentische ästhetische Produktion oder zumindest das Begehren nach ihr inmitten einer völlig ästhetisierten Lebenswelt ist somit in einem eminenten Sinne revolutionär. Es ginge im Mindesten darum, die Dinge anders und bewusster zu tun und wahrzunehmen als man es gewohnt ist, ohne diesen kreativen Impuls in den Dienst der Herrschaft zu stellen, die auf ihn angewiesen ist, um eine künstliche Lebendigkeit zu bewahren.
Für die Rezeption heißt das, die Dinge möglichst unverstellt so wahrzunehmen wie sind – jedoch jenseits jedes Mythos vom unmittelbar Gegebenen, sondern gerade durch ihre subjektive Vermittlung hindurch. In dieser bewussten Rezeption zeigt sich zugleich die Differenz von subjektives Projektion und objektiver Gegenbenheit des Gegenstands. Für die Produktion heißt es, Dinge zu schaffen, die um ihrer selbst willen da sind, die für sich stehen – seine Sache möglichst gut zu machen, weil es seine Sache ist und nicht, weil man muss.
In der wirklichen künstlerischen Produktion fallen beide Pole in eins.

16. Das Ziel jenes Impulses ist eben die Aufhebung der Entfremdung. Er ist das Leben selbst.

17. Dieses Begehren ist der Kern jedes radikalen Bedürfnisses. Es enthält in sich die radikale Negation des Bestehenden, da es, selbst wo es partiell gelingt, schon sein eigenes Scheitern in sich trägt und ausspricht.

18. Falsch wird die Kunst, wenn sie Trost wird. „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. — Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ (Friedrich Nietzsche) Doch selbst im Gebrüll des Gemarterten liegt noch ein letzter Rest von Trost. Die authentische Kunst bewährt sich gerade darin, diesen Trost, diese schlechte Kompensation zu verweigern und so erst wirklich produktiv, schöpferisch zu sein – ohne doch je aufhören zu können, so etwas wie Glück zu versprechen. Selbst in der Rezeption des unnahbarsten, negativsten Werks liegt ein Genuss, und selbst wenn er in nichts anderem als der bestimmten, sinnlich fasslichen Einsicht in die Negativität liegt. Das ist eine weitere Aporie.

19. Es ist nicht möglich, Kunst zu machen.

20. Es ist nicht möglich, keine Kunst zu machen.

21. Man soll keine Kunst machen.

22. Man muss Kunst machen.

23. to be continued

  1. Um eine Phrase der linksbornierten Kunst“kritik“ in polemischer Absicht zu entwenden. [zurück]

„Doch die Krise kommt bestimmt.“

Ich höre gerade viel Anarchist Academy und bedauere mal wieder, dass ich nicht ein paar Jahre früher geboren bin. Okay, wir hatten Egotronic, aber gerade in ihrer Direktheit und teilweise Plumpheit stehen A.A. irgendwie für eine Radikalität, die es so heute im deutschen Rap einfach nicht mehr gibt. Selbst die teilweise extrem schlechten Reimketten auf „-ismus“ und „-ist“, die unzähligen „Reim dich oder ich fress dich“-Zeilen und nicht einmal mehr als „unrein“ zu bezeichnenden Notreimen wie „Europa – glasklar“ oder „Kolonialismus – Kolumbus“ wirken, wenn man sie als bewusst eingesetztes Stilmittel interpretiert, besonders radikal: „Es geht uns nicht darum, schöne, lyrisch ausgefeilte Texte zu machen, sondern wir sagen einfach, was Sache ist, wir artikulieren unsere Wut mit möglichst vielen rhymes per minutes wie MG-Salven.“ Und – A.A. haben, obwohl sie offensichtlich dumme Antiimps sind, einfach recht. Ihre Texte passen gerade zur heutigen Situation wahrscheinlich besser als zu den Boomzeiten in den 90ern, als alle dachten, der Kapitalismus würde wie von selbst all seine Probleme lösen und die Neonazis wären nur ein Übergangsphänomen. Zu dieser Haltung passt wiederum besser der Spaß-Hedonismus, den die heutigen Anti-d-kiddies so konsumieren. Dass, was A.A. noch satirisch meinten („heute sind wir wirklich kritisch, heute sind wir frei“), praktizieren heute Egotronic & Co., von einigen Frühwerken, die ich nachwievor großartig finde abgesehen, ganz real: die Zeit der Ideologien ist vorbei. Als Egotronic noch was zu sagen hatten außer „Drogen nehmen ist geil“ waren sie schlichtweg noch 90ies, waren noch die würdigen Fortsetzer des Politraps alla A.A. Letztendlich könnte heute die Musik, die auf den meisten Antifa-Partys läuft, im großen und ganzen auch auf der JN-Sommersause laufen. Der Grund, warum das nicht der Fall ist, ist die Borniertheit dieser Kreise, die sich aber in ein paar Jahren sicher auch gelegt haben wird. Irgendwie kommen auch die Nazis in der postideologischen Talkshow-/Diskursethik-/Einheitsbrei-Gesellschaft der letzten Menschen an. Mitte der 90er scheint das noch nicht so gewesen zu sein. Als subversiv gilt es heute schon, musikalisch veralteten 80er- und 90er-Pop zu hören. Naja – immerhin darf man in linken Läden rauchen, Drogen nehmen und nach Herzenslust saufen und das ganze ist billiger als in professionellen Clubs und die Leute ein wenig angenehmer. Wahrscheinlich muss man sich damit in der heutigen Zeit schon zufrieden geben. Auf Anarchist Academy-Konzerten hätte man freilich vielleicht weniger Zulauf, aber auch weniger Probleme mit sexistisch-faschistoiden Schlägern – weil die Texte einfach zu eindeutig sind, überhaupt kein Missverständnis zulassen. Minimal (z.B.) ist hingegen schlichtweg unpolitisch, die Aussage der musikalischen Form ist nichts weiter als „Vorwärts“. Das finden ja alle gut – gerade wiederum in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Also – falls einer von A.A. das hier lesen sollte: ich supporte euer Comeback!

Eine tolle VIVA-Aufzeichnung als Anschauungsmaterial:

A.A. machen freilich nicht nur zeitlos-klassischen Politrap, sondern haben auch was zu „Liebe“ zu sagen. Mein Gott, wie altmodisch. Und A.A. sind nicht einmal ironieresistent, was man ihnen auf den ersten Blick vorwerfen könnte – gerade das hartnäckig-trotzige Durchhalten der „-ismen“-Reime und der anderen Verstöße gegen jede lyrischen guten Geschmack muss als feine Art der Selbstironie verstanden werden, die sich zugleich selbst nicht soweit selbst demontiert, dass es inhaltlich letztendlich doch wieder nur bei einem „Hallo, ich bin der xy und ich will euch heute mal was präsentieren, was ich mir in meinem Zimmerchen so ausgetüfelt habe und danach machen wir Party“ bleibt.

(OMG – von R.A.M. will ich jetzt garnicht erst anfangen.)

Proletariat und Revolutionstheorie

Am Freitag, 20.1. ab 18:00 Uhr findet im IVI, Kettenhofweg 130 Frankfurt/Main eine Veranstaltung statt, die keine Person verpassen wird, die sich nicht vor der Geschichte blamieren will. Es werden 2 bahnbrechende Präsentationen gezeigt, die euch aus unerträglicher Lethargie erretten. Wir arbeiten seit einiger Zeit mit großem Ernst an der Kritik der gegenwärtigen und der historischen communistischen Bewegung und präsentieren einige Resultate unserer bisherigen Forschung.

18:00 Uhr – Proletarität und Revolutionstheorie – Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

19:30 Uhr – Der öffentliche Raum in der spektakulären Zeit

Die moderne Kunst hatte zum kapitalistischen Alltagsleben bereits in den 20er Jahren alles gesagt: Dass es zu überwinden sei. Die damaligen Avantgarden sahen sich Vorreiter einer umfassenden Revolution, in deren Dienst die Poesie zu stellen sei. Sie griffen die Kunst selbst an, deren „bürgerliche“ Schönheit und Erbaulichkeit sie nur zur Rechtfertigung des Bestehenden für tauglich hielten. Aber die erhoffte Revolution blieb aus und die avantgardistische Kunstkritik verlor ihre destruktive Bedeutung. Die dadaistischen und surrealistischen Werke wurden genießbar und selbst zu hoch gehandelten Kunstwaren.
In den 50er Jahren traten in Paris die Lettristen auf den Plan, von denen einige später die Situationistische Internationale gründeten. Sie erklärten die Versuche der alten Avantgarden für gescheitert und schrieben sich konsequent das Projekt der Aufhebung der Kunst und Verwirklichung der Poesie auf die Fahnen, d.h. die Freisprengung der ästhetischen Vermögen aus der Kunstsphäre als Voraussetzung einer neuen revolutionären Praxis im alltäglichen Leben. Zu diesem Zweck entwickelten sie Methoden wie la Dérive (das Umherschweifen in Städten als Forschungsmethode), die Psychogeographie (Wissenschaft von den Wirkungen des geographischen Millieus auf das emotionale Verhalten der Individuen) und das Détournement (bewusste Entwendung vorgefundener kultureller Gegenstände), deren Bedeutung für eine revolutionäre Theorie und Praxis der Vortrag zu diskutieren unternimmt.

Freitag, 20.1. ab 18:00 Uhr im IVI, Kettenhof 130, Frankfurt / Main (U-Bahn Station „Bockenheimer Warte“)

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Nach der Veranstaltung gibt es im IVI „irgendso ein Punkkonzert, oder eigentlich gar kein richtiges Konzert“. Da gehen wir dann auch hin.

Eine weitere literarische Heidegger-Kritik (und eine kleine Polemik gegen den GSP weiter unten!)

Via dem sehr tollen Blog Athene noctua bin ich auf eine weitere tolle Polemik gegen den der Polemik am allerwertesten Philosophen, Martin Heidegger, gestoßen, auf die ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte. Und geschrieben vom absoluten Gott der Polemik, oder zumindest: Beschimpfung, Thomas Bernhard. Viel Vergnügen bei der Lektüre:

Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf die unverschämteste Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verkitscht. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf, sagte Reger, genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben sie alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf Jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen. Heidegger ist eine abstoßende Episode der deutschen Philosophiegeschichte, sagte Reger gestern, an der alle Wissenschaftsdeutschen beteiligt waren und noch beteiligt sind. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übrig geblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist, so Reger. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist ein gutes Beispiel dafür, wie von einer Philosophiemode, die einmal ganz Deutschland erfaßt gehabt hat, nichts übrigbleibt, als eine Anzahl lächerlicher Fotos und eine Anzahl noch viel lächerlicherer Schriften. Heidegger war ein philosophischer Marktschreier, der nur Gestohlenes auf den Markt getragen hat, alles von Heidegger ist aus zweiter Hand, er war und ist der Prototyp des Nachdenkers, dem zum Selbstdenken alles, aber auch wirklich alles gefehlt hat. Heideggers Methode bestand darin, fremde große Gedanken mit der größten Skrupellosigkeit zu eigenen kleinen Gedanken zu machen, so ist es doch. Heidegger hat alles Große so verkleinert, daß es deutscbmäglich geworden ist, verstehen Sie, deutschmöglich, sagte Reger. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter. Ich weiß nicht, sagte Reger gestern, immer wenn ich an Stifter denke, denke ich auch an Heidegger und umgekehrt. Es ist doch kein Zufall, sagte Reger, daß Heidegger ebenso wie Stifter vor allem immer bei den verkrampften Weibern beliebt gewesen ist und noch heute beliebt ist, wie die betulichen Nonnen und die betulichen Krankenschwestern den Stifter sozusagen als Lieblingsspeise essen, essen sie auch den Heidegger. Heidegger ist noch heute der Lieblingsphilosoph der deutschen Frauenwelt. Der Frauenpbilosoph ist Heidegger, der für den deutschen Philosophieappetit besonders gut geeignete Mittagstischphilosoph direkt aus der Gelehrtenpfanne.

Wenn Sie in eine kleinbürgerliche oder aber auch in eine aristokratisch-kleinbürgerliche Gesellschaft kommen, wird Ihnen sehr oft schon vor der Vorspeise Heidegger serviert, Sie haben Ihren Mantel noch nicht ausgezogen, wird Ihnen schon ein Stück Heidegger angeboten, Sie haben sich noch nicht hingesetzt, hat die Hausfrau Ihnen schon sozusagen mit dem Sherry Heidegger auf dem Silbertablett hereingebracht. Heidegger ist eine immer gut zubereitete deutsche Philosophie, die überall und jederzeit serviert werden kann, sagte Reger, in jedem Haushalt. Ich kenne keinen degradierteren Philosophen heute, sagte Reger. Für die Philosophie ist Heidegger ja auch erledigt, wo er noch vor zehn Jahren der große Denker gewesen ist, spukt er jetzt nurmehr noch sozusagen in den pseudointellektuellen Haushalten und auf den pseudointellektuellen Gesellschaften herum und gibt ihnen zu ihrer ganzen natürlichen Verlogenheit, noch eine künstliche. Wie Stifter, ist auch Heidegger ein geschmackloser, aber ohne Schwierigkeiten verdaulicher Lesepudding für die deutsche Durchschnittsseele. Mit Geist hat Heidegger ebenso wenig zu tun, wie Stifter mit Dichtung, glauben Sie mir, diese beiden sind, was Philosophie und was Dichtung betrifft, soviel wie nichts wert, wobei ich aber doch Stifter höher ein,schätze als Heidegger, der mich ja immer abgestoßen hat, denn alles an Heidegger ist mir immer widerwärtig gewesen, nicht nur die Schlafhaube auf dem Kopf und die selbstgewebte Winterunterhose über seinem von ihm selbst eingeheizten Ofen in Todtnauberg, nicht nur sein selbstgeschnitzter Schwarzwaldstock, eben seine selbstgeschnitzte Schwarzwaldphilosophie, alles an diesem tragikomischen Mann war mir immer widerwärtig gewesen, stieß mich immer zutiefst ab, wenn ich nur daran dachte; ich brauchte nur eine Zeile von Heidegger zu kennen, um abgestoßen zu sein und erst beim Heideggerlesen, sagte Reger; Heidegger habe ich immer als Scharlatan empfunden, der alles um sich herum nur ausgenützt und sich in diesem seinem Ausnützen auf seiner Todtnaubergbank gesonnt hat. Wenn ich denke, daß selbst übergescheite Leute auf Heidegger hereingefallen sind und daß selbst eine meiner besten Freundinnen eine Dissertation über Heidegger gemacht hat, und diese Dissertation auch noch im Ernst gemacht hat, wird mir heute noch übel, sagte Reger. Dieses nichts ist ohne Grund, ist das Lächerlichste, so Reger. Aber den Deutschen imponiert das Gehabe, sagte Reger, ein Gehabeinteresse haben die Deutschen, das ist eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften. Und was die Österreicher betrifft, so sind sie in allen diesen Punkten noch viel schlimmer. Ich habe eine Reihe von Fotografien gesehen, die eine zuhöchst talentierte Fotografin von Heidegger, der immer ausgesehen hat wie ein pensionierter feister Stabsoffizier, gemacht hat, sagte Reger, und die ich Ihnen einmal zeigen werde; auf diesen Fotografien steigt Heidegger aus seinem Bett, steigt Heidegger in sein Bett wieder hinein, schläft Heidegger, wacht er auf, zieht er seine Unterhose an, schlüpft er in seine Strümpfe, macht er einen Schluck Most, tritt er aus seinem Blockhaus hinaus und schaut auf den Horizont, schnitzt er seinen Stock, setzt er seine Haube auf, nimmt er seine Haube vom Kopf, hält er seine Haube in den Händen, spreizt er die Beine, hebt er den Kopf, senkt er den Kopf, legt er seine rechte Hand in die linke seiner Frau, legt seine Frau ihre linke Hand in seine rechte, geht er vor dem Haus, geht er hinter dem Haus, geht er auf sein Haus zu, geht er von seinem Haus weg, liest er, ißt er, löffelt er Suppe, schneidet er sich ein Stück (selbstgebackenes) Brot ab, schlägt er ein (selbstgeschriebenes) Buch auf, macht er ein (selbstgeschriebenes) Buch zu, bückt er sich, streckt er sich und so weiter, sagte Reger. Es ist zum Kotzen. Sind die Wagnerianer schon nicht zum Aushalten, erst die Heideggerianer, sagte Reger. Aber natürlich ist Heidegger nicht mit Wagner zu vergleichen, der ja tatsächlich ein Genie gewesen ist, auf den der Begriff Genie tatsächlich zutrifft wie auf keinen andern, während Heidegger doch nur ein kleiner philosophischer Hintermann gewesen ist. Heidegger war, das ist klar, der verhätscheltste deutsche Philosoph in diesem Jahrhundert, gleichzeitig ihr unbedeutendster. Zu Heidegger pilgerten vor allem jene, die die Philosophie mit der Kochkunst verwechseln, die die Philosophie für ein Gebratenes und Gebackenes und Gekochtes halten, was ganz und gar dem deutschen Geschmack entspricht. Heidegger hielt in Todtnauberg Hof und ließ sich auf seinem philosophischen Schwarzwaldpodest jederzeit wie eine heilige Kuh bestaunen. Selbst ein berühmter und gefürchteter norddeutscher Zeitschriftenherausgeber kniete andachtsvoll vor ihm mit offenem Mund, als erwartete er in der untergehenden Sonne von dem auf seiner Hausbank sitzenden Heidegger sozusagen die Geisteshostie. Alle diese Leute pilgerten nach Todtnauberg zu Heidegger und machten sich lächerlich, sagte Reger. Sie pilgerten sozusagen in den philosophischen Schwarzwald und auf den heiligen Heideggerberg und knieten sich vor ihr Idol. Daß ihr Idol eine totale Geistesniete war, konnten sie in ihrem Stumpfsinn nicht wissen. Sie ahnten es nicht einmal, sagte Reger. Die Heideggerepisode ist aber doch als Beispiel für den Philosophenkult der Deutschen aufschlußreich. Sie klammern sich immer nur an die falschen, sagte Reger, an die ihnen entsprechenden, an die stupiden und dublosen.

[aus Alte Meister via kulturkritik.net]

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SM und Gesellschaft

Auf dem mädchenblog zeichnet sich derzeit eine ganz ähnliche Debatte ab, wie sie hier vor einigen Wochen zur Pädophilie geführt wurde. Auslöser ist diesmal ein Artikel, in dem sich eine bekennende „masochistische“ Frau kritisch zu der Problematisierung von SM im feministischen Kontext, insbesondere in der PorNo-Kampange der Zeitschrift Emma, äußert. Wie damals schlagen die Wellen hoch, die 100-Kommentarmarke wird wohl alsbald geknackt sein. Offenbar taugen Positionierungen zu Perversionen und Sexualität leicht dazu, die Gemüter zu erregen. Wohl zum einen, weil die „Perversen“ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten, zum anderen, weil „Sexualität“ wohl generell ein heißes, aufgeladenes Thema ist, mit dem sich wohl jede_r irgendwie beschäftigt und das von zahlreichen Normierungen durchzogen ist. Man kann über Sex nicht so sprechen wie übers Hütchenspiel. Ich will es dennoch wagen, noch einmal in einer solchen Diskussion eine -womöglich – kontroverse Position zu beziehen.

Pädophilie erregt Anstoß dadurch, dass sie die gesetzte Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen im besonders sensiblen sexuellen Bereich überschreitet und unter Verdacht steht, Macht- und Gewaltverhältnisse in diesen Bereich einzuführen, aus dem sie eigentlich fernbleiben sollten. Bei SM ist dieser Verdacht offensichtlich berechtigt. Hier werden ganz offen Macht- und auch Gewaltverhältnisse erotisiert. Dies zieht natürlich – trotz oberflächlicher Toleranz – weitere Verdächtigungen nach sich, gerade von linker Seite. „Das private ist politisch.“ Kann es denn dann sein, dass Verhältnisse, die politisch höchst kritikabel sind, im privaten Bereich ganz unproblematisch hingenommen werden dürfen? Und wie verhält sich SM zur allgemeinen gesellschaftlichen Macht? Ist dieses Verhältnis rein äußerlich, oder ist es so, dass SMer_innen im Privaten das reproduzieren, dem sie gesellschaftlich ausgesetzt sind?

Die linken Kritiker_innen von SM gehen ganz klar davon aus, dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert. Die Liste derer, die derartige Positionen vertreten, ist lang. Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der/die BloggerIn von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem/ihrem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.1 Vielleicht werden in der nächsten Zeit noch weitere Ausführungen diesbezüglich folgen.

Worauf Mirabella im mädchenblog zu Recht hinwies, ist die Parallele von Ausgrenzung von Homosexuellen und SMer_innen. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass man beides unterschiedslos gleichsetzen kann, möchte jedoch eingangs auf die generelle Problematik von Argumentationen gegen spezifische sexuelle Randgruppen hinweisen. Adorno hat im Aphorismus Nr. 24 der Minima Moralia aufgezeigt, wie leicht sich Homosexualität und „Sadomasochismus“ gewissermaßen in einem Aufwasch „erledigen“ lassen. Er behandelt darin einen bestimmten Typ Männlichkeit, den er insbesondere in den Filmhelden seiner Zeit personifiziert sieht. Nicht nur, dass diese Männer latent „sadomasochistisch“ seien, nein, sie sind auch latent homosexuell. Sie verkörpern den Verfall wahren Männlichkeit, sind letztendlich ein Produkt des Totalitarismus: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen. Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ Homosexuelle seien irgendwie schon potientielle eliminatorische Antisemiten.

Derartiges würden sich die heutigen Verfechter_innen des Freudomarxismus nicht mehr trauen. Dennoch nähern sie sich der Adornoschen Position offensichtlich an: wie er zehren sie vom allgemeingesellschaftlichen Vorurteil, an das sie weitgehend bruchlos anschließen, wie er spüren sie latenten Charakterdispositionen nach, die sich in bestimmten sexuellen Verhaltensweisen offenbaren und zu problematisieren seien.Wie, dem berühmten Wort Foucaults zu Folge, „der“ Homosexuelle zu einer Spezies wurde, ist es auch „der“ Pädophile oder „der“ Sadomasochist. Letzterer gehört überdies einer besonders gefährlichen Spezies an: die Macht hat sich besonders tief in seine Psyche eingeschrieben und wenn er nicht daran gehindert wird, seine dunklen Begierden zu verwirklichen, wird er sich unweigerlich am nächsten Faschismus ergötzen.

Im Schwarzbuch Kapitalismus schließt Kurz offenkundiger noch als Adorno an das allgemeine Ressentiment an:

Dieser Drang zur Selbstunterwerfung unter die auf absurde Weise selbsterzeugte blinde „Gesetzmäßigkeit“, die den Einzelnen dann als eine ins Riesenhafte aufgeblasene fremde Macht gegenübertritt, hat unter dem gesteigerten Eindruck der industriellen Großschlacht einen sexuellen Beigeschmack. Auf eine in seinem eigenen Verständnis höchst „unmännliche“ Art bietet sich der kapitalistische Männlichkeitswahn dem „Titanen“ des historischen Prozesses als Objekt dar. Ein tief verborgenes und verdrängtes homosexuelles Element wird hier sichtbar, das gerade deswegen so fürchterlich wirkt, weil es nie gelebt werden durfte und, ins Bewußtsein gehoben, Übelkeit und hysterische Abwehr hervorrufen würde.
Noch deutlicher ist der sadomasochistische Beiklang, der sogar näher an der zugelassenen sexuellen Empfindung liegt, weil er eine gewisse Konformität mit dem Notwendigkeits-Ethos aufweist [sic!]; bekanntlich [!] gehört auch heute noch ein überproportional großer Anteil der kantigen kapitalistischen Macher zu jenen Männlichkeitsdarstellern, die zur Lust nur noch unter der Peitsche einer Domina gelangen können. Weniger ein Selbstbestrafungsritual wird hier sichtbar als vielmehr eine Unterwerfungslust, der gesellschaftlich die Selbstpreisgabe auf dem Altar der „höheren Mächte“ entspricht – um dann seinerseits umso lustvoller das Menschenmaterial malträtieren zu können. Der moderne Politiker- und Manager-Sadomasochismus [so so] könnte eine Art Tempelprostitution sein des kapitalistischen Molochs genannt werden; und es war der Erste Weltkrieg, in dem die Funktionsmänner aller Klassen von der Weltmaschine wie nie zuvor „hergenommen“ wurden, der die Sprache des gesellschaftlichen Sadomasochismus offenlegte: In den „Stahlgewittern“ des industrialisierten Krieges dankte auch endgültig das moderne Subjekt der Aufklärung ab, um bedingungslos vor dem Götzen seiner eigenen Hervorbringung zu kapitulieren. (S. 400)

In einem wunderlichen rhetorischen Parforce-Ritt schafft es Kurz – wohlgemerkt in einem Kapitel über den 1. Weltkrieg! – Perversion, autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus und allgemeinen Fetisch der Produktionsverhältnisse zusammenzubrauen. Billigste Stereotype aus der Bild gepaart mit sich als radikalst gerierenden Gesellschaftskritik. Nicht nur, dass die kapitalistische Gesellschaft irrational, wahnhaft, unfrei, totalitär ist – nein, sie auch noch pervers.

Es ist schon eine recht steile Behauptung, dass ein Großteil der Bevölkerung verkappte SMer_innen wären. Zugleich müsste sich die behauptete Verbindung von SM und allgemeiner Unterdrückung recht signifikant bei der Betrachtung der SM-Subkultur abzeichnen. Der durchschnittliche SMer etwa NPD wählen – Linke gibt es in diesen Reihen ohnehin nicht, zumindest keine aufrichtigen –, eine heterosexuelle Sadistin in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn sie einen Mann leiden sieht, ein Masochist sich daran ergötzen, wenn er auf der Straße von irgendwem brutal zusammengeschlagen wird. Die Wächter in den Konzentrationslagern haben bekanntlich alle eine Dauerlatte gehabt und die Nazifrauen wurden bei dem Gedanken an die ermordeten Juden dauerfeucht …

Es mag unfair wirken, die theoretische Gegenposition derart lächerlich zu machen – doch in meinen Augen stellt sie sich das Verhältnis von SM und Gesellschaft genau so vor. Auch die MG hat in der Broschüre Kritik der „Kritischen Theorie“ dazu recht treffend geäußert:

So, wie die ‚Triebstruktur‘ der Massen charakterisiert ist, ist allerdings nicht mehr einzusehen, weshalb deren widersprüchliche ‚Kräfte‘ sich ausgerechnet auf die von einer modernen kapitalistischen Staatsgewalt vorgeschriebenen Mittel ihrer ‚Befriedigung‘ richten sollen. Warum sollten es sich die Sado-Masos nicht einfacher machen und eine Gesellschaft einrichten, in der bl0ß noch ‚gebuckelt‘ und ‚getreten‘ wird. Die ganze Geldwirtschaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staatsapparat mit Polizei und Militär sind für das pure Gewaltausüben und -einstecken doch viel zu umständlich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und werden von ihrem nackten Sado-Masochismus bloß abgelenkt. (S. 36)

Problematischer und womöglich als Beweis dienlicher wird es, wenn z.B. faschistische Symbole im SM-Kontext verwendet werden. Das kritisierte das erwähnte BIFF in dem Artikel Orgasmen in der „Papageienschaukel“. Doch auch diese Argumentation überzeugt nicht. Im SM-Kontext ist es z.B. gebräuchlich, in einer heterosexuellen, weiblich dominierten Beziehung die dominate Partnerin mit „Herrin“ anzusprechen, den devoten Mann mit „Sklaven“ anzusprechen. Will man daraus ernsthaft folgern, diese Leute würden sich „in Wahrheit“ nach einer Wiedereinführung der Sklavenhaltergesellschaft sehnen?

BIFF schreibt im zitierten Artikel: „Was es über Sadomasochismus aus antifaschistischer Sicht zu sagen gibt, haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gesagt.“ Sie verweisen auf den zweiten Exkurs der Dialektik der Aufklärung, in dem sich die beiden mit dem Werk de Sades auseinandersetzen, dem (unfreiwilligen) Namensgeber des „Sadismus“. Doch offensichtlich geht es in diesem Kapitel eher um eine allgemeine Vernunftkritik als um eine fundierte Kritik dessen, was wir heute unter „SM“ verstehen. De Sades Phantasien haben schließlich recht wenig damit zu tun, was SM eigentlich heißt: einverständliche Lust, nicht irgendwelche einseitigen Vergewaltigungsorgien.

Man vergleiche nur mal die Gefühlskälte, mit denen Nazis in einem Technokratenjargon von ihren Schandtaten berichten mit den strahlenden Augen oder vielleicht auch dem nervös umherschweifenden Blick, mit dem ein SMer von seinen erotischen Erlebnissen berichten würde.

***

Kommen wir nun zu „Theorie als Praxis“ (kurz: TaP) (mein Vorgeplänkel fiel doch länger aus als erwartet). Diese/r BefürworterIn des „lesbischen Feminismus“ (gehört da die SM-Aktivistin Gayle Rubin nicht dazu?) weiß, wie auch die vorher genannten, einige interessante „Fakten“ über SM zu berichten:

„Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die „zeitweilig ungleich verteilte“ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“

Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird. Natürlich gibt es diese Gefahr – „No risk no fun“ kann man da eigentlich nur sagen.

Rhetorisch fragt er zur Trennung von SM und äußerer Macht:

„Und weshalb werden dann beim ‚Spielen‘ die ‚äußeren‘ Machtverhältnisse haargenau nachgespielt?“

Selbst in SM-Inszenierungen, die sich explizit auf äußere Machtverhältnisse beziehen, etwa Schüler-Lehrer oder „Folterungen“, unterscheidet sich die Inszenierung in Inhalt und Form von ihrem Vorbild erheblich. Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.

Empirisch untersucht er/sie den SM-Kontaktanzeigenteil einer Berliner Lokalzeitung, um zu widerlegen, dass sich SM so sehr von gewöhnlicher Sexualität unterscheiden würde. Er/sie bestreitet anhand dieses Materials, dass es zahlreiche dominante Frauen und devote Männer geben würde und dass es in Praktiken oft um etwas anderes geht als den genitalen Orgasmus (wie SM-positive Theorien tatsächlich behaupten). Doch aus dieser Analyse doch sehr begrenzten und nicht-repräsentativen Datenmenge folgt eigentlich nur, dass anscheinend eher Männer als Frauen Kontaktanzeigen in dieser Lokalzeitung aufgeben, und eben Männer mit bestimmten Vorlieben. Das lässt eben nicht den Rückschluss zu, es gäbe devote Männer nur vereinzelt und in SM würde es im Allgemeinen letztendlich doch um den genitalen Orgasmus gehen. „Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ fordert TaP, Mao zitierend, ein. Das kann man eigentlich nur zurückgeben. Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.

Seine/ihre restliche Argumentation läuft darauf hinaus, dass es ideologisch wäre, von „Freiwilligkeit“ zu sprechen – auch wenn die Menschen Gewalt- und Machtverhältnissen zustimmen, liegt das eben an ihrer gesellschaftlichen Determination und kann nicht als Gradmesser ethischer Legitimität gelten. SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. Das erscheint mir ein höchst fragwürdiges Konstrukt zu sein. An was will man denn sonst bemessen, ob eine Praxis korrekt oder nicht ist, als an der Zustimmung der Individuen? SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.

Trotz mehrfachen Foucault-Bezugs kriegt es TaP nicht einmal hin, anzuerkennen, dass es, nicht nur im sexuellen Bereich, eben auch positive Machtbeziehungen geben kann, dass eine menschliche Gesellschaft jenseits der Macht garnicht vorstellbar ist. Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient. Und wenn der Zweck Lust heißt und die Gewalt ausschließlich dem Lustgewinn dient, ist daran nichts Verwerfliches zu entdecken.

Zudem beinhaltet seine/ihre Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt. Man hat den Anschein, als würde die Gesellschaft nur einen Teil der Bevölkerung in sexueller Hinsicht determinieren, einen anderen Teil jedoch nicht bzw. weniger – nämlich denjenigen, der ganz normalen genitalen Sex praktiziert. Ausgeklammert bleiben dabei die Freiheitsspielräume, die die Individuen zweifellos besitzen. Nicht alles Subjektive löst sich restlos im Objektiven auf.

Ich betrachte SM nicht als etwas, was unmittelbar auf die allgemeinen Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr als autopoietisches, schöpferisches Projekt der SM-Subkultur selbst, das zumindest partiell autonom von den äußeren Machtverhältnissen ist. Man kann dies an einer Analogie verdeutlichen: Das Brettspiel Monopoly ist sicherlich ein Spiel, das den Kapitalismus nachahmt. Ein solches Spiel kann auch nur in einer kapitalistischen Gesellschaft entstehen und würde in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft wohl auch nicht verstanden werden. Manchmal ärgert sich auch jemand, wenn er beim Monopoly-Spiel verliert. Ist das ein Grund, Monopoly schlecht zu finden? Manche mögen das Spiel, manche nicht. Genauso verhält es sich mit SM. Monopoly bildet den Kapitalismus bis zu einem gewissen Grad authentisch ab, doch unterscheidet sich in Inhalt und Form erheblich von diesem – schon allein dadurch, dass die Menschen im Kapitalismus dort hineingeboren werden und somit gezwungen sind, sich seinen Gesetzen zu unterwerfen, die Menschen, die gerne Monopoly spielen dies jedoch in der Regel freiwillig tun.

Sicherlich ist es einerseits verharmlosend, andererseits verniedlichend, SM als bloßes Spiel zu bezeichnen. Es ist halt, wie viele andere Spiele auch, Spiel und Ernst zugleich. Problematisch ist daran per se nichts.

***

Der Foucault-Bezug von TaP wird noch seltsamer, wenn man betrachtet, wie sich Foucault zu SM geäußert hat:

Ich denke nicht, dass diese Bewegung sexueller Praktiken [gemeint ist die SM-Subkultur; TS] irgendetwas mit der Auf- und Entdeckung von tief in unserem unbewussten Unbewussten vergrabenen sadomasochistischen Strebungen zu tun hat. Ich denke, dass SM viel mehr ist als das; es ist die wirkliche Erschaffung neuer Möglichkeiten von Lust, die man sich zuvor nie hatte vorstellen können. Die Vorstellung, dass SM mit einer tiefsitzenden Gewalt verbunden sei, dass ihre Praxis ein Mittel sei, um diese Gewalt freizusetzen, um der Aggression freien Lauf zu lassen, ist eine dümmliche Vorstellung. Wir wissen sehr gut, dass das, was diese Leute machen, nicht aggressiv ist; dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren. Ich denke, dass wir da eine Art Schöpfung, schöpferisches Unternehmen haben, bei denen ein Hauptmerkmal das ist, was ich Desexualisierung der Lust nenne. Die Vorstellung, dass die physische Lust stets aus der sexuellen Lust herrührt, und die Vorstellung, dass die sexuelle Lust Grundlage aller möglichen Lüste ist, dies, denke ich, ist etwas, das falsch ist. Die SM-Praktiken zeigen uns, dass wir Lust ausgehend von äußerst seltsamen Objekten hervorbringen können, indem wir bestimmte eigentümliche Partien unseres Körpers in sehr ungewöhnlichen Situationen usw. gebrauchen.

Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt 2005, S. 304. (Aus einem Interview)

SM ist für Foucault nicht affirmativ, sondern das Gegenteil. Es ist ein kreatives Unternehmen, dass auf subversive Weise die Körper gegen die Herrschaft des „König Sex“ mobilisiert. Diese Sichtweise erscheint mir der Realität wesentlich angemessener, als die gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds. Selbst der hegemoniale Diskurs über SM ist im Vergleich zu diesem noch als fortschrittlich zu bezeichnen.

„Das private ist politisch“ – das sicherlich. Die Alternative kann nicht sein, in Bezug auf SM entweder links oder liberal zu denken. Aber es kommt sehr darauf an, wie es politisiert wird.
Im Gegenteil scheint mir in freudomarxistischen Kontexten der Sex allzu oft entpolitisiert zu werden und in SM-Kontexten die politische Kommunikation über „Sexuelles“ viel intensiver zu sein (aus offensichtlichen Gründen).

PS: Interessierten lasse ich gerne meine Hausarbeit Die Desexualisierung der Lüste – SM mit Foucault gedacht, per Mail zukommen, in der ich diesen Zusammenhang ausführlicher erläutere.

  1. TaP definiert sich selbst geschlechtlich uneindeutig. (Vgl. sein/ihr Kommentar)[zurück]

Zum Wahltag

Diesen Mann hätte ich eigentlich wählen müssen. Eigentlich ist er soetwas wie ein zweiter Marx: war er nicht auch ein Anwalt der Arbeitenden, der Tüchtigen eben, gegen die verruchte Ausbeuterklasse? Wollte er nicht auch „klare Verhältnisse“ schaffen?

Spaß bei Seite – der Mann weiß zumindest, wie man psychologisch geschickte Propaganda macht: man muss den Leuten vermitteln, dass sie einem guten Kollektiv angehören, sollten sie sich hinter ihn stellen. Wer ihn nicht wählt, ist eben nicht tüchtig oder hat zumindest kein „Klassenbewusstsein“. In diesem Sinne ist Hans-Joachim Otto auf jeden Fall selbst tüchtig: ein tüchtiger Propagandist.

***

Es ist schon wahr, was die kritische Theorie gegen den Existenzialismus einwandte, dass es die Verhältnisse sind, die die Menschen permanent zu einer Wahl zwingen, ihnen die Pistole auf die Brust setzen. Am Wahltag steht man vor der unangenehmen Entscheidung, eine Wahl zu verweigern, und damit den Lauf der Geschehnisse womöglich schlimmer zu machen, als er ohnehin schon ist, oder sich durch seine bloße Beteiligung ein lächerliches Spektakel zu legitimieren, von der Unzulänglichkeit der Alternativen einmal ganz abgesehen. Letztendlich bestätigt die Wahl den Kantschen Skeptizismus: es ist letztendlich irrational, auf einen bestimmten Nutzen seiner Entscheidung zu spekulieren, da das Ergebnis der Entscheidung von ihr selbst völlig losgelöst ist. Wähle ich eine Partei, weil sie etwa ein höheres Kindergeld fordert, steht es völlig in den Sternen, ob sich diese Forderung auch in Realpolitik umsetzt. Es hängt von viel zu vielen Faktoren ab, die ich selbst überhaupt nicht einschätzen kann. Die Geschichte zeigt, dass es noch dazu sinnlos ist, auf die Vernunft der Wählenden zu hoffen, die einen Lügner doch nicht erneut aufstellen: das wäre ja auch schon gar keine Vernunft mehr, da man ja nicht weiß, ob der Lügner in den nächsten vier Jahren nicht doch seine Versprechen endlich einlösen wird. Womöglich haben ihn, wie er selbst beteuert, nur externe Faktoren daran gehindert, das zu tun, was er eigentlich tun wollte. Andererseits tritt ja stets eine Alternative auf, die von sich behauptet, ehrlicher zu sein als ihre Konkurrenten – und wieso sollte man dieser Alternative, die vorher ja nicht zur Wahl stand, nicht glauben schenken? Nach dieser abgeschmackten Logik bewegt sich das System fort und fort … Es finden sich ja auch immer wieder Leute bereit, trotz obsoleter Wahrscheinlichkeit eines Gewinns Lotto zu spielen. Wenn man sonst keine Chancen hat, klammert man sich eben auch an die geringste.

Anscheinend braucht ein System wie das unserer einerseits ein Kontrollinstrument, um eine „Korruption“ der Macht (in seinem Sinne) zu verhindern, andererseits verträgt es aber keinen wirklichen Einfluss der Menschen auf die Entscheidungen der Macht. Die Frage wäre, ob eine kapitalistische Ordnung mit einer perfektionierten Demokratie aufrechtzuerhalten wäre. Dies wirkt reichlich unglaubwürdig, zumal der Kapitalismus eine demokratische Kontrolle der Produktion und Verteilung ja schon einmal ausschließt (ein Kapitalismus mit vollständigem Eigentum der Produzierenden an den Betrieben wäre vielleicht als theoretische Fiktion denkbar, würde aber wohl bald wegen „Ineffizienz“ zusammenbrechen – welcher Arbeiter würde schon freiwillig die Schließung seines Werkes oder Massenentlassungen fordern?).

Das Licht unter den Völkern

„Der Jordan hat zwei Ufer, und beide gehören uns.“
-israelisches Volkslied

Israel hat gewählt. Zwischen jenen Flügeln des Zionismus dessen einer den Palästinensern von Herzen gerne einen „Staat“ aus einem Flickenteppich von Elendsbantustans gewähren will, und jenem dem schon die physische Präsenz dieser Menschen schier unerträglich ist, hat sich Israel für letzteren entschieden.
Bedeuten wird dies dass nun nicht einmal mehr das Lippenbekenntniss zu einem palästinensichen Staat Eingang in die Koalitionsvereinbarungen findet (ungeachtet des Feigenblattes der Arbeiterpartei, die wie heute bekannt wurde, es sich ebenfalls nicht nehmen lässt an die Fleischtöpfe der Macht zu stürmen)und ein Mann Außenminister wird der offen ethnische Säuberungen vertritt (was einiges über den Zustand der israelischen Gesellschaft aussagt, der gute Ben Gurion und ihm treu ergebene Historiker mussten immerhin noch arabische Evakuierungsaufrufe zur Erklärung der Nakba herbeihalluzinieren).
Eines sollte klar sein, Frieden wird mit dieser Regierung nicht möglich sein, unabhängig von der palästinensischen Politik. Jene Männer die von heute an in Israel Politik machen wollen auch keinen Frieden, ihre Wurzeln liegen im revisionstischen Zionismus eines Ze‘ev Jabotinsky, untermauert von biblischen Besitzansprüchen träumte man schon damals von einem Groß-Israel am liebsten bis an die Grenzen des Irak. Mit der Vertreibung der Palästineser aus der Westbank und den Angriff Begins auf dem Libanon wurde diese Politik konsequent weiter geführt.
Auch von der Politik eines Obama muss keine „rechte“ (ein Begriff der sich im Kontext des Zionismus stark relativiert) Regierung Angst haben. Das normale pattern of behaviour jeder US Regierung bei (stets grenzenlos aufgebauschten) „Konflikten“ mit Israel ist die des verhalten-symbolischen Protestes gefolgt von einer Erhöhung der Waffenlieferungen. Als Begin es während der Amtszeit Reagans dan doch einmal zu doll trieb mit dem Siedlungsbau und Reagan daraufhin „protestierte“, folgte ein Brief an den „lieben Ron“ in dem dieser von Begin über „einfache historische Tatsachen“ belehrt wurde. Zweifelos ein aussenpolitischer Affront den sich kaum ein Staat auf der Welt leisten kann. Die Antwort: Erhöhung der Waffenlieferungen auf dass bis dahin höchste Niveau in den zwischenstaatlichen Beziehungen.
Auch das Bloch’sche Prinzip Hoffnung liegt mittlerweile schon schwer im Magen. Die üblichen Aufrufe zum Umdenken klingen abgeschmackt und sind es wohl auch schon.
Nichtsdestotrotz sind Lösungen möglich. Es liegt an den Menschen auf beiden Seiten der Mauer etwas zu ändern.




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